„US-Dollar ist weiterhin der globale Währungsanker“

NORD/LB-Mitarbeiter Sönke Seib von der Abteilung Corporate Sales und Frederik Kunze, Economics & Strategy, im Gespräch über die weitere Entwicklung der chinesischen Währung.

Die chinesische Währung arbeitet mit zwei Systemen. Wie funktionieren diese und wie sehen Sie die weitere Entwicklung bzw. wie geht es mit der Internationalisierung weiter?

SeibCNY und CNH – warum eigentlich zwei Währungskürzel für eine Währung, die Renminbi heißt? Das wirft schon das eine oder andere Fragezeichen auf. Renminbi bedeutet wörtlich „Volkswährung“ und der Yuan ist die Grundeinheit des Renminbis. Hierfür ist CNY der einzige offizielle ISO-Code. CNH ist die Quotierung für den Offshore-Markt, also außerhalb Chinas bezogene FX- und Zins-Transaktionen. CNH ist somit der Offshore-Renminbi. Dieser ist außerhalb Chinas frei handelbar und verfügbar. Überweisen Sie CNH nach China, wird dieser dort 1:1 in CNY vergütet. Dasselbe gilt für umgekehrte Transaktionen. Der Devisenkurs des Inland-Renminbis wird täglich von der People’s Bank of China gefixt, während der Offshore-Kurs sich frei am Markt bildet. Die Kurse können voneinander abweichen, sind in der Praxis aber nahezu identisch. Zum Thema Internationalisierung kann ich sagen, dass China sicherlich den eingeschlagenen Weg der Öffnung und des Reformkurses auch künftig nicht verlassen wird. Die chinesische Regierung setzt m. E. zunehmend auf eine marktorientierte Währungspolitik und weniger Regulierung. Zudem wurde Mitte letzten Jahres die Bank of China Ltd. (BOC) von der People’s Bank of China zur Renminbi Clearing Bank ernannt. Die BOC Frankfurt hat damit den Onshore-Liquiditätszugang und ist Teilnehmer am chinesischen Abwicklungssystem CNAPS. Mit der Einrichtung dieses Clearing-Hubs in Europa beweist China, dass es den Weg der schrittweisen Liberalisierung seiner Währung geht.

Insbesondere die Eingriffe Chinas in den Wechselkurs des Renminbis haben in den letzten Wochen zu Diskussionen und weitreichender Kritik geführt. Welche Gefahren sehen Sie hier?

KunzeEinschätzungen zur Wechselkurspolitik, die weitestgehend durch die chinesische Zentralbank – die People’s Bank of China (PBoC) – ausgestaltet wird, fallen nach unserer Auffassung häufig einer missverständlichen Interpretation zum Opfer. Zu oft wird der Wechselkurs zum US-Dollar noch im Kontext einer gewünschten Einflussnahme auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Exporteure bewertet. Am aktuellen Rand ist es aber vielmehr die Abwertung, die den Währungshütern in Peking Sorgen bereitet. Die jüngsten Anpassungen am Wechselkursmechanismus sollten insbesondere den Marktkräften stärkeren Einfluss auf die Preisbildung am Devisenmarkt geben. Diese waren es dann auch, die dem RMB so zugesetzt haben. Was möglicherweise dem einen oder anderen chinesischen Exporteur in die Hände gespielt hat, wurde in Peking wohl eher als Last gesehen. Im Prinzip wird hier die Leidensfähigkeit der Reformer innerhalb der Zentralregierung auf eine harte Probe gestellt, was letztlich die Gefahr mit sich bringt, dass der Öffnungsprozess in Bezug auf die Finanzmärkte ins Stocken gerät und ggf. sogar ein neuer Interventionismus um sich greift.

Wie konvertibel ist die Währung bzw. wie konvertibel wird sie in der Zukunft sein?

SeibMit den eben erklärten zwei „Systemen“ ist China schon auf dem richtigen Weg und sorgt bereits für eine weitestgehend reibungslose Abwicklung von Transaktionen in RMB, auch wenn diese teils noch etwas umständlich anmutet. Als meines Wissens nach aktuell weltweit größter Exporteur und zweitgrößter Importeur ist der Trend vorgezeichnet, nämlich hin zur freien Konvertierbarkeit des Renminbis. Wenn der RMB dann hoffentlich bald, basierend auf dem stetigen Reformwillen der chinesischen Regierung, gehandelt werden kann wie die Währungen der Industrienationen, sind die nächsten Themen Abwicklungseffizienz und Dokumentation. Die NORD/LB verfolgt diese Themen mit größtem Interesse und bleibt hier für ihre Kunden am Ball.

