Zuckerindustrie: Bitterer Beigeschmack

Die Abschaffung der EU-Zuckerquote und das Aufkommen alternativer Süßstoffe beunruhigt die heimische Zuckerindustrie. Doch die Aussichten sind vielfältiger und positiver, als viele denken.

Die deutsche Zuckerindustrie kann vom global wachsenden Appetit auf Süßes profitieren.

Das Ende der Schonzeit naht. Für Rübenbarone und die Zuckerindustrie in Deutschland brechen ab September 2017 härtere Zeiten an – zumindest wenn es nach dem Willen der EU-Kommission geht. Denn dann wird Schluss sein mit der Zuckermarktverordnung (ZMO) und damit dem Protektionismus in Europa. Statt staatlich garantierter Mindestpreise, die deutlich über dem Weltmarktniveau liegen, Importbeschränkungen und Quotenregelungen soll auf dem Zuckersektor fortan die Marktwirtschaft Einzug halten. Nicht jeder ist davon wirklich begeistert. Die Erzeuger sowie die regionalen Rübenanbauverbände fürchten um Gewinne und Umsätze. Sie sehen sogar ihre Existenz durch den billigeren Importzucker gefährdet, der ihrer Meinung zufolge den Markt bald erobern wird.

Folgen der ersten Reform 2006

Ihre Sorgen sind nicht ganz unbegründet. Bereits im Februar 2006 wurde die Zuckerverordnung einmal reformiert, was zu einer schrittweisen Senkung des Referenzpreises für eine Tonne Weißzucker von 631,9 Euro im Jahr 2006 auf aktuell nur noch 404,4 Euro führte. Infolge der Quotenregelung durfte in der EU produzierter Zucker seither nur noch 85 Prozent des Bedarfes abdecken. Zuvor herrschte ein Selbstversorgungsgrad von 115 Prozent. Europaweit gaben daraufhin über 100.000 Landwirte den Zuckerrübenanbau auf, die Zahl der Zuckerfabriken schrumpfte von 189 auf 106. Vielen vollzieht sich daher die Entwicklung zu schnell. Erfolglos hatten Industrie und Verbände sich dafür eingesetzt, die Zuckermarktverordnung wenigstens bis zum Jahr 2020 zu erhalten. Auf diese Weise hofften sie Zeit zu gewinnen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Süßwarenhersteller atmen auf

Weiteres Ungemach droht Rüben- und Zuckerproduzenten von anderer Seite. Denn die aus Maisstärke gewonnene Zuckerlösung Isoglukose, die bis dato einen Marktanteil von weniger als fünf Prozent hatte, könnte die europäische Zuckerwirtschaft aufgrund ihrer deutlich niedrigeren Herstellungskosten vor erhebliche Herausforderungen stellen. In Abhängigkeit vom Maispreis kostet eine Tonne Isoglukose lediglich zwischen 310 und 370 Euro und ist damit ein überaus wettbewerbsfähiges Produkt. Nach dem Wegfall der staatlichen Mengenregulierungen für Zucker dürfte sich die Zahl ihrer Abnehmer vervielfachen, so die Befürchtungen. Doch des einen Leid ist des anderen Freud: Die Hersteller von Süßwaren und Softdrinks atmen auf. Ihnen war der ihrer Ansicht nach exorbitant hohe Außenschutz schon lange ein Dorn im Auge, sie rechnen daher ab 2017 in Europa mit sinkenden Preisen für den Rohstoff Zucker. Die Quotenregelung gehöre abgeschafft, denn sie habe den Zucker künstlich knapp und damit teuer gemacht. Ob sich das am Ende auch für den Verbraucher auszahlt, wird die Zukunft zeigen.

