Euro(pa) goes global oder doch lieber national?

Die Kolumne von Torsten Windels, dem Chefvolkswirt der NORD/LB.

Bei aller Skepsis hat es in der Euro-Krise in Europa immer nur eine Richtung gegeben: die Vertiefung der EU.

Bei aller Skepsis hat es in der Euro-Krise in Europa immer nur eine Richtung gegeben: die Vertiefung der EU.

Anmerkungen zur deutschen Diskussion um Euro und Europa

Das deutsche Wirtschaftsmodell baut wesentlich auf Europa auf. Dies ist heute unser Binnenmarkt. Eine Rückabwicklung der EU oder des Euro, weil Griechenland zu hohe Schulden hat, ist kurzsichtig und eher nationaler Romantik als ökonomischer Vernunft geschuldet. Oder um ein (niedersächsisches) Bild zu verwenden: Es wäre schön für VW, wenn alle Deutschen VW fahren würden, aber es wäre weniger schön, wenn nur Deutsche VW fahren würden.

Viele Entscheider in der deutschen Wirtschaft und Politik hadern mit Europa. Bürokratie, Ineffizienz, Intransparenz, Nettozahlerposition und kulturelle Unterschiede scheinen einer weiteren Vertiefung der EU im Wege zu stehen. „Mehr Integration geht nicht.“ Diese Diskussion hat es in den unterschiedlichen Mitgliedsstaaten in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben. Und dennoch ging es weiter, meines Erachtens zu unser aller Vorteil. Mit einem etwas zugespitzten Seitenblick ist die Diskussion einiger Bayern über die Bremer oder Saarländer vielleicht ganz ähnlich. Aber hilft „jeder für sich“ wirklich weiter?

Agenda für Deutschland

Ich möchte in meinen nachfolgenden Überlegungen die Frage stellen, was die Agenda für Deutschland ist: Deutschland und Europa, Deutschland und die Welt oder Europa und die Welt?

Ich plädiere für die Adlerperspektive statt der ängstlichen Froschperspektive. Die Welt ist im Umbruch, wieder mal. China steigt auf. Andere Emerging Markets haben erfreulicherweise großes Gewicht in der Weltwirtschaft erreicht. Russland, Indien, Brasilien, die Türkei, Korea, um nur einige zu nennen. Aber damit wird die internationale Diskussion heterogener. Wie schaffen wir Bedingungen, die unseren Interessen gerecht werden? Wollen wir reagieren oder agieren?

Zunächst ein Umweg

Europa à la carte – dieses Verhältnis sagt man gewöhnlich den Briten nach. Diese Haltung beschreibt ein rein funktionales Verhältnis zur EU, aus dem dann oft nur schwer mehr Europa, mehr Gemeinsinn und am Ende auch mehr Wohlfahrt entstehen soll. Was, wem und wann nützt der Beitritt Rumäniens, Kroatiens, Serbiens oder der Türkei? Was nützt mir der Beitritt eines kleinen, ärmeren, kulturell etwas entfernteren und unbekannten Wirtschaftraums? Die Antwort auf diese konkrete Frage muss abstrakt ausfallen und hat damit schon verloren. Wo eine inhaltliche Abwägung zu kompliziert ist, kommt es auf Vorprägungen an. Wie bin ich voreingestellt zur EU-Integration, zur EU-Erweiterung, zur Euro-Krise …?

Historische Skepsis Großbritanniens

Verweilen wir noch kurz in unserem Beispiel Großbritannien. Die Vorprägung der meisten Briten ist Europa-skeptisch. Oft ohne Grund, oft begründet, vielleicht erklärbar mit der Insellage, die historisch so manches Unheil vom Kontinent verhindert hat. Manchmal aber auch überholt, behindernd. Premierminister Camerons Vorstoß zur Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU erweist sich als Bürde für Großbritannien. Cameron verkennt die faktischen Wirkungen der EU-Integration auch für die Briten. Der EU-Binnenmarkt hat eine Arbeitsteilung ermöglicht, die auf dem EU-Binnenmarkt aufsetzt mit Effizienz- und Wachstumsvorteilen. Dies ist weitgehend unumstritten. Großbritannien ist in vielen Wirtschaftsbeziehungen abhängig von der EU. Die britische De-industrialisierung der letzten Jahrzehnte und die parallele Entwicklung industrieller (Finanz-) Services sind nur mit EU-Zulieferungen und mit EU-Kunden vorstellbar. Die japanischen Automobilhersteller schätzen die Sprach- und vielleicht sogar die Standortbedingungen in Großbritannien. Sie dürften einen Standort außerhalb der EU aber als schweren Nachteil beim Zugang zum EU-Binnenmarkt ansehen. Noch deutlicher wurde US-Präsident Obama, dessen diplomatische Skepsis zu diesem „Brexit“ als Hinweis auf einen Bedeutungsverlust eines Nicht-EU-UK für die Amerikaner interpretiert wurde. Nicht zuletzt bangt die „City“ als europäischer Finanzplatz um ihre Zukunft.

