Drachenfutter: Chinas Auslandsinvestitionen

Die chinesische Wirtschaft auf Shopping-Tour. Unternehmen aus dem Reich der Mitte geben Rekordsummen für Übernahmen ausländischer Firmen oder für Anteile an diesen aus. Besonders groß ist das Interesse chinesischer Investoren an deutschen Mittelständlern mit viel technischem Know-how.

Die Devise kommt von ganz oben: „Stürmt hinaus in die Welt!“ Mit diesen Worten ermunterte Chinas Premier Li Keqiang Anfang April 2015 die Unternehmen seines Landes dazu, international als Investoren noch stärker in Erscheinung zu treten. Eigentlich war diese Aufforderung völlig unnötig. Denn seit der Jahrtausendwende sorgten Chinesen immer öfter mit spektakulären Deals wie der Übernahme des schwedischen Traditionsherstellers Volvo durch Geely oder der Personalcomputersparte von IBM durch Lenovo für Schlagzeilen. Lag das jährliche Investitionsvolumen chinesischer Unternehmen in den EU-Staaten Mitte der 2000er-Jahre nur knapp über der Wahrnehmungsschwelle, so ist es seither geradezu explosionsartig angestiegen und betrug 2014 satte 14 Milliarden Euro.

China auf dem Weg zur Hightech-Nation

Mit dem Masterplan „Made in China 2025“ will man in den kommenden Jahren mit den etablierten Industrienationen auf Augenhöhe kommen. Viele Experten sehen diese hohen Zahlen daher vor allem politisch motiviert. „Das chinesische System funktioniert immer noch etwas anders als der Rest der Welt“, betont Hui Zhao und verweist auf das Projekt „One Belt, One Road“, mit dem Präsident Xi Jinping die historische Seidenstraße als Handelsroute nach Europa neu aufleben lassen will, weshalb China gerne in die benötigte Infrastruktur in den Anrainerstaaten investieren möchte. „Anfangs war das ja auch nur ein Satz auf einem Blatt Papier, dann wollte plötzlich jeder mit dabei sein“, skizziert der Leiter des China Desks sowie Associated Partner der Wirtschaftskanzlei Noerr in Frankfurt a. M., der chinesische Mandanten vor allem im Bereich M&A und Unternehmensgründung in Deutschland berät, die Ausgangslage. „Die Go-Out-Politik, die chinesische Investoren zu mehr Engagement im Ausland antreiben soll, gibt es bereits seit über sieben Jahren. Doch in dem Moment, in dem die obersten Repräsentanten des Staates diese Positionen formulieren, gewinnt das Ganze erst richtig an Gewicht“, so Hui Zhao.

Systematische und zukunftsorientierte Übernahmen

Anfangs standen chinesische Investoren im Ruf, lediglich Schnäppchenjäger zu sein, die die Unternehmen einfach nur aufkaufen und ausschlachten würden. Auf diese Weise wollten sie schnell an Know-how kommen und sich lange Entwicklungszeiten sparen, hieß es. Doch dieses negative Image scheint eindeutig der Vergangenheit anzugehören. Zahlreich sind mittlerweile die Beispiele dafür, wie systematisch und zukunftsorientiert sie dabei vorgehen. Offensichtlich ist man an einer langfristigen Unternehmensentwicklung der Zielobjekte interessiert, die vorteilhaft für alle Beteiligten ist. „Anders als vor allem amerikanische Investoren neigen Chinesen im Fall eines Einstiegs in ein europäisches Unternehmen eher dazu, bestehende Strukturen nicht unmittelbar infrage zu stellen und keine gravierenden Veränderungen einzuleiten“, weiß Silke Besser aus ihren Erfahrungen zu berichten. „Häufig kommt es infolge der Übernahme zu einer strategischen Erschließung des chinesischen Marktes und zu Investitionen in Innovationen. Beides führt dazu, dass die Kapazitäten in Deutschland erweitert werden können“, so die Geschäftsführerin der Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsvereinigung e. V. in Köln.

