Kleine Dosis, große Wirkung

F&E-Investitionen sichern der deutschen Chemieindustrie ihren Wissensvorsprung. Gerade die Spezialchemie gewinnt dabei immer mehr an Bedeutung.

Innovationen und die Spezialchemie gewinnen immer mehr an Bedeutung, um sich besser im internationalen Wettbewerb behaupten zu können.

Manchmal ist es eben doch Kollege Zufall oder ein Versehen, dass Forscher zu neuen Erkenntnissen kommen. So tüftelte ein norddeutscher Mittelständler aus dem Bereich Spezialchemie monatelang an einer Alternative zu den herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus, um Smartphones, Notebooks und sogar Elektroautos endlich zu mehr Durchhaltevermögen zu verhelfen. Doch die Ergebnisse blieben aus. Dann vergaß eines Abends ein F&E-Mitarbeiter, die Luftentfeuchtungsanlage in seinem Labor auszuschalten. Als tags darauf die Versuchsreihe fortgesetzt werden sollte, stellte er überrascht fest, dass sich die Leistungswerte seiner Akku-Zellen im Vergleich zum Vortag deutlich verbessert hatten. Nun wusste man, dass sich eine extrem trockene Umgebung negativ auswirkt und ein Minimum an Luftfeuchtigkeit notwendig ist für eine längere Laufzeit. Der Durchbruch war geschafft und auch die Strategie des Vorstands, in Sachen Forschung einen langen Atem zu bewahren und sich bei der Entwicklung neuer Produkte auf die Spezialchemie zu konzentrieren, sollte sich nun auszahlen.

Vielversprechende Zukunft der Branche

Solche Szenarien zählen natürlich zu den glücklichen Zufällen in den Entwicklungsabteilungen der Chemieindustrie in Deutschland. Kein Zufall ist dagegen der Erfolg der meist mittelständischen Unternehmen der Branche, sondern vielmehr das Ergebnis einer nachhaltigen Innovations- und Standortpolitik. Die Zeichen stehen daher auch weiterhin auf Wachstum – sogar in konjunkturell turbulenten Zeiten. Ersten Schätzungen zufolge erhöhte sich die Produktion im Jahr 2013 um 1,5 Prozent und der Umsatz der gesamten Branche stieg um 0,5 Prozent auf 187,7 Milliarden Euro. Und weil die Weltwirtschaft laut einer vom Marktforschungsinstitut Prognos und dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) gemeinsam erstellten Studie bis zum Jahr 2030 durchschnittlich um 3 Prozent zulegt, sieht auch die Zukunft der Chemieindustrie sehr vielversprechend aus. Denn die Branche befindet sich ganz am Anfang zahlreicher Wertschöpfungsketten. 82 Prozent aller chemischen Produkte gehen als sogenannte Vorleistungsgüter in nachgelagerte industrielle Prozesse. Egal ob es sich um Autolack für die Fahrzeughersteller handelt oder um eine bestimmte Sorte Stahl im Maschinenbau – neue Fahrzeuge, Smartphones oder Roboter werden fast immer erst durch Innovationen im Chemielabor möglich.

Fachwissen und Expertise als Mehrwert

Genau deshalb rechnen die Experten von Prognos und VCI damit, dass trotz der erstarkenden Konkurrenz aus dem Nahen Osten und China die Produktion chemischer Produkte in Deutschland bis 2030 jährlich durchschnittlich um mindestens 1,8 Prozent wachsen wird. Dabei wird einer ganzen Reihe deutscher Chemieunternehmen durchaus das Potenzial attestiert, weitaus stärker expandieren zu können. Global geht man sogar von einem jährlichen Plus in der Branche von 4,5 Prozent aus. Davon profitieren aber in allererster Linie die aufstrebenden Industrienationen wie China oder Indien, die ihre Kapazitäten massiv ausbauen. Auch wenn derzeit einige Schwellenländer leicht schwächeln, so bleiben sie langfristig dennoch die Wachstumstreiber. Von dem hohen konjunkturellen Tempo, das ein Land wie China vorlegt, profitiert die deutsche Chemieindustrie ganz besonders. Denn vieles, was im Reich der Mitte an Spezialchemie benötigt wird, um beispielsweise moderne Solarpanels oder LED-Leuchten herzustellen, kann noch nicht von einheimischen Chemieunternehmen geliefert werden, sondern stammt aus den Werken ausländischer Produzenten.

