Türkei: Wirtschaft am Scheideweg

Die Zeiten des stürmischen Wirtschaftswachstums in der Türkei scheinen erst einmal vorbei zu sein. Doch von seiner Dynamik hat das Land nichts verloren. Damit das so bleibt, muss jetzt insbesondere in Forschung und Entwicklung kräftig investiert werden.

Zur Jahrtausendwende noch der sprichwörtliche kranke Mann am Bosporus, schaffte das Land die Wende und wurde sogar als das „China Europas“ gehandelt.

Bescheidenheit ist nicht unbedingt eine türkische Tugend. Wenn im Jahr 2023 die moderne Türkei ihren hundertsten Geburtstag feiert, will das Land zum illustren Kreis der Top Ten der Wirtschaftsnationen aufgeschlossen haben. So jedenfalls lautet die Vorgabe der Regierung Tayyip Erdo?an. Derzeit befindet man sich auf Platz 17. Zudem entsteht in der 15-Millionen-Metropole Istanbul ein weiterer Flughafen, der gemessen an den anvisierten Passagierzahlen schon bei seiner Eröffnung nichts Geringeres als der größte Airport der Welt sein soll. Eine dritte Bosporusbrücke von gigantischen Ausmaßen befindet sich ebenfalls in der Planung. „Meiner Meinung nach ist das ehrgeizige Ziel der Regierung, im Jahr 2023 zu den Top Ten der Wirtschaftsnationen zu gehören, nicht wirklich zu erreichen“, sagt Gülay Kizilocak. „Solche Vorgaben sind eher propagandistischer Natur“, so die Expertin für politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen. „Ich glaube, dass es viel wichtiger ist, darauf hinzuweisen, welche enormen Fortschritte in den vergangenen zehn Jahren eigentlich erzielt wurden und was für ein Potenzial in der Türkei noch steckt.“ Optimistischer zeigt sich Bülent Tulay: „Nach den bisherigen Parametern wäre es durchaus vorstellbar“, so der Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Wirtschaftsvereinigung (DTW) in München. „Aufstrebende Volkswirtschaften wie Südkorea, Indien oder Brasilien werden die alte Rangordnung in naher Zukunft sowieso kräftig durcheinanderwirbeln. Ob die Türkei dann wirklich auf Platz zehn sein wird, ist vielleicht gar nicht so relevant. Schließlich ist die Schweiz in diesem Ranking nur auf Platz 19 und schlecht geht es den Menschen dort auch nicht.“

Boom am Bosporus lockt deutsche Unternehmen

In der Tat kann sich die Bilanz der Türkei durchaus sehen lassen: Zur Jahrtausendwende noch der sprichwörtliche kranke Mann am Bosporus mit einer Inflationsrate von über 25 Prozent, schaffte das Land die Wende und wurde angesichts von Wachstumsraten von über neun Prozent sogar als das „China Europas“ gehandelt. Betrug das BIP pro Kopf 2003 gerade einmal 4.534 Dollar, so werden es im Jahr 2013 laut IWF-Schätzungen wohl bereits satte 11.236 Dollar sein. „Erstmals hat eine Regierung ernsthaft den Fokus auf die wirtschaftlichen Probleme der Türkei gerichtet und beispielsweise aufgehört, marode Staatsbetriebe weiter zu subventionieren“, skizziert Kizilocak die Gründe für den Erfolg. „Zahlreiche Unternehmen wurden privatisiert. Aber viel gravierender war die Beseitigung der vielen administrativen Hürden für ausländische Investoren. Heute kann jeder innerhalb weniger Tage in der Türkei eine Firma ins Leben rufen.“Die dadurch ausgelöste wirtschaftliche Dynamik spiegelt sich auch im deutsch-türkischen Außenhandel wider. Seit dem Jahr 2000 hat sich das türkische Exportvolumen Richtung Deutschland fast verdoppelt und beträgt heute rund zwölf Milliarden Euro. Umgekehrt gehen mittlerweile deutsche Waren im Wert von über 20 Milliarden Euro in die Türkei, rund zweieinhalb Mal so viel wie noch vor 13 Jahren. Der Boom am Bosporus lockte so viele deutsche Unternehmen wie noch nie in die Türkei. Hatten im Jahr 2000 gerade einmal rund 500 deutsche Firmen eine Niederlassung vor Ort, sind es mittlerweile über 5.300.

