Architekturexport: Bauten „made in Germany“

Als Erfinder des Bauhauses hat Deutschland die moderne Architektur geprägt wie kaum ein zweites Land. Profitiert hat die deutsche Architekturszene davon bislang allerdings nur wenig. Denn heute sind nur wenige Architekten aus Deutschland an internationalen Großprojekten beteiligt, auch Architekturstars aus Deutschland gibt es kaum.

Wie ein Wolkendach schwebt das monumentale, 5000 Quadratmeter große Bauwerk über der Plaza de la Encarnación, dem ehemaligen Marktplatz im spanischen Sevilla. Der Metropol Parasol gilt mit Abmessungen von 150 Meter Länge, 75 Meter Breite und bis zu 28 Meter Höhe heute als die größte Holzkonstruktion der Welt – allein die Größenordnungen machen das Bauwerk zum Wahrzeichen Sevillas und zur neuen Architekturikone Spaniens. In Peking erregt ein anderer imposanter Bau Aufsehen. Die Chinesische Nationalbibliothek bietet als drittgrößte Bibliothek der Welt Platz für über 12 Millionen Bücher. 2009 wurde das über 100 Jahre alte Gebäude neu eröffnet. Sockel, Säulenordnung und das schwebende Dach des Neubaus greifen Elemente der traditionellen chinesischen Architektur auf – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen architektonisch zusammen. Und in Südkorea enstand einer der interessantesten Museumsneubauten am Anfang des 21. Jahrhunderts, das Nam June Paik Museum, das neue Zentrum für Gegenwartskunst in Yongin. Drei Länder, drei Bauwerke, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Auf den zweiten schon: Entwurf und Planung stammen allesamt aus der Feder deutscher Architekten.

Aufgrund der strukturellen Bedingungen fehlt der Internationalisierung in der deutschen Architekturbranche an vielen Stellen die Systematik.

Mickrige Exportquote

Doch diesen Beispielen zum Trotz ist Deutschland alles andere als ein Land von „Architekturexporteuren“, denn gemessen an der Exportquote scheint die Internationalisierung ein Stück weit an der deutschen Branche vorbeigegangen zu sein. Sie dümpelt auf einem ziemlich niedrigen Niveau herum und liegt je nach Schätzung zwischen fünf und zehn Prozent. Und das, obwohl deutsche Architekten aufgrund ihrer soliden Ausbildung und hoher Qualitätsstandards einen ausgezeichneten Ruf im Ausland genießen. „Wir stellen im Gegensatz zur Industrie keine Serienprodukte her, sondern entwickeln mit jedem Auftrag Prototypen“, erklärt Erasmus Eller, Geschäftsführer von Eller + Eller Architekten, diese auffällige Diskrepanz zwischen Exportvoraussetzungen und -quote. „Das bedeutet sehr viel Arbeit am Projekt vor Ort. Insofern wird die Exportleistung nur zur Hälfte in Deutschland und zur anderen Hälfte im entsprechenden Ausland erbracht. Das ist ein enormer Aufwand, den viele scheuen.“

Internationale Märkte schwer zugänglich

Allen Unkenrufen zum Trotz hat sich das Auslandsengagement in den letzten Jahren durchaus positiv entwickelt. Vor allem die Bemühungen der EU, den Dienstleistungsverkehr europaweit zu liberalisieren und grenzüberschreitend zu ermöglichen, haben dazu beigetragen, dass deutsche Büros verstärkt im Ausland arbeiten, so Dr. Thomas Welter, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten. Dennoch bleiben besonders die internationalen Märkte für deutsche Architekten nur schwer zugänglich: „Man macht es uns als Architekten nicht gerade leicht, auf einem Auslandsmarkt Fuß zu fassen“, bestätigt Jürgen Engel vom Architekturbüro KSP Jürgen Engel. „In Deutschland hingegen haben wir ein sehr liberales, offenes Wettbewerbswesen. Aus meiner Sicht liegt hier ein gewisses Ungleichgewicht vor.“ Hinzu gesellen sich die in der Baubranche ohnehin üblichen starken Marktschwankungen, von denen auch Architekten betroffen sind. Und die Volatilität des Marktes ist im Ausland nicht geringer als im Inland. Doch dies hindert zumindest die junge Architektengeneration nicht daran, den Sprung ins Ausland zu wagen. Im Gegenteil: Die Mobilität unter den Studenten und Berufseinsteigern ist deutlich gestiegen. Heute sind Auslandssemester fast schon obligatorisch, genauso wie am Anfang der beruflichen Laufbahn im europäischen Ausland zu arbeiten. „Von daher kann man nicht sagen, dass etwas verpasst wurde – die Internationalisierung findet vielmehr in Wellenbewegungen statt“, resümiert Welter.

Kleinteilige Architekturlandschaft als Hemmschuh

Dass Länder wie Frankreich, Großbritannien oder die USA in Sachen Architekturexport Deutschland dennoch den Rang ablaufen, begründet Gabriele Seitz, Leiterin des Netzwerks Architekturexport (NAX), mit der kleinteiligen Struktur der deutschen Architektenlandschaft. Nach einer Umfrage der Bundesarchitektenkammer aus dem Jahr 2012 unter 4500 Kammermitgliedern ist ein Großteil der Büros inhabergeführt oder kommt auf gerade einmal zwei bis vier Mitarbeiter: „Es fehlen daher oft die personellen Kapazitäten, um sich an Großprojekten im Ausland zu beteiligen.“ Diese Zersplitterung rührt vor allem daher, dass der Wohnungsbau die Hälfte des Bauvolumens in Deutschland ausmacht. Ganz anders im angelsächsischen Raum: Hier ist der Architekturmarkt wesentlich komprimierter und konzentriert sich hauptsächlich auf öffentliche und gewerbliche Projekte. Daher auch die höhere Architekturexportquote. Hinzu kommt, dass die meisten Bauherren nicht viel Geld ausgeben wollen: „Amerikaner und Briten bieten ‚just design‘ an, nach unserem Verständnis nur eine Teilleistung“, sagt Erasmus Eller. „Unsere deutsche Denke, alles aus einer Hand zu liefern, setzt sich aber zusehends durch. Wir werden immer häufiger angefragt, als Generalplaner aufzutreten.“

