Investitionsverhalten im Mittelstand: Topfit und kerngesund

Laut einer aktuellen Analyse der Sparkassen-Finanzgruppe sind kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland bestens aufgestellt. Dafür gibt es gute Gründe - unser Special beleuchtet aber auch die Schwachstellen.

Erfolgsmodell Mittelstand. Er gilt als die treibende Kraft der deutschen Wirtschaft – und das zu Recht. Satte 99,0 Prozent der Unternehmen hierzulande, die nicht an der Börse notiert sind, eine Belegschaft von unter 5.000 Mitarbeitern haben und weniger als 750 Millionen Euro Umsatz im Jahr verzeichnen, fallen unter diese Kategorie. Diese kleinen und mittelständischen Unternehmen schaffen unzählige Jobs, sichern die Ausbildung vieler Hunderttausend junger Menschen und sind hochgradig internationalisiert. Und nicht selten sind sie aufgrund ihrer Innovationskraft auch die Weltmarktführer in den jeweiligen Branchen. Dennoch wollen wir die Situation genauer untersuchen.

Umfangreichste Bilanzdatensammlung von KMU

Der Frage, wie es um den Mittelstand in Deutschland bestellt ist, gingen die Analysten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) nun auf den Grund. Dazu werteten sie zum dritten Mal in Folge die Bilanzzahlen von rund 300.000 Firmenkunden der Sparkassen-Finanzgruppe aus – die nach eigenen Angaben wohl umfangreichste Bilanzdatensammlung von KMU in Deutschland. Erfasst sind in der Studie mit dem Titel „Zukunft Mittelstand“ 34 bilanzrelevante Parameter wie das Geschäft und der Gewinn, Investitionen und Innovationen, Stabilität und Nachhaltigkeit sowie Angaben zu den Beschäftigten und deren Verdienst.

Fitnessindex auf neuem Höchststand

Das Resultat zeigt ein äußerst positives Bild der Gesamtlage. Dies ist umso beeindruckender, weil es an weltwirtschaftlichen Turbulenzen nicht mangelt und das internationale Umfeld auch in den kommenden Jahren volatil bleibt. Angefangen von Sanktionen gegen Russland, dem Brexit sowie der weiterhin schwelenden Eurokrise und dem Schreckgespenst des Protektionismus in den Vereinigten Staaten gäbe es also genug Anlässe für Sorgenfalten in den Gesichtern der Verantwortlichen in den Unternehmen. Doch die Zahlen zum wirtschaftlichen Wohlergehen der KMU sehen so gut aus wie noch nie. Der vom DSGV entwickelte S-Mittelstands-Fitnessindex, der Unternehmen mit einem Umsatz von bis zu 250 Millionen Euro erfasst, befindet sich mit 101,5 Punkten für das Jahr 2016 auf einem neuen Höchststand. Zum Vergleich: 2015 lag er noch bei 100,6 Punkten und 2012 bei genau 100 Punkten. Und offensichtlich gewinnt er weiter an Fahrt. So rechnen die Experten des DSGV für 2017 mit 101,7 Punkten und für 2018 mit 101,9 Punkten. „Der Mittelstand brummt, und er kräftigt seine Funktion als Stabilitätsanker der deutschen Wirtschaft und verlässlicher Arbeitgeber weiter“, kommentiert DSGV-Präsident Georg Fahrenschon die Ergebnisse.

