Hightech-Schmiede Rumänien: Viel besser als ihr Ruf

Rumänien zählt nicht gerade zu den Volkswirtschaften im ehemaligen Ostblock mit Vorbildfunktion.  Gerade wirtschaftlich hat das einst hoch kultivierte Land zwischen Donau und Karpaten noch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Dabei zählt der dynamische Staat mit einem hohen Wirtschaftswachstum und einem prosperierenden IT-Sektor zu den Zugpferden in der Europäischen Union.

Mehr als nur Dracula oder die Walachei. Rumänien verzeichnet seit einigen Jahren ein Wirtschaftswachstum, das zu den höchsten in der Europäischen Union zählt. 2015 stieg das Bruttoinlandsprodukt um 3,6 Prozent, in diesem Jahr wird noch „eine Schippe draufgelegt“ und es dürften wohl 4,2 Prozent werden. Zum Vergleich: Das Plus in der gesamten EU betrug im vergangenen Jahr 1,9 Prozent. Mit weniger als 7 Prozent hält sich die Arbeitslosigkeit in Rumänien im Rahmen und die Konjunktur erhält dank niedriger Zinsen und einer stufenweise von 24 auf demnächst 19 Prozent sinkenden Mehrwertsteuer, die den Binnenkonsum ankurbelt, weiter Auftrieb. Die Staatsverschuldung in Höhe von ca. 39 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist im EU-Vergleich ebenfalls äußerst moderat.

Konsequente Korruptionsbekämpfung

Dennoch gilt das Land bei vielen immer noch als das Armenhaus Europas. Und vor allem als rückständig und korrupt. „Sehr zu Unrecht“, glaubt Gabor Hunya. „Denn Rumänien hat in mancher Hinsicht eine wirklich unglaubliche Entwicklung gezeigt“, so der Volkswirt am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. „Das gilt gleichfalls für die Korruptionsbekämpfung, die nicht zuletzt auch dank der Unterstützung aus Brüssel und Washington große Fortschritte vorweisen kann.“ Insbesondere die von den Vereinigten Staaten geförderte und eng mit dem Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung kooperierende Nationale Antikorruptionsbehörde DNA zeigt sich ziemlich gnadenlos. Sie sorgte dafür, dass bis dato ein Ex-Premier, zehn ehemalige Minister und rund 40 frühere Parlamentarier im Gefängnis landeten. „Auf lokaler Ebene besteht jedoch noch reichlich Nachholbedarf. Dort gibt es in Sachen Bestechlichkeit weiterhin Probleme.“

Bangalore der EU

Zudem konnte sich Rumänien in den vergangenen Jahren zu einem attraktiven Produktionsstandort mausern, etwa für Elektrotechnik-Firmen oder die Kfz-Zuliefererindustrie. Aber vor allem als Anbieter von IT-Dienstleistungen aller Art hat sich das Land einen hervorragenden Ruf erworben – sozusagen als ein „Bangalore Europas“. Im Global Services Location Index von A.T. Kearney rangiert Rumänien mittlerweile unter den Top 20 auf Platz 13. Viele Unternehmen aus Deutschland wie die Metro Group oder SAP haben das Potenzial bereits erkannt und deshalb Teile ihrer IT und ihres Supports nach Rumänien verlagert. Zahlreiche Mittelständler sollten folgen. Oder sie lassen gleich vor Ort Software entwickeln.

Schubkraft durch europäischen Binnenmarkt

Nearshoring heißt das Ganze aufgrund der geografischen, aber auch kulturellen und sprachlichen Nähe zu den Auftraggebern. Denn viele Rumänen sind mehrsprachig, neben Englisch sind ebenfalls Deutsch und Französisch sehr weit verbreitet. „Ein weiterer Vorteil ist natürlich die Zugehörigkeit zur Europäischen Union“, betont DIHK Vertreter Sebastian Metz. „Rumänien teilt gemeinsame Werte, einen gemeinsamen Gesetzesrahmen und gehört zum europäischen Binnenmarkt“, so der Geschäftsführer der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer in Bukarest. Was aber viel wichtiger ist: „Die Universitätslandschaft in Rumänien hat traditionell eine starke naturwissenschaftliche Ausrichtung.“ Darüber hinaus ist das Lohnniveau bei guter Qualifizierung im Vergleich zu anderen EU-Staaten deutlich niedriger. Software-Entwickler sind schon für rund 1.000 Euro monatlich zu haben, berufserfahrene Spitzenkräfte verdienen im Durchschnitt zwischen 2.500 und 3.000 Euro monatlich netto.

