Biotechnologie – quo vadis?

Je nach Anordnung – also senkrecht oder waagerecht – stellen die Farben Grün, Weiß und Rot entweder die italienische Nationalflagge oder die Landesflagge von Nordrhein-Westfalen dar. In der Wissenschaft sieht das ganz anders aus: Sie benutzt die Farben, um Ordnung in eine schier unüberschaubare Anzahl von Verfahren, Produkten und Methoden zu bringen, die sich allesamt hinter dem Begriff Biotechnologie verbergen. So stehen grüne, weiße und rote Biotechnologie stellvertretend für die Bereiche Landwirtschaft, Industrie und Medizin.

Chronische Finanzierungsnot, rückläufige Forschungsausgaben und herbe Rückschläge bei hoffnungsreichen Wirkstoffkandidaten sind die derzeitigen Hemmschuhe der Biotechnologie in Deutschland.

Branchenübergreifende Querschnittstechnologie

Von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Kern als „Anwendung von Wissenschaft und Technik auf lebende Organismen“ definiert, wird die Biotechnologie als Querschnittstechnologie heute branchenübergreifend angewendet. Neben der Biologie und der Biochemie schließt sie auch Bereiche wie Physik, Verfahrenstechnik oder Informatik ein. „Biotechnologisches Know-how steckt beispielsweise in Alltagsprodukten wie Kosmetik oder Waschmittel. Außerdem wird mithilfe biotechnologischer Entwicklungen die industrielle Produktion energieeffizienter und nachhaltiger gestaltet. Der Endverbraucher merkt dies allerdings meist gar nicht. Sichtbarer für ihn wird der Nutzen im Bereich der roten Biotechnologie, wenn es um die Entwicklung neuer Medikamente, zum Beispiel zur Behandlung von Krebs, geht“, erklärt Dr. Boris Mannhardt von der BIOCOM AG, einem Fachinformationsunternehmen für Biotechnologie.

Finanzierungsnot und Rückschläge

Doch ein Blick auf die deutsche Biotech-Branche zeigt an vielen Stellen ein ambivalentes Bild. Einerseits befindet sich die Branche auf Wachstumskurs und fuhr 2012 Rekordumsätze von 2,9 Milliarden Euro ein. In der Krebsforschung zählt die deutsche Biotechnologie mit ihren innovativen Ansätzen und Projekten europaweit zur Spitzengruppe. Auch steigende Mitarbeiterzahlen und insgesamt 20 Neugründungen im vergangenen Jahr bestätigen diesen Aufwärtstrend. Auf der anderen Seite verdüstert sich die Szenerie: Chronische Finanzierungsnot, rückläufige Forschungsausgaben und herbe Rückschläge bei hoffnungsreichen Wirkstoffkandidaten sind die derzeitigen Hemmschuhe der Biotechnologie in Deutschland.

Riesiger Investitionsbedarf für rote Biotechnologie

Schwerpunkt der deutschen Biotechnologie – wie auch weltweit – ist die Medizin; hier vermutet man das größte wirtschaftliche Potenzial. Nach der jährlichen Firmenumfrage der Informationsplattform biotechnologie.de konzentriert sich knapp die Hälfte (48,3 Prozent) der deutschlandweit insgesamt 565 von der OECD ausgewiesenen Biotech-Firmen auf die Entwicklung neuer Medikamente. Damit setzt die Branche zwar auf ein sehr aussichtsreiches Gebiet. Denn der Bedarf an neuen, verbesserten Medikamenten in der Gesundheitswirtschaft ist gerade vor dem Hintergrund demographischer Entwicklungen weltweit riesig. Mindestens ebenso riesig ist der Investitionsbedarf: Um aus einer innovativen Idee wirklich ein marktreifes Produkt zu machen, braucht es in der Regel viel Zeit und Geld. Deshalb ist es extrem wichtig, auf eine gut gefüllte klinische Pipeline zurückgreifen zu können – im Klartext: Die klinische Pipeline ist das Rückgrat eines medizinischen Biotech-Unternehmens. Denn hier wird Forschung in konkrete Wirkstoffe umgesetzt. Doch genau hier wird es für die vornehmlich kleinen und mittelständischen Biotech-Firmen immer schwieriger, nachzulegen. So reduzierte sich im Vergleich zu 2011 die Zahl der potenziellen Wirkstoffkandidaten von 109 auf 93. Die seit 2008 rückläufigen Forschungsaufwendungen tun ihr Übriges. Zudem schaffte es 2012 kein Präparat bis zur Marktzulassung. So fiel erst kürzlich das Krebsmittel Rencarex der Münchner Wilex AG in einer großen Studie durch. Insgesamt liegt die Zahl der Medikamente aus deutschen Biotech-Laboren damit weiterhin bei neun. „Die Biotech-Branche bewegt sich in einem schwierigen finanziellen Umfeld. Risikokapitalgeber investieren zögerlich, gerade auch wegen einiger Rückschläge, die deutsche Biotech-Unternehmen in letzter Zeit verbuchten“, sagt Boris Mannhardt.

