Fremdgesteuert, aber glücklich: Autonomes Fahren

Deutschland ist die Kinderstube des Automobils. Doch jetzt stellt die Digitalisierung den heimischen Markt vor eine neue Herausforderung: Mobilität 4.0. Das „autonome Fahren“ ermöglicht nicht nur neue Perspektiven für den Verkehr, sondern auch für das Design. Ähnelt die Fahrgastzelle der Zukunft dem Reisen in der Kutsche?

Auch für die Zukunft bedarf es in Deutschland zunächst einer staatlichen Genehmigung. So wurde auf der A9 vor kurzem das „Digitale Testfeld Autobahn“ eingerichtet, um das selbstfahrende Fahrzeug in der Realität zu erproben. Hinzugesellen sollen sich zudem in München, Ingolstadt, Hamburg, Dresden, Braunschweig und Düsseldorf bald die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge, die dort die Straßen „unsicher“ machen dürfen – zumindest auf gewissen Teststrecken. All dies zeigt: Durch das autonome Fahren entwickelt sich das Auto vom reinen fahrbaren Untersatz zur privaten Nutzfläche. Die langfristige Hoffnung dabei: Die Autofahrer sollen mit dem Beginn des „autonomen“ Zeitalters sicherer durch den Straßenverkehr kommen. Denn durch die Kommunikation zwischen Auto und Infrastruktur wird das Geschehen auf den Straßen besser vorhersehbar und das Unfallrisiko minimiert. Im Idealfall lassen sich künftig sogar Staus vermeiden, da die Autos intelligent aufeinander abgestimmt sind, sodass man mehr Autos in derselben Zeit durch den Verkehr schleusen kann – so die Hoffnung vieler Experten. Damit bekommt Mobilität eine völlig neue Dimension. Doch wenn sich die Art des Fahrens so verändern wird, stellt sich die Frage, in welchem Maß die Eigenschaften des Fahrzeugs von morgen Einfluss auf das Innen- und Außendesign des gesamten Fahrzeugs nehmen werden?

Evolution statt Revolution

In puncto Fahrzeuginnengestaltung könnte morgen jedenfalls nichts mehr so sein wie heute. Denn das Innenraumdesign des vollautomatisierten Fahrzeugs könnte einer radikalen Modifikation unterliegen, wird mit dem Beginn des „autonomen Fahrens“ der Fahrgastzelle doch eine ganz neue Bedeutung zugeschrieben – sie wird zu einem neuen sozialen Raum, statt bloß Schaltstelle für den Fahrer zu sein. Sitze vis-à-vis anzuordnen, wie man es aus Zügen kennt, und Schlafplätze sind denkbar, genauso mehr Entertainment, Information oder gar der individuelle Versand von Gütern wie Paketen oder Möbeln.

Darüber hinaus muss das vollautomatisierte Auto natürlich mit anderen Verkehrsteilnehmern interagieren können. Möchte beispielsweise ein Fußgänger die Straße überqueren, muss das Fahrzeug diese Situation korrekt auslesen und deuten. Noch lässt sich nicht beschreiben, wie genau diese obligatorischen Änderungen aussehen werden, aber es gibt bereits viele Tendenzen und Konzeptionen, an denen sich die Designer und Architekten orientieren. Eine davon ist das sportliche Modell S von Tesla oder das „Google-Ei“. Über Nacht wird dies allerdings nicht passieren, weiß der Autospezialist Professor Fügener von der Hochschule Pforzheim: „Der Automarkt wird sich nur evolutionär weiterentwickeln, da der durchschnittliche Autokäufer tradierte Vorstellungen von seinem zukünftigen Automobil hat und deswegen wenig offen für neue Konzepte ist. Daher werden sich gerade jene Modelle durchsetzen, die sich nah am Käufermarkt orientieren. Und der ist recht konservativ.“

