Kolumne „Das Nordlicht“: 2014 – Wohin geht Europas Wirtschaft?

Die Kolumne von Torsten Windels, dem Chefvolkswirt der NORD/LB.

Der Koalitionsvertrag ist alles in allem keine Revolution. Weder zum Guten noch zum Schlechten.

2014 – Gerechter, innovativer, europäischer?

Schon wieder ein Jahr vorbei. Die Zeit rennt. Die Krisenbewältigung hingegen schleicht. Es geht in das achte Jahr der Finanzmarktkrise und das fünfte Jahr der Euro-Staatsschuldenkrise. Wieder wurde einiges abgearbeitet von der Krisenagenda, aber ein Ende ist nicht in Sicht. Immerhin blieb das Jahr einigermaßen Schock-frei.

2007 Platzen der US-Subprime-Blase
2008 Island-Pleite, Lehman-Pleite, Bankenkrise I
2009 Globale Rezession
2010 Griechenland-Krise
2011 Euro-Staatsschuldenkrise
2012 Bankenkrise II, Spanien-, Zypern-Krise
2013 Fed versucht vergeblich den QE-Ausstieg und löst weltweit Kursverfall an Finanzmärkten aus
2014 ?

Die Welt im Krisenmodus – Standortbestimmung

Die Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise ist noch nicht vorbei. Zu groß sind die Vermögens- und Schuldenüberhänge aus der Finanzblase. Die Weltwirtschaft reagiert immer noch empfindlich auf Störungen. Nicht nur in Europa. Mitte 2013 wurde dies deutlich erkennbar an den nervösen Aktien- und Rentenmärkten. Im Mai und Juli kündigte die US-Fed den Einstieg in den Ausstieg aus QE3 (quantitative easing = drittes Ankaufprogramm für Staats- und MBS-Anleihen) und weltweit fielen die Kurse von Aktien, Anleihen und US-Dollar. Als sich die Fed im September nicht traute, die Ankündigung umzusetzen, war die Überraschung wiederum groß: Aktien und Anleihen stiegen, der US-Dollar verlor aber wieder (Vertrauensverlust?)

Deutliches Signal abnormer Zustände bleiben aber auch die Null-Zinsen der Notenbanken und die Niedrigzinsen langlaufender Staatsanleihen in Europa (Bunds), den USA und Großbritannien. Dabei geht es nicht allein um den Abbau von zu hohen Staatsschulden, insbesondere in den Industrieländern. Es geht im Kern um den Abbau einer gigantischen Vermögensblase. Die Blase speiste sich teilweise aus einer virtuellen Kreditüberhebelung des Bankkapitals (Verbriefung) und teilweise aus einer Überziehung der Fremdkapitalfinanzierung auch in der Realwirtschaft (Immobilien, Konsum). Diese Überschuldung konnte nach dem Platzen der Blase nicht mehr durch nachhaltiges Wachstum bezahlt werden. Im Kern geht es seitdem um die kontrollierte Wiederherstellung der Balance aus (kreditfinanziertem) Vermögen auf der einen Seite und realer Wertschöpfung auf der anderen Seite.

Unterschiedliche Herangehensweisen

Während die USA in der Krise die Banken schnell und radikal rekapitalisiert, fusioniert oder abgewi-ckelt haben, versuchen sie die volkswirtschaftliche Überschuldung überwiegend durch Wachstum aufzulösen. Die reale Wertschöpfung soll an das nominale Vermögen herangeführt werden. Die Schuldenkonsolidierung (Abschreibung durch Preisverfall und/oder Konkurse) wird durch extreme Geld- und Fiskalpolitik stark gebremst. Man könnte von teilweiser Verstaatlichung unrentablen Vermögens oder schlechten Krediten sprechen (z.B. Hypotheken durch niedrige Zinsen und MBS-Stützung).

Europa überschuldet sich

Andersherum in Europa. Hier wurde die Bankenkonsolidierung durch nationalstaatliche Rettung verzögert, dafür aber die Überschuldung von Staaten in Angriff genommen. Obwohl auch hier durch Konjunktur- und Geldpolitik sowie die Rettung von Banken und Staaten eine unkontrollierte Anpassung verhindert wurde (Ziel: Vermeidung einer Analogie zu 1929), setzt Euroland eher auf Konsolidierung (Rezession, schrumpfende Kreditvergabe, Konsolidierung der öffentlichen Haushalte, Bankenstresstests). Auch die EZB war weit weniger offensiv als die US-Fed oder die Bank of England.