Private Investoren in Geberlaune

Die schwierige finanzielle Lage ist einer der größten Stolpersteine der deutschen Biotech-Branche. Das Interesse der Kapitalmärkte an der Branche war bislang eher mäßig, sodass das klassische Modell der Risikokapitalfinanzierung zusehends in Frage gestellt wird und alternative Finanzierungsmöglichkeiten an Bedeutung gewinnen. „Hier muss die Politik noch einiges tun“, betont Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender des Branchenverbands BIO Deutschland. „Die privaten Innovationsanreize müssen gestärkt und die Rahmenbedingungen für Wagniskapitalfinanzierungen ausgebaut werden. Außerdem sollte die steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung auf den Weg gebracht werden – allerdings nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur bestehenden Projektförderung des Bundes.“ Bis dato speist sich das Kapital mehr schlecht als recht aus drei Finanzierungsquellen: Wagniskapital, Kapitalerhöhungen über die Börse und öffentliche Fördermittel. Während die Biotech-Branche im Jahr 2011 in puncto Wagniskapital und Börsengänge empfindliche Einbußen von über 70 Prozent hinnehmen musste, zeigte sich 2012 wieder Licht am Ende des Tunnels. Vor allem private Investoren präsentierten sich in Geberlaune und bescherten den Biotech-Unternehmen einen Geldsegen von 205 Millionen Euro – satte 185 Prozent mehr als im Jahr 2011.

Family Offices treten ins Rampenlicht

Allerdings hat auch diese Erfolgsmeldung zwei Seiten. Denn in der deutschen Biotechnologie hat sich eine Art Mäzenatentum entwickelt, wodurch nur eine Handvoll Unternehmen vom eingeworbenen Kapital profitierte. „Auf der einen Seite steht eine Gruppe von ca. 20 Unternehmen, die vor allem durch Investitionen von Milliardären wie Dietmar Hopp oder den Brüdern Strüngmann finanziell gut aufgestellt sind. Auf der anderen Seite stehen die restlichen 500 Biotech-Unternehmen, die nur schwer Zugang zum Kapitalmarkt finden“, beschreibt Boris Mannhardt die Situation. So gingen zusammengenommen 140 Millionen Euro an die Tübinger CureVac GmbH und die BRAIN AG im hessischen Zwingenberg. Hier halfen die Family Offices, also die Vermögensverwaltungen großer Familienunternehmen, dabei, die unausgeglichene Verteilung zumindest teilweise auszugleichen und wertvolle Innovationen voranzutreiben.

Rückgang klinischer Entwicklungen

Dennoch schlägt sich diese Mangel an kontinuierlichen Finanzmitteln langfristig in der grundlegenden Innovationsfähigkeit der Branche nieder. Zwar fehlt es definitiv nicht an Ideen, dennoch gehen die Forschungsausgaben der Biotech-Unternehmen seit Jahren kontinuierlich zurück und lagen 2012 bei nur noch 934 Millionen Euro. „Das fehlende Investitionskapital von außen geht zwangsläufig auf Kosten der eigenen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten und ist der Hauptgrund für den Rückgang der Anzahl der Wirkstoffkandidaten, obgleich es an innovativen Projekten nicht mangelt“, bestätigt Peter Heinrich. Viele Biotech-Unternehmen versuchen sich abzusichern und weichen immer mehr auf den lukrativen Dienstleistungssektor aus, indem sie beispielsweise Technologieplattformen oder diagnostische Tests anbieten. Entsprechend waren Dienstleistungen im letzten Jahr mitunter die größten Umsatzbringer. „Das nimmt zwar das Risiko raus und sichert den Geldfluss, geht aber auf Kosten der Innovation“, so Mannhardt.