Zurück nach Deutschland – Blick in die Vergangenheit

Bezüglich der Haltung zum Euro haben wir etwas Britisches, im negativen Sinne. Es ist in Deutschland weithin unbestritten, dass die europäische Integration Deutschland die Rückkehr in die (westliche) Staatengemeinschaft ermöglicht hat, dass das deutsche Wachstum mit seiner Exportstärke erheblich hiervon profitiert hat. Historisch sind wir Bestandteil Kontinentaleuropas und somit unmittelbar Beteiligte (als Täter und Opfer) der zerstörerischen Politik Europas im religiösen, feudalen oder nationalistischen Gegeneinander. Für Deutschland macht die Geschichte der Kleinstaaterei, der relativ späten Nationenfindung ein Übriges aus, um unsere positivere Haltung zu Europa zu erklären. Die Lektion im kollektiven (deutschen) Bewusstsein: Miteinander kommt man weiter als Gegeneinander. Öffnung ist besser als Abschottung. Und Verhandlung (mit dem zwangsläufigen Kompromiss) ist besser als Dominanz. Kompromisse sind hingegen im politischen Alltag immer schwerer zu vermitteln als Siege (aber besser als Niederlagen). Und bei aller Skepsis ist Europa die Dialektik der vielfältigen Einheit meines Erachtens ganz gut gelungen.In jedem Fall bietet sie mir die Leitlinie für die Kursbestimmung für das Morgen.

Blick in die Zukunft: Regelmacher oder Regelnehmer. Was sind die Aufgaben der Zeit?

Zunächst: Wer ist „wir“? Meine Perspektive in diesem Artikel ist Deutschland, aber Deutschland in der Welt. Ohne die Welt ist Deutschland nicht denkbar, geographisch, politisch und natürlich auch ökonomisch. In die Welt sind wir vielfältigst eingebunden, entsprechend in Europa und die Eurozone (jeweils intensiver). Die Selbstverständlichkeit des Wirtschafts- und Personenverkehrs im Euroland ist ein Fortschritt. Fast vergisst man, dass man bei Reisen nach Großbritannien, in die Schweiz oder nach Norwegen eine andere Währung mitnehmen muss. Auch die strengeren Einreisemodi in den Nicht-Schengen-Raum (z.B. nach GB) nimmt man irritiert wahr. Trotz aller Sicherheitsdiskussionen haben bislang alle Versuche, hier Einschränkungen einzuführen, nicht dauerhaft gefruchtet. Die nationale Perspektive hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen, die europäische Perspektive, meines Erachtens auch die Identität, deutlich an Gewicht gewonnen.

Bei aller Skepsis hat es in der Euro-Krise, ausgelöst durch die ökonomische Divergenz in der EU und die Weltfinanzkrise, in Europa immer nur eine Richtung gegeben: die Vertiefung der EU. Dies ging für viele zu schnell. Der Umbau ist bisher unfertig und teilweise kritikwürdiges Stückwerk. Insbesondere fehlt die entsprechende Legitimation. Aber dennoch, die Richtung war mehrheitlich eindeutig und bleibt es meines Erachtens auch (hierzu: J. Gerhards/H. Lengfeld, Europas Bürger halten zusammen – Gleichheitsvorstellungen leiden nicht unter der Krise; in: WZB-Mitteilungen, Juni 2013, S. 30-32 oder EU Kommission, Eurobarometer 78, Nov. 2012).