Welches Modell erfolgreicher sein wird, bleibt abzuwarten. Derzeit haben die USA die Nase vorn. Dies dürfte aber wesentlich mit dem Vorteil kongruenter Institutionen auf Höhe des Währungsraums zusammenhängen (einheitliche Fiskal- und Bankenstrukturpolitik).

Deutschland vor der Großen Koalition – gerechter, innovativer und moderner?

Krise, welche Krise? Deutschland geht es gut. Rekorde bei Beschäftigung, Steuereinnahmen und Leistungsbilanzüberschuss. Die Mahnung der EU-Kommission eines zu hohen Leistungsbilanzsaldos wurde in diesem Rahmen fast als unverschämt betrachtet. Bedenklich war unter anderem auch der unterwürfige Ton in dem die Kommission die Beschwerde vortrug. Dabei entspricht sie den EU-Stabilitätsregeln, die Deutschland als Konsequenz der Finanzmarktkrise mit verabschiedet hat. Leistungsbilanzungleichgewichte führen auf Dauer zu Instabilitäten. Es deutet sich hier schon wieder die Sonderrolle an, mit der große EU-Länder zuvor gemeinschaftlich aufgestellte Regeln missachteten. So geschehen 2004 mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt, der zuerst von Deutschland und Frankreich gebrochen wurde.

Aktuell warten alle auf die Regierungsbildung in Deutschland. Solange ruht der Politikprozess, auch in Brüssel. Eine Große Koalition in Deutschland bietet angesichts der Herausforderungen (Europa, WTO, Demografie, Infrastruktur, Bildung, Forschung, Energiepolitik, Mindestlohn) auch Chancen. Wie viel davon umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.

Große Koalition wird teuer

Nach dem Koalitionsvertrag soll Deutschland gerechter, innovativer und moderner werden. Mehrheitlich ist in Deutschland die Wahrnehmung einer sozialen Schieflage entstanden. Diese m.E. sowohl von SPD als auch von CDU/CSU wahrgenommene Problematik findet Niederschlag im Koalitionsvertrag der Großen Koalition (Stichworte: Mindestlohn, Mütterrente). Auch die kommunale Finanzmisere und das Defizit in Infrastrukturinvestitionen werden bedacht. Dritter großer Konsens ist Bildung und Forschung. Europa findet nur am Rande statt. Die vereinbarten Mehrkosten werden auf 23 Milliarden EUR beziffert. Die Rest-Opposition sieht höhere Beträge.

Die „guten Taten“ der Großen Koalition treiben öffentliche Investitionen und mittelfristig mit Mindestlohn und Mütterrente die Nachfrage konsumintensiver Einkommensschichten. Im Ergebnis wird aber auch die Wettbewerbsfähigkeit belastet (Lohnstückkosten steigen). Die Betroffenheit für die wichtigen Exportsektoren ergibt sich nur indirekt, über Vorleistungen und steigende Sozialkosten. Dies ruiniert nicht den Standort Deutschland. Stärker betroffen dürften vor allem haushaltsorientierte Dienstleistungen (tw. Handwerk, Gastronomie u.a.) sein. Die negativen Arbeitsmarkteffekte hängen dann von der Fähigkeit der Leistungsanbieter ab, die höheren Lohnkosten auf den Endkundenpreis aufzuschlagen und der hieraus resultierenden Mindernachfrage (Preiselastizität der Nachfrage, z.B. können Taxi-Unternehmen Lohnsteigerungen in den Endpreis weitergeben, aber dadurch Taxifahrten nach der Preiserhöhung verlieren). Auf der anderen Seite dürfte die Binnennachfrage gestärkt werden (Konsum). Optimistisch betrachtet könnte der Koalitionsvertrag unbeabsichtigt die Kritik am deutschen Leistungsbilanzüberschuss beenden, über die zu erwartende Dämpfung des Exports und einen konsumgetriebenen Importanstieg. Wenn es optimal läuft, steht am Ende sogar ein Schub der privaten Investition, der von der Nachfrage der privaten Haushalte und des Staates (investiv und konsumtiv) getragen würde. Ob dies dem arbeitslosen Taxifahrer nutzt, steht dahin.

