Falscher Alarm: Die Bedeutung von Basel III für den Mittelstand

Die Kolumne von Torsten Windels, dem Chefvolkswirt der NORD/LB.

Die neue Bankenregulierung macht insbesondere langfristige und nicht-deckungsfähige Kredite teurer.

Die Diskussion um die Auswirkungen von Basel III ziehen derzeit ihre Kreise: Immer mehr Unternehmensberater und auch Banken sehen Beratungsbedarf im Mittelstand, um sich gut auf Basel III vorzubereiten. Doch wem dient dieser „Tipp“? Dem Mittelstand oder den Beratern und Banken?

Mit „Basel I“ wurde Anfang der Neunziger Jahre der Grundstein für die aktuelle Bankenregulierung gelegt. Mitte der Neunziger Jahre wurden diese Regeln erweitert, um der wachsenden Bedeutung des Handels- und Derivategeschäftes sowie den damit verbundenen Marktrisiken Rechnung zu tragen. Anfang 2007 wiederum wurde Basel II nach langen Diskussionen und Übergangsfristen eingeführt. Ein wesentlicher Inhalt war eine Erweiterung relevanter Risikotatbestände und eine risikogerechte Eigenkapitalunterlegung der Bankaktiva. Dies hatte gravierende Auswirkungen für den Mittelstand. Ging es doch darum, ein möglichst gutes Rating durch eine Reihe von Bilanzkennzahlen und die Präsentation eines stabilen Geschäftsmodells zu erreichen. Auch die Kommunikation zwischen Unternehmen und Bank gewann an Bedeutung, um ein wechselseitig besseres Verständnis zu entwickeln.

Mit Basel III geht es nun 2013 eine Stufe weiter. Befeuert von der 2008 ausgebrochenen Finanzmarktkrise zielt Basel III in erster Linie auf die Stärkung der Bankbilanz durch strengere Anforderungen an das Eigenkapital, das Liquiditätsmanagement sowie die Begrenzung des Bilanzwachstums. Für Mittelständler hat dies in erster Linie Auswirkungen auf die folgenden Einzelposten der „Produktionskosten“ für Kredite.

Eigenkapitalanforderungen

Grundsätzlich verteuert die Härtung und Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen an die Banken Kredite. Dabei wurden die Banken in drei Klassen unterteilt, für die unterschiedliche Anforderungen gelten: global systemrelevante Finanzinstitute (G-SIFI), nur systemrelevante Finanzinstitute (SIFI) oder nicht-systemrelevante Banken. Dabei gilt: Je höher und härter die Eigenkapitalanforderungen, desto teurer der Kredit. Nun geht es darum, die Risikounterstellung für kleine und mittlere Firmenkunden auf realere Maße zurückzunehmen. Andernfalls wird der Mittelstandskredit bei Instituten teurer, die mit dem Standardansatz der Risikomessung arbeiten. Dies gibt einen Impuls für Banken mit einem internen Ratingansatz (IRBA), also eher größere Banken.

Liquiditätsmanagement

Ein weiterer Pfeiler der Reformen ist die sogenannte Liquidity Coverage Ratio (LCR), die das Vorhalten hochliquider Wertpapiere in Höhe der kurzfristigen (30 Tage) Nettoabflüsse erfordern. Damit dürften gute Staatsanleihen privilegiert werden, entgegen der Debatte um die Staatsentschuldung. Dies dürfte Kredite verteuern, aber keine spezifischen Auswirkungen auf Mittelstandskredite haben.

Die Net Stable Funding Ratio (NSFR) zielt auf die Verringerung des Fristentransformationsrisikos (Refinanzierung langer Aktiva mittels kurzer Passiva). Da lange Refinanzierungen in der Regel teurer sind als kurzfristige, dürfte dies lange Kredite teurer machen und tendenziell die Kreditverbriefung wieder anregen. Auch hier sehe ich keine spezifische Mittelstandsbetroffenheit.