Rund 2.000 Beteiligungen in Deutschland

Der Erwerb des Betonpumpenherstellers Putzmeister durch Sany im Jahr 2012 ist dafür ein Musterbeispiel. Die Chinesen sind mit ihren Pumpen und Baumaschinen vor allem im unteren und mittleren Marktsegment unterwegs, die Deutschen mit ihren technisch anspruchsvolleren Produkten dagegen in den preislich höheren Regionen. Dank des Zugriffs auf die Vertriebsstrukturen von Sany haben sie aber nun auch deutlich bessere Karten auf dem Markt im Reich der Mitte – der chinesische Mutterkonzern funktioniert dabei ähnlich wie ein Türöffner. Offensichtlich klappt die Arbeitsteilung. Anfängliche Ängste um einen möglichen Stellenabbau in Deutschland sind längst passé. Putzmeister unterzeichnete sogar kürzlich mit der IG Metall einen Vertrag zur Beschäftigungssicherung, der betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2020 ausschließt. Dazu die Expertin Silke Besser: „In der überwiegenden Zahl wurden bei den bisher zu verzeichnenden Übernahmen deutscher Unternehmen Arbeitsplätze erhalten.“ An gut 2.000 Betrieben in Deutschland sind mittlerweile Chinesen beteiligt, nicht selten waren sie wie im Fall des Bielefelder Nähmaschinenherstellers Dürkopp-Adler die Retter in der Not.

Deutsche Firmen als Brückenkopf

Diese Doppelstrategie soll nun auch der gestrauchelten fränkischen Traditionsfirma Metz wieder auf die Beine helfen. Im Sommer ging einer der letzten deutschen Produzenten von TV-Geräten an den chinesischen Skyworth-Konzern, einen der zehn größten Unterhaltungselektronik-Hersteller weltweit. Die Chinesen verkaufen ihre Fernseher bis dato fast ausschließlich im Reich der Mitte, hierzulande sind sie aber gänzlich unbekannt. Nun wollen sie sich stärker internationalisieren. Daher das Interesse an dem prestigeträchtigen deutschen Unternehmen, das so etwas wie den Brückenkopf für den Einstieg in den europäischen Markt bilden soll. Während die eher design- und technikorientierten Geräte unter dem Markennamen Metz weiterhin das Premiumsegment im Visier haben, will Skyworth sich als preisgünstigere Alternative etwas darunter positionieren.

Deals mit Langfristperspektive

Zugleich scheint der Deal typisch für die Übernahme eines europäischen oder amerikanischen Unternehmens zu sein. „Oftmals sind es die Top-Player der jeweiligen Branche in China, die als Investoren in Erscheinung treten“, sagt Hui Zhao. „Sie sind es, die über ausreichend Kapital verfügen und sich nun von der Konkurrenz im eigenen Land durch eine gezielte Internationalisierung stärker abheben wollen.“ Daher das ausgeprägte Interesse an Übernahmekandidaten im Ausland. Auf diese Weise erwerben sie nicht nur das dafür notwendige Know-how, sondern ebenfalls den Zugriff auf die Vertriebsstrukturen ihrer Targets, die dann nicht selten global synchronisiert werden. Auch Noerr-Berater Hui Zhao hält den oftmals formulierten Vorwurf, Chinesen suchten sich dabei einfach nur einige Filetstücke aus, um die eingekaufte Technik anschließend zu kopieren, für absolut ungerechtfertigt. „Das macht wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn. Man würde damit nur die Kuh schlachten, die gemolken werden soll.“ Eher das Gegenteil sei der Fall. „Chinesische Investoren haben ein langfristiges Interesse und stocken nach einem Einstieg in ausländische Unternehmen die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen massiv auf.“ Die Synergieeffekte und die Produktportfolio-Erweiterung stehen für sie eindeutig im Vordergrund.

