Gut geerdet

Ostwestfalen-Lippe ist eines der wirtschaftlichen Kraftzentren Deutschlands und Heimat zahlreicher Global Player. Das Erfolgsrezept der Region: ihr Branchenmix und die Bereitschaft zur Vernetzung.

Das Mekka vieler HiFi-Fans befindet sich dort, wo man es eigentlich kaum vermuten würde. Mitten in der ostwestfälischen Provinz in Herford, einem kleinen 66.000 Einwohner-Städtchen, das zwar wenig Glamour, dafür aber umso mehr Gediegenheit ausstrahlt. T+A heißt das Unternehmen, das hier Audiosysteme produziert, für die Liebhaber gerne auch schon mal 80.000 Euro und mehr bezahlen. Geliefert werden die High End CD-Player und Lautsprecher in über 25 Länder. Ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Akteuren in der Unterhaltungselektronik hat T+A keinen Grund zur Klage – jährlich werden Wachstumsraten von fünf Prozent erzielt und das Umsatzvolumen beträgt mittlerweile mehr als 10 Millionen Euro. Dass man sich gegen die Übermacht aus Fernost behaupten konnte, verdankt der HiFi-Spezialist nicht zuletzt auch seiner engen Bindung an den Standort und seine Belegschaft. Produziert wird ausschließlich vor Ort in Deutschland. Auf diese Weise verkörpert T+A im Kleinen, wofür ganz Ostwestfalen-Lippe steht: Man ist aus Überzeugung zurückhaltend und sprichwörtlich geerdet in einer der stärksten deutschen Wirtschaftsregionen.

Power aus der Provinz

Ostwestfalen-Lippe ist Heimat von rund 140.000 Unternehmen mit einer Million Beschäftigen. Zwar gibt es mit Bielefeld, Gütersloh und Paderborn einige urbane Zentren, aber angesichts von nur 442 Bewohnern pro Quadratmeter dominieren eher die ländlichen und kleinstädtischen Strukturen. Was auf den ersten Blick überraschen mag: Über 35 Prozent der Beschäftigten arbeiten im produzierenden Gewerbe. Zum Vergleich: Im ganzen Bundesland NRW sind es gerade einmal 28 Prozent. Namen wie Dr. Oetker, Miele oder Bertelsmann dürfte wohl jeder kennen. „Das Bundeswirtschaftsministerium hat Ostwestfalen-Lippe 2014 als eine der besten fünf innovativsten Regionen in Deutschland ausgezeichnet“, betont Wolfgang Marquardt. „Das Fundament sind familiengeführte, mittelständische Unternehmen sowie ein breit gefächerter Branchenmix mit mehreren Schwerpunkten im verarbeitenden Gewerbe“, so der Fachbereichsleiter der Regionalfördergesellschaft OstWestfalenLippe GmbH. „Nach einer Untersuchung der Stockholm School of Economics gehört die Region sogar zu den elf stärksten Produktionsstandorten in ganz Europa.“ Ein Bruttoinlandsprodukt von über 60 Milliarden Euro spricht für sich.

