Ratings im Mittelstand: Transparenz ist alles

Die Bewertung der Finanzkraft in Form systematisch durchgeführter Ratings hat für Mittelständler kräftig an Bedeutung gewonnen. Schließlich erleichtern positive Bewertungen den Zugang zu Kapital.

Die Vorteile von Ratings liegen auf der Hand: Die Kreditvergabe in Europa wird transparenter und Unternehmen werden künftig nach allgemein gültigen Kriterien bewertet.

„Schweigen ist Silber, Reden ist Gold“

Die Umkehrung des alten Sprichworts erfasst ziemlich genau den Kern des Prinzips Rating. Denn die Zeiten, in denen Unternehmer oftmals allein aufgrund ihrer jahrelangen Geschäftsbeziehungen zur Hausbank bei einer Tasse Kaffee die gewünschte Finanzierung erhielten, scheinen endgültig der Vergangenheit anzugehören. Dafür sorgen bereits seit 2007 die unter dem Stichwort Basel II eingeführten neuen Standards für die Vergabe von Krediten. Mit dem Jahreswechsel haben sich die Rahmenbedingungen noch einmal verändert, weil die Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften für Banken weiter verschärft wurden (Basel III).

Basel III und die Bonität

Für Unternehmen, die Fremdkapital für Investitionen benötigen, bedeutet dies ganz konkret, dass Banken heute mehr denn je ein strenges Auge auf die Bonität werfen. Diese Prüfung erfolgt über ein Rating, das auf der Basis eines Katalogs von Kriterien die Risiken bei der Kreditvergabe auf den Punkt bringt – die Systematiken sind bei allen Banken ähnlich, allerdings gibt es Unterschiede im „weicheren“ Teil der Bewertungen. Wem anschließend eine recht hohe Wahrscheinlichkeit attestiert wird, die vereinbarten Zins- und Tilgungszahlungen nicht leisten zu können, der muss wohl für seine Kredite künftig tiefer in die Tasche greifen, weil er mehr Eigenkapital bei der Bank bindet. „Solvente Schuldner“ hingegen haben es einfacher als früher.

Hinweise auf Verbesserungspotenziale

Die Diskussionen rund um das Rating haben bei deutschen Mittelständlern bereits für reichlich Verunsicherung gesorgt. Nicht wenige befürchten, dass ihre Hausbank sich nun von ihnen abwenden wird oder sie einen Kredit – wenn überhaupt – nur nach einer komplizierten und kaum nachvollziehbaren Datenanalyse erhalten. Einige sehen sogar das Vertrauensverhältnis zur Bank gefährdet. Diese Befürchtungen halten viele Experten aber für unbegründet. Eher das Gegenteil sei der Fall, glauben sie. „All das ist selbstverständlich immer davon abhängig, wie offen und transparent Banken das Thema Rating kommunizieren“, erklärt Carl-Dietrich Sander. „Und natürlich von der Bereitschaft eines Unternehmens, sich mit den Ergebnissen intensiv auseinanderzusetzen“, so der Unternehmensberater aus Neuss und Vorsitzende der Fachgruppe Finanzierung und Rating im KMU-Beraterverbund. „Durch ein Rating können ja durchaus Anreize gegeben werden, Verbesserungspotenziale zu identifizieren.“ Seiner Meinung zufolge kann der ganze Ratingprozess das Vertrauensverhältnis zwischen Kreditnehmer und Finanzinstitut deshalb sogar deutlich verbessern. Auch das Münchener Ifo-Institut gibt Entwarnung. Einer aktuellen Untersuchung zufolge berichten derzeit gerade einmal 20 Prozent der befragten Unternehmen von einer restriktiveren Kreditvergabepraxis.