Bundesverfassungsgericht

Die Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht ist damit rückwärts gerichtet. Die Kläger, politisch heterogen und zum guten Teil Wiederholungstäter nach der gescheiterten Abwehr der Euro-Einführung, erscheinen somit als globalisierungsskeptisch und national orientiert. Ich meine dies nicht negativ, sondern versuche an den Kern der Debatte zu gelangen.

Viele Euro-Kritiker führen in der jetzigen Euro-Krise an, dass sie ja gewarnt hätten und es schon damals gewusst hätten, dass dies nicht klappen könne. Für die meisten Kritiker stimmt genau dies aber nicht. Die seinerzeitige Kritik setzte überwiegend an der erwartet höheren Inflation an. Stattdessen leidet Europa heute neben hohen Staatsschulden unter einem harten Euro, der die divergenten Entwicklungen in Preisen und Produktivität offen legt. Zudem fehlen Euro-Institutionen, die für den Währungsraum glaubhafte Lösungen schaffen. Die Anpassung Südeuropas an Hartwährungsbedingungen macht drastische Maßnahmen in den Krisenländern nötig. Dies setzt Euroland und den Euro unter Druck, nicht eine zu hohe Inflation.

Weitere Integration notwendig

Lediglich die Anhänger der sogenannten „Krönungstheorie“ können „ich hab’s ja gewusst“ behaupten. Nach dieser Betrachtung kann eine gemeinsame Währung ohne weitere politische Vereinheitlichung (fiskalisch, regulatorisch) nicht funktionieren. Hier liegen heute die Mängel, die durch Nachziehen der notwendigen Institutionen behoben werden müssen. Aber die Krönungstheoretiker gingen ganz überwiegend davon aus, dass die politische Integration eben weiter fortgesetzt werden müsse, bevor dann der Euro, als Krönung, den Abschluss der Integration besiegelt.

Die Klage gegen das OMT der EZB (Outright Monetary Transactions = Ankaufprogramm von Staatsanleihen durch die EZB) geht in die falsche Richtung. Im Kern wollen die Kläger zum nationalstaatlichen Zustand zurückkehren. Die nationalen Kontrollverluste über Währung, Finanzmärkte und Gütermärkte sind Folge der Globalisierung. Die Umkehr ist zwar möglich, aber ohne vernünftige Perspektive.

Schweden und Schweiz beispielhaft?

Natürlich verfügen Schweden oder die Schweiz mit dem Wechselkurs über ein wichtiges nationales Instrument zur Gestaltung ihres Staatsmodells. Aber um welchen Preis? Beide Länder sind offene, erfolgreiche Volkswirtschaften. Sie sind eng verflochten mit dem Euroraum und somit eng angebunden an die Konjunktur und Geldpolitik von Euroland oder den USA. In Krisenzeiten scheint dies vorteilhaft, da eine eigene Währungspolitik möglich scheint. Gleichwohl konnten sie sich den Turbulenzen nicht entziehen. Insgesamt halte ich dies für eine Souveränitätsillusion, die nur in Nischen für kleine Länder halbwegs geht. In Krisenzeiten werden diese kleinen Währungen schnell zum Spielball kurzfristiger Marktbewegungen. In Normalzeiten hängen sich diese Notenbanken mit ihrer Geld- oder Wechselkurspolitik an die EZB (oder die Fed) an. Eine effektive Mitgestaltung dieser leitenden Geldpolitik ist für diese Länder hingegen nicht gegeben.

Über kleine und große Länder

Daneben gibt es kleine EU-Staaten, die mit dem Eurobeitritt die große Geldpolitik mitbestimmen, die vorher trotz nationaler Währung nicht existierte. Der sogenannte DM-Block aus Deutschland, Benelux, Österreich und in meiner Betrachtung auch Frankreich und Dänemark gehorchte schon vor der Euro-Einführung 1999 den Bundesbankvorgaben. Die D-Mark war die gekürte europäische Währung, die mit dem Euro dann letztlich die europäische Gestalt mit entsprechenden Institutionen erhielt. Das Bundesbank-Erbe der EZB ist bei aller zwischenzeitlichen Differenz unzweifelhaft. Die Bundesbank hat zu ihrer Zeit auch verantwortlich für die Mitglieder im EWS gehandelt (z.B. 1992). Die geldpuristische Haltung des Bundesbankdirektoriums heute ist national orientiert und nur die trotzige Form der Trauer über den Machtverlust. Ähnlich dem britischen Empire, dem viele Briten noch immer nachtrauern.