Bunter Branchenmix

Ostwestfalen-Lippe steht zurecht im Ruf, das „Möbel-Valley“ Deutschlands zu sein. Ein Viertel der gesamten industriellen (Möbel-)Umsätze wird hier erwirtschaftet. In Sachen Küchen ist man das absolute Schwergewicht. Dafür bürgen Produzenten wie Siematic, Häcker oder Nobilia. Denn rund 70 Prozent aller bundesweit produzierten Küchen stammen von dort. In Europa ist es wohl jede fünfte Küche. Die Hälfte der branchenweit etwa 16.400 Beschäftigten in diesem Segment arbeitet bei einem der vielen hier ansässigen Hersteller, sie alle stehen für zwei Drittel des deutschlandweiten Umsatzes von mehr als 4,2 Milliarden Euro. Bereits 1998 schlossen sich zahlreiche Küchenhersteller zusammen, um eine Marketinggemeinschaft zu bilden und ihre Kompetenzen gebündelt nach außen zu tragen. Eines der Ergebnisse dieses Zusammenschlusses ist die jährlich stattfindende Fachmesse „Küchenmeile A30“, benannt nach der Autobahn A30, die Teil einer wichtigen europäischen Verbindungslinie von Amsterdam über Berlin nach Warschau darstellt und mittlerweile der weltgrößte Branchentreff ist. Die Nahrungsmittelindustrie ist ebenfalls kein unwesentlicher Faktor in der Wirtschaft. Mit Dr. Oetker und dem Süßwarenhersteller Storck haben zwei renommierte Platzhirsche hier ihre Wurzeln. Zudem ist man mit 300 Unternehmen und 40.000 Mitarbeitern einer der führenden Maschinenbau-Standorte in Europa und rangiert nach der Region um Stuttgart an zweiter Stelle in Deutschland. „Kooperationen werden in Ostwestfalen-Lippe halt groß geschrieben“, so der Experte der Regionalfördergesellschaft. Sechs Weltmarktführer der Automationstechnik – Beckhoff, Lenze, Harting, Phoenix Contact, Wago und Weidmüller – sind in Ostwestfalen-Lippe ebenfalls zuhause, die Liste der erfolgreichen Namen in zahlreichen Branchen von A wie Automobiltechnik bis Z wie Zuckerrübenerntemaschinen ließe sich fortsetzen. „Produktion hat eine lange Geschichte in der Region“, weiß Marquardt zu berichten. „Unsere Unternehmen sind oftmals Technologieführer und reagieren schnell auf die sich immer wieder verändernden Märkte – und dabei hilft natürlich auch die Nähe von Lieferanten und Kunden.“

Champions League der Technologieregionen

Zweifelsohne gehört man deshalb in die „Königsklasse der Technologieregionen in Deutschland“, wie es anlässlich des „Tags der Weltmarktführer“ Wolf D. Meier-Scheuven, Präsident der IHK Ostwestfalen, im vergangenen Jahr auf den Punkt brachte. Verantwortlich dafür sind vor allem die vielen kleinen und mittleren, hochinnovativen Unternehmen, deren Namen oftmals nur der Fachwelt vertraut sind. Beispiele dafür sind Konrad Reitz Ventilatoren in Höxter, einer der Top-Anbieter von hochwertigen Industrieventilatoren mit Niederlassungen in China, Indien, Frankreich und Polen. Und was haben die „Frankfurter Rundschau“ mit der „New York Post“, „El País“ und der „Times of India“ gemein? Sie alle werden mit Belichtungsmaschinen von Krause Biagosch aus Bielefeld gedruckt. „Ostwestfalen-Lippe ist in Deutschland die Region der Familienunternehmen“, erläutert Marquardt. „Nach einer Untersuchung des Mittelstandportals ‚Die Deutsche Wirtschaft’ haben von den 1.000 erfolgreichsten Firmen in Familienbesitz hierzulande 44 bei uns ihren Sitz.“ Ihre Verbundenheit mit der Region zeigt sich darin, dass sie zahlreiche Stiftungen gründen und sich vor Ort sozial engagieren. „Darüber hinaus gibt es hier gute Hochschulen mit einem Studienangebot, das genau auf die Bedürfnisse des Mittelstands angepasst ist.“ Forschung findet also nicht im Elfenbeinturm statt, Theorie und Praxis sind hervorragend miteinander verzahnt. Und nicht zuletzt bietet Ostwestfalen-Lippe aufgrund seiner Natur eine überdurchschnittliche Lebensqualität.

