China: Alles unter Kontrolle?

Chinas Konjunktur verliert zunehmend an Schwung. Nun fragen sich alle besorgt: Wie geht es weiter mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt? Ein Ausblick für 2016.

„Aus einem Funken kann schnell ein Steppenbrand entstehen“, prophezeite bereits 1930 Mao Zedong, damals noch ein junger Revolutionär und 19 Jahre, bevor er im Reich der Mitte die Macht an sich riss. Natürlich hatte der spätere Staatspräsident der Volksrepublik China mit ihrer lange Zeit abgeschotteten Planwirtschaft dabei gewiss nicht die globale Wirtschaft, die internationalen Finanzmärkte oder gar eine Immobilienblase im Blick. Aber der erdrutschartige Absturz der Aktienkurse der 300 größten Unternehmen Chinas um zeitweise mehr als 30 Prozent und die überraschende Abwertung der chinesischen Währung verhagelte Börsianern und Unternehmenslenkern weltweit die Sommerlaune. Die Nachrichten aus China weckten rasch die Ängste vor einem Überspringen des Funkens auf den Rest der Welt.

China vor dem Ende der Reformen?

Bis dato weiß man nur eines: Die Phase des ungebremsten Wachstums gehört definitiv der Vergangenheit an. Die Maßnahmen, die die chinesische Führung in dieser für sie bis dahin völlig neuen Situation ergriff, lieferten gleichfalls reichlich Stoff für Diskussionen. Steht jetzt das Ende der Reformen an? So zumindest lautet die These des international renommierten China-Experten Carl Minzner, Professor für chinesisches Recht und Politik an der Fordham Universität, die er in seinem viel beachteten Essay für das Journal of Democracy formulierte. Oder droht gar ein Machtkampf zwischen all jenen, die weiter den langen Marsch Richtung Marktwirtschaft fortsetzen wollen, und den eher protektionistisch eingestellten Traditionalisten, denen sowieso alles viel zu schnell ging?

Normales Abflauen einer Hochkonjunktur

„Es war abzusehen, dass sich Wachstumsraten von 10 Prozent und manchmal sogar darüber hinaus nicht in alle Ewigkeit fortschreiben lassen“, lautet dazu die Einschätzung von Dr. Dirk Schmidt. „China folgt damit einem Muster, das wir bereits von vielen anderen Volkswirtschaften kennen, deren Geschäftsmodell ebenfalls lange Zeit vor allem auf dem Export basierte“, so der Professor für Regierungslehre: Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier. „Ab einem bestimmten Reifegrad aber ist man dazu gezwungen, dieses zur Disposition zu stellen und weiterzuentwickeln, weil sich ansonsten die Krisensymptome häufen. Das geschieht natürlich nicht von heute auf morgen, sondern ist ein sehr langwieriger Anpassungsprozess, der häufig von Konjunkturdellen und Konflikten begleitet wird.“

Das Ende der verlängerten Werkbank

„Vielleicht sollte man in diesem Kontext noch einmal auf das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg verweisen“, merkt Prof. Dr. Horst Löchel an. „Auch hierzulande waren die Zuwachsraten anfänglich beeindruckend hoch, pendelten sich aber ab einem bestimmten Level und Reifegrad der Wirtschaft auf deutlich niedrigere Zahlen ein“, so der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance & Management, der darüber hinaus Gastprofessor für Volkswirtschaftslehre an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai ist. Bis dato war Chinas Boom vor allem dem schier unbegrenzt scheinenden Heer an billigen Arbeitskräften zu verdanken, die relativ anspruchslose Produkte wie Textilien oder einfache Elektrogeräte zumeist im Auftrag ausländischer Unternehmen herstellten. Damit ist jetzt Schluss. „Nun aber vollzieht sich der nächste Schritt, und zwar weg von der Rolle als verlängerte Werkbank der Welt, hin zu einer innovations- und dienstleistungsgetriebenen Volkswirtschaft“, skizziert Löchel die Situation. „Niedrigere Wachstumsraten sind in einem solchen Transformationsprozess unvermeidlich und durchaus normal.“