Bilanzsummendeckel

Die Leverage Ratio (LR) soll das Wachstum der Bilanzsumme der Banken auf voraussichtlich das 33-fache begrenzen, unabhängig vom Risiko der Einzelgeschäfte. Hier wird ein Anreiz zur Kapitalallokation auf das margenstärkste Geschäft geschaffen. Auch dies könnte den Preis der Mittelstandskredite verteuern, aber nicht spezifisch für einzelne Unternehmen.

Bankenrestrukturierungsgesetz

Zu Basel III gesellt sich noch ein weiteres, denn das deutsche Bankenrestrukturierungsgesetz, das systemische Gefahren abwenden soll, wird die Bankaktiva ebenfalls belasten. Die Bankenabgabe wird dazu führen, dass mehr oder weniger alle Bankaktiva belastet werden. Zwar dürfte auch diese Maßnahme keine Auswirkungen auf den Mittelstand haben, doch durch die Umwandlungsandrohung von unbesicherten Bankrefinanzierungen in Eigenkapital haben sich ungedeckte Refinanzierungen bereits heute verteuert. Dies belastet nicht-verbriefbare Forderungen – je länger, desto stärker. Und genau hier liegt meines Erachtens der stärkste Gestaltungsansatz für Unternehmen.

Fazit

Es ist für mich nicht erkennbar, wie einzelne Unternehmen den negativen (?) Kosteneffekten von Basel III entgehen könnten. Insofern ist es zwar immer gut zu wissen, was kommt. Aber (fast) alles, was Mittelständler tun können, hat sich auch unter Basel II oder unabhängig davon schon gelohnt (Stärkung Eigenkapital, Optimierung Working Capital, Verbesserung Liquiditätsmanagement, Überprüfung der Fremdkapitalstruktur, ...). Die neue Bankenregulierung macht Kredite teurer, insbesondere langfristige und nicht-deckungsfähige. Wer bei Fristigkeit und Weiterverbriefung Handlungsmöglichkeiten sieht, kann etwas tun. Insgesamt sind aber die Kosten eines instabilen Finanzsystems in den letzten Jahren für den Mittelstand teurer gewesen, als der jetzige Versuch, mehr Stabilität zu erzeugen.

Zur Person

Der gebürtige Bremer studierte Wirtschafts­wissenschaften an der Universität Hannover. Windels begann seine Karriere bei der NORD/LB 1990 in der Abteilung Volkswirtschaft und wechselte anschließend zur niedersächsischen Staatskanzlei als Referent für Wirtschaft, Technologie und Verkehr. 1996 kehrte er zur NORD/LB zurück in die Abteilung Volkswirtschaft, die er seit Juli 2007 als Chefvolkswirt leitet.

Hintergrund zu Basel III: Neue Regeln für mehr Sicherheit

Weil das Vertrauen in die Kapitalmärkte durch die Banken- und Finanzkrise in den vergangenen Jahren stark erschüttert wurde, beschloss im Dezember 2010 der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ein ganzes Bündel regulierender Maßnahmen, besser bekannt als Basel III, um so die Wogen wieder zu glätten.

Basel III nimmt öffentliche Hand und Steuerzahler stärker aus der Haftung.

Zustimmung erhielt sie dabei von allen G20-Staats- und Regierungschefs anlässlich ihres Gipfeltreffens im südkoreanischen Seoul. Im Unterschied zum Vorläufer-Reformpaket Basel II beinhaltet das überarbeitete Regelwerk strengere Maßstäbe in Sachen Eigenkapital. Davon müssen die Finanzinstitute in Zukunft mehr vorweisen, um eventuelle Verluste einfach besser kompensieren zu können. Liquiditätsproblemen, wie sie in jüngster Vergangenheit immer wieder zu beobachten waren und für Turbulenzen sorgten, will man auf diese Weise einen Riegel vorschieben, ohne dass es dabei zu einer Kreditverknappung kommt. Des Weiteren werden durch diese Schritte auch die öffentliche Hand und damit der Steuerzahler verstärkt aus der Haftung genommen.

