Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Indien befindet sich im Aufbruch. Das einst bitterarme Schwellenland ist auf dem besten Wege, eines der neuen Gravitationszentren der Weltwirtschaft zu werden. Insbesondere der Hochtechnologiebereich lockt viele ausländische Interessenten auf den Subkontinent.

Längst will man nicht mehr nur die verlängerte IT-Werkbank oder das Backoffice der Welt sein, sondern in der Wertschöpfungskette weiter nach oben klettern.

Jahrzehnte verharrte Indien in einer Art wirtschaftlichem Dornröschenschlaf. Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1947 suchten die Verantwortlichen in Neu-Delhi ihr Glück eher im Protektionismus und der sozialistischen Planung. Erst zu Beginn der neunziger Jahre hielt die Marktwirtschaft Einzug und das Land begann, sich zögerlich für Auslandsinvestoren zu öffnen. Genau deshalb stand Indien lange Zeit im Schatten Chinas. Sehr zu Unrecht, glauben viele. „Indien ist eine Demokratie, und zwar die bevölkerungsreichste, bunteste und zugleich lauteste dieser Welt“, schwärmt Ulrich Bäumer, Rechtsanwalt der internationalen Kanzlei Osborne Clark in Köln. „Deshalb gibt es sowohl große gesellschaftliche als auch unternehmerische Freiheiten. Das sind ganz klar zwei Gründe, die für Indien sprechen.“ Ein riesiger Markt mit 1,2 Milliarden Menschen, davon die Hälfte jünger als 25 Jahre, ist ein weiteres Argument. Das Bruttoinlandsprodukt verzeichnete im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts ähnlich hohe Wachstumsraten wie China, schwächte sich aber 2012 auf ein Plus von 4,9 Prozent ab. 2013 dagegen soll es wieder mindestens 6 Prozent betragen, heißt es beim Internationalen Währungsfonds (IWF).

Großes Interesse an langfristigen Kundenbeziehungen

Was dagegen nicht an Dynamik verloren hatte, war der deutsch-indische Handel. Im Zeitraum zwischen 2001 und 2011 vervierfachten sich die Einfuhren von Waren „made in Germany“ auf ein Volumen von 10,9 Milliarden Euro. „China und Indien sind zwei grundverschiedene Märkte“, ergänzt Dr. Daniel Neff. „Die chinesische Volkswirtschaft ist überwiegend exportorientiert und damit sehr stark den Schwankungen auf den Weltmärkten ausgesetzt“, so der Soziologe und Research Fellow vom Giga Institut für Asien-Studien in Hamburg. „In Indien dagegen wird viel mehr für den Binnenmarkt produziert. Der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt ist daher deutlich höher.“ In keines der beiden Länder jedenfalls zieht es Investoren allein deswegen, weil Arbeitskräfte dort zum Schnäppchentarif zu haben sind. Günstiger lässt es sich längst in Vietnam oder Kambodscha produzieren. Zudem gehen große indische Unternehmen selbst auf Einkaufstour nach Europa. Geradezu spektakulär war die Übernahme des britischen Luxuswagenherstellers Jaguar durch den Mischkonzern Tata im Jahr 2008. „Anders als Chinesen übernehmen Inder im Ausland Unternehmen nicht einfach nur deshalb, weil sie technologisches Know-how billig erwerben und abkupfern wollen“, glaubt Bäumer. „Sie sind viel mehr an langfristigen Kundenbeziehungen interessiert.“

Sorgenkinder Bürokratie und Infrastruktur

Trotz aller Erfolge in jüngster Vergangenheit, Indien tut sich nach wie vor reichlich schwer, seine marode Infrastruktur zu verbessern und die geradezu byzantinisch anmutende Bürokratie in den Griff zu bekommen. Im aktuellen Ranking der Weltbank, das aufzeigt, in welchen Ländern das Klima besonders unternehmensfreundlich ist, rangiert Indien deshalb gerade einmal auf Platz 132 von 185. Symptomatisch für die Probleme waren die Stromausfälle im Sommer 2012, die fast das gesamte öffentliche Leben für zwei Tage lahmlegten. „Das politische System Indiens ist vielleicht ein wenig mit der EU zu vergleichen“, skizziert Klaus Maier die Situation. „Aufgrund der Autonomie der Bundesstaaten verzögern sich Entscheidungsprozesse und oftmals wird nur ein Minimalkonsens erreicht“, so der Geschäftsführer von Maier + Vidorno in Köln. Auch er berät Unternehmen, die ihre Geschäfte auf den Subkontinent ausdehnen wollen. „Das ist natürlich die Kehrseite des demokratischen Systems in Indien. Aber dafür lässt sich kaum ein Skandal unter den Teppich kehren.“ Darüber hinaus ist auch das hochkomplexe Steuerrecht ein ausgesprochenes Investitionshindernis. „Eigentlich kann man sagen, dass alles, was in Indien bis dato erreicht wurde, nicht dank, sondern trotz der Politik zustande kam“, meint Maier. Das sollte jedoch niemanden abschrecken, denn die Chancen, die das Land langfristig bietet, sind gewaltig.

