Mittelstand in China: Zwischen Aufbruch und Diskriminierung

Bundeskanzlerin Angela Merkel adelte den deutschen Mittelstand unlängst als „Herzstück der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“. In China hingegen werden nach wie vor die großen Staatsunternehmen bevorzugt behandelt.

 

Aufbruch mit Hindernissen

Chinas Mittelstand ist noch jung. Erst seit 1978 beschreitet China den Weg in eine „sozialistische Marktwirtschaft". Zwei Jahre nach dem Tod des „roten Kaisers“ Mao Zedong leitete Chinas neuer starker Mann Deng Xiaoping erste Reformen ein. Der ideologische Steinzeitkommunismus wurde nach und nach durch pragmatische Lösungsansätze abgelöst. Doch auch 30 Jahre nach dem Beginn der Öffnungspolitik ist Chinas Wirtschaft geprägt durch staatliche, halbstaatliche und private Megakonzerne. Professor Herrmann-Pillath, Volkswirtschaftler und Sinologe, betont: „Die Wirtschaft der Chinesen ist immer noch ein Hybrid aus Plan- und Privatwirtschaft. Die Großkonzerne – und insbesondere die Staatsunternehmen – genießen eine Vorzugsbehandlung.“ Die Zahlen des nationalen Statistikbüros stellen jedoch die steigende Bedeutung der Privatwirtschaft heraus. So gibt es derzeit rund 7.000 Staatsunternehmen, wohingegen ca. 260.000 GmbHs und Privatunternehmen vermerkt sind. Bei diesen privaten Unternehmen herrscht eine schiefe Verteilung vor: Wenige große stehen einer riesigen Zahl kleiner und mittlerer Unternehmen gegenüber.

Stiefbrüder der „National Champions“

„Die Führung in Peking sieht in ihren Staatsunternehmen nach wie vor Leitunternehmen für das ganze Land. In einigen Branchen sind daher ausschließlich staatliche Unternehmen tätig. Allen voran in der Versorgung mit Rohstoffen. Aber Chinas Mittelständler stellen längst die Mehrheit der Arbeitsplätze und machen einen Großteil des Bruttoinlandsproduktes aus“, so Professor Herrmann-Pillath. Privatunternehmen sind jedoch insbesondere beim Zugang zu Grund und Boden sowie bei der Finanzierung stark benachteiligt. Anders als etwa in Deutschland gibt es kein etabliertes und gesetzlich verankertes System von Förderbanken, die gezielt kleine und mittlere Unternehmen mit Krediten versorgen. Der staatlich dominierte Bankensektor vergibt Kredite vornehmlich an die nationalen Champions. Bei diesen ist zum einen das Ausfallrisiko geringer, da im Zweifel der Staat für die Kredite aufkommt. Zum anderen ist es für die Banken schlicht bequemer, wenige, sichere Großkunden zu bedienen, anstatt sich mit einem Heer von kleinen Kreditnehmern zu beschäftigen. Die Zinssätze privater Unternehmer sind daher häufig doppelt so hoch wie bei vergleichbaren staatlichen Unternehmen. Entsprechend einer Umfrage unter chinesischen Unternehmern der Provinz Guangdong nennen 51 Prozent der Befragten Finanzierungsprobleme als Gefahr für ihr Geschäft. Als zweitwichtigste Sorge nannten die Unternehmer die Furcht vor administrativen Interventionen sowie Monopolen.

Deutschland als Vorbild

Dr. Petra Bergner von der Personalberatung PMC International AG stellt heraus: „Die Deregulierungspolitik hat unter dem neuen Staatspräsidenten Xi Jinping erneut an Dynamik gewonnen. Chinesische Unternehmen werden gezielt dazu ermutigt, Investitionen zu wagen.“ Auch in China entstehen nach und nach städtische Banken und ländliche Kreditunternehmen. Prof. Dr. Herrmann-Pillath prognostiziert: „China hat das Potenzial und die Innovationsstärke der Mittelständler erkannt. Auch das Bankensystem wird sich entsprechend anpassen und verstärkt auch kleinere Unternehmen fördern. Die Volksrepublik schaut sich funktionierende Praktiken bei anderen großen Volkswirtschaften wie etwa Deutschland ab.“ So hat die Regierung erst kürzlich einen Innovationsfonds für Privatunternehmen aufgesetzt.

