Aschermittwoch an der Copacabana

Noch vor kurzem schien es, als stünde die brasilianischen Wirtschaft vor einem kometenhaften Aufstieg. Doch nun steckt das Land in der wohl schwersten Rezession seiner Geschichte. Wie konnte dieser plötzliche Absturz geschehen?

Irgendwie haben sich das alle ganz anders vorgestellt: Als Brasilien 2007 den Zuschlag für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 erhielt und nur zwei Jahre später zum Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2016 ernannt wurde, schien die Welt noch in Ordnung. Groß war die Euphorie. Denn das lateinamerikanische Land befand sich seit Beginn der 1990er Jahre kontinuierlich auf Wachstumskurs. 30 Millionen ärmere Brasilianer schafften den Aufstieg in die untere Mittelschicht. Zudem wurden vor der brasilianischen Atlantikküste gewaltige Erdölvorkommen entdeckt. Alles sah danach aus, als ob eine neue Wirtschaftsmacht der Superlative im Entstehen sei. Doch nun weiß man: Der Aufschwung der letzten Jahre stand wohl eher auf tönernen Füßen. 2013 begann nicht nur eine konjunkturelle Abschwächung, sondern die wohl schwerste Rezession in der Geschichte des Landes. Um knapp vier Prozent schrumpfte im vergangenen Jahr das Bruttoinlandsprodukt. Die Arbeitslosenquote schnellte auf über elf Prozent. Und das alles ziemlich abrupt. Aber nicht wirklich überraschend, wie viele meinen.

Vermischte Gemengelage

„Die Krise in Brasilien hat viele Gründe. Eher zyklischer Natur ist der Rückgang der Rohstoffpreise“, lautet dazu die Einschätzung von Philipp Hauber. „Unter anderem ist das eine Folge der Wachstumsverlangsamung in China. Brasilien, als ein wichtiger Exporteur von Öl, Eisenerz und Soja, wurde davon besonders in Mitleidenschaft gezogen“, so der USA und Schwellenländer Experte vom Prognosezentrum des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. „Zudem fällt der aktuelle wirtschaftliche Abschwung mit dem Ende eines Kreditzyklus zusammen, der in den Jahren nach der Finanzkrise die Expansion der Wirtschaftsleistung künstlich gepuscht hat.“ Verschärft wurde die Situation aber zusätzlich durch Versäumnisse in der Vergangenheit, die auf das Konto der Verantwortlichen in Brasilia gehen und sich nun bitter rächen. „Eher struktureller Natur ist hingegen eine fehlgeleitete Wirtschaftspolitik, die es nicht vermocht hat nachhaltig die richtigen Rahmenbedingungen für unternehmerische Aktivitäten, beispielsweise durch den Aufbau einer besseren Infrastruktur sowie eine Reduzierung der Korruption, zu schaffen.“ Genau deshalb konnte die Rezession derart dramatische Ausmaße annehmen.

Politische Krise

„Die derzeitige Krise in Brasilien ist das Ergebnis einer Vielzahl struktureller und konjunktureller Faktoren, die sich in den letzten Jahren gegenseitig verstärkt haben“, bringt es Edwin Schuh auf den Punkt. „Zum einen hatte der Verfall der Rohstoffpreise auf den Weltmärkten sehr negative Auswirkungen“, so der Repräsentant von Germany Trade & Invest (GTAI) vor Ort. „Zudem spielt seit vielen Jahren der Staat eine übergeordnete Rolle im wirtschaftlichen Geschehen.“ Und das mit oftmals verheerenden Folgen. Exemplarisch ist der Korruptionsskandal rund um Petrobras, immerhin eine der größten Ölfirmen der Welt und lange Zeit das Aushängeschild der brasilianischen Wirtschaft. Mehrere Milliarden Euro Schmiergelder waren über Jahre hinweg bei der Vergabe von Bauaufträgen an Politiker aller Parteien geflossen. Pikanterweise gehört Petrobras zu 50 Prozent direkt dem Staat, über die staatliche Entwicklungsbank BNDS hat man Kontrolle über weitere zehn Prozent. Nun laufen gegen mehr als die Hälfte aller Parlamentarier Ermittlungsverfahren wegen Bestechlichkeit, Geldwäsche und anderer Unregelmäßigkeiten.