Internationales Zentrum für IT-Dienstleistungen

Diese beiden Eigenschaften gehören wohl mit zu den Gründen, warum ausgerechnet Indien eine IT-Industrie hervorbringen konnte, die laut Industrieverband Nasscom mittlerweile mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr verzeichnet. 2020 soll dieser bereits satte 225 Milliarden Dollar betragen. In Bangalore und Hyderabad entstanden Firmen wie Tata Consultancy Services, Infosys oder Wipro, die so etwas wie die Aushängeschilder dieser Branche geworden sind. „Indien hat sich mittlerweile zu einem bedeutenden Zentrum für IT-basierte Dienstleistungen für Kunden aus aller Welt entwickelt“, beschreibt Katrin Pasvantis die Situation. „Nachgefragt werden vor allem traditionelle Outsourcing-Services für Banken und Versicherungen“, so die Repräsentantin von Germany Trade and Invest (GTAI), der deutschen Außenwirtschaftsförderung, in Mumbai.

Höheres Niveau angestrebt

Längst will man nicht mehr nur die verlängerte IT-Werkbank oder das Backoffice der Welt sein, sondern in der Wertschöpfungskette weiter nach oben klettern. „Zur Jahrtausendwende haben viele Unternehmen ihre IT oder ein Callcenter einfach nur nach Indien ausgelagert, weil es dort viele und günstige Fachkräfte gab, die im Unterschied zu China sogar Englisch sprachen“, weiß Maier zu berichten. „Das hat sich gewandelt. Heute werden zunehmend ganze Geschäftsprozesse Richtung Indien outgesourct. Das sind deutlich komplexere Herausforderungen, die indische Ingenieure heute zu meistern verstehen.“ Zudem werden die gewonnenen Erfahrungen und Ressourcen genutzt, um sich als Anbieter höher zu positionieren. „Indische IT-Unternehmen, die früher nur einfache Outsourcing-Aufgaben erledigten, sind heute zu ganz anderen Sachen in der Lage“, ergänzt Bäumer.

Bildungsqualität verbesserungswürdig

Dennoch droht der IT-Industrie Ungemach. „Seit Jahren werden die Ausgaben des Staates für die Bildung nicht wesentlich erhöht“, berichtet Neff. „Sie betragen kontinuierlich gerade einmal zwischen 5 und 6 Prozent des BIP. Dafür aber steigt jedes Jahr die Zahl der Schüler und Studenten.“ Das schlägt sich letztendlich auf das Niveau der Ausbildung nieder. „Indien meldet zwar regelmäßig die höchste Zahl von Absolventen in den Ingenieursberufen weltweit. Aber über ihre Qualität sagt das wenig aus.“ Zudem ziehen die Gehälter für Fachkräfte in den Hightech-Hochburgen langsam, aber sicher an. „Das ist ein deutliches Indiz dafür, dass die guten Leute allmählich knapper werden“, so Neff. Kein Wunder, wenn man bedenkt, in welchen Größenordnungen in Indien Personal rekrutiert wird. Allein im ersten Quartal 2012 haben die fünf größten IT-Firmen Indiens Schätzungen zufolge rund 100.000 neue Jobs geschaffen. „Erste indische Unternehmen haben deshalb schon begonnen, bestimmte Prozesse selbst ins Ausland outzusourcen“, bestätigt Maier. Auch ist die Branche anders als der Rest der indischen Wirtschaft hochgradig vom Export abhängig. „Die Unternehmen erwirtschaften rund zwei Drittel ihres Umsatzes im Ausland“, sagt Pasvantis. „Während der weltweiten Finanzkrise hat sich die Dynamik des IT-Sektors deutlich verlangsamt, weil die Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten wie den USA und Europa nachgelassen hatte.“

