Agrarmärkte: Gute Ernten, schlechte Ernten

Auch wenn die Preise auf den Agrarmärkten starken Schwankungen unterliegen, langfristig zeigt der Trend überall nach oben. Dafür gibt es viele Gründe. Der kalte Frühling und der nasse Sommer hatten schlimme Befürchtungen geweckt. Doch Ende August kam mit dem Erntebericht 2013 vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz dann die Entwarnung. Trotz aller Wetterkapriolen beträgt die deutsche Getreideernte einschließlich Körnermais aller Voraussicht nach 47,1 Millionen Tonnen und damit vier Prozent mehr als im Durchschnitt der Jahre 2007 bis 2012. Davon 24,9 Millionen Tonnen Weizen, satte elf Prozent mehr als im Vorjahr.

Auf den internationalen Märkten für Weizen oder Mais muss heute mitunter mehr als das Dreifache bezahlt werden als noch vor zehn Jahren.

Nahrungsmittelpreise ziehen an

Die vergleichsweise günstigen Aussichten erfreuen aber nicht jeden. Je nach Fruchtart sind die Erzeugerpreise seit dem Spätherbst 2012 rückläufig. Sehr zum Leidwesen der Bauern liegen sie derzeit in Deutschland um 15 bis 30 Prozent unter dem vergleichbaren Vorjahresniveau. Auch die Konsumenten profitieren wenig davon. Im Spätsommer hat das Statistische Bundesamt ausgerechnet, dass sich Nahrungsmittel hierzulande seit August 2012 im Schnitt um 5,7 Prozent teurer geworden sind, während die allgemeinen Verbraucherpreise lediglich um 1,9 Prozent angezogen haben.

Preiskapriolen auf den internationalen Märkten

Zwar kosten Agrarprodukte im Vergleich zum Vorjahr derzeit weniger, weil in allen wichtigen Anbauregionen der Erde laut Welternährungsorganisation FAO und US-amerikanischem Landwirtschaftsministerium USDA die Ernteerträge im Wirtschaftsjahr 2012/13 recht gut ausgefallen sind. Aber ein Blick zurück zeigt, dass im Vergleich zur Jahrtausendwende auf den internationalen Märkten für Weizen oder Mais heute mitunter mehr als das Dreifache aufgebracht werden muss. So betrug der Preis für einen Scheffel Weizen zu Beginn des Jahres 2000 knapp 200 US-Cent. 2008 waren es kurzfristig sogar über 1.000 US-Cent, aktuell liegt er bei etwa 650 US-Cent. Und bei Mais ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten: von ebenfalls rund 200 US-Cent für einen Bushel vor 13 Jahren auf über 700 US-Cent im Jahr 2012 und derzeit ungefähr 470 US-Cent.

Kontinuierlicher Preisanstieg vorprogrammiert

Die Entspannung auf den Märkten ist temporärer Natur. Langfristig werden die Preise aber wieder anziehen, darin sind sich alle Experten einig. Schließlich gibt es zahlreiche Gründe, die dafür sprechen. Wenn die Prognosen der Vereinten Nationen stimmen, werden im Jahr 2050 wohl zwei Milliarden Menschen mehr die Erde bevölkern. Noch gehen Experten davon aus, dass die Weltnahrungsmittelproduktion damit Schritt halten kann. Allerdings wird die dadurch bedingte Steigerung der Nachfrage nach Agrarrohstoffen mit Sicherheit zu einer kontinuierlichen Verteuerung führen. Zudem sorgt der ständig wachsende Hunger nach Fleisch für eine Verknappung des Angebots, weil ein immer größerer Teil der Ernte an Rinder, Schweine und Geflügel verfüttert wird.