EU als Regelmacher

Während jedoch die kleinen europäischen Staaten außerhalb des Euro eine Nischenposition als Rahmennehmer suchen, hat die EU und im Kern Euroland die Möglichkeit - und meines Erachtens auch das Ziel - als Regelmacher zu fungieren. Den großen EU-Ländern kommt eine wichtige Leitrolle in der Staatengemeinschaft zu. UK gefällt sich in der Rolle des europäischen „enfant terrible“ (was schade ist, da die historische Erfahrung auf dem internationalen Parkett und die liberale politische (Streit-) Kultur in Europa eine wichtige Ergänzung liefern könnte). Italien vermag ökonomisches Potenzial kaum in politische Gestaltungskraft zu wandeln und Spanien ist noch immer ein ökonomischer Nachzügler. Es verbleibt die bekannte deutsch-französische Achse des EU-Fortschritts. Einiges geht ohne, nichts gegen und am meisten mit dieser deutsch-französischen Achse. Dieser Motor funktioniert noch immer, auch wenn es ruckelt. Angesichts der Herausforderungen und auch der ökonomischen Ungleichzeitigkeiten ist dies kaum verwunderlich. Obwohl Frankreich derzeit etwas angeschlagen wirkt und die treibenden Kräfte aus Berlin zu kommen scheinen. Bei Licht betrachtet sind eine Reihe von Vorschlägen, die dann EU-Politik wurden, von Frankreich vorgeschlagen, zunächst von Deutschland abgelehnt und erst nach krisenhafter Zuspitzung mit deutscher Zustimmung umgesetzt worden (Rettung Griechenlands, Einführung eines dauerhaften Rettungsfonds, Forderung nach mehr Wachstumspolitik der EU, seit 1997 Vorschlag einer finanzpolitischen Flankierung der EZB (europäische Wirtschaftsregierung)).

Deutschland hat sich die Rolle der Führung von Euroland nicht gewünscht oder ausgesucht. Sie wurde von den Finanzmärkten nach Berlin delegiert und dort nur zögerlich aufgenommen (Helmut Schmidt: Es fehlt Führung). Sie leidet zwangsläufig unter der Differenz nationaler Legitimation und europäischer Verantwortung.

Zudem kann Europa nicht auf Dauer von Berlin regiert werden. Das ist politisch nicht machbar und auch von uns nicht gewünscht. Frankreich muss dies erkennen, die innere Verfasstheit stärken und mit Deutschland wieder europapolitisch initiativ werden. Dass dies letztlich französische Souveränität (und natürlich auch deutsche) kostet, ist dann zwar schwer für die französische Seele, aber unausweichlich. Andernfalls separiert sich die europäische Politik und Deutschland bleibt führend.

Welche Rolle ist heute von Europa gefordert?

Die Rolle, die heute die EU, und damit Deutschland und Frankreich, spielen muss, liegt darin, die Gestaltungsräume der globalen Spielregeln zu suchen und zu nutzen und dies auf Augenhöhe mit USA und China. National zersplittert werden wir Regelnehmer der US-amerikanischen und zunehmend auch der chinesischen Spielregeln der Globalisierung. Hier brauchen wir die Macht eines attraktiven, wirtschaftlich und politisch starken europäischen Raums, um den USA und auch China sowie Russland deutlich zu machen: Unsere Märkte und Produkte sind attraktiv, aber gespielt wird hier nach unseren Regeln (für Finanzmärkte, Klimapolitik, Industriepolitik, Sozialpolitik, …). Dies auf national zersplitterter Ebene zu versuchen ist naiv.

Der Rechtsrahmen muss dem historischen Fortschritt folgen und die neuen politischen und ökonomischen Realitäten nachvollziehen. Anderes ist möglich, wäre nach meiner Überzeugung aber ein Fehler. So ist das auch mit der OMT-Klage. Der EU-Vertrag hat die Finanzkrise nicht vorhergesehen. Angesichts der Herausforderungen wurden viele Kriseninstrumente geschaffen. Die Kunstgriffe zum rechtskonformen Bezug auf den Vertrag sind zwar geschickt gemacht, aber man merkt, dass der EU-Vertrag die neuen Erkenntnisse aus der Krise noch verarbeiten muss. Die Flucht in die intergouvernmentale Politik der EU bringt Intransparenz und nicht Legitimation. Das Bundesverfassungsgericht wird meines Erachtens hierauf verweisen, aber den Zug nicht zum Entgleisen bringen.

