Temporäre Architektur: Verfalssdatum inbegriffen

Derzeit machen „temporäre Architektur“ und „fliegende Bauten“ von sich reden. Galt diese – nur für einen kurzen Zeitraum geplante – Sonderform der Architektur bei vielen anspruchsvollen Architekten bis vor kurzem noch als vernachlässigenswerte Größe, interessiert sich heute insbesondere die jüngere Architektengeneration für die vergänglichen Bauten. Sie lockt die Vielfalt der gestalterischen Möglichkeiten und Formen.

Flexible und effektive Konzepte haben in der Architektur heute Hochkonjunktur.

Der Ofen steht immer in der Mitte und die Tür öffnet sich nach Süden – was für sesshafte Kulturen das Haus, sind für Nomaden Zelt oder Jurte. Da sie regelmäßig den (Wohn-)Ort wechseln, zählen bei ihren mobilen „vier Wänden“ Einfachheit und Funktionalität. Auch die Einrichtung ist auf das Nötigste beschränkt, da das Hab und Gut auf Lasttieren transportiert werden muss. Die Behausungen sind leicht ab- und aufzubauen und optimal an die klimatischen Bedingungen angepasst – seit Jahrtausenden. Auch die Baumaterialien entstammen der Natur: Nomadenvölker wie die Tuareg benutzen Lederzelte aus Ziegen- und Schafshäuten, die gut vor Sandstürmen schützen, andere nutzen Mattenzelte aus Palmwedeln.

2000-jährige Bautradition

Entgegen ihrer geplanten Kurzlebigkeit blickt diese Art flexibler Architektur auf eine über 2000-jährige Geschichte und Tradition zurück: „Temporäre Architektur ist die älteste Form des Bauens, denken wir nur an die Nomadenvölker, die Konstruktionen erdachten, die flexibel, leicht und praktisch zu handhaben waren“, sagt Dr. Thomas Schriefers, Architekturdozent und Inhaber des Planungsbüros Schriefers in Köln.

Flexibilität passt perfekt in die Zeit

Angesichts des rasanten Tempos gesellschaftlicher Veränderungen hat die Fähigkeit dieser Bauweise, schnell und mühelos ständig wechselnden Bedingungen angepasst zu werden, einen besonders aktuellen Bezug. Entsprechend haben flexible und effektive Konzepte in der Architektur Hochkonjunktur – vor allem jüngere Baumeister fasziniert diese Form der Flexibilität. „Früher weigerten sich viele Architekten, temporäre Projekte umzusetzen, da sie Vergänglichkeit mit Wertlosigkeit verbanden“, so Schriefers, „die junge Generation ist da sehr viel aufgeschlossener als der klassische Hochbauarchitekt.“

Aufgabe verkrusteter Architekturpositionen

Folglich rücken Architekten zusehends von verkrusteten Grundsätzen ab, nach denen die Schönheit oder der Wert eines Bauwerks immer auch etwas mit Dauerhaftigkeit zu tun hat. Stattdessen wenden sie sich temporären Projekten zu, bei denen das Verschwinden der Bauwerke von vornherein Kalkül der Gesamtplanung ist. Schließlich trägt diese Bauform im Gegensatz zur konventionellen Architektur das Flüchtige bereits per definitionem in sich. Endziel ist der Abriss oder zumindest der Standortwechsel. „Eine genaue Abgrenzung ist heutzutage schwierig, strenggenommen ist auch konventionelle Architektur nicht für die Ewigkeit gebaut. Im Allgemeinen versteht man unter temporärer Architektur Bauten, die eine beschränkte Lebens- und Nutzungsdauer haben“, erklärt Patrick Pütz vom Architekturbüro COR5 in Köln. „Ich vergleiche temporäres Bauen gerne mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Etwas Neues wird geschaffen und vergeht wieder, um etwas anderem Platz zu machen.“

Architektur „auf Reisen“

Diese mobilen Architekturen werden in der juristischen Bauordnung häufig auch als „fliegende Bauten“ bezeichnet. Und sie reihen sich nahtlos in die Tradition der mobilen Behausungen fahrender Völker ein. Mobile Architektur geht heute in Form motorisierter oder leicht versetzbarer Einheiten auf Reisen, wie etwa der „Licht- und Klangpavillon Oskar Sala“. Studierende der Bauhaus-Universität Weimar konzipierten diesen fahrenden Ausstellungs- und Experimentierbau 2010 anlässlich des 100. Geburtstags von Oskar Sala, dem Pionier der Elektromusik.

