Intelligente Gebäude: Regenerativ geregelt

Hinter den Fassaden moderner Gebäude tut sich so einiges. Die starke Technologisierung der letzten Jahre ist auch an der Architektur nicht spurlos vorbeigegangen. Die Technik hat Gestaltungs- und Planungsprozesse stark verändert und Innovationen hervorgebracht, die Gebäude neuerdings mitdenken lassen. 

Von weitem sieht es tatsächlich so aus, als könne man das Gebäude am schmalen unteren Teil packen und als Telefon benutzen. Diese Vorstellung funktioniert allerdings wirklich nur von weitem. Je mehr man sich nähert, desto deutlicher türmt sich ein 37-stöckiger Glaskoloss vor dem Betrachter auf, der so gar nichts mehr mit dem kleinen Handfunkgerät gemein hat, dem das neue Wahrzeichen Londons seinen Spitznamen verdankt. Das Walkie-Talkie ist aber nicht nur aufgrund seiner kurvigen Ähnlichkeit mit einem Uralt-Handy schon vor der Eröffnung im nächsten Jahr in aller Munde. An besonders sonnigen Tagen schmort der 200 Millionen Pfund teure Bürokomplex von Architekt Rafael Vinoly Brandlöcher in die Fußmatten nahe gelegener Frisörsalons, verformt Plastikarmaturen parkender Autos und erfreut Journalisten, indem er auf offener Straße Spiegeleier zum Brutzeln bringt. Diese nicht nur die Gemüter erhitzende und recht eigenwillige Form der Wärme(um)nutzung war von den Planern allerdings nicht beabsichtigt. Tatsächlich wurde bei der Planung der Außenfassade einfach nicht bedacht, dass die konkave Glasfront bei bestimmten Sonnenständen die Strahlen bündelt und dann wie ein Brennglas wirkt. Dies wäre sicherlich eine pfiffige Idee, wenn man mit den 72 Grad, die bisweilen von den stark reflektierenden Glasscheiben des Neubaus ausgehen, die benachbarten Gebäude heizen könnte – doch das ist nicht vorgesehen.

Die zunehmende Technologisierung macht es möglich, dass moderne Gebäude heute tatsächlich mitdenken können.

Technologisierung befeuert Trend zu intelligenter Architektur

Während man das Walkie -Talkie mit seiner obskuren Heizmethode nicht unbedingt als besonders smart einstufen würde, hat die Architektur in den letzten Jahren Bauten hervorgebracht, die das Prädikat „intelligent“ durchaus verdient haben. Die zunehmende Technologisierung macht es möglich, dass moderne Gebäude tatsächlich mitdenken können. Aber lässt sich Beton oder Stahlkonstruktionen überhaupt ein IQ zuordnen? Tatsächlich ist es auch nicht die Technik an sich, die die Intelligenz ins Spiel bringt. Es ist vielmehr die Vernetzung einzelner Techniken, die aus Zweckbauten Gebäude mit Hirn macht: „Bei einem intelligenten Gebäude kommunizieren die verschiedenen Systeme durch Datenaustausch miteinander“, erklärt Clemens Schickel vom Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung (BTGA) in Bonn. „Auf diese Weise regeln sie ihre Einstellungen vorausschauend.“ Ein Heizungsventil auf der Westseite weiß dann, dass auf der Südseite bereits die Sonne scheint, und regelt entsprechend die Temperatur herunter, weil die Sonne ums Gebäude wandert.

Stark veränderter Planungsprozess

Was auf den ersten Blick futuristisch anmutet, gehört bei vielen Neubauten heute längst zum Standard. „Wo früher Heizung, Klimaanlage und Beleuchtung unabhängig voneinander geplant wurden, haben sich Regeltechniken entwickelt, die durch Automatisierung und intelligente Steuerung die Nutzer entlasten“, beschreibt Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer NRW, die wesentlichen Veränderungen. Als Folge hat sich auch der Planungsprozess stark verändert und Architekten und Fachingenieure müssen noch mehr als in der Vergangenheit im Team arbeiten, um die verschiedenen Anforderungen unter einen Hut zu bekommen: „Gebäudefunktionen arbeiten heute über Gewerkegrenzen hinweg und haben sowohl mit architektonischen als auch mit technischen Fragestellungen zu tun“, sagt Thomas Terhorst, Geschäftsführer der VDI Gesellschaft für Bauen und Gebäudetechnik (VDI-GBG).

