„Designed in China“ – die neue chinesische Architekturszene

In China dokumentierten neue bauliche Akzente bisher jede neue Ära. Und auch Chinas Wandel hin zum Industrieland hinterlässt allmählich seine Spuren in der Architektur - in Form von nachhaltigeren und genuin chinesischen Ansätzen.

 

Ein Raster aus 25 Meter breiten Haupt- und 12,5 Meter breiten Nebenstraßen, sorgsam geplante Hofhäuser, gleichförmiger Baustil, eine exakte Nord-Süd-Achse – Peking galt lange Zeit als Inbegriff von Ordnungssinn und baulicher Präzision. Von der einstigen Symmetrie ist nicht mehr viel übrig. Die Stadt erinnert heute eher an einen riesigen Campingplatz, auf dem jeder Bauherr – ohne erkennbare Ortsvorgaben – sein individuelles buntes Zelt aufstellen kann. „In China bestehen eine hohe Bereitschaft zum Wandel und eine große Offenheit gegenüber Neuem. Altes und Historisches wird dagegen mehr als Erbe einer bereits überwundenen Zeit wahrgenommen“, sagt Dr. Annette Erpenstein, Korrespondentin des Netzwerks Architekturexport (NAX) in Peking. „Unter fast jedem neuen Kaiser, Herrscher oder politischen Führer wurde Altes abgerissen, um die neue Ära auch durch bauliche Akzente zu dokumentieren.“ Und so spiegelt sich Chinas heutiger Aufstieg zur Weltmacht in einer architektonischen Gigantomanie wider.

Wildwuchs städtischer Verdichtung

Aufgrund der enormen Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Transformation konnte sich in China lange keine eigenständige moderne Architektur entwickeln. Vor allem die hohe Urbanisierungsrate führt dazu, dass Bevölkerungs- und Investitionsdruck auf die Ressource Stadt kontinuierlich steigen und Großprojekte sowie städtebauliche Verdichtung nahezu unumgänglich machen. Vor diesem Hintergrund befindet sich die chinesische Architektur in einem Dilemma: Aus der Notwendigkeit heraus, möglichst schnell möglichst viel Wohnraum zur Verfügung stellen zu müssen, stellen chinesische Architekten mit ihren Bauten im Prinzip Konsumgüter her. Ihrer angestammten Rolle als Träger kultureller Ideale können sie dagegen nicht gerecht werden.

Potpourri architektonischer Stile

„Während in Deutschland Qualitätsstandards im Bau über Jahrhunderte aus dem Handwerk heraus gewachsen sind, läuft in China alles im Turbo ab“, bringt es Werner Sübai, Gesellschafter bei HPP Architekten in Düsseldorf, auf den Punkt. „Was es dort an eigener Baukultur gegeben hat, wird nicht weitergeführt, sondern es werden westliche Konstruktionsprinzipien adaptiert, für die an vielen Stellen das Verständnis fehlt.“ Das Ergebnis: eine wilde Mischung westlicher und historischer Stile, mangelnde materielle und konstruktive Wertigkeit, fehlende Stadtplanung. Prof. Kleine-Kraneburg vom Fachbereich Architektur an der TU Kaiserslautern sieht in diesem Vorgehen jedoch auch großes Lernpotenzial: „Solange viel gebaut werden muss – und diese Notwendigkeit wird aufgrund der immensen Landflucht auch in den nächsten Jahren bestehen –, muss der Markt reagieren. Architekturimport ist in China notwendig, um überhaupt eine eigene Vorstellung von Architektur entwickeln zu können.“

Einheitsbrei staatlicher Planungsbüros

Die Tendenz, einen Eyecatcher nach dem anderen hochzuziehen und reihenweise „globalisierte“ Architektur zu importieren, anstatt eigene Konzepte zu entwickeln, ist sicherlich auch in der Struktur der chinesischen Architekturlandschaft begründet. Denn nach wie vor dominieren große Architekturfabriken das Geschehen. Diese meist staatlich geförderten Planungsbüros mit bis zu 3.000 Mitarbeitern sind in der Regel an städtische oder universitäre Abteilungen angegliedert und übernehmen nach der Entwurfsphase die Ausführung der Projekte. Aufgrund ihrer Größe sind sie in der Lage, notwendige Bauprojekte schnell zu realisieren. „Dieser Generalplaner-Ansatz führt dazu, dass chinesische Architekten wenig Möglichkeiten haben, individuell zu entwerfen“, beschreibt Prof. Xiaohong Wang von der School of Architecture (CAFA) in Peking die Situation.

