Polen: Starker Nachbar

Als einziges EU-Land konnte Polen in den Jahren der Finanz- und Eurokrise ununterbrochen Wachstumszahlen vermelden. Der Weg zu einer soliden Volkswirtschaft ist nach wie vor nicht ganz einfach und von Umbrüchen geprägt, ruht jedoch auf einem festen industriellen Fundament.

Polen ist das einzige Land der EU, das seit Beginn der Finanz- und Eurokrise keine Rezession erlebt hat.

Kleine Geschichten zeugen nicht selten von großen Veränderungen: Lange musste die Landärztin Heide Schmidt darauf warten, bis sie endlich mit 71 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand gehen konnte. In ganz Deutschland fand sich kein Mediziner, der ihre Praxis in Klockow in der Uckermark übernehmen wollte. Doch dann kam die Rettung in Gestalt von Dr. Marcin Florczak. Täglich fährt der polnische Internist nun von Stettin in das benachbarte Brandenburg, um in dem kleinen Ort die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. Andere dagegen pendeln nicht nur. Fast dreitausend polnische Familien sind in den vergangenen sechs Jahren allein in die grenznahen ostdeutschen Landkreise Uckermark oder Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern gezogen, haben dort Immobilien erworben und zahlreiche neue Unternehmen gegründet. Aber auch die Zahl der Deutschen, die in Polen einen guten Job gefunden haben und dort leben, wächst kontinuierlich. „Seit dem Beitritt zur EU im Jahr 2004 hat sich das Bild Polens in Deutschland gründlich geändert“, glaubt Cornelius Ochmann. „Früher stand Polen vor allem im Ruf, der arme Nachbar im Osten zu sein, aus dem allenfalls die billigen Saisonarbeiter kommen, die auf deutschen Bauernhöfen den Spargel ernten“, so der Osteuropa-Experte der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. „Heute dagegen wird das Land als ein starker Partner betrachtet, dem man auf Augenhöhe begegnet.“

Polnische Wirtschaft erhält neue Bedeutung

Gerade die ökonomische Entwicklung hat viel zu diesem Wandel beigetragen. Dabei war das Begriffspaar „polnische Wirtschaft“ seit der Kaiserzeit eher ein Synonym für Schlendrian und Rückständigkeit. Heute dagegen hat es sich geradezu in sein Gegenteil verkehrt. „Schließlich ist Polen das einzige Land der EU, das seit Beginn der Finanz- und Eurokrise keine Rezession erlebt hat und jedes Jahr positive Zahlen verzeichnen konnte“, sagt Manfred Mack. „Viele reden daher bereits von einem polnischen Wirtschaftswunder“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter des Deutschen Polen Instituts in Darmstadt. In der Tat sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) wuchs das Bruttoinlandsprodukt selbst im Krisenjahr 2009 um 1,6 Prozent. 2012 waren es 2 Prozent und auch für das laufende Jahr wird mit einem Plus von mindestens 1,3 Prozent gerechnet.

Solide industrielle Basis

Für das überraschend gute Abschneiden der polnischen Wirtschaft gibt es zahlreiche Gründe. „Zum einen ist Polen sehr breit aufgestellt“, so Michal Wozniak. „Das Wohl der Wirtschaft hängt nicht von einer einzelnen Branche ab“, erklärt der Repräsentant von Germany Trade and Invest (GTAI), der deutschen Außenwirtschaftsförderung in Warschau. Darüber hinaus beträgt der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt laut Weltbank rund 32 Prozent. „Das ist einer der höchsten Werte innerhalb der EU.“ Und die vergangenen Jahre haben deutlich gezeigt, dass Volkswirtschaften mit einer soliden industriellen Basis meist erfolgreicher waren als andere. Als weitere Faktoren sind die anhaltend hohe Binnennachfrage zu nennen sowie die Tatsache, dass die Wörter Bankenkrise und Immobilienblase an der Weichsel unbekannt blieben.