Neue Lust auf Fleisch in Schwellenländern

Gerade in den Schwellenländern wie China oder Brasilien wächst der Fleischkonsum mit dem neuen Wohlstand überdurchschnittlich schnell. Das belegen die Zahlen: Wurden weltweit 1990 noch 69,9 Millionen Tonnen Schweinefleisch, 40,9 Millionen Tonnen Geflügel und 55,3 Millionen Tonnen Rindfleisch produziert, so waren es 2011 bereits 110,2 Millionen Tonnen Schweinefleisch, 101,2 Millionen Tonnen Geflügel und 64,6 Millionen Tonnen Rindfleisch. Schon heute sind 3,5 Milliarden Hektar der global genutzten Flächen Weideland für die Fleisch- und Milchproduktion und 1,5 Milliarden Hektar reine Ackerfläche. Letztere wird zu fast zwei Dritteln für den Futtermittelanbau genutzt.

Vorreiter USA

Welche Konsequenzen das mitunter haben kann, lässt sich sehr gut am Beispiel der Vereinigten Staaten erkennen. Obwohl dort nur fünf Prozent der Weltbevölkerung leben, verbrauchen sie aufgrund des hohen Fleischverzehrs fast ein Drittel der globalen Maisproduktion und beinahe ein Fünftel aller Sojabohnen, da diese Rohstoffe primär als Futtermittel eingesetzt werden. Schließlich werden für die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch sieben Kilogramm Mais benötigt, bei Schweinefleisch sind es vier Kilogramm und bei einem Kilogramm Huhn immerhin noch zwei Kilogramm Mais. Über 80 Prozent der Maisproduktion werden für Biotreibstoffe und Tierfutter verwendet und nur der Rest für Nahrungsmittel.

Pro-Kopf-Verbrauch steigt kontinuierlich

Der Verbrauch an Weizen steigt ebenfalls mitunter dramatisch an. Betrug er im Wirtschaftsjahr 2007/08 weltweit noch 602 Millionen Tonnen, so waren es 2011/12 bereits 681 Millionen Tonnen. Auch in Deutschland nimmt der Pro-Kopf-Verbrauch seit Jahrzehnten kontinuierlich zu. Lag er noch 1975/76 gerade einmal bei 66,9 Kilogramm, sind es derzeit über 96,5 Kilogramm. Missernten, Naturkatastrophen, aber ganz besonders politische Interventionen auf den Agrarmärkten sind ebenfalls Faktoren, die den Preis massiv beeinflussen können und deshalb unberechenbar machen. Exemplarisch dafür sind die Exportbeschränkungen mehrerer asiatischer Staaten für Reis im Frühjahr 2008. Zeitgleich mussten große Erzeuger auf innenpolitischen Druck Millionen Tonnen davon horten, so dass der Reispreis auf Rekordhöhe schoss. Als die Exportverbote gelockert wurden, war der Spuk wieder vorüber. Und als in Russland und der Ukraine im Sommer 2010 eine verheerende Dürre herrschte sowie Waldbrände tobten, reduzierten Moskau und Kiew ihre Exporte und eine Weizen-Rally setzte ein.

Biosprit frisst Maisernte

Manchmal reagieren Landwirte wie in Argentinien auf derartige Ausfuhrrestriktionen und satteln deshalb lieber von heute auf morgen auf andere Produkte um. Sie bauen dann Braugerste an und reduzieren die mit Weizen bewirtschaftete Fläche um ein Viertel. Die Konsequenz: weniger Angebot, höhere Preise. Aber auch Subventionen produzieren Engpässe und Preisschübe. Seit dem Jahr 2007 fördern die Vereinigten Staaten massiv die Erzeugung von Biosprit. Mittlerweile landen fast fünfzig Prozent der Maisernte im Tank. Mais wird auf dem Weltmarkt deshalb knapp und teuer. Diese Entwicklung bekommen die Menschen insbesondere in Lateinamerika zu spüren. Gab es beispielsweise in Guatemala 2010 für etwa 15 US-Cent noch acht Tortillas zu kaufen, so sind es heute allenfalls vier. Entwarnung kann es da nicht geben.

AGRAVIS: „Service ist unser Feld“

Interview mit Johannes Schulte-Althoff, Vorstandsmitglied der AGRAVIS Raiffeisen AG, Hannover/Münster.