Großes Interesse an Mittelständlern

„Rein quantitativ halten sich private und staatliche Unternehmen als Investoren ungefähr die Waage“, erklärt Hui Zhao. „Wenn es aber um das Volumen geht, dann überwiegen eher die Staatsbetriebe, weil sie über mehr Kapital verfügen oder leichter an Kredite kommen.“ Sie alle haben dabei nicht selten auch ein Auge auf kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland mit viel Spezialwissen geworfen. „Für Manager in einem staatseigenen Betrieb kann es schon sehr image- und karrierefördernd sein, wenn sie mit dem erfolgreichen Erwerb einer solchen Firma in Deutschland aufwarten.“ Kaufentscheidungen in einem Privatunternehmen scheinen dagegen weniger politisch beeinflusst. „Die Wirtschaft in Deutschland ist weitestgehend mittelständisch geprägt, weshalb die Wahrscheinlichkeit, dass ein chinesisches Unternehmen Interesse an einem mittelständischen Betrieb zeigt, schon aus diesem Grund statistisch recht hoch ist“, ergänzt Silke Besser. „Wenn es sich bei der fraglichen Firma dann auch noch um einen sogenannten ,Hidden Champion’ handelt, ist das Interesse natürlich besonders groß.“ Dafür brauchen Investoren aus China definitiv auch keine Aufforderung seitens ihrer politischen Führung, in die Welt hinauszustürmen.

Die Studie „China – Partner und Konkurrent“ der Bertelsmann Stiftung und der Prognos AG beleuchtet die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und China im Zeitraum von 1990 bis 2010. Im Fokus stehen Chinas Wandel von der „Fabrik der Welt“ zur Hightech-Schmiede und die Auswirkungen auf Deutschland.

Die Analyse zeigt, dass deutsche Unternehmen auf lange Sicht vom Wachstumsmarkt China nur dann profitieren, wenn sie ihren gegenwärtigen Technologievorsprung halten können. Chinas Aufstieg in der globalen Wertschöpfungskette erhöht den Druck auf die deutsche Wirtschaft, künftig gegen die direkte Konkurrenz mit Wettbewerbern aus China bestehen zu können. Ein Indiz dafür, dass der direkte Wettbewerb innerhalb einzelner Branchen zunimmt, ist der Anstieg des intra-industriellen Handels von 5 Prozent im Jahr 1992 auf 20 Prozent im Jahr 2010.

Die Studie verdeutlicht, dass die Abhängigkeiten – anders als oftmals angenommen – beide Seiten betreffen. Der deutsche Maschinenbau spielt für Chinas Industrie eine Schlüsselrolle. Umgekehrt ist Deutschland vor allem bei Computern, Laptops und Textilien abhängig von Importen aus dem Reich der Mitte. Der Außenhandel zwischen beiden Ländern boomt seit vielen Jahren. Allerdings bleibt Chinas Konjunkturabkühlung nicht ohne Folgen für Deutschland. Die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten im China-Geschäft sind vorbei.

In einem Basisszenario geht die Studie davon aus, dass die engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und China zwar weiter zunehmen werden, allerdings nicht in dem hohen Tempo der letzten zwei Jahrzehnte. Drei Alternativszenarien gehen der Entwicklung des privaten Konsums, den Auswirkungen einer alternden Bevölkerung und der Rolle des technologischen Aufholprozesses Chinas nach. Dabei wird deutlich, dass Deutschland vor allem profitieren könnte, wenn es Chinas Regierung gelänge, die chinesische Kaufkraft und damit auch den privaten Konsum zu steigern.

China 2030: Wie geht es weiter?

Der Markt für Spekulationen über die wirtschaftliche und politische Weiterentwicklung Chinas boomt – je nach Betrachter und Annahmen weichen die verschiedenen Visionen komplett voneinander ab und damit auch die prophezeiten Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft.

Wird Deutschland auch 2030 eine besondere Beziehung zu China pflegen können und welche Weichen müssten heute dafür gestellt werden? Solchen Fragen geht das Projekt „Szenario 2030: Wie verändert China den Wirtschaftsstandort Deutschland“ der Bertelsmann Stiftung und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) nach.

Fünf Szenarien für eine mögliche Entwicklung Chinas

Gemeinsam mit Experten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien erarbeiteten die Denkfabriken fünf Szenarien für die mögliche Entwicklung Chinas. Denn der Wandel des Landes von der „Fabrik der Welt“ zur Hightech-Schmiede und der damit verbundene Aufstieg in der globalen Wertschöpfungskette liefern Stoff für Prophezeiungen. Dabei haben die Forscher mithilfe der „Szenariomethode“ die Zukunft anhand verschiedener politischer und wirtschaftlicher Entwicklungsmöglichkeiten kategorisiert: Wie könnte China in 15 Jahren aussehen? Welche Auswirkungen hätte es etwa auf Deutschland, wenn die Reformen des gegenwärtigen Präsidenten Xi Jinping tatsächlich umgesetzt werden – oder im Gegenteil scheitern? Oder was wären die Folgen, wenn China sich ähnlich wie Putins Russland entwickelte?

