US-Dollar - Quo vadis?

Die Kolumne von Torsten Windels, dem Chefvolkswirt der NORD/LB.

Die USA finden keinen Weg zur Handlungsfähigkeit und schon gar keinen aus der Verschuldung.

2013. Neues Jahr, neues Glück? Mit Glück allein hat die Bewältigung der Aufgaben dieser Zeit wenig zu tun. „Was fehlt, ist Führung“, bemängelte Altkanzler Helmut Schmidt in seinem ZEIT-Auftaktartikel für 2013 mit Blick auf die EU-Politik. Ziele und Konzeptionen bräuchte es schon.

Finanzkrise – Auf der Suche nach neuen Wahrheiten

Die Finanzkrise hinterlässt nicht nur hohe Staatsschulden, sondern auch einen Scherbenhaufen alter Ideen. Konzepte, die gestern Orientierung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gaben, sind oder erscheinen heute hinfällig. So richtig der Ruf nach Konzepten ist, so wenig ist er von den Verantwortlichen einzulösen. Weil es keine gibt.

In selbigem ZEIT-Artikel formulierte Helmut Schmidt es über Investmentbanker und Rating-Agenturen noch drastischer: „Sie verstehen immer mehr, von immer weniger – und verbreiten Schrecken.“ Das Zeitfenster für Führungsverhalten à la Steinbrück ist aber auch schon wieder geschlossen. Gleichwohl ist Konzeptionslosigkeit noch kein hinreichender Grund für Führungsschwäche, macht es aber eben auch nicht leichter. Wie sehr wir uns verlassen haben auf das Funktionieren dessen, was ist, ohne substantiell verstanden zu haben, wie Wirtschaft und Wachstum funktionieren, ist ein Kern des aktuellen Problems.

Bislang galt: Der Markt organisiert die kollektive Vernunft.

Und jetzt: Verstaatlichung von Banken, Konjunkturprogramme, Staatenrettung. (Lange) Unerhörtes. Natürlich ist die Politik, ist der Staat überfordert mit dem plötzlichen Rollenwechsel vom Nachtwächter zum obersten Krisenmanager. Was ist passiert? Wer ist schuld? Was ist zu tun? Und von wem?

Wir haben dies in der jüngeren Vergangenheit schon mal erlebt: im Rahmen der Transformation der COMECON-Volkswirtschaften von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. Hier führte die simple Empfehlung, dem „Washington Konsensus“ zu folgen, für viele Transformationsstaaten direkt ins Chaos. „State building“ ist komplizierter, als Ökonomen begreifen. Abgesehen vom Sonderfall der deutschen Einheit betraf diese Anpassung aber „nur“ Osteuropa und die GUS-Staaten. Diese Finanzkrise trifft uns direkt und hart. Die Selbstregulation des Marktes funktioniert nicht. Irgendetwas läuft mächtig schief im System.

Und plötzlich merken wir, dass die institutionellen, d.h. die rechtlichen, finanziellen und wirtschaftlichen Verflechtungen uns in EUROpa viel stärker miteinander verwoben haben, als uns bewusst war. Keiner möchte in Deutschland für griechische Ineffizienzen und Überschuldung zahlen. Doch der Schock war groß, als plötzlich klar wurde, dass das griechische Problem ein gesamteuropäisches ist.

Optimistisch bin ich dennoch, weil ich zwei wichtige Lernprozesse sehe:

Erstens, aus den Erfahrungen der Krise von 1929 wurde die Lehre gezogen, im Krisenfall nicht die Kassen und die nationalen Grenzen zu schließen. Im Gegenteil, 2008 wurde nach dem Lehman-Schock die G7-/G8-Kooperation auf die Ebene der G20-Staaten erweitert und mit starken Konjunkturprogrammen und weltweiten Zinssenkungen reagiert.