Selbständigkeit als nationaler Volkssport

Ihren Anfang nahm die rot-weiße Erfolgsgeschichte bereits in den neunziger Jahren. „Damals hatte sich das Land eine Art Schocktherapie verordnet“, so der Experte Mack. „Der Bruch mit dem alten kommunistischen System und der Übergang zur freien Marktwirtschaft wurden viel radikaler und rascher vollzogen als in den meisten anderen Transformationsländern.“ Zudem hatte Polen das Glück, dass trotz häufiger Regierungswechsel niemand diesen Kurs zu ändern versuchte. „Weder Parteien aus dem Solidarnosc-Lager noch die Postkommunisten stellten den einmal eingeschlagenen Weg jemals wieder grundsätzlich in Frage.“ Reformprozesse wurden nicht wie beispielsweise in Ungarn politisch blockiert oder gar rückgängig gemacht. „Auch gab es schon zu Zeiten der alten Volksrepublik eine blühende Schattenwirtschaft, so dass so etwas wie ein Unternehmergeist bereits vorhanden war.“ Generell scheint der Drang in die Selbstständigkeit eine Art nationaler Volkssport zu sein. „Beispielsweise gingen nach dem EU-Beitritt mehrere hunderttausend Polen nach Großbritannien und Irland. Innerhalb von wenigen Jahren gründeten sie dort rund 40.000 Kleinbetriebe“, weiß Mack zu berichten.

Überzeugte Europäer

Gewiss spielen die eigenen Lebenserfahrungen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Frage, warum sich viele Polen nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen. Wer die Mangelwirtschaft des Sozialismus und nach 1989 den Kollaps ganzer Industrien, eine Hyperinflation und den damit verbundenen Einbruch der Reallöhne sowie eine Währungsreform gemeistert hat, der nimmt die aktuelle Finanz- und Währungskrise vielleicht eher mit einem Achselzucken zur Kenntnis. „Die Polen durchlebten damals Umbrüche, die den Griechen und anderen noch bevorstehen“, glaubt Ochmann. „Das war nicht immer ganz einfach. Trotzdem sind und bleiben sie überzeugte Europäer. Denn vor dem Hintergrund der ganz spezifischen Geschichte des Landes wird die Zugehörigkeit zur westlichen Wertegemeinschaft als ein enormer zivilisatorischer Fortschritt betrachtet. Das ist gemeinhin Konsens.“

Chancen im eigenen Land besser denn je

Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben aber nicht nur einen umfassenden Mentalitätswandel eingeleitet, der zu mehr Selbstverantwortung und Eigeninitiative führte. Darüber hinaus sind die Polen auch internationaler geworden, was angesichts mangelnder Perspektiven im eigenen Land nicht immer ganz freiwillig geschah. So gingen 1989 127.000 Polen ins Ausland, 2007 waren es sogar 625.000. „Dadurch konnte der polnische Arbeitsmarkt zeitweise entlastet werden“, erklärt Mack. Problematisch ist dabei der hohe Anteil der besonders qualifizierten Fachkräfte. Wanderten 1998 rund 13 Prozent aller gut ausgebildeten Polen aus, so stieg ihr Anteil im Jahr 2007 auf 20 Prozent. „Doch viele von ihnen sind mittlerweile wieder heimgekehrt und haben wichtiges Know-how und Kapital mitgebracht.“ Allein von den rund eine Million Polen, die seit 2004 nach Großbritannien und Irland gegangen waren, kamen schätzungsweise rund 300.000 in ihre Heimat zurück. Die Rezession findet derzeit woanders und nicht zuhause statt. Deshalb haben die Polen den Eindruck, dass sich ihre Chancen im eigenen Land deutlich zu verbessern beginnen, und das, obwohl die mit über 26 Prozent vergleichsweise sehr hohe Arbeitslosigkeit in der Altersgruppe unter 25 Jahren nach wie vor ein brennendes Problem darstellt.

Großer Pool ausgebildeter Fachkräfte

Auch beginnt sich die polnische Wirtschaft weiter zu diversifizieren. Neben den klassischen Feldern in der verarbeitenden Industrie gewinnt insbesondere die Dienstleistungsbranche zunehmend an Bedeutung. „Im Bereich Business Process Outsourcing nimmt Polen heute hinter Indien und China weltweit bereits den dritten Platz ein“, fasst Wozniak zusammen. „Schließlich verfügt das Land über einen großen Pool von bestens ausgebildeten Fachkräften.“ Rund die Hälfte aller 19- bis 26-jährigen Polen studiert an einer Hochschule und derzeit schließen jährlich mehr als zehntausend junge Menschen ihr Informatikstudium ab. „Regelmäßig sind polnische Studenten bei internationalen Wettbewerben unter den Top Ten“, skizziert der GTAI-Mann die Qualität der Ausbildung. Kein Wunder also, dass der Internetkonzern Google Krakau als Standort eines neuen großen Entwicklungszentrums ausgewählt hat. Zudem steigt Polen langsam, aber sicher zu einem Hightech-Standort auf. Beispielhaft dafür ist das „Aviation Valley“ im Südosten des Landes. Dabei handelt es sich um das sechstgrößte Luftfahrtcluster weltweit.

