„Tausend Jahre Gewissheit gibt es nicht“

Ein Interview mit Professor Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen, und Torsten Windels, Chefvolkswirt der NORD/LB, über den angeblichen Zukunftspessimismus der Deutschen.

Den Deutschen wird gern die Lust am Untergang als Wesensart zugeschrieben. Ist dies überhaupt noch zutreffend?

Prof. ReinhardtIn meinen Augen muss man hier differenzieren. Regelmäßige Umfragen zeigen zwar, dass eine gewisse Angst der Bevölkerung einfach immer gegeben ist. Dieser Pessimismus – German Angst – begegnet uns bei jedem Jahreswechsel aufs Neue und zeigt die tiefe Verunsicherung breiter Bevölkerungsgruppen. Aber als Wissenschaftler kann ich Sie beruhigen: In der Zukunft wird fast alles besser sein als in der Vergangenheit, dieses war historisch betrachtet immer schon so. Es gab zwar immer Herausforderungen und Krisen, aber der Lebensstandard und auch die Lebensqualität haben sich permanent erhöht. Dabei will ich gar nicht verleugnen, dass wir gegenwärtig vor großen Herausforderungen stehen, denen wir uns stellen müssen. Aber Krisen und Zeitkonflikte gehören zum Leben dazu. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in jedem Jahrzehnt eine Krise, die unser Leben grundsätzlich verändern sollte – von der Ölkrise und Tschernobyl, über die Golfkriege und 9/11 bis zuletzt die Wirtschafts- und Finanzkrise. Und wo stehen wir heute? Nie ging es uns faktisch besser – von der Lebenserwartung und medizinischen Versorgung über die Emanzipation und den Freizeitumfang bis hin zum frei verfügbaren Einkommen oder der persönlichen Freiheit. An sich wird also de facto alles besser, und es ist „nur“ das Gefühl ist, dass alles schlechter wird.

WindelsDiese Sicht ist mir etwas zu positiv, so als gebe es keine weitere Perspektive als das deutsche Szenario der Nachkriegszeit. Ein Beispiel, das ich ganz schön finde, ist die völlig unterschiedliche Wahrnehmung der Niedrigzinsen. In den USA werden diese als Gelegenheit für günstige Investments, die man zu guten Kreditkonditionen tätigen kann, wahrgenommen. Bei uns hingegen werden diese mit einer gewissen Skepsis von den Unternehmen selbst interpretiert, weil der Anschlusstermin für die Kreditgeschäfte in zehn Jahren zu Zinsen führen könnte, die nicht mehr nachhaltig mit dem Investment übereinstimmen. Daran sieht man die langfristige Perspektive, mit denen Dinge in Deutschland angegangen werden, während die Amerikaner mehr von heute auf morgen denken und gute Aussichten reichen ihnen. Doch tausend Jahre Gewissheit gibt es nicht.

Welche Einstellung finden Sie bei Unternehmen vor?

WindelsWenn ich mir deutsche Unternehmer ansehe, mit welcher Einstellung sie die Zukunft für ihr Unternehmen und für ihre Produkte sehen, dann sind diese durchaus selbstbewusst, positiv und optimistisch gestimmt. Sie gestalten ihre Räume, ihre Märkte und nehmen ihre Möglichkeiten wahr. Es gibt in Deutschland eine gewisse Differenz zwischen dem Kollektivbewusstsein, das eher ein bisschen pessimistischer ist, und der Eigenwahrnehmung, die nicht daran hindert, erfolgreich zu sein.

Worin unterscheidet sich dann die jetzige Dekade? Was ist wirklich anders als noch vor zehn Jahren?

WindelsIch bin mir gar nicht so sicher, ob die Risiken größer geworden sind. Wir hatten schon unruhigere Zeiten, selbst wenn man die latente Terrorgefahr, die alle spüren, einrechnet. Ich glaube, das ist mehr eine abstrakte Gefahr, aber objektiv glaube ich nicht, dass die Risiken so sehr zugenommen haben. Was allerdings definitiv hinzukommt, sind die technologischen Herausforderungen, Stichwort Digitalisierung, die ein völlig neues Gefühl schaffen, nämlich das einer Abstiegsgesellschaft. Im Politischen drückt sich dies weltweit darin aus, dass wir es überall mit populistischen Strömungen zu tun haben, die offensichtlich eine Verunsicherung zum Ausdruck bringen und die diese Volatilität zur Diskussion stellen. Dies wird auch postfaktisches Zeitalter genannt. Denn obwohl es oftmals nicht so ist, scheint es beispielsweise im Osten Deutschlands bei vielen Bürgern eine Wahrnehmung zu geben, dass sie nicht hinreichend an Reichtum oder Fortschritt der Gesellschaft wie im Westen partizipieren.

