Logistikbranche – Lebensader der deutschen Wirtschaft

Ohne die Logistikbranche stünde es schlecht um das Exportwunder Deutschland – sie ist die zentrale Lebensader für den Erfolg des Standorts Deutschland. Doch die Branche befindet sich derzeit im Umbruch: Neue Technologien und innovative Konzepte sind gefragt, um gegen die Konkurrenz aus dem Ausland bestehen zu können.

„Transport, Umschlag, Lager“ - das tradierte Bild der Logistik als einfacher Lieferung von A nach B ist lange überholt. Effizienz, Intelligenz und Nachhaltigkeit sind die Trends der Stunde. Die Logistik von heute umfasst die intelligente Planung und Steuerung von Wertschöpfungsketten und beinhaltet dabei diverse Dienstleistungen entlang der gesamten Kette. „Nur knapp die Hälfte der logistischen Leistungen, die in Deutschland erbracht werden, besteht in der gemeinhin sichtbaren Bewegung von Gütern durch Dienstleister. Die andere Hälfte findet in der Planung, Steuerung und Umsetzung innerhalb von Industrie- und Handelsunternehmen statt“, betont Thomas Wimmer, Vorstand der Bundesvereinigung Logistik. Es besteht wenig Zweifel, dass der Logistiker der Zukunft ein IT-Unternehmen mit Lkw-Flotte sein wird. „Die Digitalisierung der Lieferkette bietet uns gewaltige ökonomische und ökologische Chancen. Die Zukunftsvisionen sind so ambitioniert und dynamisch, dass eine Prognose bezüglich der verwendeten Technologien für die nächsten zehn Jahre kaum möglich scheint“, stellt Dr. Christoph Sokolowski, Pressesprecher des deutschen Speditions- und Logistikverbands, heraus.

Informationslogistik immer wichtiger

Dabei ist es kaum 100 Jahre her, dass Henry Ford das Thema der Individualisierung von Produkten mit dem Satz „Jeder kann seinen Wagen beliebig lackieren lassen, solange es Schwarz ist" kommentierte. Heute designt der Kunde seine Produkte via Mausklick am heimischen PC und setzt damit einen komplexen Logistikprozess in Gang – Tendenz steigend. „Informationstechnik und Produktionsprozesse sind in vielen Industriezweigen bereits fest miteinander verschmolzen. An einer selbstgesteuerten Logistik wird ebenfalls gearbeitet“, stellt Dr. Stephan Peters, Vorstand der Rhenus Logistics, heraus. „Der Umgang mit kleinen Losgrößen ist dabei eine zentrale Herausforderung der Branche“, betont Dr. Sokolowski. „Digitalisierte Abläufe optimieren die Prozesse an den Schnittstellen. Auch Just-in-time-Lieferungen werden noch effizienter. Lagerhaltung wird somit minimiert.“ Durch das „Internet of Things“, also die Vernetzung von physischen Objekten entlang der Wertschöpfungskette, löst der Mausklick des Kunden binnen Sekunden eine Order des Herstellers an den Zulieferer aus. „Es ist Aufgabe des Logistikers, diesen Prozess zu initiieren, in Gang zu halten und zu optimieren – Logistik betrifft längst nicht nur den Fluss von Waren, sondern auch den von Informationen“, betont Professor Dr.-Ing. Marcus Seifert, Logistikexperte an der Hochschule Osnabrück.

Deutschland muss Spitzenposition verteidigen

Die Digitalisierung verändert aber nicht nur die Arbeit an den Schnittstellen der Lieferkette. „Auch unternehmensinterne Prozesse werden stetig vereinfacht und digitalisiert. Die virtuelle Unterschrift ist ein Beispiel. Die Logistik der Zukunft wird papierlos“, so Sokolowski. Schon heute entstehen die ersten Verkehrsflusssysteme. Mithilfe intelligenter Auswertung von Infrastruktur- und Fahrzeugdaten kann eine effiziente Routenplanung geschaffen werden. Staus könnten so schon bald der Vergangenheit angehören – geringere Kosten und weniger Emissionen wären die Folge. Langfristig kann diese Technologie sogar autonome Lastfahrten ermöglichen. „Bei all diesen Visionen ist es entscheidend, schon heute die Grundlagen zu legen. Datenschutzrichtlinien und nicht zuletzt eine internationale Standardisierung müssen von staatlicher Seite implementiert werden“, so Sokolowski. Der Logistikstandort Deutschland erhält im internationalen Vergleich derzeit ein gutes Zeugnis. Im globalen „Logistics Performance Index“ rangiert die Bundesrepublik auf einem der führenden Plätze.

