Am Puls der Digitalisierung

Sie sind jung, ehrgeizig und entwickeln sich immer mehr zu Jobmotoren. Die Rede ist von den zahlreichen Start-ups in Deutschland. Längst scheint die Szene erwachsen geworden zu sein. Start-ups ziehen gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte wie Magneten an und schaffen im Durchschnitt pro Unternehmen 17,6 Arbeitsplätze. In ganz Deutschland dürften bei ihnen also rund 100.000 Menschen beschäftigt sein – Tendenz weiter steigend.

Technikaffin, dynamisch und ehrgeizig

All das jedenfalls geht aus dem aktuellen Start-up-Monitor hervor, den der Bundesverband Deutsche Start-ups e. V. in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) und der Unternehmensberatung KPMG im Herbst vergangenen Jahres vorstellte. Rund 6.000 dieser Neuunternehmen, die jünger als zehn Jahre sind und mit ihren Produkten oder Dienstleistungen auf Marktnischen zielen, fallen unter diese Kategorie. Ihre Merkmale: Sie sind ausgesprochen technikaffin, dynamisch und haben große Ziele: Mehr Kunden, mehr Mitarbeiter und vor allem rasches Wachstum. Und nicht selten machen sie mit ihren disruptiven Innovationen selbst etablierten Großkonzernen das Leben schwer.

Die Gründungen werden erwachsen

„Nach rund 16 Jahren steckt die deutsche Start-up-Szene gewiss nicht mehr in den Kinderschuhen“, meint Alexander Hüsing. „Zwar hat sie die wilden Jahre eindeutig hinter sich gelassen, aber so richtig erwachsen kann man sie auch noch nicht nennen“, so der Chefredakteur von deutsche-startups.de, einem Nachrichtenportal, das so etwas wie der Branchenfunk für Gründer und Jungunternehmer ist. Einige bemerkenswert erfolgreiche Unternehmen sind in dieser Zeit entstanden. Zu nennen ist das Online-Kaufhaus Zalando oder 6Wunderkinder, bekannt durch seine To-do-Software Wunderliste, weitere, wie der Online-Brillenhändler Mister Spex oder Kochboxen-Versender Hello Fresh, mausern sich derzeit zu respektablen Unternehmen.

Einseitiger Blick

Aber im Vergleich zu den Vereinigten Staaten sind sie alle immer noch Zwerge. „Wenn wir in Deutschland von Gründern, Gründerkultur und Start-ups sprechen, dann liegt das Augenmerk in der Politik und in den Medien vor allem auf technologieorientierten Unternehmen“, erklärt Günter Faltin. „Wir schielen auf Silicon Valley und wünschen uns das nächste Facebook“, so der emeritierte Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität in Berlin und Autor der beiden Bücher „Kopf schlägt Kapital“ und „Wir sind das Kapital“. „Andere Gründungen, etwa solche konzept-kreativer Art, die durchaus vergleichbare Produktivitätsfortschritte mit sich bringen können, geraten dabei etwas aus dem Blickfeld.“

Mangelnde Offenheit der Verbraucher in Deutschland

Zudem ist es nicht immer ganz einfach, in Deutschland eine Idee in ein tragbares Geschäftsmodell umzusetzen, das dann auch noch Bestand hat. So konnte Apple auch deswegen so erfolgreich sein, weil man in den Vereinigten Staaten gerne neue Sachen ausprobiert und dafür bereit ist, viel Geld auszugeben. Zum anderen wird hierzulande unternehmerisches Scheitern immer noch als ein Stigma betrachtet und keineswegs als Erfahrung, die helfen kann, es beim nächsten Versuch besser zu machen. Viel zu selten noch gibt es Business Angels wie beispielsweise Cornelius Boersch, der sein Geld erst in das Sportfreunde-Online-Netzwerk „Sport Me“ steckte, das ordentlich floppen sollte, um denselben Gründern erneut für den dann sehr erfolgreichen Essensbringdienst „Lieferando“ Kapital zur Verfügung zu stellen – Lehrgeld halt.