Wie stellt sich diese Situation für die Unternehmen dar?

WindelsDie Unternehmen stehen noch einmal vor ganz anderen Herausforderungen. Sie müssen auf der einen Seite mit den Milieus und den Werten ihrer Mitarbeiter klarkommen, das heißt, permanente Veränderung mit einpreisen und neue Einstellungen und Veränderungen akzeptieren. Auf der Ebene konkreter Probleme funktioniert das in der Regel gut. Schwierig ist es eher auf der abstrakten Ebene der Mitarbeiter: Also: Fühlen sie sich mit ihrer Qualifikation noch sicher, wie gehen sie mit neuen Technologien um, wie kann man sie besser qualifizieren und so weiter. Mitarbeiter stellen sich heute permanent die Frage, ob sie morgen noch eine Chance haben, im Wettbewerb des Arbeitsmarktes zu bestehen.

Prof. ReinhardtIch glaube, es sind vielfältige Herausforderungen, Sie haben eben die Digitalisierung angeführt, mit der sich heute wirklich jeder auseinandersetzen muss. Nun wird zwar das Schlagwort „lebenslanges Lernen“ gern hochgehalten, aber wirklich angekommen in den Unternehmen ist es bisher meistens nicht. Nur in wenigen Unternehmen macht wirklich jeder Mitarbeiter mindestens eine Fortbildung pro Jahr. Wissen entwickelt sich rasant weiter und die Mitarbeiter haben es schwer, mitzuhalten. Unternehmen müssen sich Gedanken machen, wie sie in Zukunft ihre Mitarbeiter dazu befähigen wollen, für den Markt der Zukunft fit zu sein.

Funktioniert das in anderen Ländern besser, beispielsweise in Skandinavien?

WindelsSkandinavien hat Vieles verwirklicht. Beruf und Familie sind leichter zu vereinbaren, die Gleichstellung ist sehr gut umgesetzt und im Ergebnis haben sie die höchste Geburtenrate. Man könnte den Eindruck haben, dass dort besser gelebt wird – und eben auch Vieles wirtschaftlich interessanter ist. Demnach ist es auch kein Wunder, dass bei Umfragen die skandinavischen Länder regelmäßig zu den glücklichsten der Welt zählen. Anscheinend hängt doch alles ein bisschen zusammen und ich sehe hier viele Ansätze, über die wir in Deutschland nachdenken müssen. Dazu müssten viele Firmen sich auch auf den neuesten Stand der Technik bringen, damit Dinge wie Home-Office funktionieren.

Haben wir in Deutschland als Wiege vieler Technologien möglicherweise die Begeisterung für Technik verloren?

WindelsIch glaube, dass wir auf der einen Seite diese philosophische Grundskepsis haben. Aber im Detail, wenn jemand konkret mit neuen Techniken konfrontiert ist, für die Umsetzung seines Jobs, dann ist die Adaptionsfähigkeit immer gegeben. Deutschland ist ja nicht erfolglos, insofern ist diese Technikfeindlichkeit, über die immer gesprochen wird, sicherlich auf der einen Seite da, beispielsweise weil wir offensichtlich keine Stromleitungen über unserem Garten wollen oder neue Eisenbahntrassen. Auf der anderen Seite kriegen wir es am Ende doch irgendwie hin, denn letztlich ist die Infrastruktur in Deutschland im Vergleich zu den USA viel besser, obwohl es bei ihrer Errichtung immer Probleme gibt.

Wie sehen Sie angesichts all dieser Herausforderungen die weitere wirtschaftliche Entwicklung?

