Bonjour Tristesse: Junge Architekten in Deutschland

Nicht die Ideen der Entwürfe, sondern Anzahl der Mitarbeiter und Unternehmensgröße sind in Deutschland häufig die Kriterien für die Vergabe von Bauprojekten. Konservative Zugangsbeschränkungen wie diese mildern dadurch nicht nur Innovation, sondern bremsen auch junge Talente aus. Lebt Deutschland in Sachen Architektur also nur noch von seinen Reserven?

20 Meter vom Taxi zum Check-in-Schalter, 15 Meter von der Wartehalle zur Flugzeugtür –Berlin-Tegel ist das reinste Paradies für alle Vielflieger. 21 Millionen Fluggäste wurden hier im letzten Jahr abgefertigt. Den Entwurf für den „Flughafen der kurzen Wege“ lieferten 1965 die beiden Jungarchitekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg von gmp, heute eines der größten und renommiertesten Architekturbüros Deutschlands. Frisch von der Technischen Hochschule gewann von Gerkan mit seinem Partner bereits in den ersten beiden Jahren seiner Berufstätigkeit acht Architekturwettbewerbe – inklusive Tegel. Ein Risiko – zwei junge Kerle ohne jegliche praktische Bauerfahrung sollten nun ein derartiges Mammutprojekt verwirklichen –, das durchaus für Diskussionen sorgte. Doch das Großprojekt wurde pünktlich fertig und das auch noch 5 Prozent günstiger als geplant. Das Konzept des Drive-in-Flughafens ist beispielhaft für die Architektur der 1960er Jahre, der sechseckige Flugsteigring einzigartig. Noch heute gilt Berlin-Tegel weltweit als der am besten funktionierende Flughafen.

Mangelndes Vertrauen in den Nachwuchs

Mittlerweile nahezu undenkbar in Deutschland, denn es wird praktisch ausgeschlossen, dass junge oder kleine Büros erfolgreich und gut für die Bauaufgabe und den Auftraggeber sein können. Während in der IT-Branche Start-ups mittlerweile marktbeherrschend sind und selbst jungen Ärzten von Anfang an ein gewisses Vertrauen entgegengebracht wird, muss ein Architekt erst zig Berufsjahre „auf dem Buckel haben“, bis man ihm größere Aufgaben zutraut: „Dieses mangelnde Vertrauen in den Nachwuchs hat sich in den letzten Jahren vor allem in Deutschland entwickelt“, bestätigt Heiner Farwick, Präsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA). „Man versucht, bauliche Qualität in Excel-Tabellen zu pressen und setzt auf Erfahrungswerte, statt Innovationsgeist zu fördern.“

Referenzen wichtiger als Ideen

Jahrzehntelang dienten Wettbewerbe für junge Büros als existenzielle Sprungbretter – wie auch seinerzeit für gmp. Heute sind gerade einmal 1 Prozent aller Ausschreibungen für Planungsleistungen noch als offene Wettbewerbe ausgeschrieben. Es dominieren zugangsbeschränkte Verfahren, die die Hürden für Berufseinsteiger extrem hoch setzen. Denn was hier zählt, sind nicht etwa Ideen oder Entwürfe, sondern Referenzen – Bauerfahrung, Mitarbeiterzahl, Honorarumsätze: „Für junge Büros, talentierte Newcomer, aber auch kleine Bürostrukturen kommt dieses Vorgehen einem Berufsverbot gleich“, kritisiert Jörn Köppler von Köppler Türk Architekten in Potsdam und Mitbegründer der „wettbewerbsinitiative“.