Kontinuierliche Entwicklung seit 30 Jahren

Viele der Innovationen, die Gebäude neuerdings mitdenken lassen, stammen aus dem industriellen Sektor, insbesondere die Gebäudeautomation. Doch entgegen der landläufigen Meinung sind diese Systeme in keiner Weise neu, sondern haben sich in den letzten 30 Jahren kontinuierlich (weiter-)entwickelt. Erst seit kurzem hat die Gebäudetechnik eine völlig neue Relevanz bekommen, denn mit dem gewachsenen Bewusstsein für Energieeffizienz fand auch immer mehr Technik Eingang in die Architektur.

Nachhaltigkeit ist kein Selbstzweck

So ist insbesondere bei Industrieunternehmen das Interesse daran, effiziente Systeme auch im Gebäudesektor einzusetzen, stark gewachsen. Clemens Schickel: „Der Imagefaktor ist heute sicherlich ein wichtiger Treiber für die Ausbreitung intelligenter Gebäudetechnik.“ Nicht umsonst lassen sich Unternehmen die Intelligenz ihrer Gebäude mit Zertifikaten nach amerikanischem Standard oder mit Gütesiegeln der Gesellschaft für nachhaltiges Bauen von Silber bis Platin bzw. Bronze bis Gold zertifizieren. Bei aller Nachhaltigkeit müssen sich aber auch die Investitionskosten möglichst schnell rechnen. Bislang spielten die Betriebskosten bei Nutzbauten nur eine untergeordnete Rolle. Durch die permanent steigenden Energiepreise hat sich dies stark verändert und es setzt sich auch bei Unternehmen die Erkenntnis durch, dass intelligente Steuerungssysteme bares Geld sparen: „Gemessen an dem, was unter dem Strich an Mehrkosten für die Repräsentanz eines Gebäudes anfällt, ist der Einbau einer Gebäudeautomation relativ preiswert“, klärt Thomas Terhorst auf.

Energieschleuder Nutzbau

Der Anteil intelligenter Gebäude an den Nutzbauten ist insgesamt allerdings noch minimal. Einer der Gründe dafür ist die Tatsache, dass in Deutschland mit nicht einmal einem Prozent des Gebäudebestandes pro Jahr wenige Neubauten entstehen. Das Ergebnis: unendlich viele ältere Gebäude, die keineswegs als intelligent, geschweige denn als nachhaltig durchgehen können. Dieser Masse an ineffizienten Gebäuden, die nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur dena fast 40 Prozent des deutschen Energiebedarfs ausmachen, könnte man grundsätzlich durch gezielte (technische) Sanierungsmaßnahmen Herr werden. „Gerade bei kommerziellen Gebäuden wird gerne übersehen, dass sie einen wesentlichen Anteil am Energieverbrauch von Gebäuden insgesamt haben“, führt Clemens Schickel an. „Da gibt es ein großes Potenzial, über Modernisierung Energie einzusparen, das man heben kann und sollte.“ Trotzdem dümpelt die Sanierungsquote mit nur einem Prozent des Bestandes auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie der Neubau. Dabei ist es durchaus möglich, auch Bestandsgebäuden im Nachhinein zumindest einen gewissen Grad an Intelligenz zu verpassen.

Dauerbaustelle Technik

Doch selbst bei vielen intelligenten Neubauten gibt es noch offene Baustellen: So wird meist nur ein Bruchteil der vorhandenen Gebäudeintelligenz tatsächlich genutzt und die Systeme „verwaisen“ oftmals, weil sie nicht regelmäßig überprüft werden. Der Hintergrund: Viele Nutzer sitzen dem Trugschluss auf, ein intelligentes System steuere sich nach dem Einbau nicht nur selbst, sondern bringe sich auch selbstständig auf den neuesten Stand. Doch weit gefehlt. Denn im Gegensatz zur statischen Gebäudehülle entwickeln sich technische Systeme ständig weiter und müssen gepflegt werden.