Zur Entwicklung der Szenarien identifizierte das Forscherteam zunächst rund 20 Faktoren, die Einfluss auf die Veränderung des Wirtschaftsstandorts Deutschland durch China haben könnten. Darunter direkte Faktoren wie politisches System oder Wirtschaftssteuerung sowie indirekte wie gesellschaftliche Werte oder das gegenwärtige Image Chinas. Anschließend wurden verschiedene Kombinationen durchgespielt, zueinander in Beziehung gesetzt und letztlich verschiedene Entwicklungsmuster identifiziert. Nach diesem systematischen Prozess entstanden fünf Zukunftsszenarien:

Fortschreibung des Status quo
China hält am bewährten Modell fest, mit dem es den Sprung vom Entwicklungsland zur Industrienation geschafft hat. Wichtige Reformen, mit denen die nächste Phase der wirtschaftlichen Entwicklung eingeläutet und ein westliches Wohlstandsniveau erreicht werden könnte, werden allerdings nicht auf den Weg gebracht. Für Deutschland bleibt damit vieles beim Alten: Das Geschäftsumfeld ist schwierig, im Gegenzug können deutsche Schlüsselindustrien ihren Technologievorsprung gegenüber der Konkurrenz aus China halten.

Der chinesische Traum

China stellt sich seinen großen innenpolitischen und binnenwirtschaftlichen Herausforderungen und setzt wichtige wirtschaftspolitische Reformen um. Dies erleichtert die Bedingungen für ausländische Unternehmen und erlaubt chinesischen Unternehmen, freier auf dem Weltmarkt zu agieren und ihr Innovationspotenzial auszubauen. Für Deutschland ist China in diesem Szenario wichtiger Partner, aber auch scharfer Konkurrent.

Vorbild Singapur
Dieses Szenario führt noch einen Schritt weiter und geht neben marktwirtschaftlichen Reformen von einem politischen Wandel nach dem Vorbild Singapurs aus. Mit der Folge, dass sich China nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch zu einer anerkannten Führungsmacht entwickelt. Für Deutschland bedeutet dies: harter Wettbewerb, allerdings unter fairen Wettbewerbsbedingungen.

Große Mauer

Im vierten Szenario wählt China einen ähnlichen Weg wie Russland. Vergleichbar mit Putins Wandel vom pragmatischen Wirtschaftsreformer zum nationalistischen kalten Krieger, könnte auch China in 15 Jahren auf Konfrontationskurs gehen, etwa wegen einer Eskalation der Spannungen im Süd- oder Ostchinesischen Meer. Diese Entwicklung muss für Deutschland nicht zwingend von Nachteil sein – zumindest wirtschaftlich gesehen. Für die Stabilität der Weltwirtschaft ist ein solcher Konflikt aber verheerend.

Chaos
Der Kommunistischen Partei gelingt es nicht, die Spannungen im Land unter Kontrolle zu halten, weshalb sie im sozialen, politischen wie wirtschaftlichen Chaos versinkt. Im disruptivsten der fünf Szenarien bekommen deutsche Unternehmen in China diese Unsicherheiten stark zu spüren – als Konkurrent ist China dann aber erst einmal vom Tisch.

„Deutschland muss China als direkten Wettbewerber ernst nehmen“

Ein Interview mit Bernhard Bartsch, Senior Expert im Programm „Deutschland und Asien“ der Bertelsmann Stiftung, über die Hintergründe der Analyse China 2030.

Herr Bartsch, die Bertelsmann Stiftung hat kürzlich zusammen mit dem Fraunhofer-Institut fünf Szenarien entwickelt, wie die wirtschaftliche Situation Chinas 2030 aussehen könnte. Vor welchem Hintergrund ist diese Analyse entstanden?