Bukarest statt Los Angeles

Die Revolution von 1989 und die im Vergleich zu anderen Staaten des früheren COMECON, der sozialistischen Wirtschaftszone unter sowjetischer Hegemonie, relativ lange und schwierige Transformationsphase hatte eine starke Abwanderung vieler, überwiegend jüngerer Rumänen zur Folge. Mehr als drei Millionen suchten deshalb ihr Glück im Ausland, manche aber kehrten mit ihrem neu gewonnenen Know-how nach Rumänien zurück. Nicht wenige gründeten im Ausland Unternehmen. So wie Costin Tuculescu, der in Los Angeles AnyMeeting.com ins Leben rief, und damit zahlreichen etablierten Anbietern von Online-Konferenzplattformen bereits erhebliche Konkurrenz macht. Und es gibt weitere Gründe, die für das Land sprechen: „Heute verfügt Rumänien selbst in ländlicheren Regionen über eine ausgezeichnete Infrastruktur, da von Anfang an auf moderne Technologien wie zum Beispiel Glasfasernetze gesetzt wurde“, erklärt Michael Marks. In der Walachei surft man deshalb heute deutlich schneller im Internet als beispielsweise in einigen Bezirken von Berlin. „Zum anderen ist auch die Zahl der Absolventen in den MINT-Fächern vergleichsweise hoch“, so der Repräsentant von Germany Trade &Invest (GTAI) in Rumänien. Infolgedessen hat Rumänien im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung auch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Menschen, die in den IT-Berufen ihr Geld verdienen. Über 9.000 kommen jährlich hinzu, die zuvor an einer der renommierten Hochschulen der Hauptstadt, aber auch in Cluj-Napoca oder Timi?oara ihre Ausbildung absolviert haben. Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der Beschäftigten im IT-Bereich auf rund 300.000 ansteigen, so eine Prognose der rumänischen Association of Software and IT Services (ANIS).

Kapitalzugang über das Internet

Und so ist es die Mischung aus all diesen Faktoren, die dazu führte, dass Rumänien heute Heimat einer äußerst kreativen und sehr lebhaften Start-up-Szene ist. Je nach Schätzung und zugrunde liegender Definition sind es zwischen 300 und 400 Unternehmen, die Software, Mobile Services oder E-Commerce-Lösungen anbieten. „Es ist relativ einfach, im Bereich IT eine Firma auf die Beine zu stellen“, bringt es Experte Hunya auf den Punkt. Im Regelfall reicht eine gute Idee. Bürokratische Hürden gibt es in Rumänien wenige und zahlreiche nationale sowie europäische Förderprogramme haben daran Anteil, dass der Unternehmergeist beflügelt wird.

95 Prozent Auslandsumsatz

Auf diese Weise sind einige Unternehmen entstanden, die es bereits zu beachtlicher Größe und Bekanntheit gebracht haben. Exemplarisch dafür ist der 2001 gegründete Security-Software-Anbieter Bitdefender, der zu einem der Marktführer für mobile Security-Lösungen wurde, 2014 einen Umsatz von 62 Millionen Euro verzeichnete und diesen laut Firmenangaben 2015 wohl um knapp 50 Prozent zu steigern vermochte. 95 Prozent seines Geschäftes tätigt das in Bukarest beheimatete Unternehmen im Ausland – damit steht Bitdefender geradezu exemplarisch für die Internationalität der gesamten rumänischen IT-Branche. GeCAD ist ein weiteres Beispiel für ein erfolgreiches Unternehmen: 1992 gegründet, entwickelte man dort ebenfalls Antiviren-Programme, die von bald 10 Millionen Usern weltweit genutzt wurden. 2003 verkauften ihre Erfinder das Unternehmen für eine nicht näher genannte Summe an Microsoft. Dieses Geld investierten sie dann in neue Aktivitäten wie das E-Payment-System PayU Romania, den Buchhaltungs-Outsourcer SmarTree oder E-Commerce-Anbieter Avantgate.