Zukunftszweig Bioökonomie

Ungeachtet der Tatsache, dass die deutsche Biotechnologie vor großen Herausforderungen steht und an vielen Fronten mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen hat, bescheinigen die Experten der Branche positive Zukunftsaussichten. Insbesondere dem industriellen Bereich messen sie künftig große Bedeutung bei: „Nahrungsmittelhersteller, Konsumgüterproduzenten oder Energiekonzerne setzen immer stärker auf biotechnologische Verfahren. Dies zeigt sich auch durch den Strukturwandel hin zur Bioökonomie, einer auf biologischen Ressourcen basierenden Wirtschaft“, so Heinrich. „Die Bioökonomie ist der Wirtschaftszweig der Zukunft.“ Dieser Einschätzung entsprechend wuchs der weiße Sektor im letzten Jahr um 10,8 Prozent. Dass in der Branche mehr steckt als gemeinhin angenommen, zeigte auch die kürzlich durchgeführte „Einkaufstour“ amerikanischer Pharmariesen wie Merck oder Johnson & Johnson. Beide Unternehmen sicherten sich durch lukrative Lizenzdeals, Kooperationen und Übernahmen vielversprechende Innovationen deutscher Biotech-Firmen wie AiCuris, Evotec oder Corimmun.

Grüne Biotechnologie ist „nicht gesellschaftsfähig“

Zahlreiche öffentliche Programme tragen zusätzlich dazu bei, das Innovationspotenzial der Biotechnologie in Deutschland kräftig weiterzubringen. So nimmt die Biotech-Branche in der Hightech-Strategie der Bundesregierung eine Schlüsselposition ein und wird seit Jahren trotz allgemein sinkender F&E-Ausgaben durch kontinuierliche Fördermaßnahmen in Höhe von knapp 50 Millionen Euro bezuschusst. Mit Programmen wie der „Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030“ und dem „Rahmenprogramm Gesundheitsförderung“ richten sich die Förderungen dabei schwerpunktmäßig an zukunftsträchtige Entwicklungen aus dem weißen und roten Sektor. Dabei gerät die grüne Biotechnologie immer mehr ins Hintertreffen. Sie spielt in Deutschland nur noch eine untergeordnete Rolle. Das liegt mitunter daran, dass die Bevölkerung gentechnisch hergestellten Produkten nach wie vor kritisch oder ablehnend gegenübersteht, im Bereich der Landwirtschaft noch stärker als in der Industrie oder der Medizin: „Bei der grünen Biotechnologie fehlt schlichtweg die Akzeptanz beim Verbraucher, insbesondere dann, wenn es um gentechnisch veränderte Nahrungsmittel geht“, bestätigt Mannhardt. Für Peter Heinrich ist deshalb eine weitere Herausforderung, verstärkt Aufklärungsarbeit zu leisten, um diesem Mangel an Akzeptanz entgegenzuwirken.

Crowdfunding als Lösung?

Die Biotechnologie hat sich in Deutschland in den letzten 15 Jahren sehr gut entwickelt. Doch diese Entwicklung kann nur weitergehen, wenn die Branche einen Weg findet, die Finanzierungsproblematik zu lösen. Neue Fondsmodelle nach amerikanischem Vorbild oder Crowdfunding, also Interessensgemeinschaften, die sich zur Erforschung bestimmter Krankheiten bilden und gezielt darin investieren, wäre dabei nur zwei Optionen. Bis dahin wird die Branche wohl weiter ein ambivalentes Bild abgeben: mit enormem Potenzial auf der einen Seite und wenig Möglichkeiten, dieses Potenzial zur Gänze auszuschöpfen, auf der anderen Seite.