Wichtigster Handelspartner Deutschlands im Osten

Welche Rolle das Land mittlerweile als Handelspartner für Deutschland spielt, zeigen die rasant wachsenden Exporte. Gingen 2004, im Jahr des EU-Beitritts, deutsche Waren im Wert von 18,8 Milliarden Euro nach Polen, so stieg das Ausfuhrvolumen 2012 auf satte 42,2 Milliarden Euro. Nicht das vielfach größere Russland mit seinem Rohstoffreichtum ist der wichtigste deutsche Handelspartner im Osten, sondern Polen. Umgekehrt ist Deutschland der größte Abnehmer von Produkten „made in Poland“. Mehr als ein Viertel der polnischen Gesamtausfuhren geht an den westlichen Nachbarn. „Dabei ist Polen längst nicht mehr einfach nur der Juniorpartner oder etwa die billige verlängerte Werkbank“, merkt Ochmann an. „Polnische Unternehmen zeigen überall in der EU Flagge, insbesondere aber in Deutschland.“ So hat in jüngster Zeit der polnische Bushersteller Solaris mehrfach Daimler und MAN ausgestochen und viele deutsche Verkehrsunternehmen als Kunden gewinnen können. „Das lag nicht am Preis, sondern an der Qualität“, ist sich Ochmann sicher. Schließlich lassen die deutschen Platzhirsche ihre Busse ebenfalls günstig außerhalb Deutschlands fertigen.

Siegeszug polnischer Biere

„Beispielhaft ist auch der Siegeszug des polnischen Bieres“, freut sich Bertelsmann-Experte Ochmann. „Wofür der holländische Gigant Heineken fast fünfzig Jahre brauchte, das gelang mit Tyskie, Zywiec und Lech gleich drei polnischen Marken in relativ kurzer Zeit.“ Der polnische Gerstensaft findet immer mehr deutsche Liebhaber – symbolischer kann das neue und entspannte Verhältnis zwischen den beiden Ländern kaum sein.

Gewerbeimmobilien: Polnischer Markt im Aufwind

Mittel- und Osteuropa (MOE) hat sich seit den beiden Wellen der EU-Osterweiterung in den Jahren 2004 und 2007 zur am schnellsten wachsenden Region in Europa gemausert. Die Wirtschaftsleistung pro Einwohner liegt zwar nach wie vor deutlich unter dem Durchschnitt der alten EU-Länder – dennoch können sich die im EU-Vergleich überdurchschnittlichen Wachstumsraten sehen lassen. Entsprechend bietet die Region für deutsche Unternehmen ein enormes Marktpotenzial. Allen voran unser direkter Nachbar: Polen.

Nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als Investitionsmarkt rückt Deutschlands östlicher Nachbar zunehmend in den Fokus.

Schlüsselposition als Drehscheibe

Der größte Markt der neuen EU-Mitgliedsstaaten nimmt eine Schlüsselposition in Mittel- und Osteuropa ein. Das Land hat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine wahre Aufholjagd gestartet und gehört heute zu den wenigen EU-Ländern mit anhaltendem Wirtschaftswachstum. In den beständigen Krisenzeiten gewinnt das wirtschaftlich wie politisch stabile Land auch für Deutschland zunehmend an Bedeutung. „Allerdings ist Polen noch lange nicht dort angekommen, wo es den Ambitionen nach und im Hinblick auf Größe und Manpower hingehört. Luft nach oben ist noch reichlich vorhanden“, sagt Michal Wozniak, Repäsentant der Germany Trade & Invest GmbH (GTAI) in Warschau. „Wer auf schnelles Geld aus ist und nur kurzfristig plant, ist an der Weichsel nicht unbedingt am richtigen Ort. Wer aber langfristig und strategisch vorgeht, dem bieten sich große und stabile Wachstumschancen.“

Langfristige Perspektiven

Die engen deutsch-polnischen Beziehungen fußen seit jeher auf einer starken wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Deutschland ist seit Jahren Polens wichtigster Handelspartner. Umgekehrt rangiert Polen in der deutschen Außenhandelsstatistik als größtes Abnehmerland der MOE-Region auf Platz zehn vor Russland und Tschechien.