Das Morgen ist unbestimmt. Die Katastrophe inbegriffen. Aber auch die Prosperität. Es ist an uns das Morgen zu machen. Aus meiner Sicht mit mehr Europa für uns und für die Welt. Vieles wurde in dieser Krise bereits getan, um Europa gestärkt aus ihr zu führen, nutzen wir es.

Zur Person

Der gebürtige Bremer studierte Wirtschafts­wissenschaften an der Universität Hannover. Windels begann seine Karriere bei der NORD/LB 1990 in der Abteilung Volkswirtschaft und wechselte anschließend zur niedersächsischen Staatskanzlei als Referent für Wirtschaft, Technologie und Verkehr. 1996 kehrte er zur NORD/LB zurück in die Abteilung Volkswirtschaft, die er seit Juli 2007 als Chefvolkswirt leitet.

Mittelstand: Euro bleibt unverzichtbar

Schuldenkrise, Griechenland-Rettung und Haftungsrisiken haben ihre Spuren hinterlassen. Doch der deutsche Mittelstand setzt weiter unverzagt auf die Gemeinschaftswährung – ohne diese wäre vieles komplizierter.

Insbesondere seitdem D-Mark, holländische Gulden und spanische Peseta passé sind, brummt der Handel.

Der Euro – zunächst der „Teuro“

Die Deutschen und der Euro – das ist nicht unbedingt eine Liebesgeschichte. Als vor elf Jahren die neue Gemeinschaftswährung eingeführt wurde, herrschte bei vielen Verbrauchern zunächst der Eindruck vor, die Preise seien sprunghaft gestiegen. Zwar hatten Statistiker ausgerechnet, dass die Inflationsrate damals nur rund ein Prozent betrug, doch sollte das wenig an der Wahrnehmung ändern. Das Stichwort vom „Teuro“ machte die Runde. Und nun, nach unzähligen Rettungspaketen für Krisenländer wie Griechenland oder Zypern sowie ständig neuer Kandidaten, die für Hilfsmaßnahmen anstehen, sehen auch heute wieder viele Deutsche die europäische Einheitswährung äußerst kritisch. Dennoch: Zur D-Mark wirklich zurückkehren wollen nur wenige. So stehen laut einer aktuellen Umfrage des Forsa-Instituts 69 Prozent der Deutschen fest zum Euro. Gerade einmal 27 Prozent würden eine Rückkehr zu den alten nationalen Währungen befürworten. Und wenn man sich im deutschen Mittelstand umhört, dann gibt es so gut wie keine Stimmen, die sich für eine Auflösung der Eurozone aussprechen. Exemplarisch für diese Haltung ist die im Juni 2013 vorgestellte Frühjahrsbefragung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Darin erklären acht von zehn Unternehmen, dass die Bewahrung der Gemeinschaftswährung für sie von hoher beziehungsweise sehr hoher Priorität ist.

