Ergrauender Drache

Massiver Bevölkerungsrückgang krempelt das komplette Gefüge um.

Im Reich der Mitte vollzieht sich der demographische Wandel im Zeitraffer. Während die Zahl der alten Menschen rapide ansteigt, schrumpft der Anteil der Erwerbstätigen in der Bevölkerung – mit gravierenden Folgen für Chinas Wirtschaftswunder.

Mit der Ein-Kind-Politik will die chinesische Regierung langfristig das ehemals rasante Bevölkerungswachstum eindämmen und ist dabei auf einem guten Weg – vielleicht einem zu guten. Denn die Zahl der Neugeborenen ist aufgrund der drastischen Bevölkerungspolitik der Regierung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. Brachte die durchschnittliche Chinesin 1970 noch 5,8 Kinder zur Welt, so sind es aktuell nur noch knapp 1,6. Zugleich aber stieg die Lebenserwartung von 40 Jahren im Jahr 1950 auf heute fast 72 Jahre. Laut Weltbank wird sich deshalb bis zum Jahr 2050 die Zahl der über 64-Jährigen Chinesen auf 335 Millionen verdreifachen. Derzeit kommen auf einen Ruheständler noch 8,4 Erwerbstätige, doch bis zur Mitte des Jahrhunderts wird sich dieses Verhältnis radikal verändern: Dann gibt es für jeden Rentner nur zwei auf dem Arbeitsmarkt aktive Personen. 

Bevölkerung schrumpft ab 2030 massiv

„Die Folgen werden dramatisch sein“, lautet die Einschätzung von Dr. Günter Schucher. „Aufgrund dieser Entwicklungen stehen auf dem Arbeitsmarkt in Relation zu der Gesamtbevölkerung bald viel weniger Beschäftigte als heute zur Verfügung“, so der Senior Research Fellow am GIGA Institut für Asien-Studien in Hamburg (siehe Interview). „Gleichzeitig aber vergrößert sich das Heer der zu versorgenden alten Menschen überproportional schnell.“ Zwar wächst die Bevölkerung in China bis zum Jahr 2030 weiter auf rund 1,45 Milliarden Menschen, doch beginnt danach ein massiver Schrumpfungsprozess. In den kommenden Jahrzehnten wird die Alterspyramide quasi auf den Kopf gestellt. Und das hat nicht nur soziale Konsequenzen. „Chinas gesamtes Geschäftsmodell ist in Gefahr“, warnt Schucher. „Schließlich basiert es fast ausschließlich auf einer expansiven Wachstumspolitik.“ Das Land mit seinem schier unerschöpflich scheinenden Reservoir an billigen Arbeitskräften mauserte sich in kürzester Zeit zur Werkbank der Welt und beeindruckte fast jedes Jahr mit einer Steigerung des Bruttoinlandsproduktes von zehn Prozent und mehr. Doch schon dieses Jahr verlor Chinas überwiegend auf Export ausgerichtete Volkswirtschaft ein wenig von ihrem bisherigen Schwung. Eine der Ursachen dafür ist die aktuelle Schuldenkrise, eine andere jedoch der Bevölkerungsrückgang, weiß Schucher: „Darüber hinaus neigt sich nun aber auch genau die Epoche dem Ende zu, in der China von der so genannten demographischen Dividende profitieren konnte.“ Dabei handelt es sich um den Beitrag am Wirtschaftswachstum, der auf den überdurchschnittlich hohen Prozentsatz der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung zurückzuführen ist. 

Arbeitskräftepool schrumpft

Im Fall Chinas sah das so aus: Die rigide Ein-Kind-Politik sorgte dafür, dass die Zahl der unter 14-Jährigen seit dem Ende der siebziger Jahre um ein Drittel auf 260 Millionen Menschen sank und damit die Gesellschaft in Sachen Kosten für den Nachwuchs deutlich entlastet wurde. Gleichzeitig aber wuchs der Pool der Arbeitsfähigen in der produktiven Altersgruppe zwischen 15 und 64 um zusätzliche 400 Millionen Menschen. Damit ist nun Schluss. Laut einer UN-Studie wird das Arbeitskräftepotenzial bis zum Jahr 2050 um 220 Millionen sinken. „Dieser Prozess setzt bereits in den kommenden Jahren ein“, so Schucher. „Und er ist nicht mehr umkehrbar.“

Shanghai: niedrigste Geburtenrate der Welt

In den wirtschaftlich stärksten Regionen ist der demographische Wandel bereits heute deutlich sichtbar, vor allem in der Metropole Shanghai. Dort ist jeder vierte Einwohner mittlerweile über 60 Jahre alt und mit 0,7 Kindern pro Frau verzeichnet die Stadt die niedrigste Geburtenrate der Welt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Signale, die Veränderungen im ganzen Land erkennen lassen. So stiegen die Durchschnittslöhne in allen Ballungsräumen in jüngster Vergangenheit rasant an. Allein im Jahr 2010 waren es über 13 Prozent – ein deutliches Anzeichen dafür, dass der Nachschub billiger Wanderarbeiter aus dem Hinterland nicht mehr so gewährleistet ist wie früher. 