Mit welchem Dienstleistungsspektrum betreut AGRAVIS Landwirte?

Schulte-AlthoffDie AGRAVIS Raiffeisen AG ist ein Agrarhandels- und Dienstleistungsunternehmen mit sechs Geschäftsfeldern. Den Schwerpunkt bilden die klassischen Agrarbereiche Pflanzen, Tiere und Technik. Dazu gehören dann der Handel mit Getreide und Ölsaaten, die Produktion von Mischfutter sowie der Vertrieb von Düngemitteln, Pflanzenschutz und Saatgut. In diesem Kerngeschäft generieren wir über 70 Prozent unseres Gesamtumsatzes, der im Jahr 2012 mehr als 7 Milliarden Euro betrug. Unser Komplementärgeschäft findet darüber hinaus in den Bereichen Energie und Bauservice und den Raiffeisen-Märkten statt. Die AGRAVIS ist Großhandelspartner für die selbstständigen Raiffeisen-Primärgenossenschaften vor Ort, die das Geschäft mit den Landwirten verantworten. Daneben beliefern wir über Tochtergesellschaften – in Regionen ohne Primärgenossenschaften – die Landwirte auch direkt. Wir fühlen uns dem deutschen Agribusiness verpflichtet und sind Partner der heimischen Landwirte. Daher beliefern wir sie nicht nur mit Waren, sondern bieten ihnen darüber hinaus eine umfangreiche Beratungsleistung an. Und das über die genannten Geschäftsbereiche – das zeichnet uns aus und unterscheidet uns vom Wettbewerb.

Wie helfen Sie Ihren Kunden beispielsweise im Bereich Landtechnik?

Schulte-AlthoffUnser Slogan lautet: „Service ist unser Feld“. Wir bedienen unsere Kunden im Bereich der Landtechnik mit dem gesamten Spektrum vom Neumaschinenverkauf über Gebrauchtmaschinen bis hin zur Reparatur. Dabei liegt ein Augenmerk auf guten Serviceleistungen wie einem umfangreichen Bereitschaftsdienst, der während der Ernte entscheidend ist, denn Reparaturen an Erntemaschinen fallen ja zu jeder Zeit an. Die Maschinen haben heutzutage eine sehr komplexe Elektronik und GPS-gestützte Steuerungstechnik. Hier ist guter Service das A und O. Das Geschäftsfeld Technik ist mit Marktanteilen – je nach Produktsegment – zwischen 25 und 35 Prozent sehr gut im Wettbewerb positioniert. Das erfolgreiche Geschäft konnte im Vorjahr weiter ausgebaut werden. Der Vertrieb von Neu- und Gebrauchtmaschinen, der Werkstattservice und die schnelle Ersatzteilversorgung haben sich sehr erfreulich entwickelt. Hier haben wir in den vergangenen Jahren aber auch viel investiert – in den Ausbau unserer rund 100 Standorte, in Mitarbeiter und deren Qualifikation und, und, und. Wir glauben, damit gut aufgestellt zu sein.

Landwirte sind heute mehr denn je Energie- und vor allem Betriebswirte.
Johannes Schulte-Althoff

Wie haben sich die verschiedenen Dienstleistungen der AGRAVIS historisch entwickelt?

Schulte-AlthoffDie selbstständigen Raiffeisen-Genossenschaften sind unsere Hauptaktionäre. Sie haben einen sehr intensiven Kontakt zu den Landwirten und kennen deren Business sehr gut. Der ursprüngliche Gedanke von Genossenschaften war, dass man Produkte gemeinsam vermarktet und einkauft oder Dienstleistungen gemeinsam entwickelt. Daraus haben sich über viele Jahrzehnte größere Einheiten entwickelt. Gleichzeitig sind auch die landwirtschaftlichen Betriebe größer geworden und mussten sich immer mehr mit dem Wettbewerb auf dem Weltmarkt messen, was dann völlig neue Fragen und Herausforderungen mit sich brachte. Heute ist ein Landwirt – genauso wie die AGRAVIS – zwar vor Ort aktiv, aber das Geschäft ist international: Getreide wird vor Ort geerntet, aber an den Börsen in Chicago oder Paris gehandelt. Hier werden die Preise gemacht, die auch für die Landwirte in Norddeutschland entscheidend sind. Hier hat die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren viel gelernt, sich aber inzwischen an volatile Weltmärkte gewöhnt.