„Go West“ – China investiert

Viele chinesische Mittelständler verfolgen inzwischen bereits ambitionierte Expansionspläne. So wird hierzulande immer häufiger von spektakulären Übernahmen deutscher Unternehmen durch chinesische Investoren berichtet. „Spektakuläre Übernahmen kommen häufig von nationalen Champions, weil diese über die notwendigen Mittel verfügen. Der klassische Mittelstand ist hier nicht an erster Stelle zu nennen. Aber wir dürfen nicht unterschlagen, dass es in China viele reiche Investoren gibt, die nach lukrativen Anlagemöglichkeiten suchen“, so Herrmann-Pillath. Deutschland genießt als Standort aufgrund der hohen technischen Standards seiner Produkte sowie der stabilen politischen Lage einen ausgezeichneten Ruf bei chinesischen Investoren. „Gerade deutsche Mittelständler, die von der Insolvenz bedroht sind oder keinen Nachfolger finden, werden von chinesischen Unternehmern als Schnäppchen geschätzt“, betont Petra Bergner. Die Beraterin ist sich sicher: „Der China-Boom wird weiter anhalten. Seit rund 20 Jahren gehen deutsche Unternehmen verstärkt ins Land der Mitte. In den letzten Jahren erleben wir einen Investitionsschwung aus China nach Deutschland. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen.“

Chinas neue Nachhaltigkeit

Die Internationalisierungsbemühungen chinesischer Mittelständler verlaufen dabei häufig nicht ganz reibungslos. Anders als etwa westliche Unternehmer sind Chinesen historisch bedingt wenig erfahren darin, im Ausland zu agieren. Petra Bergner unterstreicht: „Gerade bei chinesischen Privatunternehmen muss man festhalten, dass sie häufig ins Blaue hinein agieren. Bei den Gehaltsvorstellungen verkennen chinesische Arbeitgeber zumeist gänzlich die europäischen Realitäten.“ Nichtsdestotrotz werden auch chinesische Mittelständler in Zukunft eine wichtigere Rolle in der globalen Wirtschaft spielen. Carsten Herrmann-Pillath stellt heraus: „Chinas Unternehmer haben derzeit noch ein anderes Selbstbild. Sie sehen sich eher als Investoren und möchten kurzfristig Geschäftschancen nutzen. Langfristige Ambitionen spielen bislang meist eine kleinere Rolle.“ Doch dieses Bild könnte sich alsbald wandeln. Längst gibt es auch in China Unternehmen, die in der zweiten Generation in Familienbesitz sind. Ein Bild, welches man hierzulande mit dem klassischen Mittelständler in Verbindung bringt. So ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis Chinas Mittelständler Herzstück der chinesischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung werden.

„Chinas Mittelstand trotzt allen Widrigkeiten“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Carsten Herrmann-Pillath, Research Professor für Economics and Evolutionary Sciences an der Wirtschaftsfakultät der Universität Witten/Herdecke, über die Bedeutung des Mittelstands in China.

Auf die Frage nach bekannten chinesischen Unternehmen folgt bei den meisten Leuten langes Schweigen. Chinesische Champions wie Huawei, Alibaba und Sinopec allerdings sind nicht mehr nur Fachleuten ein Begriff. Doch dann wird es enger. Welche Rolle spielt der Mittelstand im Reich der Mitte?

Herrmann-PillathHierzulande spricht man gern vom Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Auch in China spielen kleine und mittlere Unternehmen eine wichtige Rolle. Seit der Reformära unter Deng Xiaoping, die in den späten 1970er-Jahren begann, steigt die wirtschaftliche Bedeutung mittelständischer Unternehmen stetig. KMU machen den Großteil des Sozialprodukts, der Exporte, der Arbeitsplätze etc. in China aus. Generell ist Chinas Wirtschaft nach wie vor von einem Dualismus geprägt. Die Zahl der Privatunternehmen wächst stetig. Dennoch betrachtet die Kommunistische Partei Staatsunternehmen als „Leitunternehmen“ des Landes. Auch wenn in den letzten 20 Jahren erhebliche Privatisierungsmaßnahmen umgesetzt wurden, gibt es ein Zweiklassensystem zwischen Privatunternehmen – darunter viele Mittelständler – auf der einen und staatseigenen Betrieben auf der anderen Seite.

Worin drückt sich dieses Zweiklassensystem aus?

Herrmann-PillathDie Führung in Peking nutzt Staatsbetriebe als verlängerten Arm ihrer Politik. Daher befinden sich wichtige Branchen, die für die Entwicklung des Landes als relevant betrachtet werden, in staatlicher Hand. Bekannte Beispiele sind etwa die Energiewirtschaft und die Luftfahrt. Hierfür sind riesige Investitionen nötig. Die gewaltigen Summen sind nur mithilfe von Krediten zu stemmen, die der staatlich dominierte Bankensektor vergibt. Staatsunternehmen werden hier massiv bevorzugt und gefördert. Studien zeigen, dass die Zinssätze bei Krediten an mittelständische Privatunternehmen ca. doppelt so hoch sind.