Überzogenes Regelwerk trifft auf Regulierungswahn

Aber nicht nur das intransparente und komplizierteVergaberecht macht es jungen Architekten heute schwer, beruflich Fuß zu fassen. Vor allem öffentlichen Auftraggebern fehlt es mit Blick auf einzuhaltende Zahlen schlichtweg an Mut, in Projekte junger Architekten zu investieren. Es herrscht ein enormes Sicherheitsdenken vor, denn der Rechtfertigungsdruck in Bezug auf sämtliche Kostenpositionen wächst auf allen Seiten. „Um Fehler zu vermeiden, versucht man im Vorfeld die leistungsfähigsten und sichersten Büros herauszufiltern – aber nicht im Sinne von guter Architektur, sondern von technischer Leistungsfähigkeit“, erklärt Köppler. Hinzu kommt ein Regulierungswahn – seien es energetische Aspekte, Dämmvorschriften, Baustoff- und Grundrissverordnungen –, der die Architekten extrem einschränkt und insbesondere jungen Büros, die wichtige Innovationsimpulse geben können, den Zugang zum Markt versperrt. „Unter den heutigen Bedingungen gut zu bauen, ist sehr schwierig“, sagt Jungarchitekt Ben Dratz von Dratz&Dratz Architekten in Oberhausen. „Die Regelwerke wie zum Beispiel die Ausschreibungsstandards sind derart komplex und anspruchsvoll geworden, dass es selbst für etablierte Büros eine Hürde darstellen kann.“

Im Ergebnis häufig Mittelmaß

Das Ergebnis: Architektonischer Einheitsbrei, Innovation Fehlanzeige. „Heutzutage wird definitiv anders gebaut als früher, es dominieren Standardlösungen. Sicherlich gibt es Ausnahmen, aber in der Breite entstehen Bauten, die über Mittelmaß nicht hinauskommen“, resümiert auch BDA-Präsident Farwick. Hinzu kommt, dass die Zahl an Neugründungen seit ein paar Jahren deutlich zurückgeht. Von akuten Nachwuchsproblemen kann zwar noch nicht die Rede sein. Dass der Markt allmählich austrocknet, macht sich aber dennoch bemerkbar: „Wenn der Zugang zu Wettbewerben weiterhin auf einen engen Kreis erfahrener Büros beschränkt bleibt, wird uns auf lange Sicht der Nachwuchs für den Berufsstand ausgehen, der in der Lage ist, die Planungs- und Bauqualität in Deutschland zu erhalten.“

Vom Architekten zum Fachplaner

Doch wie gelingt es jungen Architekturbüros, trotz dieser Hürden erfolgreich zu sein? Zunächst einmal ist Durchhaltevermögen gefragt und der feste Wille, sein persönliches Können auszubauen. Weiterhin macht es Sinn, Nischen zu besetzen und sich über Spezialisierung einen Namen zu machen. „Die Entwicklung eigener und innovativer Berufsschwerpunkte sichert die Wettbewerbsfähigkeit und die Position des Architekten am Markt“, sagt auch Jürgen Lintner von der Vereinigung junger Architekten (VjA) e. V. Dabei sieht er die zunehmende Spezialisierung, die auch von vielen Länderarchitektenkammern gefördert wird, durchaus kritisch: „Der Trend geht hin zum Facharchitekten, der nur noch einen kleinen Teil des bisherigen Berufsbilds abdeckt. Es ist zu befürchten, dass der Architekt in Folge dieser Denkweise – wie zum Beispiel in den Niederlanden – zum ‚Fachplaner für Gestaltung‘ oder schlimmer zum ‚Fachplaner für Fassadengestaltung‘ degradiert wird.“

Nachwuchsförderung im Ausland

Dass es auch anders geht, zeigen Länder wie Dänemark, wo Architekten unter 40 speziell gefördert werden – Wildcard nennt sich das Konzept. Auch die Schweiz dient in Sachen Nachwuchsförderung als Vorbild. Berufseinsteiger mit ETH Diplom werden dort als vollwertige Architekten anerkannt. Zudem profitieren Jungarchitekten bei den Eidgenossen von einem funktionierenden, weil offenen Wettbewerbssystem, das noch dazu nicht EU-weit ausschreiben muss und entsprechend überschaubare Teilnehmerzahlen ermöglicht. Ganz anders als in Deutschland, wo bei den rar gesäten offenen Wettbewerben bis zu 500 Teilnehmer keine Seltenheit sind.