Kommunikation ist alles

Firmenchefs sollten Ratings daher weniger als eine Bedrohung wahrnehmen, sondern als Chance. Wer sich rechtzeitig und gründlich auf die entsprechenden Fragen vorbereitet und die Bank in die Interna seiner Geschäftspolitik einweiht, wird tendenziell eher mit einem positiven Ratingergebnis belohnt und erhält damit deutlich günstigere Kreditkonditionen als weniger kommunikationsfreudige Unternehmen. Auch liegen die Vorteile des Ratings und der neuen Regelungen durch Basel III klar auf der Hand. Endlich wird die Kreditvergabe in Europa transparenter und Unternehmen werden künftig nach allgemein gültigen Kriterien bewertet. Zudem sind sie nicht mehr so stark vom Wohlwollen ihres einzelnen Kundenberaters der Hausbank abhängig.

Versteckte Potenziale

Unternehmen, die mit einem Rating nicht einverstanden sind, können übrigens durchaus etwas dagegen tun. „Auf keinen Fall darf aber ein Mittelständler über diese Frage in einen Streit mit seiner Bank geraten“, rät Sander. „Man sollte das Rating erst einmal zur Kenntnis nehmen und fragen, was konkret aus dem Blickwinkel der Bank zu verbessern ist.“ Wichtig ist in diesem Kontext auch die richtige Einstellung zu den Ergebnissen eines Ratings. „Hinweise und vielleicht sogar Handlungsempfehlungen sollten nicht einfach nur als Forderungen der Bank begriffen werden, sondern als Impulse zur Verbesserung der eigenen Performance. Auf diese Weise kann das Rating sich durchaus zu einem äußerst produktiven und für alle Beteiligten vorteilhaften Prozess entwickeln.“

Unterschiedliche Ansätze

Jedes Finanzinstitut hat sein eigenes und auf empirischer Basis entwickeltes Ratingsystem, das im Regelfall jährlich auf seine Aussagekraft hin überprüft wird; die Landesbanken nutzen ein gemeinsam entwickeltes Rating-Tool. Darüber sollte sich ein Mittelständler klar sein, wenn er in die Kreditverhandlungen geht. Wer eine möglichst gute Bewertung anstrebt, muss wissen, worauf seine Hausbank ganz besonders viel Wert legt. Zwar bestehen die Bewertungssysteme immer aus quantitativen und qualitativen Faktoren sowie einigen Warnindikatoren. Aber weil diese von Finanzinstitut zu Finanzinstitut anders gewichtet werden, kann die Ausfallwahrscheinlichkeit für ein und dasselbe Unternehmen mitunter recht unterschiedlich ausfallen. „Bei einem Vollrating werden die Jahresabschlüsse der letzten drei Jahre herangezogen sowie zahlreiche qualitative Fragen zur kaufmännischen Unternehmensführung bewertet, etwa Kundenabhängigkeiten, das Controllingsystem oder auch die Nachfolgeregelung“, so der Neusser Berater.

Glaubwürdigkeit wichtig

Dabei hat die reine Zahlenanalyse einen deutlich höheren Stellenwert als die qualitativen Faktoren. „Wenn aber ein 55-jähriger Familienunternehmer mit relativ guten Kennzahlen keine Aussagen darüber machen kann, wie er seine Nachfolge angehen will, dann zieht dies die Note natürlich nach unten.“ Darüber hinaus lässt sich ein positives Rating auch gut als Werbung in eigener Sache einsetzen. Bereits heute gehen einige Unternehmen damit in der Firmenkommunikation sehr offensiv um. „Das macht sich gut im Wettbewerb“, weiß Sander aus seinen Erfahrungen zu berichten. „Aber zugleich sollte man sich der Gefahr bewusst sein, dass ein Rating sich auch negativ verändern kann. Das sollte dann ebenfalls kommuniziert und nicht einfach totgeschwiegen werden, weil anderenfalls die eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht.“

Die ersten hundert Jahre: Geschichte von Ratings

Die Bewertung von Unternehmensrisiken blickt inzwischen auf über hundert Jahre Geschichte zurück. Ihren Ursprung haben sie in den USA, als im 19. Jahrhundert der Ausbau der amerikanischen Eisenbahnen größtenteils durch die Emission von Anleihen finanziert werden sollte. In diesem Zusammenhang kam es erstmals zur professionellen Bewertung in Form von Ratings für ausländische Investoren. 1914 entstand mit Moody’s die erste offizielle Ratingagentur der Welt.