Nachhaltigkeit oft Mangelware

Mobil und flexibel klingt zunächst kostengünstig. Doch der Schein trügt – insbesondere bei Containerbauten. „Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass temporäre Architektur automatisch günstig ist“, so Pütz. Besonders im Bereich der Werbe- und Markenbauten fließe viel Geld in die gezielte Vermittlung von Eindrücken bestimmter Marken; der Hersteller lasse sich dies in der Regel viel Geld kosten. Dieses „Klotzen statt Kleckern“ führt allerdings dazu, dass an dieser Stelle ein ganz wesentlicher Aspekt temporärer Architektur bislang ausgeklammert wird: die Nachhaltigkeit.

Technologisierung hält an

Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht in Sicht. Die Technologisierung wird in der Architektur weitere Spuren hinterlassen – wenn auch nicht zwingend im Design, so auf jeden Fall in ihrer Funktion. „Wir werden über die Automation noch weitere Entwicklungsschritte gehen“, bemerkt Thomas Terhorst. „Im Umgang mit IT und Telekommunikation kommen neue Bedienungssysteme auf uns zu, die es erlauben, Gebäudesysteme von außen über Smartphones und Apps zu steuern.“ Das Gebäude der Zukunft interagiert also, es unterstützt den Menschen und ist in der Lage, auf neue Anforderungen in Sachen Energieeffizienz und Ressourcenschonung intelligent zu reagieren: „Will ein Gebäude heute langfristig nachhaltig und umweltschonend sein, muss es zumindest einen hohen Automatisierungsgrad aufweisen“, resümiert Terhorst. „Aus dem einfachen Grund, dass ein System Energiebedarfe wesentlich besser steuern kann, als es ein Nutzer jemals könnte.“ Was für technische Raffinessen Gebäude in Zukunft noch auf Lager haben werden, bleibt abzuwarten. Wie sich am Beispiel des Walkie- Talkie und der verschmorten Armaturen parkender Autos gezeigt hat, ist ein Gebäude letztlich aber immer nur so intelligent, wie es gebaut bzw. programmiert wurde.

„Systeme regeln ihre Einstellungen vorausschauend“

Ein Gespräch mit Clemens Schickel vom Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung (BTGA) in Bonn.

Was macht ein Gebäude intelligent?

SchickelDie Frage habe ich mir auch schon gestellt. Kann man einem technischen System überhaupt so etwas wie Intelligenz zuschreiben? Grundsätzlich ist damit aber die Möglichkeit eines Systems gemeint, auf veränderte äußere Bedingungen zu reagieren und zu agieren – das können Temperaturänderungen im Raum oder Raumbelegungen sein. Entscheidend ist, dass das Ganze systemübergreifend abläuft. Ein Bewegungssensor erfasst beispielsweise, ob jemand im Raum ist. Ist das nicht der Fall, wird automatisch das Licht ausgeschaltet oder die Heizleistung reduziert. Kommt dann wieder jemand in den Raum, wird wieder zum Normalmodus gewechselt.

Unterscheidet sich ein intelligentes Gebäude also von einem modernen Gebäude mit innovativen (technischen) Gebäudekomponenten durch diese Form der Vernetzung?

SchickelIn der Tat. Bei einem intelligenten Gebäude kommunizieren die verschiedenen Systeme durch Datenaustausch miteinander. Die einzelne Komponente kann aus der eigenen Aktionswelt Daten aufnehmen und weitergeben. Ein übergeordnetes System – in der Regel ein Gebäudeautomationssystem – nimmt diese Daten auf, interpretiert sie und vergleicht sie mit den Informationen anderer Komponenten. Dieser Datenabgleich führt dann zu einer Entscheidung, die wiederum Auswirkungen auf die einzelne Komponente hat, indem diese von der Gebäudeautomation einen Regelbefehl erhält, wie sie sich verhalten soll. Auf diese Weise regeln die Systeme ihre Einstellungen vorausschauend. Das ist Intelligenz im Gebäude.