WindelsIch sehe derzeit Potenziale in beiden Richtungen. Wir haben eine ganze Menge an Dynamik verloren in den letzten Jahren, ich nenne das den extensiven Wachstumsfaktor. Die Integration Chinas und des ehemaligen Ostblocks in die Weltwirtschaft. Diese Länder und Regionen haben enorm viel Schwung gebracht. Theoretisch könnte es nun mit Afrika so weitergehen. Das ist ja letztlich auch die Idee von China, die hinter OBOR (one belt one road) steckt, nämlich die Randstaaten Chinas und Russlands infrastrukturell auf eine höhere Entwicklungsstufe zu heben, wodurch neues Wachstum entsteht, das gut für alle ist. Ob dies gelingt, wird sich zeigen, aber die aktive Schaffung von Wachstumsmärkten ist die richtige Richtung, um aus der globalen Wachstumsschwäche auszubrechen. Aber es ist in Deutschland kaum vermittelbar, dass die Stabilisierung Süd-Europas unsere eigene Wachstumsperspektive verbessert.

„‚German Angst’ ist ein aus der angloamerikanischen Welt importiertes Thema“

Ein Gespräch mit Prof. Joachim Radkau über die deutsche Unsicherheit.

Wie verhält es sich mit dem Thema Angst? Wie ist sie grundsätzlich psychologisch einzuordnen?

Prof. RadkauGrundsätzlich: Jeder, der Angstzustände durchgemacht hat und diese nicht in der Erinnerung verdrängt, ist sich dessen bewusst, dass die Angst alles andere als ein lächerliches Thema ist. Sie wird jedoch leicht zu einem Solchen, sobald jemand nicht eigene Erfahrungen reflektiert, sondern Angst anderen unterstellt. Diese „Angst“-Publizistik hat in typischen Fällen einen hämischen Unterton, verrät nicht selten Ignoranz und versperrt das Verständnis des angeblich Ängstlichen ebenso wie die Reflexion darüber, ob es sich bei der vermeintlich neurotischen Angst nicht in Wahrheit um eine rational durchaus begründete Sorge handelt. „German Angst“ war lange Zeit der Exportschlager einer Geisteshaltung, die einem geradezu apokalyptischem Denken frönte.

Wie hat sich dieses der Nachkriegszeit geschuldete Denken verändert?

Prof. Radkau„German Angst“ ein Exportschlager? Der Anglizismus deutet eher darauf hin, dass es sich um ein aus der angloamerikanischen Welt importiertes Thema handelt. Ein „der Nachkriegszeit geschuldetes Denken“? Soweit ich das überblicke, taucht das Thema erst in den 1980er Jahren auf. Der nach 1933 aus Deutschland emigrierte Walter Laqueur, einer der renommiertesten Deutschlandkenner der angloamerikanischen Historikerschaft, schreibt 1985 in seinem Buch „Was ist los mit den Deutschen?“, „neuerdings“ sei die Angst „in Mode“ gekommen; aber bei einer Mode stellt sich die Frage, welchen Tiefgang sie besitzt. Der Philosoph Günter Anders, 1950 aus dem amerikanischen Exil nach Wien zurückgekehrt, der im Blick auf die drohenden Gefahren die Angst zum moralischen Postulat erhob, charakterisierte die damalige Gegenwart geradezu als „Zeitalter der Unfähigkeit der Angst“. Heute oft vergessen: In Phasen des Kalten Krieges war die Angst vor einem kommenden Atomkrieg sehr wohl begründet! Und nur allzu begründet war auch die Furcht, dass das von der Grenze der beiden Machtblöcke durchschnittene Deutschland das erste und schlimmste Opfer einer Ost-West-Konfrontation sein würde. Da gab es einen ganz rationalen Grund für eine spezielle „German Angst“! Doch damals war dieser Begriff noch nicht in Mode.

Worauf führen Sie diese Veränderung zurück und wovon ist das Denken heute eher geprägt?

Prof. RadkauDie Unterstellung von „Angst“ hat eine üble Vergangenheit. Um 1914 machten die Kriegstreiber die Friedensfreunde als Angsthasen lächerlich – wie ich es in meinem Buch „Das Zeitalter der Nervosität“ für Zeit vor 1914 in Deutschland beschrieben habe. In diese Tradition gehört noch das Buch des weit rechts stehenden Publizisten Armin Mohler von 1965 „Was die Deutschen fürchten“ mit dem Untertitel „Angst vor der Politik – Angst vor der Geschichte – Angst vor der Macht“. Er meint wohl, dass sich die Deutschen zu sehr mit ihrer NS-Vergangenheit quälen, anstatt ein neues Machtbewusstsein zu entwickeln und politisch auszuspielen. In sechzig Jahren Beschäftigung mit der Geschichte und zahllosen Diskussionen darüber ist mir nie aufgefallen, dass die Deutschen pauschal „Angst vor der Geschichte“ haben!