Zweitens, nach einer zweijährigen Lernphase handeln die europäischen Staaten heute zunehmend geschlossener. Nationale Vorbehalte, zum Beispiel im Deutschen Bundestag, wichen der Erkenntnis einer gemeinsamen (Zwangs-)Verbundenheit. Euro und europäische Integration sind als wirtschaftliche, politische und kulturelle Grundbedingungen der eigenen Zukunft weitgehend begriffen und fast akzeptiert, wenn auch unter Schmerzen.

Was aber in Europa noch fehlt, ist eine Anpassung des EU-Vertrags an die neuen Erkenntnisse und Institutionen. ESM, Bankenunion, Fiskalunion sind neben dem EU-Vertrag auf den Weg gebracht worden, aber nicht wirklich im Vertrag verankert. Der Ratifizierungsprozess erfordert aber die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten. Dies erscheint unmöglich. Oder doch nicht?

Letztlich bleibt die Frage zu klären, ob die EU auf diesem schwerfälligen Weg der sogenannten „intergouvernementalen Zusammenarbeit“ (was für ein Wort!) fortschreiten kann und will. Letztlich führen nur Debatte und Entscheidung im EU-Parlament aus der Konsenssackgasse und lösen das Legitimationsproblem der EU.

Und der US-Dollar?

Was das mit dem US-Dollar zu tun hat? Vordergründig nicht viel. Hintergründig umso mehr.

Vordergründig könnte man nach Obigem fast sagen: „Amerika, du hast es besser“ (Goethe). Eine einheitliche Verfassung, eine handlungserfahrene Regierung und Verwaltung, Weltleitwährung usw.

Auf den zweiten Blick hingegen: ein gespaltener US-Kongress, eine im Fiskalfundamentalismus gefangene Republikanische Partei, hohes Leistungsbilanzdefizit, öffentliche Überschuldung, schwache Infrastrukturen (Verkehr, Wasser, Energie), unzureichende Breitenbildung und ein ineffizientes Gesundheitssystem.

Die nach der Finanzkrise aufgekommene Desorientierung trifft die USA mindestens ähnlich wie die Europäer. Und „handlungserfahren“? Der vorletzte Fiskalkompromiss trug 18 Monate und führte direkt nach der Präsidentschaftswahl über die Fiskalklippe. Das folgende Possenspiel um den dann vorerst letzten Kompromiss Anfang 2013 brachte einen Aufschub von nur noch zwei Monaten (!!). Die Inkraftsetzung des Auslaufens von Steuerkürzungen zum Jahreswechsel 2012/13, das sofortige Wiedereinsetzen der Steuerkürzungen am 2. Januar, das Verschieben von Beschlüssen zum Einsparprogramm um zwei Monate und die fehlende Heraufsetzung der Schuldengrenze erinnern eher an eine Politsatire des frühen Woody Allen als an die frisch gewählte Regierung des mächtigsten Landes der Welt. Wo bleibt der berühmte amerikanische Pragmatismus? Die USA finden keinen Weg zur Handlungsfähigkeit und bislang schon gar keinen aus der Verschuldung.

Neue Situationen erfordern neue Lösungen

Der Vorteil der Demokratie liegt in den offenen und legitimierenden Suchprozessen. In öffentlichen Debatten werden verschiedene Lösungen vorgestellt, kritisiert, modifiziert und letztlich gewählt. Eine Diktatur ist hier sicher schneller. Aber besser? Ich bin überzeugt davon, dass in Demokratien die Fehlerwahrscheinlichkeit kleiner und die gesellschaftliche Tragfähigkeit durch Legitimation größer ist. Dabei liegt es in der Natur der demokratischen Sache, dass die Ergebnisse Zeit kosten und zumeist Kompromisse sind.

In Krisen steigt aber auch der Wunsch nach Klarheit und Einfachheit zur Überwindung der Unsicherheit. Krise und Unsicherheit sind daher oft verbunden mit Radikalisierung und Populismus. Diese bieten vermeintlich klare und bestechend einfache Lösungsvorschläge (USA: „Wir werden niemals Steuererhöhungen zustimmen“, Deutschland: „Griechenland raus“ oder „Zurück zur D-Mark“).