Dynamischer Immobilienmarkt

Aber nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als Investitionsmarkt rückt Deutschlands östlicher Nachbar zunehmend in den Fokus. Das dokumentiert auch die 2012 veröffentlichte Immobilienstudie der Deutschen Hypothekenbank. Demnach hat sich in Polen seit seinem EU-Beitritt 2004 ein dynamischer Investmentmarkt für Gewerbeimmobilien herausgebildet. Polnische Gewerbeimmobilien weisen mit 70 Prozent die höchste Investorennachfrage in Mittel- und Osteuropa auf. Ein ähnliches Bild zeichnet die diesjährige Konjunkturumfrage der deutschen Außenhandelskammer (AHK). Polen konnte hier erstmals das oberste Treppchen erklimmen und behauptete sich vor Tschechien und Estland als attraktivster Investitionsstandort der MOE-Region.

Deutschland größter Direktinvestor

Entsprechend hoch ist die Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen vor Ort. Mit insgesamt 21 Milliarden Euro kumulierte Deutschland bislang den größten Anteil ausländischer Direktinvestitionen in Polen. Laut AHK-Umfrage sind die in Polen ansässigen Unternehmen mit ihrer Standortwahl durchweg zufrieden und wollen ihr Engagement – trotz konjunktureller Flaute – künftig sogar weiter ausbauen. Neben der stabilen politischen Lage und der Präsenz lokaler Zulieferer fällt vor allem der Faktor Arbeitskraft ins Gewicht. Denn hinsichtlich der Verfügbarkeit gut ausgebildeter Hochschulabsolventen und qualifizierter Fachkräfte schlägt Polen die übrigen MOE-Länder um Längen. Auch die vergleichsweise geringen Lohnkosten sprechen für Polen: „Die realen Lohnstückkosten sind in Polen sehr niedrig, waren lange sogar rückläufig. Zuletzt stiegen sie zwar etwas an, bewegen sich aber nach wie vor auf einem unterdurchschnittlichen Niveau, gerade auch im Vergleich zu Tschechien“, bestätigt Dr. Jan Wedemeier vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI).

Maximaler Zufluss an EU-Fördermitteln

Zudem lockt der Standort Polen mit einer attraktiven Förderlandschaft. Zwischen 2007 und 2013 flossen insgesamt 67 Milliarden Euro ins Land – und damit der größte Anteil des EU-Strukturfonds. Tendenz steigend: „Im Wirtschaftsförderzeitraum 2014-2020 erhält Polen als einziges Land der EU mehr Fördermittel als zuvor“, erklärt Prof. Dr. Dagmara Jajesniak-Quast, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Polenstudien (ZiP) an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) Dieser Geldsegen wird der Wirtschaft nicht nur auf indirektem Wege durch den weiteren Ausbau der wirtschaftsnahen Infrastruktur zugeführt. Unternehmen profitieren auch direkt. Das Programm „Innovative Wirtschaft“ beispielsweise subventioniert Unternehmen, die neue Projekte und Prozesse anstoßen oder Neuinvestitionen in Technologien tätigen. Denn gerade in Sachen Innovation in der forschungsintensiven Industrie sowie dem verarbeitenden Gewerbe gibt es in Polen noch viel zu tun, meint Jan Wedemeier. An dieser Stelle eröffnen sich für mittelständische Unternehmen aus Deutschland weitreichende Perspektiven: „Deutsche Mittelständler können vor allem mit ihrer oft starken Spezialisierung, fortschrittlichen Technologien und guter Qualität punkten. Denn viele Branchen wie Medizintechnik, Chemie oder Nahrungsmittelproduktion haben in Polen noch einiges an Know-how und technischer Ausstattung nachzuholen“, sagt Michal Wozniak.