Reform der Sozialsysteme zu langsam

Je größer die Zahl der alten Menschen, desto höher die Belastung des Staates und der Gesellschaft. Ein Blick über das Meer ermöglicht Peking Einblicke, wie so etwas trotzdem funktionieren kann, denn Japan hat den demographischen Wandel bereits hinter sich. Nun leitete Peking erste Maßnahmen ein und beschloss eine Anhebung des Renteneintrittsalters. Derzeit liegt dieses für Männer bei 60 Jahren und für Frauen abhängig von ihrer Position bei 50 oder 55 Jahren. Ab dem Jahr 2016 wird es alle 24 Monate um ein Jahr erhöht, so dass Männer ab 2026 und Frauen ab 2036 und 2046 mit 65 in Rente gehen.

Rente knapp unterhalb der Armutsgrenze

Doch die Frage bleibt, wie das Rentensystem überhaupt aussehen soll. Derzeit sind offiziell nur rund 68 Millionen Chinesen Empfänger entsprechender Leistungen und diese ermöglichen oftmals nur ein Leben unterhalb der Armutsgrenze. Viele müssen selbst im hohen Alter noch arbeiten, um über die Runden zu kommen. Zudem ist das derzeitige rudimentäre soziale Sicherungssystem noch stark fragmentiert und unterfinanziert, es gibt keine einheitliche Organisation, sondern nur unterschiedliche Ansätze auf Provinz- oder Stadtebene.

Silver Workers kommen auch in China

„Ausländische Firmen sollten sich rechtzeitig auf all diese Veränderungen vorbereiten“, rät Dr. Steffen Kröhnert, leitender Wissenschaftler am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. „Dabei wäre die behutsame Förderung eines Wertewandels ein erster Schritt.“ Technische Fachkräfte haben in China einfach nicht dasselbe Ansehen wie beispielsweise in Deutschland. Insbesondere die Ein-Kind-Politik hat eine Generation von „Kleinen Kaisern“ hervorgebracht, die sich nur eine Karriere als Manager vorstellen kann. „Möglicherweise lässt sich ja die Wertschätzung gegenüber einer Fachkraft, wie man sie in Deutschland kennt, ein wenig auf die chinesischen Verhältnisse übertragen.“ Seiner Meinung zufolge ist dies ebenfalls über die Einführung höherer Sozialstandards möglich. China wird aufgrund des schwindenden Pools der zur Verfügung stehenden Erwerbstätigen nicht mehr lange das Billiglohnland bleiben, so dass der Wettbewerb um die gut ausgebildeten Arbeitskräfte härter wird. „Gerade deutsche Unternehmen können dann mit ihren Pfunden wuchern, wenn sie ihren Mitarbeitern bessere Leistungen als die Konkurrenz anbieten.“ Angesichts der Tatsache, dass sie auf dem Arbeitsmarkt eines Tages begehrter als ihre Eltern sein könnten, wird es vielleicht für viele doch ein Glücksfall werden, einer schrumpfenden Generation anzugehören.

„China robbt sich in der Wertschöpfungskette nach oben“

Ein Gespräch mit Dr. Stephan Popp, Niederlassungsleiter der NORD/LB in Shanghai seit 2004.

Die junge und sehr produktive Arbeiterschaft in hoher Zahl hat maßgeblich Teil am Wirtschaftswunder des Landes. Gefährdet der demographische Wandel das weitere Wachstum der chinesischen Wirtschaft?

Dr. PoppEs ist in der Tat genau diese hochproduktive und kreative Schicht der Jungbevölkerung, die vom Land in die Städte zieht, die vielfach im Ausland studiert hat und die als Schlüsselfiguren des starken Wirtschaftswachstums fungieren. Und dafür lassen sie sich gut bezahlen. Dies merken auch viele unserer Kunden vor Ort, denn die Löhne und Sozialversicherungsbeiträge steigen permanent. Der Großteil unserer mittelständischen Kunden hat mit jährlichen Lohnsteigerungen von bis zu 15 Prozent zu kämpfen sowie mit den durch die Regierung festgesetzten Erhöhungen der Lohnnebenkosten.