Gesättigtes Umfeld als Hemmschuh

„Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns“, ist Experte Faltin überzeugt. „Es hilft aber nicht weiter, auf die amerikanische Verhältnisse zu verweisen. Sie haben eine andere Geschichte. Von Einwanderern, die dem Wertesystem des kolonialen Europas entflohen waren, von Außenseitern, die zu Pionieren wurden.“ Eine lebendige Start-up-Szene ist deshalb vor allem in Ländern zu beobachten, die andere Rahmenbedingungen haben als Deutschland. „In einem sicheren, gesättigten Umfeld fällt es schwer, den Schritt zum Entrepreneur zu machen.“ So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass ausgerechnet Frankreich derzeit besonders viele Start-up-Gründungen verzeichnet. Prominente Beispiele sind weezevent, eine Online-Ticket-Plattform, oder der Mitfahrdienst Blablacar, der mittlerweile sogar in Indien vertreten ist. Der kleine Gründerboom westlich des Rheins hat ganz spezifische Ursachen: Frankreichs Wirtschaft wird von wenigen Großunternehmen dominiert, die aufgrund ihres Mangels an Flexibilität mitverantwortlich für den konjunkturellen Stillstand sind. Diese verkrusteten Strukturen schrecken viele junge High Potentials eher ab und motivieren sie dazu, mit eigenen Ideen selbst an den Start zu gehen.

Silicon Spree

Ein ganz besonderer Pool in Deutschland ist Berlin, das sich zum Zentrum der Start-up-Szene in Deutschland entwickeln konnte. „Die Stadt gehört inzwischen weltweit zu den begehrtesten Orten für Start-ups“, weiß Professor Faltin. „Hier herrscht eine Atmosphäre, in der ‚über die Schulter zu sehen‘ zur Einladung wird, statt ängstlich das ‚nicht Gemeinsame‘ zu betonen.“ Rund zwanzig Co-working-Spaces beheimatet Berlin, dazu zahlreiche Inkubatoren. Zudem herrscht ein reger Austausch zwischen Gründern und Hochschulen. „Große Hubs sind definitiv Berlin, München, Hamburg und Köln“, weiß Chefredakteur Hüsing zu berichten.

Finanzierung bleibt die größte Hürde

Dennoch scheint die Zahl der Start-ups hierzulande im Vergleich zu anderen Ländern noch etwas überschaubar zu sein. An bürokratischen Hürden liegt das jedenfalls nicht. „In Deutschland ist bis dato noch kein richtiges Ökosystem für Start-ups entstanden, das mit den Vereinigten Staaten vergleichbar wäre“, erklärt Thomas Bachem. „Auch in Sachen Venture Capital liegen wir weit zurück.“ Damit spricht der Stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Start-ups e. V. in Berlin das leidige Thema der Finanzierung an. Zwar hat Deutschland Großbritannien als größter europäischer Empfänger von Wagniskapital 2014 überholt. Aber im Vergleich zu den Vereinigten Staaten ist es definitiv schwerer, an wirklich signifikante Summen zu kommen. Und sogar in das kleine Israel flossen 2015 knapp vier Milliarden Dollar – eine Summe, von der man in Deutschland noch weit entfernt ist. In der ganzen EU waren es laut Roland Berger im vergangenen Jahr wohl 5,7 Milliarden Dollar. „Dabei stehen wir im Vergleich in Europa gar nicht mal so schlecht da“, glaubt Bachem. „Es ist ein wenig so wie mit dem viel diskutierten Thema Industrie 4.0. Der Wunsch, die Innovationskraft alter und neuer Industrien zu verbinden, ist auf jeden Fall vorhanden. Daraus sind bereits viele kleine Erfolgsgeschichten entstanden, aber noch keine richtig große.“ Sogar die Exits – wenn die Gründer eines Start-ups ihre Anteile verkaufen, weil dieses einen gewissen Reifegrad und damit einen mitunter sehr hohen Wert erreicht hat – fallen in Deutschland relativ bescheiden aus.

Träge Konzerne

Mittlerweile üben aber viele etablierte Unternehmen den Brückenschlag zu quirligen Newcomern. „Selbst Großkonzerne investieren immer mehr in Start-ups“, so die Beobachtung von Filipp Piatov, PR- und Kommunikationsmanager von Cookies, Entwickler einer Bezahl-App für Smartphones in Berlin. „Manche tun es mit eigenen Inkubatoren oder Acceleratoren.“ Beispiele dafür sind die Deutsche Telekom oder Axel Springer. „Andere dagegen gehen Partnerschaften mit Start-ups ein, die Dienstleistungen oder technische Lösungen anbieten, die sie selbst so schnell und günstig nicht hätten entwickeln können.“ Auf diese Weise lösen sie Innovationsblockaden in der eigenen Organisation auf und profitieren zugleich von dem Unternehmergeist der Start-ups. „Gleichzeitig müssen Konzerne natürlich darauf achten, nicht von ihnen überholt zu werden. Denn viele Start-ups haben größere Ambitionen, als nur Dienstleister etablierter Unternehmen zu sein“, betont Piatov. „Sie wollen häufig auch in Konkurrenz zu ihnen treten.“