 

Crowdfunding – zu Deutsch Schwarmfinanzierung, hat sich in der deutschen Biotech-Branche in den letzten Jahren als neues Modell zur Finanzierung von Forschungsprojekten etabliert. Das Prinzip dahinter: aus klein wird groß. Interessensgemeinschaften investieren gezielt beispielsweise in die Erforschung bestimmter Krankheiten, sodass genügend Geld für die Umsetzung von Ideen zusammenkommt. Während diese Art der Finanzierung in den USA auch im wissenschaftlichen Kontext gang und gäbe ist, ist Crowdfunding in Deutschland bisher vor allem bei sozialen oder künstlerischen Projekten zum Einsatz gekommen. Seit November 2012 gibt es nun Sciencestarter, die erste deutschsprachige Crowdfunding-Plattform für die Wissenschaft.

Family Office
– bezeichnet Organisationsformen und Dienstleistungen, die sich mit der Verwaltung großer Familienunternehmen befassen. Im Klartext: Immer mehr reiche Deutsche überlassen ihr Geld nicht den Banken, sondern kümmern sich mit Family Offices selbst darum. Die sogenannten Single Family Offices kümmern sich in der Regel um Kernfunktionen wie die Beaufsichtigung der Wertentwicklung von Depots. Mit der Anlagestrategie beauftragen solche Familienbüros dann häufig Multi Family Offices wie beispielsweise HQ Trust.

„Sparkurs schadet der Innovationsfähigkeit“

Ein Interview mit Dr. Boris Mannhardt, Geschäftsführer der BIOCOM AG in Berlin.

In welche Richtung entwickeln sich derzeit die Endprodukte der Biotech-Forschung? Welche Krankheiten werden damit geheilt bzw. welchen Nutzen stiften die jeweiligen Entwicklungen?

Dr. MannhardtDer Nutzen der Biotechnologie ist im Allgemeinen sehr groß, nur an vielen Stellen für den Verbraucher nicht direkt sichtbar. Biotechnologisches Know-how steckt beispielsweise in Alltagsprodukten wie Kosmetik oder Waschmittel. Außerdem wird mithilfe biotechnologischer Entwicklungen die industrielle Produktion energieeffizienter und nachhaltiger gestaltet. Der Endverbraucher merkt dies allerdings meist gar nicht. Sichtbarer für ihn wird der Nutzen im Bereich der roten Biotechnologie, wenn es um die Entwicklung neuer Medikamente, zum Beispiel zur Behandlung von Krebs, geht.

Wie hat sich die deutsche Biotechnologie in den letzten Jahren entwickelt? Haben sich die Bemühungen der öffentlichen Hand um den Aufbau dieser Branche in Deutschland gelohnt?

Dr. MannhardtDie Branche entwickelt sich insgesamt sehr gut. Wir sehen deutliche Zuwächse bei Umsätzen, der Anzahl der Beschäftigten und neuen Produkten, die Marktreife erlangen. Dies ist auch ein Erfolg der verschiedenen Fördermaßnahmen, die vor allem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf den Weg gebracht wurden. Das darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich viele Biotech-Unternehmen in einem sehr schwierigen finanziellen Umfeld bewegen. Risikokapitalgeber investieren zögerlich. Zwar sind einige Unternehmen gut finanziert, in der Breite fehlt es aber vielfach an Kapital. Auch hier gibt es jedoch Ansätze der öffentlichen Hand; zu nennen wäre beispielsweise der High-Tech Gründerfonds, der von der öffentlichen KfW gemeinsam mit Industrieunternehmen getragen wird.

Was wir sehen, ist eine extrem selektive Ausstattung weniger Unternehmen mit sehr viel Kapital.
Dr. Boris Mannhardt

Welchen Stellenwert hat die deutsche Biotech-Branche im internationalen Vergleich?

Dr. MannhardtIm europäischen Kontext zählt die deutsche Biotech-Branche zur Spitzengruppe. Global betrachtet sind natürlich die USA unangefochten die Nummer eins. Dies zeigt ein Vergleich der nach den internationalen Kriterien der OECD erhobenen Daten zur Biotechnologie-Branche. Diese werden für Deutschland im Auftrag des BMBF durch die von BIOCOM betriebene Informationsplattform biotechnologie.de erhoben.

