Investitionen in die Zukunft

Wirtschaft und Politik sind sich ausnahmsweise einig. Mit dem aktuellen Flüchtlingsstrom hat Deutschland eine Chance, sein Problem mit dem Fachkräftemangel zu beheben. Doch der Weg dahin ist nicht einfach.

Manches ist leichter gesagt als getan. Deutsche Manager und vor allem das Handwerk fordern fast unisono den Abbau bürokratischer Hürden bei der Einstellung von Flüchtlingen und erklären ihre Bereitschaft, nach Deutschland geflohenen Menschen Praktikums- und Ausbildungsplätze anzubieten. Auch würden sie gern mehr Asylbewerber einstellen. Laut einer aktuellen Umfrage drängen deshalb 80 Prozent aller Führungskräfte auf einen Abbau der gesetzlichen Hürden, die einer schnelleren Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt – wie sie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder fordert – noch im Weg stehen.

Zuwanderung ist Schlüssel zum Fachkräftemangel

Mehr als die Hälfte der Führungskräfte ist sogar überzeugt, dass sie von dem Flüchtlingsstrom langfristig profitieren werden und bewerten daher auch die wirtschaftlichen Chancen höher als die gesellschaftlichen Risiken. Die Absicht dahinter scheint klar: Flüchtlinge sollen helfen, den oftmals beklagten Fachkräftemangel hierzulande zu beheben. Seit Jahren wissen alle Verantwortlichen, dass dies nur über Zuwanderung möglich ist. Wenn Europas größte Volkswirtschaft die Zahl ihrer Arbeitskräfte und ihr Sozialsystem bis zum Jahr 2050 halbwegs stabil halten will, dann müssen jedes Jahr netto rund eine halbe Million Menschen nach Deutschland einwandern, rechnete jüngst die Bertelsmann Stiftung vor.

Mangelnde Sprachkenntnisse und geringe Qualifikationen

Doch massive Investitionen in die Aus- und Weiterbildung wie auch in den Ausbau von Sprachkursen sind dafür notwendig. Und dennoch kann es nicht von heute auf morgen gelingen, eine derart große Anzahl von Menschen fit für den Arbeitsmarkt zu machen. „Das Potenzial der Flüchtlinge zu erschließen, wird eine enorme Herausforderung sein“, bringt es Prof. Dr. Axel Plünnecke auf den Punkt. „Anders als Zuwanderer, die mit der Perspektive nach Deutschland einreisen, als Fachkräfte eine Anstellung zu erhalten, weisen sie im Durchschnitt geringere Sprachkenntnisse und kaum ausreichende Qualifikationen auf“, so der Leiter des Kompetenzfelds Bildung, Zuwanderung und Innovation am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Laut einer ersten Schätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben mehr als 71 Prozent von ihnen keine richtige Berufsausbildung.“

Hoher Nachbesserungsbedarf

Ein Kernproblem in der aktuellen Debatte ist der Mangel an aussagekräftigen Daten. Weder Behörden noch potenzielle Arbeitgeber oder Wissenschaftler können zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt verlässliche Angaben darüber machen, wie gut oder schlecht die ankommenden Flüchtlinge, deren genaue Anzahl ebenfalls keiner kennt, ausgebildet sind. Nach ersten Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit hat rund jeder fünfte Asylbewerber einen Hochschulabschluss, jeder Dritte eine Ausbildung, die mit dem deutschen Fachabitur vergleichbar ist. Aber nur nominell, denn die meisten Qualifikationen dürften den deutschen Standards nur zum Teil entsprechen, weshalb dringend nachgebessert werden muss. Zudem flohen viele der Schutzsuchenden Hals über Kopf aus Bürgerkriegsgebieten, weshalb sie keine überprüfbaren Dokumente vorweisen können.

Schnelle Nachbesserung notwendig

„Unter den Flüchtlingen gibt es auch viele Fachkräfte“, erklärt Prof. Plünnecke. „Deren Qualifikationen sollten schnellstmöglich evaluiert werden, damit man rasch bei eventuellen Defiziten nachbessern kann.“ Ein Masterplan, der für alle Zuwanderer anwendbar ist, wird kaum funktionieren. Wichtig ist vielmehr das Angebot von auf Berufszweige bezogenen Lösungen in Form von Teilmodulen, um eventuelle Lücken zu schließen oder weiterführende Kompetenzen zu erlernen. All das wird viel Geld und Zeit kosten – aber es sind wichtige Investitionen in die Zukunft. Dennoch glaubt der Experte: „Die nach Deutschland gelangenden Flüchtlinge werden zwar auf jeden Fall dazu beitragen, das Fachkräfteproblem zu lindern, sie lösen es aber definitiv nicht.“

„Die Flüchtlinge lindern die Fachkräfteproblematik, lösen sie aber nicht“

Ein Interview mit Prof. Dr. Axel Plünnecke, Leiter des Kompetenzfeldes Bildung, Zuwanderung und Innovation am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Politik und Wirtschaft beklagen seit Jahren den Mangel an Fachkräften. Nun sehen sie in den Flüchtlingen die Chance, dieses Problem zu beheben. Teilen Sie diese Einschätzung?

