Kreativität: Freiraum für Geistesblitze

Besonders erfolgreiche Unternehmen sind meist auch kreativer als die Konkurrenz. Doch nur im richtigen betrieblichen Umfeld kommen kreative Ideen und Lösungen überhaupt erst auf. Lesen Sie über die wichtigsten Stolperfallen auf dem Weg dahin.

Wenn Mitarbeiter realisieren, dass ihre Ideen irgendwo im Sande verlaufen, dann versiegt die erfolgsentscheidende Quelle Kreativität recht schnell.

Deutschland – Land der Ideen. So lautet der Slogan einer Standortinitiative, mit der die Bundesregierung gemeinsam mit dem Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) seit dem Jahr 2005 werbewirksam die Kreativität der hiesigen Wirtschaft sowie die Weltoffenheit Deutschlands in den Vordergrund stellen will. Doch mit dem Ideenpotenzial ihrer Mitarbeiter scheinen zahlreiche Unternehmen nicht immer gerade sehr sorgfältig umzugehen. Zudem herrscht oftmals ein Mangel an den richtigen Strategien im Umgang mit Kreativität. Viele glauben, dass der natürliche Ort für Geistesblitze allein die Abteilung Forschung und Entwicklung sei. Manche hängen noch einen Briefkasten mit der Aufschrift „Betriebliches Vorschlagswesen“ in der Kantine auf und meinen, damit für die Zukunft bestens gerüstet zu sein. In den Betrieben scheint sogar häufig eine Atmosphäre zu dominieren, die den Einfallsreichtum ihrer Mitarbeiter eher als unerwünschte Störung zur Kenntnis nimmt. Das jedenfalls sagt die Mehrheit der rund 500 Befragten einer Studie von IQudo, der Akademie für kreative Intelligenz in Stuttgart. Satte 93,6 Prozent von ihnen gaben sogar an, zündende Ideen sowieso nicht am Arbeitsplatz zu haben. Routine, Stress und Ablenkung werden als die wesentlichen Gründe für die kreative Flaute im Job genannt.

Angst vor Fehlern hemmt Kreativität

„Der Hauptfeind jeder Form von Kreativität aber ist die Angst vor der eigenen Blamage“, bringt es Jörg Mehlhorn auf den Punkt. „Daher ist die Existenz einer entsprechend toleranten und entspannten Atmosphäre, die zudem keinen Zeitdruck kennt, eine der Grundvoraussetzungen, damit Kreativität sich überhaupt erst entfalten kann“, so der Professor für Marketing und Betriebswirtschaft an der FH Mainz, der zugleich auch Erster Vorsitzender der Gesellschaft für Kreativität ist. Genau das scheint im Land der Ideen jedoch Mangelware zu sein. „Das Abweichen von bestimmten Normlinien und festgefahrenen Denkansätzen setzt ein hohes Maß an Experimentierfreudigkeit voraus“, erklärt der Experte. „Natürlich geht damit auch eine gewisse Gefahr des Scheiterns einher.“ Schließlich ist nicht jeder Geistesblitz gleich von Erfolg gekrönt. „Aber bedauerlicherweise existiert hierzulande eine mangelhafte Fehlerkultur.“ Das wiederum hält viele kreative Köpfe davon ab, ihre Potenziale zum Einsatz zu bringen und überhaupt neue Wege zu beschreiten. „Letztendlich ist dieses Nichtzulassen von Fehlern sehr nachteilig für die Kreativität selbst und damit auch für die Wettbewerbssituation, in der sich die Unternehmen befinden“, glaubt Mehlhorn.

Viele Geistesblitze verpuffen im betrieblichen Nichts

Ergänzt werden die Beobachtungen von Professor Jörg Mehlhorn durch eine aktuelle Erhebung des Instituts für Technologie- und Innovationsmanagement der Philipps-Universität in Marburg in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Ideenmanagement der IHK Innovationsberatung Hessen. Ihr Fazit lautet: Zwar stehen die meisten Unternehmen den Geistesblitzen ihrer Mitarbeiter recht aufgeschlossen gegenüber, aber sie tragen aktiv wenig dazu bei, ein Umfeld zu schaffen, das der Kreativität förderlich ist. Zumeist reduziert sich alles auf das reine Einsammeln von Vorschlägen, mehr nicht. Auf den Gedanken, externe Quellen wie beispielsweise Lieferanten oder Kunden als Ideengeber einzubeziehen, kommen die wenigsten. Aber das große Problem scheint nicht nur die mangelhafte Systematik zu sein, sondern die vernünftige Integration von Kreativität in die eigene Organisation. Die Innovationsforscher bescheinigen rund einem Drittel der erfassten Unternehmen eklatante Schnittstellendefizite. Im Klartext heißt das, dass viele Geistesblitze der Mitarbeiter einfach im Nichts verpuffen, weil sie die relevanten Innovations-, Qualitäts- oder Wissensmanagementsysteme und ihre Entscheider gar nicht erst erreichen. Die Folgen: Wenn Mitarbeiter realisieren, dass ihre Ideen irgendwo im Sande verlaufen und nicht weiter umgesetzt werden, dann versiegt diese erfolgsentscheidende Quelle Kreativität recht schnell.