Dynamik durch junge Bevölkerung

„Die seit 2002 stabilen politischen Verhältnisse bescherten der Türkei zweifelsohne die wirtschaftlich erfolgreichste Dekade seit ihrer Gründung“, bringt es Tulay auf den Punkt. „Davon profitierte auch die Bevölkerung. Das Durchschnittseinkommen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht.“ Dabei unterschieden sich die Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft eigentlich kaum von denen, die andere Staaten ergriffen haben, um ökonomisch wieder auf die Beine zu kommen. „Entscheidend war wohl eher die Tatsache, dass die Türkei über ein Potenzial junger und gut ausgebildeter Menschen verfügt, die bereit sind, etwas zu leisten“, so Tulay. Zwar fällt das Plus des Bruttoinlandsproduktes mit 2,6 Prozent im Jahr 2012 und voraussichtlich 3,4 Prozent in diesem Jahr derzeit ein wenig magerer aus. Doch im Vergleich zu der Eurozone, wo im vergangenen Jahr ein Minus von 0,6 Prozent registriert wurde und die Regierungen für 2013 ein Minus von 0,3 Prozent erwarten, sind das immer noch sehr beeindruckende Daten. „Kein Wunder, dass die Türkei derzeit vor Selbstbewusstsein nur so strotzt“, erklärt Kizilocak.

Image als Billiglohnland abgeschüttelt

„Selbstverständlich gingen Eurokrise und schwächelnde Weltkonjunktur auch an der Türkei nicht vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen“, meint Tulay. „Aber selbst vorsichtigen Prognosen zufolge wird das Land in den kommenden fünf Jahren ein reales BIP-Wachstum von durchschnittlich 5,2 Prozent erzielen und damit die wachstumsstärkste Volkswirtschaft unter den OECD-Mitgliedstaaten sein.“ Bei allem Optimismus und Stolz über das Erreichte befindet sich die Türkei jedoch an einem Scheideweg. Zwar hat sich das Land gerade im vergangenen Jahrzehnt zu einem bedeutsamen industriellen Standort entwickelt. Selbst technologisch anspruchsvolle Waren werden mittlerweile am Bosporus oder in Anatolien hergestellt, so dass die Türkei ihre frühere Rolle als reines Billiglohnland oder verlängerte Werkbank erfolgreich abschütteln konnte. Doch mit dieser Verlagerung auf die Herstellung komplexerer und höherwertiger Produkte wächst auch der Bedarf an Know-how und eigenen Entwicklungskapazitäten. „Genau das ist aber die Achillesferse der türkischen Ökonomie“, befürchtet Tulay. „Schließlich werden derzeit gerade einmal 0,86 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Forschung und Entwicklung investiert.“ Obwohl sich das Volumen der finanziellen Mittel in den letzten Jahren deutlich erhöht hat, hinkt man Ländern wie der Tschechischen Republik oder Südkorea immer noch hinterher.

Silicon Valley am Bosporus?

Die Verantwortlichen in der Türkei haben in den vergangenen Jahren eine Menge unternommen, um die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Zum einen setzen sie auf das Konzept der Technologieparks zum Aufbau einer innovationsfreundlichen Infrastruktur. Zum anderen wurde ein ganzes Paket an Steuer- und Abgabenvergünstigungen unter Dach und Fach gebracht, die in- wie auch ausländischen Unternehmen als Anreize dienen sollen, F&E-Kapazitäten aufzubauen oder zu erweitern. So sind seit dem Frühjahr 2009 entsprechende Aktivitäten zu hundert Prozent steuerlich absetzbar und das Fachpersonal ist weitestgehend von der Einkommensteuer befreit. „Die Entstehung dieser unter der Bezeichnung Teknokent firmierenden Technologieparks geht schon auf das Jahr 1989 zurück“, weiß Tulay zu berichten. „Die ersten fünf entstanden im Umfeld der Universitäten von Istanbul, Ankara und Izmir. Vorbild war selbstverständlich das Silicon Valley in Kalifornien. Einige wie der Middle East Technical University Park in Ankara funktionieren sehr gut.“