Verhaltener Neustart

„Die Nachfolgeregierung von Präsident Michel Temer hat grundlegende Reformen im Land angekündigt, die von vielen Wirtschaftsexperten begrüßt werden“, weiß Schuh zu berichten. „Ob diese jetzt wirklich umgesetzt werden, ist eine andere Frage.“ Zwar versprach der neue starke Mann an der Spitze eines liberal-konservativen Kabinetts sofort mehr Investitionen in die Infrastruktur, eine Lockerung des Kündigungsschutzes sowie eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Jedoch stockte er zugleich die Bezüge von Spitzenbeamten auf und scheint genauso wie seine beiden Amtsvorgänger Roussef und Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei das Geld eher mit vollen Händen auszugeben als eisern zu sparen. Auch ans Eingemachte traut er sich nicht wirklich. Eine Reform des Steuersystems ist von ihm kaum zu erwarten. Dabei hat Brasilien laut einer Studie der Vereinten Nationen eines der ungerechtesten der Welt, weil es vor allem die Wohlhabenden privilegiert. „Auf jeden Fall wird auch Temer stark auf die Agrarwirtschaft setzen“, glaubt Professor Dr. Kai Michael Kenkel. „Schließlich wird er von ihrer Lobby massiv unterstützt“, so der Brasilien-Fachmann vom GIGA Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg.

Sorgenkind Technologiesektor

Der Wandel hin zu einer entwickelten und diversifizierten Volkswirtschaft dagegen wurde weitgehend verschlafen. Die Tatsache, dass man 2011 Großbritanniens Wirtschaftskraft überholen konnte und im internationalen Ranking nun den siebten Platz einnimmt, mag zwar gut für das nationale Selbstbewusstsein der Brasilianer sein. An vielen grundlegenden Problemen ändert dies jedoch wenig. Denn obwohl Brasilien mit dem Flugzeugbauer Embraer oder dem Kunststoffhersteller Braskem einige äußerst erfolgreiche, global agierende Hightech-Unternehmen hervorgebracht hat, ist ihre Zahl für ein Land von den Dimensionen Brasiliens zu gering. „Der Technologiesektor ist eindeutig vernachlässigt worden“, so das Urteil von Professor Kenkel. Für ihn zeigt sich das symptomatisch daran, dass gerade einmal 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Forschung und Entwicklung investiert werden – Tendenz krisenbedingt zurzeit wohl eher fallend.

Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit

Zum Vergleich: In Deutschland sind es 2,9 Prozent in der Forschung. Selbst im Kreis der Schwellenländer belegt man damit nur einen der hinteren Plätze. „All das hat mit zu der Situation beigetragen, die wir heute beobachten können.“ Das Bildungswesen befindet sich gleichfalls in einem desolaten Zustand, weshalb in vielen Bereichen eklatanter Fachkräftemangel herrscht. Das haben auch die brasilianischen Unternehmen längst erkannt und schlagen Alarm. Erst 2009 riefen 50 der größten von ihnen eine Innovationsoffensive aus und forderten die Regierung dazu auf, gleichfalls mehr Engagement als bisher zu zeigen. Diese bewilligte zwar umgehend 720 Millionen Euro, die in den Ausbau bestehender Einrichtungen sowie rund 25 neue Forschungsinstitute fließen sollten. Viel zu wenig und nur ein Tropfen auf den heißen Stein, monieren dagegen die Kritiker. Sie sprechen daher von der „Innovationswüste Brasilien“. Zu diesen Schwierigkeiten kommen aber noch weitere hinzu: Die Kosten für Energie, Arbeit und Logistik sind zu hoch, das Steuersystem und das Arbeitsrecht alles andere als einfach und die Bürokratie geradezu byzantinisch intransparent, ineffizient und – wenig überraschend – häufig korrupt. Kein Wunder, dass Brasilien im Ease of doing business Index sich gerade einmal auf Rang 116 von 189 befindet. All das schadet der Wettbewerbsfähigkeit.

Aufschwung in Sicht?

Aber es gibt wohl langsam Licht am Ende des Tunnels. Für das zweite Halbjahr 2016 rechnet man mit einer zaghaften Stabilisierung der Konjunktur, was vielleicht auf den Beginn einer neuen Phase des Aufschwungs hindeutet. So korrigierte der Internationale Währungsfonds seine Vorhersage für das Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr gerade erst von 0,0 auf 0,5 Prozent. GTAI-Mann Schuh hält sogar 1,2 Prozent für möglich. „Die Prognosen für 2017 wurden in den letzten Monaten laufend angehoben.“ Selbst die Industrieproduktion in einigen Branchen wie der wichtigen Automobilindustrie zog wieder leicht an. Der schwache Real sorgt derzeit ebenfalls dafür, dass Produkte „Made in Brazil“ auf den internationalen Märkten vergleichsweise günstig angeboten werden können. Zudem zeigen die Preise einiger Rohstoffe gerade wieder nach oben. Zwar wächst die Staatsverschuldung weiter an, aber angesichts von knapp 350 Milliarden Dollar Reserven kann sich das Land zu guten Konditionen auf den Finanzmärkten Geld besorgen – das Gespenst eines zweiten Argentiniens droht also nicht. Dennoch müssen grundlegende, strukturelle Reformen und ein Ausbau der Wissenslandschaft in Angriff genommen werden. Andernfalls bleibt alles so, wie es vor der Rezession war und die Probleme, die Brasilien heute hat, werden auch die Probleme von morgen sein.