Kleine Unternehmen eher experimentierfreudig

Wie mit Ideen umgegangen wird, ist nicht selten auch von der Größe eines Unternehmens abhängig. Kleinere Mittelständler oder Familienbetriebe haben häufig nicht die Mittel oder die Konzepte, um die Kreativität ihrer Mitarbeiter systematisch anzuzapfen. „Grundsätzlich aber gilt die Regel: Je größer eine Organisation, desto geringer der Mut, etwas völlig Neues auszuprobieren und zu wagen“, weiß Mehlhorn aus seinen Erfahrungen zu berichten. „Junge und kleine Unternehmen dagegen stehen Experimenten und neuen Ideen eher sehr aufgeschlossen gegenüber und testen erst einmal aus, mit welchen Produkten oder Dienstleistungen sie überhaupt gute Chancen auf dem Markt haben. Das scheint eine Art Naturgesetz zu sein.“ In Konzernen existiert oft eine Vielzahl von Hierarchieebenen, was häufig wiederum zu einer Blockade kreativer Prozesse führt.

Freiräume für eigene Ideen

Doch die Unternehmensgröße muss nicht unbedingt nachteilig sein. Das belegt das Beispiel des europäischen Hauptquartiers des IT-Giganten Google in Zürich, wo alles getan wird, um die kreativen Fähigkeiten der Mitarbeiter zu mobilisieren. Nicht nur das Arbeitsumfeld ist mit Entspannungsräumen und Billardtischen vollständig nach dem Wohlfühlprinzip konzipiert, es werden auch 20 Prozent der Arbeitszeit zum Experimentieren und Verwirklichen eigener Ideen eingeräumt. „Menschen neigen dazu, in die Routinefalle zu tappen“, meint Mehlhorn. „Kreativität dagegen hilft ihnen, Perspektivenwechsel einzuleiten und den Mut zu entwickeln, andere Wege zu beschreiten.“ Wichtig ist, als Entscheider im Unternehmen die richtige Balance im Umgang mit kreativen Menschen zu finden. Einerseits müssen sie ernst genommen werden, selbst wenn sie manchmal in Bereiche abdriften, die sich einem auf den ersten Blick verschließen, andererseits gilt es den passenden Moment zu finden, um dann Entscheidungen zu treffen, Ziele zu setzen und den Rahmen zu definieren.

„Kreativität ist Voraussetzung für Innovation“

Ein Gespräch mit Dr. Oliver Mauroner, Juniorprofessor für Innovations- und Kreativmanagement an der Bauhaus-Universität Weimar.

Herr Professor Mauroner, Produkte werden zunehmend austauschbarer. Manche sehen daher bereits das Zeitalter der Kreativität aufkommen. Wird Kreativität für Unternehmen wichtiger, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten?

Dr. MauronerKreativität ist eine Schlüsselressource für Unternehmen. Denn die zentrale Herausforderung der Zukunft ist es, neue Ideen zu generieren und damit einzigartige Produkte und Prozesse zu gestalten, die im Markt bestehen können. Kreativität ist ein Wettbewerbsfaktor, denn egal ob Unternehmen die Qualitäts- oder die Preisführerschaft anstreben, in jedem Fall benötigen sie dafür eine kreative Mannschaft. Auch wer möglichst günstig anbieten möchte, benötigt einen kreativen Prozess zur radikalen Vereinfachung. So lässt sich erkennen, welche Prozessschritte verbessert oder weggelassen werden können.

Was ist dabei wichtig?

Dr. Mauroner Deutsche und europäische Unternehmen müssen sehen, dass Markterfolg nicht nur von technisch einwandfreien Lösungen abhängt, sondern dass Faktoren wie Design, Empathie, Sinn für Spiel und übergeordnete Zusammenhänge wichtig für die Abgrenzung vom Wettbewerb sind. Und genau darin besteht ja bereits Kreativität. Kernaufgabe ist hier, mit Hilfe von Kreativität und Innovationsstärke die eigenen Produkte nicht austauschbar werden zu lassen, sondern sie aufzuladen mit neuem Wert.