Mehr als 170 universitäre Ausgründungen

13 Hochschulen mit rund 55.000 Studierenden, ferner international anerkannte Forschungszentren. Ostwestfalen-Lippe setzt in vielen Disziplinen wichtige Akzente, so werden im Technologie-Netzwerk it's OWL die Produktionstechnologien für die Fabrik der Zukunft erforscht. Neben den klassischen Universitäten Bielefeld und Paderborn haben sich vor allem die Hochschule Ostwestfalen-Lippe und die Fachhochschule Bielefeld einen Namen gemacht. All diese sind zugleich ein Garant für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Ostwestfalen-Lippe und ein optimaler Nährboden für die Verwirklichung neuer Geschäftsideen. So gab es allein im Umfeld der Universität Paderborn rund 170 Ausgründungen, wodurch langfristig mehr als 8.000 Arbeitsplätze entstanden, die wiederum zu 82 Prozent direkt in der Region geschaffen wurden. „Wir haben eine große Dynamik für Startups in der Region“, freut sich Marquardt. „Gerade im Bereich der intelligenten Fertigung werden Geschäftspotenziale in erfolgreiche Unternehmensgründungen überführt.“ Der positive Effekt: Viele Absolventen suchen nicht anderswo einen Job, sondern bleiben der Region treu. Und kaum eine andere Gegend weist eine derart hohe Ingenieursdichte auf wie Ostwestfalen-Lippe, so der VDI. 

Sowohl berufliche Perspektive als auch Lebensqualität – dank guter Vernetzung

Diese Art der auch von vielen Firmen proaktiv betriebenen Vernetzung mit den Hochschulen scheint ebenfalls die These zu widerlegen, dass der demografische Wandel automatisch alle ländlichen Regionen zu Verlierern macht. „Obwohl Ostwestfalen-Lippe nicht unbedingt eine Metropolregion ist oder wirkliche Großstadtzentren hat, findet sich dort eine hoch attraktive Wirtschaftsstruktur mit prosperierenden Märkten und Unternehmen“, lautet dazu die Einschätzung von Jutta Rump. „Damit ist sie für viele Menschen durchaus eine interessante Alternative“, so die Professorin für allgemeine Betriebswirtschaftslehre am Institut für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen. Zudem wird viel unternommen, dass dies auch so bleibt, wodurch eine Abwanderung verhindert und der Zuzug gefördert wird. „Es kommen also Leute in die Region, weil eben beides stimmt: die berufliche Perspektive als auch die Lebensqualität.“ Das in Ostwestfalen-Lippe gern gepflegte Understatement kann also ebenfalls seinen Reiz haben. Als eine Art nördliches Spiegelbild von Oberschwaben, das ebenso aufgrund seiner vermeintlichen Provinzialität von den Berlinern, Hamburgern oder Düsseldorfern belächelt wird – aber wirtschaftlich durchaus potent ist. Und das erzeugt manchmal Neid.

„Man muss in die Stärken der Region investieren!“

Ein Interview mit Günter Korder, Geschäftsführer bei der it‘s OWL Clustermanagement GmbH in Paderborn.

it’s OWL ist Teil der Spitzencluster-Initiative in Deutschland im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Welche Idee steckt hinter dem Konzept und was zeichnet die Spitzencluster aus?

KorderEs gibt insgesamt 15 Spitzencluster in Deutschland, die jeweils eigene Technologiefelder besetzen, die nicht unmittelbar miteinander konkurrieren, sondern sich teilweise ergänzen. Wir haben hier bei it’s OWL den Weg gewählt, dass wir auf Basis ausgewiesener Stärken in den Bereichen Maschinenbau, Industrieautomation und Automotive heraus investieren wollen, um die Leistungsfähigkeit der beteiligten Unternehmen unter sich verändernden Marktbedingungen auch zukünftig zu gewährleisten und im Idealfall noch zu stärken. Zugleich gibt es einige Strukturmerkmale hier vor Ort, auf denen wir aufbauen können. So haben wir in Ostwestfalen-Lippe sehr viele inhabergeführte bzw. in Familienbesitz befindliche Unternehmen und gleichzeitig eine exzellente Hochschul- und Forschungslandschaft, die ihre Kompetenz in den Themenschwerpunkten intelligente Vernetzung, Mensch-Maschine-Interaktion, Selbstoptimierung, Energieeffizienz und Systems Engineering zu einer Technologieplattform bündelt. 2012 haben sich unter der Dachmarke von it’s OWL relevante regionale Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammengetan, um in anwendungsorientierten Forschungsprojekten die Entwicklung von intelligenten technischen Systemen voranzutreiben. Dabei gilt ein besonderer Fokus den kleinen und mittelständischen Unternehmen. Über ein speziell auf die Bedürfnisse des Mittelstands zugeschnittenes Transfermodell erhalten die KMU in Ostwestfalen-Lippe ebenfalls die Möglichkeit, auf die von den Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen erarbeitete Technologieplattform zuzugreifen. Dies funktioniert konkret so, dass die Wissenschaftler, die diese Plattform erarbeitet haben, in die Unternehmen gehen und diese dabei unterstützen, die erarbeiteten Technologien oder Methoden bedarfsgerecht in die Praxis umzusetzen. Auf diese Weise stärken wir die Gesamtstruktur in der Region entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Viele der Cluster liegen in eher ländlichen Gebieten und nicht in den Metropolregionen. Wieso bündelt sich in Deutschland so viel Wissen in der Fläche und worauf führen Sie dies zurück?