Dreidimensionale Markenbotschafter

Anders als in Stein gemeißelte Architektur, die lediglich eine Zeitlang wie ursprünglich geplant genutzt und im Laufe ihres Daseins häufig unterschiedlich „bespielt“ wird, dienen temporäre Bauwerke einem einzigen, zeitlich begrenzten Zweck. Dies kann als Veranstaltungshalle, als momentane Museumsarchitektur oder gar als schwimmendes Ausstellungs- und Bürogebäude wie das 2010 konzipierte IBA DOCK in Hamburg sein – der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Wer genau hinsieht, dem begegnet diese Architekturform heute auf Schritt und Tritt. Im Wohnungsbau läuft sie unter Begriffen wie Containerarchitektur oder temporäres experimentelles Wohnen. Und auf Messen, Festivals oder Konzerten beeindruckt sie in Form überdimensionierter Werbe- und Markenbauten. So steht die bekannte Humboldt-Box im historischen Berliner Stadtzentrum bis 2019 als Platzhalter für das im Bau befindliche Humboldt-Forum am Schlossplatz. In der Box werden Pläne und Vorhaben rund um den geplanten Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ausgestellt – danach verschwindet die Box im Orbit.

„Form follows functionality“

Dies zeigt sich auch in den gewählten Baumaterialien. Sie sind zwar sehr unterschiedlich, doch es eint sie , dass sie einen schnellen Auf- und Abbau der Gebäude erlauben müssen. „Im Unterschied zu immobiler und dauerhafter Architektur ist temporäre Architektur meist aus leichten Materialien und stabförmigen Konstruktionen erstellt“, erklärt Dr. Sabine Zierold von der Bauhaus-Universität Weimar, „sie können mobil und wiederkehrend verwendbar oder auch vergänglich sein.“ Auf spektakuläre Formen muss dennoch nicht verzichtet werden, bieten doch die leichten Strukturen – beispielsweise in Kombination mit textilen Materialien – viel Spielraum für plastische Gestaltung. Gerade auf Messen oder im Rahmen von (Groß-)Veranstaltungen nutzen Architekten die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten temporärer Architektur, um Produkte oder Ereignisse richtig in Szene zu setzen. Zu den gängigen Baustoffen gehören neben Metall und Aluminium auch Holz, Kunststoffe und verschiedene Arten von Blechen. Je nach Verwendung kommen aber auch Bambus oder Korkfüllungen zum Einsatz. Außerdem spielen praktische Aspekte wie Stapelbarkeit und Robustheit bei der Wahl des richtigen Materials eine wichtige Rolle: „Die Materialien werden so ausgesucht, dass sie eine gewisse Standsicherheit gewährleisten und problemlos transportiert werden können“, bestätigt Patrick Pütz.

Nachhaltigkeit oft Mangelware

Mobil und flexibel klingt zunächst kostengünstig. Doch der Schein trügt – insbesondere bei Containerbauten. „Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass temporäre Architektur automatisch günstig ist“, so Pütz. Besonders im Bereich der Werbe- und Markenbauten fließe viel Geld in die gezielte Vermittlung von Eindrücken bestimmter Marken; der Hersteller lasse sich dies in der Regel viel Geld kosten. Dieses „Klotzen statt Kleckern“ führt allerdings dazu, dass an dieser Stelle ein ganz wesentlicher Aspekt temporärer Architektur bislang ausgeklammert wird: die Nachhaltigkeit.