Drei große Namen aus den USA sind heute die weltweit führenden Agenturen: Moody's, Standard & Poor's und Fitch. Sie bringen es nach eigenen Angaben auf einen Marktanteil von 95 Prozent. In Deutschland ist der Markt fragmentierter. Hier teilen sich die „großen Drei“ den Markt mit mehreren kleinen, oft auf mittelständische Unternehmen fokussierten, Ratingagenturen. Die Landesbanken wiederum haben für die Bewertung von Unternehmensrisiken ein Tool entwickelt und hier einen neuen Standard geschaffen, der systematisch vorgeht, aber zugleich Platz für individuelle Eigenheiten von Unternehmen lässt.

Die großen Agenturen sind seit jeher immer auch umstritten. Daher werden sie in Japan und den USA seit den 70iger Jahren staatlich geprüft und durch eine offizielle Anerkennung als "Nationally Recognized Statistical Rating Organization" (NRSRO) bestätigt. In Europa kam eine vergleichbare Initiative für eine EU-Verordnung über Ratingagenturen erst nach Ausbruch der Finanzkrise 2007 in Gang. Im Juni 2013 traten in der EU strengere Vorschriften für Ratingagenturen in Kraft, die deren Rechenschaftspflicht für ihre Ratings erhöhen. Die neuen Vorschriften sollen auch verhindern, dass sich die Märkte allzu sehr auf Ratings stützen, und gleichzeitig die Qualität des Ratingprozesses verbessern.

Ratingskalen

In Deutschland orientieren sich die meisten Kreditinstitute  an der sechsstufigen Ratingskala der Initiative Finanzstandort Deutschland, um die Vergleichbarkeit der Ratings der einzelnen Banken zu gewährleistet:

RatingstufeBeschreibungBankinternes Rating
Unternehmen mit...
1sehr guter bis guter BonitätAAA bis BBB
2guter bis zufriedenstellender BonitätBBB- bis BB+
3befriedigender bis noch guter BonitätBB+ bis BB-
4überdurchschnittlichem bis erhöhtem RisikoBB- bis B+
5hohem RisikoB+ bis B-
6sehr hohem Risikoschlechter als B-

„Angebotspalette für Finanzierungen ist heute groß“

Ein Gespräch mit Dr. Thomas Dohrmann, Senior Credit Executive im Kreditrisikomanagement der NORD/LB.

Herr Dr. Dohrmann, durch die Finanzkrise hat das Thema Rating in der Öffentlichkeit erstmals breite Wahrnehmung erfahren. Was ist dabei wichtig?

Dr. DohrmannWenn wir über Ratings sprechen, reden wir von zwei Aspekten: Das externe Rating, meist durch eine der großen Ratingagenturen wie Moody’s, S&P oder Fitch, ist meist wichtig für Kapitalmarkttransaktionen. Diese Agenturen sind in der Öffentlichkeit sehr bekannt, weil sie auch Länder bewerten. Der Großteil ihrer Arbeit jedoch besteht aus Unternehmensratings und verschiedenen anderen Ratings. Als zweite, in der Öffentlichkeit eher unbekannte Form gibt es daneben noch das interne Rating durch Banken im Rahmen von Finanzierungen. Diese sind für Mittelständler von großer Bedeutung. Dabei reden wir bei der Finanzierung von zwei Themenkomplexen: zum einen der Frage, was relevant ist für Unternehmen in Sachen Finanzierung, und zum anderen, welche Finanzierungsarten bereits genutzt werden und welche künftig in Frage kommen. Hier hat sich in den letzten Jahren viel verschoben.

Was genau hat sich auf dem Markt für Ratings seit der Krise verändert?

Dr. DohrmannSeit der Subprimekrise 2007 haben sich Wahrnehmung und Bewusstsein von Ratings deutlich verändert. Vor der Krise wussten viele kleinere Unternehmen gar nicht so viel darüber und auch nicht über die Ansätze und Methoden. Heute hingegen sind Unternehmen sehr genau darüber informiert und nutzen die Möglichkeiten häufig gezielt. Viele Unternehmen achten heute ganz genau darauf, wie Ratings über das eigene Unternehmen zustande kommen, und sie begleiten den Prozess aktiver als früher. Insbesondere für Finanzierungen ergeben sich daraus große Unterschiede für die Konditionen.

