„Wir sehen uns mehr denn je als Lösungsanbieter“

Ein Gespräch mit Frank Bartschat, Head of Primary Syndication, NORD/LB, über die diesjährige Kapitalmarktkonferenz der NORD/LB und die neue Einstellung des Mittelstandes zu alternativen Finanzierungsformen.

Im Juli 2015 fand zum zweiten Mal die Kapitalmarktkonferenz der NORD/LB in Hannover statt, auf der Sie Unternehmen und Investoren zusammengebracht haben. Was sind die Hintergründe dieser neu eingerichteten Konferenz?

BartschatWir sahen im Wesentlichen zwei Notwendigkeiten für solch eine Konferenz. Die NORD/LB hat an der Schnittstelle „Unternehmen und Investoren“ viel Know-how, daher wollten wir zum einen gezielt unsere Sichtbarkeit im Markt erhöhen – auf der Unternehmens- wie auch auf der Investorenseite, um beide Seiten noch besser zusammenzubringen. Die Teilnehmer der Veranstaltung kamen aus allen Anlegerklassen und im Anschluss an die mit 40 bis 50 Personen jeweils sehr gut besetzten Panels konnten Investoren noch einmal ausführliche Einzelgespräche mit Unternehmen führen. Zum anderen wollten wir natürlich Investoren und geldsuchende Unternehmen zusammenbringen. Dies ist uns absolut gelungen, denn wir bekamen von allen Seiten positives Feedback. Dabei hatten wir übrigens nicht nur Vorträge von Unternehmen im Programm, sondern auch aktuelle Themen der Unternehmensfinanzierung und zum aktuellen Marktumfeld diskutiert.

Was ist Ihre zentrale Erkenntnis über die Situation am Markt?

BartschatWas ich vorher unterschätzt habe, war die Bereitschaft zum Dialog untereinander – auf Seiten der Unternehmen wie auch der Investoren. Ich muss zugeben, dass ich überrascht war, wie hoch der Bedarf de facto ist, besser einschätzen zu können, was die Wünsche von Investoren und Unternehmen jeweils sind. Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass Investoren „langes Geld“ zu einem Festgeldzinssatz bevorzugen. Aber Unternehmen suchen nicht nur „langes Geld“, sondern auch variable Kreditlinien im kurzfristigen Zeitraum von fünf Jahren. Der Abgleich von Wünschen und Zielen wie diesen wird heute immer wichtiger. Die Konferenz war ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Was ist für Sie die Quintessenz in Bezug auf den Mittelstand?

BartschatDie meisten Mittelständler erkennen das derzeitige Angebot am Markt, sind aber nicht immer bereit, es auch wahrzunehmen. Dies hat zwei Hintergründe: Zum einen gibt es im Mittelstand immer noch sehr häufig das Hausbankenprinzip, d. h., man möchte mit den Kernbanken eine enge Beziehung pflegen und erst bei Bedarf andere Investoren ins Boot holen (z. B. um die Investorenbasis zu erweitern). Dies ist als Bank für uns, die wir schon immer gute Beziehungen zu unseren Kunden haben, ein sehr gutes Zeichen. Wir streben immer an, zu den Kernbanken zu gehören.

Und dennoch beschäftigen Sie sich mit neuen Finanzierungsformen und damit, wie Sie Ihren Kunden diese anbieten können?

BartschatSelbstverständlich! Schließlich sehen wir den Bedarf am Markt an anderen Finanzierungsformen und wollen diese Erwartungen unserer Kunden erfüllen – schließlich will der Kunde ja auch diese Formen mit uns umsetzen.

Viele Mittelständler sitzen auf hohen Cash-Beständen. Welche Entwicklung erwarten Sie hier in den nächsten Jahren angesichts der Tatsache, dass die Aussichten sich ein wenig eintrüben?

BartschatDen meisten Mittelständlern geht es derzeit sehr gut. Ich bin davon überzeugt, dass diese Entwicklung anhalten wird. Ich bin nicht der Meinung, dass die Delle in China zu einem größeren Problem für unseren Mittelstand wird. Wir werden auch in den nächsten Jahren einen robusten deutschen Mittelstand sehen.

Was gilt in der derzeitigen Situation für Kapitalanlagen im Spannungsfeld von Politik, Regulatorik und Wettbewerb?

BartschatDie größte Herausforderung für Unternehmen ist derzeit die Suche nach attraktiven Anlagemöglichkeiten aufgrund der schlechten Verzinsung. Viele Unternehmen verteilen ihre Liquidität auf verschiedene Banken, verfolgen also eine risikogesteuerte Risikopolitik in ihrer Anlagestrategie, um in der Anlagepolitik eine gewisse Sicherheit zu haben. An der schlechten Verzinsung ändert dies allerdings nichts.

Viele Banken leiden unter einem Vertrauensverlust bei Mittelständlern. Was ist aus Ihrer Sicht heute besonders wichtig im Verhältnis der Banken zu ihren Kunden?