Liquidität im Fokus der Aufmerksamkeit

Selbstverständlich braucht die Umsetzung eines solchen Vorhabens viel Zeit, schließlich müssen sich die Banken auf das neue Regelwerk erst einmal einstellen und das benötigte Kapital besorgen. So wird ab Januar 2013 bis 2015 die Mindestkapitalquote beim harten Kernkapital, dem so genannten „Core Tier-1“, schrittweise von aktuell zwei auf 4,5 Prozent der risikogewichteten Anlagen einer Bank angehoben und die entsprechende Rate dafür von vier auf sechs Prozent angehoben. Zusätzlich erhöht sich die Mindest-Kernkapitalquote durch die Schaffung eines Kapitalerhaltungspuffers. Dadurch erhofft man sich, dass in Krisenzeiten das vorhandene Kapital nicht zu schnell verbraucht wird. Wer gegen diese Regeln verstößt, muss mit Einschränkungen bei den Dividenden rechnen.

Ebenfalls bei den Liquiditätspuffern werden fortan strengere Maßstäbe angelegt. Deshalb soll die Liquidity Coverage Ratio (LCR) ab 2015 dafür sorgen, dass global agierende Banken auch in schwierigen Zeiten genug kurzfristige Liquidität besitzen. Sinn und Zweck dieser Maßnahme ist es, die langfristige Refinanzierung durch kurzfristige Kredite zu verhindern. Ebenso soll die für 2018 geplante Einführung der Net Stable Funding Ratio (NSFR) dazu dienen, Spekulationen mit kurzfristigen Finanzierungsquellen zu verhindern. Last but not least ist mit der Leverage Ratio eine Verschuldungsobergrenze geplant.

Steigende Kosten für Kredite

Ziel ist es, durch die verpflichtende Offenlegung der Verschuldung einer Bank im Vergleich zu ihrem Eigenkapital die Vergabe zu vieler riskanter Kredite zu verhindern und dadurch den Finanzsektor vor einer übermäßigen Belastung zu bewahren. Die Leverage Ratio hat somit den Zweck, die Eigenkapitalquoten zu ergänzen. „Durch die Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen sollen die Hebel der Finanzinstitute verkleinert werden, um so die Risiken zu minimieren“, bringt es Christian Bebek auf den Punkt. „Angesichts der Fülle an bereits existierenden Maßnahmen wird es aber gewiss schwierig sein, die Wirkung des in „Basel III“ formulierten Reformansatzes überhaupt zu überblicken“, so der Leiter der Abteilung Industrie und Verkehr der IHK Hannover.

Darüber hinaus gibt es Bedenken, dass sich aufgrund der neuen Anforderungen an das Eigenkapital der Finanzinstitute insbesondere für den Mittelstand die Kosten der Kredite erhöhen könnten und es zu Problemen bei der Kreditverfügbarkeit kommt. „Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland spielt die Kreditvergabe eine zentrale Rolle“, so Bebek. Noch gibt es keine Engpässe bei der Versorgung mit Krediten. „Zudem ist die absolute Mehrheit der Unternehmen bereits durch Basel II wachgerüttelt worden und hat längst entsprechende Schritte eingeleitet.“ Insbesondere die Eigenkapitalsituation hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert. Einen höheren Stellenwert werden aber in Zukunft Transparenz und Kommunikation haben. „Wer in Sachen Reporting seine Hausaufgaben gemacht hat und somit seine Bonität belegen kann, wird die neue Situation auch nach der Umsetzung von Basel III ohne größere Probleme meistern können“, glaubt der Experte.

„Alles ist eine Frage der Transparenz der eigenen Zahlen“

Ein Gespräch mit Christian Bebek, Leiter der Abteilung Industrie und Verkehr sowie stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Hannover, über die Auswirkungen von Basel III auf den Mittelstand.

Das Ziel von „Basel III“ ist der Versuch, die Schwächen vieler Banken, die sich in der Krise gezeigt haben, zu beseitigen. Kann ein solches Reformpaket dies überhaupt leisten?