Deutsche Marktstruktur birgt auch Chancen

Einen Vorteil hat die deutsche Szene allerdings: Die kleinteilige Struktur der deutschen Architekturlandschaft kann auch ein Vorteil für Jungarchitekten sein. Denn ein Großteil der Büros ist inhabergeführt oder zählt nur wenige Mitarbeiter im Gegensatz zu England, Dänemark oder auch den USA, wo einige wenige Architekturfabriken den Markt beherrschen, für die sich kleinere Bauaufgaben gar nicht rechnen: „Insofern ergeben sich in der deutschen Marktstruktur eher Chancen für junge Büros, an eben diese Bauaufgaben zu kommen und daran zu wachsen“, so Heiner Farwick. Dennoch ist angesichts der derzeitigen Situation klar, dass sich etwas verändern muss. Was fehlt, ist eine flächendeckende, überregionale Förderung sowie mehr Pioniergeist und weniger starres Sicherheitsdenken. Denn das Potenzial ist da, man muss es nur nutzen – alles andere ist unsinnig und nicht nachvollziehbar.

„Das heutige Wettbewerbssystem kommt einem Berufsverbot für junge Architekten gleich.“

Ein Interview mit Dr. Dipl.-Ing. Jörn Köppler von Köppler Türk Architekten in Potsdam über die schwierige Situation junger Architekten und die Hürden des deutschen Wettbewerbssystems.

Herr Köppler, Sie haben 2011 zusammen mit anderen Architekten die „wettbewerbsinitiative“ gegründet. Wie kam es dazu und was sind die vorrangigen Ziele?

KöpplerWettbewerbe waren in Deutschland jahrzehntelang der klassische Weg, sich als Architekt einen Namen zu machen und eine Existenz aufzubauen. Auch wir haben diese Möglichkeiten genutzt, als wir unser Büro gegründet haben. Mittlerweile dominieren stark zugangsbeschränkte Verfahren, die die Hürden für Berufseinsteiger und kleine Büros extrem hoch setzen. Mit unserer Initiative fordern wir mehr Chancengleichheit und Transparenz bei der Teilnahme an Planungswettbewerben und Vergabeverfahren und setzen uns für die Öffnung des Wettbewerbswesens in Deutschland ein.

Wie funktioniert das deutsche Wettbewerbssystem in der Architektur – damals und heute?

KöpplerFrüher wurde eine große Zahl der Ausschreibungen für Planungsleistungen im Baubereich als offene Wettbewerbsverfahren ausgeschrieben. Heute funktioniert das in erster Linie über sogenannte Verhandlungsverfahren. Der entscheidende Unterschied dabei ist: Bei Wettbewerben geht es um die Konkurrenz von Ideen und Entwürfen, die anonym eingereicht und am Ende von einem Fachpreisgericht bewertet werden. Bei Verhandlungsverfahren ruft die öffentliche Hand auf, sich zu bewerben, aber nicht mit Ideen, sondern mit Referenzen. Es zählen Mitarbeiterzahl, Honorarumsätze und vergangene Bauerfahrung.

Mit welchem Ergebnis?

KöpplerFür junge Büros, talentierte Newcomer, aber auch kleine Bürostrukturen kommt dieses Vorgehen annähernd einem Berufsverbot gleich. Sie haben kaum noch Chancen, an öffentlichen Vergabeverfahren teilzunehmen, da sie die geforderten, völlig überzogenen Nachweise in aller Regel nicht erbringen können. Die Vergabe von Aufträgen aufgrund von Referenzmappen öffnet zudem der „Freundlwirtschaft“ Tür und Tor, da die Zugangsbeschränkungen intransparent und willkürlich sind und zudem vorher abgesprochen werden können.

Wie kam es zu diesen Einschränkungen?

KöpplerDiese Entwicklung ist letztlich ein Kind unserer Zeit. Sei es nun der öffentliche Sektor oder andere wirtschaftliche Einheiten und Betriebe – der Rechtfertigungsdruck in Bezug auf sämtliche Kostenpositionen ist heute erheblich und besteht auf allen Seiten. Daher herrscht ein enormes Sicherheitsdenken vor. Um Fehler zu vermeiden, versucht man im Vorfeld, die leistungsfähigsten und sichersten Büros herauszufiltern – aber nicht im Sinne von guter Architektur, sondern von technischer Leistungsfähigkeit. Genau das aber kehrt sich in das Gegenteil um, da die Planung erst gemacht wird, wenn der Auftrag schon längst vergeben ist. Zudem läuft die Auswahl der Büros nicht über Fachpreisrichter, sondern wird in der Regel vom Auslober selbst übernommen. Bauherren kaufen damit quasi eine Blackbox und wissen nicht, ob der Entwurf gut und auch kostengünstig sein wird.