PlünneckeDas Potenzial der Flüchtlinge zu erschließen wird eine enorme Herausforderung sein. Anders als Zuwanderer, die mit der Perspektive nach Deutschland einreisen, als Fachkräfte eine Anstellung zu erhalten, weisen sie im Durchschnitt geringere Sprachkenntnisse und kaum ausreichende Qualifikationen auf. Laut einer ersten Schätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben mehr als 71 Prozent von ihnen keine richtige Berufsausbildung. Auch wissen wir aus der Vergangenheit, dass vorhandene Abschlüsse vor allem in den technischen Fächern nicht immer den Qualitätsstandards hierzulande entsprechen. Deshalb lautet meine Einschätzung, dass die nach Deutschland gelangenden Flüchtlinge zwar auf jeden Fall dazu beitragen, das Fachkräfteproblem zu lindern, sie lösen es aber definitiv nicht.

In der Berichterstattung wird häufig von den gut ausgebildeten Syrern gesprochen, die relativ schnell in den Arbeitsmarkt integrierbar seien. Wie realistisch ist dieses Bild?

PlünneckeIn der Tat weisen Syrer im Vergleich zu anderen Flüchtlingsgruppen aus Krisenländern wie Afghanistan oder Eritrea einen etwas höheren Bildungsstand auf. Es finden sich in dieser Gruppe auch häufiger Personen, die zuvor in einem Handwerksberuf gearbeitet haben. Darauf kann man aufbauen. Dennoch ist im Durchschnitt betrachtet ihr Qualifikationsniveau niedriger als das von vielen Zuwanderern aus anderen Staaten, die als Fachkräfte in Deutschland ein Beschäftigungsverhältnis eingehen.

Lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt bereits konkretere Aussagen über den Bildungsstand und den beruflichen Qualifikationsgrad der nach Deutschland geflohenen Menschen machen?

PlünneckeDie Datenlage ist derzeit noch viel zu lückenhaft, als dass sich dazu fundierte Aussagen machen lassen. Man hinkt bei der Erfassung einfach noch hinterher, sodass dies in Ansätzen nur für die Menschen möglich ist, die bis zum Einsetzen der großen Zuwanderung im Sommer kamen. Die Bundesagentur ist sehr darum bemüht, alle Angaben zu erfassen und auszuwerten. Das ist nicht ganz einfach, schließlich kennt man ja noch nicht einmal die genauen Flüchtlingszahlen. Das Unwissen über den Bildungsstand und Qualifikationsgrad bleibt daher erst einmal bestehen.

Das Erlernen der deutschen Sprache ist die Grundvoraussetzung für den Einstieg in das Berufsleben in der neuen Heimat. Wie sieht es darüber hinaus mit Maßnahmen aus, die dazu dienen, die vorhandenen Qualifikationen von Flüchtlingen den Standards hierzulande anzupassen?

PlünneckeDas Anerkennungsgesetz erleichtert Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt. Ausländische Berufsabschlüsse werden dahingehend überprüft, inwieweit sie mit deutschen Standards vergleichbar sind und wo genau Nachholbedarf besteht, sodass durch das Angebot von Teilmodulen bestehende Defizite gezielt ausgeglichen werden können. Das erleichtert potenziellen Arbeitgebern die Einschätzung der Fähigkeiten von Flüchtlingen und bessert deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Birgt die Tatsache, dass die Mehrheit der Flüchtlinge unter 25 Jahre alt ist, nicht ein besonderes Potenzial?

PlünneckeViele Flüchtlinge sind noch sehr jung, sodass sie sich durchaus für den Erwerb eines deutschen Schulabschlusses gewinnen lassen. Und wenn sie aus Kriegsregionen wie Syrien nach Deutschland geflohen sind, werden sie in absehbarer Zeit aufgrund der Situation vor Ort sowieso dorthin nicht zurückkehren können. Deshalb ist es langfristig betrachtet durchaus sinnvoll, ihnen beim Erlernen der deutschen Sprache, dem Erwerb eines Schulabschlusses sowie beim Einstieg in eine Berufsausbildung konkrete Hilfestellung anzubieten.

Die Arbeitgeberverbände plädieren für den uneingeschränkten Arbeitsmarktzugang für Geduldete und Asylsuchende und sind sich dabei mit Grünen und SPD einig. Wäre das Ihrer Einschätzung zufolge der richtige Ansatz?

PlünneckeUnter den Flüchtlingen gibt es auch Fachkräfte. Deren Qualifikationen sollten schnellstmöglich evaluiert werden, damit man rasch bei eventuellen Defiziten nachbessern kann. Ein weiterer wichtiger Schritt wäre die Abschaffung der Vorrangprüfung, bei der geklärt wird, ob sich für eine Stelle ein Bewerber mit deutschem oder EU-Pass finden lässt. Noch erschwert diese Regel selbst einem Flüchtling mit ausreichender Qualifikation den Zugang zum Arbeitsmarkt. Erwerbstätigkeit ist für die Integration aber wichtig und diese sollte daher eher gefördert als eingeschränkt werden.