Warum werden Mittelständler in dieser Form vernachlässigt?

Herrmann-PillathDie Privatunternehmen werden nicht unbedingt diskriminiert – vielmehr werden die Staatsbetriebe besonders gefördert. Für die Banken sind die riesigen Staatsunternehmen besonders attraktiv, denn das Ausfallrisiko ist gering: Im Zweifel haftet der Staat. Zudem ist der relativ risikolose Umgang mit wenigen Großkunden bequem und viel einfacher, als sich mit einer Unmenge kleinerer Unternehmer auseinanderzusetzen.

Eine riskante Praxis vor dem Hintergrund, dass mittelständische Unternehmen volkswirtschaftlich immer wichtiger werden.

Herrmann-PillathJa, das stimmt. Der heterogene Mittelstand in Deutschland war ja einer der Gründe, warum man hierzulande so gut durch die Finanzkrise kam. Das wird auch im Ausland gesehen. Man darf beim Blick nach China nie vergessen, dass sich das Land im Grunde noch in einem evolutionären Prozess vom Mao-Kommunismus zum Staatskapitalismus befindet. Da knirscht es noch an einigen Stellen im Gebälk. Auch die Banken werden nach und nach reformiert. Das deutsche System mit Sparkassen und Förderbanken, die die Finanzierung der KMU sichern, ist ja auch historisch gewachsen. Ich glaube, dass sich das chinesische System dem annähern wird. So gibt es inzwischen eine große Zahl städtischer Banken und ländlicher Kreditunternehmen. Erst kürzlich hat die Regierung in Peking einen Innovationsfonds für Privatunternehmen aufgesetzt. In China haben solche Entscheidungen Signalwirkung für die untergeordneten Ebenen. Provinzen und Städte könnten sich daran ein Beispiel nehmen.

Mangelnde Kreativität und Innovationskraft gelten als zentrale Probleme der chinesischen Wirtschaft. In Deutschland sind Mittelständler der Innovationsmotor. Wie beurteilen Sie die Situation der chinesischen Mittelständler?

Herrmann-PillathDie Vorbehalte gegenüber chinesischen Unternehmen sind ja schon viel zitiert worden: Das autoritäre Bildungssystem unterdrücke kreatives Denken, die hierarchischen Strukturen der Unternehmen hemmen angeblich Innovationen und disruptive Ideen. Daher sei China vornehmlich für Plagiate bekannt. Das ist so nicht falsch – aber bei Weitem nicht die ganze Wahrheit. Gerade Chinas Mittelständler sind extrem agil und dynamisch. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass gerade junge Privatunternehmer großartige Ideen mit enormem Tatendrang kombinieren. Zudem sind Chinesen begnadete Netzwerker. Unternehmen kooperieren eng und binden verstärkt auch Universitäten und Forschungsinstitute in ihre Prozesse ein. Das Reich der Mitte holt auf und lernt dabei natürlich auch von Strukturen, die man in Nordamerika oder Europa kennt.

Könnten Sie aus Ihrer persönlichen Erfahrung benennen, wo Sie die großen Unterschiede zwischen Mittelständlern in Deutschland und China sehen?

Herrmann-PillathDer größte Unterschied zwischen Unternehmern in China und hierzulande liegt meiner Ansicht nach schon im Selbstverständnis. Welches Bild haben wir vom viel gelobten deutschen Mittelständler? Häufig handelt es sich um Familienunternehmen, die seit Generationen in einem Nischensegment agieren. Durch jahrzehntelange harte Arbeit und Investitionen in Forschung und Entwicklung hat man technologische Spitzenprodukte innerhalb einer Nische geschaffen. Bei diesen gewachsenen Strukturen steht besonders die ökonomische Nachhaltigkeit im Vordergrund: Das Geschaffene soll erhalten werden. In China denken junge Unternehmer schon aufgrund des Umfelds ganz anders. Sie sind Investoren, erkennen eine Chance und bauen ein Geschäft auf. Die Nachhaltigkeit spielt eine viel kleinere Rolle, denn der kurzfristige Profit steht hier im Mittelpunkt.

Für viele deutsche Mittelständler galt China lange als eine Art Eldorado und war eines der Hauptziele ihrer Internationalisierungsbemühungen. Welche Rolle spielt die Internationalisierung für chinesische Mittelständler?