Auch Pharmabranche im Aufwind

Doch die IT-Branche ist nicht der einzige wissensbasierte Wirtschaftszweig, den Indien zu bieten hat. Über 10.000 Pharmahersteller sind ein weiteres ökonomisches Standbein. Jahr für Jahr wächst die Branche um 10 Prozent. Vom verkauften Volumen her rangiert man weltweit in der Spitzengruppe. Bis 2020 dürfte der Umsatz pharmazeutischer Produkte auf 74 Milliarden Dollar wachsen, prophezeit die Consulting-Firma PricewaterhouseCoopers. Das wäre fünfmal so viel wie noch im Jahr 2011. Denn steigende Einkommen, ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein sowie die Zunahme von Lifestyle-Krankheiten dürften die Nachfrage deutlich ankurbeln. Und mit ihren Generika-Produkten erobern die Inder langsam, aber sicher auch die ausländischen Märkte. Schon 20 Prozent aller verkauften Nachahmerpräparate weltweit stammen vom Subkontinent. Auch in Europa und den USA bauen sie eigene Stützpunkte auf oder kaufen sich gar in Firmen ein.

„Indien punktet mit einem großen Talentpool“

Interview mit Katrin Pasvantis, Repräsentantin von Germany Trade and Invest in Mumbai.

Indien gehört nach wie vor zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt, verbucht derzeit aber mit gerade einmal 5 Prozent das schwächste Wirtschaftswachstum seit zehn Jahren. Auch wenn die indische Wirtschaft nicht direkt „stagniert“, fehlt es ihr an Dynamik?

PasvantisDer Anstieg des indischen Bruttoinlandsprodukts ist so schwach wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt das Wachstum für 2012 auf nur 4,5 Prozent. Der Hauptgrund für das eingetrübte Wirtschaftsklima sind gebremste Investitionen. Dazu tragen hohe Zinsen, verhaltener Konsum und die Unsicherheit über politische Entscheidungen ebenso bei wie die großen Kapazitätserweiterungen der letzten Jahre. Grund zur Besorgnis geben auch die hohe Inflation, ein weiter steigendes Leistungsbilanzdefizit und eine hohe öffentliche Schuldenlast.

Was zeichnet die indische Wirtschaft ganz besonders aus? Welche Unterschiede sehen Sie zu anderen Ländern aus dem Club der BRIC-Staaten?

PasvantisIndien und China sind die Bevölkerungsriesen unter den BRIC. Anders als in China ist Indiens Wirtschaft aber vor allem auf den großen Binnenmarkt ausgerichtet und weniger exportorientiert. Kennzeichnend für die indische Volkswirtschaft ist außerdem der mit fast 60 Prozent sehr hohe Anteil der Dienstleistungen am BIP, während die Industrie nur 28 Prozent ausmacht und die Agrarwirtschaft 14 Prozent. Der Großteil der Bevölkerung ist direkt oder indirekt vom Einkommen aus der Landwirtschaft abhängig, die Produktivität des Sektors ist jedoch gering. Beschäftigungsalternativen gibt es kaum. Anders als in China ist die Anzahl der Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie zu gering, um die Masse der Geringqualifizierten aufzunehmen, und im Dienstleistungssektor, wie den Callcentern für internationale Kunden, sind die Einsatzmöglichkeiten beschränkt.

Die Wirtschaft ist in den letzten Jahren praktisch ohne Zutun der Politik mit kräftigen Raten gewachsen und die Regierung hat es versäumt, strukturelle Probleme anzupacken.
Katrin Pasvantis

Wo sehen Sie unausgeschöpftes Potenzial und Reformbedarf?

PasvantisDie Wirtschaft ist in den letzten Jahren praktisch ohne Zutun der Politik mit kräftigen Raten gewachsen und die Regierung hat es versäumt, strukturelle Probleme anzupacken. Handlungsbedarf besteht beispielsweise bei Infrastruktur, Landerwerb, Bildung und Berufsausbildung und der weiteren Öffnung für ausländische Direktinvestitionen, z.B. im Versicherungssektor.

Welche gesellschaftlichen Probleme lasten dauerhaft auf der Wirtschaft des Landes?