Hier ist Europa heute weiter als die USA, bei aller Unzufriedenheit mit dem „Fahren auf Sicht“. Die EU sucht nicht (mehr) nach einfachen nationalen Lösungen, sondern nach europäischen. Und die gibt es nur im Kompromiss.

Die Zwei-Parteien-Struktur des überkommenen Wahlsystems der USA könnte sich als Fluch erweisen. Sollten die politischen Reformprozesse in den USA weiter nur Minischritte zulassen, steigt die Gefahr eines Vertrauensverlusts, schlimmstenfalls fährt der Staatshaushalt an die Wand. Und dies könnte angesichts der Staatsschulden in Höhe von über 16 Billionen USD eine wirklich schwere Bürde für den US-Dollar (und natürlich die Welt) werden.

Leitwährungen verschieben sich

Eine Dollar-Abwertung begünstigt zwar den US-Export, belastet aber die Dollarinvestoren. Die strukturelle Abhängigkeit der US-Volkswirtschaft vom Geld anderer Volkswirtschaften, die recht hohe US-Auslandsverschuldung und die in US-Dollar gehaltenen Devisenreserven vieler Länder machen dann wirklich keine Freude.

Deshalb: In Asien tut sich was. China und Japan haben Ende 2011, China und Südkorea Ende 2012 Vereinbarungen geschlossen, ihren Außenhandel nicht mehr überwiegend in US-Dollar, sondern zunehmend in Renminbi, Yen oder Won abzuwickeln.

Auch Europa ist in vielen Märkten immer noch auf den Greenback ausgerichtet, zumeist ohne Not. Eine Lehre aus der Krise, die aus den USA kam, könnte sein, auch währungsseitig mehr Autonomie in Europa zu wagen. Jenseits dieser Überlegungen gehen wir davon aus, dass die USA ihre fiskalischen Probleme bewältigen werden (USA 2013: BIP +1,9%, Inflation +1,8%, USD Ende 2013 1,25 USD/EUR), weil sie das bisher immer irgendwie geschafft haben. Aber vielleicht ist im siebten Jahr der Finanzmarktkrise dieses Argument nicht mehr ausreichend.

Zur Person

Der gebürtige Bremer studierte Wirtschafts­wissenschaften an der Universität Hannover. Windels begann seine Karriere bei der NORD/LB 1990 in der Abteilung Volkswirtschaft und wechselte anschließend zur niedersächsischen Staatskanzlei als Referent für Wirtschaft, Technologie und Verkehr. 1996 kehrte er zur NORD/LB zurück in die Abteilung Volkswirtschaft, die er seit Juli 2007 als Chefvolkswirt leitet.

Flagge zeigen - wie der Mittelstand seine Exportmärkte diversifiziert

Das Auslandsgeschäft wird für den deutschen Mittelstand immer wichtiger. Dabei zwingt die Absatzschwäche in den Krisenstaaten der Eurozone viele Unternehmen zu einer Diversifizierung ihrer Zielmärkte.

Deutsche Exporteure konnten Folgen der Krise durch neue Geschäfte auf anderen Kontinenten kompensieren.