Mittelstand zeigt solides Gesamtbild

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: So legten die Umsätze der KMU 2016 um 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Eine Atempause steht nicht an, 2017 und 2018 soll das dynamische Wachstum weitergehen. Es wird ein Plus von 5,8 Prozent bzw. von 6,6 Prozent erwartet. Die Gewinne haben sich seit 2004 mehr als verdoppelt, für das laufende Jahr rechnet man mit einem weiteren Anstieg von 3 Prozent, 2018 sogar von 9 Prozent. Auch mit der Umsatzrentabilität ging es sprunghaft aufwärts – allein von 2015 auf 2016 von 4,8 Prozent auf 5,8 Prozent. Und die Eigenkapitalquote, die aufzeigt, wie es um die finanzielle Stabilität der KMU bestellt ist, bewegt sich branchenübergreifend bei rund 40 Prozent. Grund für das überraschend solide Gesamtbild ist eine langfristig ausgelegte Ausrichtung. Anders als börsennotierte Unternehmen müssen KMU aus den Gewinnen keine Dividenden an ihre Aktionäre abzweigen. Sie reinvestieren daher kontinuierlich einen Großteil davon, was sich oft auszahlt. 2016 wurden bereits pro Euro Sachanlagen 2,14 Euro Umsatz generiert – ein Wert, der aller Voraussicht nach bis 2018 auf 2,26 Euro ansteigen wird. Zudem machen die vergleichsweise hohen Gewinnrücklagen die Unternehmen relativ resistent für den Fall, dass es in der Weltwirtschaft konjunkturell wieder einmal abwärts gehen sollte.

Defizite bei der Digitalisierung in der Fläche

Über Umsatzzuwächse konnten sich 2016 vor allem die Schlüsselindustrien Metall-, Maschinen- und Fahrzeugbau freuen oder die Bauwirtschaft. Primus von allen war aber die Digitalbranche mit einem Plus von rund 10 Prozent. Die Digitalisierung von Wertschöpfungsketten, kurz Industrie 4.0 genannt, autonomes Fahren sowie alternative Antriebe sind die großen Zukunftsthemen. Und genau in diesem Bereich zeigen sich auch gravierende Defizite. Denn knapp die Hälfte aller sogenannten Hidden Champions sowie viele IT-Spezialisten haben ihren Firmensitz abseits der urbanen Ballungsräume und sind eher auf dem flachen Lande zuhause. In den ländlichen Regionen sieht es aber mit der Versorgung mit schnellem Internet oft recht düster aus. Wenn von Seiten der Politik nicht bald ausreichend in die IT-Infrastruktur investiert wird oder entsprechende Anreize dazu geschaffen werden, drohen nicht wenige KMUs ins digitale Abseits zu geraten. Der Ausbau der Breitbandnetze muss deshalb oberste Priorität haben, so eine Forderung. Als weiteres Risikofeld identifizieren die Macher der Studie „Zukunft Mittelstand 2017“ die Diskussionen um ein Verbot des klassischen Verbrennungsmotors für die Automobilindustrie sowie ihre vielen kleinen und mittelständischen Zulieferer. Das sorgt für große Verunsicherung – dabei steht diese für Deutschland so bedeutende Schlüsselindustrie bereits jetzt schon aufgrund disruptiver Technologien vor gewaltigen Herausforderungen.

„Wir brauchen einen Innovationsruck!“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Kilian Bizer, Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftspolitik und Mittelstandsforschung an der Uni Göttingen, über die hohen Cash-Reserven im Mittelstand.

Prof. Bizer, der Mittelstand sitzt zu einem großen Teil auf hohen Cash-Reserven. Nutzt er diese als Polster für schlechte Zeiten oder für gezielte Investitionen in Zukunftsprojekte und Innovationen?

BizerDie Finanz- und Wirtschaftskrise hat im Mittelstand einen großen Schreck ausgelöst. Mit Themen wie Basel II und anderen Verschärfungen der Regulatorik hat sich darüber hinaus das klassische Verhältnis zu den Hausbanken sehr verändert. Die natürliche Folge war, dass die Unternehmen das Wachstum der letzten Jahre genutzt haben, um ihre Eigenkapitalquoten deutlich zu steigern. Zudem haben sie infolge der Nullzinspolitik auch keine attraktive Anlagealternative für ihre Cash-Reserven. Allerdings – dies muss man einschränkend sagen – sehen wir nicht unbedingt, dass dadurch die Innovationsintensität steigt, im Gegenteil: Sie war bis 2014 rückläufig. Unternehmen nutzen das Eigenkapital so, wie sie früher den Hauskredit genutzt haben – sie finanzieren sich quasi selbst.