...ist Leiter des Kompetenzfeldes Bildung, Zuwanderung und Innovation am Institut der deutschen Wirtschaft Köln und Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken. Plünnecke studierte Volkswirtschaftslehre in Göttingen und promovierte anschließend an der TU Braunschweig.

Die Russen kamen

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnten die russischen Juden erstmals das Land verlassen - und sie gingen in Scharen. Wie die Flüchtlinge und Zuwanderer aus Russland Israel zu einer boomenden Hightech-Nation machten.

Start-up-Nation Israel – kleiner als Dänemark, aber fast so innovativ wie die Vereinigten Staaten. Seit rund zwei Jahrzehnten spielt der jüdische Staat in der ersten Liga der internationalen Hightech-Standorte. Die Telefonie über das Internet ist ebenso in Israel erfunden worden wie der USB-Stick oder die Pille mit eingebauter Kamera für Magen- und Darmspiegelungen. Kaum ein internationaler IT-Konzern, der nicht irgendwo an der Küste zwischen Tel Aviv und Haifa ein Forschungslabor betreibt oder in eines der rund 4.000 Start-up-Unternehmen einsteigt, wie zum Beispiel 2013 Google mit 1,3 Milliarden Dollar in den Navigationssoftware-Entwickler Waze. Gründe für das Wirtschaftswunder gibt es einige: Reichlich vorhandenes Venture-Capital, eine hochtechnologisierte Armee, die oft den Nährboden für so manche Geschäftsidee bildete, sowie eine ganz spezifische Business-Mentalität, die sehr auf informelle Praktiken, Improvisationstalent und flache Hierarchien setzt. Ein Aspekt sollte sich jedoch als besonderer Glücksfall für die Entwicklung erweisen: Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die damit einsetzende Zuwanderung von russischen Juden. Innerhalb weniger Jahre flüchtete knapp 1 Million Russen vor den chaotischen Verhältnissen nach Israel, das damals gerade einmal 4,8 Millionen Einwohner zählte.

Sprachkurse und Steuererleichterungen setzen Anreize

Zwar hatte Israel nach seiner Gründung 1948 schon so manche Flüchtlingswelle erlebt und besaß deshalb reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet. Doch dieser Zustrom – in seinen Dimensionen vergleichbar mit der Auswanderung der gesamten Bevölkerung Frankreichs innerhalb weniger Jahre in die Vereinigten Staaten – stellte das Land vor ganz neue Herausforderungen. Rückblickend meisterte man diese aber mit Bravour. Denn anders als früher griff der Staat diesmal nicht dirigistisch ein und bestimmte, wer wo wohnen durfte, oder zwang beispielsweise Akademikern Umschulungen für Jobs in der Landwirtschaft auf. Stattdessen gab es für die Neubürger reichlich Intensivsprachkurse sowie steuerliche Erleichterungen, damit sie wirtschaftlich Fuß fassen und eine Existenz aufbauen konnten. Andere Maßnahmen wären aufgrund der schieren Masse auch nicht finanzierbar gewesen.

Zusätzlicher Wachstumsschub

Die Neubürger bescherten Israel erst einmal einen ordentlichen Wachstumsschub – und das nicht nur demografisch. Obwohl die Zahl der Erwerbspersonen schlagartig um 30 Prozent zunahm, hatte dies nur für gut eineinhalb Jahre negative Effekte auf den Arbeitsmarkt. Zudem sorgten „die Russen“ für einen Boom in der Inlandsnachfrage, das Bruttoinlandsprodukt stieg bis 1996 jährlich um fast 7 Prozent. Insbesondere die Bauwirtschaft sollte davon profitieren. Mit dem Absinken der Einwandererzahlen in den Folgejahren verlor auch die Konjunktur wieder an Dynamik, um nach der Jahrtausendwende erneut kräftig anzuziehen. Der Grund: Die überdurchschnittlich gute Ausbildung der russischen Zuwanderer hatte den Impuls für den enormen Aufschwung des Hightech-Sektors gegeben. Mit über 135 Ingenieuren auf 10.000 Arbeitnehmer belegt Israel weltweit den ersten Platz. Rund 6.000 Patentanmeldungen pro Jahr produziert das kleine Land. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten verzeichnen 8.000 Patente. Betrug der Wert des Bruttoinlandsproduktes 1990 laut Weltbank noch 52,5 Milliarden Dollar, so waren es 2014 bereits satte 304 Milliarden Dollar. „Migranten müssen immer ganz von vorn anfangen“, fasst Gidi Grinstein, Gründer und Leiter des Reut Institute, einem Thinktank, der die Regierung in Jerusalem zu sozioökonomischen Fragen berät, die Situation zusammen. „Per definitionem sind sie deshalb risikobereiter als andere. Und Israel, dessen Bevölkerung überwiegend aus Flüchtlingen und Zuwanderern besteht, ist zu einer Nation von Unternehmern geworden.“

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