Anlass zu Optimismus

Dennoch gibt es einige gute Gründe, warum gerade die deutschen Anbauer dem Ende der EU-Zuckerquote ein wenig gelassener entgegensehen können. Zum einen zählt Zucker zu den wichtigsten Welthandelsprodukten und erfreut sich nach wie vor wachsender Nachfrage. Seit Jahren steigen sowohl die erzeugten Mengen als auch der Verbrauch kontinuierlich an. Wurden im Wirtschaftsjahr 1984/85 weltweit rund 100,4 Mio. Tonnen produziert und 98,6 Mio. Tonnen konsumiert, so waren es 2012/13 schätzungsweise schon 183,1 Mio. bzw. 168,7 Mio. Tonnen. Und während der Pro-Kopf-Verbrauch sogar in einem vom demographischen Wandel geprägten Europa seit 1962 von 30,7 Kilo auf derzeit immerhin 38,3 Kilo zulegte, vervielfachte er sich in anderen Regionen der Welt geradezu explosionsartig. Insbesondere in China mit seinem wachsenden Wohlstand hat sich der Konsum von gerade einmal 2,6 Kilo im Jahr 1962 auf aktuell 11,6 Kilo fast verfünffacht. Die Lust von mehr als einer Milliarde Chinesen auf Süßes wird wohl auch in den kommenden Jahren für ordentliche Wachstumsschübe sorgen. Eine ähnliche Entwicklung ist in Afrika zu beobachten, wo der Pro-Kopf-Verbrauch seit 1962 von 9,5 Kilo auf nunmehr 16,0 Kilo zugelegt hat. Spitzenreiter weltweit sind Brasilien, Kuba, Australien und Israel mit über 60 Kilo pro Kopf.

Zuckerpreise auf historischen Höchstständen

Zum anderen verzeichneten die Weltmarktpreise für Zucker in jüngster Zeit aufgrund von kurzfristig spekulativ ausgelösten Mangelsituationen, extremen Witterungsverhältnissen oder auch nach einem Brand im brasilianischen Verladehafen Santos im Oktober 2013, bei dem gleich mehrere hunderttausend Tonnen Zucker vernichtet wurden, immer wieder neue historische Höchststände. Ob sich dadurch die vergleichsweise hohen Zuckerpreise in Europa von derzeit rund 700 Euro je Tonne und die lange deutlich niedrigeren Weltmarktpreise nicht irgendwie doch angleichen und damit auch deutschen Rübenbauern sowie Zuckerproduzenten langfristig eine wirtschaftliche Perspektive geboten wird, kann deshalb nicht ausgeschlossen werden.

Rübe bleibt konkurrenzfähig

In Deutschland selbst wird mittlerweile deutlich mehr Weißzucker produziert als verbraucht. Noch im Wirtschaftsjahr 2010/11 lag der Konsum bei über 3,7 Mio. Tonnen und die Erzeugungsmenge bei rund 3,6 Mio. Tonnen, was einen Selbstversorgungsgrad von 98 Prozent entspricht. Zwei Jahre später wurden hierzulande fast 4,4 Mio. Tonnen hergestellt, so dass der Selbstversorgungsgrad nunmehr sogar 117 Prozent betrug. Auch wird der Löwenanteil aus Zuckerrüben hergestellt, was relativ teuer ist, denn Zucker aus Zuckerrohr lässt sich um etwa die Hälfte günstiger produzieren. Das wiederum bedeutet nicht zwangsläufig, dass die gute alte Rübe nicht mehr konkurrenzfähig ist. Schließlich müssen beim Zuckerrohr noch Transport, Logistik und Zölle zum Preis dazuaddiert werden. Darüber hinaus wird auch kräftig daran gearbeitet, die Wettbewerbsfähigkeit der Rübe durch neue Züchtungen weiter zu steigern. Wie erfolgreich die Anpassungsfähigkeit der deutschen Zuckerwirtschaft an veränderte Rahmenbedingungen sein kann, das haben die Jahre nach der Reform von 2006 bereits bewiesen. Während in fünf EU-Ländern, darunter Irland, die Zuckererzeugung komplett aufgegeben wurde, stiegen hierzulande die Erträge weiter an. Und wenn mit dem Ende der EU-Zuckermarktverordnung nicht nur die Hürden für Importe aus Nicht-EU-Ländern fallen, sondern auch die von der EU auferlegten Exportbeschränkungen, dann könnte die deutsche Zuckerindustrie vom global wachsenden Appetit auf Süßes durchaus profitieren.