KorderEs gibt einige Gravitationszentren in Deutschland, an denen sich um jeweils sehr starke Unternehmen herum viel Industrie ansiedelt und spezifisches Know-how ausprägt. Ein Beispiel ist der Computerspezialist Heinz Nixdorf in Paderborn, um dessen Unternehmen herum eine große IT-Community entstanden ist, die bis heute über sehr viel IT-Know-how in einer Vielzahl von kleineren Unternehmen vor Ort verfügt. Wir vereinen hier in der Region jedoch eine Vielzahl sehr erfolgreicher Unternehmen, z. B. sechs Weltmarktführer aus der Industrieautomation mit einem Weltmarktanteil von 75 % in der elektronischen Verbindungstechnik. Um diese beispielhaft genannten Kompetenzen herum haben sich in der Region viele Unternehmen innerhalb der relevanten Wertschöpfungskette entwickelt. Es handelt sich um eine gewachsene Struktur, die schon seit langem existiert und die erfolgreich kooperiert und sich permanent weiterentwickelt.

Warum funktioniert Clusterbildung in der einen Region und in der anderen nicht?

KorderEine der Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Clusterarbeit ist eine solide Basis an Unternehmen, die bereits gut entwickelt sind und zudem über eine bestimmte Kooperationswilligkeit verfügen. Unabdingbar ist auch ein gemeinsames Ziel der Clusterakteure, in unserem Fall der gemeinsame Wille zur Generierung eines Innovationssprungs. Bei it’s OWL haben wir dazu in die Stärken in der Region investiert, insbesondere Elektronik, Automotive und Maschinenbau. Aus einer starken Position heraus ist die Erfolgswahrscheinlichkeit zur Generierung von Innovationen mit übergreifender Bedeutung deutlich höher. All dies begann jedoch nicht erst mit dem Spitzencluster it‘s OWL, sondern es gab bereits vor der Bildung des Clusters schon Formen der Zusammenarbeit. So haben die Brancheninitiativen OWL Maschinenbau und InnoZent OWL jahrelang gute Netzwerkarbeit geleistet. Die OstWestfalenLippe GmbH hat mit ihrer Initiative Innovation und Wissen, die Forschungsinfrastruktur und die Zusammenarbeit intensiviert, so dass der Nährboden für den Spitzencluster bereitet war.

Wie stellen Sie innerhalb der Arbeit beim Spitzencluster sicher, dass Sie sich mit den besten Regionen der Welt messen in den Dingen, die Sie tun?