Drittwichtigster Industriezweig

Nicht ohne Grund ist die Chemiebranche daher gemessen an der Beschäftigungszahl nach der Autobranche und dem Maschinenbau der drittwichtigste Industriezweig in Deutschland. Die Unternehmen beschäftigen rund 436.500 Mitarbeiter, Tendenz leicht steigend. Über 90 Prozent der Branche zählen zum Mittelstand, so das Statistische Bundesamt. Die Industrie ist dennoch weitestgehend international aufgestellt. So erzielen die Tochterunternehmen im Ausland fast genauso viel Umsatz wie in Deutschland selbst.

Entscheidende Hürden

Aber die erfolgsverwöhnte Branche steht dennoch vor zentralen Herausforderungen: Zum einen verschiebt sich die Nachfrage nach Chemikalien weiter in Richtung Schwellenländer. Zum anderen erhöht sich der Konkurrenzdruck. Daher gewinnen Innovationen und die Spezialchemie immer mehr an Bedeutung, um sich besser im internationalen Wettbewerb behaupten zu können. Prognos und VCI gehen in ihrer Studie davon aus, dass der Anteil von Spezialchemikalien an der Gesamtproduktion von 43,3 Prozent im Jahr 2011 auf 46,6 Prozent im Jahr 2030 kontinuierlich ansteigen wird. Und weil die Energiekosten hierzulande das Produzieren kontinuierlich teurer machen, wird sich der Anteil der Basischemikalien an der Gesamtproduktion im selben Zeitraum von 37,2 Prozent auf 33,9 Prozent verringern. Einfache und austauschbare chemische Produkte können auf Dauer in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig hergestellt werden. Auch wenn die Basischemie ein wichtiges Standbein bleibt, empfiehlt der Verband der Chemischen Industrie seinen 1.650 Mitgliedsunternehmen in Deutschland angesichts dieser Entwicklungen eine stärkere Fokussierung auf die Spezialchemie.

Verstärkte Forschungsanstrengungen

Ihre führende Position auf den Märkten dieser Welt kann die deutsche Chemieindustrie nur dann behaupten, wenn auch weiterhin reichlich Ressourcen in die F&E-Abteilungen fließen. Die Forschungsetats werden sich deshalb bis zum Jahr 2030 auf rund 18,5 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Das entspricht einer jährlichen Steigerungsrate von 4 Prozent. Markttrends müssen frühzeitig erkannt werden und Netzwerke innerhalb und außerhalb des Unternehmens aufgebaut werden. Während die Investitionen in die Basischemie relativ konstant bleiben, wird sich die Forschungsintensität in der Spezialchemie wohl deutlich erhöhen und damit den Gesamttrend der Branche in Richtung anspruchsvollerer Produkte widerspiegeln.

Industriekunden im Zentrum

Gerade die Kunden aus der Industrie repräsentieren für die Spezialchemie den treibenden Wettbewerbsfaktor. Konkret bedeutet dies, dass die Kunden- und Anwendungsorientierung weiter in den Vordergrund rücken wird, was wiederum ein Mehr an Investitionen in F&E erfordert. Nur so kann der Innovationsvorsprung insbesondere gegenüber der wachsenden Konkurrenz aus China aufrechterhalten werden. Und die schläft nicht. Lag im Jahr 2000 der chinesische Anteil der globalen Ausgaben für die Chemieforschung noch bei gerade einmal 0,6 Prozent, so sind es heute mehr als 7 Prozent. 2030 werden es aller Voraussicht nach satte 15 Prozent sein. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Anteil derzeit 12,2 Prozent, er wird aber aufgrund der zunehmenden Intensität im Innovationswettbewerb bis 2030 auf 10,4 Prozent sinken.

„Finanziell gibt es für die Forschung durchaus Luft nach oben“

Ein Interview mit dem Innovations- und Technologiemanagement-Spezialisten Professor Dr. Rudolf Jerrentrup von der Hochschule für Oekonomie und Management (FOM) in Essen.

Laut einer Prognos-Studie soll die Basischemie in Deutschland bis 2030 zugunsten der Spezialchemie um 3,3 Prozent schrumpfen. Ist dies angesichts des rasanten Wachstums der Produktion in China nicht zu moderat?