Das Bewusstsein, effiziente Systeme auch im Gebäudesektor zu verwenden, ist gerade auch bei Industrieunternehmen deutlich gewachsen.
Clemens Schickel

Welche Risiken ergeben sich, wenn man Systeme, die in der Regel separat voneinander funktionieren, in einem System zusammenführt? Sind in diesem Kontext Cyberattacken ein Thema? Was könnte dann passieren?

SchickelTechnik bringt natürlich auch Anfälligkeiten mit sich, das ist ganz klar. Je technischer, umso sensibler sind solche Systeme. Cyberangriffe sind dagegen eher nicht zu erwarten, solange nicht nach außen – also aus dem Gebäude heraus – kommuniziert wird. Dazu fehlt einfach die Schnittstelle. Außerdem ist Schadsoftware in der Regel auf eine massenhafte Verbreitung ausgerichtet, was bei der Gebäudeautomation sicher noch nicht der Fall ist. Und solange es nur wenige Gebäude gibt, die mit speziellen Programmen arbeiten, ist dieses Risiko eher gering. Aber durchaus möglich.

Welche Ziele sind mit der Hochtechnologisierung von Gebäuden verbunden? Was ist das langfristige Ziel oder sogar die Vision?

SchickelDie Politik hat die Reduzierung der Treibhausgase zum Ziel, das ist im Gebäudesektor vorrangig CO2. Wichtige Ansatzpunkte auf dem Weg dorthin sind die Steigerung der Energieeffizienz, Umweltschutz und Ressourcenschonung. Aus Sicht des Nutzers ist der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen ebenso wichtig. Im Vordergrund steht aber natürlich auch, die Energiekosten zu senken. Denn Energie wird zunehmend teurer, also wird nach Möglichkeiten gesucht, möglichst ohne Komfortverlust Energie und damit Kosten einzusparen. Und dazu tragen Technologien im Wesentlichen bei.

In Großbritannien und den USA ist der Anteil an Energieschleudern im Gebäudesektor noch extrem hoch. Wie schneidet Deutschland im internationalen Vergleich ab?

SchickelIn Deutschland gibt es einen hohen Sanierungsbedarf im Gebäudebereich. Da ist vorrangig der Gebäudebestand angesprochen, nicht der Neubau. Hier haben wir die Regelungen über Energieeinsparverordnungen und Ähnliches. Wir haben in Deutschland gerade einmal etwas mehr als 1 Prozent Sanierungsquote. Das ist deutlich zu wenig, um die politischen Ziele in Sachen Energieeffizienz erreichen zu können. Gerade auch bei den kommerziellen Gebäuden wird gerne übersehen, dass diese einen wesentlichen Anteil am Energieverbrauch von Gebäuden insgesamt haben. Da gibt es ein großes Potenzial, über Modernisierung Energie einzusparen, das man heben kann und heben sollte.

Gibt es in Deutschland schon vollständig vernetzte Gebäude? Was ist der Standard?

SchickelEs gibt eine ganze Anzahl von modernen Gebäuden, die diese Form der Systemkommunikation bereits haben. Die interne Vernetzung ist sehr weit fortgeschritten. Die Kommunikation nach außen befindet sich dagegen noch im Entwicklungsstadium. Das Kundeninteresse geht dahin, über Smartphones und die entsprechenden Apps Technik im Gebäude steuern zu können. Da stehen wir aber noch am Anfang. In der Grundform, dass der Hausmeister beispielsweise bei einer Havarie an der Technik vom System per Telefon informiert wird, gibt es diese allerdings bereits seit Jahrzehnten.

Was treibt die Entwicklung intelligenter Gebäudetechnik weiter voran?