KorderUnsere Konkurrenz findet sich rund um den Globus. Deshalb haben wir uns potenzielle Wettbewerber im Rahmen einer internationalen Benchmark-Studie sehr genau angesehen. Dabei ging es aber nicht nur darum, mit wem wir gegebenenfalls konkurrieren, sondern auch um die Frage, mit wem wir auf Basis seiner zu uns passenden Stärken kooperieren könnten. In Europa gibt es derzeit in der Tat nirgendwo ein Ökosystem wie das unsrige. Am ehesten kann man unsere Struktur noch mit der Region Tampere in Finnland vergleichen. Dort ist man ebenfalls sehr gut aufgestellt und wir verfolgen bereits jetzt dort einige gemeinsame Projekte. Mit der Initiative Catapult in England sind wir aktuell ebenfalls auf einem guten Weg. Weltweit ist natürlich auch China eine wichtige Konkurrenz und bietet gleichzeitig gute Kooperationsmöglichkeiten in ausgewählten Feldern. Das Land China entwickelt sich rasant und wir müssen die dort stattfindenden Entwicklungen sorgfältig beobachten. Dies ist insgesamt erforderlich, um unsere Region auch zukünftig im internationalen Kontext weiter strategisch zu entwickeln.

In Ostwestfalen-Lippe haben sich rund 180 Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Organisationen zusammengeschlossen, um gemeinsam den Innovationssprung von der Mechatronik hin zu intelligenten technischen Systemen anzugehen. Weltmarktführer im Maschinenbau, der Elektro-, Elektronik- und Automobilzuliefererindustrie sowie international renommierte Forschungseinrichtungen bündeln im Spitzencluster ihre Kräfte. Das gemeinsame Ziel: Eine Top-Position der Region OWL im globalen Wettbewerb für intelligente technische Systeme. Wirtschaft und Wissenschaft realisieren im Technologie-Netzwerk it’s OWL gemeinsam 47 anwendungsorientierte Forschungsprojekte im Gesamtumfang von ca. 100 Millionen Euro. In fünf Jahren entwickeln die Partner Technologien für eine neue Generation von Produkten und Produktionssystemen. it´s OWL gilt als eine der größten Initiativen für Industrie 4.0 in Deutschland.

Was geschieht in den USA? Ist dies ein wichtiger Markt?

KorderDer Markt wird zusehends wichtiger. In USA ist man sehr bestrebt, eine Art der Re-Industrialisierung zu organisieren. Auch aus diesem Grund nehmen wir im September an der landesweit größten Industriemesse, der IMTS 2016 in Chicago, als Aussteller im German Pavilion teil. Es gibt auch einen guten strategischen Grund: Während die Amerikaner sehr stark in Richtung Software unterwegs sind, kommen wir hier in Deutschland mehr aus der Ingenieurskunst, sprich der Technologie. Wenn man beides klug kombiniert, lassen sich fantastische Produkte, Lösungen und Geschäftsmodelle entwickeln.

Vor welchen Herausforderungen sehen Sie die Region angesichts des demografischen Wandels und welchen Beitrag leistet der Cluster dazu bzw. kann er leisten?

KorderWir sind keine Träumer und wir wissen sehr genau, dass der demografische Wandel uns dauerhaft beschäftigen wird. Zudem messen wir unsere Arbeit als Cluster auch daran, ob wir Arbeitsplätze schaffen können. Die Bilanz fällt nach vier Jahren klar positiv aus: Neben der Sicherung der vorhandenen Arbeitsplätze ist es den beteiligten Partnern des Clusters bereits gelungen, 6.500 neue Stellen in der Region zu schaffen. Zudem zeichnen sich die Unternehmen und Hochschulen der Region im Rahmen ihrer Personalarbeit durch ein exzellentes Aus- und Weiterbildungsangebot aus, das den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Damit gelingt es durchaus gut, qualifizierte und hochmotivierte Nachwuchs- und erfahrene Fachkräfte sowohl für die Wissenschaft als auch für die Industrie zu gewinnen und dann auch in der Region zu halten.

Wo wollen Sie mit dem Cluster langfristig hin?