Im Ausland ausgebildete Intelligentsia schiebt das Land in eine neue Richtung.
Dr. Stephan Popp

Wie gestalten sich die Lohnnebenkosten im Vergleich zu Deutschland? Instinktiv würde man denken, dass sie niedriger sind…

Dr. PoppGanz und gar nicht. Zwar sind die Löhne (noch) niedriger, aber die Lohnnebenkosten sind im Vergleich wesentlich höher, denn Unternehmen zahlen in China häufig sowohl den Arbeitnehmer- wie auch den Arbeitgeberanteil, um einen zusätzlichen Anreiz für Mitarbeiter im hartumkämpften Arbeitsmarkt zu bieten. Im Finanzsektor belaufen sich die Lohnnebenkosten für den Arbeitgeber damit auf 60 Prozent des Bruttolohns, in Deutschland auf 30 Prozent. Viele unserer Kunden überlegen daher, die Ballungszentren zu verlassen, weil dort neben den allgemein hohen Lebenshaltungskosten – im letzten Jahr belief sich die Inflationsrate für Nahrungsmittel landesweit auf etwa 11 Prozent – die durch die Regierung festgesetzten Lohnnebenkosten höher sind als auf dem Land – sie unterscheiden sich von Region zu Region. Derzeit sind Peking, Shanghai und Guangzhou/Shenzhen die Städte mit den höchsten Sozialversicherungskosten. Je weiter man in den Westen geht, desto billiger wird es.

Im Vergleich zu den westlichen Gesellschaften altert China im Zeitraffer. Wie reagiert die Zentralregierung in Peking auf diese Entwicklungen? Ist ein Rentensystem im Aufbau?

Dr. PoppDie Regierung ist sich des Problems sehr wohl bewusst und hat bereits viel unternommen. Grundsätzlich will sie allerdings dennoch an der Ein-Kind-Politik festhalten, weshalb ein Spagat gelingen muss. Begrenzt die Regierung die Bemessungsgrundlage der Sozialversicherungsbeiträge, könnte sich die Bevölkerung irritiert zeigen, weil diese den jährlichen Anstieg dieser zusätzlichen Gehaltsbestandteile auch zukünftig bereits als Selbstverständlichkeit ansieht. Gleichzeitig hat die Regierung Angst, ausländische Investoren zu vergraulen – und dennoch muss etwas passieren. China setzt daher gezielt auf Hightech, weil man längst weiß, dass das Land aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Dauer nicht mit Billiglohnländern konkurrieren kann. Daher will man gezielt vom quantitativen zum qualitativen Wachstum gelangen und sich sozusagen die Wertschöpfungskette „hochrobben“.

Besteht langfristig mit den demographischen Veränderungen sogar eine Gefahr für die politische Stabilität?

Dr. PoppFriedliche Proteste an sich sind nichts Neues in China, sondern seit vielen Jahren Teil der politischen Kultur. Verändert hat sich hingegen die Geschwindigkeit der Verbreitung entsprechender Informationen im Zeitalter des Internets: Immer größere Teile der Bevölkerung lassen sich damit erreichen und tauschen sich über Mikroblogs aus. Die Partei ist sich dessen bewusst und geht damit entsprechend um. Von daher ist die politische Stabilität definitiv gegeben und ich sehe hier keinerlei Anzeichen politischer Instabilität.

Was passiert, wenn die neue Regierung an der Macht ist?

Dr. PoppDie neue Regierung, die im Oktober an die Macht kam, wird mit sehr großen Herausforderungen zu kämpfen haben. Die Welt ist zu komplex geworden für starre Blaupausen – die Positionierung Chinas als Protagonist in weltpolitischen Themen ist in vollem Gange. Wenn wir mit dem Vorstand der NORD/LB durch China reisen, begegnen wir in den Führungsebenen unserer Gesprächspartner immer mehr jungen Leuten, die viele Jahre in den USA oder Europa exzellent ausgebildet wurden und dort auch gearbeitet haben.

Gibt es dafür ein prominentes Beispiel?

Dr. PoppDenken Sie beispielsweise an Zhu Min, mittlerweile Deputy Managing Director des International Monetary Fund und erster chinesischer Staatsbürger in einem der höchsten Ämter einer Weltorganisation, den der Vorstand der NORD/LB Herr Dr. Dunkel und ich vor vielen Jahren kennenlernten, als er noch als Executive Assistant President bei der Bank of China tätig war. Es ist genau diese Intelligentia, die das Land derzeit in eine neue Richtung führt. Die Herausforderung ist allerdings die Kommunikation mit der Arbeitsebene und der entsprechenden Implementierung im Tagesgeschäft.

„Prozess ist nicht mehr umkehrbar“

Ein Interview mit Dr. Günter Schucher vom GIGA Institut für Asien-Studien in Hamburg über die Auswirkungen des Bevölkerungsrückgangs in China.