Also alles in allem ist der Koalitionsvertrag keine Revolution. Weder zum Guten noch zum Schlechten. Aber m.E. bringt er Wachstum und eine ausgeglichenere Wettbewerbsposition in Euroland. Vieles wird sich im Regierungshandeln konkretisieren müssen. Einiges bleibt nicht umsetzbar und manches wurde bislang gar nicht angesprochen.

Europa – halb voll oder halb leer?

Vielleicht wird Deutschland mit der Großen Koalition auch europäischer. Im Koalitionsvertrag ist hiervon leider nichts erkennbar. Nach dem Antritt der neuen Bundesregierung dürften die Partikularinteressen der Verhandelnden (alte Bundesminister, Ministerpräsidenten, Parteiführer) hoffentlich etwas in den Hintergrund treten. Die Minister, Ministerinnen und vor allem Ministerien können sich dann wieder auf ihre bundes- und europapolitischen Aufgaben konzentrieren.

In wichtigen Europafragen gab es in den letzten Jahren oft eine ganz große Koalition im Bundestag. Zudem beginnt die Anpassungspolitik in Europa, Früchte zu tragen. Mit „Europa 2020“ liegt eine ambitionierte Innovationsagenda für Europa vor. Zwar wurde versäumt, die Gewichte für die neue Planungsperiode des EU-Haushalts 2014-2020 von der Agrar- auf die Innovationspolitik zu verschieben, doch ist die Tagesordnung für europapolitische Weiterentwicklungen auch so voll genug.

Europa schätzt Stabilität

Eine Handreichung nach Frankreich zur gleichberechtigten Ermutigung einer ambitionierteren Reformpolitik. Deutsch-französische Initiativen zur Verbesserung der Wachstums- und Wettbewerbsfähigkeit Europas insbesondere mit der Nutzung regionalwirtschaftlicher Töpfe für Süd- und Osteuropa müssen und können dem „Projekt Europa“ wieder Schwung geben. Mit derartigen Impulsen sollte dann auch die Weiterentwicklung der EU-Institutionen angegangen werden (EU-Vertrag, Abbau Legitimationsdefizit). Die Menschen in der EU wissen um die Bedeutung Europas für ihre wirtschaftliche Prosperität und die politische Sicherheit. Ein dauerhaft stabiles Deutschland in einem rezessiven, konfliktären Europa ist kaum vorstellbar.

Trotz der Rosskur in den Krisenstaaten und der finanziellen Garantien der stärkeren Länder wurden in den Euro-Staaten immer wieder Euro-freundliche Regierungen gewählt. Gerade in den Krisenländern wären anti-europäische Populisten naheliegend gewesen. Diese sind zwar stärker geworden, aber – durch meine optimistische Brille betrachtet – weniger als zu befürchten gewesen wäre. Leider melden die Umfragen ein weiteres Erstarken der EU-Gegner für die Wahlen zum EU-Parlament im Mai 2014. Und leider ist die Wahrnehmung dieser Wahl immer noch unter ihrer objektiven Bedeutung. Vielleicht braucht es aber dieses Erschrecken, um in Europa, in Euroland zusammenzurücken und nach vorn zu streben.