BartschatEs ist sicherlich richtig, dass es im Zuge der Finanzkrise – ausgelöst durch eine Bank – einen Vertrauensverlust gab, für den alle Banken in Sippenhaft genommen wurden. Daher ist die offene Kommunikation heute wichtiger denn je – damit man nicht falsche Erwartungen weckt. Banken müssen die Geschäftsstrategie wie auch die Stärken und Schwächen sowie vielleicht die Baustellen, unter denen jede Bank heute leidet, offen kommunizieren. Im heutigen Umfeld schaffen nur Offenheit und ehrliche Kommunikation wirkliches Vertrauen.

Wie begleiten Sie Ihre Kunden bei der „Reise“ durch den Finanzierungsdschungel?

BartschatWir versuchen immer, im Dialog mit unseren Kunden ihre Bedürfnisse aus der aktuellen Lage des Unternehmens heraus zu verstehen – und natürlich, wo das Unternehmen mittelfristig hin will. Anschließend entwickeln wir eine Lösung, die auf die Situation des Kunden passt. Der klassische „Produktkoffer“ mit standardisierten Produkten ist passé – wir sehen uns heute mehr denn je als Lösungsanbieter. Doch dies funktioniert nur, wenn man den Kunden und seine Situation versteht.

...verantwortet seit 2006 die Strukturierung von Konsortialkrediten und Schuldscheindarlehen für Unternehmenskunden der Norddeutschen Landesbank Girozentrale. Seine berufliche Laufbahn begann er bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam, bevor er über die Deutsche Kredit- und Handelsbank AG in Berlin 1998 zur NORD/LB wechselte. Der gebürtige Hamburger studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Passau.

„Außenfinanzierung mit Bankkrediten dominiert“

Ein Interview mit Priv.-Doz. Dr. Arndt Werner vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn, das sich auf wissenschaftlicher Basis mit Finanzierungsformen im Mittelstand beschäftigt.

Der Bankkredit war lange Zeit das klassische Instrument der Mittelstandsfinanzierung. Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

WernerErstaunlich wenig. Als Alternative zur Bankenfinanzierung gelten zwar auf den ersten Blick die verschiedenen Formen der Beteiligungsfinanzierung. Bislang war jedoch zu beobachten, dass diese – wahrscheinlich aufgrund des starken Personenbezugs im Mittelstand und einer generell feststellbaren Abneigung des Eigners/Geschäftsführers gegen die Abgabe von Anteilen – vergleichsweise selten genutzt werden.

Viele Mittelständler sitzen auf großen Cash-Reserven. Inwiefern verändert dies das Verhältnis zu den Hausbanken?

WernerDas ist schwierig zu beantworten. Wenn man in diesem Zusammenhang einmal die großen deutschen Familienunternehmen betrachtet, dann zeigen aktuelle Studien zwar auf, dass sich das anhaltend niedrige Zinsniveau überwiegend positiv auswirkt: Finanzierungsmöglichkeiten sind gestiegen und für ihre Kredite müssen die großen Familienunternehmen auch weniger zahlen. Angesichts der globalen unsicheren geopolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen scheinen viele Familienunternehmen dennoch von einem verstärkten investiven Engagement abzusehen.

Welche Rolle spielen neue Formen wie Schuldscheindarlehen und Anleihen in Deutschland?

WernerBeide Anlageformen eignen sich eher für einen Kapitalbedarf, der deutlich oberhalb der meisten von uns betrachteten kleinen und mittelständischen Unternehmen liegt. Sie spielen daher in der Breite eine eher untergeordnete Rolle. Dies gilt insbesondere für die Unternehmensanleihe. Im Rahmen der Fremdkapitalfinanzierung wählen die Mittelständler daher sicherlich weiterhin in erster Linie den traditionellen Kredit über die Hausbank. Dennoch bleibt zu beobachten, wie sich einige Finanzprodukte in Zukunft entwickeln und ob sie eine Alternative darstellen können.

Wieso waren die Unternehmen so lange zögerlich beim Einsatz neuer Finanzierungsformen?

WernerAnders als beispielsweise in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien dominiert in Deutschland immer noch die klassische Außenfinanzierung mit Bankkrediten. Das gilt sowohl für mittelständische Unternehmen als auch für kleine bzw. junge Unternehmen. So stellt die Bereitstellung von Eigenkapital durch sogenannte „Business Angels“ oder institutionelle Investoren (Venture Capital) für junge Unternehmen hierzulande bisher keine ernsthafte Finanzierungsalternative dar. Ein Grund hierfür liegt sicherlich in der dezentralen Struktur des deutschen Bankensystems und in der engen regionalen Vernetzung der Banken mit der lokalen Wirtschaft. Aus der Forschung wissen wir, dass dadurch die Qualität der Projekte besser eingeschätzt werden kann, sodass (potenziell) erfolgreiche Unternehmen auch zu marktgerechten Konditionen finanziert werden.

Deutschland ist stark von Familienunternehmen geprägt. Glauben Sie, dass langfristig noch mehr Unternehmen die Emission von Aktien anstreben werden?