Freude am kutschieren lassen

Dadurch, dass der Fahrer zum Gast im Fahrzeug, wird, ergeben sich völlig neue Möglichkeiten für das Innendesign. Komfort und Funktionalität werden dabei auf eine neue Stufe gehoben. Weltweit beschäftigen sich Forscher und Fahrzeugentwickler daher bereits mit Konzepten, wie der Fahrgast in Zukunft seine Zeit verbringen möchte und was er dafür braucht. So könnten sich neben Fernseher und interaktiven Bildschirmen auch Klapptische anbieten, um darauf Karten zu spielen, mit den Kindern Hausaufgaben zu machen oder gar zu essen. WLAN würde eine Grundausstattung werden. Nutzeroberflächen und Touchscreens – sowohl in der Kabine als auch an den Glasscheiben – könnten in diesem Zusammenhang für einen interaktiven Austausch mit der Umwelt sorgen. Beim Fahren durch die Stadt könnte der Fahrgast so u. a. beim Passieren eines schicken Restaurants per Fingerschwenk auf der Frontscheibe automatisch Informationen über das entsprechende Etablissement abrufen. Auch Chats oder soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook könnten mit dieser Benutzeroberfläche verlinkt werden.

Andere Konzepte gehen sogar noch weiter und sprechen nicht mehr von einzelnen Fenstern und Scheiben im Auto, sondern von einer schieren Glaskuppel, die sich über den Fahrgästen erhebt und einen Rundumblick erlaubt. Das Fahren – oder besser gesagt: das Gefahren werden – würde zu einer Art Erlebnis avancieren, welches die gesamte Umgebung miteinbezieht. Auf ausklappbaren Liegesitzen könnten Nachtfahrten zudem auch sprichwörtlich im Schlaf hinter sich gebracht werden. Die Zeit im Auto kann also weitaus effizienter genutzt werden – ob für die Arbeit, für die Freizeit oder einfach nur zum Entspannen. Das vollautomatisierte Fahrzeug stellt demnach die Grundlage für einen neuen sozialen Raum dar und die Fahrgastkabine würde mehr einer Lounge gleichen.

Neues Verhältnis Mensch-Maschine

Doch nicht nur der Innenraum könnte eines Tages völlig anders aussehen. Auch das Verhältnis zwischen Fahrer und Fahrzeug befindet sich derzeit im Umbruch. Denn das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine wird sich verändern, genauer: das Verhältnis des Autofahrers zu seinem Autopiloten. Im Fahrzeug der Zukunft kann der Fahrer sich entspannt zurücklehnen – oder eben auch in das Fahrgeschehen eingreifen. So kann er dem System über dynamische Menüs und eine interne Sprachsteuerung Befehle geben und das System nach seinen Wünschen kontrollieren. Dies ist insbesondere zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch äußerst wichtig, denn es nimmt den Menschen sowohl die Furcht vor einem möglichen Kontrollverlust und bietet zugleich neuen Komfort in puncto Fahrzeugsteuerung. Das vollautomatisierte Fahren lässt sich demnach gut mit einem Taxi oder einer Kutsche vergleichen. „Der Fahrer ist jedoch kein Mensch mehr, sondern ein Roboter – mit dem man natürlich kommunizieren kann“, erläutert Prof. Fügener. Die Mobilität 4.0 blickt also in eine sichere, saubere und effizientere Zukunft.

Exitus für den Verbrenner?

Bei all den technischen Neuerungen und der verheißungsvollen Zukunftsmusik rückt natürlich auch die Frage nach der möglichen Entwicklung der Preisstruktur in den Fokus. Zumindest war sie schon oftmals im Mittelpunkt der Diskussionen zwischen Autoherstellern und Forschern. Letztendlich wird es jedoch nicht unbedingt eine überaus große Änderung an der Preisstruktur geben, aber in vollautomatisierten, elektrischen Autos würde immerhin vieles wegfallen, was man früher noch gebraucht hat. Zumindest das könnte die Kosten senken. „Die vollautomatisierten Modelle könnten möglicherweise auf diese Art sogar preisgünstiger werden als ihre Vorgänger“, meint Stefan Weißschädel, Technical Unit Manager Mechanical Engineering bei Altran. „Wenn beispielsweise Apple das Apple Car auf den Markt bringt, könnte Carsharing auch einen Teil der Kosten ausgleichen.“ Carsharing würde dabei progressiv an Bedeutung gewinnen, indem das Auto über Vermietung nutzbar für Dritte wird – und der Eigentümer könnte zugleich davon profitieren. Allein aus diesem Grund darf schon angenommen werden, dass individuelle Autos fast aussterben werden. „Sicherlich wird es immer Leute geben, denen es unangenehm ist, ihre neu errungene private Nutzfläche zu teilen. Dies wird aber nur die Ausnahme sein. Die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Verkehr werden in der Zukunft nicht mehr zu erkennen sein“, glaubt Prof. Fügener.