US-Dollar: Moral hazard durch den Emittenten der Weltreservewährung

Sollte sich die vertrauenszehrende Finanzpolitik der USA im Streit zwischen Regierung und Kongress fortsetzen, schwächt dies den US-Dollar. Eine Schwäche in der Weltleitwährung hilft zwar den (immer noch zu schwachen) US-Exporten, kommt aber die Inhaber der ca. 6,9 Billionen USD Devisenreserven (siehe Anmerkung 1 Kasten) teuer zu stehen. Inwiefern hieraus eine Neigung z.B. der chinesischen Notenbank entspringt, die Marktpreisrisiken ihrer 2,4 Billionen USD (siehe Anmerkung 2 Kasten) durch Währungsdiversifikation oder Abbau ihrer USD-Bestände zu begrenzen, bleibt offen. Alle rechnen mit der Fortsetzung der Stillhalteposition Chinas, da sich die Verkäufer von Devisen durch hieraus resultierende weitere Abwertungen nur selbst schädigen. Da auch der Euro nur begrenzt überzeugt, die Rohstoffwährungen (CAD, AUD, NZD, NOK) schon teuer und auch große Emerging Market-Währungen volatil sind, baut China seine Handlungsmöglichkeiten in eigener Währung durch bilaterale Fakturierungs- und Handelsabkommen Schritt für Schritt aus.

Alternativ: Zumeist halten die Notenbanken ihre Devisenreserven in niedrig verzinsten Staatsanleihen. Die derzeitige Niedrigzinsphase geht also zulasten der Devisenhalterländer. Die Währungskursverlierer profitieren. Noch ein Weg, die Anpassungslasten der USA auf internationale Schultern zu verteilen (siehe Anmerkung 3 Kasten). Um diesem Hase- und Igel-Spiel der USA zu entkommen, bleibt China und anderen Treasury-Haltern neben dem Verkauf auch die Vergrößerung des Risikohebels in US-Dollar durch den Kauf von höherverzinslichen USD-Assets (Aktien, M&A, Corporate Bonds, …). Dies ist bei asiatischen Staatsfonds schon seit einigen Jahren zu beobachten (auch mit Investments in Europa). Auch dies transferiert Risiken auf andere Länder, bietet aber wenigstens die Chance auf höhere Erträge aus der Erholung der US-Wirtschaft.

USA transferieren Krisenanpassung ins Ausland

Angesichts damit steigender, offener Risikopositionen wird das Dilemma der Welt gegenüber dem Weltwährungsemittenten deutlich. Die USA transferieren einen Teil ihrer Krisenanpassung ins Ausland, brauchen aber weiterhin einen Teil der Ersparnisse der Welt. Vertrauensbildung sieht anders aus. Wenn einige Spieler nicht mehr bereit sind, dieses einseitige Spiel mitzuspielen und aussteigen wollen, gilt: Der erste bekommt den besten Preis. Dies hat das Zeug für eine neue Finanzkrise und zur Auflösung der bestehenden Währungsarchitektur. Dies ist aktuell zwar kein Thema – gleichwohl ein kaum bestreitbares Problem.

Die Gegenbewegung. Da die USA weiterhin Kapital aus dem Ausland brauchen, die Investoren aber zunehmend geneigt sein könnten, ihr USD-Risiko zumindest nicht zu vergrößern, müssten die USA ihre Zinsen und den Wechselkurs erhöhen, um hinreichend attraktiv für Auslandsinvestments zu sein. Dies belastet wiederum die US-Exporte und -Konjunktur. Damit ist nicht nur der Rest der Welt in Haft der USA, sondern auch die USA sind in Haft der Welt. Ein Dilemma. Umso mehr sind verlässliche Rahmenbedingungen in den USA gefragt, die Vertrauen schaffen.

Ausblick 2014

Jenseits der obigen Überlegungen bleiben wir grundsätzlich optimistisch.

Die USA können ihr BIP-Wachstum 2014 mit stabilen Konsum, anziehenden Investitionen und einem positiven Außenbeitrag von 1,7 Prozent in diesem Jahr auf 2,7 Prozent steigern. Die Fed wird im nächsten Jahr die Leitzinsen unverändert lassen und schrittweise aus der super-expansiven Position (QE3) aussteigen. Das lange Zinsende (10-jährige US-Staatsanleihen) steigt bis Ende 2014 auf 3,30 Prozent (aktuell: 2,83 Prozent).

Die Emerging Markets leisten einen weiter zunehmenden Beitrag zum Weltwachstum und auch zur Stabilisierung der Weltwirtschaft (!). Volatile Situationen wie Mitte 2013 zeigen aber auch hier bestehende Empfindlichkeiten vom Leitkurs der USA.