„Brasilien ist nach wie vor ein gefragter und attraktiver Markt“

Ein Interview mit Edwin Schuh, Repräsentant von Germany Trade & Invest (GTAI) in Brasilien.

Noch vor wenigen Jahren galt Brasilien als Vorzeigeökonomie unter den Schwellenländern. Heute dagegen scheint der Glanz verblasst und die Krisensymptome überwiegen. Was sind die Ursachen für diesen doch recht plötzlichen Absturz?

SchuhDie derzeitige Krise in Brasilien ist das Ergebnis einer Vielzahl struktureller und konjunktureller Faktoren, die sich in den letzten Jahren gegenseitig verstärkt haben. Zum einen hatte der Verfall der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt sehr negative Auswirkungen auf Brasilien, ebenso wie auf andere Länder der Region, die von rohstoffintensiven Branchen abhängig sind – wie zum Beispiel Chile oder Peru. Besonders zu spüren bekommen haben das diejenigen Bundesstaaten, die große Rohstoffvorkommen aufweisen, so etwa die Ölvorkommen vor der Küste des Bundesstaats Rio de Janeiro oder die Bergbauregion Minas Gerais. Zudem hat die geringere Nachfrage Chinas als wichtigster Abnehmer von Rohstoffen Brasilien stark getroffen. Zu den konjunkturellen Problemen kommen strukturelle. Der Staat spielt seit vielen Jahren eine übergeordnete Rolle im wirtschaftlichen Geschehen Brasiliens. Viele große Konzerne sind zumindest teilweise staatlich, etwa der Ölkonzern Petrobras oder der Energiekonzern Eletrobras. Damit hängen sie bzw. ihre Zulieferer von öffentlichen Aufträgen ab, was wiederum Korruption begünstigt – in Brasilien gipfelte dies im größten Korruptionsskandal der Geschichte des Landes um Petrobras. Insbesondere die Sektoren Öl, Gas und Bauwirtschaft befinden sich seitdem in einem tiefen Strudel aus Korruptionsaufdeckungen und Projektstillstand.

Zu volatil, zu risikoreich – ist Brasilien symptomatisch für das Ende des BRIC-Booms?

SchuhDas kann man so nicht sagen, jeder der BRIC-Märkte hat seine eigenen Strukturen und Herausforderungen. Auch Russland steckt in einer Krise und teilweise sind hier die Ursachen ähnlich wie in Brasilien, etwa der Verfall der Rohstoffpreise. Diese Krise lässt sich jedoch auch als Chance sehen. Wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden, kann Brasilien auf einen Pfad des nachhaltigen Wachstums geleitet werden. Das ist langfristig wünschenswerter als nur ein kurzer Boom.

Kamen die Probleme in Brasilien überraschend oder musste man mit ihnen rechnen?

SchuhViele Probleme waren bekannt und die jetzigen Auswirkungen damit absehbar. Allerdings dürfte das Ausmaß des Korruptionsskandals um Petrobras bzw. dessen Offenlegung für die meisten überraschend gekommen sein. Auch die Amtsenthebung von Dilma Rousseff war noch vor wenigen Jahren nicht absehbar. Präsident Temer plant nun eine umfassende Sanierung des Staatshaushalts. Dazu gehören auch unpopuläre Maßnahmen – eine langfristige Deckelung der Staatsausgaben, Reformen des Arbeitsmarktes und des Sozialsystems, Privatisierungen und womöglich Steuererhöhungen. Es bleibt abzuwarten, ob deren Umsetzung erfolgen wird, da sie politisch nicht ganz einfach durchführbar sind – selbst wenn die Regierung Temer bisher guten Willen gezeigt hat.