Neue Form der Arbeitsteilung

Wenn es um Fragen rund um das Thema IT geht, ist mittlerweile eine Art Arbeitsteilung zu beobachten. Die klassischen Strukturen bleiben im Unternehmen selbst, während die neuen Technologien gerne auf der Start-up-Spielwiese ausprobiert werden. Dafür hat die Ergo-Versicherung eigens in Berlin das „Digital Lab“ etabliert, Einzelhändler Edeka eine separate Einheit namens „Lunar“ und der Stahl- und Metallhändler Klöckner sein „kloeckner.i“. Das hat gute Gründe: Laut einer aktuellen Untersuchung der Consultants von Crisp Research brauchen die IT-Abteilungen großer Unternehmen im Durchschnitt rund drei- bis vier Mal mehr Zeit und Ressourcen, um eine notwendige IT-Lösung zu entwickeln als ein Start-up. Auf diese Weise könnten die Start-ups von heute die Konzerne von morgen werden – und umgekehrt.

„Viele Mittelständler haben Start-ups auf dem Radar“

Ein Interview mit Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de in Berlin, über die Gründerszene in Deutschland.

Befindet sich die deutsche Start-up-Szene noch in den Kinderschuhen, oder ist sie ihnen bereits entwachsen?

HüsingNach rund 16 Jahren steckt die deutsche Start-up-Szene gewiss nicht mehr in den Kinderschuhen. Zwar hat sie die wilden Jahre eindeutig hinter sich gelassen, aber so richtig erwachsen kann man sie auch noch nicht nennen. Einige sehr erfolgreiche Unternehmen sind in dieser Zeit entstanden, zum Beispiel Zalando oder 6 Wunderkinder. Dennoch bleibt die Start-up-Szene weiter in Bewegung. Ihre Vorbilder sind nach wie vor die mutigen Gründer, die es geschafft haben, aus einer Idee ein lohnendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Nachholbedarf gibt es allerdings noch bei ausreichend Business Angels, die ihre Expertise an Neugründer weitergeben und gegebenenfalls auch bereit sind, ihr Privatvermögen in neue Start-ups zu investieren.

Gibt es regionale Schwerpunkte in Sachen Start-ups?

HüsingGroße Hubs sind definitiv Berlin, München, Hamburg und Köln. Andere Städte wie Stuttgart oder Leipzig spielen da eher schon in der zweiten Liga. Die in diesen Städten aktiven Start-ups decken so ziemlich das gesamte Branchenspektrum ab. In Berlin ist vielleicht E-Commerce als Schwerpunkt zu nennen, in Hamburg waren anfangs Unternehmen aus dem Bereich Gaming sehr präsent.

Was sind Ihrer Beobachtung zufolge die häufigsten Gründe für ein Scheitern von Start-ups? Liegt das eher an der mangelnden Finanzierung oder an Fehlern bei der Umsetzung einer Idee zum fertigen Produkt?

HüsingDie Gründe für ein Scheitern können unterschiedlichster Natur sein. Zum einen sind es die klassischen Anfängerfehler wie die Fehleinschätzung des Marktes oder die Unfähigkeit, ein vernünftiges Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen. Auch die Entwicklung vom Business-to-Customer hin zum Business-to-Business stellt für einige wohl eine unüberwindbare Hürde dar. Die Finanzierung in der Gründungsphase dagegen ist weniger problematisch – wohl auch deshalb, weil anfangs eher kleinere Summen im Spiel sind, die relativ einfach zu beschaffen sind. Die Frage der Kapitalbeschaffung erweist sich für viele Unternehmen erst dann als richtig brenzlig, wenn sie wirklich groß werden wollen und zweistellige Millionenbeträge brauchen.

Eine lebendige Start-up-Szene ist oftmals in Ländern zu beobachten, deren Umfeld eher von Unsicherheiten geprägt ist. Israel ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Tun sich reifere Volkswirtschaften vielleicht etwas schwerer, einen derartigen neuen Unternehmergeist hervorzubringen?

HüsingEine einheitliche Erklärung für dieses Phänomen lässt sich schwer ausmachen. Wohl aber kann man sagen, dass dort, wo große Konzerne mit ihren verkrusteten Strukturen dominieren, die wenig wirkliche Innovationen zulassen, oftmals eine Lücke entsteht, die Start-ups dann zu schließen vermögen. Sie stellen althergebrachte Geschäftsmodelle infrage, entwickeln oftmals disruptive Technologien und mischen ganze Branchen auf. Tesla und die Reaktionen der Autohersteller ist dafür ein gutes Beispiel: Erst wurden das Unternehmen und seine Produkte belächelt, dann bestaunt und plötzlich brachen alle in wilden Aktionismus aus und wollen ebenfalls Elektroautos bauen.