Schickel Das Bewusstsein, effiziente Systeme auch im Gebäudesektor zu verwenden, ist gerade auch bei Industrieunternehmen deutlich gewachsen. Denn letztlich hat das auch werbenden Charakter. Man versucht mit der Aussage „wir bauen energieeffizient“ Kunden zu gewinnen. Der Imagefaktor ist heute sicherlich ein wesentlicher Treiber für die Ausbreitung von intelligenter Gebäudetechnik.

In Deutschland wird nur ein Bruchteil der vorhandenen Gebäudeintelligenz genutzt. Woran liegt das? Wie kann eine effizientere Nutzung gefördert werden?

SchickelBei solchen Systemen sind Wartungsverträge und Softwarepflege sehr wichtig. Wenn ein System in Betrieb genommen, aber dann über mehrere Jahre nicht mehr überprüft wird, entstehen Festplatten voller ungenutzter Daten – sogenannte Datenfriedhöfe –, die das System stören. Bei einem neuen Auto geht der Kunde ja auch nicht davon aus, dass er damit in den nächsten zehn Jahren nicht mehr in die Werkstatt muss. Leider vermuten das aber einige bei ihren Automationssystemen. Das trifft natürlich nicht zu. Die Systeme laufen eine ganze Weile von allein, aber dann muss regelmäßig überprüft werden, ob alles noch innerhalb der Parameter liegt oder sich möglicherweise auch die Parameter verändert haben. Wartung und regelmäßige Softwareupdates sind daher notwendig, damit die Systeme zeitgemäß sind und effizient laufen können. Insbesondere, wenn eine Komponente ausgetauscht werden muss oder eine andere hinzukommt, muss Hand angelegt werden.

Gibt es ein staatliches Anreizsystem, das dazu anregt, in solche intelligenten Gebäudesysteme zu investieren?

SchickelEs gibt einen ganzen Strauß von Fördermöglichkeiten, der fast schon unüberschaubar geworden ist. Es gibt Förderungen auf Bundesebene, auf der Ebene der Länder, Kommunen und Gemeinden – es gibt Förderungen vom Energieversorger etc. Es ist ein sehr komplexes System. Im Wohngebäudebereich kann der Energieberater weiterhelfen. Inzwischen gibt es aber mit der Förderdatenbank des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie eine Plattform, die sehr hilfreich ist, um durch diesen Förderdschungel zu finden.

Welche Entwicklungen sind zukünftig noch zu erwarten?

SchickelDas intelligente Gebäude ist Teil einer langen Wertschöpfungskette. Am Ende dieser Entwicklungen steht das intelligente Netz, also das Smart Grid. Es beginnt beim Smart Meter, das bedeutet, dass ein Zähler, der den Energieverbrauch aufnimmt – Strom, Gas oder auch Wärme –, ein Stück weit intelligent wird. Im Smart Building werden die Informationen von Zählern verwertet, dosiert und in der richtigen Folge an ein intelligentes Netz abgegeben. Im letzten Schritt steuert dieses intelligente Netz, wie Energieflüsse regional, bundesweit oder auch europaweit verteilt werden, je nachdem, wie viel Energie letztlich zur Verfügung steht. Und über dieses Smart Grid werden dann Verbraucher im Gebäude gesteuert, indem das Netz beispielsweise nachmittags oder auch nachts einen Stromüberschuss feststellt und über die Gebäudeautomation entsprechende Befehle abgibt. Im Forschungsprojekt „Energieeffizienzhaus Plus“ in Berlin ist dieses Modell bereits umgesetzt.

Zur Person

…ist seit 2004 technischer Referent beim Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung e.V (BTGA). Zuvor war er in verschiedenen Planungsbüros für technische Gebäudeausrüstung (TGA) tätig. Norbert Schickel studierte Verfahrenstechnik und ist zudem ausgebildeter Zentralheizungs- und Lüftungsbauer.

„Auch ‚grüne‘ Maßnahmen müssen sich rechnen“

Ein Gespräch mit Christiane Kühl, geschäftsführende Gesellschafterin der nextparx-Gruppe. 