Wie würden Sie Ihre Bedeutung als Partner für den unternehmerisch denkenden Landwirt sehen? Warum wird die Beratung auch in diesem Bereich immer wichtiger?

Schulte-AlthoffWie schon gesagt, haben sich die landwirtschaftlichen Betriebe im Strukturwandel der vergangenen 20 Jahre zu deutlich größeren Betrieben entwickelt. Außerdem sind heute fast alle Betriebe spezialisiert. Gerade diese landwirtschaftlichen Betriebe brauchen in der Regel ein Mehr an professioneller Beratung, weil mit der Spezialisierung die Fragestellungen komplexer werden. Dazu haben wir in unseren verschiedenen Bereichen Fachleute, die entweder Agrarwissenschaft studiert haben oder ehemals selbst als Landwirte tätig waren. Dadurch können wir mit unseren Kunden auf Augenhöhe sprechen und eine qualifizierte Beratung in allen Produktbereichen sicherstellen. Darüber hinaus führen wir als AGRAVIS-Gruppe auch eine Vielzahl an Feldversuchen durch – hier testen unsere Fachleute beispielsweise, welche Aussaatstärke bei welchen Bodenverhältnissen mit welchem Dünger die wirtschaftlichsten Ergebnisse bringt oder ab wann sich eine Unterfuß-Düngung lohnt. Aber auch für die Tiere entwickeln wir in einer eigenen Versuchsstation Mischfutter, die permanent weiterentwickelt werden. Nur so können wir den Landwirten – mit eigenen Testergebnissen – auch die richtigen Fütterungs- und Pflanzenbau-Empfehlungen geben. Und unser Geschäft und unsere Zusammenarbeit leben vom beiderseitigen Erfolg. Wir wollen auch morgen und übermorgen noch mit dem Landwirt zusammenarbeiten.

Welche Trends und Tendenzen sehen Sie bei Ihren Kunden?

Schulte-AlthoffZunächst muss man sagen, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft immer weitergeht. Zudem findet ein Generationswechsel statt – manchmal werden Flächen verpachtet und der Hof aufgegeben, manche Betriebe tun sich in GBRs zusammen, um Effizienz zu gewinnen, aber es gibt natürlich auch Wachstumsbetriebe, die auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Business Landwirtschaft leben wollen. Außerdem sind Landwirte heute in immer größerem Ausmaß auch Energiewirte und vor allem Betriebswirte. Die Energieerzeugung aus Biomasse ist ein zentraler Baustein der deutschen Klimaschutzziele. Die AGRAVIS hat deshalb ihr umfangreiches Know-how im Bioenergiemarkt unter der Marke „TerraVis“ zusammengeführt. Wir stellen Anlagenbetreibern, landwirtschaftlichen Substratproduzenten und Interessierten ein umfangreiches Angebot über die gesamte Biogas-Prozesskette zur Verfügung – von der Effizienzberatung über das richtige Siliermittel und die richtige Maschine bis hin zur Vermarktung des gewonnenen Stroms. Alles Aspekte unserer Beratungsstärke, die uns auszeichnet.

Wie entwickelt sich der Markt für landwirtschaftliche Produkte?

Schulte-AlthoffDie Weltbevölkerung steigt, sodass der Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten weiter zunehmen wird. Die weltweiten Anbauflächen beispielsweise für Getreide wachsen jedoch nicht in gleichem Maße mit. Daher wird es darauf ankommen, die Produktivität auf den Feldern zu erhöhen. Hierbei gilt es, die Verbraucherwünsche nach sicheren und bezahlbaren Lebensmitteln und die unternehmerischen Interessen der Land- und Ernährungswirtschaft unter einen Hut zu bringen. Die Sicherheit der Verbraucher und die Qualität unserer Produkte haben für die AGRAVIS höchste Priorität.