WernerAllgemein kommt der Börsengang nur für einen sehr kleinen Teil der von uns betrachteten Unternehmen infrage und ist zudem von einer Reihe persönlicher und strategischer Zielsetzungen abhängig. Dabei sehen sich die Familienunternehmen, bei denen eine solche Finanzierungsform möglich wäre, mit einer Reihe von attraktiveren Alternativen konfrontiert. Im Rahmen von Investitionsfinanzierungen werden schon allein aufgrund der geringeren Kosten Fremdkapitalprodukte bevorzugt. Zudem scheuen die Inhaber die hohen Informationspflichten, die ein solcher Börsengang mit sich bringt. Ich sehe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich dies in den kommenden Jahren verändern wird.

Welchen Trend in der Finanzierung sehen Sie darüber hinaus?

WernerEin Trend ist sicherlich das sogenannte Crowdfunding. Diese Beteiligungsform durch die „Masse“ hat in jüngster Vergangenheit stark an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Ob kleine und mittlere Unternehmen und Startups bereit sind, über die „Schwarmfinanzierung“ vermehrt Finanzierungslücken zu schließen, ist eine spannende Frage, mit der sich die Forschung momentan intensiv beschäftigt. Inwieweit sich der Teilbereich Crowdinvesting, bei dem der Kapitalgeber eine eigenkapitalähnliche Beteiligung am Unternehmen erhält, zu einer ernsthaften Finanzierungsalternative entwickeln wird, kann derzeit noch nicht beantwortet werden.

...ist seit 2014 Projektkoordinator am Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Seit 2012 hat er an der Universität in Siegen zudem eine Professurvertretung für Betriebswirtschaft, insbesondere Entrepreneurship, inne. Arndt Werner studierte Volkswirtschaftslehre an der Albertus-Magnus-Universität in Köln, wo er auch promovierte. 2012 schloss er seine Habilitation an der Universität Siegen ab.   
 

„Wichtig ist eine diversifizierte Refinanzierungsstrategie“

Ein Interview mit Jörg Eicker von GrenkeLeasing über Schuldscheindarlehen und neue Finanzierungsformen im Mittelstand.

Wie sehen Sie die Finanzierungssituation von Mittelständlern in Deutschland?

EickerDie Finanzierungssituation in Deutschland stellt sich unterschiedlich dar. Zum einen steigen durch erhöhte regulatorische Anforderungen bei Banken die Margen für Kredite und zum anderen stehen durch das QE der EZB viele liquide Finanzierungsmittel, die investiert werden müssen, zur Verfügung.

Inwiefern hängt der Boom neuer Finanzierungsinstrumente aus Ihrer Sicht mit der Neusortierung des Verhältnisses vieler Mittelständler zu ihren Hausbanken zusammen?

EickerBei Grenke nutzen wir bereits seit über 15 Jahren verschiedene Finanzierungsprodukte und sind hier breit aufgestellt. Dies gibt uns die Möglichkeit, jederzeit auf Marktsituationen reagieren zu können, was natürlich auch unserer Beziehung zu unseren Bankpartnern zugutekommt.

Welche Rolle spielen vergleichsweise neue Formen wie Schuldscheindarlehen und Anleihen?

EickerSchuldscheindarlehen, Anleihen und ABS sind seit vielen Jahren fest verankerte Produkte unserer Refinanzierungsstrategie.

Welche Vor- und welche Nachteile bieten Schuldscheindarlehen bzw. Anleihen?

EickerAb einem bestimmten Refinanzierungsvolumen und einer gewissen Kapitalmarktexpertise sind diese Produkte eine wichtige Refinanzierungsalternative zum klassischen Kredit.

Wie kam es in Ihrem Unternehmen zur Planung der Emission eines Schuldscheindarlehens bzw. einer Anleihe?

EickerDies liegt bereits über 15 Jahre zurück. Wichtig für GRENKE ist, eine diversifizierte Refinanzierungsstrategie zu besitzen und so möglichst flexibel auf Marktsituationen reagieren zu können.

Diente dies der Finanzierung einer Investition oder war es Teil einer Umschuldung oder Gewinnung neuer Investoren?

EickerAls Leasinggesellschaft haben wir damit unser Neugeschäft refinanziert.

Was würden Sie Unternehmen empfehlen, die die Emission eines Schuldscheins bzw. einer Anleihe planen?

EickerSie sollten sich am Markt einen etablierten Bankpartner suchen. Wichtig ist hierbei, zu berücksichtigen, dass dieser das Unternehmen in markttechnischen und rechtlichen Aspekten unterstützen kann. Zusätzlich ist es wichtig, über entweder eigenes rechtliches Know-how zu verfügen oder auch hier von einer Kanzlei beraten zu werden.

...verantwortet seit dem 1. Oktober 2012 als Finanzvorstand (CFO) der GRENKELEASING AG die Bereiche Treasury, Refinanzierung, Risikomanagement, Meldewesen sowie Investor Relations. Zuvor war er bei der NRW.BANK in Düsseldorf in den Bereich Kapitalmärkte als Leiter Investments & Funding tätig und seit 2007 Mitglied des Kreditkommitee. Seit 2010 war er dort Leiter Credits. Eicker hat eine Ausbildung zum Bankkaufmann und studierte an der GSBA Zürich Betriebsökonomie.