Frau Kühl, Ihr Unternehmen achtet bei der Entwicklung von Logistikimmobilien besonders auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Was muss ein Projektentwickler mitbringen, um Projekte erfolgreich nachhaltig zu gestalten?

KühlWir haben uns bewusst so aufgestellt, dass wir alle Kernkompetenzen und Ressourcen im Haus haben. Die Kompetenz und Erfahrung als Entwickler, in unserem Fall auch die Kompetenz für Kühllogistik-Immobilien, die aufgrund des relativ hohen Energieverbrauchs besonders geeignet sind für intelligente und nachhaltige Lösungen, führt dazu, dass wir sehr schnell planen und umsetzen können. Wir halten die veranschlagten Kosten – böse Überraschungen gibt es bei uns nicht. Und wir haben bereits bei der Planung die größtmögliche Flexibilität bei der Anschlussnutzung im Blick. Das ist für Investoren, aber auch für Eigennutzer, deren Anforderungen an die Immobilie sich in den heutigen dynamischen Märkten schnell ändern können, entscheidend.

Für die Metro hat nextparx 2010 ein neues Fischverteilzentrum in Groß-Gerau errichtet. Die Anlage gilt mit jährlich etwa 13.000 Tonnen als größter Umschlagplatz für Fisch in Europa. Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und intelligente Nutzung von Energie für Sie als Bauherrn und die Metro als Nutzer?

KühlDie Immobilie entspricht sowohl unserem Standard in puncto Nachhaltigkeit und Flexibilität als auch der Nachhaltigkeitsstrategie der Metro. Diese Kriterien waren die Richtschnur für Konzeption, Design und Ausstattung der Anlage sowie für die Wahl des Standorts und für die Prozesse und Abläufe innerhalb des Fischlogistik-Netzwerks der Metro. Die Anlage besteht aus zwei Bauabschnitten, die wir in sieben bzw. zwölf Monaten fertiggestellt haben. Der erste Bauabschnitt umfasst eine gekühlte Halle für die Fischverteilung von insgesamt 5.200 Quadratmetern. Der zweite Abschnitt besteht aus einer Halle mit 3.300 Quadratmetern für die Fischverarbeitung und 5.500 Quadratmetern für den Fleischumschlag.

Auch bei der Nachrüstung der Gebäudetechnik in bestehenden Anlagen gilt: Es muss sich rechnen.
Christiane Kühl

Welche technischen Eigenschaften machen das Gebäude intelligent – und welchen Nutzen ziehen Sie neben dem Imagegewinn daraus?

KühlBei Kühlimmobilien spielt natürlich die für die Kühlung aufzuwendende Energie eine Hauptrolle. Hier haben wir mit konzeptionellen und technischen Maßnahmen angesetzt. Zum Beispiel ist das Gebäude mit Blick auf eine spätere Umnutzung bzw. Vermarktbarkeit mit einer Deckenhöhe von 13 Metern errichtet worden. Im Innern haben wir jedoch Deckendämmpaneele auf einer Höhe von 5,50 Metern eingezogen, die flexibel versetzbar sind. Das reduziert die Energiekosten erheblich. Die Außenmauern verfügen ebenfalls über spezielle Dämmpaneele. Zur nachhaltigen Gebäudetechnik zählt etwa die Kälteanlage inklusive Wärmerückgewinnung, bei der das CO2-neutrale Ammoniak eingesetzt wird. Die Hallentore sind mit vorgesetzten thermischen Toren ausgestattet, sodass bei Be- und Entladevorgängen kaum Kälte aus der Halle entweichen kann. Mit dem DOBO-Überladebrücken-System können die Lkw ihre Türen direkt am Tor öffnen. Die Temperatur, die bei zwei bis null Grad liegen muss, wird 24 Stunden am Tag überwacht. Die LED-Hallenbeleuchtung ist intelligent gesteuert. Auch die Innenbereiche sind flexibel gestaltbar und über Schleusen und Schnelllauftore miteinander verbunden.