Zweitnutzung heute Standard

Doch die Zeiten ändern sich auch hier – Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden auch in dieser Architekturform relevant: „Will ein temporäres Bauwerk heute trumpfen, muss es sowohl inhaltlich überzeugen als auch nachhaltig sein, sonst rechnet es sich nicht“, so Schriefers. Um auf wechselnde Ortssituationen effizient reagieren zu können, müssen die Bauten von vornherein flexibel geplant sein. Dann lassen sich mobile (Wohn-)Einheiten an den verschiedensten Orten und unter den unterschiedlichsten Bedingungen einsetzen. Doch auch für den Abriss vorgesehene mobile Bauten funktionieren schon lange nicht mehr nach den gängigen Prinzipien der heutigen Wegwerfgesellschaft – vielmehr ist ein Großteil dieser Bauten von vornherein für die Weiterverwendung vorgesehen. Der von Peter Zumthor für die EXPO 2000 in Hannover konzipierte Schweizer Pavillon wurde beispielsweise anschließend demontiert und sein Material komplett anderswo verbaut. Gewissermaßen Recycling im großen Stil.

Virtuelle Varianten

Auch das spielerische Element darf nicht zu kurz kommen. So entwarfen Architekturstudenten der Bauhaus-Uni Weimar zur „summaery“-Jahresschau 2011 ein temporäres architektonisches Gesamtkonzept für ihren Campus. „Angestrebt war die Verwendung einheitlicher, umweltfreundlicher Materialien und einfach handhabbarer Konstruktionsmethoden, um die Planung und Abwicklung zu optimieren sowie die Kosten möglichst niedrig zu halten“, erklärt Sabine Zierold. So entstanden rund acht verschiedene Pavillons aus Holz, Stoffresten, Spannseil- oder Stahlrohrkonstruktionen. Als virtuelle Version existierte ein Pavillon sogar nur digital im Computer.

Gebaute Demokratie

Neben den Kosten und der Lust an neuen (recycelbaren) Materialien spielt beim Thema Nachhaltigkeit auch die zukunftsfähige Planung eine wichtige Rolle – denn bereits so manche Branche wurde durch eine architektonische Fehlplanung auf Jahrzehnte hinaus blockiert. Hier helfen temporäre Projekte dabei, im Vorfeld Potenziale eines Ortes sichtbar zu machen, alternative Raumkonzepte zu erproben und auf diese Weise auch Planungsfehler zu verhindern. Ein Beispiel ist die Stadt Bochum. Hier nutzt man sie derzeit, um die Entwicklung brachliegender Flächen voranzutreiben. Dabei regt unter anderem eine 50 qm große, transparente Bambuskonstruktion – das sogenannte t.a.i.b. – die Bürger zur Mitgestaltung tragfähiger Perspektiven für die zukünftige Nutzung des Bochumer City-Tores Süd an.

Spielfeld für neue Technologien

Temporäre Architektur hat trotz oder gerade aufgrund ihrer kurzen Lebensdauer eine starke Wirkung. Sie ist insbesondere deshalb zeitgemäß, weil sie sich veränderten Rahmenbedingungen schnell und flexibel anpassen kann und – wie in Bochum – einen Blick in die Zukunft erlaubt. So können Architekten mit Hilfe temporärer Projekte schnell und unkompliziert neue Konzepte ausprobieren und auf ihre Zukunftsfähigkeit testen. Schriefers: „Das temporäre Konstrukt erlaubt es, auch moderne Fertigungsweisen wirkungsvoll auszuprobieren, etwa die Fertigung baulicher Strukturen durch Robotertechnik – vielleicht als Ausblick auf das sich in der Zukunft selbst bauende Haus?“ Wer weiß, vielleicht werden die Menschen eines Tages in die Jurte zurückkehren?

„Architektur am Puls der Zeit“

Interview mit Dr. Thomas Schriefers, Architekt, Dozent und Fachbuchautor.

Was bedeutet temporäre Architektur konkret?

Dr. SchriefersTemporäre Architektur ist für den Abriss oder zumindest den Standortwechsel konzipiert. Sie entsteht im Ausnahmezustand, das heißt, in eng gefassten Zeitfenstern oder auf einer möglicherweise nicht als Baugrund geeigneten Fläche. Sie ist für den Augenblick gebaut und vergänglich.

Wann und wie ist temporäre Architektur entstanden?