Welchen Herausforderungen steht die Branche in Deutschland aktuell gegenüber?

Dr. MannhardtZunächst ist die Finanzierung in der deutschen Biotech-Branche schon fast ein chronisches Problem, allerdings gestaltet es sich ziemlich heterogen. Auf der einen Seite steht eine Gruppe von circa 20 Unternehmen, die vor allem durch Investitionen von Milliardären wie Dietmar Hopp oder den Brüdern Strüngmann finanziell gut aufgestellt sind. Auf der anderen Seite stehen die restlichen 500 Biotech-Unternehmen, die nur schwer Zugang zum Kapitalmarkt finden. Viele von ihnen haben daher ihre Geschäftsmodelle geändert und setzen nun auf organisches Umsatzwachstum, zum Beispiel durch Dienstleistungen. In letzter Zeit war allerdings auch zu beobachten, dass verstärkt Business Angels in Biotechnologie investieren.

Auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind rückläufig. Woran liegt das?

Dr. MannhardtDie Unternehmen müssen sparen, deshalb sinken die F&E-Aufwendungen. Gerade in der extrem teuren Medikamentenentwicklung hat das zur Folge, dass ein Unternehmen meist nur einen einzigen Wirkstoffkandidaten testen kann. Scheitert dieser dann, kann es für die Firma natürlich sehr eng werden.

Welche Konsequenzen hat es auf lange Sicht, wenn die F&E-Aufwendungen weiter zurückgehen?

Dr. MannhardtDie Innovationsfähigkeit der Biotech-Branche leidet natürlich unter diesem Sparkurs. Eine gut gefüllte Pipeline ist gerade in der „roten“, also der medizinischen Biotechnologie unabdingbar. Viele Unternehmen versuchen daher, ihr Portfolio breiter zu streuen. Sie setzen verstärkt auf Dienstleistungen, auf Technologieplattformen oder auf diagnostische Tests anstatt auf die Medikamentenentwicklung. Das nimmt zwar das Risiko heraus und sichert den Geldfluss, geht aber auf Kosten der Innovation.

Die meisten Biotech-Unternehmen in Deutschland sind sehr klein. Fast jede zweite Firma zählt weniger als zehn Mitarbeiter. Kann die deutsche Biotech-Branche die steigende Innovationsnachfrage überhaupt stemmen?

Dr. MannhardtZwischen der Mitarbeiterstruktur und der Innovationsfähigkeit besteht kein unmittelbarer Zusammenhang – neue Produkte entstehen nicht zwingend mit vielen Mitarbeitern. Erst wenn es darum geht, das Produkt marktreif zu machen, fallen Kosten an, die ein Kleinunternehmen schwer allein stemmen kann. Dafür benötigt es beispielsweise einen großen Pharmakonzern im Hintergrund, der das Produkt dann einlizenziert. Im letzten Jahr ist das mehrfach passiert, als US-Pharmakonzerne wie Johnson & Johnson, GlaxoSmithKline oder Merck in Deutschland quasi auf Einkaufstour gingen.

Das klassische Modell der Risikokapitalfinanzierung wird in der Biotech-Branche immer mehr in Frage gestellt. Welche „anderen“ Finanzierungswege bieten sich für die Biotech-Branche an?

Dr. MannhardtEs gibt zahlreiche öffentliche Programme für die Biotechnologie wie beispielsweise KMU-innovativ BMBF. Das ist natürlich keine 100-Prozent-Förderung, sondern muss durch einen mindestens gleich großen Eigenanteil des Unternehmens gegenfinanziert werden. Da es jedoch keine konkreten Lösungsansätze gibt, wie das Finanzierungsproblem gänzlich behoben werden könnte, steht für die meisten Firmen das Erwirtschaften eigener Umsätze im Vordergrund.

Voriges Jahr konnte die Branche fast doppelt so viel Kapital einsammeln wie noch 2011. Allerdings verteilte sich das Geld auf einige wenige Firmen. Wie ließe sich dieses Ungleichgewicht beheben?