Außenhandel verspricht Wachstum selbst in turbulenten Zeiten. 2011 überschritt der Wert der exportierten Waren aus Deutschland erstmals die magische Marke von einer Billion Euro. Und auch im Folgejahr konnten weder die Bankenkrise noch die Unsicherheiten in der Eurozone einen weiteren Anstieg des Ausfuhrvolumens bremsen. Rund vier Prozent betrug das Plus im Jahr 2012. Eine ähnlich hohe Steigerung erwarten die Experten des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) für das Jahr 2013. Einen Prozentpunkt niedriger dagegen fällt die Prognose des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) aus. Zwar liegt die Zuwachsrate damit erneut unter den sechs Prozent, die durchschnittlich in den vergangenen zehn Jahren erzielt wurden, aber angesichts des schwierigen Umfelds in zahlreichen traditionellen Absatzmärkten sind das immer noch sehr beeindruckende Zahlen. Denn den deutschen Exporteuren ist es gelungen, die Folgen der Staatsschuldenkrise innerhalb der Europäischen Union durch neue Geschäfte auf anderen Kontinenten zu kompensieren. Sehr deutlich zeigte sich dieser Trend im dritten Quartal 2012: Während in den Staaten der Eurozone drei Prozent weniger deutsche Waren abgesetzt werden konnten als im Vorjahresquartal, waren es außerhalb der EU satte 9,9 Prozent mehr. Der BDI schätzt, dass im gesamten Jahr 2012 der Export von Produkten made in Gemany in diese Drittländer um elf Prozent zugelegt hat. Dabei kamen die wesentlichen Impulse aus den Bereichen Maschinenbau, Elektro- und chemische Industrie.

Wachsendes Engagement des Mittelstandes

Kleine und mittelständische Unternehmen haben einen großen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) hat einmal ausgerechnet, dass mindestens ein Fünftel aller Exportumsätze auf ihr Konto geht. Dafür gibt es gute Gründe: „Sie sind ausgesprochen kundenorientiert und sehr flexibel“, erklärt Josef Düren vom BDI. „Oftmals besetzen gerade kleinere Firmen Nischen, in denen sie aufgrund ihres hohen Spezialisierungsgrades und der Qualität ihrer Produkte sogar Weltmarktführer sind“, so der Leiter der Abteilung Mittelstand und Familienunternehmen beim BDI. Offensichtlich sucht man auch in Zukunft sein Glück verstärkt jenseits der Landesgrenzen. Laut einer aktuellen Umfrage unter 3.600 Mitgliedsunternehmen des Verbandes der Vereine Creditreform planen 61 Prozent eine Ausweitung ihres Exportgeschäfts. Weitere sieben Prozent wollen sich erstmals im Ausland engagieren. Dabei ist der deutsche Mittelstand bereits heute sehr international aufgestellt. Das belegen die Zahlen: Zwei Drittel aller Betriebe exportieren ihre Waren auch ins Ausland und erzielen damit mehr als ein Viertel ihres Umsatzes. Je größer das Unternehmen, desto häufiger und intensiver ist es im Ausland aktiv, so lautet die Faustregel. Zwar verzeichnen immerhin 43 Prozent der Firmen mit weniger als fünf Millionen Euro Jahresumsatz ebenfalls ein Exportgeschäft. „Aber kleinere Firmen haben nun einmal weniger finanzielle und personelle Ressourcen“, weiß Düren zu berichten. „Deshalb müssen sie ihr Auslandsengagement immer sehr gezielt angehen und haben weniger Spielraum, um neue Märkte erst einmal auszutesten.“

Geographische Schwerpunkte verschieben sich

Traditionell liegt der Fokus des Auslandsgeschäfts auf Europa. 92 Prozent der von Creditreform befragten Unternehmen sind bereits in mindestens einem westeuropäischen Land präsent. Doch der Trend geht hin zu einer verstärkten Diversifizierung der Absatzmärkte. „Gerade Westeuropa wächst nicht mehr so dynamisch wie andere Regionen in der Welt“, meint Düren. „Nicht zuletzt spielt auch der demographische Wandel eine Rolle dabei, dass sich die geographischen Schwerpunkte des Engagements zu verschieben beginnen.“ Doch Hindernisse bei der Internationalisierung gibt es viele. Der BDI hat in seinem aktuellen Mittelstandspanel die Suche nach einem verlässlichen Partner im Ausland als eine der mit Abstand größten Hemmschwellen identifiziert. Aber auch die mitunter problematischen rechtlichen Rahmenbedingungen in manchen Ländern schrecken viele potenzielle Exporteure ab. Die Creditreform-Umfrage nennt mit 39 Prozent auch die mangelnde Rechtssicherheit als Grund, danach folgt mit 36 Prozent die unzulängliche Zahlungsmoral im Ausland. Dennoch beweisen gerade in jüngster Zeit viele Mittelständler einen bemerkenswerten unternehmerischen Mut und zeigen sogar auf schwierigen Wachstumsmärkten in den Entwicklungsländern Flagge.