Seit der Subprimekrise 2007 haben sich Wahrnehmung und Bewusstsein von Ratings deutlich verändert.
Dr. Thomas Dohrmann

Wenn wir über Ratings sprechen, die im Rahmen von Finanzierungen erstellt werden: Welche Ratingmethode verfolgt die NORD/LB, und weicht sie von anderen ab?

Dr. DohrmannBei der NORD/LB führen wir unsere Ratings mit Hilfe des gemeinsam mit anderen Landesbanken entwickelten Rating-Tools durch. Bei der Unternehmensbewertung gehen wir aber nicht starr vor, sondern schauen uns die Einzelsituation sehr genau an. Andere Banken wiederum haben für Ratings zwar eigene Methoden entwickelt, aber Abweichungen zwischen den Ratingmethoden und den Ergebnissen einzelner Banken sind normal und eher gering zugleich – die Ergebnisse liegen meist nur um wenige Skalenpunkte auseinander. Im Kern besteht jedes Rating aus einem qualitativen und einem quantitativen Teil. Der qualitative Teil beschäftigt sich mit Fragen wie Branche, Wachstumsraten, Qualität der Leistungen eines Unternehmens, Marktanteilen oder dem Mehrwert, den das Unternehmen in der Wertschöpfungskette leistet. Im Finanzteil wiederum betrachten wir ganz dezidiert Dinge wie Marge, branchenspezifische Kennzahlen, die Zukunftsaussichten und natürlich die Verschuldung insbesondere im Verhältnis zum Cashflow, der sogenannte Leverage. Dabei gilt es, insbesondere die Wachstumstreiber zu identifizieren, denn sie bilden ja die Grundlage für die Bewertung des künftigen Cashflows.

Was ist wichtig für ein möglichst treffgenaues Rating?

Dr. DohrmannUns interessiert insbesondere das Potenzial eines Unternehmens in der Zukunft. Die Erfolge der Vergangenheit geben lediglich einen Anhalt und sind die Basis. Darüber hinaus betrachten wir auch Planungszahlen und Vorhersagen. Meist sind aktuelle Zahlen wichtiger als eine zwei Jahre alte Bilanz, denn sie erlauben in Verbindung mit den Umfelddaten, Cashflow-Szenarien für die Zukunft zu entwickeln. Besonders wichtig sind dafür sehr gute Branchenkenntnisse, um ein Unternehmen auch innerhalb seiner Branche richtig einsortieren zu können. Schließlich gelten Branchentrends meist mehr oder weniger für jedes Unternehmen. Trotzdem muss man immer auf die individuelle Positionierung eines Unternehmens in seiner Branche achten, denn gerade im Mittelstand gibt es viele Firmen, die aufgrund eines Alleinstellungsmerkmals nicht vergleichbar sind.

Wie hoch ist der Finanzierungsbedarf des Mittelstandes insgesamt?

Dr. DohrmannEs ist ja schon fast eine Binsenweisheit, dass der Mittelstand in Deutschland finanziell recht gut dasteht. Dennoch existiert Finanzierungsbedarf, insbesondere bei großen Investitionen. Dabei gab es im Gegensatz zu anderen Ländern aufgrund der größtenteils gesunden Ausgangslage der KMU nie wirklich eine Kreditklemme. Im Gegenteil, wir erleben ja seit einiger Zeit, dass in Deutschland nicht genügend Investitionen getätigt werden, die die vorhandene Kreditkapazität ausfüllen. Und der bilaterale Kredit ist nicht die einzige Finanzierungsart. Daneben wurden 2013 in Deutschland syndizierte Kredite in Höhe von 157 Milliarden Dollar aufgelegt, es flossen aber auch circa 10 Milliarden Euro in Schuldscheindarlehen. Daran sieht man, welche Bedeutung der Kredit als Mittel der Finanzierung nach wie vor hat.

Welchen weiteren Trend sehen Sie und welche Bedeutung hat dieser für die NORD/LB und deren Kunden?