PasvantisProbleme wie Armut, geringe Bildung und limitierter Zugang zu medizinischer Versorgung müssen gelöst werden, damit Indien sein Potenzial voll ausschöpfen kann.

Seit Jahren laufen Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien. Aber auch nach dem zwölften EU-Indien-Gipfel ist noch keine Einigung in Sicht. Welche Vorteile könnten beide Seiten aus einem solchen Freihandelsabkommen ziehen?

PasvantisFür die Wirtschaft der EU und Indiens hätte ein Freihandelsabkommen große Vorteile. Die EU ist bereits heute Indiens größter Handels- und Investitionspartner, umgekehrt zählt Indien für zahlreiche europäische Unternehmen zu den wichtigsten Wachstumsmärkten. Das geplante Freihandelsabkommen umfasst nicht nur den Handel mit Gütern und Dienstleistungen, sondern auch die Bereiche Investitionen, geistiges Eigentum und öffentliches Beschaffungswesen. Das Abkommen soll Unternehmen beider Regionen den Marktzugang erleichtern, die Exporte und Direktinvestitionen fördern und damit die Wirtschaft beider Partner stärken. Weil das geplante Freihandelsabkommen so weitreichend ist, gestalten sich die Verhandlungen aber auch umso schwieriger.

Welche Risiken sehen Sie für ausländische Investoren in Indien in Sachen Standort, Infrastruktur, Bürokratie oder Fachkräftemangel? Gibt es hier Unterschiede zwischen Risiken für Mittelständler und denen für Konzerne?

PasvantisFür in- und ausländische Investoren ist die Landakquisition eines der größten Hindernisse. Außerdem erschweren diverse Genehmigungen und bürokratische Erfordernisse die Gründung und Expansion von Unternehmen. Weitere große Herausforderungen sind Infrastruktur, steigende Personalkosten und Fachkräftemangel. Besonders knapp ist das Angebot an Fachkräften im technischen Bereich, das heißt, in traditionellen Handwerks- und Lehrberufen. Aber auch im akademischen Bereich wird die Suche nach qualifiziertem Personal schwieriger. Grundsätzlich stehen Konzerne und Mittelständler vor den gleichen Problemen. Mit größeren personellen und finanziellen Ressourcen fällt es jedoch leichter, mit Verzögerungen umzugehen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.

Was macht Indien im Gegensatz attraktiv für ausländische Investitionen?

PasvantisAttraktiv für ausländische Investitionen macht Indien seine 1,2 Milliarden Menschen zählende Bevölkerung und die damit verbundene Größe des potenziellen Absatzmarktes. Dazu kommen das vergleichsweise hohe Wirtschaftswachstum, eine schnell expandierende, konsumfreudige Mittelschicht, eine noch geringe Marktsättigung und ein frühes Entwicklungsstadium der heimischen Industrie in vielen Branchen. Punkten kann Indien außerdem mit einem großen Talentpool, vergleichsweise niedrigen Lohnkosten und einer weiten Verbreitung der englischen Sprache.

Wie entwickelt sich die Mittelschicht und welchen Anteil hat sie heute bereits an der Gesamtbevölkerung?

PasvantisAktuelle offizielle Daten zur Einkommensverteilung liegen nicht vor. Die Unternehmensberatung McKinsey prognostiziert von 2005 bis 2025 ein Wachstum der Mittelschicht von knapp 5 auf über 40 Prozent der Bevölkerung. Bislang ist der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung eher gering, in absoluten Zahlen bedeuten 5 Prozent bei 1,2 Milliarden Menschen aber bereits 60 Millionen potenzielle Kunden. Zur Mittelschicht zählt McKinsey Personen mit einem Haushaltseinkommen von 200.000 bis eine Millionen indische Rupien pro Jahr, umgerechnet 2.840 bis 14.200 Euro.

Zur Person

...ist seit 2008 Repräsentantin für Südasien von Germany Trade and Invest, der deutschen Außenwirtschaftsförderung, in Mumbai. Die Diplom-Ökonomin unterstützt deutsche Unternehmen, die in ausländische Märkte expandieren wollen, mit Außenwirtschaftsinformationen.

„Klischee des knallbunt-kitschigen Liebesfilms“

Im Interview mit Ingrid Zellner, Übersetzerin und Sprachdozentin.