Dr. MannhardtWas wir sehen, ist eine extrem selektive Ausstattung weniger Unternehmen mit sehr viel Kapital. Das ist zunächst nicht zu kritisieren, schließlich gibt es durch die Investitionen insbesondere einiger Milliardäre das eine oder andere sehr gut aufgestellte Unternehmen. Möglichkeiten einer Umverteilung sehe ich nicht. Schließlich ist es den Investoren überlassen, wie viel sie in welches Biotech-Unternehmen investieren wollen. Eine bessere Finanzierung in der Breite gäbe es nur dann, wenn insgesamt mehr Fonds und Einzelpersonen in die Biotechnologie investieren würden.

Die meisten Biotech-Unternehmen konzentrieren sich nach wie vor auf die Entwicklung von Medikamenten oder neuen diagnostischen Methoden. Wäre es aus Kostengründen langfristig nicht sinnvoller, sich auf andere Bereiche aus der weißen oder grünen Biotechnologie zu verlagern?

Dr. MannhardtDie Schwerpunkte verlagern sich bereits. Wobei man sagen muss, dass Biomediziner nicht ohne Weiteres auf industrielle Prozesse umsatteln können. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Die weiße Biotechnologie ist aber auf jeden Fall im Kommen. Die BRAIN AG, das Vorzeigeunternehmen des industriellen Sektors, verbuchte beispielsweise einen der größten Erfolge bei der Kapitalsuche im letzten Jahr und konnte rund 60 Millionen Euro einwerben. Diese Entwicklung wird durch den Trend zur Bioökonomie weiter angetrieben, die auf biologische statt erdölbasierte Ressourcen setzt. Solche Prozesse spielen aktuell eine sehr große Rolle und werden von der Politik gefördert. Für Unternehmen ist es zudem interessant, unter dem Siegel der Nachhaltigkeit zu investieren. Bei der grünen Biotechnologie fehlt schlichtweg die Akzeptanz beim Verbraucher, insbesondere dann, wenn es um gentechnisch veränderte Nahrungsmittel geht. So hat die BASF ihre Zelte hierzulande abgebrochen und den grünen Sektor ins Ausland verlagert. So wandern Innovationen systematisch ins Ausland ab.

Die Biotech-Branche in Deutschland hat im letzten Jahr eine Serie an Fehlschlägen in Kauf nehmen müssen. Welche Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht und welche Lehren lassen sich für die Zukunft daraus ziehen?

Dr. MannhardtDas lässt sich so pauschal nicht sagen. Vielmehr hat jedes Unternehmen sein eigenes Erfolgsrezept. Hat man ein vielversprechendes Produkt entwickelt, wird man für Investoren interessant. Auffallend ist jedoch, dass die Misserfolge vor allem bei Biotech-Firmen einer „ersten Generation“ zu finden waren, die auf schnelle klinische Erfolge bei häufig schon länger bekannten Substanzen hofften. Diese sind meist gescheitert. Besser machten es einige Unternehmen, die ich einer „zweiten Generation“ zuordnen möchte und die neue Substanzen mit neuartigen Wirkprinzipien auf der Basis solider wissenschaftlicher Daten entwickelt haben. Das waren dann diejenigen, die im vergangenen Jahr durch spektakuläre Übernahmen oder Lizenzvereinbarungen glänzen konnten.

Welche Zukunftsaussichten sehen Sie für die Branche?

Dr. MannhardtDie Zukunftsaussichten sind sehr gut. In der Branche steckt nach wie vor enormes Potenzial, da biotechnische Verfahren und Produkte in vielen Anwenderbranchen immer größere Bedeutung erlangen. An Ideen mangelt es definitiv nicht, die Branche ist sehr gut aufgestellt, was das Thema Innovation angeht. Gerade in Deutschland haben wir dafür hervorragende wissenschaftliche Grundlagen. Es kommt jetzt darauf an, das Potenzial zu heben und in kommerziell verwertbare Produkte umzusetzen, leider immer noch eine klassische Schwäche hierzulande. Ich bin aber optimistisch, dass sich auch diese Marktorientierung weiter verbessert. Und auch was die Finanzierung betrifft, gibt es Anlass zur Hoffnung: Der Erfolg einzelner Unternehmen – und damit auch ihrer Investoren – wird über kurz oder lang weitere Investoren anziehen.