Stärkstes regionales Gefälle aller OECD-Länder

Doch in Bezug auf die Höhe der Investitionsförderung bestehen in Polen große regionale Unterschiede. So erhalten strukturschwächere Regionen wie zum Beispiel Podlaskie im Osten des Landes Höchstfördersätze von bis zu 70 Prozent. Diese Unterschiede spiegeln eine grundlegende Besonderheit der polnischen Regionalstruktur wider. Denn in Polen herrscht zwischen einzelnen Regionen das stärkste Gefälle aller OECD-Länder. „Diese Grenzen sind historisch gewachsen und gehen noch auf die Zeiten der Teilung im 19. Jahrhundert zurück. Dabei sind die ehemals zu Russland gehörenden Regionen im Osten am schlechtesten entwickelt“, erklärt Dagmara Jajesniak-Quast. Die Trennlinien verlaufen allerdings nicht entlang administrativer Einheiten, sondern vor allem zwischen städtischen und ländlichen Gebieten.

Großstädte im Sog der Entwicklung

Entsprechend sind in Polen die wichtigsten Entwicklungszentren die Großstädte. Das lässt sich auch an den Ergebnissen der Immobilienstudie der Deutschen Hypo ablesen. So konzentrieren sich die Märkte für Büro-, Einzelhandels- und Logistikimmobilien räumlich hauptsächlich in und um Warschau und die Agglomerationsräume der westlichen Regionen. Dabei ist Warschau mit 67 Prozent des polnischen Büroflächenbestandes der mit Abstand bedeutendste Bürostandort des Landes. Ähnliches gilt für Logistikflächen. Allein bei den Einzelhandelsimmobilien ist eine allmähliche Verlagerung zugunsten kleinerer Städte zu beobachten. Vor diesem Hintergrund stellt die Studie eine Zweiteilung des Investmentmarktes fest: Auf der einen Seite zielen Investoren auf Spitzenobjekte in zentralen Lagen ab, auf der anderen Seite stehen Anleger, die in strukturschwächere Regionen investieren und dadurch zwar größere Risiken eingehen, gleichzeitig aber auch auf höhere Renditechancen hoffen können.

Abwanderung in die Städte

„Investitionen in strukturschwächere Regionen lohnen sich zwar aufgrund der starken Investitionsprogramme, der vielen Arbeitsförderungsinstrumente sowie der günstigen Investitions- und Standortkosten“, so Dagmara Jajesniak-Quast, „ein Problem ist allerdings, qualifiziertes Personal zu finden, das wegen mangelnder Jobperspektiven auf dem Land in die Städte abwandert. Deswegen lohnt sich ein solcher Schritt nur für Branchen, die nicht personalintensiv sind.“

 

Kleiner Gewerbeimmobilienmarkt mit großer Wachstumsdynamik

Im Zuge der Transformation zur Marktwirtschaft hat sich in Polen ein solventer, international ausgerichteter Investmentmarkt herausgebildet. Die Gewerbeimmobilien in Polen in den Händen professioneller Immobilieninvestoren haben nach Schätzung der Investment Property Datenbank 2011 einen Gesamtwert von rund 15,2 Milliarden Euro. Damit gehört Polen zu den kleineren, aber auch zu den am dynamischsten wachsenden Gewerbeimmobilienmärkten in Europa. Die Studie liefert einen Überblick über die strukturellen Besonderheiten des polnischen Gewerbeimmobilienmarktes. Insgesamt konzentrieren sich die Immobilien sowie die Investmentaktivitäten auf Warschau und acht Regionalzentren, darunter verstärkt in und um Breslau, Krakau, Kattowitz und Posen. Bei den Büroimmobilien zeigt die Studie eine dynamische Angebots- und Nachfrageentwicklung, die sich aufgrund des fortschreitenden Strukturwandels zum Dienstleistungssektor in den Großstädten und eines erwarteten Beschäftigungswachstums fortsetzen wird. Was den Einzelhandelsmarkt betrifft, stellt sie eine Dominanz von Shoppingcentern fest sowie eine zunehmende Verlagerung des Flächenanteils zugunsten kleinerer Städte. Mittel- und langfristig wird zudem ein größeres Kaufkraftpotenzial durch die Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens erwartet. Polen ist zudem der mit Abstand größte Markt für Logistikimmobilien in Mittel- und Osteuropa. In diesem Segment sind vor allem die im Vergleich zu Westeuropa geringen Mieten interessant. Außerdem wird mit einem weiteren Entwicklungsschub vor allem in den Regionen durch den verstärkten Infrastrukturausbau gerechnet. Aufgrund eines Überangebots an Flächen für Logistikimmobilien im Jahr 2009 stellt die Studie eine vorsichtigere Planung seitens der polnischen Projektentwickler fest. Entsprechend gering ist der Anteil an größeren Neubauvorhaben im Logistiksegment.