„Made in Germany“ wird zu „Engineered in Germany“

Ein Gespräch mit Oliver Bartholomäus, Leiter Financial Solutions in der NORD/LB.

Herr Bartholomäus, der Exportmotor brummt und brummt. Wie werden sich die Exportmärkte für den deutschen Mittelstand weiterentwickeln?

BartholomäusWir sehen, dass der deutsche Außenhandel unverändert wächst. Wie robust die deutsche Exportwirtschaft ist, zeigt sich darin, dass Deutschland seinen Anteil von rund 8 Prozent am Weltwarenhandel 2012 gehalten hat, obwohl der mit Abstand stärkste Absatzmarkt Deutschlands, nämlich Europa, sich in einer konjunkturellen Schwächephase befindet. Deutsche Unternehmen sind also offensichtlich auch auf den aktuellen Wachstumsmärkten gut positioniert. Hier ist in erster Linie der asiatische Markt zu nennen. Dieser hat zwischenzeitlich eine hohe Bedeutung für den deutschen Export und ist auch in der Perspektive vielversprechend.

Was hören Sie derzeit von mittelständischen Unternehmen in Bezug auf die Entwicklung der verschiedenen Märkte?

BartholomäusAuch wenn es über die einzelnen Branchen und Wertschöpfungsketten hinweg unterschiedliche Entwicklungen und Schwerpunkte gibt, so beobachte ich, dass viele Unternehmen ihren Blick weiter in die Ferne schweifen lassen. Wenngleich die überragende Bedeutung des europäischen Marktes für den deutschen Außenhandel nicht in Frage steht, spielt die Musik in Sachen Wachstum derzeit unverändert in anderen Teilen der Welt, insbesondere in Asien, wo die Dynamik sehr groß bleibt.

Deutsche Unternehmen sind in vielen Bereichen weltweit gefragte Anbieter.
Oliver Bartholomäus

Die Entwicklung verläuft natürlich nicht immer in allen Ländern gleich. Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den einzelnen Ländern in Asien?

BartholomäusChina war und ist mit Sicherheit das Zugpferd der vergangenen und nächsten Jahre. Das Land ist riesig und das Potenzial nur zum Teil ausgeschöpft. Auch wenn die Wachstumsraten ein wenig rückläufig sind, so liegen sie immer noch deutlich über denen in Europa und den USA. Und es gilt zu berücksichtigen, dass China – nicht zuletzt wegen der Lohnentwicklung – zwischenzeitlich zu einem riesigen Binnenmarkt herangereift ist mit großen Chancen für viele Branchen.

Und darüber hinaus?

BartholomäusÜberdurchschnittliches Wachstum sehen wir derzeit außerdem in Südkorea, Indonesien, Malaysia, aber auch Vietnam. Ein Riesenpotenzial birgt für mich das bevölkerungsreiche Indien. Dazu muss das Land allerdings hausgemachte Fehler wie die Abschottung der Märkte korrigieren und die Inflation in den Griff bekommen.

Was passiert in einzelnen Branchen?

BartholomäusGroße Potenziale zeigt der Bereich Umwelttechnik, nicht zuletzt wegen der Diskussion zum Thema Klimaschutz. Auch hier sind deutsche Unternehmen gefragte Anbieter. Ähnlich gut sieht es in der Medizintechnik aus. Die positive Entwicklung der letzten Jahre erlaubt es den Ländern, vermehrt in diese Bereiche zu investieren; viele deutsche Unternehmen stehen dafür parat. In der Textilproduktion verschieben sich die Gewichte schon seit einiger Zeit. Durch das kräftige Wachstum der Löhne verliert China an Bedeutung, die Produktion wandert weiter nach Vietnam und in andere Länder.