Zur Person

...leitet seit 2007 den Geschäftsbereich "Projektmanagement" und ist Prokurist der BIOCOM AG. Zuvor war er mehr als sechs Jahre im Bereich der Gründungsfinanzierung und -beratung für Biotechnologie-Unternehmen tätig. Er studierte Biologie an der Universität Karlsruhe und promovierte im Bereich Tumorvirologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

„Biotechnologie nutzt dem Menschen“

Interview mit Norbert Hentschel, kaufmännischer Geschäftsführer der Miltenyi Biotec GmbH.

Die Miltenyi Biotec GmbH zählt zu den größten Erfolgsstorys der deutschen Biotech-Branche. Wie ist das Unternehmen entstanden?

HentschelStefan Miltenyi gründete die Miltenyi Biotec GmbH 1989 mit einem Verfahren zur magnetischen Zellseparierung, das er im Rahmen seiner Diplomarbeit als Physiker am Institut für Genetik der Universität zu Köln selbst entwickelt hatte. Er erkannte sehr früh das wirtschaftliche Potenzial dieses Verfahrens für die Forschung, außerdem war er einer der Ersten, die die riesigen Chancen des amerikanischen Marktes erkannt haben. So eröffnete er bereits 1992 die erste Filiale in den USA, was dem Unternehmen einen riesigen Wachstumsimpuls gab.

Wie sieht das Produktspektrum des Unternehmens aus? Womit verdienen Sie in der Hauptsache Ihr Geld?

HentschelWir haben im Wesentlichen zwei Sparten, die unsere Standbeine sind. Da ist zum einen die klinische Sparte, die Produkte und Dienstleistungen umfasst, die für therapeutische Zwecke in Kliniken eingesetzt werden. Die andere große Sparte betrifft den Bereich der Produkte und Lösungen für die Forschung. Wir verfügen derzeit über ein Spektrum von ca. 3.500 Produkten, schließlich benötigen Sie für jede Zellseparierung und die anschließende Analyse speziell abgestimmte Verbrauchsmaterialien und Geräte. Hier sind wir weltweit aktiv: Unsere Kunden kommen in erster Linie aus dem Bereich der High-End-Forschung, die stärksten Märkte sind die USA, Japan und Europa, mit stark zunehmender Tendenz aber auch China.

Wer Kunden zufriedenstellen will, muss heute auch Mitarbeiter zufriedenstellen.
Norbert Hentschel

Vor welchen Problemen steht die Pharmabranche derzeit? Welche Rolle spielt dabei die Biotech-Branche?

HentschelDas größte Problem der Pharmabranche ist derzeit, dass die Patente der bisherigen Blockbuster, also der sehr umsatzstarken Medikamente, nach und nach auslaufen und die Branche nur wenige echte Innovationen in der Pipeline hat. Dabei wird es auch immer schwieriger und teurer, mit den bisherigen Forschungsstrategien neue Medikamente zu entwickeln.

Woran liegt dies?

HentschelStatt einer marktgetriebenen Blockbuster-Strategie, wie sie die Pharmafirmen in der Vergangenheit betrieben haben, setzt sich zunehmend eine forschungsgetriebene Strategie durch, was gerade Biotechnologie-Unternehmen kennzeichnet. Innovative Forschung, die auf die Entdeckung oder Erfindung tatsächlicher neuer Medikamente, Wirkmechanismen und Technologien ausgerichtet ist, findet eher in kleinen Biotechnologie-Unternehmen statt. Die Zukunft der Entwicklung neuer Medikamente wird deutlich stärker in der viel größeren Individualisierung der Therapiemöglichkeiten durch die personalisierte und regenerative Medizin liegen. Künftig wird sich beispielsweise bei vielen Krankheiten mit Hilfe der Gensequenzierung herausfinden lassen, ob bestimmte Medikamente und Therapien bei einzelnen Patienten überhaupt anschlagen werden. Die bisherige Medizin arbeitet – vereinfacht ausgedrückt – überwiegend nach dem Prinzip, dass versucht wird, möglichst alle Patienten mit einem bestimmten Krankheitsbild mit einem Medikament zu behandeln. Das ändert sich seit einiger Zeit und es gibt viele Anknüpfungspunkte zwischen der Pharmaindustrie und der Biotechnologie, die hier einige Lücken schließen könnte. Dies zeigt sich im Übrigen auch im verstärkten Interesse der Pharmaindustrie an Biotechnologie-Unternehmen. So wurden in den letzten Jahren etliche Biotech-Firmen von großen Pharmaherstellern übernommen und integriert bzw. Kooperationen abgeschlossen. Die Pharmafirmen sehen sich sehr gezielt um und versuchen auf diese Weise, Quantensprünge in der Entwicklung neuer Medikamente und Therapiemöglichkeiten für sich zu gewinnen, um diese dann fortzuentwickeln und anschließend zu vermarkten.