Nordzucker und das „weiße Gold“

Erst vor knapp 200 Jahren entdeckten die Europäer, dass sich aus der „Runkelrübe“ der süße und wertvolle Rohstoff Zucker gewinnen lässt. Bis dahin gab es nur teuren Rohrzucker aus Übersee, den sich ausschließlich die Oberschicht leisten konnte. Heute hingegen zählt Zucker zu den wichtigsten und gleichzeitig alltäglichsten Nahrungsmitteln weltweit. Außerdem wäre die Lebensmittelindustrie wohl ohne das „weiße Gold“ gar nicht denkbar. Die Nordzucker AG zählt zu den wichtigsten europäischen Herstellern und hat in den 175 Jahren ihrer Firmengeschichte alle Höhen und Tiefen der Zuckerwirtschaft wie auch der historischen Wirren durchlaufen: Zuckerboom und -krise, Weltkriege, die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung sind Meilensteine der Unternehmensgeschichte. Heute ist das Unternehmen mit Hauptsitz in Braunschweig Europas zweitgrößter Zuckerhersteller und produziert darüber hinaus Bioethanol sowie Futtermittel aus Zuckerrüben. 3.300 Mitarbeiter verarbeiten in 13 Zuckerfabriken die Rüben von insgesamt 15.000 Zulieferern.

Unter dem Dach der Nordzucker AG bündelt sich heute fast die gesamte norddeutsche Zuckerwirtschaft.

Anfänge in Sachsen-Anhalt

Angefangen hat alles mit einer kleinen Zuckerfabrik in Klein Wanzleben in der Magdeburger Börde im heutigen Sachsen-Anhalt. 1838 gründet Landwirt Peter Wallstab dort die älteste, heute noch bestehende Rübenzuckerfabrik der Nordzucker AG. In ihren Anfängen werden hier gerade einmal  4.200 Tonnen Rüben im Jahr verarbeitet (zum Vergleich: heute verarbeitet das Werk rund 15.000 Tonnen Rüben und erzeugt 2.400 Tonnen Zucker pro Tag!). Doch Wallstab erkennt das Potenzial der aufkeimenden Zuckerwirtschaft und bringt durch die Gründung einer Aktiengesellschaft mit anderen Bauern aus der Gegend das nötige Kapital auf, um die Zuckerrübensirup- und Rohzuckerherstellung im großen Stil zu starten. „Wallstab & Co.“ produziert bald die zehnfache Menge der allerersten Fabrik und Klein Wanzleben mausert sich im Laufe der Zeit zur größten und modernsten Fabrik der Magdeburger Börde.

Wilhelminischer Zuckerboom

Von 1865 bis 1900 boomt das Geschäft mit Zucker und die einstige Nischenindustrie steigt zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig im kaiserlichen Deutschland auf. Mit professionalisierten Anbau- und Verarbeitungsmethoden erhöhen die Landwirte die Produktion um ein Vielfaches. Auch die Nachfrage wächst rasant, denn der steigende Wohlstand bringt Zucker in nahezu jeden deutschen Haushalt und lässt den Pro-Kopf-Verbrauch in dieser Zeit von 4 auf knapp 14 Kilo pro Jahr anschwellen. Zuckerfabriken schießen in Norddeutschland wie Pilze aus dem Boden, darunter auch vier Werke der Nordzucker AG, die bis heute existieren: Nordstemmen, Clauen, Schladen und Uelzen. 

Deutsche Teilung im Zuckerrübenanbau

Doch bald brechen weniger rosige Zeiten für die deutsche Zuckerwirtschaft an. Die beiden Weltkriege machen Zucker wieder zum Luxusgut, an allen Ecken und Enden fehlen bald Ressourcen und Arbeitskräfte und in der Konsequenz verliert Deutschland seine Vorreiterrolle im internationalen Zuckergeschäft. Nach 1945 kommt es schließlich zur Zerschlagung der nördlichen Anbaugebiete, der auch die Rabbethge & Giesecke AG,  hervorgegangen aus Wallstab & Co., zum Opfer fällt. Es beginnt der mühsame Neuaufbau. Besonders die Zuckerwirtschaft im Gebiet der Magdeburger Börde, darunter auch Klein Wanzleben, tut sich mit der Umstellung auf die sozialistische Planwirtschaft der sowjetischen Besatzungszone schwer.