DAX-Konzerne wagen den Sprung

Anzeichen für ein zunehmendes Interesse an der Türkei nicht nur als Produktionsstandort gibt es bereits zahlreiche: So haben weit über sechzig internationale Unternehmen wie Daimler, Ford oder Siemens und Unilever in den vergangenen Jahren eigene Forschungs- und Entwicklungskapazitäten vor Ort aufgebaut. Und anlässlich der Eröffnung eines eigenen Innovationszentrums im Bilkent-Cyberpark in Ankara im Jahr 2010 geriet Microsoft-Chef Steve Ballmer angesichts der qualifizierten und motivierten Mitarbeiter mächtig ins Schwärmen. Aber auch namhafte inländische Telekommunikations-, Elektro- und Pharmakonzerne sind dazu übergegangen, ihre Forschungsaktivitäten zu intensivieren. „Ausländische Partner können auf zweierlei Weise am Aufbau des Hightech-Standorts Türkei partizipieren“, sagt Königs. „Einerseits, indem sie in technologiestarke türkische Firmen investieren. Andererseits, indem sie dort eigene Niederlassungen gründen und ihr Know-how mitbringen. Ein gutes Beispiel für bilaterale Zusammenarbeit ist Enerjisa, ein Joint Venture der türkischen Sabanc?-Holding und der deutschen E.ON, das vor wenigen Monaten einen Windpark im Osten der Türkei eröffnet hat.“ Aber auch die neue Mobilität vieler Deutschtürken verleiht der Wirtschaft zahlreiche Impulse. Nicht wenige zieht es in die Heimat ihrer Eltern, weil sie ihre wirtschaftlichen Perspektiven dort höher einschätzen als in Deutschland oder ein besseres Klima für Unternehmensgründungen vorzufinden glauben. Über 33.000 waren es 2011, Tendenz weiter steigend. „Wir befinden uns ganz klar in einer Wendephase“, skizziert Kizilocak die Situation. „Sehr lange dominierte eine Handvoll alter Familien mit ihren Großkonzernen das Land. Diese traditionellen Strukturen werden gerade aufgebrochen.“ Ein selbstbewusster und dynamischer Mittelstand ist im Entstehen begriffen, der das Thema Forschung und Entwicklung anders bewertet und viel offensiver angeht. Ob Bescheidenheit zu seinen Tugenden zählen wird, darf bezweifelt werden.

„Großes Potenzial junger und gut ausgebildeter Menschen“

Ein Interview mit Bülent Tulay, Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Wirtschaftsvereinigung in München.

Die Türkei hat in den vergangenen zehn Jahren eine rasante wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. Was waren Ihrer Einschätzung zufolge die Gründe für diesen Aufstieg?

TulayGanz entscheidend waren die Reformen, die die Regierung als Reaktion auf die Wirtschaftskrise in der Türkei nach der Jahrtausendwende ergriffen hat. Dabei wurde auch die Basis für ein robustes Banken- und Versicherungswesen geschaffen, so dass das Land die Wirren der Finanzkrise in den Jahren nach 2008 relativ unbeschadet überstand. Auch bekam man endlich die Hyperinflation in den Griff.

Was hat die Türkei besser gemacht als andere Länder?

TulayDie Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft unterscheiden sich eigentlich kaum von denen, die andere Staaten ergriffen haben, um ökonomisch wieder auf die Beine zu kommen. Dazu gehörten ein massiver Abbau von Subventionen der Staatsbetriebe und Privatisierungen. Entscheidend war wohl eher die Tatsache, dass die Türkei über ein Potenzial von jungen und gut ausgebildeten Menschen verfügt, die bereit sind, etwas zu leisten.

Der Bereich Forschung und Entwicklung ist noch die Achillesferse der türkischen Ökonomie.
Bülent Tulay

Aktuell schwächelt die Wirtschaft der Türkei ein wenig. Sind die Jahre mit acht und mehr Prozent BIP-Wachstum nun Vergangenheit oder handelt es sich dabei nur um eine vorübergehende Phase?

TulayDie weltwirtschaftlichen Turbulenzen der jüngsten Zeit haben auch der türkischen Konjunktur einen Dämpfer verpasst. Aber selbst vorsichtigen Prognosen zufolge wird das Land in den kommenden fünf Jahren ein reales BIP-Wachstum von durchschnittlich 5,2 Prozent erzielen und damit wohl die wachstumsstärkste Volkswirtschaft unter den OECD-Mitgliedstaaten sein.

Der weitere Aufstieg der Türkei zu einer führenden Wirtschaftsmacht funktioniert nur über die Förderung des eigenen Know-hows und Investitionen in Entwicklungskapazitäten. Gerade da zeigt die Türkei aber starke Defizite. Was muss sich ändern?