Prof. JerrentrupIn der Tat erkenne ich einen Trend in der deutschen Chemieindustrie in Richtung Spezialchemie. Bei der Basischemie handelt es sich oft einfach um Volumenprodukte, bei denen in erster Linie der Zugang zu Rohstoffen und günstiger Energie zählt. Tendenziell sehe ich die Verschiebung in Richtung Spezialchemie stärker als die genannte Zahl. Zudem bewegt die aktuelle Kostensituation die chemischen Unternehmen derzeit dazu, vermehrt in Spezialchemie zu investieren. Hier wird es in den kommenden Jahren noch wichtiger, sich mit Innovationen differenzieren zu können.

Insbesondere China wird als Markt immer bedeutsamer. Wie sehen Sie die Entwicklung der globalen Märkte und die Rolle der Standorte USA, Europa, Mittlerer Osten und China?

Prof. JerrentrupViele Spezialchemiehersteller sind weltweit tätig, bauen aber ihre Produktionskapazitäten in Europa nicht mehr signifikant aus. Stattdessen werden verstärkt vorhandene Kapazitäten genutzt. Die Investitionen verlagern sich noch immer nach China, wo die Nachfrage ja auch am stärksten ist. Der Wachstumsmarkt wird sich für die deutschen Hersteller in China allerdings leicht abschwächen, denn die Chinesen rücken auch qualitativ nach und kaufen im Zweifel dann lieber heimische Produkte. Die USA sind als Standort derzeit sehr attraktiv aufgrund ihrer günstigen Energiepreise, über kurz oder lang dürften dort aber auch Überkapazitäten entstehen. Diese gilt es im Blick zu behalten. Middle East wiederum ist interessant aufgrund der Rohstoffnähe, für die dortigen Player rückt die Weiterverarbeitung von Chemikalien in den Fokus.

Mittelständler müssen sich vom Wettbewerb abheben, um im Premiumbereich überleben zu können.
Professor Dr. Rudolf Jerrentrup

Wie sehen Sie die deutschen Spezialchemie-Unternehmen im globalen Wettbewerb positioniert bzw. gibt es überhaupt eine deutsche Branche oder reden wir eher über verschiedene Standorte rund um den Globus?

Prof. JerrentrupZutreffender wäre sicher, nicht von einer „deutschen“ Spezialchemie zu sprechen, sondern eher von deutschen Unternehmen, die Standorte rund um den Globus betreiben. Unternehmer müssen heute dort sein, wo der Kunde ist. Deshalb investieren sie derzeit nach wie vor in erster Linie in Asien – in Europa zu investieren ist hingegen kaum noch interessant. Trotzdem liegt in Europa und insbesondere in Deutschland der Schwerpunkt auf neuen Geschäftsfeldern und neuen Chemikalien. Die größeren deutschen Spezialchemieproduzenten sind mittlerweile international breit aufgestellt. Mittelständlern fällt die Internationalisierung naturgemäß etwas schwerer als Großkonzernen. Doch diejenigen, die in den Emerging Markets neue Chemikalien für die spezifischen Anforderungen vor Ort entwickeln, sind meist hervorragend aufgestellt. Hinzu kommt, dass sich spezialchemische Anlagen nicht ohne Weiteres in andere Länder verschieben lassen – umso wichtiger ist für Mittelständler bei jedem neuen Investment die Entscheidung, in welchem Land dieses getätigt werden soll. Allerdings sind die hohen Energiepreise gerade in Deutschland ein Problem für die Branche.

Welches sind die vielversprechendsten Wachstumsfelder?

Prof. JerrentrupDas größte Potenzial versprechen die sich weltweit entwickelnden Sektoren alternative Mobilität und Energieeffizienz sowie nachwachsende Rohstoffe und die Substitution von Öl generell. Auch wer seine Verbundmaterialien so weiterentwickelt, dass sie noch weitere Funktionen erfüllen können, hat gute Aussichten. Ich denke da beispielsweise an durchsichtige Folien, die isolieren und zugleich aus Sonnenlicht Strom erzeugen. Hier könnte man auch über Einsatzgebiete beispielsweise in der Autobranche oder der Bauindustrie nachdenken. Zudem bietet die Nanotechnologie große Wachstumsmöglichkeiten dank der Vielzahl an Anwendungsbereichen. Trotzdem gilt es, wachsam zu sein: Auch in der Spezialchemie kann die Nachfrage durch einen Technologiewechsel abrupt einbrechen.