Großes Engagement der Hochschulen

Offensichtlich stehen vor allem in der jüngeren Generation in Rumänien eigenes Engagement und Unternehmergeist hoch im Kurs. „Gerade für ambitionierte und gut vernetzte Absolventen der technischen Hochschulen ist die Gründung eines eigenen Unternehmens die interessantere Alternative, weil die Gehälter in der Industrie oftmals niedrig und die Aufstiegsmöglichkeiten begrenzt sind“, weiß Marks zu berichten. Dies bestätigt eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Kooperation mit dem Zentrum für Unternehmertum an der Universität München: Knapp 80 Prozent der Rumänen im Alter von unter 30 Jahren mit einem Hochschulabschluss stehen der Idee, selbstständig zu arbeiten, sehr aufgeschlossen gegenüber. Nur 26 Prozent haben Angst davor, dass ihr Versuch auch daneben gehen könnte. „Vor allem sind sie beim Aufbau von B2B-Plattformen, im E-Commerce, aber auch im Gesundheitswesen oder der Touristik aktiv“, beschreibt GTAI-Experte Marks die Bereiche, in denen rumänische Start-ups aktiv sind. An Kreativität mangelt es ihnen dabei gewiss nicht. So warb kürzlich ein potenzieller Gründer aus Rumänien um Venture Capital für seine Idee, ein Reservierungsportal für Plätze auf Friedhöfen aufzubauen. Dracula lässt grüßen.

„Rumänien hat enorme Fortschritte gemacht“

Ein Interview mit Michael Marks, Repräsentant von Germany Trade & Invest (GTAI) in Bukarest.

In Rumänien liegen Licht und Schatten oft nahe beieinander. Zum einen wächst die Wirtschaft beachtlich, zum anderen grassiert nach wie vor die Korruption und weite Teile des Landes nehmen an der wirtschaftlichen Entwicklung nicht teil. Stimmt die Beobachtung?

MarksIn der Tat hat Rumänien in den vergangenen Jahren beeindruckende Wachstumszahlen vorgelegt. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2015 wohl um 3,5 Prozent gewachsen sein, was EU-weit einer der Spitzenplätze ist. Auch in Sachen Korruptionseindämmung hat das Land enorme Fortschritte gemacht, wie noch im Januar 2016 von der EU-Kommission in einem Bericht bestätigt wurde. Trotzdem gibt es immer noch eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung und der Realität, was zur Folge hat, dass Rumänien oftmals unterschätzt wird. So ist zum Beispiel auf der Makroebene die Korruption knallhart und sehr erfolgreich bekämpft worden. Auf lokaler Ebene mag das manchmal anders aussehen, weil vielleicht alte Seilschaften dort noch das Sagen haben. Und eine Diskrepanz zwischen den urbanen Zentren und der Peripherie ist nichts Außergewöhnliches, sondern ein Phänomen, das in vielen Volkswirtschaften zu beobachten ist. Sogar in Deutschland.

Rumänien hat sich in den vergangenen Jahren einen sehr guten Ruf als IT-Standort erworben. Was waren dafür die wesentlichen Gründe?

MarksDafür gibt es einerseits historische Gründe, weil bereits vor der Revolution von 1989 das Niveau der technischen Ausbildung sehr gut war. Diese Tradition setzt sich bis heute fort. Zum anderen ist auch die Zahl der Absolventen in den MINT-Fächern vergleichsweise hoch. Darüber hinaus verfügt Rumänien selbst in ländlicheren Regionen über eine ausgezeichnete Infrastruktur, da von Anfang an auf moderne Technologien wie zum Beispiel Glasfasernetze gesetzt wurde.

Die Mehrzahl der rumänischen Start-ups ist im IT-Bereich aktiv. Wie sieht es in anderen Branchen aus?

MarksStart-ups entstehen in zahlreichen Branchen, der IT-Bereich ist nur einer von vielen. Vor allem sind sie beim Aufbau von B2B-Plattformen, im E-Commerce, aber auch im Gesundheitswesen oder der Touristik aktiv. Zudem gibt es nicht wenige Apps, die aus Rumänien kommen. Der Grund dafür: Man braucht für ihre Entwicklung viel technisches Know-how, aber relativ wenig Kapital.

Gibt es so etwas wie eine typisch rumänische Gründermentalität?

MarksVon einer typisch rumänischen Gründermentalität zu sprechen ist schwierig. Sehr wohl aber gibt es vor allem unter den Jüngeren einen starken Drang nach Selbständigkeit, der vielleicht stärker als in anderen Ländern ausgeprägt ist, die etwas „satter“ sind. Gerade für ambitionierte und gut vernetzte Absolventen der technischen Hochschulen ist die Gründung eines eigenen Unternehmens die interessantere Alternative, weil die Gehälter in der Industrie oftmals niedrig und die Aufstiegsmöglichkeiten begrenzt sind. Auch sind Rumänen auf globalen Freelancer Plattformen stark vertreten und bieten ihre Dienstleistungen weltweit an. Daraus dürfte ebenfalls die eine oder andere Idee für ein Start-up entstanden sein.

Was sind ihrer Einschätzung zufolge die Kompetenzen rumänischer Start-ups und wo liegen ihre Schwächen?