Euroland befindet sich auf dem Weg der Erholung. Nach einem BIP-Rückgang um 0,4 Prozent in 2013 erwarten wir 2014 ein positives reales Wachstum von 1,1 Prozent. Dies liegt zwar immer noch deutlich unter dem Potential und wird zudem stark von Deutschland getragen, unterstreicht aber dennoch den langsamen, aber stetigen Fortschritt in Südeuropa. Am deutlichsten sichtbar wird dieser Fortschritt an den zunehmenden Leistungsbilanzüberschüssen, die Irland, Spanien, Portugal und Italien erzielen. Lediglich Griechenland konnte zwar die Defizitposition deutlich reduzieren, ist aber noch negativ. Auch die Primärsalden der öffentlichen Haushalte sind deutlich verbessert und überwiegend positiv. Was noch fehlt, ist eine wieder wachsende Binnennachfrage und der Abbau der hohen Arbeitslosigkeit in den Krisenländern. Aber diese Verzögerung ist normal in einer strukturellen Anpassungskrise.

Deutschland wird nach +0,5 Prozent in diesem Jahr mit 2,0 Prozent in 2014 wachsen. Fast doppelt so schnell wie die Eurozone, aber langsamer als die USA. Damit bleibt die deutsche Volkswirtschaft die Konjunkturlokomotive in Europa. Das Wachstum wird zunehmend vom Konsum und erwartet von den Investitionen getragen. Je nachdem wie rasch die beschlossenen Maßnahmen der kommenden Großen Koalition umgesetzt werden, kommen noch öffentliche Investitionen und der Staatsverbrauch hinzu. 2014 wird dies hingegen kaum ins Gewicht fallen. Der Konsum wird getragen von steigender Beschäftigung, real steigenden verfügbaren Einkommen, niedrigen Zinsen (fördert Kredit, demotiviert Ersparnisse) und einem robusten Konsumentenvertrauen. Der Außenbeitrag dürfte positiv bleiben, da die politisch induzierten Belastungen (s.o.) später kommen und die anziehende Konjunktur in Europa, den USA und der Weltwirtschaft die deutschen Exportsektoren ansprechen dürfte.

Wir sehen 2014 weder Inflation noch Deflation. Die EZB wird auf der Zinsseite nichts tun, aber in dem noch andauernden Umfeld von Unsicherheit stand-by bleiben. Die Stabilisierung der Eurozone dämpft die Bereitschaft der Investoren, Sicherheitsprämien für Bundesanleihen zu zahlen. Angesichts zudem anziehender US-Renditen erwarten wir bis Ende 2014 einen leichten Zinsanstieg auf 2,20 Prozent für 10-jährige Bundesanleihen (aktuell: 1,85 Prozent).

Entgegen anderer Stimmen setzen wir beim US-Dollar auf Stärke. Wesentlich begründet liegt dies in der robusteren Erholung der US-Wirtschaft gegenüber der nur langsamen Rückkehr zum Wachstum in der Eurozone. Ende 2014 wird der Euro 1,25 USD kosten (aktuell: 1,36 USD/EUR).

Ein Schlusshinweis darf leider nicht fehlen: Die Prognoseunsicherheit bleibt angesichts bestehender Unsicherheiten, riesiger Überschussliquidität und fortbestehender politischer Konjunkturen außerordentlich hoch.

1)  Quelle: IWF, Stand: Mitte 2013, Devisenreserven insgesamt: 11,14 Billionen USD, davon 6,07 Billionen USD zu Einzelwährungen zuzuordnen (allokiert), USD-Anteil = 61,9 Prozent wenn die Währungsverteilung bei den Gesamtreserven gleich ist, ergibt sich ein Betrag von 6,9 Billionen USD.
2)  insgesamt 3,66 Billionen USD, davon geschätzt zwei Drittel = 2,4 Billionen direkt in USD gehalten; Quelle: People’s Bank of China, Stand: Sept. 2013.
3)  McKinsey schätzt, dass die USA durch die Niedrigzinspolitik der Fed das Ausland mit ca. 480 Milliarden USD Kosten belastet, vgl. McKinsey Global Institute, QE and ultra-low interest rates: Distributional effects and risks, Nov. 2013, S. 13.