Was hat es dann mit dem Begriff der „German Angst“ auf sich?

Prof. RadkauIm Wikipedia-Artikel zu „German Angst“ wird diese als britische Unterstellung behandelt, an erster Stelle mit Verweis auf Deutschlands „zurückhaltende Außen- und Sicherheitspolitik“ „insbesondere in Bezug auf den zweiten Golfkrieg“. Resümee: „Mit einem Konzept wie ‚German Angst’ empfiehlt es sich also, äußerst vorsichtig umzugehen“. In der Tat! Wenn die Deutschen wenig Lust zeigten, im Irak oder in Afghanistan mitzukämpfen, muss das nicht unbedingt davon zeugen, dass sie hoffnungslos neurotisch wären. Wenn im heutigen Deutschland, soweit zu erkennen, deutlich weniger Angst verbreitet ist als etwa in England, erklärt sich das mühelos aus der wirtschaftlichen und auch politischen Lage, gerade jetzt nach „Brexit“.

In den Medien werden die Deutschen nach wie vor als besonders gute Apokalyptiker porträtiert. Wird dann damit lediglich Auflage gemacht?

Prof. RadkauJa, ich habe den Verdacht, dass die Deutschen vorwiegend um der Publicity willen zu Apokalyptikern stilisiert werden. Das gilt selbst für die Öko-Szene, denen von Gegnern gerne apokalyptische Ängste unterstellt wurden. Ich habe mich gerade mit Herbert Gruhl und seinem Werk „Der Planet wird geplündert“ beschäftigt: Der war in der Tat ein Apokalyptiker, hat sich aber durch seinen tiefen Pessimismus selbst in der von ihm gegründeten Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) isoliert. Wer in Sachen Umweltschutz aktiv wird, vertraut darauf, dass sich etwas tun lässt, um Unheil abzuwenden!

Die deutsche Wirtschaft ist bislang gut durch die Finanzkrise gekommen. Haben wir den Pessimismus nun in andere Länder exportiert und wenn ja, wohin?

Prof. RadkauIn den 1980er und 90er Jahren gab es eine Welle von pessimistischer Literatur über die deutsche Zukunft; das war jedoch in typischen Fällen ein Zweckpessimismus, der auf den Abbau des Sozialstaates, Lohnsenkung, „Flexibilisierung“ der Arbeitsverhältnisse und staatliche Förderung von Innovationen zielte. Diese Alarm-Literatur hatte nur dann einen Sinn, wenn das Gros der Deutschen eben gar nicht so ängstlich war, vielmehr aus der Sicht der Autoren wachgerüttelt werden musste.

Bleibt die Frage: Welche Sorgen sind letztlich berechtigt – und was ist „Jammern auf hohem Niveau“? Wo würden Sie hier die Trennung ziehen?

Prof. RadkauDiese Frage lässt sich unmöglich mit ein paar Sätzen beantworten. Die Sorge um die Umwelt, so über potenzielle Folgen des Klimawandels – aber nicht nur dies – halte ich für vollauf begründet; die deutsche Umweltbewegung pauschal als Ausfluss von „German Angst“ zu charakterisieren, war stets ignoranter Kokolores, zumal der „Environmentalism“ ursprünglich aus den USA stammt. Sorgen um die Zukunft der deutschen Wirtschaft sind ungeachtet der derzeitigen guten Konjunktur sicherlich begründet, allein schon wenn man an den Abgasskandal der Autoindustrie denkt und sich an die Lehre Max Webers erinnert, dass das Berufsethos für den dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg, also das Ansehen von „Made in Germany“, entscheidend ist. Die Syrienkrise, und nicht nur sie, wirft ein Licht darauf, dass die Handlungsfähigkeit der „Völkergemeinschaft“, an die man nach dem Ende des Kalten Krieges gern glaubte, zeitweise von Optimisten weit überschätzt wurde. Die Sorge vieler heutiger Deutscher um ihre Altersversorgung ist begründet. Aber auch die Sorge vor unabsehbaren Folgen eines fortgesetzten Zustroms von Migranten, ob aus der muslimischen Welt oder aus Afrika, kann sehr wohl rational begründet sein und muss nicht von neurotisch-rassistischer Angst zeugen; sie ist im Übrigen überhaupt nicht spezifisch deutsch.