Adieu Schrecksekunde

Schwarzmaler befürchten allerdings schon jetzt, dass es schon bald keine Fahrzeuge mehr geben könnte, die man noch selbst steuern darf. Denn langfristig übertrumpft das vollautomatisierte Fahrzeug den Menschen in vielerlei Hinsicht. Dem Fahrzeug stehen mehr Informationen zur Verfügung, die es schneller verarbeiten und somit reagieren kann – bye bye Schrecksekunde. Vollautomatisierte Fahrzeuge verringern somit das Unfallrisiko enorm und der Mensch ist dann eine zu große Gefahr für den Straßenverkehr. An dieser Stelle stehen wir vor einer kompletten Umwälzung dessen, was bislang unter „Fahren“ subsumiert wurde. Das Fahren nach heutigen Kriterien wird es künftig nicht mehr geben – Eingriff des Fahrers ins Geschehen wird es aber dennoch nach wie vor geben. „Wenn man zum Beispiel durch eine ländliche Gegend fährt und ein umgestürzter Baum versperrt die Fahrbahn, so wird der Computer kaum erkennen können, wenn die Feuerwehr eine provisorische Umleitung mit Hütchen aufgestellt hat. Da muss dann doch der Mensch das Steuer übernehmen“, erklärt Weißschädel.

Aber auch, wenn alles nach Plan verläuft, ist der Fahrgast nicht zum Nichtstun verdammt. Abseits des Komforts und der Unterhaltungselektronik kann er jederzeit mit dem Fahrzeug kommunizieren und indirekt ins Geschehen eingreifen, wie am oberen Beispiel des Taxifahrers bzw. des Kutschers erläutert. Das Gefühl, die Situation im Griff zu haben und nicht von einer Maschine abhängig zu sein, wird also weiterhin bestehen bleiben. Auch Hardcore-Autofans müssen sich keine Sorgen machen, denn Autofahrten werden in Zukunft nicht mehr nur antiquarische Abenteuergeschichten für die Enkelkinder sein. Zukünftige Anekdoten wie: „Junge, als ich damals noch in deinem Alter war, da mussten wir die Autos sogar noch selber lenken!“, wird es in dieser Form also nicht geben. Stattdessen wird es Streckenabschnitte und Rennparcours geben, an denen man noch mit klassischen Autos seine Runden drehen kann. Das könnte man dann als „retro“ bezeichnen oder wie es Prof. Fügener auf den Punkt bringt: „Als das Automobil schließlich einst das Pferd als Verkehrsmittel verdrängte, hatten auch alle Angst um die Rösser. Dennoch gibt es bis heute Reiterkoppeln und Pferderennen. Ähnliche Alternativen wird es auch beim Auto immer geben, weil der Mensch einen Reiz in hoher Geschwindigkeit sieht.“

„Es darf angenommen werden, dass individuell steuerbare Autos fast aussterben werden.“

Ein Interview mit Professor Lutz Fügener, Studiengangsleiter im Transportation Design an der Hochschule Pforzheim, über die neuen Konzeptionen des „autonomen Fahrens“.

Das „autonome Fahrzeug“ kommt. Und mit ihm völlig neu gestaltete Funktionen und Technologien. Was ist für Sie eine der Kernherausforderungen?

Prof. FügenerDas vollautomatisierte Auto muss mit dem Passanten im Straßenverkehr kommunizieren können. Dafür werden Änderungen am Exterieur nötig sein. Wenn beispielsweise ein solches Auto auf einen Zebrastreifen zufährt, muss es dem Fußgänger ein Signal geben, dass er vom System registriert wurde und das Fahrzeug anschließend hält.

Wird der Mensch dann überhaupt noch Einfluss auf das Fahren haben?