Neue Ideen, die zu neuen und besseren Produkten führen, beruhen eigentlich immer auf kreativen Prozessen.
Dr. Oliver Mauroner

Ist Kreativität der Funke, der Innovation das entscheidende Quäntchen mehr bringt bzw. wie unterscheiden sich Kreativität und Innovation?

Dr. MauronerNeue Ideen, die zu neuen und besseren Produkten führen, beruhen eigentlich immer auf kreativen Prozessen. Damit ist Kreativität Voraussetzung für Innovationen. Kreativität besteht im Kern aus kognitiven und assoziativen Aspekten, d.h. kreativ ist, wer erlernte Inhalte aus verschiedenen Bereichen verknüpft oder überträgt. Damit Neues entstehen kann, müssen beide Aspekte erfüllt sein. Wenn diese Idee dann auch noch für Kunden wertvoll ist, etwa indem Prozesse verbessert oder Kosten gespart werden, kann daraus eine Innovation werden.

Innovationsmanagement ist in der Regel ein strukturierter und nicht kreativer Prozess. Welche Rolle spielt Kreativität dafür?

Dr. MauronerDas ist in der Tat sehr spannend: Gutes Innovationsmanagement gibt Kreativität eine Struktur, mit der man das kreative Chaos beherrschen und letztlich auf die Straße bringen kann. Ziel eines Innovationsprozesses ist es ja, aus einer Idee ein marktreifes Produkt oder eine marktreife Dienstleistung zu machen. Das Management der Innovation setzt den Rahmen im Hinblick auf Zeit, Ressourcen, Struktur und Organisation.

Wie verhält es sich mit dem Innovationsmanagement vieler Mittelständler?

Dr. MauronerIhr Innovationsmanagement basiert häufig auf Stage-Gate-Modellen, die jeweils Entscheidungen darüber beinhalten, ob das Projekt noch weitergeführt werden soll. Zwar hat sich dies in der Vergangenheit bewährt, doch plädiere ich für mehr Freiheit. Denn taucht plötzlich ein neuer Wettbewerber auf oder wird das Produkt aufgrund eines Technologiesprungs irrelevant, muss man schnell reagieren. Wichtig erscheint mir, die reine Prozess-Sichtweise um das Konzept eines Kreativraums zu erweitern. Innovationsmanagement setzt den Rahmen, in dem Varianten von Ideen und Produkten entwickelt werden. Zudem sollte der Raum auch ein Hintertürchen besitzen für Ideen, die aktuell nicht zur Lösung beitragen, aber potenzialreich für künftige Herausforderungen sein können.

Am Mangel von Ideen scheitert es selten. Ungleich schwieriger ist es, diese in neue Produkte zu verwandeln. Wie gelingt das?

Dr. MauronerEntscheidend ist es heute, Kunden und Märkte möglichst früh in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Anstatt ihn mit einem fertigen Produkt überraschen zu wollen, ist es risikoärmer, den Kunden in die Entwicklung der Ideen einzubeziehen. Im Idealfall lassen sich so auch die latenten Bedürfnisse erkennen. Was bräuchte der Kunde eigentlich, auch wenn er es vielleicht gar nicht artikulieren kann? Wer methodisch so vorgeht, erzielt damit den vielleicht entscheidenden Vorsprung.

Was ist darüber hinaus wichtig?

Dr. MauronerIch würde dem Prototyping an sich einen höheren Stellenwert einräumen. Jedes Produkt, aber auch Prozesse wie z.B. der Einkaufsvorgang an der Kasse können prototypisch dargestellt werden. Und wer den Kunden dabei integriert, macht den Innovationsprozess für alle noch greifbarer. Deshalb dürfte es für manche Unternehmen auch interessant sein, sich eine kleine Prototypen-Werkstatt einzurichten. An der Bauhaus-Universität in Weimar haben wir damit gute Erfahrungen gemacht: Der spielerische Aspekt einer Werkstatt kann Ideen hervorbringen, die man sonst höchstwahrscheinlich nicht gehabt hätte.

Wie können Unternehmen erfolgreich ihr vorhandenes Wissen aktiv in Bereiche ausweiten, die neue Produkte und Geschäftsfelder sichern könnten?