Rückkehr traditioneller Formen

Inzwischen mehren sich aber die Anzeichen für eine neue Qualität in der Architektur. 2012 war erstmals ein chinesischer Architekt Gewinner des renommierten Pritzker-Architekturpreises. In seinen Entwürfen greift Wang Shu auf die typisch geschwungenen Dachformen der traditionellen Holzarchitektur zurück und verwendet lokale Materialien wie Ziegel oder Holz. „Der Trend geht zu Nachhaltigkeit, Ökologie und ressourcensparendem Bauen“, bestätigt Annette Erpenstein. „Wang Shu steht mit seiner nachhaltigen und umweltfreundlichen Architektur ganz in diesem Bewusstsein.“ Die chinesische Architekturbranche erreicht allmählich eine gewisse Marktreife. Statt bloßer Label-Architektur entstehen immer mehr Gebäude von bemerkenswerter baulicher und konzeptioneller Qualität.

Emanzipation von ausländischen Einflüssen

Den Gesinnungswandel gegenüber der eigenen Formensprache reflektieren neuerdings auch die veränderten Lehrinhalte. An einigen Universitäten sind Städtebau und Stadtplanung mittlerweile Bestandteil der Lehre – Disziplinen, die bis vor Kurzem noch ein Fremdwort waren. Dabei geht es nicht nur um Energiesparen, sondern auch um Aspekte wie Sinnhaftigkeit sowie Flexibilität und Nachnutzung: „In letzter Zeit werden immer mehr städtebauliche Konversionsprojekte umgesetzt. Die Überlegung, wie Flächen nachgenutzt werden können, hat es in China bis vor Kurzem noch gar nicht gegeben“, so Sübai.

Vermehrte Aufträge an chinesische Architekten

Die Entwicklungen machen deutlich, dass sich Chinas Wandel von der verlängerten Werkbank der Welt zur Hightech-Schmiede abermals auch in der Architektur des Landes widerspiegelt. Je qualifizierter die Rahmenbedingungen, desto qualitativ hochwertiger werden auch die Produkte – das gilt gleichsam für Städtebau und Architektur. Führende Industrienationen wie Deutschland haben dabei eine große Vorbildfunktion. Nach Meinung des amerikanischen Architekten Ben Wood wird sich Chinas Architektur jedoch auf lange Sicht gänzlich von ausländischen Einflüssen emanzipieren und eine ähnliche Entwicklung durchlaufen, wie sie in Japan zu sehen war. Denn während sich dort in den 1980er- und 1990er-Jahren das „Who is Who“ der internationalen Architekturszene tummelte, wird der Markt heute ausschließlich von japanischen Architekten bedient. „Wenn die Phase des Imports vorbei ist, könnten vermehrt chinesische Architekten zum Zug kommen. Diese könnten dann auch mehr im Sinn des Standorts bauen und regionale Bezüge herstellen“, meint dazu Helmut Kleine-Kraneburg. Eine vollkommene Abschottung sei aber unwahrscheinlich – darin sind sich die Experten einig.

„Tendenz zur Rückbesinnung auf traditionelle Bauweisen“

Im Podcast erzählt Prof. Helmut Kleine-Kraneburg vom Fachbereich Architektur (Fachgebiet Baukonstruktion II und Entwerfen) an der TU Kaiserslautern vom Wandel in der chinesischen Architektur und der neuen Bedeutung der Stadtplanung.

... ist Professor an der TU Kaiserslautern im Fachbereich Architektur (Fachgebiet Baukonstruktion II und Entwerfen). Mit Martin Gruber betreibt er seit 1995 zudem das Architekturbüro Gruber-Kleine-Kraneburg in Frankfurt am Main. Helmut Kleine-Kraneburg studierte im Anschluss an seine Zimmermannslehre an der TU Hannover Architektur.

„Chinesische Architektur ist eine wilde Mischung“

Ein Interview mit Werner Sübai, Gesellschafter bei HPP Architekten in Düsseldorf, über Bauen in China und das Verhältnis zu chinesischer Tradition und internationaler Moderne.

Wie lange sind Sie mit Ihrem Büro in China tätig und worin bestehen die größten Herausforderungen bei der Arbeit vor Ort?

SübaiWir beteiligen uns seit 2001 an Projekten in China, seit 2006 haben wir zudem ein Büro in Shanghai. Die größten Herausforderungen sind sicherlich der Kulturraum, der Markt und Prozesse. Jeder Markt hat unterschiedliche Bedürfnisse, das gilt auch für die Architektur. So sind die Anforderungen an Gebäude in China ganz andere als in Deutschland, sowohl wirtschaftlich als auch funktional. Zudem wird Architektur auch formal anders wahrgenommen. Chinesen sind deutlich sinnlicher in ihrer visuellen Rezeption. Entsprechend entstehen für uns formale Auswüchse, die Chinesen gar nicht als solche wahrnehmen. Diese unterschiedlichen Betrachtungs- und Herangehensweisen zusammenzubringen, ist nicht immer einfach.

Wie funktioniert die deutsch-chinesische Zusammenarbeit in der Architektur?