Prof. FügenerJa natürlich, im Sinne von Befehlen, die er dem Fahrzeug über eine interne Sprachsteuerung geben kann. Ich vergleiche immer gern das vollautomatisierte Fahren mit einer Taxifahrt. Nur dass der Fahrer kein Mensch mehr ist, sondern ein Roboter – mit dem man natürlich kommunizieren kann. Dadurch wird den Menschen die Furcht vor einem möglichen Kontrollverlust genommen. In dieser Hinsicht kann man jedoch beruhigt sein, da im Gegenteil zum heutigen Fahren die Zukunft eher sicherer und sauberer wird.

Was könnte einem Nutzer in der Fahrgastzelle alles geboten werden?

Prof. FügenerDas, was wir von heute – von unserem konventionellen Auto – kennen, wird diesem definitiv ähnlich sein. Da der Innenraum des Fahrzeugs sich bei einem autonomen Fahrzeug eher als „Raum“, also private Nutzfläche versteht, könnte man sicherlich über Schlafplätze nachdenken. Die Sitze könnten wie in Zügen angeordnet werden. Wobei man festgestellt hat, dass bei Transportmitteln, wo man sich den Sitzplatz aussuchen kann, die Präferenz immer in Fahrtrichtung tendiert. Dies muss dennoch nicht heißen, dass ein solches Konzept völlig ausgeschlossen ist. Immerhin möchte der Fahrgast der Zukunft sich unterhalten können sowie mit seinem Gegenüber interagieren. VW hat dieses vermeintliche Problem gut gelöst mit den drehbaren Sitzen des Multivans.

Welches Design würde sich äußerlich durchsetzen? Die Variante des eher niedlichen Google-Eis oder eher ein sportliches Design wie Teslas Modell S?

Prof. FügenerBei dem Google-Modell handelt es sich nicht um ein Auto, das man kaufen kann. Es ist vielmehr ein Experiment, was auch seine untypische Ei-Form erklärt. Der Autokäufer ist jedoch heute im Schnitt 52 Jahre alt und hat sich schon an seine Art des Fahrens, an sein geschätztes Automodell gewöhnt und ist daher wenig offen für solche Experimente. Es wird wohl keinen derart radikalen Sprung im Außendesign geben für die erste Generation der autonomen Fahrzeuge. Teslas Modell orientiert sich mehr am Käufermarkt und dürfte sich daher besser durchsetzen. Die wenigen interessierten Käufer, sogenannte „first adopters“, die sich ein solch futuristisches Auto womöglich zulegen würden, verfügen allerdings noch nicht über die nötigen finanziellen Mittel.

Wie sieht denn diese Mobilität der Zukunft aus? Gibt es noch Privatfahrzeuge oder setzt sich Carsharing im großen Stile durch, auch um Leerzeiten zu verhindern?

Prof. FügenerEs darf angenommen werden, dass individuell steuerbare Autos fast aussterben werden. Familien können ihr Fahrzeug vermieten, in der Zeit, in der es nicht gebraucht wird. Sicherlich wird es immer Leute geben, denen es unangenehm ist, ihre neu errungene, private Nutzfläche zu teilen. Dennoch wird dies die Ausnahme bleiben. Das Auto kann also leichter vermietet werden, fährt herum, verdient somit Geld und finanziert sich sogar selbst. Die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Verkehr werden demnach immer weiter miteinander verschwimmen.

Wie werten Sie vor diesem Hintergrund das Zitat des Vorstandsvorsitzenden von Mercedes, Dieter Zetsche, er wolle den Menschen mit dem neuen Konzept „die Zeit zurückgeben“?

Prof. FügenerIm jetzigen Auto ist Zeit nur begrenzt bis hin zu gar nicht nutzbar. Zetsche hat Recht, den Menschen die Zeit zurückgeben zu wollen, immerhin ist diese „verschwendete“ Lebenszeit im Auto auch ein großer Kritikpunkt. Wer möchte also gern Unmengen an Geld für ein zeitraubendes Gefährt ausgeben? Es ist also normal, dass Zetsche anstrebt, diesen Makel zu beheben, schließlich sind Personenkraftwagen sein Geschäftsmodell.

Muss letztendlich der Begriff „Fahren“ neu interpretiert werden?