Professor Joachim Radkau

...ist ein deutscher Historiker, der sich vor allem auf Technik- und Umweltgeschichte spezialisiert hat. 1980 habilitierte er beim Historiker Hans-Ulrich Wehler mit der Studie über Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft. Diese Arbeit gilt nach Frank Uekötter als „bis heute unübertroffen“ und machte Radkau zu einer führenden Kapazität in der Geschichte der deutschen Kernernergie. 2017 veröffentlicht er sein neues Buch, das auch von nachkriegsdeutschen Sorgen handelt: "Geschichte der Zukunft - Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute".


Orakel und Debakel

Egal ob Konjunkturvorhersagen oder Brexit und die amerikanische Präsidentschaftswahl, selten lagen Prognosen so häufig daneben wie heute.

Im Herbst fallen nicht nur regelmäßig die Blätter von den Bäumen. Sobald sich das Jahr seinem Ende zuneigt, schlägt rituell die große Stunde der Volkswirte in den Forschungsinstituten und Banken. Sie verkünden ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum des bevorstehenden Jahres. Dann wird nicht nur grob geschätzt, sondern genau auf die Stelle hinter dem Komma vorhergesagt, wie es mit der Konjunktur wohl weitergeht. Oftmals müssen sich die Experten dann den Vorwurf gefallen lassen, dass sie eigentlich nichts Anderes als Kaffeesatzleserei betreiben würden – vor allem, wenn die Voraussage des Vorjahres und die Realität wieder einmal besonders krass auseinanderklafften. Ein Musterbeispiel dafür ist der 1963 eigens von der Bundesregierung geschaffene „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“, besser bekannt als die fünf Wirtschaftsweisen. Seit 2001 hat dieser nicht ein einziges Mal den Verlauf des Bruttoinlandsproduktes korrekt prognostizieren können. So sagten die Experten, deren Arbeit die Steuerzahler immerhin rund zwei Millionen Euro im Jahr kostet, für 2001 ein Wachstum von satten 2,8 Prozent voraus. Am Ende waren es nur magere 0,6 Prozent. Aber auch der umgekehrte Fall trat schon ein: Für 2010 rechneten sie mit einem moderaten Plus von 1,6 Prozent, heraus kamen beachtliche 4,1 Prozent. Besonders auffällig daneben lagen die Experten bei der Einschätzung der Rezession von 2008. Statt einer leichten Stagnation wie prognostiziert, brach das Bruttoinlandsprodukt um 5,6 Prozent ein. Angesichts der Tatsache, dass Vorhersagen wie diese die Grundlage für die Steuerschätzung und die Haushaltsplanung des Staates bilden, zeigt sich die Bedeutung des Themas Prognose.

Blick zurück nach vorn

Und zugleich auch das eigentliche Dilemma: Alle Modellrechnungen der Experten basieren stets auf den Erfahrungen der Vergangenheit. Streng genommen können sie also nur das erklären, was bereits einmal passiert ist. Alles die Zukunft betreffende gleicht dagegen eher einem Stochern im Nebel. Zugleich lässt sich mit ihnen nie die Realität der Gegenwart zu 100 Prozent erfassen, selbst wenn tausende mathematischer Gleichungen mit im Spiel sind. Darüber hinaus können positive oder negative Erwartungen eine Eigendynamik entwickeln, was dazu führt, dass sie sich selbst erfüllen – oder ins absolute Gegenteil verkehren. Der größten Feinde aller Prognostiker sind aber die unvorhersehbaren Ereignisse wie Terroranschläge, kriegerische Konflikte oder Naturkatastrophen – kurzum exogene Faktoren. Und allenfalls erahnen lässt sich, wie schnell und in welchem Ausmaß volkswirtschaftliche Krisen in einzelnen Ländern oder das abrupte Auf und Ab auf den Währungs- und Rohstoffmärkten die Konjunktur im eigenen Land in Mitleidenschaft ziehen. Auch hier ist der Blick zurück nur bedingt hilfreich. So hatte das Platzen der IT-Blase zu Anfang des 21. Jahrhunderts weitaus schlimmere Auswirkungen als erwartet, der extrem hohe Ölpreis vor wenigen Jahren dagegen überraschend wenig negativen Einfluss.