Abgesehen von mehr Innovation und mehr Effizienz: Wie sollten die Forschungsanstrengungen der chemischen Industrie in Deutschland in den kommenden Jahren aussehen? Wo sehen Sie Innovationspotenziale?

Prof. JerrentrupGrundsätzlich werden die Forschungsbudgets der chemischen Industrie in den nächsten Jahren steigen. Wer die Ausgaben für Forschung mit denen anderer Branchen vergleicht, stößt auf relativ hohe Budgets. Allerdings steckt die Spezialchemie auch einen großen Teil in Grundlagenforschung. Branchen wie z.B. der Maschinenbau entwickeln oft mit den Kunden zusammen. Damit wird das Entwicklungsbudget nicht so sichtbar und die Darstellungen der Ausgaben sind deshalb nicht unbedingt miteinander vergleichbar. Finanziell gibt es für die Forschung allerdings sicherlich noch Luft nach oben.

Wie gehen die Firmen das Thema Innovation an?

Prof. JerrentrupBeim Thema Innovation entwickeln die meisten noch stark aus dem eigenen Unternehmen, also von innen heraus – ergänzt durch Kooperation mit externen Partnern wie Kunden, Lieferanten oder auch Universitäten. Künftig könnte sich die Forschung neben dieser Art „open innovation“ auch weiterer, unkonventionellerer Methoden bedienen und den Fokus z.B. auf branchenübergreifende Ansätze verlagern, um damit neue und gegebenenfalls auch bisher unbearbeitete Märkte zu erschließen. Dieses Vorgehen konnte ich bisher nur bei wenigen Playern beobachten. Gerade bei Mittelständlern sehe ich Partnerschaften mit anderen Industriebereichen eher selten.

Spezialchemikalien erfordern komplexe Arbeitsprozesse, deren Optimierung Grenzen hat. Was können Unternehmen trotzdem tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Prof. JerrentrupImmer kürzere Lebenszyklen bei Produkten erhöhen die Variantenvielfalt bei Chemikalien. Dies steigert wiederum die Komplexität. Langfristig wird sich diese für die Hersteller weiter erhöhen, so dass solides Komplexitätsmanagement an Bedeutung gewinnt. Da inkrementelle Innovationen, also die schrittweise Verbesserung einzelner Produkte, die Komplexität nur noch weiter erhöhen, darf auch Mut zu radikaler Innovation nicht fehlen. Durch radikale Innovation, die in neue Geschäftsfelder führt, lässt sich Komplexität oft deutlich reduzieren.

Was könnten die Unternehmen noch tun, um sich einen größeren Anteil am weltweiten Wachstum der Chemieproduktion zu sichern?

Prof. JerrentrupAuch wenn viele ihre Entwicklungsbudgets künftig hochfahren – Wachstum ist immer auch eine Frage der Unternehmenskultur. Insbesondere radikale Innovationen erfordern einen großen Freiraum. In Deutschland fehlt manchmal der „Mut zum Abbruch“, den ich in ausländischen Unternehmen eher beobachte. Anstatt noch Monate an Ideen oder Produkten festzuhalten, obwohl sie kaum Potenziale bergen, sollten sie schneller aufgegeben werden. Es scheint an der deutschen Mentalität zu liegen, am Bestehenden festhalten zu wollen, anstatt etwas Neues zu versuchen – eine im globalen Wettbewerb hinderliche Eigenschaft. Dazu ist es notwendig, die Gates im Innovationsprozess konsequent einzuhalten und Projektabbrüche positiv zu bewerten. Hier haben uns z.B. die USA einiges voraus.

Worauf sollten Mittelständler achten, um im globalen Wettbewerb weiterhin gut aufgestellt zu sein?

Prof. JerrentrupMittelständler müssen sich vom Wettbewerb abheben, um im Premiumbereich überleben zu können. Die gegenwärtige Diskussion um die Energiepreise halte ich grundsätzlich für wichtig, sie sollte allerdings kein Grund zur Standortverlagerung sein. Wichtig ist es, vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten für mehr Innovationen zu nutzen. Zudem sollten sie die Anforderungen der lokalen Märkte vor Ort verstehen lernen und daraufhin eine Lösung in Kooperation mit dem Kunden entwickeln. Diese Offenheit für die Anforderungen der Märkte sehe ich als Erfolgskriterium.