Mehrwertdienste sind Geschäftsmodell der Zukunft

Während der Standort Deutschland weltweit konkurrenzfähig ist und die nationalen Marktführer eine Vorreiterrolle in Sachen Innovation einnehmen, sieht Professor Seifert Probleme für kleinere Standardfrachtunternehmen: „Der Kostendruck im reinen Transportgeschäft ist gewaltig. Gegen die Konkurrenz aus Osteuropa wird es zunehmend schwieriger, zu bestehen.“ Daher sei es unerlässlich, dass Logistiker neue eigene Geschäftsmodelle entwickeln, um echten Mehrwert für Kunden zu kreieren. „Potenziale sehe ich in der Informationslogistik – Spediteure sollten nicht bloß Waren von A nach B fahren, sondern auch als Informationsmanager den Nutzen für ihre Kunden erhöhen. Nur so wird man für seinen Kunden mittelfristig zum Problemlöser und gleichberechtigten Partner in zunehmend vernetzten Strukturen“, so Wissenschaftler Seifert. Rhenus-Vorstand Stephan Peters bestätigt diese Entwicklung: „Mit den sogenannten Mehrwertdiensten schaffen Logistiker zusätzlichen Nutzen für den Kunden. Zwar stellen wir selbst kein Endprodukt her, doch übernehmen wir zunehmend neue Aufgaben wie Montagetätigkeiten.“ Mit solch neuen Konzepten und durch die Implementierung der neuen Technologien sieht sich die deutsche Logistikbranche gut für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet.

„Logistiker müssen neue Mehrwerte schaffen“

Im Interview mit Prof. Dr.-Ing. Marcus Seifert, Professor für Logistik an der Hochschule Osnabrück, über die Herausforderungen der deutschen Logistikbranche.

Die Logistikbranche wächst derzeit sehr stark. Wo sehen Sie die Herausforderungen von Deutschlands drittgrößtem Industriezweig?

SeifertDie Logistik erlebt derzeit einen gewaltigen Umbruch. Digitalisierung, Industrie 4.0 und Big Data sind die Schlagwörter in vielen Industriezweigen – so auch in der Logistik. Neue Technologien revolutionieren Prozesse und Geschäftsmodelle: Die Option einer praktisch permanenten Verfügbarkeit nahezu jeder beliebigen Information über Prozesse und Produkte entlang einer Supply Chain eröffnet nicht nur neue Potenziale zu deren Optimierung, sondern auch zur Entwicklung völlig neuer Geschäftsmodelle. Mithilfe intelligenter Datenauswertung werden Prozesse für Kunden und Anbieter transparenter; Unternehmen könnten sich beispielsweise für das Einhalten von Versprechen wie Pünktlichkeit entlohnen lassen – und nicht nur für eine gefahrene Strecke.

All das klingt nach einer sehr innovationsfreudigen Branche.

SeifertDem kann ich nur unter Vorbehalt zustimmen. Die großen Marktteilnehmer sind in der Tat Vorreiter. Doch in Deutschland gibt es auch sehr viele kleine Speditionsbetriebe. Meiner persönlichen Erfahrung nach sind die meisten Standardfuhrunternehmen alles andere als Innovationspreisanwärter. Es fehlt an Ressourcen wie Kapital und Know-how – aber nicht selten auch an Überzeugung: Als in den 90er-Jahren Tracking- und Tracing-Lösungen für Lkw eingeführt wurden, fühlten sich viele der Fahrer überwacht. Die Folge: Eine große Zahl der Boxen war schon nach wenigen Wochen kaputt. Innovation ist in Zeiten der europäischen Freizügigkeit aber gerade in Deutschland der Schlüssel zum erfolgreichen Bestehen. Wir brauchen eine Entwicklung weg vom „Fuhrunternehmen mit Computern“ hin zum „IT-Unternehmen eventuell mit Fuhrpark“.