KorderDie Förderung läuft 2017 aus. Doch Förderung ist nicht unser Ansporn, sondern die Relevanz der Themen. Daher werden wir in jedem Fall unsere Aktivitäten hier in der Region wie auch im Verbund weiterverfolgen. Förderung hilft aber natürlich deutlich, wesentliche Dinge beschleunigt umzusetzen. Derzeit läuft ein Strategieprozess mit allen Beteiligten, wie wir in der Phase nach der Förderung bis 2022 weitermachen wollen. Dabei sind Industrie und Wissenschaft hier vor Ort mit im Boot und wir überlegen derzeit, wie wir uns strategisch ausrichten wollen. Ohne die Unterstützung der Politik wären wir bisher nicht so erfolgreich gewesen und könnten auch zukünftig nicht im gleichen Momentum agieren. Insofern benötigen wir hier klar die Unterstützung durch die Politik, die uns aber bisher sehr gut unterstützt. Wir hoffen, dass dies auch künftig so bleiben wird. Da durch die Digitalisierung neue Themen dazukommen, ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung z. B. der Technologieplattform unabdingbar. Ein zusätzlicher und perspektivisch wesentlicher Schwerpunkt wird die Forcierung der Gründungsdynamik sein. Wir planen, einen Venture Capital Fond aufzulegen, der sich auf technologiegetriebene Ausgründungen fokussiert. Sie sehen: Wir wollen weiterhin viel bewegen!

...ist seit 2012 Geschäftsführer von it's OWL und dort verantwortlich für den Bereich Operations. Seine Laufbahn begann er mit dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der Universität Würzburg. Im Anschluss an seine Ausbildung arbeitete er zuerst bei Nixdorf Computer AG als Produktmanager und später bei SIEMENS, wo er bis in die Geschäftsleitung aufstieg.

Clusterinitiativen in Deutschland: Synchronisation ist gefragt!

Viele Akteure, ein Ziel. Cluster sollen helfen, wissenschaftliche Erkenntnisse in marktreife Produkte umzuwandeln. Aktuell fördert die Politik diese Entwicklung mit der Initiative „go-cluster“.

Einzelkämpfer haben es nicht leicht. Wer dagegen gut vernetzt ist, hat oft die besseren Karten. Erst wenn mehrere Player aus Wirtschaft und Wissenschaft zu einem lokalen ökonomischen System – auch Cluster genannt – zusammenwachsen, erweist sich so manches Projekt als Selbstläufer und hat Erfolg. Das Konzept dahinter entstand bereits in den frühen 1990er Jahren und basiert auf den Ideen des amerikanischen Ökonomen Michael Porter. Dieser hatte die These aufgestellt, dass paradoxerweise die nachhaltigen Wettbewerbsvorteile in einer sich zunehmend globalen Wirtschaftsordnung vor allem in den lokalen Faktoren zu finden sind: Wissen, Beziehungen und Motivation. Das sieht man im Bundeswirtschaftsministerium mittlerweile genauso und fördert seit 1995 Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschung vor Ort in der Region, um auf diese Weise die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken. Den Anfang machte damals die BioRegio-Initiative. Das aktuelle Programm lautet „go-cluster“ und wurde bereits 2012 aufgelegt. Die Idee dahinter: In Clustern aufgestellte Unternehmen können durch gesteuerte Koordinierung, von speziellen Standortfaktoren sowie optimierten Wertschöpfungsketten nur profitieren. Man muss sie nur richtig zusammenbringen. Und in sogenannten Spitzenclustern bündeln Marktführer, Top-Forschungseinrichtungen sowie alle weiteren relevanten Akteure eines Technologiefeldes die Kräfte einer Region.