Ist mit der Abwertung das Ende des US-Dollar als Leitwährung eingeläutet und was bedeutet dies für den Euro?

KunzeAus heutiger Sicht würden wir eine globale Leitwährung „Made in China“ als Utopie bezeichnen und den US-Dollar weiterhin als den globalen Währungsanker betrachten. Gleichwohl wird die Bedeutung des Renminbis zunehmen und er wird – wie oben beschrieben – seinen Platz im Kreis der Reservewährungen einnehmen, was allein schon vor dem Hintergrund der Größe der chinesischen Volkswirtschaft nachvollziehbar ist. Auch mit Blick auf den Euro sollte man sich nicht auf die Frage des Entweder-oder beschränken. So wäre eine realistischere Einschätzung, dass der RMB als Leitwährung im asiatischen Raum an Bedeutung gewinnt – so wie der Euro in weiten Teilen Europas. Insofern könnte insbesondere im intraasiatischen Warenhandel der US-Dollar spürbar zurückgedrängt werden – wichtige Rohstoffpreise wie beispielsweise für Rohöl sollten aber weiter zuallererst in USD ausgewiesen werden.

Wie trägt die NORD/LB diesen Entwicklungen Rechnung – insbesondere im Hinblick auf ihre Kunden?

SeibDie Einrichtung des eben erwähnten Clearing-Zentrums in Frankfurt bei der BOC hat mehrere Vorteile für europäische und speziell unsere deutschen Kunden: Mit einer stetig wachsenden Zahl an Kontoinhabern bei der BOC wächst auch die verfügbare Liquidität vor Ort. Außerdem verspricht die Bank of China eine signifikant vereinfachte Abwicklung, wettbewerbsfähigere Preise und nicht zuletzt bessere Abgabefristen für taggleiche Transaktionen, kombiniert mit deutschsprachigem Support. Aus diesen Gründen hat sich die NORD/LB entschlossen, in diesem Jahr dort ebenfalls ein Konto zu eröffnen, um ihren Kunden einen noch besseren Service anbieten zu können. Es ist uns sehr wichtig, unsere Kunden qualitativ hochwertig bei ihren Aktivitäten zu unterstützen. Nicht nur vor Ort über unsere Filiale in Shanghai, sondern eben auch direkt von Deutschland aus – in diesem Fall in Zusammenarbeit mit der BOC.

Währungskurssysteme nach Bretton Woods

Zu Beginn der 70er Jahre brach das in Bretton-Woods gegründete Festkurssystem der Währungen zusammen. Flexible Wechselkurse bestimmen seither die Kurse in vielen Ländern. Ungebrochen ist noch immer die Vormachtstellung des Dollar, auch wenn die Ambitionen anderer Staaten – wie etwa China – steigen.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fand auch die Wirtschaftsordnung der Vorkriegszeit ihr Ende. Der Abstieg des britischen Empire, der Aufstieg der USA zum Industrieland Nummer eins und die noch unbekannte langfristige wirtschaftliche Ausrichtung der UdSSR waren die drei wichtigsten Eckpfeiler der kommenden Entwicklung. Bereits im Sommer 1944 trafen sich die Vertreter der späteren Siegermächte zur Konferenz von Bretton Woods, um die wirtschaftliche Weltordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder in geordnete Bahnen zu lenken.

Golddeckung gegen Inflation und Krisen

Im Rahmen der Konferenz einigten sich die führenden Mächte der westlichen Welt, den US-Dollar, der als globale Leitwährung fungierte, zum Kurs von 35 Dollar ans Gold zu koppeln. Damit sicherten sich die USA die wirtschaftliche Hegemonie, denn zugleich wurden alle anderen wichtigen Währungen zu einem festen Kurs an den US-Dollar gebunden. Diese Vormachtstellung des US-Dollar unter den Währungen ist bis heute ungebrochen. Noch immer werden fast alle Rohstoffe in Dollar gehandelt und auch bei den Devisenreserven ist er die bei weitem gefragteste Währung. Als Mittel gegen Inflation und Wirtschaftskrisen begrenzte der sogenannte Goldstandard die in Umlauf befindliche Geldmenge, denn prinzipiell konnte nur so viel Geld ausgegeben werden, wie durch den Sachwert in den Tresoren abgedeckt war.