Worin besteht das größte Problem der deutschen Logistikunternehmen?

SeifertDer Kostendruck auf die Logistikbranche wird immer stärker. Kunden wollen für den bloßen Transport fast nichts mehr bezahlen. Eine Konsequenz daraus ist für jeden Autofahrer ersichtlich: Günstige osteuropäische Wettbewerber dominieren weite Teile des Geschäfts. Beim schlichten Transport sind die Markteintrittsbarrieren so niedrig, dass sich zwangsläufig ein extremer Preiskampf entwickelt. Die meisten Lkw auf deutschen Autobahnen werden bereits heute von ihren Eigentümern gefahren, die als Subunternehmer für Speditionen ohne eigene Flotte tätig sind. Logistiker müssen deshalb mehr bieten als nur Transportdienstleistungen. Ideen, wie man als Logistiker einen eigenen Beitrag zur Wertschöpfung am Kunden leisten kann, sind gefragt. Den entscheidenden Wettbewerbsvorteil besitzt derjenige, der es am besten schafft, den Nutzen für seinen Kunden zu verbessern. Gefragt ist heute nicht mehr der „Teile-Lieferer“ sondern der „Problemlöser“. Wir sprechen hier von „Value Added Services“.

Können Sie uns hierfür ein Beispiel nennen?

SeifertDas Textillogistikunternehmen Meyer & Meyer beispielsweise. Dieses fährt nicht nur Textilien durch die Republik, sondern übernimmt auch Anarbeitungstätigkeiten: Es bügelt Kleidungsstücke und führt einfache Näharbeiten aus. Diese zusätzlichen Dienstleistungen nutzen dem Kunden. Gleichzeitig kann dieser über die Nachverfolgung immer sehen, wo sich seine Ware aktuell befindet. Auch die Firma Kühne + Nagel kontrolliert und koordiniert für ihre großen Kunden die Beschaffungskette und optimiert die Prozesse, etwa indem sie Zulieferer bewertet und diese bei der Prozessoptimierung unterstützt. Logistiker brauchen plötzlich Produkt- und Produktionskompetenz. Für den Kunden ermitteln sie die ideale Supply Chain und stellen nicht nur die Versorgungssicherheit in „Just in time“-Prozessketten sicher. So tragen sie gleichzeitig zur kontinuierlichen Optimierung der Beschaffungsquelle bei. Auf diese Weise sind größere Margen erzielbar und es besteht die Chance, sich im Wettbewerb abzusetzen.

Die Logistik kämpft mit einem schlechten Image: Niedriglohn, schlechte Arbeitsverträge und scharfer Kostendruck sind nur einige der Herausforderungen. Wie sehen Sie die Entwicklung für die Zukunft?

SeifertKostendruck und Lohndumping sind für reine Transportunternehmen sicherlich feste Rahmenbedingungen. Am Ende wird ein Kunde immer nur für seinen Nutzen bezahlen wollen. Das heißt, wir brauchen in der Logistik kreative Ideen für innovative Dienstleistungen am Kunden in Kombination mit attraktiven Geschäftsmodellen. Ich bin davon überzeugt, dass sich hier neue Perspektiven ergeben werden. Nehmen wir das Geschäft mit den angesprochenen Zusatzdienstleistungen: Hier ist eine starke Expertise nötig, um die Strukturen zwischen Lieferanten, Herstellern und Kunden zu koordinieren. Logistiker müssen heute für den nächsten Kundenwunsch die richtigen Parteien temporär vernetzen. Das erfordert hohe Flexibilität und im Einzelfall sogar Produktkompetenz. Nicht die Realisierung langfristiger Beziehungen in Lieferketten steht mehr im Vordergrund, sondern die Ad-hoc-Implementierung einmaliger Vorhaben für den nächsten Kunden. Das Berufsbild des Logistikers wandelt sich also und wir müssen etwas dafür tun, Logistiker sowohl auf Facharbeiterniveau als auch auf akademischem Niveau zu qualifizieren und auf diese Zukunft vorzubereiten.

Innovative, disruptive Ideen kommen häufig vom Branchenrand und weniger aus dem Zentrum. Welche Rolle spielen Startups in der Logistikbranche?