Zur Person

...lehrt seit 2004 an der Hochschule für Oekonomie und Management (FOM) in Essen, einer der führenden privaten Hochschulen Deutschlands. Der promovierte Verfahrenstechniker arbeitet zudem als Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Innovationsmanagement, Technologieberatung und Prozessoptimierung in der verarbeitenden Industrie, insbesondere der Chemieindustrie, und blickt auf jahrelange praktische Erfahrungen als Industriemanager zurück.

„Fällt die EEG-Befreiung, wird es für die deutschen Hersteller kritischer“

Ein Interview mit Dr. Achim Riemann, Mitgründer und Managing Director der International Chemical Investors S.E., über die Entwicklung der deutschen und europäischen Fein- und Spezialchemiebranche.

Im Portfolio der International Chemical Investors Group befinden sich 23 unterschiedliche Spezialchemie-Unternehmen, die in die Untergruppen GMP Feinchemie & Pharmazeutika, Non-GMP-Feinchemie, Performance Chemicals und Polymere unterteilt sind. Was eint diese doch sehr unterschiedlichen Firmen?

Dr. RiemannWir sind im Wesentlichen Lohnproduzenten für die großen Chemie- und Pharmaunternehmen und haben zwei zentrale Portfolien. Das eine ist der Bereich Non-GMP, also die Feinchemie außerhalb der Pharmazie. Hier zählt die WeylChem-Gruppe zu den weltweiten Top-Drei-Anbietern in der Auftragssynthese insbesondere für die großen Agrochemiekonzerne. Außerdem haben wir noch den Bereich GMP, in dem wir Pharmafertigung anbieten, wo wir das gesamte Spektrum von der Wirkstoffherstellung bis zum fertigen Produkt offerieren. Die Unternehmen der Corden-Pharma-Gruppe haben spezialisierte Technologien für die Entwicklung und Herstellung pharmazeutischer Wirkstoffe sowie Arzneimittelformulierungen im Portfolio. Daneben betreiben beide Gruppen auch noch ein Geschäft mit eigenen Linienprodukten wie z.B. generischen Wirkstoffen bei Corden Pharma und Bleichaktivatoren und weiteren Hilfsmitteln für Waschmittelformulierungen bei der WeylChem.

Wie entstand die Idee zu International Chemical Investors?

Dr. RiemannAls wir International Chemical Investors 2005 gegründet haben, befand sich die europäische Chemiebranche gerade mitten in einer großen Restrukturierungsphase – und hier wollten wir mitmischen. Über die Jahre haben wir nach und nach Unternehmen in vier Sparten übernommen, sie in der Regel restrukturiert und in unser Portfolio eingebracht. Inzwischen sind daraus 23 Unternehmen geworden und wir sind auch heute immer auf der Suche nach interessanten Übernahmekandidaten. Im Bereich der Non-GMP-Feinchemie stehen allerdings seit einiger Zeit nicht mehr viele Unternehmen zum Verkauf. Dagegen ist unsere Pharmasparte noch vergleichsweise klein und wir planen, sie in den nächsten Jahren deutlich auszubauen.

Innovation findet zunehmend auch bei vielen kleinen virtuellen, auf Netzwerken basierenden Unternehmen statt, die insbesondere die Entwicklung und Vermarktung übernehmen.
Dr. Achim Riemann

Welche Rolle spielt die Innovation heute in der chemischen Industrie?

Dr. RiemannDie Entwicklung auf dem Markt hat sich in der Chemie in den letzten Jahrzehnten von der Produktinnovation hin zur Anwendungsentwicklung über Formulierungen mit etablierten Produkten verschoben und findet heute vorwiegend im Performancechemiebereich statt. In der Pharmaindustrie kann man beobachten, dass Innovation neben den großen Pharmafirmen zunehmend bei vielen kleinen virtuellen, auf Netzwerken basierenden Unternehmen stattfindet, die insbesondere die Entwicklung und Vermarktung übernehmen. Wir haben es in Pharma generell mit einer Fokussierung der Unternehmen der Branche auf Entwicklung und Vermarktung zu tun, während zugleich die Produktion outgesourct wird. Und davon profitieren die Unternehmen in unserem Portfolio.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Sparte Wirkstoffe?