Dr. SchriefersTemporäre Architektur ist die älteste Form des Bauens. Denken wir nur an die Bauten der Nomadenvölker, welche Konstruktionen erdachten, die flexibel, leicht und praktisch zu handhaben sein mussten. Kriterien, die heute nicht weniger bedeutsam sind, wenn es gilt, effiziente Module zu entwickeln, die im Sinne der Nachhaltigkeit mehrfach verwendet werden können. In Gestalt von Festarchitektur und Handelsbauten haben temporäre Gebäude eine lange Tradition.

In Zeiten erhöhter Mobilität ist das temporäre und standortungebundene Bauen up to date, da Flexibilität gefragt ist.
Dr. Thomas Schriefers

Wie unterscheiden sich temporäre Architektur, mobile Architektur und Fleeting Buildings?

Dr. SchriefersTemporäre Architektur verschwindet nach einer bestimmten Zeit wieder aus unserer Alltagswelt und hinterlässt im Idealfall einen starken Eindruck bei ihren Besuchern. Mobile Architektur, von der man auch als fliegende Bauten spricht, ist eine Sonderform der temporären Architektur, da sich ihre Kurzzeitigkeit auf ihren Standort bezieht. Sie besteht an einem anderen Ort weiter, nomadisiert in Form motorisierter oder leicht versetzbarer Einheiten, und ist in der Lage, sich verschiedenen Standorten anzupassen. Dem entsprechen modulare Einheiten, die nach Naturkatastrophen sichere Unterkunft in einem sonst infrastrukturlosen Bereich geben. Gleiches gilt natürlich für alle Situationen, in denen kurzfristig einem Unterkunftsnotstand begegnet werden muss.

In welchen Bereichen wird temporäre Architektur primär eingesetzt?

Dr. SchriefersSeit jeher im mobilen Wohnungswesen sowie im Messewesen. Außerdem kommt temporäre Architektur in Museen zur Anwendung, in Form von Werbe- und Markenbauten oder bei Festveranstaltungen. Und was wäre der Auftritt einer weltberühmten Rock- oder Popmusikgruppe wie der Rolling Stones oder U2 ohne entsprechende Bühnenarchitektur?

Welche Bedeutung hat temporäre Architektur heute?

Dr. SchriefersVor nicht allzu langer Zeit noch verweigerten sich viele Architekten dem temporären Bauen, da dessen Vergänglichkeit oft mit dem Begriff der Wertlosigkeit verbunden wurde. Die junge Generation ist da sehr viel aufgeschlossener als der klassische Hochbauarchitekt. Nicht zuletzt hat die permanente Raumnot in den Großstädten dazu beigetragen, dass in Nischen, auf Brachflächen und an vergessenen Orten bauliche Strukturen entstehen, die nur so lange bestehen, bis der Grund effizienter erschlossen wird. Heute begegnen wir temporärer Architektur überall, in Form momentaner Museumsarchitektur oder auch als urbane Intervention, die den gewohnten Ort für kurze Zeit verwandelt. Immer wichtiger wird das temporäre Bauen im Rahmen der Bewältigung von leider immer häufiger auftretenden Wetterkapriolen. Standardisierte Bauten liefern Erste Hilfe und sichern das Existenzminimum.

Inwiefern ist temporärer Architektur der Moment des Wandels immanent?

Dr. SchriefersTemporäre Architektur ist am Puls der Zeit. Sie reflektiert Befindlichkeiten der Menschen und provoziert Reaktionen, denn sie erregt für die kurze Zeit ihrer Existenz besondere Aufmerksamkeit. Die Eigenschaft, nicht dauerhaft funktionieren zu müssen, erlaubt, zu experimentieren und Möglichkeiten auszuloten. Insofern verbindet sich mit temporären Bauwerken Lebendigkeit und Wandel.

Inwiefern spiegelt temporäre Architektur den heutigen Zeitgeist wider?

Dr. SchriefersTemporäre Architektur im urbanen Raum ist öffentlich und meinungsbildend. Sie ist geeignet, Aufmerksamkeit zu schaffen und das bewusste Hinsehen zu fördern. In Zeiten erhöhter Mobilität ist das temporäre und standortungebundene Bauen up to date, da Flexibilität gefragt ist.

Wie passen die Begriffe temporäre Architektur und Nachhaltigkeit zusammen?