Stop-and-go-Politik

„Die Wachstumstreiber in der Vergangenheit waren vor allem die ,alten Industrien’“, weiß Schmidt zu berichten. „Gerade in den Bereichen Zement oder Stahl wurden nicht zuletzt aufgrund des Baubooms gigantische Überkapazitäten aufgebaut.“ Doch das ist nicht das einzige Problem. „Andere Branchen sind ebenfalls von einem teils heftigen Preisverfall für ihre Produkte betroffen.“ Und weil zahlreiche Betriebe oftmals von der Zentralregierung oder einzelnen Provinzfürsten massiv protegiert wurden oder sich weiterhin im Staatsbesitz befinden, stehen sie quasi unter Bestandsschutz und können nicht pleitegehen. „Die neuen und innovations- sowie dienstleistungsgetriebenen Industriezweige, die der Konjunktur wieder zu mehr Dynamik verhelfen könnten, sind aber noch im Entwicklungsstadium.“ Des Weiteren schwächeln gerade viele andere Schwellenländer wie Brasilien oder Russland. „Das trifft China ganz besonders.“

Lohneinbußen unvermeidlich?

Noch ein weiteres Problem beschäftigt derzeit die Regierung. „Niedrigeres Wachstum verschärft die ohnehin extrem ungleiche Einkommensverteilung“, erklärt Prof. Dr. Rolf J. Langhammer, Professor an der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar. „Ein jährliches Plus von mindestens 5 bis 6 Prozent ist notwendig, um die soziale Stabilität zu sichern und Verteilungskämpfe gar nicht erst entstehen zu lassen.“ Vor diesem Kontext sind auch die Abwertungen der Landeswährung Yuan zu verstehen. Auf diese Weise wollte Beijing die dramatisch gestiegenen Lohnkosten der letzten Jahre wieder ein wenig ausgleichen und den Export beflügeln. Ob das klappt, darf infrage gestellt werden. „Bleibt China aber bei seinem alten Geschäftsmodell, dann sind Lohneinbußen unvermeidlich.“ Durch Vermögensgewinne von Kleinanlegern an der Börse sollten mögliche soziale Spannungen im Vorfeld vermieden werden. Diese Rechnung geht nach dem Börsencrash des Sommers, der vor allem Millionen von Arbeitern, Hausfrauen und Rentnern traf, nun nicht mehr auf.

Protektionismus als Standardreaktion

„Qualität statt Quantität“ heißt offensichtlich das Gebot der Stunde. Schließlich muss die Produktivität des eingesetzten Kapitals deutlich verbessert werden. Nur so haben die kontinuierlich steigenden Lohnkosten keine allzu große Bremswirkung auf die Konjunktur und selbst Zuwachsraten von eines Tages vielleicht nur noch 3 oder 4 Prozent werden dann nicht mehr als Krise wahrgenommen. „Man sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass solche Prozesse nicht über Nacht geschehen, sondern ein Generationenprojekt darstellen.“ An ein abruptes Ende der Reformen oder gar eine Umkehr glaubt auch Dirk Schmidt nicht. „Sollte es aber jetzt hart auf hart kommen, könnten dennoch einige Reformprojekte gestoppt werden oder sich verzögern.“ Womöglich würden die Entscheidungsträger auch wieder zu mehr Protektionismus neigen und vor allem die „alten Industrien“ weiter subventionieren. „Das ist für sie der erprobte Weg“, so Schmidt. „Zudem sind die Manager dieser Betriebe oftmals bestens mit der Regierung verdrahtet. Viele spekulieren darauf, dass Beijing sie nicht pleitegehen lässt.“ Eigentlich könnten Chinas Privatunternehmen die Treiber dieses Transformationsprozesses sein. Aber auch sie stehen vor massiven Hindernissen. „Bei der Kreditvergabe werden sie oft ganz klar gegenüber staatlichen Unternehmen benachteiligt.“

Deutscher Export nach China schwächelt

Chinas Handelspartner spüren bereits jetzt Folgen dieser Entwicklungen. „Gerade die deutschen Anbieter von hochwertigen Konsumgütern hat es auf kaltem Fuß erwischt“, glaubt Schmidt. „Vor allem die Autobauer fahren deshalb ihre Kapazitäten gerade zurück.“ Schon in den ersten fünf Monaten dieses Jahres legten die Exporte nach China nur noch um magere 1,4 Prozent zu. Zum Vergleich: 2010 waren es im selben Zeitraum 44 Prozent. Was das alles für die globale Weltwirtschaft bedeutet, hat das Analyseinstitut Oxford Economics einmal ausgerechnet. Sollte das Wachstum in China in den kommenden fünf Jahren im Schnitt nur noch knapp über 4 Prozent betragen, so würde dies die Industrieländer zwischen 1,5 und 2,0 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes kosten. Und wenn dies auch nicht unbedingt der Steppenbrand ist, von dem Mao einst sprach, so beweisen diese Zahlen doch sehr eindrucksvoll, was für ein Schwergewicht das einstige Schwellenland China in der vernetzten Weltwirtschaft geworden ist.