Dr. RiemannEin sehr langfristiger Trend, der bereits seit den Neunzigerjahren anhält, ist die zunehmende Konkurrenz aus Indien und China. Allerdings steigen insbesondere in China derzeit die Kosten und Auflagen massiv, die chinesische Regierung hat bereits Standorte aus Umweltgründen geschlossen. Zugleich ist die Auswahl an überhaupt möglichen Produktionsstandorten weltweit für die Auftraggeber sehr beschränkt. Dies führt mitunter dazu, dass so mancher Produktionsauftrag nach Europa zurückkehrt. Zum Beispiel herrscht derzeit ein echter Mangel an bestimmten Buchstabensäuren für die Herstellung von Farbstoffen, weil es nur noch ganz wenige Standorte gibt, mittlerweile nur noch in Asien, die sie herstellen können.

Was heißt das für die Branche insgesamt?

Dr. RiemannWir beobachten derzeit eine Verschiebung dahingehend, dass Liefersicherheit zunehmend Priorität gegenüber Kostenaspekten gewinnt. So bedienen wir beispielsweise eine ganze Reihe von Kunden, die bestimmte Produkte nicht mehr in China produzieren lassen, weil die Lieferungen mehrfach zu spät kamen. Da China zudem generell teurer wird, verliert der frühere Kostenvorteil derzeit an Bedeutung. Für die europäischen Hersteller ist diese Veränderung der Voraussetzungen eine positive Entwicklung und die deutschen Unternehmen sind in diesem Reigen so lange gut positioniert, wie sie die EEG-Befreiung in Anspruch nehmen können. Fällt die EEG-Befreiung, wird es für die deutschen Hersteller kritischer, da die Energiekosten in der Chemie nach wie vor eine große Rolle spielen.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei den deutschen Spezialchemieherstellern?

Dr. RiemannSie haben in der Regel sehr gut ausgebildete Mitarbeiter, die Fabriken sind technisch up to date, es herrscht ein hoher Automatisierungsgrad und die Kunden sind aus Gründen der Liefersicherheit auf diese Produktionsstätten angewiesen. Zudem gibt es in Europa nicht das Problem des Diebstahls geistigen Eigentums wie in China. Ein definitives Problem allerdings sind wie bereits erwähnt die Energiepreise. Aufgrund des niedrigen Ölpreises war in der Basischemie bislang der Mittlere Osten die bevorzugte Region, während in Deutschland und den USA mit höheren Energiekosten kalkuliert werden musste. Durch das billige Schiefergas in den USA sind die Gaspreise dort so weit gefallen, dass es jetzt zwischen den beiden Standorten substanzielle Unterschiede gibt – sehr zum Nachteil der deutschen und auch europäischen Standorte. Insbesondere die europäische Petrochemie gerät derzeit unter massiven Druck. Die PVC-Hersteller könnten hier die Ersten sein, die diese Entwicklung kalt erwischt.

Wie sieht es mit der Entwicklung der globalen Pharmastandorte aus?

Dr. RiemannEin Riesenthema in der Branche ist die Tatsache, dass viele Patente auf die bisherigen Blockbuster auslaufen – und Ansätze für neue Blockbuster gibt es derzeit nur wenige. Dies führt zu einer Unterauslastung der Produktionskapazitäten bei den großen Pharmakonzernen. Eine Möglichkeit wäre, dass sich die Firmen als Dienstleister etablieren und Auftragsfertigung betreiben. Allerdings ist dies besonders schwer, weil kein Pharmahersteller seine Produkte gern beim Konkurrenten produzieren lässt. Und hier kommen wir ins Spiel: als externer und unabhängiger Dienstleister, der das übernehmen kann.

Zur Person

...ist Mitgründer und Verwaltungsratsmitglied der International Chemical Investors S.E., einer privaten Industrieholding mit Beteiligungen an Chemie- und Pharmaunternehmen, die vorwiegend im Bereich der Auftragsfertigung tätig sind. Die Gruppe beschäftigt über 5.000 Mitarbeiter und erwartet 2014 einen Umsatz von mehr als 1,2 Milliarden Euro. Dr. Riemann ist promovierter Chemiker und Diplom-Kaufmann. Nach Stationen in der chemischen Industrie und bei einer internationalen Unternehmensberatung ist er seit 2005 bei International Chemical Investors tätig.

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