Der gebürtige Bremer studierte Wirtschafts­wissenschaften an der Universität Hannover. Windels begann seine Karriere bei der NORD/LB 1990 in der Abteilung Volkswirtschaft und wechselte anschließend zur niedersächsischen Staatskanzlei als Referent für Wirtschaft, Technologie und Verkehr. 1996 kehrte er zur NORD/LB zurück in die Abteilung Volkswirtschaft, die er seit Juli 2007 als Chefvolkswirt leitet.

Ausblick 2014: Going global – Exportmacht Mittelstand

Die Internationalisierung des deutschen Mittelstandes schreitet voran. Auch 2014 lockt das Ausland mit vielen neuen Perspektiven.

International aufgestellte Firmen profitieren von einer geringeren Krisenanfälligkeit. Das gilt insbesondere für Mittelständler, die auch jenseits Europas Flagge zeigen.

Langsam aber sicher nimmt die Weltkonjunktur wieder an Fahrt auf. Nach einem bescheidenen Jahr 2013 mit einem Wachstum der globalen Wirtschaftsleistung von gerade einmal 2,9 Prozent rechnen die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) für 2014 mit einem Plus von mindestens 3,6 Prozent. Auch der Welthandel schaltet einen Gang höher. Nach voraussichtlich 2,9 Prozent im Jahr 2013 wird für 2014 eine Steigerung von 4,9 Prozent erwartet. All das sind gute Nachrichten für die deutsche Exportwirtschaft. Impulsgeber bleiben derzeit weiterhin vor allem die Vereinigten Staaten, Lateinamerika sowie die ASEAN-Länder, während es in China und Indien nach Jahren des stürmischen Booms mit bis zu zweistelligen Zuwachsraten etwas ruhiger wird.

Asien und Pazifikregion bieten neue Perspektiven

Auch für den deutschen Mittelstand erweisen sich diese Regionen im Rahmen seiner Auslandsstrategien zunehmend als wichtig. „Heute engagieren sich selbst kleinere Unternehmen direkt im fernen Vietnam oder Brasilien“, weiß Peter Kranzusch zu berichten. „Dabei bilden geografische Distanzen eine immer niedrigere Internationalisierungshürde“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter und Experte für Außenwirtschaft am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Das gilt auch für die kulturelle und sprachliche Nähe, die angesichts moderner Kommunikationstechniken nicht mehr so ins Gewicht fallen wie einst. Selbstverständlich wird das Europageschäft nicht vernachlässigt, aber in Asien und in der Pazifikregion eröffnen sich Perspektiven, die der alte Kontinent kaum zu bieten vermag. Sogar im Krisenjahr 2009 konnten die aufstrebenden Märkte Asiens, Lateinamerikas oder Afrikas zum Teil stark zulegen und ihren Wachstumsvorsprung ausbauen.

Lukrative Absatzmärkte locken

Längst ist der Unternehmensalltag international geworden. Bei 60 Prozent aller deutschen Firmen macht der Auslandsumsatz heute bereits mehr als ein Fünftel des Gesamtgeschäftes aus. Bei einem Viertel aller Betriebe sind es sogar mehr als 60 Prozent. Kein Wunder, dass auch der deutsche Mittelstand seine Internationalisierung gezielt vorantreibt. Bereits zwei Drittel der kleinen und mittelständischen Unternehmen sind auf den Märkten dieser Welt aktiv. Satte 64 Prozent von ihnen planen in naher Zukunft ihr globales Engagement weiter zu intensivieren. So lautete vor einem Jahr das Resultat einer Umfrage der Creditreform unter 3.600 größeren Mittelständlern. Als Motiv nannte die überwiegende Mehrheit von ihnen die Erschließung neuer und lukrativer Absatzmärkte.