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband hat im letzten Jahr die Bilanzkennzahlen von rund 300.000 Unternehmen analysiert und kam zu dem Ergebnis, dass die deutschen Unternehmen immer effizienter werden. Sie brauchen immer weniger Investitionen, um mehr Umsatz zu erzielen. Wie sehen Sie diese Aussage?

BizerDiesen Befund, dass sie effizienter sind, find ich eher zweifelhaft. Der Hintergrund: Bis 2008 hatten die meisten Unternehmen Überkapazitäten zur Verfügung, die sie nicht genutzt haben, und die Effizienzsteigerungen der letzten Jahre kamen in erster Linie aus der Nutzung dieser Kapazitäten. Die Erweiterungsinvestitionen hingegen sind in den letzten Jahren mehr oder weniger gleich geblieben. Nun kommen aber noch zwei Punkte hinzu, die zu einer Verschärfung führen. Erstens fehlt aufgrund des Fachkräftemangels das Personal, um noch mehr aus den Kapazitäten herauszuholen, und zweitens bleibt das Inhaberalter mit 52 Jahren relativ konstant. Und die Nachfolgeproblematik wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Hinzu kommt noch die sinkende Innovationsbereitschaft mit zunehmendem Alter der Inhaber. In Unternehmen mit über 60-jährigen Inhabern investieren 34 Prozent, in Unternehmen mit unter 40-jährigen hingegen 61 Prozent. Diese Erkenntnis zieht sich durch den gesamten Mittelstand – die Suche nach geeigneten Nachfolgern ist daher das große Thema. On top kommt noch, dass sich der Gründungswille der jungen Generation in Deutschland halbiert hat. Wir brauchen hier einen Innovationsruck!

Die Studie kam auch zu dem Schluss, dass Mittelständler effizienter investieren als Konzerne. Teilen Sie diese Beobachtung?

BizerDas möchte ich nicht unterschreiben, denn dafür ist der Mittelstand insgesamt viel zu heterogen und es lässt sich nur schwer ein einheitliches Bild herausfiltern. Großunternehmen stehen in diesem Punkt auch nicht schlecht da und wie bereits gesagt, kam die Effizienzsteigerung der letzten Jahre aus der Nutzung der Kapazitäten. Die deutsche Wirtschaft hat insgesamt enorm davon profitiert, dass sie nach der Krise so wachsen konnte. Dies lag sicher auch an den Konjunkturprogrammen der Regierung, die wirklich on time waren. So konnten 2009 auch Mittelständler Kurzarbeit machen lassen und die Kapazitäten halten, die sie dann ab 2010 wieder benötigten – und glücklicherweise hatten. Hinzu gesellte sich die stärkere Binnennachfrage, die die Wirtschaft zusätzlich stabilisierte.

Welches Investitionsverhalten beobachten Sie beim Mittelstand? Was ist vorherrschend und wofür wird noch Geld ausgegeben, wo hingegen wird gespart?

BizerWir unterscheiden in der Innovationsforschung zwischen der Explorations- und der Exploitingphase. Damit ein Unternehmen Umsätze abschöpfen kann (Exploiting), muss es einige Zeit explorieren, also sozusagen die 50 Geschäftsmöglichkeiten, die sich ergeben könnten, wahrnehmen und antesten. Es geht darum, sich sehr gezielt anzusehen, welche Möglichkeiten sich bieten. Die deutschen Unternehmen sind im Schnitt sehr gut in der Exploitingphase, aber sie tun sich schwer mit der Exploration. Dabei sollten sie eigentlich genau die Zeit jetzt, in der es gut läuft, nutzen, um sich Spielräume zu geben und Innovationen voranzutreiben.

Wie entscheiden Unternehmen, was wirklich wichtige Investitionsfelder sind und was nicht? Wie können sie sich hier sinnvoll informieren?