SeifertSie sind sicherlich nicht so bedeutend wie etwa in der IT-Branche. Aber natürlich sind kreative Ideen heute gefragter denn je. Als Ideenschmiede können Startups einiges in Bewegung setzen. Nach meiner Auffassung eignen sich aber vor allem Kooperationen mit den Big Playern dazu, diese Ideen auch in die Tat umzusetzen – denn Logistik erfordert heute fast immer globale Präsenz, die kleine Einzelunternehmen kaum allein realisieren können. Der Onlinehandel ist derzeit ein gutes Beispiel für den Umgang mit großen Herausforderungen: Kleinste Mengen müssen binnen kürzester Zeit zum Verbraucher gelangen. Aufsehen erregten zuletzt die Lieferdrohnenpläne von Amazon. Interessant ist auch die Idee, den privaten Individualverkehr für gewerbliche Lieferzwecke zu nutzen. Da sind aber auch die Logistiker gefordert, eigene Vorschläge zu entwickeln. Warum kommen Ideen zur Kundenbelieferung von Händlern und nicht von Logistikern? Amazon hat verstanden, dass Logistik eine Kernkompetenz ist, die über den eigenen Erfolg entscheidet. Dabei umfasst die Logistik die Informationslogistik von der Bestellung über deren konsequente digitale Verarbeitung bis zum Versand.

Wie wird sich der Warenverkehr in den nächsten Jahren entwickeln?

SeifertDer innerstädtische Warenverkehr wird in den nächsten Jahren weiter stark wachsen. Gleichzeitig wird es aber auch Wirtschaftszweige geben, in denen der Warenverkehr eine geringere Bedeutung haben wird. Durch die Digitalisierung entfällt bereits heute in einigen Branchen die Notwendigkeit physischer Transporte: Musik und Bücher beispielsweise werden aus dem Internet heruntergeladen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Endverbraucher ihre Ersatzteile für alltägliche Produkte aus dem Netz herunterladen und über 3D-Drucker selbst vor Ort fertigen. Verbraucher werden so zu „Prosumern“, also Produzenten und Konsumenten in einer Person. Vor den eigentlichen Herausforderungen stehen wir allerdings nicht in Deutschland, sondern in Megastädten mit 20 Millionen Einwohnern. Nicht nur die Versorgung solcher Ballungsräume will organisiert sein, sondern auch die Entsorgung. In Frankreich gibt es Entwürfe, kostengünstig kleine Tunnelsysteme für unterirdische Paletten-Transportsysteme zur Ver- und Entsorgung in Megastädten zu realisieren. Solche Lösungen werden wir aber eher beispielsweise in Asien als in Europa sehen. Langfristig wird für Industrienationen wie Deutschland eher die Frage im Vordergrund stehen, wie unsere komplexen Produktionssysteme vor dem Hintergrund sich verknappender natürlicher Ressourcen verlässlich mit Rohstoffen versorgt werden können. Konsequente, auch branchenübergreifende Kreislaufwirtschaft und die Kenntnis alternativer Beschaffungsquellen werden Themen sein, mit denen auch Logistiker in Zukunft eigene Kompetenzen aufbauen und Mehrwertdienste generieren können.

...ist Professor für Logistik an der Hochschule Osnabrück. Der promovierte Ingenieur hat langjährige Erfahrung im Beratungs- und internationalen Projektgeschäft.

„Technik wird zum Impulsgeber für Integration, Transparenz und Flexibilität“

Im Interview berichtet Dr. Stephan Peters, Vorstand der Rhenus Logistics in Holzwickede, darüber, wie sich Rhenus auf den digitalen Wandel einstellt.

Die Logistik ist in Deutschland der drittgrößte Wirtschaftsfaktor. Wieso wird die Branche in der öffentlichen Diskussion so häufig mehr oder weniger übersehen?