Wie kommen Ihre Kunden mit den sich immer komplexer entwickelnden Rohstoffmärkten zurecht? Welche Probleme sehen Sie?

Schulte-AlthoffLandwirtschaftliche Betriebe werden heute von landwirtschaftlichen Unternehmern geführt, die sehr genau wissen, wie sich Weltmärkte entwickeln und was an den Warenterminbörsen passiert. Die Landwirte setzen sich heute sehr genau mit dieser Thematik auseinander und wir sprechen oftmals gemeinsam über die Einschätzung der Märkte. Wir helfen den Landwirten dabei zu entscheiden, wann sie welche Mengen ihrer Ernte am besten verkaufen. Den Handel mit Agrarrohstoffen auf Terminmärkten hält die AGRAVIS grundsätzlich für richtig, um der Volatilität der Märkte entgegenwirken zu können. Fehlentwicklungen müssen selbstverständlich verhindert werden. Daher wären zum Beispiel Sicherungsinstrumente wünschenswert, um Preisausschlägen vorzubeugen. Notwendig ist ein weltweites Rohstoffinformationsnetz, das durch verlässliche Zahlen über Erntemengen, Verkaufsmengen und Lagerbestände spekulative Auswüchse ausschließt. Terminkontrakte an sich geben Landwirten Kalkulationssicherheit.

Insbesondere in Westeuropa wird die Landwirtschaft immer technologielastiger, beispielsweise bei der Aussaat mit Hilfe von GPS. Wie sehen Sie hier die weitere Entwicklung?

Schulte-AlthoffEs ist bereits sehr viel möglich. Ein Landwirt kann heute mit Hilfe der Technik sehr effizient und wirtschaftlich mit den Ressourcen umgehen. Das Schlagwort Precision Farming hat schon vor Jahren die Runde gemacht, wird aber aufgrund der vielen technischen Möglichkeiten auch weiter an Fahrt gewinnen. Dabei kommt es darauf an, aus den vielen Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen, die dann genaue Hinweise beispielsweise auf den Düngemitteleinsatz oder die Getreideerträge geben. Hier sind wir noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Durch den technologischen Fortschritt lassen sich Kosten sparen und man landet wieder beim Thema des kaufmännischen Landwirts.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Regulierung durch die EU und welche langfristigen Auswirkungen sehen Sie hier?

Schulte-AlthoffDie deutsche Landwirtschaft ist im Weltmarkt angekommen – volatile Preise, die Orientierung an den Warenterminbörsen sind tägliches Geschäft. Gleichwohl ist darauf zu achten, dass durch politische Eingriffe Märkte nicht fehlentwickelt werden – egal, in welche Richtung. Regulierungen sind in einer sozialen Marktwirtschaft, die von Angebot und Nachfrage auch in der Landwirtschaft lebt, nicht immer hilfreich. Gleichwohl wird es auch immer wieder politischen Einfluss geben, da der Agrarhaushalt innerhalb der EU immer wieder zur Diskussion anregt.

Zur Person

...(56) ist seit 2004 Vorstandsmitglied der AGRAVIS Raiffeisen AG, Münster/Hannover und für die Ressorts Agrarerzeugnisse, Finanzen und Logistik zuständig. Zuvor war er 12 Jahre bei der Raiffeisen Central-Genossenschaft eG in Müster tätig, unter anderem als Leiter Revision und Geschäftsführer verschiedener Tochtergesellschaften. Zwischen 1981 und 1991 war Schulte-Althoff für Prüfdienst und Betriebsberatung beim Westfälischen Genossenschaftsverbund Münster verantwortlich.

„Alle sind großen Preisschwankungen ausgesetzt“

Ein Interview mit Dr. Rüdiger Fuhrmann, Leiter Agrar-Banking der NORD/LB.