Dr. SchriefersUm auf wechselnde Situationen effizient reagieren zu können, muss man in der Lage sein, sich anzupassen. Das leisten mobile (Wohn-)Einheiten, die sich an den unterschiedlichsten Orten und unter verschiedensten Bedingungen auf- und wieder abbauen lassen. Für den Abriss geplante Bauten sind heute oft von vornherein zur Weiterverwendung vorgesehen. Der von Peter Zumthor für Hannover 2000 konzipierte Schweizer Pavillon wurde beispielsweise nach Beendigung der EXPO demontiert und sein Material komplett anderswo verbaut. Will ein temporäres Bauwerk heute trumpfen, muss es sowohl inhaltlich überzeugen als auch nachhaltig sein, sonst rechnet es sich nicht.

Wie wird gebaut? Welche Materialien werden verwendet und welche Formen sind dominant?

Dr. SchriefersTemporäre Bauten sind in der Regel leicht, flexibel und praktisch in der Handhabung. Werden sie als mobile Einheiten verwendet, müssen außerdem logistische Aspekte wie Stapelbarkeit und Robustheit berücksichtigt werden. Dagegen ist man in der Formgebung und Materialwahl sehr frei. Entsprechend wurden in temporären Bauten schon immer auch neue Werkstoffe ausprobiert. Im 19. Jahrhundert gab es schon Bauten aus gepressten Papierformteilen, später folgten Experimente mit Kunststoffen und speziellen, sich nach der Demontage biologisch auflösenden Gazen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die spektakulärsten Bauten temporärer Architektur?

Dr. SchriefersEin prominentes Beispiel ist die Humboldt-Box auf dem Schlossplatz in Berlin. Sie wurde als Platzhalter und innovativer Werbeort für das künftige Humboldt-Forum für einen Zeitraum von acht Jahren konzipiert. Eine ähnliche Funktion, nur in kleinerem Maßstab, erfüllt die Konstruktion unmittelbar neben der Pinakothek der Moderne in München, die derzeit wegen Sanierungsarbeiten geschlossen ist. Wie in Berlin ist auch der Münchner Bau als Forum konzipiert, um einen Ort im Wandel – hinter dem Bauzaun – zu fokussieren. Ein ganz anderes Beispiel ist der temporäre Versuchsbau in Stuttgart, der 2012 in Kooperation zweier Universitätsinstitute zu Forschungs- und Lehrzwecken errichtet wurde. Die Institute erprobten damit, inwieweit biologische Form- und Materialprinzipien der Panzer von Gliederfüßlern als Basis für neue Konstruktionsformen herhalten können. Das experimentelle Bauwerk steht in einem öffentlichen Park und erscheint wie ein Wesen aus einer anderen Welt, das neugierig macht. In Bochum setzt man aktuell auf den Einsatz temporärer Bauten, um die Entwicklung von Brachflächen zu fördern. Im Rahmen der Aktivitäten um das Bochumer Viktoria Quartier lädt unter anderem eine 50 qm große, transparente Bambuskonstruktion (das t.a.i.b.) offensiv zur Partizipation ein.

Welche Vorteile hat es, temporär zu bauen, und wo liegen die Herausforderungen?

Dr. SchriefersTemporäres Bauen ermöglicht es, Ideen, Konzepte und Materialien praktisch zu erproben. Der Anspruch, nicht für die Dauer zu bauen, erlaubt außerdem manches gestalterische Wagnis, das weiterführen kann. Die Herausforderung sehe ich darin, das Image des temporären Bauens und dessen Akzeptanz in Kommunen zu verbessern. Schließlich bieten sich derartige Bauten an, um Brücken zu schlagen und das Bewusstsein der Bewohner einer Stadt für Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu schärfen. Mit dem Ziel, zur Meinungsbildung beizutragen, wenn es um Diskussionen über städtebauliche Vorhaben geht. In diesem Kontext kann temporäre Architektur als Aufforderung zum Dialog verstanden werden.

Welche Entwicklungen sind in diesem Bereich zukünftig noch zu erwarten?