Dr. MauronerWenn es um neue Produkte geht, sollten die Teams verbreitert und interdisziplinärer aufgestellt werden, denn Innovationen entstehen meist an den Schnittstellen von Disziplinen und Kompetenzen. Daher ist es wichtig, auch die Ränder eigener Kernkompetenzen im Blick zu haben und angrenzende Disziplinen einzubeziehen. So kann z.B. auch mal ein Mitarbeiter mit einem etwas anderen Qualifikationsprofil in das Team geholt werden – das verbreitert die Perspektive. Reine Ingenieurteams können z.B. um Experten für Gestaltung, Kommunikation oder Materialwissenschaften erweitert werden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit solchen heterogenen Gruppen gemacht?

Dr. MauronerHeterogene Gruppen tun sich zu Beginn meist etwas schwerer. Sie brauchen länger, bis sich die Leute kennengelernt haben und ein vertrauensvolles Klima herrscht. Dann aber werden die erarbeiteten Ansätze fast immer origineller und führen weiter als die Lösungen von reinen Ingenieursgruppen.

Was halten Sie davon, die Innovationsfähigkeit mit Hilfe unternehmensexterner Kreativer zu erhöhen? Wie müsste das Zusammenspiel funktionieren?

Dr. MauronerExterne Agenturen oder Innovationsberater bringen immer eine neue Perspektive mit, die häufig auch zu neuen Erkenntnissen führt. Sie können zwar die Arbeit meist nicht vollständig übernehmen, aber auf die Qualität der Arbeit achten – sei es bei der Definition von Aufgaben oder bei simplen Dingen wie der Einhaltung von Terminen. Ein komplettes Outsourcen von Ideen und Innovationsmanagement halte ich aber nicht für sinnvoll, weil es sich um eine Kernaktivität des Unternehmens handelt. Wichtig ist ja auch, den Innovationsgedanken mit offener Kommunikation von Anfang an im Unternehmen zu verankern – um damit möglichst viele Mitarbeiter in den Prozess zu integrieren.

Hidden Champions haben meist ein sehr gutes Innovationsklima. Was können andere Unternehmen tun, um ihres zu verbessern?

Dr. MauronerViele Hidden Champions haben ihre Mitarbeiter stark an sich gebunden: Sie haben eine sehr geringe Fluktuation, die Mitarbeiter identifizieren sich mit dem Unternehmen und seinen Zielen und haben eine gemeinsame Vision. Außerdem gibt eine authentische und übergeordnete Führungsfigur vielen Mitarbeitern Orientierung. Mittelständler können ihr Innovationsklima hier verbessern, indem sie ihre eigene Vision glaubhaft vermitteln. Allerdings darf es niemals aufgesetzt wirken, d.h. die Bemühungen müssen echt und glaubwürdig sein.

Was machen die Hidden Champions darüber hinaus noch besser?

Dr. MauronerHidden Champions geben ihren Mitarbeitern auch qua ihrer starken Stellung im Wettbewerb Sicherheit und Vertrauen. Wenn Fehler von Vorgesetzten ohne Häme zugelassen werden, arbeiten die Mitarbeiter befreiter und Kreativität kann sich besser entwickeln. Andererseits müssen die Hidden Champions auf der Hut sein, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. Auch für sie ist es wichtig, immer wieder junge Menschen in die Innovationsprozesse einzubeziehen – ganz unabhängig von Hierarchien und Abteilungsebenen. Es können ruhig auch jene sein, die nach 1980 geboren sind, also sog. Digital Natives, die ein ganz besonderes Verständnis für digitale Technologien haben. Das gilt auch für Firmen, die nicht unmittelbar mit dem digitalen Markt zu tun haben.

Zur Person

...ist Juniorprofessor für Innovations- und Kreativmanagement an der Bauhaus-Universität Weimar. Er forscht zu Entwicklung, Umsetzung und Management kreativer Ideen sowie zur Bedeutung von Kreativität für Innovations- und Strategieentwicklung. Zuvor leitete er knapp zwei Jahre die Abteilung Strategie/Marketing/Koordination am Fraunhofer-Institut in Jena.

„Nichtzulassen von Fehlern ist nachteilig für Kreativität“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Mehlhorn, Erster Vorsitzender der Gesellschaft für Kreativität e.V. in Mainz sowie Professor für Marketing und Betriebswirtschaft an der FH Mainz.

Wie lautet Ihre ganz persönliche Definition von Kreativität?