Wirtschaftliche Durststrecke

In den fünfziger Jahren geht es dann langsam wieder bergauf. Gefragt ist nun Effizienz durch die Bündelung und Zusammenlegung von Kapazitäten. Allerdings bringen es die Konsolidierung der Branche und der technische und logistische Fortschritt mit sich, dass sich die kleinen Zuckerfabrikgesellschaften Schritt für Schritt mit den meist größeren Nachbargesellschaften zusammenschließen. Die europäische Zuckermarktverordnung stabilisiert die Rüben- und Zuckerproduktion in den späten sechziger Jahren und erweitert den Markt. 1967 formiert sich schließlich die Vertriebsgesellschaft Norddeutsche Zucker GmbH, die zunächst den Zucker von drei Gesellschaften vermarktet. Mit den Jahren schließen sich weitere Fabriken in Norddeutschland an und bündeln so am Markt ihre Kräfte. Einziger Wermutstropfen: Viele der Zuckerfabriken liegen in der DDR und hinken in Sachen Modernisierung deutlich hinterher. Die Effektivität leidet stark darunter und ehemals leistungsfähige Werke können nur noch schwer ihre Kampagnen fahren. Erst die Wiedervereinigung bringt die entscheidende Wende. Als Antwort auf den steigenden europäischen Wettbewerb überträgt die Zucker-Aktien-Gesellschaft Uelzen-Braunschweig 1997 ihre Anteile auf die Zuckerverbund Nord AG. Die Nordzucker AG ist geboren. 2003 kommt dann noch die Union-Zucker Südhannover GmbH dazu. Damit bündelt sich unter dem Dach der Nordzucker AG fast die gesamte norddeutsche Zuckerwirtschaft.

Zunehmende Internationalisierung

Im neuen Jahrtausend vollzieht das Unternehmen den Wandel von einem deutschen zu einem europäischen Unternehmen. Mit Werken in der Slowakei und Polen intensiviert Nordzucker zunächst seine Aktivitäten in Osteuropa. 2009 schließlich übernimmt Nordzucker die Danisco Sugar A/S (Nordic Sugar), die Zuckerfabrik-Standorte in Dänemark, Schweden, Finnland sowie Litauen unterhält. Damit baut die Nordzucker ihre internationale Marktstellung deutlich aus. Nordzucker umfasst nun 13 Zuckerfabriken, zwei Flüssigzuckerwerke, drei Raffinerien sowie die Bioethanolanlage „fuel 21“.

Zukunft bleibt herausfordernd

Auf diese Weise hat sich aus der kleinen Zuckerfabrik in Klein Wanzleben im Laufe der Zeit ein europäischer Konzern entwickelt. Pünktlich zum 175-jährigen Jubiläum fuhr Nordzucker im Geschäftsjahr 2012/2013 den Rekordumsatz von 2,4 Milliarden Euro ein. Doch für das Unternehmen kein Grund, sich darauf auszuruhen, denn die nächsten Herausforderungen stehen schon ins Haus. Mit dem Auslaufen der Quoten im Rahmen der Zuckermarktordnung im Jahr 2017 ist der europäische Zuckermarkt künftig dem freien Wettbewerb auf dem Weltmarkt sowie sehr volatilen Preisen ausgesetzt. Auf eine bewegte Vergangenheit folgt eine nicht minder herausfordernde Zukunft.

„Zuckerrübe ist in liberalisierten Märkten konkurrenzfähig“

Ein Interview mit Dr. Rüdiger Fuhrmann, Leitung Agrar-Banking NORD/LB.

Herr Dr. Fuhrmann, wie hat sich der Zuckermarkt in den letzten Jahren entwickelt?

Dr. FuhrmannDer Weltzuckermarkt unterliegt starken Preisschwankungen, die sich in einem zunehmenden Verbrauch für Nahrungsmittel und dem Verbrauch für die Ethanol-Herstellung einerseits und witterungsbedingten Produktionsmengenschwankungen andererseits begründen. So erreichte der Zuckerpreis nach mehreren Jahren Lagerbestandsabbau 2011 seinen Höhepunkt. Die letzten Jahre waren geprägt von einer über dem Verbrauch liegenden Produktionsmenge. Dementsprechend hat sich der Preis seit 2011 rückläufig entwickelt. Wie bei anderen Agrarrohstoffmärkten zeigt sich, dass die engeren Märkte bei gegebenen Ertragsschwankungen zu mehr Volatilität führen. Hinzu kommt die Koppelung mit dem Energiemarkt über Ethanol, wodurch zusätzliche Bestimmungsparameter hinzukommen. In welchem Umfang Zucker zukünftig für die Kraftstoffproduktion eingesetzt wird, ist schwer zu prognostizieren. Dies hängt maßgeblich von der künftigen Energiepreisentwicklung ab.