MarksRumänische Start-ups basieren auf dem Know-how ihrer Gründer sowie einer zündenden Idee. Technisch bieten sie viel Innovatives, das ist definitiv ihre Stärke. Woran es jedoch manchmal hapert, sind die Fähigkeiten, das Ganze in ein funktionierendes Geschäftsmodell mit einem Businessplan einzubetten. Das Marketing ist häufig recht schwach ausgeprägt.

Wie ist es um die Finanzierung dieser jungen Unternehmen bestellt? Gibt es wie beispielsweise in Israel oder anderen Ländern mit einer lebhaften Start-up-Szene ausreichend Venture Capital?

MarksDie Finanzierung ist für viele rumänische Start-ups ein durchaus ernstes Problem. Venture Capital steht wenig zur Verfügung. Kapital kommt häufig über informelle Netzwerke wie Familien oder Freunde. Ferner hat die Regierung in Bukarest ein Programm aufgelegt, das Unternehmensgründungen mit bis zu 10.000 Euro fördert, sofern mindestens zwei Arbeitsplätze geschaffen werden. 25.000 neue Firmen sind so in den letzten fünf Jahren bereits entstanden. EU-Programme und Steuervorteile tun ihr Übriges.

Wie stehen rumänische Start-ups im internationalen Vergleich da?

MarksMan ist auf der Landkarte recht gut vertreten. Beispielsweise stammen zehn der 50 von Deloitte in ihrem Ranking „Technology Fast 50 in Central Europe“ genannten Unternehmen aus Rumänien. Zugleich wird auch die Bandbreite der rumänischen Start-ups darin deutlich: Vom Finanzdienstleister bis zum Anbieter für ein cloudbasiertes Parkplatz-Management ist alles vertreten.

...nach VWL-Studium und dreijähriger Beschäftigung bei einem Rückversicherer startete er 1987 eine Tätigkeit für die damalige BfAI (Bundesstelle für Außenhandelsinformation) und heutige GTaI (Germany Trade and Invest). Sie führte über langjährige Aufenthalte in Athen, London und Kairo Ende 2013 nach Bukarest.

„Lebhafte Community aus Studenten und Start-ups“

Ein Interview mit Sebastian Metz, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer in Bukarest.

Rumänien kann seit fünf Jahren mit respektablen Wachstumszahlen aufwarten. Wo liegen Ihrer Meinung zufolge die großen Stärken und wo die großen Schwächen der rumänischen Volkswirtschaft?

MetzDas Wirtschaftswachstum in Rumänien hat das vieler anderer europäischer Länder in den letzten zwei Jahren überholt und wird mit ähnlichem bzw. höherem Tempo als den 2,8 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2014 und den voraussichtlichen 3,5 Prozent in 2015 weiter wachsen.

Welches sind die größten Vorzüge des Landes?

MetzZu den Stärken des Standortes zählt das attraktive Lohnniveau bei guter Qualifizierung des Personals, das bereits zahlreiche wichtige Investoren angezogen hat. Die niedrigen Lohnkosten auf dem rumänischen Arbeitsmarkt im Vergleich mit anderen EU-Staaten sind einer der zentralen Standortvorteile des Landes. Ein weiterer Vorteil ist die Zugehörigkeit zur EU. Rumänien teilt gemeinsame Werte, einen gemeinsamen Gesetzesrahmen (Acquis communautaire) und gehört zum europäischen Binnenmarkt. Für absatzorientierte Unternehmen sind die Größe und die günstige geografische Position des Marktes wichtig: Mit seinen rund 20 Millionen Einwohnern ist Rumänien der größte Markt in der Region Südost Europa. Der große Nachholbedarf, der weiterhin in vielen Bereichen besteht, und die positive wirtschaftliche Entwicklung des Landes eröffnen besonders für deutsche Unternehmen interessante Geschäftsmöglichkeiten.

Wie steht es um die Infrastruktur in Rumänien?

MetzUm das Potenzial des Landes weiter zu heben, ist es umso wichtiger, die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Im Bereich Telekommunikationen steht das Land gut da, auch viele ausländische Unternehmen, darunter auch deutsche, haben hier investiert. Das Internet funktioniert sehr gut, besonders in den Städten. Unzufriedenheit herrscht jedoch unter Investoren beim Thema Verkehrsinfrastruktur. Rumänien steht mit nunmehr rund 700 Kilometern Autobahn auf einem der letzten Plätze in Europa. Das ist ein bedeutender Standortnachteil. Es gibt zwar Bauprojekte, im Westen des Landes zum Beispiel, aber das Tempo des Ausbaus muss erhöht werden. Dies umso mehr, da es von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der derzeit eher schwächeren Regionen insbesondere im Osten des Landes ist.