Wie würden Sie das generelle Verhältnis zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups beschreiben? Gibt es verstärkt Ansätze, sich im Bereich Forschung und Entwicklung stärker mit jungen und kreativen Start-ups zu vernetzen?

HüsingInkubatoren, die Start-ups dabei helfen, ihr Geschäftsmodell auszugestalten und in die Realität umzusetzen, werden in Deutschland mittlerweile wohl vom gesamten Who's who der Industrieunternehmen betrieben. Ebenso Acceleratoren, die für Start-ups bei der weiteren Konkretisierung und Umsetzung ihrer Ideen helfen. Die Firmen legen dabei ein großes Maß an Eigeninteresse an den Tag. Sie erhoffen sich, auf diese Weise für ihre Kunden neue Produkte oder Services zu schaffen.

Ist dies auch für kleine und mittlere Unternehmen eine interessante Option?

HüsingAuf jeden Fall. Auch viele Mittelständler haben Start-ups auf ihrem Radar und kooperieren eng mit ihnen. Ein Beispiel dafür ist der Heizungshersteller Viessmann, der mit seinem Innovation Boiler sogar ein ganzes Programm aufgelegt hat, um das kreative Potenzial, das Start-ups bieten, besser ausschöpfen zu können.

...ist Chefredakteur und Gründer von deutsche-startups.de. Nach seinem Studium der Geschichte und Politik heuerte er bereits früh als Journalist bei diversen Medien wie der WAZ, Spiegel-Online oder Unicum an. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups.

EFI Gutachten 2016: Es gibt viel zu tun – packen wir’s an

Im Frühjahr eines jeden Jahres legt die Expertenkommission Forschung & Innovation ihr Jahresgutachten zu den Entwicklungen am Standort Deutschland vor. Die neueste Ausgabe kommt in ihrem Kapitel zu Geschäftsmodellen der digitalen Wirtschaft zu ernüchternden Ergebnissen für die deutschen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

In ihrem Jahresgutachten werfen die Experten aus Forschung und Wissenschaft einen kritischen Blick auf die deutsche Forschungs- und Entwicklungslandschaft. Auf dem Prüfstand stehen dabei Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und die Vorgaben der Politik, mit denen diese ihre Ziele zu steuern versucht. Das Jahresgutachten 2016 besteht aus drei Teilen von Analysen und Empfehlungen: Das erste Kapitel beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen, das zweite stellt eine Reihe detaillierter Untersuchungen vor und das dritte dokumentiert die Entwicklung des deutschen Forschungs- und Innovationssystems anhand von acht Indikatorengruppen. Die Redaktion von 52°LIVE hat sich die Einschätzung der Expertenkommission zum Thema Geschäftsmodelle der digitalen Wirtschaft genauer angesehen.

Deutschland hinkt digitaler Entwicklung hinterher

Demnach sind vier von fünf Gründungen in der digitalen Wirtschaft Internetunternehmen. Ganz besonders interessieren sich die jungen Gründer dabei für innovative Geschäftsmodelle, die auf Technologien wie Cloud Computing oder Big Data basieren. Doch die aktuelle Situation, so die Expertenkommission, sei alarmierend. Deutschland hat sowohl im IKT-Bereich in den letzten Jahrzehnten massiv an Boden verloren, zugleich ist es Deutschland bislang nicht gelungen, in den neuen Bereichen der digitalen Wirtschaft Kompetenzen aufzubauen, denn hier dominieren in erster Linie die US-Firmen. Als Gründe für diese Entwicklung machte die Kommission dabei zwei gravierende Fehlentwicklungen aus. Zum einen wurde von politischer Seite über lange Zeit versäumt, gute Rahmenbedingungen für neue internetbasierte Geschäftsmodelle zu schaffen, zum anderen fehlt ein überzeugender strategischer Ansatz für die Forschungs- und Innovationspolitik im Bereich digitaler Innovation.