„Diversifizierung der polnischen Wirtschaft war unumgänglich“

Ein Interview mit Michal Wozniak, Auslandsrepräsentant der Germany Trade & Invest GmbH (GTAI) in Warschau.

Polen wurde – trotz eines leichten wirtschaftlichen Rückgangs – in der Konjunkturumfrage 2013 der deutschen Auslandshandelskammer als bester Investitionsstandort in Mittel- und Osteuropa bewertet. Welche Anreize liefert das Land für Investoren? Wo bestehen weiterhin gute Entwicklungsperspektiven?

WozniakPolen ist ein stark industrialisiertes Land, das eine gute Ausgangslage für weitere Investitionen in die Produktion bietet. In puncto Produktivität und Engagement gehören die dortigen Mitarbeiter zu den besten: Die Verfügbarkeit von Fachkräften ist in keinem Land der MOE-Region besser. Hinzu kommen die traditionellen Stärken des Landes: der große Binnenmarkt, die zentrale Lage in Europa, die politische Stabilität. Nicht vergessen werden sollte auch die Tatsache, dass in kein anderes EU-Land so hohe Fördermittel fließen.

Also ist alles eitel Sonnenschein?

WozniakNachbesserungsbedarf besteht natürlich trotzdem. Der Infrastrukturausbau hat zum Beispiel noch einen weiten Weg vor sich, auch wenn er in den letzten Jahren stark an Fahrt gewonnen hat. Betriebswirtschaftlich gesehen muss Polen noch an der Innovationskraft und der Energiefrage arbeiten – sowohl was die Quellen als auch was die Verteilung anbelangt.

Obwohl Polen bereits große Fortschritte bei der Modernisierung seiner Wirtschaft und Industrie gemacht hat, gibt es noch einigen Spielraum.
Michal Wozniak

Welche Perspektiven bieten sich für deutsche Mittelständler in Polen? Für welche Branchen ist das Land besonders interessant?

WozniakObwohl Polen bereits große Fortschritte bei der Modernisierung seiner Wirtschaft und Industrie gemacht hat, gibt es noch einigen Spielraum. Genau diesen können deutsche KMU mit ihrer oft starken Spezialisierung und ihren fortschrittlichen Technologien nutzen, z.B. in der Medizintechnik, der Chemie oder der Nahrungsmittelproduktion. Auch in Bereichen wie Umweltschutz, Infrastruktur und Energiewirtschaft kann deutsches Know-how genutzt werden, allerdings hängt die Auftragslage in diesen Fällen oft stark von der EU-Förderung und der inländischen Haushaltslage ab.

Aus einer internationalen Erhebung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geht hervor, dass Polen das stärkste Gefälle aller OECD-Länder zwischen einzelnen Regionen aufweist. Was bedeutet dieser Umstand für Investitionen im Land? Welche Probleme ergeben sich daraus?

WozniakVor allem bedeutet es, dass Investitionen hauptsächlich in die westlichen Woiwodschaften fließen. Die fünf östlichen Woiwodschaften, auch Polen B genannt, haben eine viel schwächere Infrastruktur und beheimaten weniger Zulieferer. Zugleich sind die Löhne dort am niedrigsten und die Arbeitslosenquote am höchsten – dies bedeutet jedoch nicht unbedingt gute und günstige Arbeitskräfte, sondern in den meisten Fällen leider, dass die Besten wegziehen.

Was sagt diese Unterteilung aus und worin liegen die Ursachen für dieses regionale Gefälle?

WozniakDie Entwicklungsunterschiede gehen auf die Zeit der Teilung Polens zurück – die ehemals zu Russland gehörenden Regionen sind am schlechtesten entwickelt. Traditionell war dort die Landwirtschaft größter Wirtschaftszweig, nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Rüstungsindustrie hinzu. Beides sind Bereiche, die von der Systemwende mit am stärksten betroffen waren. Weder Manpower noch Infrastruktur konnten mit dem Kapitalismus Schritt halten. Unternehmer wissen, dass in der Regel vor allem dort investiert wird, wo bereits andere Unternehmen präsent sind: der sogenannte Schneeballeffekt. Und dieser ging an Ostpolen größtenteils vorbei.