Wie haben sich die Preise im Agrar- und Lebensmittelsektor in den letzten Jahren entwickelt?

Dr. FuhrmannIm Vergleich zur Zeit der Jahrtausendwende sind die Agrarrohstoffe in den Märkten deutlich knapper geworden. Der Hintergrund ist eigentlich erfreulich, denn durch den weltweit gestiegenen Wohlstand ist auch die Nachfrage nach Agrarrohstoffen stark gestiegen. Heute wird in den Schwellenländern mehr Fleisch gegessen und dadurch werden mehr Agrarrohstoffe für die Veredelung gebraucht.

Wie wird sich diese Tendenz fortsetzen?

Dr. FuhrmannDer Wohlstand wird weiter steigen und damit auch die Nachfrage. Zudem ist in den letzten 10 bis 15 Jahren die Nachfrage stärker gestiegen als die Agrarrohstoffproduktion, wodurch das Angebot auf den Märkten knapper wurde. Im gleichen Zeitraum wurden von Seiten der Politik die europäischen Agrarmärkte zunehmend liberalisiert, so dass auch in Europa die veränderten Marktgegebenheiten auf die Agrarunternehmen einwirken.

Letztlich bleibt niemand auf seinen Agrarrohstoffen sitzen, aber es klafft häufig eine Lücke zwischen kalkuliertem und tatsächlich bezahltem Preis.
Dr. Rüdiger Fuhrmann

Was bedeutet dies für Landwirte in Deutschland?

Dr. FuhrmannDurch die starken jährlichen und saisonalen Unterschiede im natürlichen Wachstums- oder Ernteprozess schwanken auch die Erträge. Dadurch kommt es auf den mittlerweile sehr engen Märkten bei einer guten Ernte zu einem großen Preisverfall, während die Preise bei einer schlechten Ernte extrem anziehen. Dies können wir etwa seit 2007 an den Märkten beobachten und wir sehen hier vorerst keine Änderung.

Wie sieht die Entwicklung in den anderen Hauptmärkten aus?

Dr. FuhrmannMan kann die Märkte gar nicht so sehr voneinander trennen. Weizen fungiert – ähnlich dem US-Dollar – als Leitwährung. Ähnlich verhält es sich mit dem Mais, der in den letzten Jahren eine vergleichbare Entwicklung vollzogen hat, weil Weizen und Mais in den Bereichen Futter und Ernährung gegeneinander ausgetauscht werden können.

Welche Rolle spielen pflanzliche Rohstoffe für die regenerativen Energien?

Dr. FuhrmannDurch den Einsatz von Agrarrohstoffen zur Erzeugung regenerativer Energien haben sich die Märkte zusätzlich verknappt und sie sind direkt mit den Energiemärkten verzahnt. Im Wesentlichen trifft dies die Getreidemärkte und den Zuckermarkt. Beide Märkte waren in den letzten Jahren stark beeinflusst durch regenerative Energien. So ging in den USA rund die Hälfte des dort produzierten Maises in die Ethanolproduktion. Zuckerrohr, der wichtigste Rohstoff zur Zuckerproduktion, wird je nach weltweiten Erntemengen und Energiepreisen entweder zur Energieproduktion (Ethanol) oder zur Zuckerproduktion eingesetzt.

Hier kommt das Thema Agrar Clearing ins Spiel. Wieso hat der Handel von Futures auf Agrarrohstoffe in den letzten Jahren so zugenommen?

Dr. FuhrmannWir hatten insbesondere in Europa über Jahrzehnte sehr stark reglementierte Märkte, bei denen die Politik die so genannten Interventionspreise jährlich neu festlegte. Diese politischen Preise waren unabhängig von aktuellen Marktgegebenheiten und damit ohne Schwankungen. Da kein Preisrisiko bestand, gab es auch keine Notwendigkeit zur Absicherung. Mit der Liberalisierung der Agrarmärkte wurden die Interventionspreisniveaus abgesenkt. Zugleich kam es auf den Märkten zu einer Verknappung der Agrarrohstoffe und damit zu größeren Preisbewegungen. Das war neu. Produktionsbetriebe, Handel und verarbeitende Industrie mussten sich auf einmal mit großen Preisschwankungen auseinandersetzen.