Prof. FügenerDas Auto wird seinen Status als Prestigeobjekt nicht verlieren. Den Begriff „Fahren“ müssen wir aber in der Tat neu definieren, das steht fest. Denn so, wie wir „Fahren“ heute definieren, wird es in Zukunft mit autonomen Fahrzeugen nicht mehr zutreffend sein. Es wird viele Mischformen geben und man müsste präzisieren, ob man gefahren wird oder tatsächlich selber fährt. Auf jeden Fall ist es falsch anzunehmen, dass vollautonomes Fahren vollkommenen ohne Emotionen und Leidenschaft ablaufen wird. Steigen Sie nur mal in eine Achterbahn, das ist im Grunde auch autonomes Fahren, aber da empfindet nun wirklich jeder etwas dabei.

Professor Lutz Fügener

...absolvierte sein Grundstudium in Maschinenbau an der Technischen Universität Dresden und nahm daraufhin ein Studium für Industrial Design an der Hochschule für Kunst und Design in Halle an der Saale auf. Sein Diplom machte er im Jahr 1995. Im selben Jahr wurde er Juniorpartner des Büros Fisch & Vogel (heute „studioFT“) Design in Berlin. Zwei Jahre nach seinem Einstieg wurde Lutz Fügener Seniorpartner und gleichberechtigter Mitinhaber des Büros. Seit 2000 ist er Verantwortlicher des BA-Studiengangs „Transportation Design“ und Mitglied des Hochschulrates der Hochschule Pforzheim.

„Fahrerkabine wird Arbeits-kommunikationsraum“

Ein Interview mit Stefan Weißschädel, Technical Unit Manager Mechanical Engineering bei Altran, zur Zukunft des neuen Designs bei Automobilen.

Worauf kann sich der Fahrgast der Zukunft freuen?

WeißschädelEs gibt drei verschiedene Szenarien, die nacheinander auf uns zukommen werden. Der erste Wandel wird sich zunächst im städtischen Raum vollziehen, wie wir es jetzt schon mit halbautomatisierten Pkws bei Parkhilfen und dergleichen beobachten können. Dieser Prozess wird sich intensivieren. Der nächste Schritt wäre die Erweiterung des autonomen Fahrens auf die ländlichen Gebiete. Der finale Abschluss würde das vollautonome Fahren darstellen, indem das Autofahren eher dem Zugfahren gleichgesetzt wird. Und ähnlich wird sich auch die Gestaltung der Fahrerkabine entwickeln.

Also sprechen wir hier von einem Zugwaggon?

WeißschädelZumindest wird das Design sich mehr auf die breite Zielgruppe ausrichten. Sprich: Sollten die Prognosen stimmen, und wir in ein paar Jahren über vollautonomes Fahren sprechen, werden reine Sportwagenhersteller große Probleme bekommen. Wer kauft sich einen teuren Sportwagen, wenn dieser wie all die anderen Fahrzeuge dahin rollt oder die Straßen voll sind mit Autos, die untereinander vernetzt sind? Das wird natürlich auch Einfluss auf den Aufbau der Fahrgastzelle haben.

Bedeutet dies gleichzeitig weniger Komfort?

WeißschädelNein, ganz im Gegenteil! Komfort wird gegenüber den heutigen Kaufgründen zunehmend wichtiger. Die Innenausstattung wird sich zudem auch deutlich stärker auf Angebote des Entertainments – oder besser gesagt Infotainments – hin bewegen. Die Fahrerkabine wird sich zu einer Art Arbeits-, Kommunikations- und Wohlfühlraum entwickeln. So werden beispielsweise Sitze im Raum drehbar sein und man kann sich mit mehreren Leuten unterhalten. Es wird also keine klassische Ausrichtung im Fahrzeug mehr geben, die Sitzergonomie wird sich komplett ändern.

Lässt sich hieraus ein neues Leitkonzept ableiten?

WeißschädelEs wird kein Konzept geben, dem alle folgen – ähnlich wie heute. Modelle für die Zukunft finden Sie aber bereits schon heute. Zum Beispiel Sitze, die man in die Liegeposition verstellen kann. Aber heute ist das Design natürlich immer noch nach vorne auf die Straße hin ausgerichtet. In der Zukunft werden jedoch Kategorien wie Kultur und Sicherheit in der Fahrgastzelle einen neuen Stellenwert erhalten. Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit dem Sportwagen. Natürlich wird es sie in der heutigen Form nicht mehr geben. Dennoch wird es in den höheren Preisstufen eine Nachfrage nach mehr Luxus geben. Im unteren Preissegment werden die Hersteller den Fokus eher auf Funktionalität setzen. Dieses Konzept der Preisklassen wird auch bei autonomen Fahrzeugen beibehalten werden.