Teilnahme als Ritterschlag

Über 100 Cluster-Initiativen aus mehr als 30 Technologiefeldern sind in die Initiative „go-cluster“ eingebunden. Schwerpunkte bilden dabei vor allem die Medizin-, Bio- sowie Umwelt- und Verkehrstechnologien wie auch neue Produktionsverfahren. Die meisten dieser Unternehmen haben den Sitz ihres Managements in Bayern, gefolgt von Baden-Württemberg und Niedersachsen. Doch Vorsicht! Die Zahl der in „go-cluster“ vertretenen Initiativen spiegelt nur bedingt die Situation eines Bundeslandes wider. So gibt es laut Cluster-Atlas 2015 in Baden-Wu?rttemberg insgesamt 118 Cluster-Initiativen, aber nur jede siebte davon ist bei „go-cluster“ mit von der Partie. Umgekehrt dagegen ist die Situation in Bremen. Von den drei der im Stadtstaat aktiven Cluster-Initiativen sind zwei involviert. Dabei ist die Aufnahme in das Programm so etwas wie ein Ritterschlag. Denn sie ist an die Einhaltung bestimmter Qualitätskriterien gebunden, was sich wiederum positiv auf die Reputation auf operativer Ebene auswirkt. Ferner haben die Teilnehmer direkten oder indirekten Zugang zu weiteren Leistungen wie Hilfestellung bei der nationalen und internationalen Vernetzung, Cluster übergreifender Kooperationen sowie Unterstützung bei der weiteren Professionalisierung oder der Förderung eher risikobehafteter Modellvorhaben. Insbesondere „Cross-clustering“-Projekte scheinen aktuell das große Thema zu sein. Darin dreht sich alles um die Identifizierung und Entwicklung neuer Trends, die Installation von Arbeitsgruppen und die Erarbeitung gemeinsamer Strategien und Konzepte sowie ihre Umsetzung.

Leuchtturm-Projekt Spitzencluster

Eigentliches Flaggschiff der Cluster-Hightech-Strategie aber ist der 2007 initiierte Spitzencluster-Wettbewerb. Über 600 Millionen Euro stellte der Bund in den vergangenen Jahren zur Verfügung, um 15 regionale Leuchtturmprojekte wie Logistik im Ruhrgebiet, Maschinenbau in Ostwestfalen-Lippe oder den Luftfahrzeugbau in Hamburg zu fördern. Offensichtlich entfachte dieser Ansatz eine ganz besondere Dynamik. Denn laut einer Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Institutes für Wirtschaftsforschung (RWI) investierten nun viele Betriebe genauso viel an Eigenmittel, wie sie an staatlicher Förderung erhielten. Das Überraschende: Bei kleinen Unternehmen war es sogar das 1,36-Fache. Darüber hinaus führte das Programm zu 900 Innovationen, von denen bereits 300 auf dem Markt sind sowie zu 40 Ausgründungen. Aktuell will man sich im Rahmen der Spitzencluster-Politik seitens des Bundesforschungsministeriums auf sechs Themenfelder konzentrieren: digitale Wirtschaft und Gesellschaft, nachhaltiges Wirtschaften und Energie, innovative Arbeitswelt, gesundes Leben, intelligente Mobilität sowie zivile Sicherheit.

Länderübergreifende Maßnahmen sind die Ausnahme

Auch auf Länderinitiative geschieht einiges: Inhaltlich reicht das von der Unterstützung kleinregionaler Netzwerke über die Finanzierung von Cluster-Managements bis hin zur Implementierung von landesweit agierenden, branchenspezifischen Clustern zur besseren Koordination der räumlich verteilten Kompetenzen. Eher seltener sind vereinzelte länderübergreifende Maßnahmen vorgesehen. Das offenbart jedoch zugleich eine der Schwächen des Systems. Es hapert manchmal an der systematischen Harmonisierung, Abstimmung und Koordination über die Grenzen eines Bundeslandes hinweg. Die Folgen: Nicht selten werden identische Technologiebereiche angesprochen.
Darüber hinaus gibt es neben den von den politischen Akteuren initiierten „Top-down“-Ansätzen auch unternehmensfinanzierte „Bottom-up“ Netzwerker, was gelegentlich zu unnötigen Konkurrenzsituationen von Cluster-Initiativen führen kann. Auch neigen Bundesländer eher zu einer landesweiten Vernetzung, was konträr zu dem Konzept von Michael Porter steht, das eher die Herausbildung begrenzter regionaler Cluster und eben keine größeren flächendeckenden Strukturen vorsieht.

Und nicht selten wird es problematisch, wenn ein bereits existierender Cluster durch Landesgrenzen geteilt wird. Dann gestaltet sich das Cluster-Management oft schwierig, weil unterschiedliche Strategien und Entscheidungsträger im Spiel sind.

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