Wozu führt dies in China selbst?

BartholomäusTextilhersteller wandern einfach in andere Länder ab. Aber wie bereits ausgeführt profitiert gerade die deutsche Wirtschaft vom insgesamt steigenden Wohlstand in China, denn die Einwohner können sich unsere Produkte inzwischen leisten. So wird der Konsummarkt in China immer attraktiver durch die wachsende Mittelschicht.

Wenden wir den Blick in Richtung USA, welche Entwicklung sehen Sie hier als Exportmarkt?

BartholomäusDie USA sind nach Frankreich das größte Abnehmerland deutscher Exporte, das sagt alles über die hohe Bedeutung der USA für die deutsche Wirtschaft. Trotz der überschaubaren Wachstumsrate haben deutsche Unternehmen im Jahr 2012 unverändert gute Geschäfte gemacht, allen voran die Automobilindustrie. Dennoch sind die hohe Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit, das Haushaltsdefizit echte Herausforderungen.

Welche Entwicklung sehen Sie noch in den USA?

BartholomäusTrotz der exzellenten und freundschaftlichen Beziehungen zu den USA dürfen wir nicht verkennen, dass in den USA eine stärkere Orientierung in Richtung Asia-Pacific stattgefunden hat. Es ist davon auszugehen, dass sich die Gewichte hier weiter verschieben und Europa aus verschiedenen Aspekten heraus nicht mehr die herausragende Rolle einnimmt, die es einmal für die USA spielte. Dies liegt auch daran, dass der europäische Markt stärker gesättigt ist und die Eurokrise für zusätzliche Turbulenzen gesorgt hat.

Welche Entwicklung sehen Sie in Russland, das ja zu den vielzitierten „BRIC-Staaten“ zählt?

BartholomäusRussland hat sich in den vergangenen zehn Jahren schwächer als der Durchschnitt der BRIC-Staaten entwickelt. Unverkennbar bleibt die hohe Abhängigkeit vom Rohstoffsektor, während im Bereich der Infrastruktur erheblicher Modernisierungsbedarf herrscht. Auch die Wettbewerbsfähigkeit der russischen Wirtschaft bedarf fernab der Rohstoffe noch deutlicher Effizienzsteigerung. Ich bin gespannt, welche Akzente die Olympiade in Sochi Anfang 2014 setzen kann. Hier wird auf hohem Niveau investiert. Für den deutschen Außenhandel ist Russland insgesamt jedoch eine Erfolgsgeschichte mit einem in den letzten Jahren stetig gestiegenen Handelsvolumen. Insbesondere der deutsche Export profitiert von den Investitionsbedarfen wie auch dem gestiegenen Konsum. Und der Beitritt Russlands zur WTO wird die Situation für deutsche Unternehmen noch weiter verbessern.

Was bedeuten diese Entwicklungen für das Firmenkundengeschäft der NORD/LB?

BartholomäusDie Firmenkunden der NORD/LB werden weiter im Außenhandelsgeschäft wachsen. Die NORD/LB muss und wird diese Entwicklung unterstützen und ihr folgen. Die starke Dynamik in Asien rückt diese Region weiter in den Fokus. Wir sind in Asien mit zwei Niederlassungen vertreten: einer in Singapur und einer in Shanghai. Von diesen Niederlassungen aus begleiten wir die Geschäfte unserer Kunden vor Ort und unterstützen die Finanzierung der deutsch-asiatischen Warenströme.

Zur Person

Ist bei der NORD/LB im Bereich Corporate Finance für das Team Financial Solutions zuständig. Die Abteilung gestaltet strukturierte Finanzierungen, im Fokus steht dabei die optimierte Finanzierung des Working Capitals.

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