BizerDer Kunde ist oft der Impulsgeber. Im Bereich der inkrementellen Innovation am Kundenproblem entlang ist der Mittelstand in der Regel sehr gut. Und er ist damit in den vergangenen Jahren auch sehr gut gefahren, denn in der Regel sind es die kleinen Verbesserungen, die Fortschritte bringen. Allerdings wurde Deutschland in den letzten Jahren bei neuen großen Geschäftsmodellen wie Google oder Amazon komplett abgehängt. Hier haben wir keine Infrastruktur wie beispielsweise im Silicon Valley. Daher ist es für Mittelständler klug, inkrementell zu innovieren. Auf der Habenseite unserer Volkswirtschaft bleibt zudem: Silicon Valley lässt sich zwar nicht kopieren, aber auch in Deutschland gibt es sehr viel kluge Kapazität, die wir nicht immer nutzen. Hier sehe ich noch viele freie Ressourcen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, die sich nutzen ließen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Investitionsverhalten von Mittelständlern heute? Was verändert sich hier?

BizerBei der Digital Economy geht es auch um Netzwerkeffekte, doch Mittelständler sind manchmal sehr zurückhaltend, weil sie nicht wissen, wo genau die große Umstellung in der Wertschöpfungskette kommen wird – zudem müssen sie sich meist in verschiedene Wertschöpfungsketten integrieren. Nehmen wir zum Beispiel einen Automobilbauer, der nur auf einen Zulieferer zurückgreift – dieser kann sich dann dort auch komplett integrieren. Allerdings bedienen die meisten Zulieferer verschiedene Hersteller mit verschiedenen Wertschöpfungsketten, in die sie sich integrieren müssen. Sie müssen also mit verschiedenen Plattformen kompatibel sein und betreiben somit komplexe Systeme. In puncto Investitionen ist es daher für diese Unternehmen deutlich schwieriger.

Wie ließe sich diese Problematik der geringen Investitionen entschärfen?

BizerEs gibt einen Vorschlag des Expertenbeirats Forschung & Innovation, nämlich die steuerliche Förderbarkeit von F&E auf die Lohnsteuer. Ich glaube, dies könnte einen Investitionsschub auslösen, den wir eigentlich noch on top brauchen – gerade im Mittelstand. Dieses Thema wird aus meiner Sicht zu sehr auf die lange Bank geschoben.

Dr. Kilian Bizer

...ist seit Wintersemester 2004/2005 Professor für Wirtschaftspolitik und Mittelstandsforschung an der Georgia-Augusta-Universität in Göttingen. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Geschäftsführer der Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse in Darmstadt. Prof. Bizer studierte Volkswirtschaftlehre an den Universitäten Göttingen, Köln und Madison (Wisconsin, USA). Er führt regelmäßig Forschungsprojekte für Ministerien in den Bereichen der Umweltökonomie oder Verbraucherschutz durch und beschäftigt sich intensiv mit Fragen der wissenschaftlichen Politikberatung in interdisziplinären Kontexten.

Deutscher Mittelstand – Mythos oder Realität?

Die Fundamentaldaten mögen gut sein, dennoch gibt es keinen Anlass, die Hände in den Schoß zu legen – insbesondere in Sachen F&E haben Mittelständler viel zu tun. Ein Kommentar des Chef-Volkswirtes der NORD/LB, Torsten Windels.

Der Aufschwung in Deutschland hat volle Breite erreicht. Im ersten Halbjahr 2017 wuchsen auch und endlich die deutschen Ausrüstungsinvestitionen wieder. Zudem zeigt die Arbeitsproduktivität wieder eine deutlichere Dynamik. Zu früh, um hier die nötige Trendwende zu behaupten, aber zusammen mit den anziehenden Löhnen und anhaltenden Überschüssen der öffentlichen Haushalte sind das gute Aussichten für eine Fortsetzung des Aufschwungs. Zeit, um den Blick auf einige Schwachpunkte der deutschen Volkswirtschaft zu lenken. Brückensanierungen, erschreckend schwache Bandbreiten im digitalen Netz, vergleichsweise niedrige Bildungsausgaben sind bekannt, wenn auch noch nicht andeutungsweise gelöst. Wir wollen uns hier aber dem Stand des deutschen Mittelstandes widmen.