Hersteller folgen Endabnehmern

Kostengründe, früher das Hauptargument, scheinen heute eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Und auch 2014 wird dieser Trend anhalten. „Die Gründe dafür sind vielfältig“, so Kranzusch. „Zum einen folgen die KMU ihren industriellen Endabnehmern. Dies ist insbesondere bei den Autozulieferern der Fall. Aber auch in anderen Branchen erhalten zahlreiche Mittelständler Kundenanfragen aus dem Ausland und wagen den Export.“ Nach wie vor gilt die Regel: Je kleiner ein Unternehmen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es außerhalb Deutschlands aktiv ist. Aber laut KfW haben selbst 19 Prozent aller Betriebe mit weniger als fünf Mitarbeitern in irgendeiner Form Handelsverbindungen rund um die Welt, bei Betrieben mit mehr als fünfzig Mitarbeitern sind es knapp 60 Prozent. „Dabei beobachten wir eine Zunahme der Mehrländerstrategien“, erklärt der Experte. „Wie Großunternehmen gehen auch Mittelständler häufiger dazu über, bei ihrer Internationalisierung nicht nur einen einzigen Auslandsmarkt ins Visier zu nehmen, sondern direkt mehrere gleichzeitig.“ Das hat ganz konkrete Gründe. Gerade weil die Wachstumsraten in einigen BRIC-Staaten sich deutlich abzuschwächen beginnen, braucht man mehrere Standbeine, um sich gegen die wirtschaftlichen Kapriolen gerade in den Schwellenländern besser wappnen zu können.

Internationalisierung ein Muss – trotz Risiken

Selbstverständlich ist für einen kleinen Mittelständler die Internationalisierung immer ein größeres Risiko als für ein Großunternehmen. Wenn beispielsweise in Sao Paulo oder Schanghai für viel Geld Vertriebsstrukturen aufgebaut werden sollen, dann schlägt das sogar bei einem etablierten und erfolgreichen Familienunternehmen, das in der Provinz mit seinen vielleicht fünfzig Mitarbeitern mehrere Millionen Euro umsetzt, finanziell schwer ins Kontor. Aber wer nicht globalisiert, der läuft Gefahr, bald zu wenig Kunden zu haben. Zudem hilft die Internationalisierung gegen das Schwächeln der Konjunktur im eigenen Land.

Export macht zuversichtlich

Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young vom Anfang des Jahres 2013. Demnach erwiesen sich Unternehmen mit einer Auslandsstrategie in ihren Einschätzungen, wie das Jahr für sie geschäftlich laufen wird, als deutlich optimistischer als Firmen, die sich allein auf den deutschen Markt konzentrieren. So erwarteten 45 Prozent der international tätigen Mittelständler eine Verbesserung der Geschäftslage. Unter den nur in Deutschland aktiven Firmen teilten lediglich 28 Prozent diese Zuversicht. International aufgestellte Firmen profitieren von einer geringeren Krisenanfälligkeit. Das gilt insbesondere für Mittelständler, die auch jenseits Europas Flagge zeigen. Im Regelfall sind diese besser diversifiziert. „Sich zu internationalisieren bedeutet z. B. auch Produkte zu entwickeln, die genau auf die Bedürfnisse des jeweiligen Marktes zugeschnitten sind“, bringt Kranzusch es auf den Punkt. „Und das wiederum wirkt sich positiv auf die Innovationskraft und damit die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens aus.“ Wer als Mittelständler global aufgestellt ist, neigt auch dazu, mehr in seinen Betrieb zu investieren. Laut Ernst & Young planen 27 Prozent dieser Firmen, ihre Ausgaben in naher Zukunft zu steigern. Bei denjenigen ohne Auslandsgeschäft war dies nur bei 13 Prozent der Fall.

„Distanzen sind keine Hürde mehr“

Interview mit Peter Kranzusch, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Experte für Außenwirtschaft am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn.

Gemäß einer Umfrage der Creditreform sind zwei Drittel aller größeren mittelständischen Unternehmen im Ausland aktiv, 64 Prozent wollen in naher Zukunft ihr Engagement dort sogar intensivieren. Wird dieser Trend zur Internationalisierung auch 2014 anhalten?

KranzuschAuf jeden Fall – und auch die kleinen Unternehmen sind aktiv! Durch vermehrte Direktinvestitionen, Kooperationen mit Partnern vor Ort oder Exportaktivitäten wird sich das Engagement des deutschen Mittelstands im Ausland weiter intensivieren. Dabei beobachten wir eine Zunahme der sogenannten Mehrländerstrategien. Wie Großunternehmen gehen auch Mittelständler häufiger dazu über, bei ihrer Internationalisierung nicht nur einen einzigen Auslandsmarkt ins Visier zu nehmen, sondern direkt mehrere gleichzeitig.