Herrmann-PillathDie spektakulären Übernahmen durch chinesische Unternehmen erfolgen häufig durch die großen Staatsunternehmen oder die nationalen Champions, weil den kleineren das Geld fehlt. Zudem geschehen große Akquisitionen nur mit politischer Zustimmung. Kleinere Unternehmen sind eher in anderen Emerging Markets präsent. Ich denke hier an Afrika, neuerdings auch Lateinamerika – aber man darf auch nicht übersehen, dass sich etwa in Italien schon längst große chinesische Communitys gebildet haben, namentlich in der Textilindustrie. Die Entwicklung solcher Netzwerke ist bei der Internationalisierung natürlich von Vorteil.

Welche strukturellen Vorteile besitzen Chinesen in Emerging Markets?

Herrmann-PillathChina betrachtet sich zunehmend als Führungsmacht der Emerging Markets, zudem sind die Kulturen der chinesischen recht ähnlich – vor allem die Rechtskultur, mit der chinesische Unternehmen in Europa häufig hadern. Ein Beispiel ist das Thema Korruption. In Europa stößt diese Praxis auf größte Ablehnung, doch in vielen Emerging Markets werden die Grenzen als wesentlich fließender betrachtet.

... ist Research Professor für Economics and Evolutionary Sciences an der Wirtschaftsfakultät der Universität Witten/Herdecke, Senior Fellow am Wittener Institut für Familienunternehmen, Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt und Distinguished Visiting Professor of Schwarzman Scholars an der Tsinghua University in Peking. Prof. Dr. Herrmann-Pillath befasst sich seit drei Jahrzehnten mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt auf Familienunternehmen in der Volksrepublik.

„Chinesische Unternehmer sind oft noch recht unbedarft“

Ein Interview mit Dr. Petra Bergner, Managing Partner der Personalberatung PMC International AG, über das Interesse chinesischer Investoren am Wirtschaftsstandort Deutschland.

Welche Dienstleistungen bietet die PMCI den Unternehmen aus der Volksrepublik China?

BergnerWir sind eine klassische Personalberatung. Unternehmen wenden sich an uns, wenn sie im In- und Ausland Führungskräfte und Spezialisten für ihre Internationalisierung suchen. Spezialisiert sind wir auch auf den ostasiatischen Markt. Mein persönlicher Fokus liegt auf China. Unser Tätigkeitsschwerpunkt hat sich dabei zuletzt um 180 Grad gedreht. Mit dem einsetzenden China-Boom vor ca. 20 Jahren gingen immer mehr deutsche Unternehmen – auch Mittelständler – in die Volksrepublik. Diese haben wir bei ihrer Internationalisierung unterstützt. Seit ungefähr drei Jahren erleben wir eine starke Internationalisierung von China nach Deutschland.

Welche Unternehmen betreuen Sie? Handelt es sich um sogenannte „National Champions“ oder um mittelständische Unternehmen?

BergnerBeide Gruppen zählen zu unseren Klienten. Wir betreuen Weltkonzerne mit zehntausenden Mitarbeitern genauso wie mittelständische Unternehmen, die in zweiter Generation in Familienbesitz sind. China erlebt in den letzten Jahren eine politisch forcierte Internationalisierung. Die politische Führung unter dem Staatspräsidenten Xi Jinping hat die Einschränkungen für private Investitionen im Ausland stark gelockert. Das Reich der Mitte ist inzwischen das Land mit den meisten Milliardären der Welt. Zudem gibt es immer mehr Millionäre. Im Land ist viel Kapital vorhanden – und chinesische Anleger suchen nach sicheren Investitionsmöglichkeiten.

Was macht Deutschland für chinesische Investoren interessant?

BergnerDafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Am offensichtlichsten ist natürlich das hohe technische Know-how deutscher Unternehmen. Über diesen Punkt ist ja schon viel geschrieben und diskutiert worden. Aber Deutschland gilt sowohl wirtschaftlich als auch politisch als sehr stabil und sicher. Das macht es für Investoren interessant. Zudem gelten viele deutsche Mittelständler in China geradezu als Schnäppchen. Insolvente Unternehmen oder Mittelständler mit ungeklärter Nachfolge sind bei Chinesen sehr begehrt. Zudem hegt man in China starke Sympathien für Deutschland und sieht das Land in vielerlei Hinsicht als Vorbild.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für diese Sympathien?

BergnerDas Verhältnis der beiden Länder ist historisch wenig belastet. Deutschlands koloniale Aktivitäten in Qingdao während der wilhelminischen Ära werden nicht selten positiv gesehen. Viele glauben, dass hier der Mythos von der deutschen Perfektion begründet wurde. Die Bundesrepublik unter Willy Brandt war zudem eines der ersten westlichen Länder, das 1972 Beziehungen zur Volksrepublik aufnahm. Das hat bis heute positive Effekte auf die Beziehung der beiden Länder. Deutsche Kultur – insbesondere deutsche Komponisten und Literaten – wird sehr geschätzt. Hinzu kommt, dass etwa das duale Ausbildungssystem in China viele Bewunderer hat. Nicht zuletzt sind deutsche Spitzenprodukte wie Autos, Maschinen oder Pharmazeutika bekannte Botschafter Deutschlands im Ausland.