Niedrige Forschungsausgaben

Der berühmte „German Mittelstand“ gilt als das Rückgrat der erfolgsreichen deutschen Volkswirtschaft. Flexibel, innovativ, global aufgestellt, nachhaltig. In der Definition der amtlichen Statistik haben kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bis zu 250 Beschäftigte, bis zu 50 Millionen Euro Umsatz und/oder eine Bilanzsumme von bis zu 43 Millionen Euro. Hierauf entfallen in Deutschland 99,5 Prozent der Unternehmen, 63 Prozent der Beschäftigung und 53 Prozent der Wertschöpfung. Dies klingt beeindruckend. Gleichwohl fallen die deutschen Werte in allen drei Kategorien im EU-Vergleich schwach aus. (1) Die Exportanteile am Gesamtumsatz der deutschen KMU liegen nur an drittletzter Stelle von 26 OECD-Ländern. Von 29 OECD-Ländern hat Deutschland den niedrigsten KMU-Anteil an den betrieblichen Forschungsausgaben (11 Prozent, Israel bringt es hier auf 74 Prozent!). (2) Auch nach einer Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geben deutsche KMUs nur 1,2 Prozent ihres Umsatzes für Innovationen aus. In Schweden sind dies immerhin 2,6 Prozent. (3)  Während die KMUs in der Krise eine gewisse Krisenfestigkeit zeigten und bis zur Krise mit der Produktivitätsentwicklung der großen Unternehmen (>250 Beschäftigte) Schritt halten konnten, ist die Erholung nach 2009 deutlich verzögert. (4)

Konzentration in der betrieblichen Forschungslandschaft:

52 Prozent der deutschen Unternehmen haben FuE-Budgets von weniger als 1 Millionen Euro/Jahr und verausgaben lediglich 1 Prozent der betrieblichen FuE-Ausgaben. Knapp 90 Prozent der deutschen Unternehmen haben FuE-Budgets von weniger als 15 Millionen Euro/Jahr und verausgaben 9 Prozent der betrieblichen FuE-Ausgaben. Dagegen entfallen auf das oberste Prozent der Unternehmen mit FuE-Budgets größer als 350 Millionen Euro/Jahr 58 Prozent der gesamten betrieblichen FuE-Ausgaben (30 Milliarden Euro).

 

Deutscher Mittelstand vor der Mittelmäßigkeit?

Relativierend ist darauf zu verweisen, dass die Messgrößen nicht unproblematisch zu erfassen sind. Zum anderen ist das Ergebnis plausibel. Wenn der deutsche KMU-Anteil kleiner ist als in anderen Ländern, sind auch andere Anteilsgrößen kleiner. Dies muss kein Grund für Schwäche sein, wenn die großen Unternehmen dies kompensieren. Aber was bleibt dann vom „German Mittelstand“?

Das Hauptproblem liegt in der Größe. Der deutsche Mittelstand ist überwiegend größer, als in der amtlichen Statistik abgefragt. Die Unternehmen, auf die sich der Stolz der deutschen Volkswirtschaft bezieht, haben überwiegend mehr als 50 Millionen Euro Umsatz oder 250 Beschäftigte. Bemüht man Zahlen der Umsatzsteuerstatistik und grenzt eine Unternehmensgruppe von 50 bis 1.000 Millionen Euro Umsatz ab, stellt man fest, dass diese knapp 12.000 Unternehmen zwar nur 0,4 Prozent der Unternehmen ausmachen, aber 30 Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Zudem ist dieses Segment seit 2005 am stärksten gewachsen. Auch die Hidden Champions, die zu knapp 50 Prozent in Deutschland zu finden sind, liegen in der Klasse bis 5 Milliarden Euro Umsatz. (5) Erweitert man die KMUs auf Unternehmen bis 1.000 Beschäftigte, steigt der Anteil der Innovationsausgaben an den gesamtwirtschaftlichen Ausgaben von 16 Prozent auf 30 Prozent. (6) Doch auch im größeren Segment bis 500 Beschäftigte sank die Innovatorenquote in Deutschland seit 1999 relativ kontinuierlich von 56 Prozent auf nur noch 37 Prozent  (2014). (7) Hiernach stiegen die Innovationsausgaben der Großunternehmen von 1995 bis 2016 um 250 Prozent. Die KMU legten dagegen nur um 34 Prozent zu. (8)

Wo liegen die Herausforderungen?