Finanzierung durch die Notenpresse

Die neue Ordnung von Bretton Woods währte knapp drei Jahrzehnte, bis US-Präsident Richard Nixon im Jahr 1971 gezwungen war, die Verankerung an das gelbe Metall zu lösen. Die Vereinigten Staaten waren in den langwierigen und kostspieligen Krieg in Vietnam verstrickt, in der Folge explodierten die Staatsausgaben der Supermacht. Schließlich entschloss man sich in Washington, den Krieg mit der Notenpresse zu finanzieren: Die US-Notenbank druckte Geld ohne wirtschaftlichen Gegenwert. Auf diese Weise wollten sich die USA mit einer weicheren Währung der eigenen Finanznöte entledigen. Infolgedessen brach im März 1973 das in Bretton Woods begründete Festkurssystem zusammen. Zeitnah gingen die wichtigsten Welthandelsländer zu mehr oder weniger flexiblen Wechselkurssystemen über.

Bedeutung der Abwertung des Renminbis

Der chinesische Renminbi ist jedoch im Gegensatz zum Euro oder Dollar keine gänzlich frei schwankende Währung. Vielmehr ist er an den Kurs des Dollar gebunden: Die Zentralbank bestimmt arbeitstäglich einen Referenzkurs, um den der Yuan um maximal 2 Prozent schwanken darf. Diese Schwankungen nach oben oder unten werden vom Markt bestimmt. Peking kündigte jüngst an, Marktkräften in Zukunft eine größere Rolle einzuräumen. Tendenzen des Marktes sollen bei der neuerlichen Festsetzung des Referenzkurses stärkere Beachtung finden. Für Schlagzeilen sorgten zwei deutliche Abwertungen des Renminbis im August 2015, als Beijing binnen kurzer Zeit zweimal den Referenzkurs gegenüber dem US-Dollar nach unten korrigierte.

Schreckgespenst „Währungskrieg“

Insbesondere durch die lockere Geldpolitik von EZB und Fed hat sich in den letzten Monaten das Szenario eines „Währungskrieges“ als Schreckgespenst der Weltwirtschaft verbreitet. Durch die Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar konnten europäische Unternehmen ihre Waren auf dem amerikanischen Markt billiger anbieten. Die freigiebige Geldpolitik dient offiziell dazu, die Kreditvergabe der Banken und die heimische Wirtschaft anzukurbeln. Zugleich ist die damit einhergehende Exportförderung bei Notenbankern und Politikern aber sehr wohl ein gern gesehener Nebeneffekt. Beim Wettlauf um die niedrigsten Kurse gibt es jedoch viele Verlierer. Die Vorteile, die ein einzelner Spieler sich verschafft, muss ein anderer abgeben. Insbesondere Schwellenländer und kleinere Staaten gehören zu den ersten Verlierern einer solchen Abwärtsrallye.

„China ist der Leuchtturm unter den Schwellenländern“

Ein Interview mit Prof. Dr. Horst Löchel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance & Management sowie Gastprofessor für Volkswirtschaftslehre an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai.

Seit der industriellen Revolution durchlebten alle Industrienationen immer wieder größere und kleinere Krisen. Ist das, was wir derzeit in China beobachten, einfach nur eine ganz normale Phase der Flaute auf dem langen Marsch hin zu einer modernen Volkswirtschaft?

LöchelChina befindet sich aktuell in einer Phase des Übergangs. Wie auch die klassischen Industrienationen im Westen in der Vergangenheit erlebte das Land seit der wirtschaftlichen Öffnung Ende der 1970er-Jahre seine ganz eigene industrielle Revolution. Diese war vor allem durch den Transfer von billigen Arbeitskräften aus dem Agrarsektor in die verarbeitende Industrie gekennzeichnet. Nun aber vollzieht sich der nächste Schritt, und zwar weg von der Rolle als verlängerte Werkbank der Welt, hin zu einer innovations- und dienstleistungsgetriebenen Volkswirtschaft. Niedrigere Wachstumsraten sind in einem solchen Transformationsprozess unvermeidlich und durchaus normal. Vielleicht sollte man in diesem Kontext noch einmal auf das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg verweisen. Auch hierzulande waren die Zuwachsraten anfänglich beeindruckend hoch, pendelten sich aber ab einem bestimmten Level und Reifegrad der Wirtschaft auf niedrigere Zahlen ein.