Prof. MehlhornEine einfache Begriffsumschreibung lautet: Einfalls- und Ideenreichtum auf allen Gebieten. Doch eigentlich geht es um weitaus mehr. Und zwar um die Fähigkeit zur Überwindung festgefahrener Strukturen und die Entwicklung völlig neuer Lösungsansätze. Menschen neigen dazu, in die Routinefalle zu tappen. Kreativität dagegen hilft ihnen, Perspektivenwechsel einzuleiten und den Mut zu entwickeln, andere Wege zu beschreiten. Kurzum, es handelt sich dabei um all das, was der Mensch aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten in der Lage ist zu kreieren.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass es sich beim Thema Kreativität um eines der letzten großen Tabus unserer Gesellschaft handelt.
Prof.Dr. Jörg Mehlhorn

Was sind Ihrer Meinung zufolge die Unterschiede zwischen Kreativität und Innovation?

Prof. MehlhornKreativität umschreibt die Fähigkeit, abseits ausgetretener Pfade nach neuen und besseren Lösungsansätzen zu suchen. Innovation dagegen meint die Umsetzung einer kreativen und originellen Idee in ein marktfähiges Produkt oder eine Dienstleistung. Dabei kann es sich durchaus um einen zeitlich längerfristigen Prozess handeln.

Geistesblitze entstehen selten aus dem Nichts. Wie sollte das Umfeld aussehen, damit Kreativität sich richtig entfalten kann?

Prof. MehlhornDie Angst vor der eigenen Blamage ist der Hauptfeind jeder Form von Kreativität. Daher ist die Existenz einer entsprechend toleranten und entspannten Atmosphäre, die zudem keinen Zeitdruck kennt, eine der Grundvoraussetzungen überhaupt. Schließlich beinhaltet das Abweichen von bestimmten Normlinien und festgefahrenen Denkansätzen ein hohes Maß an Experimentierfreudigkeit und birgt damit auch eine gewisse Gefahr des Scheiterns. Aber bedauerlicherweise existiert hierzulande eine mangelhafte Fehlerkultur. Das wiederum hält viele kreative Köpfe davon ab, ihre Potenziale voll zum Einsatz zu bringen und sich überhaupt auf Experimente einzulassen. Letztendlich ist dieses Nichtzulassen von Fehlern sehr nachteilig für die Kreativität selbst und damit auch für die Wettbewerbssituation, in der sich die Unternehmen befinden.

Wo herrscht eher eine kreativitätsfreundliche Atmosphäre vor, im Mittelstand oder in großen Unternehmen?

Prof. MehlhornGrundsätzlich gilt die Regel: Je größer eine Organisation, desto geringer der Mut, etwas völlig Neues auszuprobieren und zu wagen. Junge und kleine Unternehmen dagegen stehen Experimenten und neuen Ideen eher sehr aufgeschlossen gegenüber und testen erst einmal aus, mit welchen Produkten oder Dienstleistungen sie überhaupt gute Chancen auf dem Markt haben. Das scheint eine Art Naturgesetz zu sein. Große Firmen blockieren aufgrund ihrer Hierarchien sowie einer Vielzahl von Entscheidungsträgern nicht selten interne kreative Prozesse. Deswegen neigen sie auch dazu, Kreativität extern einzukaufen und beispielsweise junge Start-ups zu übernehmen, die eine zündende Geschäftsidee hatten.

Was sind die typischen Fehler im Umgang mit Kreativität?

Prof. MehlhornKreativität wird eindeutig viel zu wenig thematisiert. Manchmal habe ich deswegen den Eindruck, dass es sich bei dem Thema um eines der letzten großen Tabus unserer Gesellschaft handelt. Zu oft scheint Kreativität mit einer Art Bastelarbeit oder Trickserei verwechselt und deshalb belächelt zu werden. Doch was bewirkt ein Mensch mit seiner Kreativität? Er verschiebt ein vorhandenes Koordinatensystem. Genau das unterscheidet ihn vom Roboter, der ausschließlich intelligent, aber niemals kreativ sein kann.

Zur Person

... ist Mitbegründer und seit 2002 erster Vorsitzender der Gesellschaft für Kreativität e.V., die 1998 ins Leben gerufen wurde. Der Verein war vier Mal in Folge Partner des IdeenParks - der Technik und Bildungsmesse von ThyssenKrupp. Mehlhorn ist Initiator des Day of Creativity, der als smbolischer DENK-Tag (5. September) seit 1998 das Bewusstsein für Kreativität und deren nutzbringende Eigenschaften schärft. Darüber hinaus ist er Initiator des Kreativ-Preises CREO, der seit 2007 verliehen wird, und offizieller Pate des Wortes INNOVATIONSKRAFT.

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