Dr. DohrmannWir sehen eine wachsende Tendenz, gewisse Finanzierungen über den Kapitalmarkt abzuwickeln. Mittelständler diversifizieren sich hier in ihren Finanzierungsmöglichkeiten und folgen damit dem amerikanischen Markt. Dazu gehört auch die Entwicklung, dass sich die Rolle der klassischen Hausbank in ihrer angestammten Form wandelt. Stattdessen suchen Unternehmen sich heute einen Kernbankenkreis zur Finanzierung. Im Mittelstand sind dies zwischen drei und fünf Banken, bei den Large Caps bis zu zehn und mehr.

Welche Rolle spielt die NORD/LB als Kernbank?

Dr. DohrmannDie NORD/LB ist insbesondere bei Mittelständlern stark als Kernbank im Geschäft. Wir suchen immer das besondere Vertrauensverhältnis zu unseren Kunden und die langfristige Zusammenarbeit. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind ein enger Dialog und Transparenz äußerst wichtig. Als Kernbank arrangieren wir derzeit in mehreren Fällen syndizierte Kredite. Insbesondere bei großen Investitionen ergänzen sie den klassischen bilateralen Kredit, weil man das Finanzierungsrisiko auf mehreren Schultern verteilen will. Außerdem sind durch die Finanzkrise gerade große Exposures aufgrund der strengen Anforderungen an Banken oftmals nur noch in syndizierter Form realisierbar.

Wie würden Sie die Situation in der Finanzierung von Mittelständlern insgesamt beurteilen?

Dr. DohrmannInsgesamt ist die Angebotspalette viel größer geworden – es kommt immer darauf an, was erreicht werden soll. Ab circa 40 Millionen Euro Finanzierungsvolumen ist neben dem bilateralen Kredit auch der Schuldschein sehr geeignet, für noch größere eignen sich Unternehmensanleihen. Wir sehen auch einen Trend zu Working Capital Management oder Forderungsankäufen – der Markt entwickelt sich hier gerade sehr lebhaft, weil sich die Risiken anders verteilen lassen und Kreditlinien geschont werden.

Zur Person

...arbeitet im Kreditrisikomanagement (KRM) der NORD/LB als Senior Credit Executive. Er leitet das KRM Corporates, also die Marktfolge für Unternehmenskredite. Vor dem Eintritt in die NORD/LB war Dr. Dohrmann für Fitch Ratings und die Deutsche Bank in New York und Frankfurt tätig.

„Mit Schuldscheindarlehen sehr zufrieden“

Ein Interview mit Dr. Christof Schulte, CFO der Thüga Holding GmbH & Co. KGaA, über die Finanzierungspolitik seines Unternehmens.

Herr Dr. Schulte, welchen spezifischen Herausforderungen begegnet die Thüga als Stadtwerke-Holding derzeit bei ihren Finanzierungsaktivitäten?

Dr. SchulteDie spezifische Herausforderung liegt bei der Thüga sicherlich darin, die Besonderheiten des Geschäftsmodells zu erklären. Von der Branche her gehören wir ja zur Energiewirtschaft, aber Banken fragen uns häufig, was eigentlich unsere Peergroup sei. Von der Struktur her vergleichbare Unternehmen gibt es aber im Grunde nicht. Unsere Finanzierungspartner müssen sich im Ergebnis vielleicht noch intensiver mit unserem Geschäftsmodell auseinandersetzen, als das bei anderen Unternehmen der Fall ist.

Was sind denn aus Finanzierungssicht die Besonderheiten bei der Thüga?

Dr. SchulteNun, zunächst ist die Thüga eine Holdinggesellschaft mit Beratungstätigkeit und einem relativ kleinen eigenen operativen Geschäft. An unseren Beteiligungen – Stadtwerke und kommunale Regionalversorger in ganz Deutschland – halten wir grundsätzlich nur Minderheitsanteile; die Mehrheit liegt in aller Regel bei unseren kommunalen Mitgesellschaftern. Auf unsere wesentliche Ergebnisquelle, die Beteiligungserträge, können wir also keine „control“ im angelsächsischen Sinn ausüben. Die Antwort unseres Geschäftsmodells liegt in der gemeinsamen Interessenlage und der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit unseren kommunalen Partnern.