Wie hat sich der Biotech-Standort Deutschland entwickelt? Welche Probleme gibt es hier akut?

HentschelIm Wesentlichen gibt es die drei großen Biotech-Standorte München, Berlin und NRW mit einer jeweils sehr lebendigen Unternehmens- und Forschungsszene. In den letzten Jahren hat die Gründungstätigkeit nachgelassen und es entstehen weniger neue Unternehmen. Dies liegt weniger daran, dass die Zahl der möglichen Ansätze bereits ausgereizt ist, als vielmehr daran, dass es derzeit schwieriger ist, eine Finanzierung für mehrere Jahre auf die Beine zu stellen. Dadurch kommen viele Gründungen gar nicht erst zustande. Die Rahmenbedingungen für potentielle Geldgeber haben sich in Deutschland zunehmend verschlechtert, sodass hier eine starke Zurückhaltung zu verzeichnen ist.

Forschungscampus der Miltenyi Biotech in Bergisch Gladbach

Inwiefern ist die öffentliche Hand hier gefordert, die deutsche Biotech-Branche zu fördern?

HentschelDer Staat hat bereits einiges getan, aber es bleiben Lücken, die sich vor allem aus der langen Entwicklungsdauer solch innovativer Technologien ergeben. Ein kleiner, aber wichtiger Baustein könnte in unserem Fall beispielsweise die steuerliche Abzugsfähigkeit von F&E-Ausgaben sein. Ansonsten ist Deutschland mit der Strategie, in erster Linie Projekte zu fördern, insgesamt recht gut gefahren. Ein anderer Komplex sind die hohen Kosten und die regulatorischen Hürden für die Zulassung von Medikamenten und Therapien in den jeweiligen Ländern – auch hierzulande. Man darf nicht vergessen, dass unsere Arbeit letztlich dem Menschen dient und bei der derzeitigen Entwicklung die Therapien hierdurch auch immer teurer werden.

Welche Vision haben Sie für die weitere Unternehmensentwicklung?

HentschelWir wollen unsere Kernsegmente, die Zellseparierung und -analyse sowie die Zelltherapie, weiter ausbauen und sind daher nach wie vor auf der Suche nach attraktiven Kooperationspartnern und Übernahmezielen, die zu unseren Entwicklungszielen passen. Im Bereich der Zelltherapie werden wir uns weiter auf interessante Indikationen und Therapien fokussieren und versuchen, hier Zulassungen zu erreichen.

Zur Person

...(43) ist kaufmännischer Geschäftsführer der Miltenyi Biotec GmbH und arbeitet seit 12 Jahren für das Unternehmen. Er hat an der Universität zu Köln Volkswirtschaftslehre studiert und verbrachte anschließend seine erste berufliche Station bei einer großen internationalen Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. 2012 erwirtschaftete die Miltenyi Biotec GmbH mit 13 Tochtergesellschaften weltweit 140 Millionen Euro Umsatz. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 1.450 Mitarbeiter, davon rund 800 am Stammsitz in Bergisch Gladbach und weitere 200 in Teterow in der Nähe von Rostock. Das Unternehmen erwirtschaftet lediglich 8 Prozent seines Umsatzes in Deutschland.

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