Was macht das Phänomen Bollywood aus? Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

ZellnerBollywood ist ein Begriff für das Hindi-Kino und steht damit nicht für die Gesamtheit des indischen Films, sondern nur für einen Teil davon, die Filmindustrie in Mumbai. Es gibt in Indien mit seinen vielen Sprachenregionen noch weitere Regionalkino-Industrien wie z.B. Tamil oder Bengali. Der Begriff „Bollywood“ entstand aus einer Verschmelzung von „Hollywood“ und dem „B“ für Bombay, dem früheren Namen der Stadt Mumbai. Die meisten Schauspieler und Filmemacher in Mumbai vermeiden ihn allerdings. Der indische Film blickt auf eine mittlerweile über 100-jährige Geschichte zurück. Neben dem Mainstream-Kino gibt es auch seit mehreren Jahrzehnten eine beeindruckende Arthouse- und Indie-Szene. Das reichhaltige Filmangebot erstreckt sich über sämtliche gängigen Filmgenres.

Welche Entwicklung hat die indische Filmindustrie in den letzten Jahren durchlaufen?

ZellnerDas Hindi-Kino passt sich immer mehr unserer schnelllebigen Zeit an. Filme von drei Stunden Länge oder mehr, wie sie vor 20 Jahren noch üblich waren, gibt es heute kaum noch. Auch die Menge der Songs und Tanznummern geht allmählich zurück, bisweilen wird völlig darauf verzichtet. Das hängt aber nicht nur mit einer übermäßigen Anpassung an die westliche Filmindustrie zusammen. Vielmehr ist es auch eine Reaktion auf die Veränderungen im heimischen Publikum. Die urbanen und eher jüngeren Zuschauer in den Multiplexen sind dabei meist experimentierfreudiger. Die traditionelleren Action- und Masala-Filme finden ihr Publikum hingegen mehr in den ländlichen Single Screens. Seit einigen Jahren geht der Trend zudem zu Drehbüchern mit gut durchdachten und stringent erzählten Geschichten. Lange Zeit war es einfacher, einen simplen Plot um eine Serie Songs zu arrangieren und ein paar Superstars darin zu casten. Mittlerweile zählt der Inhalt mehr als die Verpackung und das Angebot wird vielfältiger.

Mittlerweile zählt der Inhalt mehr als die Verpackung und das Angebot wird vielfältiger.
Ingrid Zellner

Bollywood ist nicht gleich Indien und Indien ist nicht gleich Bollywood. Welche Facetten kommen Ihrer Meinung nach gerade in der deutschen Außenansicht zu kurz?

ZellnerHier in Deutschland wird Bollywood leider meistens immer noch mit den knallbunt-kitschigen Liebesfilmen gleichgesetzt, die durch das Fernsehen bekannt geworden sind. Das ist aber nur eine Facette des Gesamtangebots der Hindi-Filmindustrie. Hierzulande wird kaum zur Kenntnis genommen, dass es dort auch Actionfilme, gesellschaftskritische Filme, Satiren oder Horrorfilme gibt. Selbst hiesige Filmmedien begnügen sich immer noch häufig damit, die Klischees von der „bunten Happy-End-Traumfabrik Bollywood“ unreflektiert zu verbreiten. Oder kurzerhand von jedem Film, der diesem Klischee nicht entspricht, zu behaupten, er sei eigentlich „gar kein richtiger Bollywood-Film“, weil sie „Bollywood“ mit einem Genre gleichsetzen.

Welche Zukunft sehen Sie für den indischen Film? Wird die Branche es schaffen, zu einem globalen Standard wie Hollywood zu werden?

ZellnerDamit ist auf absehbare Zeit wohl nicht zu rechnen. Die Filme, die an den Kinokassen in Indien am meisten einspielen, entsprechen eher selten dem Geschmack eines Hollywood-geprägten Publikums. Die indischen Filme, die bei westlichen Festivals beeindrucken, tun sich dagegen beim heimischen Publikum eher schwer. Solange die Schere so stark auseinandergeht, werden wohl weiterhin nur ausgewiesene Filmliebhaber im Westen die Rosinen im Hindi-Filmangebot für sich entdecken. In Indien selbst muss man sich um das Kino allerdings keine Gedanken machen. Das Hindi-Kino hat sich in seiner langen Geschichte immer weiterentwickelt und den jeweiligen Zeitströmungen angepasst. Es gehört dort nach wie vor zu den beliebtesten Freizeitvergnügen.