Aufgrund der rigiden Ein-Kind-Politik, einer höheren Lebenserwartung sowie der Tatsache, dass Chinas Frauen später als früher ihr Kind zur Welt bringen, altert Chinas Bevölkerung rapide. Wie schätzen Sie die Folgen dieser Entwicklungen ein?

Dr. SchucherDie Folgen werden dramatisch sein. Denn in Relation zur Gesamtbevölkerung werden bald sehr viel weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen als heute. Gleichzeitig aber vergrößert sich das Heer der zu versorgenden alten Menschen überproportional schnell. Trotzdem gibt es seitens der Verantwortlichen in Peking keinerlei Anzeichen, die rigide Ein-Kind-Politik, die eine der Ursachen für den massiven Rückgang der Geburtenrate ist, aufzugeben.

Rund 250 Millionen Wanderarbeiter ohne soziale Absicherung.
Dr. Günther Schucher

Die beiden Wissenschaftler Baochang Gu und Yong Cai sprechen in ihrer Studie für die Vereinten Nationen von der demographischen Dividende, die maßgeblich Anteil am Wirtschaftswunder in China hatte. Was ist damit konkret gemeint?

Dr. SchucherDabei handelt es sich um den Beitrag am Wirtschaftswachstum, der auf einen überdurchschnittlich hohen Prozentsatz der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung zurückzuführen ist. Ab den späten siebziger Jahren sank die Zahl der Kinder unter 14 Jahren, so dass die Gesellschaft weniger Lasten zu tragen hatte, während sich der Pool der Erwerbstätigen in der produktiven Altersgruppe zwischen 15 und 64 Jahren um mehrere hundert Millionen Menschen vergrößerte. Dieses riesige Arbeitskräftepotenzial hatte maßgeblich Anteil am Wirtschaftswunder in China. Damit ist es jetzt vorbei, weil die Zahl der Erwerbstätigen in den kommenden Jahren drastisch zurückgehen wird. Dieser Prozess ist nicht mehr umkehrbar.

Ist vor dem Hintergrund des demographischen Wandels in China und dem Schrumpfen des Pools zur Verfügung stehender Arbeitskräfte auch das weitere Wachstum der chinesischen Wirtschaft in Gefahr?

Dr. SchucherNicht nur das. Chinas gesamtes Geschäftsmodell steht durch den demographischen Wandel zur Disposition. Schließlich basiert es fast ausschließlich auf einer expansiven Wachstumspolitik, die ohne den ständigen Zustrom billiger Arbeitskräfte auf Dauer nicht funktionieren kann. Das Land sollte deshalb dringend auf qualitatives Wachstum setzen, den Binnenkonsum, dessen Anteil am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zwanzig Jahren kontinuierlich gesunken ist, fördern und sich in der Wertschöpfungskette eindeutig höher positionieren.

Im Vergleich zu den westlichen Gesellschaften altert China im Zeitraffer. Wie reagiert die Zentralregierung in Peking auf diese Entwicklungen?

Dr. SchucherZunächst einmal beschloss die Zentralregierung in Peking eine sukzessive Anhebung des Renteneintrittsalters von aktuell 60 Jahren für Männer und abhängig vom Beruf 50 oder 55 Jahren für Frauen auf generell 65 Jahre. Doch das Rentensystem, wie es sich heute darstellt, ist völlig unzureichend und auch stark fragmentiert. Zudem gibt es für die rund 250 Millionen Wanderarbeiter so gut wie keine Absicherung. Der Staat muss also dringend handeln.

Wenn die Bevölkerung überaltert, ohne dass parallel adäquate soziale Systeme aufgebaut wurden, drohen gesellschaftliche Spannungen. Besteht langfristig mit den demographischen Veränderungen sogar eine Gefahr für die politische Stabilität?

Dr. SchucherSelbstverständlich. Schließlich ist die Politik der ungebremsten Expansion immer auch ein Legitimationsfaktor für die Kommunistische Partei in China gewesen. Wenn es damit eines Tages vorbei sein sollte, könnte sogar das Ein-Parteien-System in Frage gestellt werden.

Welche Konsequenzen haben diese Entwicklungen für deutsche Unternehmen, die in den vergangenen Jahren China zu ihrem Produktionsstandort oder wichtigen Auslandsmarkt gemacht haben?

Dr. SchucherZum einen verschärft sich das Problem, Fachkräfte zu finden und sie langfristig an das Unternehmen zu binden. Zum anderen aber eröffnen sich für sie auch Chancen, wenn sie beispielsweise chinesische Rentner als Konsumenten entdecken oder in den völlig unterentwickelten Markt für Gesundheitsvorsorge und Pflege einsteigen.

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