Europa bleibt die Basis des Auslandsgeschäfts

Denn gerade der exportorientierte deutsche Mittelstand konnte von der Euroeinführung profitieren wie kaum ein Zweiter. Globalisierung hin oder her – rund 40 Prozent aller ausgeführten deutschen Waren gehen nach wie vor in die Eurozone. Und obwohl Länder wie Brasilien, Russland, Indien und China auch für mittelständische Unternehmen zunehmend an Gewicht gewinnen, bleibt Europa weiterhin der Schwerpunkt ihres Auslandsgeschäfts. Insbesondere seitdem D-Mark, holländische Gulden und spanische Peseta passé sind, brummt der Handel. Schließlich fallen keine Kosten mehr für den Umtausch an und man muss sich nicht länger gegen mögliche Wechselkursrisiken absichern, die noch vor dem Euro zum Alltag gehörten. Damals konnten Kalkulationen rasch zu Makulatur werden, weil die D-Mark häufig eine starke Aufwertung erfuhr, während insbesondere die italienische Lira oder der französische Franc aufgrund höherer Inflationsraten mitunter massiv abgewertet wurden. Auf diese Weise gingen heimische Wettbewerbsvorteile sehr plötzlich verloren oder verkehrten sich sogar ins Gegenteil. Damit ist seither Schluss. Zudem haben eine größere Preistransparenz, die bessere Planungssicherheit sowie die deutlich geringeren Transaktionskosten zahlreiche Unternehmer dazu motiviert, erstmalig überhaupt ins Auslandsgeschäft einzusteigen. All diese Faktoren beflügelten den Handel innerhalb der Eurozone gewaltig. Dieser verzeichnete seither ein sattes Plus von 15 Prozent, was einem Volumen von rund 620 Milliarden Euro entspricht. Unbestritten sind deshalb die Wachstumseffekte durch die Einführung der Gemeinschaftswährung auf das deutsche Bruttoinlandsprodukt, die Wirtschaftsforscher auf zwischen zwei bis fünf Prozent veranschlagen.

Rückkehr zur D-Mark würgt Wachstum ab

Exemplarisch hat der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie (ZVEI) einmal ausgerechnet, was der Euro seiner Branche an Zuwachs beschert hat: Während die Exporte in die Eurozone seit der Einführung der Gemeinschaftswährung jährlich um durchschnittlich vier Prozent zulegten, verzeichneten die Ausfuhren in vergleichbare europäische Industrieländer wie Großbritannien, Norwegen, Schweden oder die Schweiz ein Plus von weniger als 2,5 Prozent. Gerade Deutschland konnte also durch den schwächeren Euro seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Nicht-Euro-Ländern deutlich verbessern, während die klassischen Weichwährungsländer Italien oder Spanien heute eindeutig schlechter dastehen. Genau diese Vorteile gingen wieder verloren, wenn der einheitliche Währungsraum auseinanderbrechen würde. Das Prognos-Institut hat im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung dieses Szenario in einer Studie näher beleuchtet. Es kommt für den Fall einer Rückkehr zur D-Mark zu dem Ergebnis, dass das Wachstum hierzulande jährlich um einen halben Prozentpunkt niedriger ausfallen und es dadurch 200.000 Arbeitsplätze weniger geben würde. Darüber hinaus erwarten alle Experten, dass in diesem Fall eine neue D-Mark unmittelbar um dramatische 30 bis 40 Prozent aufgewertet werden könnte. Gerade mittelständische Unternehmen würden besonders unter den Folgen einer solchen Entwicklung zu leiden haben, weil wichtige Auslandsmärkte dann quasi über Nacht verloren gingen und für lange Zeit als Wachstumstreiber ausfallen könnten.

 

Bei der Ende April erschienenen Studie des Prognos-Instituts „Vorteile Deutschlands durch die Währungsunion“ handelt es sich um eine Modellrechnung, die Auswirkungen einer wiedereingeführten eigenen Währung auf die deutsche Wirtschaft bis 2025 simuliert. Die Studie kommt zu den Ergebnissen, dass Deutschland in hohem Maße vom Euro profitiert und im Gegensatz dazu bei einer Rückkehr zur D-Mark erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden davon tragen würde. Bei einer Wiedereinführung der D-Mark wird langfristig ein um 0,5 Prozentpunkte niedrigeres Wachstum des realen BIP prognostiziert, verbunden mit dem Verlust von 200.000 Arbeitsplätzen. Aufaddiert für die Jahre 2013 bis 2025 ergibt sich bei Beibehaltung des Euro dagegen ein Gewinn von fast 1,2 Billionen Euro. Die Mitgliedschaft in der Währungsunion reduziert außerdem die Kosten des internationalen Handels und schützt vor starken Wechselkursschwankungen, so die Studie weiter. Auch die Bürger profitieren von der Gemeinschaftswährung: so verdienen sie den Berechnungen zufolge zwischen 2012 und 2025 mit dem Euro durchschnittlich etwa 1100 Euro pro Jahr mehr. Einziger Vorteil einer eigenen deutschen Währung wäre nach Einschätzung der Studie ein niedrigeres Zinsniveau und damit geringere Produktions- und Investitionskosten. Ein tatsächlicher Ausstieg Deutschlands aus dem Euro, so die Forscher, habe mit großer Wahrscheinlichkeit den Zusammenbruch der Währungsunion sowie eine Weltwirtschaftskrise zur Folge.