SübaiDas ist ein integrativer Prozess. Bei aller Unterschiedlichkeit geht es darum, Aufgaben gemeinsam anzugehen. Dies geht nur dann, wenn alle am Projekt Beteiligten ein grundlegendes Verständnis mitbringen für das jeweils andere Prinzip, die jeweils andere Struktur. Das ist natürlich mit viel Reibung verbunden und führt auch immer wieder zu inhaltlichen Verlusten. Dennoch geht der Weg nur über die Kooperation – angefangen bei der Zusammenarbeit von chinesischen und deutschen Architekten in unserem Shanghaier Büro bis hin zu der konkreten Umsetzung eines Projekts mit dem lokalen Partner.

Was ist typisch für die heutige chinesische Baukultur?

SübaiSie ist stark geprägt von einer wilden Mischung westlicher Stil-Vorbilder, vom Abriss historischer Substanz sowie von Prestige- und Spekulationsbauten. Man muss jedoch zwischen Städtebau und Architektur klar trennen. Der Hochgeschwindigkeitsurbanismus der letzten Jahre hat dazu geführt, dass ein Großteil der Bautätigkeit in China darauf abzielt, möglichst schnell möglichst viel Wohnraum bereitzustellen. Die Möglichkeiten, zu bauen und ungewöhnliche Projekte zu realisieren, sind ein wesentlicher Treiber für Entwickler. In Deutschland sind diese Möglichkeiten stark qualitativ hinterlegt – ein Gebäude, das nicht einen gewissen Qualitätsstandard vorweist, überlebt am deutschen Markt schlichtweg nicht. In China hingegen liegt der Fokus gerade bei privaten Entwicklern auf einem schnellen Verkauf, um hohe Renditen erzielen zu können. Daneben sind in letzter Zeit immer mehr städtebauliche Konversionsprojekte umgesetzt worden. Die Überlegung, wie Flächen nachgenutzt werden können, hat es in China bis vor Kurzem noch gar nicht gegeben. Ausgangspunkt dieser Auseinandersetzung ist quasi unser Projekt „EXPO Village“ in Shanghai. Anlässlich der Weltausstellung 2010 wurde dort eine ehemalige Industriebrache in ein neues Stadtviertel umgewandelt.

Wie bewerten Sie die Rahmenbedingungen für chinesische Architekturbüros?

SübaiDie Architekturszene in China wird von den großen Designinstituten dominiert. In dieser Hinsicht hat sich die Ausgangslage seit der Öffnung in den 70er-/80er-Jahren nicht groß verändert. In der Regel sind diese halbstaatlichen Unternehmen mit 500 bis 3.000 Mitarbeitern an städtische oder universitäre Planungsabteilungen angegliedert und bündeln alle Planungsfakultäten unter einem Dach. Es kommen aber zunehmend auch private chinesische Büros wie beispielsweise die United Design Group auf, die ebenfalls eine gewisse Größe und damit Schlagkraft aufweisen.

Wie wirkt sich die schwächere Konjunktur auf die Bautätigkeit aus?

SübaiAus meiner Sicht handelt es sich hier um eine relative Abschwächung, denn mit dem verlangsamten Wirtschaftswachstum geht eine Aufwertung des Renminbi um 30 Prozent seit 2005 einher – das muss man im Verhältnis sehen. Für die Möglichkeiten im Bereich Infrastruktur und Bauwesen ist die Urbanisierungsrate zudem der eigentliche Indikator. Seit 15 Jahren verzeichnet China jährlich 2 Prozent Zuzug in Ballungsgebiete. Vor diesem Hintergrund wird China auch in Zukunft verstärkt in Straßen, Brücken und Häuser investieren müssen.

Wie verändert sich die Architektur durch Chinas Wandel zum Industrieland? Etabliert sich dadurch auch ein breiteres Bewusstsein für die Vorteile einer höheren Bauqualität?

SübaiNatürlich. Führende Industrienationen wie Deutschland haben eine große Vorbildfunktion für China. Das gilt auch in den Bereichen Städtebau und Architektur. Letztlich gibt es jedoch weiterhin Unterschiede – das liegt an den Erfordernissen des Marktes. In China werden Häuser aufgrund der Bevölkerungsdichte einfach anders gebaut – Faktoren wie Vorfertigung, Elementierung oder Qualitätssicherung können nicht genauso umgesetzt werden wie in Deutschland. Man darf auch nicht vergessen, dass unsere Qualitätsstandards im Bau über Jahrhunderte aus dem Handwerk heraus gewachsen sind. In China funktioniert das alles im Turbo. Was es dort an Baukultur gegeben hat, wird nicht weitergeführt, sondern es werden westliche Konstruktionsprinzipien adaptiert, für die an vielen Stellen das Verständnis fehlt. Das birgt natürlich viel Potenzial für Missverständnisse.

... arbeitet seit 1998 bei HPP Architekten in Düsseldorf, war seit 1999 als Projektpartner und ist seit 2008 Gesellschafter des renommierten Büros. Zuvor war er im Büro Overdiek und Petzinka tätig. Seit Mitte der 90er-Jahre konzentriert er sich auf die Wachstumsmärkte China und Osteuropa. Sein Architekturstudium absolvierte Werner Sübai an der Bergischen Universität Wuppertal.

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