Heißt dies, dass wir künftig über eine völlig neue Preisstruktur bei Fahrzeugen sprechen?

WeißschädelNicht unbedingt, da in vollautomatisierten, elektrischen Autos vieles wegfällt, was man früher gebraucht hat. Hinzu kommt ein immer größerer Teil von Software und IT Technologie. Meiner Meinung nach werden die vollautomatisierten Modelle möglicherweise sogar preisgünstiger werden als ihre Vorgänger. Auch Trends wie beispielsweise Carsharing werden mittelfristig einen sehr großen Einfluss auf die generellen Kosten der Fahrzeuge und die der Fahrzeugnutzung haben.

Inwiefern würde sich auch das Außendesign ändern?

WeißschädelWas sich zum Beispiel ändern wird, sind die Einstiegskonzepte. Wenn Sie in großen Städten fahren und sie haben gerade wenig Platz, vor allem aufgrund enger Parkplätze, wird sich das Konzept von einer Tür, die an einem Gelenk gelagert ist und außen aufschwingt als nicht besonders praktisch erweisen. Das ist ja eigentlich heute schon der Fall. Bei der Neudefinition des Designs der Fahrzeuge im Rahmen des automatisierten Fahrens könnten sich aber Schiebetüren durchsetzen. Hinzukommt, dass, wenn Sie eine Autotür haben, die an ein Gelenk gelagert ist, immer die Türlänge den Winkelvorgibt. Mit einem sehr großen Auto werden sie nicht 40 cm neben einem anderen Fahrzeug halten können, sondern Sie werden 1,50 m oder mehr brauchen. Die neuen Einstiegs- und Sitzmöglichkeiten werden die Raumstruktur des Autos – sowohl nach innen als auch nach außen – in puncto Geometrie völlig neu interpretieren.

Ab wann kann man sich denn auf diesen neuartigen Komfort freuen?

WeißschädelDie meisten Prognosen legen den Zeitpunkt der serienreifen Umsetzung noch in die kommenden 20 Jahre. Aber um einen Trend Wirklichkeit werden zu lassen, reicht schon manchmal eine Metropole wie London, die mit so großen Umwelt- und Verkehrsproblemen zu kämpfen hat, dass irgendwann ein Riegel vorgeschoben und gesagt wird: „Keine Diesel-Autos mehr!“ Dann später heißt es: nur noch Elektroautos – und schließlich vollautomatisierte Pkws. Ab diesem Punkt stünde die Industrie unter Druck, zeitnahe und praxisnahe Lösungen anzubieten. Aber wir können davon ausgehen, dass der Wandel kommt. Es wird von Jahr zu Jahr mehr und das kann am Ende auch keine noch so mächtige Lobby aufhalten. Einfach schon aufgrund der Tatsache, dass die Autos immer mehr können und es für die Hersteller irgendwann selbst rentabler wird, auf diese Modelle umzusteigen.

Wie sieht es denn mit der Zulassung der neuen Fahrzeuge aus?

WeißschädelHier gibt es in der Tat noch viele ungelöste Fragen, aber dies hängt weniger mit dem Aufbau der Fahrzeuge als mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zusammen. Betrachten Sie beispielsweise die Haftungsfrage bei Unfällen. Verunfallt jemand mit einem vollautomatisierten Pkw – wer hat dann die Schuld? Der Fahrer, der ja kein Fahrer mehr in diesem Sinne ist, oder der Programmierer, der die Software irgendwo in Kalifornien dafür entwickelt hat? Solange das nicht geklärt ist, wird es auch unter den besten Anzeichen keine breite Zulassung auf den Straßen geben.

Stefan Weißschädel

...absolvierte bis 2004 ein Maschinenbaustudium in München und durchlief daraufhin verschiedene Projekte bei süddeutschen Automobilherstellern als Consultant. Bis 2012 war er bei IndustrieHansa Consulting & Engineering als Abteilungsleiter im Bereich mechanische Entwicklung Automotive tätig, seit 2015 bei ALTRAN Deutschland S.A.S. & Co KG als Technical Unit Manager Mechanical Engineering Automotive.

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