PetersDie Logistikbranche steht in der öffentlichen Wahrnehmung häufig für Transport, Umschlag und Lagerung von Industrie- und Konsumgütern. Dabei umfasst sie als junge und dynamische Branche eine große Vielfalt unterschiedlicher Dienstleistungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Kunden. Viele Leistungen, zum Beispiel im Bereich der Health-Care-, Dokumenten- oder Hightech-Logistik, werden schlichtweg nicht als Logistik wahrgenommen. Mit den sogenannten „Value Added Services“ von Montagetätigkeiten, mit Geschäftsprozess-Outsourcing oder Inbetriebnahmen „Ready-to-use“ rückt die Logistik ganz nah an das jeweilige Produkt heran – aber das ohne Kenntnis des Verbrauchers. Wir stellen selbst kein Endprodukt her. Die Logistik tritt daher für die breite Öffentlichkeit immer erst dann verstärkt ins Rampenlicht, wenn sie zum Stillstand kommt. Zum Beispiel bei einem Streik in Verteilzentren oder dem Stopp des Schienenverkehrs. Umgekehrt gilt – und das ist die Norm: Wenn alles reibungslos funktioniert, bleibt Logistik im Hintergrund und damit weitestgehend außerhalb des Radars im Alltag von Otto Normalverbraucher.

Welche Entwicklungen und Trends prägen derzeit die Logistik insgesamt?

PetersWesentliche Trends sind die zunehmende Schnelllebigkeit und die Volatilität der Märkte. Daher ändern sich auch die Anforderungen an die Logistik: Flexibilität und Adaptionsfähigkeit sind besonders gefragt. Technischer Fortschritt und Neuentwicklungen sind dabei Chance und Risiko in einem. Die Digitalisierung von Informationen hat zu einer permanenten Verfügbarkeit von Daten geführt. Es gibt viele Chancen, aber die Kernfrage lautet immer: Wie gehen wir mit der Dynamik um und machen sie im Sinne unserer Kunden nutzbar?

Und wie gehen Sie als Rhenus damit um?

PetersEs reicht nicht, jedem Trend nachzulaufen. Wir müssen vorausschauen, mitdenken und gemeinsam gestalten – innerhalb der Rhenus international und geschäftseinheiten-übergreifend sowie nach außen vor allem mit unseren Kunden. Die Kernfrage ist, wie die Welt zukünftig aussehen wird und welche Rolle die Logistik dabei spielen kann: proaktiv und gewinnbringend für unsere Kunden und deren Kunden. Deshalb setzen wir auf langfristige Partnerschaften, um die Bedürfnisse unserer Kunden verstehen und einen Mehrwert schaffen zu können.

Welche Auswirkungen sehen Sie in einzelnen Branchen?

PetersIn der Logistik entwickeln wir immer mehr branchen- und produktspezifische Lösungen, also Mehrwertdienste, die über klassische Logistikdienstleistungen hinausgehen und dezidiert Kundennutzen generieren. Das Gesundheitswesen, der Handel mit den Endkunden oder die Automobilindustrie erfordern unterschiedliche Lösungen, da individuelle Anforderungen gestellt werden und spezifische Standards erfüllt werden sollen. Nur diese spezifischen Lösungen bringen Kostenvorteile und Kundennutzen. Natürlich lassen sich Systeme, Plattformen und Prozesse erfolgreich übertragen. Daher haben wir beispielsweise unseren IT-Campus etabliert, auf dem genau dieser Spagat zwischen den Menschen, Dienstleistungen und Branchen in eine gegenseitige Ergänzung überführt wird. Wir schaffen Begegnung, Austausch und Transparenz auf dem Campus.

Was nehmen Sie bei Ihren Kunden wahr?

PetersAuch hier geht es immer schneller. Viele Kunden sind international aufgestellt. Die Globalisierung und internationale Vernetzung haben dazu geführt, dass Länder und Unternehmenseinheiten nicht mehr autark agieren, sondern voneinander abhängen. Deshalb wirken sich politische Konflikte zwischen einzelnen Ländern oder Krisen auf den Finanzmärkten in Nationalstaaten auf das Klima der gesamten Weltwirtschaft aus. Wir leben in einer vernetzten Welt. In technischer Hinsicht hat die digitale Revolution zu großen Umbrüchen geführt, Stichwort „Big Data“: Es gibt immer mehr Datenmengen und Informationen, die nur unzureichend geschützt und nicht zielführend eingesetzt werden. Deshalb gehört die Informationslogistik zu unseren vordringlichen Aufgaben.