China galt in den vergangenen Jahren als die Ausnahme unter den BRIC-Staaten, die die in sie gesetzten wirtschaftlichen Erwartungen dann doch nicht erfüllen konnten. Hat nun die Realität auch das Reich der Mitte eingeholt?

LöchelNein, China spielt weiterhin eine Sonderrolle. Vor allem Brasilien und Russland enttäuschen deshalb mit einer schlechten Performance, weil ihr Geschäftsmodell überwiegend auf dem Export von Rohstoffen basiert, was beide Länder sehr anfällig für die Preisschwankungen auf den Märkten macht. China dagegen startete als industrieller Produktionsstandort durch und überzeugt seit nunmehr einem Vierteljahrhundert durch ein ununterbrochen hohes Entwicklungstempo. Damit ist das Reich der Mitte eindeutig der Leuchtturm unter den Schwellenländern.

Anders als vielleicht noch vor 20 Jahren ist die chinesische Volkswirtschaft international eng verflochten. Welche Folgen haben die aktuellen Turbulenzen für den Rest der Welt?

LöchelEigentlich ist genau das passiert, was China-Experten in den vergangenen drei Jahren prophezeit haben. Dennoch zeigen sich viele Investoren und Unternehmen überrascht und erschrocken. Mittlerweile gibt es allerdings im Westen auch eine weit verbreitete Unsicherheit über das Handling der aktuellen Situation durch die relevanten chinesischen Behörden. Man fragt sich, wie es weitergeht und ob China auf dem bisherigen Weg in Richtung Marktwirtschaft bleibt.

Droht China womöglich der Ausgangspunkt einer neuen Asienkrise zu werden?

LöchelVon einer neuen Asienkrise kann definitiv nicht die Rede sein. Die wirtschaftliche Stabilität ist weiter gegeben und anders als damals herrscht im Wechselkurssystem heute ein deutlich höheres Maß an Flexibilität.

Geht der einstigen Lokomotive der Weltwirtschaft nun der Dampf aus?

LöchelStreng genommen war China nie wirklich die Lokomotive der Weltwirtschaft, weil der Schwerpunkt lange Zeit ganz klar auf dem Export von billig produzierten Waren lag und man relativ wenig importierte. Diese Rolle haben aufgrund steigender Importe in jüngster Zeit eher wieder die Vereinigten Staaten. Dementsprechend schrumpft die Wachstumslücke zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt kontinuierlich. Ich sehe trotz der aktuellen Turbulenzen wenige Schleifspuren für die Weltwirtschaft und sogar einige positive Effekte wie zum Beispiel den sinkenden Ölpreis, von dem auch Deutschland profitiert.

Wird der aktuelle Kurs in der chinesischen Wirtschaftspolitik beibehalten oder steht das Land nun vor einem Paradigmenwechsel?

LöchelChina befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Das lässt sich beispielsweise an der gezielten staatlichen Förderung von Bio- und Hightech-Projekten an den Hochschulen des Landes erkennen oder dem Aufbau einer eigenen modernen Luft- und Raumfahrtindustrie. China will innovativ werden und das Image der Werkbank der Welt hinter sich lassen. Zudem will das Land hin zu einem höheren Konsum und zu mehr Dienstleistungen. „Qualität statt Quantität“ heißt das Gebot der Stunde. Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass solche Prozesse nicht über Nacht geschehen, sondern ein Generationenprojekt darstellen.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung zufolge die chinesische Konjunktur im Jahr 2016 entwickeln?

LöchelEine harte Landung sehe ich auf keinen Fall. Die Wachstumsrate wird sich mittelfristig auf um die 6 Prozent einpendeln.

... ist Professor für Volkswirtschaftslehre sowie MBA Direktor an der Frankfurt School of Finance & Management und Gastprofessor an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai, China. Er forschte und lehrte von 2003 bis 2011 in Shanghai. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf dem chinesischen Finanzsektor.