Vorzeigebranche Automobilbau im Fokus

Die Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel für eine Branche, die in vielen Bereichen ihres Geschäftsmodells derzeit den Wandel zur Digitalisierung mit voller Wucht spürt – in der Produktion wie auch in den Serviceleistungen, die die Kunden für Ihre Fahrzeuge erwarten. Da ist zum Beispiel die Erfassung von Daten zum Nutzungsverhalten von Fahrzeugbesitzern, um daraus neue interaktive Angebote zu entwickeln. Ein anderes Beispiel ist der Markteintritt völlig neuer Player in den Markt – Stichwort Tesla oder Apple – und die disruptiven Kräfte, die sie auf diesen Märkten entfalten können. Langfristig wird dies die Branche extrem verändern und möglicherweise zur Erosion einzelner Märkte führen. Dabei war die Autobranche durch ihren frühzeitigen Einsatz von Robotern in der Produktion ein Vorreiter in puncto neue Technologien. Andere Branchen, so die Studie, könnten diesen Trend ebenfalls durchlaufen.

Amerikaner definieren den Markt

Wie weit Deutschland der Entwicklung bereits hinterher hinkt, zeigen auch die absoluten Zahlen. So hat sich die Marktkapitalisierung der US-Unternehmen im Segment der digitalen Dienstleistungen und Angebote in den vergangenen zehn Jahren nahezu verfünffacht, in Südkorea immerhin verdreifacht (siehe Infografik). Deutschland hingegen verzeichnete in diesem Zeitraum lediglich ein moderates Wachstum und fällt derzeit noch weiter zurück. Zu den kapitalstärksten Firmen zählen in Deutschland Zalando, United Internet und etablierte Firmen wie Axel Springer – doch auch sie konnten in puncto Wachstum nicht mit der Entwicklung in den USA mithalten. Was jedoch die Entwicklung von Giganten wie eBay oder Google angeht – Fehlanzeige.

Falscher Fokus auf Schlüsselindustrien

Damit diese Entwicklung nicht noch weiter voranschreitet, ist die Politik zur gezielten Förderung des Wirtschaftsstandorts Deutschland angehalten. Doch dies ist einfacher gesagt, als getan. Innovationsförderung in Deutschland, so die Kommission, sei bislang auf einzelne Branchen bezogen – zumeist die exportstarken. Doch genau dies bemängelt die Kommission, denn digitale Geschäftsmodelle entwickeln sich derzeit in allen Sektoren. Von daher sei die überwiegende Förderung industriespezifischer Ansätze wie Industrie 4.0 oder E-Health der falsche Weg. Hier bestehe die Gefahr, dass der Blick auf den Mangel an Schlüsselfähigkeiten verstellt werde und Lerneffekte aus dem Bereich der digitalen Welt nur teilweise genutzt werden.

Investoren zu risikoscheu

Zu den weiteren Spezifika des deutschen Marktes zählt zum einen die Schwäche des hiesigen Marktes für Wagniskapitalfinanzierung – es gibt einfach zu wenige Investoren, die bereit sind, Risiken einzugehen. Zum anderen bemängelt die Kommission Schwächen des Standorts Deutschland wie beispielsweise die teilweise schlechte digitale Infrastruktur, die selbst in Europa mit der Spitzengruppe nicht mithalten kann. Demnach ist es nicht weiter verwunderlich, dass keine deutsche Stadt unter den fünf führenden Städten Europas genannt wird, denn London, Amsterdam, Stockholm, Helsinki und Kopenhagen liegen weit vor den deutschen Konkurrenten.

KMU: Falsche Einschätzung der Lage

Insbesondere in den kleineren Unternehmen zeigt sich ein Wahrnehmungsproblem vieler Mittelständler: Die etablierten Unternehmen gehen zwar davon aus, dass digitale Technologien vor allem in der Gesamtwirtschaft oder in ihrer Branche Veränderungen bringen werden. Allerdings glauben sie, dass ihr eigenes Unternehmen nur bedingt davon betroffen sein wird. Dies hat fatale Folgen, denn häufig unterbleiben insbesondere in den kleineren KMU Investitionen in den digitalen Wandel des Unternehmens und sie tun sich besonders schwer mit der Umsetzung neuer Geschäftsmodelle der digitalen Wirtschaft. Die Expertenkommission wertet dies als ein alarmierendes Signal, dass ein Großteil der KMU die Bedeutung des digitalen Wandels unterschätzt.

Ernüchterndes Gesamturteil

Das Endurteil der Kommission fällt in diesem Bereich entsprechend ernüchternd aus. Deutschland hat bisher weder in der klassischen IKT-Branche noch in den neuen, internetbasierten Bereichen der digitalen Wirtschaft besondere Stärken aufbauen können. Zudem habe die Politik in Deutschland es versäumt, gute Rahmenbedingungen für neue Geschäftsmodelle zu schaffen, sondern eher auf etablierte Strukturen und Modelle gesetzt. Dies könnte langfristig dem Standort Deutschland schaden.

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