Vor allem in Sachen IT-Dienstleistungen hat sich das Land einen sehr guten Ruf erworben. Was sind Ihrer Einschätzung nach die Gründe dafür?

MetzDie Gründe sind darin zu sehen, dass die Universitätslandschaft in Rumänien traditionell eine starke naturwissenschaftliche Ausrichtung hat. Mathematik zum Beispiel hat von jeher eine besondere Rolle gespielt. Rumänien ist bei den Mathematik-Olympiaden stets vorne dabei. Es hat sich in diesem Umfeld auch eine lebhafte Community gebildet, aus Studenten und Start-up-Unternehmen, die sich weiter entwickelt. Und es gibt einige vorbildliche, weltweit agierende, rumänische Unternehmen, die den Standort Rumänien weiter entwickelt haben. Grundsätzlich sind im IT-Sektor, was für den ganzen Standort gilt, gut ausgebildete Fachkräfte vorhanden. Besonders die Steuervorteile (Einkommenssteuerbefreiung) für die Unternehmen in der IT-Branche und die Standortvorteile haben dazu geführt, dass sich dieser Industriesektor gut weiterentwickelt hat.

Bereits 1996 erkannte Microsoft das Potenzial rumänischer Programmierer. Adobe, Intel und Amazon sollten folgen. Ist es für rumänische Uniabsolventen reizvoller, sich von großen Unternehmen anheuern zu lassen oder selbst ein Start-up zu gründen?

MetzIch weiß nicht, ob rumänische Uniabsolventen sich von Großunternehmen eher anheuern lassen oder lieber selbst Start-ups gründen. Man müsste dazu Uniabsolventen selber interviewen bzw. eine statistische Erhebung durchführen. Man kann nicht sagen, ob das eine oder das andere der Fall ist, es kommt wahrscheinlich ganz auf den Charakter der Person an. Einige suchen Sicherheit oder reizvolle Aufgaben in einem multinationalen Konzern, andere kommen in einer Gruppe zu einer Businessidee, die sie dann weiter entwickeln wollen, und entwickeln einen ausgeprägten Geschäftssinn.

Gibt es so etwas wie eine typisch rumänische Gründermentalität?

MetzAus unserer Sicht ist nicht erkennbar, dass es so etwas wie 'typische rumänische Gründermentalität' gibt. Es gibt eine dynamische, junge, weltoffene, interessierte Generation in Rumänien, die optimistisch nach vorne schaut und etwas im Land verändern möchte. Ja, vielleicht sind einige etwas ungeduldig. Sie wollen, dass gesellschaftliche Veränderungen schneller passieren, aber mit Blick auch auf die vielen Auslandsrumänen kann man schon sagen, dass das Interesse an Rumänien wächst und dass viele darüber nachdenken, wieder 'nach Hause' zu kommen – also es hat sich schon etwas verändert in Rumänien, zum Positiven. Und für viele hat es Sinn, sich selbstständig zu machen.

Rumänien brauchte im Unterschied zu anderen früheren Ostblockstaaten deutlich mehr Zeit, um wirtschaftlich halbwegs wieder auf die Beine zu kommen. Ist dieses Klima der Unsicherheit und Umbrüche nicht auch zugleich ein fruchtbarer Boden für Start-ups?

MetzIch glaube nicht, dass Start-ups in einem unsicheren gesellschaftlichen und/oder wirtschaftlichen Umfeld gedeihen. Eher im Gegenteil. Dadurch, dass eine neue Generation entsteht und die Türen nach Europa offen stehen, um in die Welt zu reisen, das beflügelt die Leute. Rumänen sind offen und interessiert. Sie wollen Sachen verändern. Außerdem geht es wirtschaftlich bergauf, neue Lösungen, neue Dienstleistungen und Produkte werden nachgefragt und gebraucht. Das ist aber heute der Fall und hat nichts mit dem Umbruch vor über 20 Jahren zu tun. Was jetzt entsteht, die neue Generation, die möchte etwas erreichen. Viele Jugendliche studieren im Ausland und viele von ihnen wollen heimkehren. Sie bringen von dort Know-how mit und wenden hier das Gelernte an.

...ist seit 2012 Geschäftsführer der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer. Er verfügt über mehrjährige Auslandserfahrung durch seinen Unternehmenstätigkeiten in Algerien und Nepal. Metz studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Trier und machte 2007 sein Diplom.

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