Im Zuckerrübenanbau als auch in der Rübenverarbeitung wurden erhebliche Investitionen getätigt, mit denen technischer Fortschritt zur Kostensenkung genutzt wurde.
Dr. Rüdiger Fuhrmann

Ist die heimische Zuckerproduktion zukünftig überhaupt noch konkurrenzfähig, insbesondere wenn die Zuckermarktordnung fällt?

Dr. FuhrmannDiese Frage beantworte ich eindeutig mit ja. Nicht nur bezogen auf die Zuckerproduktion wurde diese Frage immer wieder gestellt und analysiert. Im Ergebnis zeigte sich regelmäßig, dass die in Deutschland oder Europa erzeugten Feldfrüchte mit höheren Stückkosten belastet sind, als dies an anderen Standorten der Welt der Fall ist. Dies ist jedoch nicht mehr entscheidend. Zur Deckung der wachsenden Nachfrage nach Agrarrohstoffen werden alle Produktionsstandorte benötigt, auch die europäischen und deutschen Standorte. Damit stellt sich weniger die Frage der Konkurrenzfähigkeit zu brasilianischem Zucker aus Zuckerrohr als vielmehr die Frage nach der Vorzüglichkeit des Zuckerrübenanbaus im Vergleich zu alternativen Feldfrüchten wie Getreide oder Raps.

Ist die Zuckerrübe langfristig in Deutschland mit anderen Feldfrüchten konkurrenzfähig?

Dr. FuhrmannVor dem Hintergrund der wenig vorhersehbaren zukünftigen Marktentwicklungen ist diese Frage nur schwer zu beantworten. Im Rentabilitätsvergleich ist sie in einem wahrscheinlichen Preiskorridor für Agrarrohstoffe anderen Feldfrüchten auch in liberalisierten Märkten ebenbürtig, so dass davon auszugehen ist, dass auch in Deutschland zukünftig Zuckerrübenanbau stattfinden wird. Es ist allerdings zu erwarten, dass sich der Rübenanbau weiter auf Gunststandorte konzentriert. Dort ist die Rübe am konkurrenzfähigsten, und dort stehen die Verarbeitungskapazitäten.

Welche Relevanz hat in der Zuckerproduktion die Nähe zu den verarbeitenden Fabriken?

Dr. FuhrmannDie Nähe zu den Zuckerfabriken ist insofern bedeutsam, als die Transportkosten vom Feld zur Fabrik an Bedeutung gewinnen werden. Im Zuckerrübenanbau wie auch in der Rübenverarbeitung wurden in den vergangenen Dekaden erhebliche Investitionen getätigt, mit denen technischer Fortschritt zur Kostensenkung genutzt wurde. Die Verarbeitungsindustrie hat ihre Werksstandorte konzentriert und modernisiert, so dass man sagen kann: Bisher wurden die Hausaufgaben erledigt. Der Anpassungsprozess ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Ergänzend sei bemerkt, dass der internationale Wettbewerb nicht allein auf den Preis fokussiert. Auch die Produktqualität, die Beachtung von Umweltstandards etc. spielen eine bedeutende Rolle und hierbei dürften Deutschland und Europa eine Spitzenposition einnehmen.

Worin sehen Sie die Herausforderungen für die Zukunft?

Dr. FuhrmannDie Herausforderung für die nächsten Jahre wird sein, die Verträge zwischen Rübenanbauern und Verarbeitern derart zu gestalten, dass die wegfallenden stabilisierenden Elemente der Zuckermarktordnung für die Mengenplanung adäquat ersetzt werden. Hier müssen im Sinne einer gemeinsamen Wettbewerbsfähigkeit sowohl die Interessen der Zuckerrübenanbauer als auch die Interessen der Verarbeitungsindustrie Berücksichtigung finden.

Zur Person

...ist Abteilungsleiter des Agrar-Banking der NORD/LB. 1990 promovierte er in der landwirtschaftlichen Betriebslehre und kam im November 1990 zur NORD/LB, Abteilung Agrar-Banking. Von 1982 bis 1987 absolvierte er das Studium der Agrarökonomie in Göttingen und war anschließend bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Agrarökonomie der Universität Göttingen am Lehrstuhl für landwirtschaftliche Betriebslehre. Der gebürtige Kasseler wuchs auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Nordhessen auf, wo seine Eltern Ackerbau, Gemüsezucht  und Schweinemast betrieben.

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