Welche Probleme haben chinesische Unternehmer, wenn sie nach Deutschland expandieren möchten?

BergnerAls erste große Hürden erweisen sich häufig bereits die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Da würde man sich von chinesischer Seite deutlich weniger Bürokratie und schnellere Abläufe wünschen. Das deutsche Gesellschafts-, Handels- und Arbeitsrecht ist komplex und für Chinesen schwer verständlich. Hier ist es dringend notwendig, auf die Expertise von Fachleuten zurückzugreifen. Ich kann aber aus meiner Erfahrung eindeutig sagen: Vielen chinesischen Unternehmern merkt man die geringe Erfahrung im Bereich Internationalisierung an. Im Gegensatz zu Europäern, Amerikanern oder Japanern ist das Gebiet für sie Neuland – erst seit wenigen Jahren gehen Chinas Unternehmen ins Ausland. Viele Erwartungen sind schlicht blauäugig und sorgen bei den Beratern für Erstaunen und nicht selten auch für Entsetzen.

Können Sie uns hierfür ein Beispiel nennen?

BergnerSehr plastisch lässt sich das an den Vergütungen erkennen, die Chinesen zu zahlen bereit sind. Häufig liegen diese 50 Prozent unter den marktüblichen Gehältern. Ein Beispiel: Eine chinesische Bank benötigte einen Risikomanager mit vertieften Kenntnissen der europäischen Bankenregulierung. In Europa ist das Profil klar: Betriebswirtschaftliches Studium, langjährige Erfahrung im Risikomanagement einer Bank, Führungserfahrung und so weiter. Chinesen achten weniger auf den Lebenslauf als vielmehr auf Sympathien – und ganz besonders auf das Gehalt. So könnte plötzlich der Hochschulabgänger mit dem Master in Germanistik als Kandidat infrage kommen. Allein der Hochschulabschluss ist die Eintrittskarte – der Rest wird pragmatisch betrachtet.

Wie schwierig ist Ihr Job in solchen Situationen? Müssen Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

BergnerGenerell herrscht bei vielen chinesischen Unternehmern eher eine Berateraversion vor. Das betrifft auch Rechtsanwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Unser Berufsstand ist nicht gut gelitten. Aber letztlich ist unternehmerischer Erfolg in Europa nur so möglich. Das deutsche Modell als Ganzes gilt häufig als Vorbild – im Einzelfall muss man aber überzeugen können. Chinas Wirtschaft funktioniert an vielen Stellen anders.

Was können deutsche Unternehmer von chinesischen Unternehmen lernen?

BergnerZuallererst sind hier sicherlich Strebsamkeit und Ehrgeiz zu nennen. Diese typisch asiatischen Tugenden helfen bei der Verfolgung wirtschaftlicher Ziele. In vielen Bereichen ist sicher auch der chinesische Pragmatismus vom Unternehmer gefordert – für chinesische Mittelständler gibt es Probleme, die hierzulande nicht denkbar wären.

Was genau meinen Sie?

BergnerIch denke an ein mittelständisches Unternehmen in China, das wir betreuen. Dieses ist im produzierenden Gewerbe tätig. Zum Neujahrsfest fahren die Arbeiter alle für eine Woche in die Heimatprovinzen. Zu Arbeitsbeginn nach den Ferien erscheinen regelmäßig 50 Prozent der Arbeiter nicht mehr. Diese haben sich kurzerhand einen neuen, besser bezahlten Arbeitsplatz gesucht und lassen ihren alten Arbeitgeber im Regen stehen. Zuverlässigkeit und Loyalität entsprechen insbesondere bei Fabrikarbeitern nicht den deutschen Vorstellungen. Als chinesischer Mittelständler bzw. Unternehmer in China muss man darauf vorbereitet sein.

... ist Managing Partner und Leiterin des China Desk der führenden Personalberatung PMC International AG. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der Rekrutierung von Führungskräften und Spezialisten im In- und Ausland. Branchenschwerpunkte sind Finanzdienstleistungen, Industrie sowie Professional Services. Frau Dr. Bergner ist Certified Executive Recruitment Consultant CERC / BDU nach den Regeln der European Confederation of Search & Selection Associations ECSSA und dem Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V.