Hat sich die wirtschaftliche Öffnung Indiens seit 1991 auch auf den indischen Film ausgewirkt?

ZellnerEine gewisse „Verwestlichung“ ist durchaus zu beobachten, und auch Remakes von Hollywood-Plots kommen gerne vor. Sehr hohe Auswirkungen auf die Filmindustrie haben seit einigen Jahren soziale Plattformen wie Facebook und Twitter. Früher hatten Kinofilme mehrere Wochen Zeit, über Mundpropaganda ihr Publikum zu finden. Heute entscheidet bereits das Premierenwochenende über Top oder Flop. Entsprechend wichtig ist deshalb die Werbung im Vorfeld geworden, für die bisweilen ebenso viel ausgegeben wird wie für den Film selbst.

Gibt es staatliche Filmförderung, die die Branche weiter nach vorne bringt?

ZellnerHerzlich wenig. Die meisten Filmemacher sind finanziell auf gut betuchte Produzenten und Sponsoren angewiesen. Besonders schwierig ist die Situation für Indie-Filmemacher. Sie finden für ihre oft gesellschaftskritischen Sujets meist nicht einmal willige Produzenten. Die Multiplexe wurden ursprünglich eingeführt und vom Staat gefördert, um neben den kommerziellen Mainstream-Filmen auch dem Arthouse- und Indie-Kino einen Platz zum (Über-)Leben zu geben. Davon ist heute leider nichts mehr übrig. In Bezug auf die blühende Raubkopienszene lässt der Staat die Filmindustrie ebenfalls häufig im Regen stehen. Er kassiert auf der einen Seite Vergnügungssteuer, auf der anderen Seite unternimmt er nichts dagegen, dass Filme unmittelbar nach dem Release billig auf den Schwarzmarkt kommen, was für die Filmemacher einen immensen finanziellen Schaden bedeutet. Auch die Zensur, die es in Indien für Film und Fernsehen noch immer gibt, verhindert so manchen mutigen Schritt nach vorne.

Welche Bedeutung messen Sie der indischen Filmindustrie im internationalen Vergleich bei? Warum ist der indische Film international so erfolgreich, der chinesische aber nicht? Was können wir daraus für die Gesellschaft ableiten?

ZellnerEs sind nur wenige Länder, in denen Hindi-Filme zum Standard gehören. Dazu zählen Australien, Neuseeland, Südafrika sowie die Vereinigten Arabischen Emirate. Außerdem gehören natürlich Großbritannien und die USA dazu. Das liegt vor allem an der großen Anzahl an Non Resident Indians (NRI) in diesen Ländern, für die Hindi-Filme eine unschätzbare Verbindung zu ihrer Heimat sind. Interessanterweise sind bei den NRIs oft ganz andere Geschmäcker in Sachen Filme und Stars zu beobachten als in Indien selber.

Welchen Stellenwert nehmen ausländische Filme in Indien im Vergleich zu heimischen Produktionen ein und wieso?

ZellnerNeben den Produktionen der einzelnen Regionalkinos sind es vor allem Hollywood-Filme, die ihr Publikum finden. Allerdings haben sie es nie geschafft, den indischen Filmen den Rang abzulaufen. Üblicherweise bevorzugen Inder heimische Produktionen. Das liegt zum einen daran, dass sie zu den darin erzählten Geschichten einen direkteren Zugang finden. Zum anderen ist der Starkult in Indien nach wie vor sehr groß. Viele Inder laufen daher automatisch in die Kinos, wenn ein Film mit ihren Lieblingsstars angekündigt wird, egal worum es in dem Film geht. Nicht zu unterschätzen sind auch sprachliche Gründe. Gerade in den ländlichen Regionen tun sich Inder mit Filmen in ihrer eigenen Sprache einfach leichter. In Indien werden Filme ja nicht synchronisiert.

Zur Person

...ist derzeit als Sprachdozentin und Übersetzerin für Englisch und Schwedisch tätig. Die studierte Theaterwissenschaftlerin hält regelmäßig Vorträge zu kulturellen Themen, wie unter anderem zum Thema Bollywood am Indien-Institut in München. Darüber hinaus engagiert sie sich für die NGO SUPPORT in Mumbai und betreibt eine Website für den indischen Schauspieler Sanjay Dutt in deutscher und in englischer Sprache.

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