Lohnt es sich dennoch, in strukturschwächere Regionen zu investieren? Für wen ist dies besonders interessant?

WozniakAuch wenn es auf den ersten Blick scheint, als seien diese Regionen uninteressant, muss man nachdrücklich die Bemühungen loben, die die dortigen Selbstverwaltungen unternehmen, um die Attraktivität zu steigern. So liegt die Hochschulausbildung auf einem hohen Niveau. Immobilienberater sehen in den größeren Städten der Region hohes Wachstumspotenzial. Erstaunlicherweise ist gerade im Osten auch der am besten entwickelte und wohl mit innovativste Cluster Polens angesiedelt – das Aviation Valley um Rzeszów. Dazu kommen Sondermittel der EU, die auf eine Angleichung der Lebens- und Geschäftsstandards zielen. Das geschieht aber natürlich nicht von heute auf morgen.

Werden sich die Regionen langfristig angleichen oder folgt eine Entwicklung ähnlich wie in der ehemaligen DDR?

WozniakWie bereits erwähnt, sind Bemühungen um eine Angleichung auf jeden Fall sichtbar. Um diese zu gewähren, braucht es aber Zeit und mehr Einsatz, vor allem seitens der polnischen Regierung. Auf dem jetzigen Entwicklungsniveau des Landes und in Anbetracht struktureller Probleme wie der hohen Arbeitslosenquote lautet die Priorität, überhaupt neue Investoren zu gewinnen und die Wirtschaft anzukurbeln. Mittelfristig gesehen geht es natürlich in den bereits dynamisch wachsenden Ballungsräumen am schnellsten. Deswegen wird trotz einiger Sonderprogramme nicht viel Gewicht auf einen Potenzialausgleich gelegt. Das beste Beispiel sind die 14 Sonderwirtschaftszonen, die anfänglich zur Stärkung wirtschaftlich und strukturell schwacher Regionen gedacht waren, relativ schnell aber begannen, den Anforderungen und (Standort )Wünschen der Investoren zu folgen.

Welche wirtschaftlichen Sektoren sind in Polen besonders stark? Gibt es hier regionale Schwerpunkte?

WozniakDie polnische Wirtschaft ist sehr breit aufgestellt. Allein wegen der Größe des Landes war und ist die Diversifizierung unumgänglich. Dennoch haben sich einige Branchen als besonders stark erwiesen. Dazu zählen vor allem durch ausländische Investitionen getriebene Sektoren wie Automotive, Haushaltselektronik oder Luftfahrt sowie von polnischen Größen geprägte Branchen wie Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), Bergbau oder Logistik. Bei der regionalen Aufteilung spielen vor allem die südwestlichen Regionen des Landes eine Vorreiterrolle. So konzentriert sich beispielsweise die Automobilindustrie hauptsächlich in Schlesien und rund um Posen, während die IKT-Branche um Breslau und in der Dreistädteregion um Danzig besonders stark vertreten ist.

In der EU-Förderperiode 2007-2013 erhielt Polen mit etwa 67 Milliarden Euro den größten Anteil aus den EU-Strukturfonds. In welche Bereiche fließen diese Fördermittel hauptsächlich? Wo können Unternehmen auf Subventionen hoffen?

WozniakDer größte Teil der EU-Mittel floss erwartungsgemäß in den Infrastrukturausbau – bedingt natürlich durch den großen Nachholbedarf in diesem Bereich. Nicht unwesentlich war auch die Bezuschussung in Bereichen wie Umweltschutz, Innovationen und Energie. In der neuen Förderperiode wird der Geldtopf voraussichtlich auf über 72 Milliarden Euro anwachsen. Die Reihenfolge der Mittel wird sich dabei nicht wesentlich verändern, die einzelnen Anteile hingegen schon. Ersten Plänen zufolge wird vor allem der Infrastrukturteil Federn lassen müssen, um Maßnahmen für eine innovativere, technologisch fortschrittlichere und umweltfreundlichere Wirtschaft mehr Platz zu gewähren.

Viele polnische Politiker sehen das Thema Energie nur im Kontext der Unabhängigkeit von Russland. Was bedeutet diese Einstellung gerade auch für die Entwicklung erneuerbarer Energien im Land? Inwieweit ist der Gedanke des Umweltschutzes überhaupt im Land bereits in Bevölkerung und Wirtschaft ausgeprägt?