Mittelständler suchen sich die Märkte, die zu ihren Produkten passen, weltweit.
Peter Kranzusch

Was werden 2014 die Motive von Mittelständlern sein, sich auf das Abenteuer Auslandsgeschäft einzulassen?

KranzuschDie Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen folgen die KMU ihren industriellen Endabnehmern. Dies ist insbesondere bei den Automobilzulieferern der Fall. Aber auch in anderen Branchen erhalten zahlreiche Mittelständler Kundenanfragen aus dem Ausland und wagen den Export. Die Erfahrungen haben Einfluss auf weitere unternehmerische Bereiche: Sich zu internationalisieren bedeutet z. B. auch, Produkte zu entwickeln, die genau auf die Bedürfnisse des jeweiligen lokalen Marktes zugeschnitten sind. Und das wiederum wirkt sich positiv auf die Innovationskraft und damit die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens aus.

Spielen Kostenfaktoren in Zukunft dabei eine stärkere Rolle?

KranzuschKostenfaktoren sind nicht unbedeutend, haben aber im Vergleich zu den 1990er Jahren an Gewicht verloren. Damals sind Unternehmen oftmals ins Ausland gegangen, weil dort die Personalkosten niedriger waren als in Deutschland. Diese Kostenvorteile fallen heute in einigen Ländern geringer aus und bilden daher seltener das Hauptmotiv.

Gilt das auch für die immer wieder im Zusammenhang mit der Energiewende als Argument aufgeführten explodierenden Energiekosten?

KranzuschSelbstverständlich ist das Thema Energiekosten alles andere als unerheblich. Wir beobachten aber keinen allgemeinen Trend zur Abwanderung. Das Motiv mag für einzelne energieintensive Branchen wie die Aluminiumindustrie bedeutsam sein, aber nicht für die Mittelständler im Generellen. Diese gehen dahin, wo die Absatzmärkte sind.

Mittelständler zog es früher zuerst in Länder in unmittelbarer Nachbarschaft. Später dann expandierten sie in weiter entfernte Regionen. Ist das angesichts der Schwäche vieler europäischer Märkte im Jahr 2014 überhaupt noch die Regel?

KranzuschIn der Tat gingen viele Unternehmen erst einmal in Länder, die geografisch und kulturell nahe bei Deutschland lagen. Das hat sich aber in den vergangenen Jahren gewaltig geändert. Heute engagieren sich selbst kleinere Mittelständler direkt im fernen Vietnam oder Brasilien. Dabei bilden geografische Distanzen eine immer niedrigere Internationalisierungshürde. Wir beobachten sogar, dass der Markteintritt im benachbarten Österreich oder in der Schweiz erst dann stattfindet, nachdem man sich zuvor erfolgreich in China oder gar Afrika engagiert hatte.

Woran liegt das?

KranzuschAngesichts der neuen Kommunikationstechniken werden große Entfernungen einfach nicht mehr wie einst als große Barriere wahrgenommen. Darüber hinaus ist das Wissen über vormals exotische Regionen gewaltig angewachsen. Auch gibt es zunehmend eine Bereitschaft, sich externe Expertisen einzukaufen. Erfahrene Exportmanager sind heute leichter in Deutschland zu finden als früher. Daher suchen sich Mittelständler die Märkte, die zu ihren Produkten passen, weltweit.

Zur Person

…(47) arbeitet seit 1998 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) zu den Forschungsthemen Unternehmenskrisen/Insolvenzen, Gründungen/Restarts, Absatz/Internationalisierung von KMU, Freie Berufe, Personalwirtschaft/Demografischer Wandel sowie Mittelstand in den neuen Bundesländern. Von 2004 bis 2007 war er im Auftrag des BMWi als Experte in der EU-Arbeitsgruppe zum Thema "Stigma des Scheiterns/Krisenfrühwarnsysteme" tätig. Peter Kranzusch studierte nach einer Ausbildung zum Werkzeugmacher Sozialwissenschaften an den Universitäten in Halle/S. und Nürnberg.

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