Thorsten Windels, Chefvolkswirt der NORD/LB, berichtet im Podcast über seine Einschätzung zur weiteren Entwicklung Chinas und die Auswirkungen auf den deutschen Mittelstand.

„China ist als Markt einfach viel zu wichtig“

Ein Interview mit Prof. Dr. Rolf J. Langhammer, ehemaliger Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Professor an der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz sowie Berater des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin.

Was ist eigentlich los in China? Droht dem Reich der Mitte nach rund einem Vierteljahrhundert stürmischen Wachstums nun tatsächlich eine harte Landung?

LanghammerAktuell mischen sich in China zahlreiche strukturelle und zyklische Effekte, die auf Abkühlung des Wachstums weisen. Das hat viel mit dem Umbau der chinesischen Volkswirtschaft zu tun, wobei der Schwerpunkt sukzessive in Richtung Binnenmarkt und Konsum verlagert werden soll. Zugleich sind viele chinesische Produkte aufgrund gestiegener Lohnkosten nicht mehr so wettbewerbsfähig wie früher. Und schließlich hat sich die Weltnachfrage sichtbar verringert. Angesichts eines zu erwartenden Wirtschaftswachstums von rund 5 Prozent würde ich jedoch noch nicht von einer harten Landung sprechen – das wäre wohl erst der Fall, wenn wir in Verbindung mit der Schwäche anderer Schwellenländer oder auch einiger Industrieländer weltweit mit rezessiven Entwicklungen konfrontiert würden.

Warum genau schwächelt die chinesische Wirtschaft derzeit?

LanghammerDer Abschwung war schon länger vorhersehbar und sollte daher nicht wirklich überraschen. Zum einen stößt das bisherige investitionsgetriebene und exportorientierte Wachstumsmodell an seine Grenzen. Die Produktivität des eingesetzten Kapitals nimmt ab. Oder an einem Beispiel konkret verdeutlicht: Nicht jede Autobahn, die im Westen Chinas für teures Geld errichtet wird, rechnet sich jetzt schon in der Realität. Zum anderen verzeichnen wir ökologische, finanzielle und institutionelle Engpässe im investitionsgetriebenen Wachstum, was den raschen Übergang zu einem innovationsgetriebenen Wachstum erschwert.

Kann man die aktuellen Turbulenzen als Geburtswehen auf dem Übergang von einem Schwellenland hin zu einer entwickelten Industrienation betrachten?

LanghammerChina muss sehr darauf aufpassen, nicht in die sogenannte „Middle-Income Trap“ zu geraten. Diese Falle droht immer dann, wenn einem Land der dauerhafte Aufstieg aus dem Bereich eines mittleren Einkommens in die Liga der führenden Industrienationen nicht gelingt, weil das alte Wachstumsmodell so starke Beharrungstendenzen aufweist. Die hoch entwickelten Küstenregionen können diese Aufgabe kaum allein meistern, schließlich vereint das Land aufgrund seiner geografischen Dimensionen auf seinem Territorium mehrere und zum Teil sehr unterschiedliche Ökonomien, weshalb der Übergangsprozess sich sehr langwierig gestalten kann.

Das Wachstum Chinas scheint sich auf ein Plus irgendwo bei 6 Prozent einzupendeln. Andere Industrienationen wären froh über derartige Zahlen, warum aber stellen sie für China ein Problem dar?

LanghammerWachstumsraten von 10 Prozent und mehr konnten niemals von Dauer sein. Das war eigentlich allen schon lange klar. Die aktuellen Zahlen sind deshalb auch weniger das eigentliche Problem. Vielmehr ist der kaum entwickelte und vom Ausland abgeschottete Finanzmarkt Chinas der große Schwachpunkt. Die Führung in Beijing scheint noch nicht richtig verstanden zu haben, dass zu einer funktionierenden Marktwirtschaft offene Kapitalmärkte gehören, deren Kehrseite aber auch Volatilität und krisenhafte Situationen sind.

Wie werden sich die aktuellen Ereignisse auf das Verhalten ausländischer Investoren auswirken?