Dr. SchriefersTemporäre Architektur gibt Ideen eine Gestalt und stellt diese zur Diskussion. Ein Perspektivenwechsel birgt dabei zahlreiche Möglichkeiten. Aufgrund ihrer Kurzlebigkeit ermöglicht temporäre Architektur die Simulation verschiedener Ansatzpunkte, die dann auch dauerhaft umgesetzt werden können. Das temporäre Konstrukt erlaubt auch, moderne Fertigungsweisen wirkungsvoll auszuprobieren, etwa die Fertigung baulicher Strukturen durch Robotertechnik – vielleicht als Ausblick auf das sich in der Zukunft selbst bauende Haus?

Zur Person

…arbeitet als Architekt, Autor und Künstler in Köln. Als Kurator ist er zudem für Museen und auf Messen tätig und unterrichtet derzeit im Rahmen eines Lehrauftrags an der Universität Wuppertal. Von ihm sind zahlreiche Publikationen erschienen, aktuell ein Buch zum Thema Weltausstellungsarchitektur. Schriefers hat Architektur an der RWTH Aachen studiert und 1995 bei Prof. Dr. Manfred Speidel promoviert. 1993 erhielt er in Berlin die Schinkel-Medaille für Kunst und Bauen.

„Jüngere Architekten entdecken temporäres Bauen“

Ein Interview mit Patrick Pütz, Leiter des Kölner Architekturbüros COR5.

Wie lässt sich temporäre Architektur definieren? Wo liegen die Unterschiede zu konventioneller Architektur?

PützEine genaue Abgrenzung ist heutzutage schwierig, strenggenommen ist auch konventionelle Architektur nicht für die Ewigkeit gebaut. Im Allgemeinen versteht man unter temporärer Architektur Bauten, die eine beschränkte Lebens- und Nutzungsdauer haben. Im weiteren Sinne zählen auch mobile Einheiten zur temporären Architektur, da sie nur für eine bestimmte Zeit an einem Ort verweilen, dann demontiert und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Ich vergleiche temporäres Bauen gerne mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Etwas Neues wird geschaffen und vergeht wieder, um etwas anderem Platz zu machen. Wir haben zum Beispiel Gebäude entworfen, die nur im Sommer funktionieren und wie eine Blume im Winter nicht lebensfähig wären.

Wann und in welchem Kontext ist temporäre Architektur entstanden?

PützBetrachtet man den Beginn der menschlichen Bautätigkeit, so basiert im Prinzip die Entwicklung der Architektur auf temporären Bauten. Die Jurte z.B. ist nicht nur die traditionelle Behausung der Mongolen, sondern auch vieler nomadisch lebender Völker und blickt auf eine über 2000-jährige Entwicklungsgeschichte zurück.

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass temporäre Architektur automatisch günstig ist.
Patrick Pütz

Welchen Stellenwert hat temporäres Bauen heute in der Architektur?

PützTemporäre Architektur wird noch von vielen Architekten eher als Nischenarchitektur angesehen. Heute entdecken vor allem jüngere Architekten temporäres Bauen wieder für sich, da sie dabei in der Gestaltung und Planung viel freier sind als bei konventionellen Bauaufgaben. Temporäres Bauen bietet die Möglichkeiten zu gestalten und auch zu experimentieren.

Welche Projekte setzt COR5 hauptsächlich um?

PützUnser Architekturbüro beschäftigt sich mit Corporate Architecture – deshalb auch COR5. Wir entwerfen und realisieren Markenarchitektur für Firmen. Dafür arbeiten wir eng mit Design- und Marketingabteilungen zusammen und setzen deren Inhalte dreidimensional um. Unsere Schwerpunkte liegen in der Ausstellungsarchitektur, temporären, aber auch permanenten Architekturaufgaben sowie Installationen und Produktdesign. Für die Dekordruckerei Interprint aus Arnsberg haben wir z.B. im letzten Jahr ihren neuen Showroom gestaltet und realisiert, aber auch ihre Markenauftritte im deutschen und osteuropäischen Raum. Im Mai war in der Design Post Köln eine Rauminstallation aus über 100 Regenschirmen als Gestaltungsrahmen für eine Präsentation von Produktneuheiten der Firma Interprint zu sehen.

Welche Materialien werden hauptsächlich verarbeitet? Worauf muss geachtet werden?