Für viele deutsche Unternehmen ist Brasilien traditionell ein wichtiger Auslandsmarkt – allen voran die Autoindustrie und ihre Zulieferer. Nicht wenige produzieren vor Ort. Wie sehen ihre Reaktionen auf die Krise aus?

SchuhDie Automobilindustrie leidet wie fast alle Branchen unter der Krise, aber auch unter der hohen Bürokratie, dem komplizierten Steuersystem und sehr hohen Zinsen. Viele Unternehmen wie etwa Mercedes Benz oder Volkswagen mussten ihre Produktion in der letzten Zeit drastisch reduzieren und die Belegschaft verringern oder in den Urlaub schicken. Einige Fabriken laufen derzeit nur auf 40 % ihrer Kapazitäten.

Planungssicherheit wird bei Investitionen im Ausland groß geschrieben. Ist diese in Brasilien angesichts der vielen Probleme überhaupt noch gegeben?

SchuhDies ist in der Tat ein Problem angesichts der politischen und wirtschaftlichen Instabilität, welche sich auch in dem starken Auf und Ab des Real widerspiegelt. Allerdings haben zahlreiche deutsche Unternehmen erfolgreich in Brasilien investiert und bereuen dies auch nicht. Man sollte dabei das Risiko einkalkulieren und nicht blind einem Boom folgen, sondern langfristig denken.

Das steile Auf und Ab einiger Volkswirtschaften in Lateinamerika ist für deutsche Unternehmen nicht unbedingt ein Novum. Gehen sie deswegen gelassener mit derartigen Unsicherheiten um oder ist es immer wieder eine neue Herausforderung?

SchuhJede Krise ist eine neue Herausforderung, aber viele deutsche Unternehmen in Lateinamerika sind seit Jahrzehnten dort aktiv und bewegen sich entsprechend sicher auf den Märkten. Begünstigend kommt hinzu, dass das deutsche Netzwerk vor Ort in Lateinamerika sehr gut ist und Unternehmen von vielen Stellen Unterstützung und Beratung erhalten. Erfahrungsgemäß lassen sich deutsche Unternehmen nicht allzu schnell abschrecken und sind in die jeweiligen Länder gekommen, um dort auch zu bleiben. So sind beispielsweise das Importverfahren und die Unternehmensgründung in Brasilien für ausländische Investoren schon seit vielen Jahren kompliziert. Dennoch ist Brasilien nach wie vor ein attraktiver und gefragter Markt, allein aufgrund seiner Größe und Kaufkraft durch eine wachsende Mittelschicht. Hinzu kommt: Viele Deutsche sind seit vielen Jahrzehnten in Brasilien tätig und haben nicht nur eine Krise miterlebt und überlebt.

Brasilien ist ein Markt mit über 200 Millionen Menschen und zugleich die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Unternehmen können das Land im Rahmen ihrer Strategien, sich zu internationalisieren, also schwerlich ignorieren. Werden also weiterhin Unternehmen aus Deutschland sich vor Ort engagieren?

SchuhDavon ist auszugehen. Zwar sind ausländische Investoren derzeit – aus gutem Grund – eher vorsichtig. Allerdings scheint die Wirtschaft inzwischen ihren Tiefpunkt überschritten zu haben und eine leichte Verbesserung der Lage zeichnet sich ab. Das Bruttoinlandsprodukt kann Experten zufolge bereits im letzten Quartal 2016 positives Terrain erreichen. Die Prognose für 2017 wurde in den letzten Monaten laufend angehoben und es wird ein Wachstum von etwa 1,2 Prozent erwartet.

Erwin Schuh

...studierte von 2010 – 2012 Economics an der Universität St. Gallen-Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften und schloss Master of Arts mit Auslandssemester in Bogotá und Bangkok. Kurz darauf arbeitete er als Korrespondent in Kolumbien und Venezuela für Germany Trade & Invest. Seit 2016 ist er beim selben Unternehmen Korrespondent für Brasilien in São Paulo.

„Wachstum weitestgehend durch Binnenkonsum“

Ein Interview mit Prof. Dr. Kai Michael Kenkel, GIGA Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg.

Brasilien zählte zusammen mit China, Russland und Indien lange zu den erfolgversprechendsten Volkswirtschaften. Nun versinkt das Land im Chaos. Wie konnte das passieren?