LanghammerInvestoren werden von den aktuellen Entwicklungen gewiss nicht abgeschreckt, dafür ist das Land als Markt aufgrund seiner schieren Größe einfach viel zu wichtig. Wahrscheinlich folgen sie Transformationsprozess und Strukturwandel und passen sich entsprechend an. Das heißt, dass in Zukunft weniger Produktionsstätten im alten Stil hochgezogen werden und mehr in den Aufbau von Dienstleistungen investiert wird. China ist noch weit davon entfernt, eine Dienstleistungsgesellschaft wie die USA zu sein. Genau deshalb können ausländische Anbieter aufgrund ihrer Erfahrung hier besonders punkten.

Was sollte mehr Anlass zur Sorge geben: der momentane Konjunktureinbruch oder die Interventionen der chinesischen Führung?

LanghammerLangfristig muss China es schaffen, höherwertige Produkte zu entwickeln und zu produzieren. Aber das ist dem Land bis jetzt noch nicht richtig gelungen, weshalb sich auch der Druck auf das alte und primär exportorientierte Modell weiter erhöhen wird. Darüber hinaus erschweren gewaltige Überkapazitäten, vor allem im Bausektor, sowie die Protektion nicht immer rentabler Staatsbetriebe den aktuellen Transformationsprozess. Die chinesische Führung selbst verfügt zwar über reichlich Erfahrung, wenn es um die Steuerung von Gütermärkten geht, hat aber wenig Expertise, was die Finanzmärkte betrifft. Es fehlt beispielsweise das Verständnis für das Herdenverhalten bei erratischen Marktausschlägen oder für die Zurückhaltung von Investoren, wenn plötzlich politisch motivierte Interventionen im Spiel sind. Dirigismus und Interventionismus, die China in vielerlei Hinsicht bislang auf Kurs hielten, werden dann zu seinem Problem.

Lassen sich überhaupt seriöse Aussagen über die konjunkturelle Entwicklung im kommenden Jahr machen?

LanghammerWas sich auf jeden Fall sagen lässt: Das alte Geschäftsmodell als billige Werkbank der Welt ist definitiv tot und das neue innovations- und binnenmarktgetriebene hat sich noch nicht durchgesetzt, weil es seine Zeit braucht. So wie früher wird es jedenfalls nicht bleiben. Ansonsten drohen massive Lohneinbußen, was aus der Sicht Beijings angesichts der sehr ungleichen Einkommensverteilung nicht geschehen darf, da der soziale Friede dann in Gefahr gerät. Wenn der neue Kurs endlich klar sichtbar wäre, könnte das auch ein sehr positives Signal für die ausländischen Investoren sein.

...ist Professor an der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz sowie Berater des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Von 2007 bis 2012 war er unter anderem als ehemaliger Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel tätig. Langhammer ist darüber hinaus in beratenden Funktionen tätig unter anderem für die Deutsche Stiftung für Internationale Entwicklung (Berlin), das Bundeswirtschaftsministerium, die Europäische Gemeinschaft, die OECD und die Weltbank. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

„Chinas Strukturwandel wird immer noch unterschätzt“

Ein Interview mit Nils Englund, geschäftsführender Gesellschafter der Piller Blowers & Compressors GmbH, zu den Erfahrungen des Unternehmens auf dem chinesischen Markt.

Wo werden die Produkte von Piller Blowers & Compressors verbaut und gebraucht?

EnglundWir sind im weitesten Sinn ein Hersteller von kundenspezifischen Industrieventilatoren für die Prozessindustrie. Die wichtigsten Einsatzfelder unserer Produkte sind die Petrochemie, Chemie sowie die Nahrungsmittelindustrie. Im Prozess der mechanischen Brüdenverdichtung sind wir mit unseren Hochleistungsgebläsen Weltmarktführer. Dieser sehr energieeffiziente Prozess findet seinen Einsatz beispielsweise beim Eindampfen von Milch zu Milchpulver oder Molke.

Wo stellen Sie Ihre Ventilatoren her?

EnglundDerzeit produzieren wir am Standort Moringen mit 310 Mitarbeitern für den weltweiten Export. Besonders stolz sind wir auf die Tatsache, dass wir 41 Lehrlinge in der Ausbildung haben.

Wie hat sich die Internationalisierung Ihres Unternehmens in den letzten 20 Jahren entwickelt?