Wichtig ist uns das Kernbankenprinzip. Unsere Kernbanken, mit denen wir sehr eng und offen kommunizieren, sollen unser Geschäftsmodell ja nicht nur verstehen, sondern bei Bedarf auch selbst weitervermitteln.
Dr. Christof Schulte

Und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für Ihre Finanzierungspolitik?

Dr. SchulteSehr wichtig ist uns das Kernbankenprinzip. Unsere Kernbanken, mit denen wir sehr eng und offen kommunizieren, sollen unser Geschäftsmodell ja nicht nur verstehen, sondern bei Bedarf – zum Beispiel bei der Begebung eines Schuldscheindarlehens – auch selbst weitervermitteln. Dies geht nach unserer Erfahrung nicht ohne ein Grundverständnis der deutschen Energiewirtschaft und speziell der „Stadtwerkelandschaft“.

Glauben Sie, dass angelsächsisch geprägte Ratingagenturen dieses Grundverständnis mitbringen?

Dr. SchulteIch denke schon, dass wir unser Modell grundsätzlich auch Ratingagenturen vermitteln könnten. Allerdings haben wir aufgrund unserer Finanzierungsstruktur und volumina ein externes Rating bislang nicht benötigt. Gleichwohl ist es fester Bestandteil unserer Strategie, uns immer an den Erfordernissen einer Investment-Grade-Bonität auszurichten. Das wird uns auch durch die internen Ratings unserer Kernbanken bestätigt.

Was heißt das konkret für Ihre Finanzierungsziele?

Dr. SchulteZunächst ist – bei einer Eigenkapitalquote von rund 45 Prozent – Fremdkapital ein struktureller Bestandteil unserer Bilanz, um Kapitalkosten zu optimieren. Da wir im Wesentlichen in Beteiligungsvermögen investiert sind, enthält unser Ergebnis kaum Abschreibungen. Gleichzeitig schütten wir einen Großteil unseres Ergebnisses wieder aus und es ist nicht Bestandteil unserer Strategie, über das Veräußern von Beteiligungen Liquidität zu generieren. In diesem Spannungsfeld bekennen wir uns zu einer maßvollen Verschuldung. Unser wichtigstes Finanzierungsziel ist, dass die Leverage Ratio – das Verhältnis aus Nettoverschuldung und EBITDA – nicht nachhaltig den Faktor 3,0 übersteigt. Dies ist bei unserem aktuellen Fremdkapitalvolumen von circa einer Milliarde Euro gegeben.

Wie bewerten Ihre Kernbanken diesen Punkt?

Dr. SchulteUnsere Kernbanken sind nach allem, was wir hören, mit diesem Ansatz sehr einverstanden. Was uns natürlich hilft, ist die außergewöhnliche Stabilität unseres Cashflows, insbesondere aus dem Beteiligungsergebnis, die wiederum verschiedene Ursachen hat – nicht zuletzt die Diversifikation über rund 100 Beteiligungsunternehmen.

Die Thüga Holding hat seit 2010 insgesamt vier Schuldscheindarlehen aufgelegt, davon bereits zwei mit der NORD/LB. Worin liegt aus Ihrer Sicht die besondere Attraktivität dieses Instruments?

Dr. SchulteSchuldscheindarlehen ermöglichen uns lange Laufzeiten zu attraktiven Konditionen und tragen natürlich dazu bei, unsere Investorenbasis über den Kernbankenkreis hinaus auszudehnen. Insgesamt fühlen wir uns mit dem Instrument sehr wohl. Wir haben in unseren vier Transaktionen jeweils mehrere Tranchen in unterschiedlichen Laufzeiten angeboten und uns so insgesamt 176 Einzelinvestoren erschlossen, wie gesagt ohne externes Rating. Unter den Investoren finden sich insbesondere viele Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken, die als Anknüpfungspunkt ja im Grunde fast alle ein Stadtwerk oder einen kommunalen Regionalversorger aus der Thüga-Gruppe in ihrem Gebiet haben.