Stimmungen sind keine Algorithmen

Dennoch stehen Vorhersagen weiterhin hoch im Kurs. Wie bereits im antiken Griechenland und seinem Orakel von Delphi, das übrigens als der Mittelpunkt der Welt angesehen wurde, gelten Personen, die professionell Prognosen erstellen, gemeinhin als Autoritäten. Dahinter steckt das nicht zu unterschätzende menschliche Bedürfnis, die Zukunft zu kennen und sie damit auch irgendwie beherrschbar zu machen. Gleiches gilt nicht nur für die Konjunktur, sondern auch für politische Entwicklungen. Aber offensichtlich sind Meinungen und Stimmungen ebenfalls mehr als nur bloße Algorithmen und Computermodelle. Diese schmerzhafte Erfahrung mussten in diesem Jahr all jene machen, die sich wissenschaftlich mit dem Brexit, den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten oder mitden Erfolgsaussichten der neuen Rechtspartei AfD in Deutschland beschäftigten. Fast unisono hatten sie alle einen Austritt Großbritanniens aus der EU oder den Sieg des skandalbehafteten Donald Trump für unmöglich gehalten, noch das Wählerpotenzial der Rechtspopulisten vor den Landtagswahlen korrekt eingeschätzt.

Herdenverhalten der Prognostiker

Damit rücken die Prognostiker und ihr Instrumentarium verstärkt ins Licht der Kritik. Zum einen scheint ein gewisses Herdenverhalten – im Fachjargon ForecastClustering – als Erklärung für die Prognosefehler in Serie verantwortlich zu sein. Wenn ein gewisser Konsens existiert, scheinen es manche nicht zu wagen, sich von der Mehrheitsmeinung ihrer Zunft abzugrenzen. Oder sie einigen sich vielleicht auf einen Mittelwert, um am Ende nicht aufzufallen. Ein Beispiel: So hatte die Los Angeles Times durchgehend einen klaren Sieg Trumps vorhergesagt. Dafür wurde sie von anderen Medien scharf kritisiert, die Vorwürfe lauteten Parteilichkeit und Stimmungsmache. Dabei waren die Wissenschaftler der University of Southern California Dornsife, die im Auftrag der Zeitung die Prognosen erstellt hatten, vielleicht einfach nur eine Nummer gründlicher. Sie hatten über mehrere Monate hinweg einen Pool von 3.000 Amerikanern nach ihren politischen Einstellungen und vorherigem Wahlverhalten befragt. Damit hatten sie offensichtlich den Finger näher am Puls der Wähler und konnten Schwankungen genauer aufspüren als die meisten anderen Meinungsforschungsinstitute. Diese hatten wie üblich Online-Fragebogen von registrierten Wahlberechtigten ausfüllen lassen oder Telefoninterviews über das Festnetz durchgeführt. Dadurch wurden Trugbilder aufgebaut und die Realität nicht mehr korrekt widergespiegelt. Denn wer nur über ein Mobiltelefon verfügt, mit einer Befragung via Internet überfordert ist oder abseits urbaner Regionen womöglich keinen Online-Zugang hat, kam darin einfach nicht zu Wort. Auch mag der eine oder andere vielleicht Hemmungen haben, im Rahmen einer direkten Ansprache extreme Ansichten offen auszusprechen. Dies gilt ebenso für die Befürworter eines Brexit in Großbritannien oder Anhänger der AfD in Deutschland.

Ohne Gewähr

Die politischen Erdbeben der jüngsten Zeit, die in ihren Dimensionen von den Experten mehrheitlich völlig unzureichend eingeschätzt wurden, werfen zudem eine ganz grundsätzliche Frage auf: Sind womöglich all diejenigen, die sich professionell mit der Zukunft beschäftigen, ebenso wie viele Politiker in der westlichen Welt mit ihrem Latein am Ende, wenn recht plötzlich unbekannte und vielleicht sogar extremistische Diskurse die Oberhand gewinnen, die sie bis dato so nicht auf dem Radar hatten? Wenn die Politik nicht mehr nach den bekannten Regeln funktioniert, dann gilt das womöglich auch für die Zunft der Demoskopen. Darauf müssen nicht nur Meinungsforscher dringend Antworten finden, sondern ebenfalls die Volkswirte – schließlich haben politische Verwerfungen dieser Art immer auch Folgen für die Konjunktur. Natürlich gilt danach auch weiterhin: Alle Angaben ohne Gewähr.

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