BartschEs gibt einen riesigen Markt für Vorhersagen, wie China sich entwickeln wird und was das für den Rest der Welt bedeutet. Doch wenn man sich die Prognosen genau anschaut, stecken in ihnen wenig belastbare Fakten, aber viel Bauchgefühl und Storytelling. Das fanden wir unbefriedigend und auch gefährlich, denn unsere Zukunftserwartungen sind schließlich die Basis, auf der wir heute Entscheidungen von großer Reichweite treffen. Deswegen wollten wir ein Instrument entwickeln, das auf transparenten Annahmen und dem Wissen von vielen Experten beruht. Ein Instrument, das Managern, Politikern oder auch jedem Einzelnen ermöglicht, durchzuspielen, wie China ihre Welt verändern könnte.

Die Szenarien beschreiben die Fortschreibung des Status quo bis hin zum absoluten Chaos. Welches Szenario halten Sie für das realistischste?

BartschNatürlich haben auch wir keine Glaskugel, in der man die Zukunft sehen könnte. Aber gerade weil niemand eine solche Glaskugel hat, sagen wir: Denkt in Alternativen und nehmt euch die Zeit, die damit verbundenen Chancen und Risiken ernsthaft zu durchdenken. Die Faktoren, die unseren Szenarien zugrunde liegen, lassen drei Zukunftsbilder gleichermaßen wahrscheinlich erscheinen: die Fortschreibung des bisherigen Kurses (Status-quo-Szenario), der Erfolg von Xi Jinpings Reformprogramm (Chinesischer Traum), aber auch dessen Scheitern (Große Mauer).

Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und China sind heute enger denn je. Wie würden sich diese jeweils verändern?

BartschAlles in allem ist ein wirtschaftlich erfolgreiches und politisch gut in die Weltgemeinschaft integriertes China für Deutschland sicherlich wünschenswerter als das Gegenteil. Aber je mächtiger China und mit ihm Asien werden, umso schwerer dürfte es für Deutschland beispielsweise werden, sich international Gehör zu verschaffen. Deutschland wird dann mehr als heute auf die EU oder andere Bündnisse angewiesen sein.

Wie flexibel muss die deutsche Seite sein, um den Sonderstatus wie auch die guten Beziehungen zu China halten zu können?

BartschDeutschland hat enge Beziehungen zu China, weil es China viel zu bieten hat. Wir sollten dafür sorgen, dass das so bleibt. Flexibilität ist dafür wichtig, aber Standhaftigkeit ebenso. Chinesen benutzen gerne das Bild vom Bambus, der sich weit biegen lässt, aber nicht zerbricht.

Wie muss sich die deutsche Wirtschaft aufstellen, um sich langfristig China gegenüber behaupten zu können?

BartschDer Schlüssel liegt natürlich in Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft. Aber es gibt auch sehr spezifische Herausforderungen. Zum Beispiel sind chinesische Firmen heute ein starker Wettbewerber im Eisenbahngeschäft, weil sie Komplettlösungen anbieten können: Sie bauen mit ihren eigenen Arbeitern die Bahntrassen, liefern die Züge, betreiben die Strecke und finanzieren das Ganze auch noch. Die deutsche Wirtschaft muss sich dringend überlegen, wie sie dagegen ankommt.

Wo lauern in Ihren Augen besondere Gefahren für den deutschen Mittelstand bzw. die deutsche Industrie? Würden Sie China wirtschaftlich eher als Konkurrent oder Partner Deutschlands einstufen?

BartschDie chinesische Wirtschaftsplanung zeigt ganz klar: China möchte in vielen Branchen, in denen deutsche Mittelständler führend sind, ein globaler Wettbewerber werden. Das sollte Deutschland ernst nehmen – aber vor allem sportlich und ohne den Blick dafür zu verlieren, dass wir natürlich auch weiterhin in vielen Bereichen sehr gut zusammenarbeiten können.

... ist Senior Expert im Programm "Deutschland und Asien" der Bertelsmann Stiftung. Für die Stiftung analysiert er politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Asien und ihre Folgen für Deutschland und Europa. Bis 2013 war er über zehn Jahre Ostasienkorrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien, u. a. brand eins, Frankfurter Rundschau und Neue Zürcher Zeitung.

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