Welche Vorbereitungen waren im Vorfeld der Schuldscheinemissionen notwendig und wie haben Sie diese abgewickelt?

Dr. SchulteMittlerweile können wir bei Schuldscheintransaktionen auf eine sehr etablierte Dokumentation aufsetzen, die auch in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Arrangeuren – natürlich Kernbanken der Thüga – immer Bestand hatte. Zu jeder Schuldscheintransaktion erstellen wir eine ausführliche Unternehmenspräsentation mit einer Darstellung unseres Geschäftsmodells, unserer strategischen Ziele sowie relevanter Finanzinformationen. Diese können die Arrangeure dann im Rahmen der Vermarktung verwenden. Daneben erstellt in der Regel einer der Arrangeure ein Emittentenprofil, das unter anderem unser Finanzprofil beleuchtet und sich mit Stärken und Schwächen auseinandersetzt. Darüber hinaus haben wir gute Erfahrungen mit physischen Investorenveranstaltungen gemacht, nicht zuletzt, weil wir uns dabei jedes Mal aufs Neue mit kritischen Fragen von Finanzierungspartnern außerhalb des eingespielten Kernbankenkreises auseinandersetzen dürfen.

Und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der NORD/LB?

Dr. SchulteMit der NORD/LB haben wir sowohl 2010 als auch 2012 sehr gute Erfahrungen gemacht, was sich sowohl auf die Zusammenarbeit während der Transaktion als auch auf das Ergebnis bezieht, d.h. das Zeichnungsvolumen und die Konditionen. Die NORD/LB ist ja nicht nur einer unserer größten Kreditgeber und insofern bestens mit der Thüga vertraut, sondern verfügt als Landesbank naturgemäß über enge Bande ins Sparkassenlager, aus dem wie gesagt ein Großteil unserer Schuldscheininvestoren kommt.

Planen Sie auch für 2014 eine Schuldscheinemission?

Dr. SchulteAus heutiger Sicht ist das für 2014 nicht geplant. Wir haben ja derzeit schon gut die Hälfte des Fremdkapitalvolumens über Schuldscheine dargestellt. Selbst wenn der Schuldscheinmarkt uns weiterhin so attraktive Kombinationen aus Laufzeit und Zins bietet, werden wir unserem anderen Standbein in der Finanzierung – klassischen bilateralen Darlehen unserer Kernbanken – auch weiterhin einen angemessenen Stellenwert einräumen. Diese Darlehen bilden die Grundlage für vieles Weitere im Bereich der Finanzierung.

Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrer Hybridanleihe: Warum haben Sie sich im vergangenen Jahr zu diesem Schritt entschlossen?

Dr. SchulteWir haben uns schon länger mit dem Instrument Hybridanleihe auseinandergesetzt, das bei entsprechender Ausgestaltung in unserer Konzernbilanz, die wir nach IFRS aufstellen, als Eigenkapital ausgewiesen wird und somit die Finanzverbindlichkeiten nicht erhöht. Gleichzeitig können die Kuponzahlungen für ertragsteuerliche Zwecke als Betriebsausgaben geltend gemacht werden. 2013 haben wir uns zu der Transaktion entschlossen, nachdem uns unter anderem mehrfach entsprechende Interessensbekundungen von Unternehmen aus der Thüga-Gruppe zugegangen sind. Im Ergebnis haben wir die Hybridanleihe über 50 Millionen Euro ausschließlich in unserer Gruppe platziert, wobei die Anleihe über die Börse gehandelt werden kann und allen üblichen Marktstandards entspricht.

Zur Person

...ist seit 2011 Mitglied des Vorstands und CFO der Thüga Aktiengesellschaft. Zudem ist er Mitglied der Geschäftsführung der Thüga Management GmbH, der wiederum die Geschäftsführung der Konzernmutter Thüga Holding GmbH & Co. KGaA obliegt. Christof Schulte verfügt über rund 15 Jahre Sektorerfahrung in der Energiewirtschaft und war lange Jahre in verschiedenen leitenden Positionen im E.ON-Konzern tätig. Er ist Diplom-Kaufmann und promovierte an der Universität Passau.

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