WozniakDer Umweltschutz wird in Polen weiterhin eher als Kostenfaktor denn als Investition betrachtet. Dies ändert sich zwar allmählich, aber eher langsam. Teilweise angekommen ist das grüne Denken beispielsweise im Bürobau: Sowohl die Betreiber, die Vorteile bei den Unterhaltungskosten sehen, als auch die Mieter, die auf einen Imagegewinn hoffen, treiben die Nachfrage nach Gebäuden mit entsprechenden Zertifikaten nach oben. Zudem berücksichtigen auch immer mehr Eigenheimbauer eine bessere Wärmeisolation. Die Einstellung zu erneuerbaren Energien lässt sich auch daran ablesen, dass ein entsprechendes Gesetz seit 2010 in Arbeit ist und bereits mehrere Fertigstellungstermine verstrichen sind. Die polnische EE-Strategie beruht darauf, die von der EU gesetzten Ziele zum geringstmöglichen Preis zu erreichen. Quantitative Ziele, die darüber hinausreichen, wird es wohl nicht geben. Dennoch entwickelt sich die Branche. So wurden allein 2012 Windräder mit mehr als 800 MW Leistung fertiggestellt. Windenergie und Verbrennung von Biomasse sind die gängigsten EE-Quellen im Land. Polen investiert auch weiterhin in die Abwasseraufbereitung und die Abfallwirtschaft. Letztere dürfte durch das zum 1. Juli in Kraft getretene Gesetz einen neuen Schub erhalten haben, denn nun müssen auch Privathaushalte den Müll trennen.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland in der Energiepolitik aus?

WozniakDie Energiepolitik ist einer der wenigen Punkte, in denen deutsche und polnische Sichtweisen weit auseinanderklaffen. Deutschland kündigte den Atomausstieg an und will größtenteils auf erneuerbare Quellen umstellen. Polen nimmt die EE-Vorlagen als notwendiges Übel hin und plant gleichzeitig das erste Atomkraftwerk, ein zweites ist bereits im Hinterkopf der Entscheider. Auch das Thema Schiefergas teilt die beiden Regierungen. Polen setzt aufgrund optimistischer Prognosen bezüglich der Verfügbarkeit große Hoffnungen in diese Quelle. Deutschland würde die Förderung am liebsten wohl EU-weit verbieten. Im Endeffekt wird sicherlich eine ganzheitliche Lösung gefunden, die für beide Länder und für die ganze EU zufriedenstellend ist. Allerdings wird bis dahin noch einige Zeit vergehen. Kurzfristiger wäre sicherlich der Ausbau von Stromverbindungen zwischen den beiden Ländern realisierbar, aber auch in diesem Punkt ist momentan wenig Bewegung zu erkennen.

Welche Investitionen sind in diesem Bereich sinnvoll? Mit welchen Herausforderungen müssen deutsche Unternehmen rechnen?

WozniakSolange das neue Energiegesetz nicht steht, ist eine Prognose nur bedingt möglich. Weiterhin sind die neuen Fördermöglichkeiten und mechanismen nicht festgelegt. Klar scheint nur, dass eine dezentrale Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen bevorzugt wird und Kleinstanlagen sich wohl auf mehr Unterstützung freuen dürfen. Bis der endgültige Gesetzesentwurf vorgestellt wird, ist aber nichts in Stein gemeißelt. Sollte sich die Regierungsstrategie nicht entscheidend ändern, ist anzunehmen, dass Mitverbrennung und Windkraft die entscheidenden EE-Quellen bleiben werden. Bei Wind dürfte dabei sowohl onshore als auch offshore von Interesse sein. Der Investitionsprozess in Letzteres wurde bereits entscheidend erleichtert. Probleme sind jedoch beim Netzanschluss zu erwarten. Durch das bestehende System besetzen viele genehmigte, aber nicht vollendete Investitionen die verfügbaren Kapazitäten.

Zur Person

...ist seit Herbst 2013 Repräsentant der Germany Trade & Invest GmbH in Warschau. Zuvor war er mehr als fünf Jahre bei der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) tätig, zuletzt als Büroleiter des Hauptgeschäftsführers. Der gebürtige Warschauer ist Absolvent der Warsaw School of Economics.

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