Wie funktioniert der Markt heute?

Dr. FuhrmannLetztlich bleibt natürlich niemand auf seinen Agrarrohstoffen sitzen, aber es klafft häufig eine Lücke zwischen dem kalkulierten und dem tatsächlich bezahlten Preis. Anders als bei anderen Rohstoffmärkten werden Agrarrohstoffe jährlich neu produziert, und das mit den oben dargestellten Mengenunsicherheiten durch Ertragsschwankungen. Bis zum Abschluss einer Erntesaison besteht Unsicherheit über die tatsächlichen Erntemengen, was unterjährig Spekulationen anregt.

Welche Möglichkeiten haben Landwirte an dieser Stelle?

Dr. FuhrmannIn erster Linie geht es um die Frage, wie man die hieraus resultierenden Preisschwankungen auf ein Maß eingrenzen kann, das für den Landwirt wirtschaftlich verträglich ist. Ein Landwirt könnte beispielsweise eine Hochpreisphase nutzen, um bereits Teile seiner nächsten Ernte zu verkaufen und so sein Preisrisiko abzusenken. Ein hohes Preisniveau stößt jedoch bei Handel und Verarbeitung eher auf gegengelagerte Interessen. Sie möchten gern Preise fixieren, wenn das Niveau niedrig ist. Daher ist an dieser Stelle ein Dritter nötig, der nichts mit der Wertschöpfungskette zu tun hat und darauf setzt, dass der Preis noch weiter steigen wird. Dieser Spekulant ist derjenige, der dem Landwirt die Ernte auf dem Futuremarkt abkauft und ihm damit das Risiko abnimmt und Sicherheit gibt.

Für die meisten Landwirte war das sicherlich ein Lernprozess?

Dr. FuhrmannDas kann man so sagen. Insbesondere das Thema Kalkulation spielt heute eine viel größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Die Landwirte konnten aufgrund der starken Regulierung früher ihre Preise sehr gut vorkalkulieren. Wenn heute jedoch ein Landhändler mit einem landwirtschaftlichen Kunden einen Vorvertrag macht über die Ernte, dann macht er das nur noch, wenn er diese entweder über die Futuremärkte abgesichert hat oder bereits einen Käufer dafür gefunden hat, sodass er genau weiß, was er am Ende daran verdient. Inzwischen begrenzen alle Landhändler den Großteil ihres Risikos, indem sie wesentliche Teile ihres Ankaufs und ihres Verkaufs absichern, indem sie immer auch die Gegenposition schließen.

Mit welchen Leistungen unterstützt die NORD/LB ihre Kunden an dieser Stelle?

Dr. FuhrmannWir betreuen derzeit Kunden aus der Primärproduktion, dem Landhandel sowie der Ernährungsindustrie. Dabei bieten wir die technische Plattform für den Zugang und die bankseitige Abwicklung der Geschäfte an den Futuremärkten. Mit der Verwaltung zu hinterlegender Sicherheiten und einem täglichen Kontenausgleich stellen wir sicher, dass gehandelte Futurepositionen von allen Beteiligten erfüllt werden und somit die Minderung von Preisrisiken bei unseren Kunden nicht zu Risiken an anderer Stelle führt.

Zur Person

...ist Abteilungsleiter des Agrar-Banking der NORD/LB. 1990 promovierte er in der landwirtschaftlichen Betriebslehre und kam im November 1990 zur NORD/LB, Abteilung Agrar-Banking. Von 1982 bis 1987 absolvierte er das Studium der Agrarökonomie in Göttingen und war anschließend bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Agrarökonomie der Universität Göttingen am Lehrstuhl für landwirtschaftliche Betriebslehre. Der gebürtige Kasseler wuchs auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Nordhessen auf, wo seine Eltern Ackerbau, Gemüsezucht  und Schweinemast betrieben.

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