PützDas hängt letztlich von der Verwendung ab. Im Systembau wird vorwiegend Aluminium oder Stahl verbaut. Bei konventioneller Bauweise ist Holz der gängige Baustoff. Es kommen aber auch allerlei andere Materialien von Bambus bis zu Kunststoffen zum Einsatz. Bei mobilen Architekturen kommt es auch auf logistische Aspekte an. Die Materialien werden so ausgesucht, dass sie eine gewisse Standsicherheit gewährleisten, sich außerdem leicht auf- und wieder abbauen lassen und transportiert werden können.

Haftet temporärer Architektur nicht wegen der eher günstigen Materialien oft eine Art Billigimage an?

Pütz Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass temporäre Architektur automatisch günstig ist. Gerade in unserem Bereich transportieren wir Markenimages. Und das ist Unternehmen in der Regel einiges wert. So liegt die Bausumme für einen Messestand schnell einmal bei 100.000 Euro und mehr. Im Vergleich dazu sind die Kosten für eine klassische Immobilie, die mehrere Jahrzehnte Bestand hat, deutlich geringer.

Wie passen die Begriffe temporäre Architektur und Nachhaltigkeit zusammen?

PützLetztlich liegt es bei jeder Bauaufgabe in der Eigenverantwortung des Architekten, nachhaltig zu bauen. Der Messebau wird z.B. in diesem Zusammenhang oft kritisiert, weil ein Großteil der Materialien nach einer sehr kurzen Nutzungsdauer im Container landet. Grundsätzlich bietet aber temporäre Architektur ein geeignetes Experimentierfeld, um neue nachhaltige oder recycelbare Materialien auszuprobieren.

Welche Vorteile hat es, temporär zu bauen, gerade auch im Vergleich zum konventionellen Bauen?

PützBeides hat seine Berechtigung. Es kommt jeweils darauf an, für eine bestimmte Aufgabenstellung die richtige Lösung zu finden. Oft wird auch durch eine temporäre Nutzung oder Architektur ein Impuls für eine langfristige Bauaufgabe gegeben. Ein weiterer Vorteil temporärer oder mobiler Bauten ist sicherlich, dass sie leicht zu demontieren sind und sich die teils modularen Einheiten einfacher einsetzen lassen. So lässt sich ein Küchenmodul hinzufügen oder z.B. durch ein Waschmodul austauschen und umgekehrt. Ein konventionelles Gebäude muss oft aufwendig geöffnet oder teils zerstört werden, bevor etwas geändert oder hinzugefügt werden kann. Da temporäre Projekte außerdem in der Regel kleiner und gestalterisch attraktiver sind, können Ideen schneller, einfacher und effektiver umgesetzt werden. Der Reiz liegt also auch darin, sich als Architekt kreativ austoben zu können. Im Wohnungsbau tendiere ich persönlich allerdings mehr zu langfristigen Lösungen, die aber dennoch flexibel nutzbar sind.

Inwiefern ist temporäre Architektur besonders zeitgemäß bzw. zukunftsweisend?

PützTemporäre Architektur ist sehr flexibel und spiegelt die gegebenen (Zeit-)Umstände sehr konzentriert wider. Bei vielen Projekten steht die Entwicklung bzw. Nutzung neuer Materialien und Formen im Vordergrund, die dann beispielsweise in langlebigere Projekte umgesetzt werden können. In diesem Zusammenhang ist temporäre Architektur sicherlich auch zukunftsweisend.

Zur Person

…ist als Architekt in Köln tätig. Er arbeitete in verschiedenen Architektur- und Designbüros, bevor er 2011 sein eigenes Büro COR5 Corporate Architecture gründete. Seine Tätigkeitsfelder bewegen sich zwischen Mikroarchitektur und Produktdesign. Er entwickelt Möbel, Räume, Ausstellungen und Installationen für internationale Kunden. Pütz lehrte an der Hochschule Bochum und Wuppertal. Aktuell hält er Vorträge über Markenarchitektur und wird als Kritiker zu Workshops, Prüfungen und Seminaren geladen. Pütz studierte Architektur an der msa [münster school of architecture], die er 2003 mit dem Master of Arts in Architecture, M.A. [Arch.] abschloss.

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