Wie verändert die digitale Revolution die Logistikkette und wie lassen sich künftig Just-in-time-Lieferungen, knappe Lagerbestände und ein hoher Individualisierungsgrad bei möglichst kurzen Produktionszyklen unter einen Hut bringen?

PetersDie digitale Revolution ist aus meiner Sicht bereits in vollem Gang – sie zeigt in einigen Teilen schon evolutionäre Fortentwicklung. Informationstechnik und Produktionsprozesse sind in vielen Industriezweigen bereits fest miteinander verschmolzen, an einer selbstgesteuerten Logistik wird ebenfalls gearbeitet. Die Herausforderung wird allerdings sein, die notwendigen Investitionen bei immer kürzeren Bindungszeiten entweder kundenübergreifend nutzbar zu machen oder echte Partnerschaften entlang der Kundenprozesse zu entwickeln. Dazu wird der übergreifende Trend kommen, dass Systeme und Applikationen viel besser verbunden werden, als wir dies aus der Vergangenheit kennen. Technik wird zum Impulsgeber für Integration, Transparenz und Flexibilität. Der 3D-Druck bietet große Chancen einer Individualisierung zum Beispiel in der Medizintechnik, im Maschinenbau oder auch im privaten Haushalt. Hier werden sich die Wertschöpfungsketten massiv verändern durch neue Anbieter und eine dezentralere Herstellung, d. h. nah am Ort der Verwendung.

Wie bereiten Sie sich als Rhenus auf die Veränderungen vor?

PetersWir sprachen zuvor zu Recht von der digitalen Revolution, wenn wir die Entwicklungen über einen längeren Zeitraum verfolgen. Nichtsdestotrotz verändert sich der Alltag eher evolutionär, sprich in kleinen, aber wichtigen Schritten. Unser Ansatz ist es, dem Kunden genau zuzuhören und konkrete Lösungen zu erarbeiten. Dazu betrachten wir die gesamte Wertschöpfungskette des Kunden und entwickeln individuelle Lösungen – von der Herstellung bis hin zur Entsorgung und Wiederverwertung. Nur wenn unsere Mitarbeiter den Bedürfnissen der Kunden und den Ideen ihrer Kollegen die nötige Aufmerksamkeit schenken, sind wir in der Lage, gute Lösungen zu realisieren. Darüber hinaus bieten wir eine Vielzahl von Mehrwertdiensten an: In der Verlagslogistik erzielen wir beispielsweise bereits mehr als die Hälfte unseres Umsatzes mit Mehrwertdienstleistungen inklusive IT-Applikations- und Integrationsdienstleistungen. In den Hightech- und Home-Delivery-Geschäften übergeben wir Kundenprodukte fertig installiert zur Nutzung. Hier sind wir tief mit der Informations- und Versorgungslogistikkette verzahnt und an vielen Stellen der Gestalter und Integrator für die Hersteller und Händler. Unser Ansatz umfasst neben einer Prozessoptimierung und Technologieverbesserung dabei auch die Mitarbeiterentwicklung. Denn auch in einer hochtechnisierten Logistikwelt gilt: Jedes Unternehmen ist nur so gut wie seine fähigen Mitarbeiter.

Sie müssen also revolutionär denken und evolutionär umsetzen?

PetersDie Logistik wird in fünf oder zehn Jahren ein anderes Gesicht haben – mit den technischen Möglichkeiten, die die sogenannte Industrie 4.0 charakterisieren. Dies gilt es bei der Weiterentwicklung des Geschäfts, bei Investitionsentscheidungen mit Blick auf die Abschreibungszeiträume und bei der Weiterentwicklung unserer Mitarbeiter zu beachten. Doch auch wenn wir gedanklich bereits weit vorne sind, dürfen wir die Realität nicht aus den Augen verlieren, was aktuelle Projekte und deren Umsetzung im Hier und Jetzt angeht. Das ist ein permanentes Lernen. Wir analysieren, was momentan möglich ist, und folgen nicht jedem Trend. So werden wir nach meiner Überzeugung den Spagat zwischen Erfolg in der Gegenwart und Zukunftsfähigkeit der Rhenus meistern.

...ist Mitglied des Vorstandes der Rhenus-Gruppe. Der promovierte Logistiker ist seit 2000 im Unternehmen und wurde vor fünf Jahren in den Vorstand berufen.

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