Welche speziellen Voraussetzungen gelten beim Bau eines solchen Zentrums für leicht verderbliche Ware wie Fisch?

KühlIm Wesentlichen greifen hier die EU-Hygienevorschriften für die Lagerung von Lebensmitteln. Das fängt bei der speziellen Bodenbeschichtung mit Epoxidharz an. Der Boden hat eine leichte Neigung, damit er effizient gereinigt und das Abwasser leicht abfließen und gesammelt werden kann. Für die Rohre wurde nur Edelstahl verbaut, alle Fugen sind speziell abgedichtet. Die Hallenstützen sind zur leichteren Reinigung mit Glasfaserpaneelen ummantelt. Es gibt besondere Entfeuchtungs- und Entrauchungsanlagen, Hygieneschleusen zwischen den einzelnen Bereichen und vieles mehr.

Der Logistikstandort der Metro in Groß-Gerau wurde mit der Silberplakette der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zertifiziert. Welche Kriterien spielten neben technischen Standards eine Rolle für die Zertifizierung?

KühlIn der Tat hat der erste Bauabschnitt als erste Kühlhalle in Europa und später auch der zweite Bauabschnitt das Silberzertifikat erhalten. Hier fließt eine Vielzahl von Kriterien ein, etwa auch die Rückbaubarkeit der Immobilie oder die Vorhaltung von Fahrradstellplätzen und vieles mehr.

In puncto Intelligenz denken die meisten bei Logistikgebäuden eher an intelligente Transportsysteme denn an grüne Gebäude. Ist die Fischplattform Zeichen eines neuen Trends in der Branche?

KühlDas denke ich schon. Dieser Trend besteht bei Logistikdienstleistern wie bei der verladenden Wirtschaft – und natürlich nicht nur im Kühlsegment. Wie die Metro haben heute viele Unternehmen Nachhaltigkeitsstrategien und -programme, in die sie auch ihre Dienstleister und Partner einbeziehen. Klar ist natürlich auch, dass sich die „grünen“ Maßnahmen auch rechnen müssen. Und hier können wir aus der Erfahrung heraus sehr gut abschätzen, was geht und was nicht.

Das Bewusstsein dafür, effiziente Systeme im Gebäudebereich einzusetzen, steigt bei Unternehmen zusehends. Gilt das auch für Zweckbauten wie Lager- oder Produktionsflächen? Oder stellt Groß-Gerau noch eine Ausnahme dar?

Kühlnextparx hat verschiedene Standardmodule entwickelt, die bereits viele energieeffiziente und ressourcenschonende Komponenten enthalten und sich schnell amortisieren. Eine besondere Nachfrage danach sehen wir auf der Investorenseite mehr als auf der Nutzerseite. Und auch bei der Nachrüstung der Gebäudetechnik in bestehenden Anlagen gilt: Es muss sich rechnen. Nehmen Sie das Beispiel der LED-Beleuchtung mit intelligenter Steuerung: Auch wenn die Kosten in letzter Zeit gesunken sind, hängt es von der Nutzung ab, ob sich die Investition in einer konventionellen Lagerhalle für den Mieter rechnet. Der Vermieter hingegen gewinnt damit vielleicht eine Möglichkeit, den Mieter länger an sich zu binden.

Zur Person

...ist geschäftsführende Gesellschafterin der nextparx-Gruppe. 2008 gründete sie gemeinsam mit Francisco J. Bähr und Oliver Schmitt die nextparx Holding GmbH, in der sie die Bereiche Finanzen und Verkauf verantwortet. Die Internationale Betriebswirtin arbeitete rund 15 Jahre für verschiedene Firmen in der Projektsteuerung und -entwicklung sowie der Akquisition für Gewerbeimmobilien. Anschließend war sie bei der Commerz Real als Prokuristin für die europaweite Akquisition von Logistikimmobilien und anderen Assetklassen sowie in Frankreich für den gesamten Erwerbsprozess für offene und Spezialfonds verantwortlich.

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