TulayIn der Tat ist der Bereich Forschung und Entwicklung noch die Achillesferse der türkischen Ökonomie. Laut den Statistikbehörden werden dafür gerade einmal 0,86 Prozent des Bruttoinlandsproduktes investiert. Auf den ersten Blick erscheint das wenig und typisch für ein prosperierendes Schwellenland. Doch gemessen am durchschnittlichen Jahreswachstum des F&E-Anteils am BIP rangiert die türkische Wirtschaft mit einer Steigerungsrate von 15,7 Prozent weltweit auf Platz zwei hinter China. Dennoch bleibt noch viel zu tun. Aktuell werden die innerbetrieblichen und akademischen Forschungskapazitäten nicht ausreichend ausgeschöpft. Darüber hinaus muss die Türkei die Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft systematischer vorantreiben, wenn es um Forschung und Entwicklung geht.

Seit einigen Jahren gibt es zahlreiche Technologieparks, die ein entsprechendes Umfeld für Hightech-Unternehmen schaffen sollen. Was sind die Erfahrungen mit diesem unter der Bezeichnung Teknokent firmierenden Konzept?

TulayDie Entstehung der türkischen Technologieparks geht auf das Jahr 1989 zurück. Die ersten fünf entstanden in Kooperation mit bedeutenden Hochschulen in Istanbul, Ankara und Izmir. Vorbild war selbstverständlich das Silicon Valley in Kalifornien. Mittlerweile existieren davon mehr als 34. Einige wie der Middle East Technical University Park in Ankara funktionieren sehr gut. Man setzt große Hoffnungen auf Teknokent. Als eine wahre Erfolgsgeschichte haben sich aber die sogenannten Organisierten Industriezonen (Organize Sanayi Bölgeleri) erwiesen. Dabei handelt es sich um von den Kommunen autarke Gebiete, auf denen sich junge und innovative Unternehmen niederlassen können und ihre Infrastruktur quasi selbst verwalten. Es gibt staatliche Anreize in Form von Steuer- und Abgabenbefreiungen. Von diesen Cluster-Oasen für Produktionsbetriebe und Investoren arbeiten bereits 276 in 80 Provinzen oder befinden sich im Aufbau.

Welche Rolle können ausländische Unternehmen bei der Entwicklung der Türkei zu einem Hightech-Standort spielen?

TulayEine ganz entscheidende! Die Türkei konkurriert schon heute mit zahlreichen Ländern, die eine günstigere Lohn- und Produktionskostenstruktur anbieten können. Als verlängerte Werkbank eignet sie sich deshalb immer weniger. Ihre junge und gut ausgebildete Bevölkerung macht sie aber geradezu prädestiniert dazu, vor Ort nicht nur komplexere und hochwertigere Waren zu produzieren, sondern auch Forschungs- und Entwicklungskapazitäten aufzubauen. Was darüber hinaus für ein stärkeres ausländisches Engagement spricht, sind die geographische Lage der Türkei als Scharnier zwischen Europa und Asien sowie ihre Nähe zu den Märkten in Südosteuropa, dem Nahen Osten, dem Kaukasus und Nordafrika.

Zur Person

...ist Präsident der Deutsch-Türkischen Wirtschaftsvereinigung (DTW). Er  ist Unternehmer und Verleger und hat Unternehmensbeteiligungen mit Vorstands- bzw. Geschäftsführeraufgaben in Deutschland und der Türkei. Tulay ist unter anderem Mitglied in der AHK Istanbul und sitzt im Integrationsrat des Freistaats Bayern. Der gebürtige Türke lebt seit 1978 in Deutschland und hat Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilian-Universität in München studiert.

„Fachkräfte suchen ihr Glück am Bosporus“

Ein Gespräch mit Gülay Kizilocak, Expertin für politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen.

Laut Bundesamt für Statistik haben im Jahr 2011 rund 33.000 Menschen Deutschland Richtung Türkei verlassen. Was motiviert diese zumeist hierzulande geborenen und oftmals gut ausgebildeten Deutschtürken, in die alte Heimat ihrer Eltern und Großeltern zu ziehen?