„Enorme Erleichterung der Prozesse“

Ein Interview mit Prof. Frank Wallau, Projektleiter am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn.

Hat der Euro dem deutschen Mittelstand langfristig eher Vor- oder Nachteile gebracht?

Prof. WallauAuf jeden Fall überwiegen die Vorteile. Allein die Tatsache, dass man sich als Exporteur in den Euroraum keine Gedanken mehr über Wechselkursrisiken machen muss, ist ein großer Gewinn. Aber auch der Export in die anderen europäischen Länder wurde wesentlich einfacher, weil ein Großteil der Waren mittlerweile dort ebenfalls in Euro fakturiert wird. Das ist für alle eine enorme Erleichterung der Geschäftsprozesse.

Durchweg wird der Euro als positiv wahrgenommen.
Professor Frank Wallau

Steht der Mittelstand selbst zur Gemeinschaftswährung?

Prof. WallauDurchweg wird der Euro als positiv wahrgenommen. Das belegen unsere regelmäßigen Erhebungen. So haben in der aktuellen Frühjahrsbefragung 2013 unter Deutschlands größten Familienunternehmen acht von zehn Befragten angegeben, dass die Bewahrung der Gemeinschaftswährung für sie deshalb von hoher beziehungsweise sehr hoher Priorität ist.

Tendieren eher Unternehmen mit einem Auslandsgeschäft dazu, dem Euro positiv gegenüber eingestellt zu sein?

Proff. WallauEs gibt in Deutschland rund 3,7 Millionen Unternehmen. Davon sind nur insgesamt zehn Prozent exportaktiv. Ihre Haltung zur Gemeinschaftswährung unterscheidet sich nicht nennenswert von denen, die ausschließlich hierzulande ihr Geschäft betreiben.

Motiviert der Euro mittelständische Unternehmen dazu, ihr Geschäft weiter zu internationalisieren?

Prof. WallauRund vierzig Prozent aller deutschen Exporte gehen in den Euroraum. Auch wenn es keine konkreten Daten gibt, darf man durchaus davon ausgehen, dass Mittelständler noch stärker auf Europa als Absatzmarkt für ihre Produkte fokussiert sind als größere Unternehmen. Am Beispiel unserer Umfragen unter Familienunternehmen wissen wir, dass trotz der steigenden Bedeutung der BRIC-Staaten im Außenhandel immer noch Frankreich, Österreich, die Niederlande oder auch die Schweiz zu den Hauptexportmärkten zählen. Auf jeden Fall hat die Gemeinschaftswährung wesentlich dazu beigetragen, dass die Hemmschwelle, sich überhaupt erstmals im Ausland zu engagieren, deutlich gesunken ist.

Gibt es im Mittelstand überhaupt nennenswerte Stimmen, die eine Rückkehr zu den nationalen Währungen fordern?

Prof. WallauSelbstverständlich machen sich alle Sorgen um die Eurokrise. Wenn in Staaten wie Spanien oder Italien beispielsweise der PKW-Absatz einbricht, dann sind nicht nur die namhaften deutschen Autohersteller davon betroffen, sondern auch die zumeist mittelständischen Zuliefererbetriebe. Deshalb bleibt das Thema wichtig und ist von oberster Priorität. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass plötzlich verstärkt Stimmen laut werden, die eine Abschaffung des Euros fordern. Wenn überhaupt, sind das Einzelerscheinungen.

Zur Person

...ist Professor für Mittelstandspolitik, Unternehmensgründung/-nachfolge an der FHDW Ostwestfalen. Seit 2002 ist er außerdem Wissenschaftler am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Zuvor war er unter anderem als Lehrbeauftragter der FHDW Paderborn mit dem Schwerpunkt Mittelständische Wirtschaft sowie als selbstständiger Wirtschaftswissenschaftler tätig. Prof. Wallau studierte Volkswirtschaft an der Rheinischen Friedrichs-Wilhelms-Universität Bonn, später promovierte er an der RWTH Aachen.

Weiterführende Links