Wie wirkt sich das auf die Baukultur in Deutschland aus?

KöpplerBei den öffentlichen Bauherren etablierte Büros stehen quasi außer Konkurrenz und müssen sich für eine Bauaufgabe nicht mehr sonderlich anstrengen. Welche Auswirkungen das auf die architektonische Qualität hat, kann man sich ausrechnen. Paradoxerweise rechnen sich kleinere Aufträge wie Schulen oder Kindergärten für große Büros auch wirtschaftlich nicht. Zeit und Kapazität, die letztlich dafür aufgewendet werden, reichen deshalb gerade einmal für Durchschnittsware. Im Gegensatz dazu würde ein junges Büro 120 Prozent für sein erstes Referenzprojekt geben. Auf dieses Potenzial zu verzichten, ist einfach nur unsinnig und nicht nachvollziehbar.

Welche Optionen bleiben jungen Architekten dann noch?

KöpplerViele sammeln ihre ersten Bauerfahrungen im Ausland. London war aufgrund der florierenden Baukonjunktur während der Olympischen Spiele lange interessant, aber auch Österreich und die Schweiz. Andere gehen den Weg über Großbüros. Allerdings nicht mehr unbedingt mit der Perspektive, sich selbstständig zu machen und eigene Ideen zu realisieren.

Welche Länder könnten für Reformen hierzulande als Vorbild dienen?

KöpplerDie Schweiz ist hier ein gutes Beispiel. Als nicht EU-Land müssen Wettbewerbe nicht europaweit ausgeschrieben werden. Damit existieren hier noch Wettbewerbe mit geringen Teilnehmerzahlen. Darüber hinaus herrscht in der Schweiz ein ganz anderes Selbstverständnis vor – die Vergabe von Bauaufträgen über offene Wettbewerbe wird hier noch als Motor einer baukulturellen Entwicklung wahrgenommen und die Nachwuchsförderung groß geschrieben.

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein?

KöpplerEs ist klar, dass sich etwas verändern muss. Zu diesem Zweck haben wir Anfang Juni 2014 eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben, die im Februar 2015 in Brüssel eingereicht wurde. Wir beklagen hier ganz klar die Vergabepraxis, nicht das Vergabegesetz. Denn die derzeit vorherrschenden Referenzhöhen sind gesetzlich gar nicht vorgesehen. Die Gelder haben wir über eine Spendenaktion gesammelt, an der sich eine Vielzahl Architekten beteiligt hat. Diese Unterstützung zeigt deutlich, dass dringender Handlungsbedarf gesehen wird. Lange Zeit hat man lieber stillgehalten aus Angst, potenzielle Auftraggeber zu verprellen. Mittlerweile wehren sich Architekten gegen diese unlautere Praxis – es gibt schließlich gar nichts mehr zu verlieren.

Dr. Dipl.-Ing. Jörn Köppler

...gründete 2008 in Potsdam das Architekturbüro "Köppler Türk Architekten". Zuvor studierte er Baukunst in Berlin und Graz und schloss 2007 seine Dissertation ab. Daneben engagiert er sich in der "Wettbewerbsinitiative" zur Öffnung zugangsbeschränkter Vergabeverfahren der öffentlichen Hand und betätigt sich als Fachautor zum Thema Architektur.

„Es fehlt oft an Vertrauen in junge Architekten“

275 Tonnen Altpapier halfen Dratz&Dratz Architekten beim Einstieg in die Selbstständigkeit. Mit ihrem "Papierhaus" gewannen die beiden Jungarchitekten 2007 den Wettbewerb „mobile working spaces – Temporäre Bauten als Raumangebote für Gründer“. Im Podcast erzählt Ben Dratz über die schwierigen Startbedingungen und wie es junge Architekten dennoch schaffen können, am Markt Fuß zu fassen.

 

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