KizilocakIn allererster Linie sind es die beruflichen Perspektiven, die die Türkei neuerdings zu bieten hat. Das Land hat in den vergangenen zehn Jahren einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und gerade junge Menschen mit einer guten Ausbildung wollen an dieser Entwicklung partizipieren. Sie spüren dort eine Dynamik und Aufbruchsstimmung, die ihnen in Deutschland manchmal fehlt. Dabei kommt ihnen zugute, dass sie aufgrund ihrer intimen Kenntnis zweier Gesellschaften und Kulturen gegenüber vielen Gleichaltrigen mit einer ähnlichen Ausbildung dort ganz klar im Vorteil sind. Außerdem haben sie – egal wo sie sich befinden – immer eine Alternative: entweder Deutschland oder die Türkei.

Die Türkei hat einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und gerade junge Menschen mit einer guten Ausbildung wollen an dieser Entwicklung partizipieren.
Gülay Kizilocak

Wie sieht das konkret aus?

KizilocakDie Zahl der deutschen Unternehmen, die am Bosporus aktiv sind, hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verzehnfacht. Diese Unternehmen greifen gern auf das Know-how der Deutschtürken zurück, weil diese beide Länder, Sprachen und Mentalitäten aus erster Hand kennen. Dadurch eröffnen sich bikulturell sozialisierten Menschen oftmals hervorragende Karrierechancen. Sie finden dort Möglichkeiten, die für sie in Deutschland einfach nicht existieren. Ein weiterer Anreiz sind die radikal veränderten Rahmenbedingungen in der Türkei. Heute ist es dort vielfach einfacher und schneller möglich, eine eigene Firma zu gründen und aufzubauen, als noch vor wenigen Jahren. Und angesichts der oftmals in Deutschland zu beobachtenden Stagnation erscheint das nicht wenigen als eine sehr interessante Option.

Wie hoch ist der Anteil der Fachkräfte und Akademiker in dieser Gruppe der Deutschtürken?

KizilocakEs gib keine konkreten Zahlen dazu, wie sich die Gruppe dieser in die Türkei auswandernden Menschen zusammensetzt. Fakt ist aber, dass der Anteil der Jungen und gut Ausgebildeten seit über zehn Jahren kontinuierlich wächst und schätzungsweise mindestens die Hälfte ausmacht. Sie bringen ihr Potenzial in die türkische Wirtschaft ein und sind stark umworben. Zudem haben die vielen Erfolgsgeschichten eine gewisse Sogwirkung, so dass immer mehr deutschtürkische Fachkräfte oder Akademiker ihr Glück am Bosporus versuchen.

Welche Erfahrungen machen diese Menschen nach ihrer Auswanderung in die Türkei?

KizilocakSelbstverständlich treffen sie auf ein Land, das oft anders ist, als man es von Urlauben oder Familienbesuchen her kennt. Auch macht das Fehlen des gewohnten sozialen Umfelds aus Deutschland nicht wenigen zu schaffen. Darüber hinaus aber hat sich die Türkei in den vergangenen Jahrzehnten gewaltig internationalisiert. Selbst wenn Deutschland dabei in vielem eine Vorbildrolle besaß, ist die Türkei doch weitaus stärker aus dem angloamerikanischen Raum beeinflusst worden. Das erfordert von den Zuwanderern ein Umdenken und eine Neuorientierung. Aber mittlerweile existieren zahlreiche neue Möglichkeiten, seinen Einstieg in die türkische Arbeitswelt zu erleichtern. So hat sich beispielsweise in Istanbul ein Stammtisch von Deutschtürken etabliert, wo Erfahrungen ausgetauscht und Kontakte geknüpft werden oder prominente Vertreter aus Politik und Wirtschaft eingeladen werden.

Wohin gehen die deutschtürkischen Einwanderer in der Türkei?

KizilocakDer Schwerpunkt liegt ganz klar auf Istanbul! Die Stadt mit ihren über 15 Millionen Einwohnern wirkt auf sehr viele Menschen wie ein Magnet. Ihre kosmopolitische Atmosphäre ist vielleicht nur mit New York zu vergleichen und gewiss einer der Gründe, warum es immer mehr Menschen mit türkischen Wurzeln aus Deutschland an den Bosporus zieht.

Zur Person

...ist Türkeikoordinatorin am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI). Kizilocak ist seit 1991 in verschiedenen Funktionen für das Institut tätig. Unter anderem leitete sie von 1999 bis 2004 die Außenstelle der Stiftung in Berlin. Schwerpunkte ihrer Arbeit beim ZfTI sind politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen in der Türkei sowie deutsch-türkische Beziehungen, Türkei-EU-Beziehungen und die türkische Migration in Deutschland.

Weiterführende Links