Der deutsche Mittelstand investiert nicht genug in Innovationen und droht damit, den Anschluss zu verlieren (siehe Grafik). Warum?

Neben einigen Defiziten bei der Adaptierung der Herausforderungen der Digitalisierung, (9) dem deutlich steigenden Fachkräftemangel, hoher Innovationsrisiken und organisatorischer Probleme werden insbesondere Probleme in der Innovationsfinanzierung genannt. (10) Der deutsche Mittelstand finanziert seine Investitionen im Wesentlichen aus den drei Quellen: Eigenmittel, Bankkredite und Fördermittel. Dabei sind die Innovationsrenditen in KMUs seit 2006 kontinuierlich gesunken und belasten somit die Innenfinanzierung. Banken werden als zunehmend risikoavers wahrgenommen. Dies sehen befragte Bankvertreter zwar differenzierter, bleibt aber wohl ein zentrales Problem. Damit konzentriert sich die Erwartung auf eine Ausweitung der öffentlichen Förderung, wie dies in den letzten Jahren bereits erfolgt ist. Kapitalmarktzugänge sind größenbedingt oftmals nicht möglich und überwiegend auch nicht erwünscht. Und Venture Capital bleibt in Deutschland ein recht knappes Gut. (11)
 
Fazit: Der deutsche Mittelstand bleibt differenziert und vielfach sehr erfolgreich, Stichwort Hidden Champions. Gleichwohl ist die Lage nicht durchgängig positiv. Die nachhaltige Stärkung des Wachstums in Deutschland erfordert in den nächsten Jahren auch eine Wiederbelebung des mittelständischen Innovationsmotors. Marktlösungen zur Innovationsfinanzierung (Kapitalmarkt, Banken) scheinen begrenzt. Damit kommt der öffentlichen Forschungsförderung, insbesondere eine stärkere KMU-Fokussierung, eine wichtige Aufgabe zu.  Besonders die Organisation von Innovationsprozessen ist ein Engpass bei KMUs.  Auch steuerliche Maßnahmen liefern Impulse für mehr Innovationsausgaben.

Quellenangabe

1  Eurostat (2015) (Titel, Erscheinungsort und Seitenangabe fehlen)

OECD (2017): Small, Medium, Strong. Trends in SME Performance and Business Conditions, S. 40/90 (Erscheinungsort und Seitenangabe fehlen)

3  ZEW (2016): Die Rolle von KMU für Forschung und Innovation in Deutschland, S. 68 ((Erscheinungsort fehlt)

4  KfW Research (2017): Produktivität des deutschen Mittelstandes tritt auf der Stelle – Zeit zu handeln!,  (Erscheinungsort und Seitenangabe fehlen)

5  Simon, Hermann (2012): Hidden Champions, Aufbruch nach Globalia, Frankfurt a. M./New York, S. 55/56. Simon identifiziert weltweit 2.734 Hidden    Champions, davon 1.307 in Deutschland.

6  ZEW (2016), a. a. O. S. 46

7  ZEW/prognos (2016): Innovativer Mittelstand 2025, S. 8/18 (Erscheinungsort fehlt)

8  ZEW/prognos (2016), a. a. O., S. 15

9  Vgl. ZEW (2016): Digitalisierung im Mittelstan; McKinsey (2017): Die Digitalisierung des deutschen Mittelstands (Erscheinungsort fehlt); KfW Research    (2016): Fokus Volkswirtschaft, Digitalisierung im Mittelstand (Erscheinungsort fehlt)

10 ZEW/prognos (2016), a. a. O., S. 26

11 ZEW/prognos (2016), a. a. O., S. 81ff.

12 OECD (2017), a. a. O., S. 90

13 ZEW/prognos (2016), a. a. O, S. 113ff.

14 Expertenkommission Forschung und Innovation, Gutachten 2017, S. 147ff. (www.e-fi.de) (Erscheinungsort fehlt)

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