EnglundHeute liegt unsere direkte und indirekte Exportquote bei 95 Prozent, das heißt, die Internationalisierung ist für uns schon lange Normalität. Die europäischen Märkte bedienen wir schon seit über 50 Jahren. Im Jahr 2008 haben wir dann unsere Internationalisierungsbemühungen durch die Eröffnung unserer Präsenz in den USA einen Schritt weiter geführt. Dann ging es Schlag auf Schlag: 2009 expandierten wir nach Singapur, 2011 nach Shanghai, Ende 2013 nach Seoul und jetzt bauen wir gerade eine Produktionsstätte in China.

Seit wann sind Sie in China aktiv und welche Rolle spielt der chinesische Markt für Sie?

EnglundWir sind seit mehr als 20 Jahren in China aktiv. Aufgrund seiner potenziellen Größe war uns der Markt seit der Öffnung des Landes wichtig, allerdings war er bis 2011 vom Volumen her noch recht klein. Um dies zu ändern und Hindernisse in Sachen Vertrieb wie auch Zeitzonen zu reduzieren, sind wir mit einer eigenen Vertriebs- und Servicemannschaft nach Shanghai gegangen.

Sie bauen derzeit eine Produktionsstätte in China. Was ist der Hintergrund dieser Entscheidung?

EnglundBis vor Kurzem unterlagen Geschäftsaktivitäten in China noch relativ starken Vorschriften und Forderungen. Diese wurden in den letzten Jahren deutlich gelockert, was uns in den vergangenen fünf Jahren in China sehr erfolgreich gemacht hat. Zu den wichtigsten Gründen für die Entscheidung, ein Werk vor Ort zu bauen, zählen die große Anzahl von Piller-Ventilatoren, die wir bereits in China in Betrieb haben, wie auch die chinesischen Bemühungen um mehr Hightech im eigenen Land. Nun können unsere Kunden Produkte mit lokalem Anteil in China kaufen.

Gibt es bei Piller Qualitätsunterschiede zwischen den Produkten aus Deutschland und China?

EnglundDie chinesischen Kunden werden immer selbstbewusster und die Ansprüche an Qualität und technologischen Standard steigen. Mit unseren in China hergestellten Ventilatoren erhalten chinesische Kunden ein Produkt mit deutscher Qualität, das aber „Made in China“ ist. Wichtig ist dabei, dass wir uns nicht auf einem Billigmarkt befinden, denn auch für unsere chinesischen Kunden steht Qualität vor Preis. „Good enough“ reicht in diesem hoch spezialisierten Segment nicht aus. Gerade im pharmazeutischen Bereich ist für die Reinheit der Endprodukte eine herausragende Qualität im Prozess von entscheidender Bedeutung.

Welche wirtschaftliche Entwicklung erwarten Sie in China?

EnglundDerzeit wird viel von der „Neuen Normalität“ gesprochen. Der Strukturwandel in China – denken Sie an den Bau von Raketen oder nun auch Flugzeugen sowie an die Satellitentechnologie – wird von vielen Europäern absolut unterschätzt. Man sieht dies auch an der Infrastruktur, die hervorragend ausgebaut wird. Die wirtschaftliche Entwicklung betrachte ich nach wie vor als stabil, allerdings wird wahrscheinlich die Volatilität in einzelnen Branchen zunehmen. China kann gar nicht anders, als seine politischen Ziele weiterhin zu verfolgen. Dazu gehören die Bereiche Trinkwasser oder Nahrungsmittel – und hier haben wir sehr gute Referenzen und damit auch gute Chancen auf dem Markt.

Wird es China gelingen, zum Hightech-Standort aufzusteigen?

EnglundChina ist definitiv auf dem Weg dahin. Die Entwicklung der letzten Jahre hat allerdings noch nicht dazu geführt, dass beispielsweise die Studiengänge freier werden. Doch Hightech bedeutet auch Kreativität und Innovationsmöglichkeiten zulassen bzw. fördern. Hier könnte das Bildungssystem noch etwas zu starr und unflexibel sein. Dies ist sicherlich auch einer der Aspekte, wieso chinesische Unternehmen sich so stark an ausländischen Unternehmen beteiligen.

...ist Geschäftsführender Gesellschafter der Piller Blowers & Compressors GmbH. Der gebürtige Schwede kaufte das Unternehmen im Jahr 2001 zusammen mit Bernd Klostermann. 2012 erhielt er den Zukunftspreis der CDU-Kreistagsfraktion in Northeim-Einbeck.

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