KenkelDiese aktuelle Rezession hat mehrere Gründe. Vor allem ist sie das Resultat der politischen Instabilität der vergangenen Jahre und der ausufernden Korruption. Wirtschaftliche Krisen traten in Brasilien jedoch immer schon zyklisch auf. Das hat mit der hohen Abhängigkeit des Landes von den Rohstoffmärkten zu tun. Jedes Mal, wenn die Preise für Soja, Eisenerz oder Erdöl fallen, schlägt sich das auch auf die Konjunktur nieder. Darüber hinaus machen sich nun ebenfalls die Versäumnisse der Vergangenheit bemerkbar. Der Technologiesektor ist eindeutig vernachlässigt worden. Das zeigt sich unter anderem daran, dass im Vergleich zu entwickelten Volkswirtschaften und anderen Schwellenländern viel zu wenig in den Bereich Forschung und Entwicklung investiert worden ist. All das hat mit zu der Situation beigetragen, die wir heute beobachten können.

Hat man Brasilien in der Vergangenheit vielleicht überschätzt?

KenkelBrasilien braucht dringend Veränderungen, um die strukturellen und zyklischen Defizite beseitigen zu können. Das vermochten die Regierungen der vergangenen Jahre nicht zu leisten. Deshalb herrscht eher Enttäuschung vor.

Ist das Entwicklungsmodell Brasilien gescheitert?

KenkelBrasilien hat definitiv ein Nachhaltigkeitsproblem. Das Wachstum der vergangenen zwölf Jahre wurde weitestgehend durch den Binnenkonsum getragen, den die Regierung durch hohe Sozialleistungen und Transferzahlungen möglich machte. Zudem stand man dem Wirtschaftsliberalismus immer skeptisch gegenüber, setzte auf einen stark reglementierten Arbeitsmarkt und zeigte wenig Initiative bei der Umsetzung von Freihandelsabkommen. So kam auch der Mercosur, das Projekt eines gemeinsamen Marktes, zu dem neben Brasilien auch Argentinien, Paraguay, Uruguay und Venezuela gehören, in den letzten Jahren nicht so richtig voran.

Wird es der neuen Regierung von Präsident Michel Temer gelingen, das Ruder herumzureißen?

KenkelDas wird sich zeigen. Auf jeden Fall wird auch Temer stark auf die Agrarwirtschaft setzen – schließlich wird er von ihrer Lobby massiv unterstützt. Darüber hinaus dürfte seine Regierung mehr Akzente auf eine Liberalisierung und Privatisierung setzen. Zugleich werden der Kündigungsschutz gelockert und Sozialleistungen gekürzt. Auf diese Weise will man nach außen seine Reformfähigkeit demonstrieren und das Land für ausländische Investoren wieder attraktiver machen. All diese Maßnahmen werden die bereits bestehenden sozialen Probleme eher verschärfen als lösen, weshalb wohl auch mehr finanzielle Mittel in den Sicherheitsapparat fließen dürften – dieses Geld fehlt dann im Gesundheits- und Bildungswesen, die ohnehin unterfinanziert sind. Die enorme Abhängigkeit von den schwankenden Preisen auf den Rohstoffmärkten lässt sich so nur schwer bewältigen.

Viele deutsche Unternehmen sind bereits seit Jahrzehnten in Brasilien vor Ort aktiv. Wie gehen sie mit den plötzlichen Unsicherheiten um?

KenkelIch glaube, dass die allermeisten mit der aktuellen Situation relativ gelassen umgehen. In Lateinamerika muss man ohnehin immer wieder mit sporadisch auftretenden Krisenphänomenen rechnen. Wer als deutsches Unternehmen in Brasilien langfristig aktiv ist, dürfte deshalb nicht selten sogar besser dagegen gewappnet sein als die Regierung selbst. Und wenn nun wie von Präsident Michel Temer angekündigt, Investitionen vereinfacht und Arbeitsmarktreformen durchgeführt werden sollten, dann werden das viele potenzielle Investoren positiv aufnehmen.

Schreckt die aktuelle Krise deutsche Unternehmen davor ab, sich auf ein Engagement in Brasilien einzulassen?

KenkelWenn überhaupt nur für den Moment. Wer sich internationalisieren will, plant sowieso langfristig. Außerdem ist Brasilien als Markt einfach viel zu bedeutend, als dass man ihn ignorieren könnte.

Prof. Dr. Kai Michael Kenkel

...ist seit März 2016 Gastwissenschaftler am GIGA Institut für Lateinamerika-Studien. Bereits seit 2013 ist er Professor am Institut für Internationale Beziehungen der Päpstlich-Katholischen Universität in Rio de Janeiro, was ihn zu einem Experten im Bereich der Südamerika-Studien macht. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Internationale Sicherheit, Interventionsnormen und Responsibility to Protect.

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