BebekBasel III alleine kann das gewiss nicht leisten. Seit der Finanzkrise hat es aber eine Vielzahl von Regulierungsvorhaben gegeben, die alle Bereiche des Finanzsystems erfassen. Dies beginnt bei den neuen europäischen Aufsichtsbehörden für Banken, Börsen und Rating-Unternehmen und reicht hinunter bis zu neuen gewerberechtlichen Regeln für den Vertrieb von Finanzprodukten. Hier kommen ab dem 1. Januar 2013 auch auf die Industrie- und Handelskammern neue Aufgaben zu. Angesichts dieser Fülle an Maßnahmen wird es schwierig sein, die Wirkung des in Basel III formulierten Reformansatzes zu analysieren. Die Zielrichtung ist jedoch nachvollziehbar: Durch die Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen sollen die Hebel der Kreditinstitute verkleinert werden, um so die Risiken zu reduzieren.

Der deutsche Mittelstand scheint mir bestens vorbereitet.
Christian Bebek, IHK Hannover

Die Kritik an Basel III richtet sich vor allem gegen die pauschale Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen. Es heißt dabei immer wieder, dass gerade für die Vergabe von Mittelstandskrediten die Kriterien zu hoch sind. Droht kleinen und mittelständischen Betrieben deshalb bald ein Engpass in Sachen Kreditversorgung?

BebekDie Investitionsfinanzierung über Kredite spielt für kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland nach wie vor eine große Rolle. Alternative Wege – wie zum Beispiel Unternehmensanleihen – werden hierzulande noch immer recht selten genutzt. Im Moment können wir nicht beobachten, dass es in der Kreditversorgung Engpässe gibt, im Gegenteil, wir beobachten sogar einen kräftigen Wettbewerb um den guten Mittelstandskunden. Wie das in der Zukunft aussehen wird, hängt von einer ganzen Palette von Faktoren ab, wie zum Beispiel der Konjunktur und der Entwicklung der Refinanzierungsmöglichkeiten der Kreditinstitute. Kritisch sehen wir insbesondere die pauschale Erhöhung der Eigenkapitalhinterlegung für KMU-Kredite. Kreditgeschäfte mit dem Mittelstand waren nicht Auslöser der Krise. Ganz im Gegenteil! Sie waren selbst in den turbulenten Zeiten die Stabilisatoren.

Was müssen Mittelständler unternehmen, um auch in Zukunft Probleme bei der Vergabe von Krediten bereits im Vorfeld zu vermeiden?

BebekIm Prinzip ist alles eine Frage eines funktionierenden Geschäftsmodells sowie der Transparenz und Kommunikation der eigenen Zahlen. Wer in Sachen Reporting seine Hausaufgaben gemacht hat und seine Bonität belegen kann, wird die neue Situation auch nach der Umsetzung von Basel III aller Voraussicht nach ohne größere Probleme meistern können. Die meisten kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland sind da besser aufgestellt als noch vor ein paar Jahren.

Sind kleine und mittelständische Unternehmen für Basel III ausreichend gerüstet?

BebekDie Mehrheit der Unternehmen ist bereits durch Basel II wachgerüttelt worden und hat entsprechende Schritte eingeleitet. Das lässt sich insbesondere an der Ausstattung mit Eigenkapital beobachten. Da sieht es im Durchschnitt viel besser aus als noch vor einigen Jahren. Doch neben einer ordentlichen Eigenkapitalsituation ist auch die Entwicklung einer guten Kommunikation mit der Hausbank und auch alternativen Anbietern wichtig, um auch in Zukunft keine Finanzierungsengpässe zu erleben.

Welchen Einfluss wird zukünftig die Bonität eines Unternehmens bei der Kreditvergabe spielen?

BebekDie Bonität eines Unternehmens ist bei der Kreditvergabe schon immer von zentraler Bedeutung gewesen. Nur wird heute bei der Analyse systematischer vorgegangen und es werden mehr Detailfragen gestellt. Die daraus sich ergebenden Rating-Noten entsprechen konkreten Ausfallwahrscheinlichkeiten. Sie sind nicht nur entscheidend für die Kreditvergabe, sondern darüber hinaus auch für die Kreditkonditionen. Eine gute Bonität schafft dabei eine bessere Verhandlungsbasis, insbesondere in Zeiten, in denen in der Kreditwirtschaft ein intensiver Wettbewerb um gute Mittelstandskunden herrscht.

Weitere Links und Studien zu Basel III