Starthilfe für den Export

Vor diesem Hintergrund hat die Bundesarchitektenkammer 2002 die Initiative NAX aus der Taufe gehoben, um gerade den kleinen und mittelständischen Büros in Deutschland über Netzwerkarbeit, Veranstaltungen und Informationen zu zeigen, wie sie ihre Leistungen am besten exportieren können. Denn aufgrund der strukturellen Bedingungen fehlt der Internationalisierung in der deutschen Architekturbranche an vielen Stellen die Systematik. „Die Hürden sind schon relativ hoch“, räumt Seitz ein, „Man braucht eine gewisse Affinität zu dem Land, in dem man sich engagieren will, dann sind Sprachkenntnisse sehr wichtig. Außerdem muss man sich mit den bau- und planungsrechtlichen Gegebenheiten und den Behörden vor Ort auskennen.“ Nicht zu unterschätzen ist dabei, dass es sich bei Architekturdienstleistungen um ein „Nasengeschäft“ handelt, das viel mit Vertrauensbeziehungen und Netzwerken zu tun hat. Entsprechend haben fast alle (Auslands-)Projekte einen persönlichen Hintergrund – sei es, dass der Architekt schon einmal in dem Land gelebt hat, oder dass Büropartner oder auch Ehepartner daher stammen. Ohne einen solchen Bezug fehlt aufgrund der kleinteiligen Struktur oft der Anknüpfungspunkt für die Aktivität eines Büros im Ausland. „Nur die Großen wie GMP, Albert Speer & Partner oder Henn internationalisieren sich systematisch und sind gleichzeitig in verschiedenen Ländern aktiv“, sagt Thomas Welter. „Der Großteil hat dagegen ein bis zwei Länder im Portfolio und je nach Konjunktur mal mehr, mal weniger Auslandsprojekte.“

Eigenvermarktung ist ein Problem

Bei der überwältigenden Mehrheit der deutschen Auslandseinsätze handelt es sich denn auch um kleinere Projekte, doch in der Öffentlichkeit werden nur die Großprojekte im Maßstab einer Nationalbibliothek in Riad von Gerber Architekten wahrgenommen. Deutsche Architekten unterscheiden sich genau hier in einem ganz wesentlichen Punkt von ihren ausländischen Kollegen: „Wir haben zwar sehr viele gute Architekten, exportieren jedoch selten ‚Signaturarchitektur‘ im Stile einer Zaha Hadid“, erklärt Welter. „Entsprechend können wir nicht mit Stars aufwarten, sondern haben eine sehr leistungsfähige breite Mittelschicht mit einem deutlich leiseren Auftreten.“ Zusammengenommen fehlt damit eine wesentliche Triebfeder für mehr Internationalisierung: Sichtbarkeit. Daher steht bei NAX auch internationales Marketing auf dem Veranstaltungs-Programm: „Das fängt bei der Visitenkarte auf Englisch oder Chinesisch an und geht bis zum Webauftritt“, erklärt Gabriele Seitz. „An dieser Stelle kann man bei den einzelnen Büros durchaus noch viel verbessern.“

Branche steht sich selbst im Weg

Klein- und Mittelständlertum, Leisetreterei und Zögerlichkeit statt offensives Vorgehen – die deutsche Architekturbranche steht sich hinsichtlich der Internationalisierung stellenweise selbst ein bisschen im Weg. Das zu exportierende „Produkt“ macht den Gang ins Ausland nicht unbedingt leichter. Das sieht auch Jürgen Engel so: „Das Auslandsgeschäft wird insgesamt betrachtet eher nicht zunehmen. Dafür ist die deutsche Architektenschaft viel zu kleinteilig strukturiert.“ In Zukunft also keine Exportquoten wie im Maschinenbau? Eher unwahrscheinlich. Dennoch baut die Branche auf ein gutes Fundament. Vielleicht braucht es auch nur einen etwas längeren Atem, bis das Gütesiegel „Made in Germany“ auch in der Architektur international greift.

„Architekturexport mehr grenzüberschreitende Kooperation“

Ein Interview mit Dr. Thomas Welter, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten (BDA) in Berlin.

Architektur „made in Germany“ hat im Ausland einen guten Ruf und steht vor allem für hohe Qualitätsstandards im planerischen Bereich. Dennoch liegt die Exportquote deutlich unter der anderer Branchen und deutsche Architekturbüros sind nur selten an Großprojekten im Ausland beteiligt. Woran liegt das?

Dr. WelterDie Internationalisierungsquote ist nicht niedrig, sondern mit etwas unter zehn Prozent moderat. Das ist im Vergleich zu anderen Branchen zwar deutlich geringer, aber bei Architektur handelt es sich auch um eine Erstellung von Unikaten, während im Maschinen- oder Automobilbau Serienprodukte entstehen, die sich ganz anders exportieren lassen. Man darf außerdem nicht vergessen: Planen und Bauen ist und bleibt ein regionales und lokales Phänomen. 80 Prozent aller Architekten arbeiten in einem Aktionsradius von 50 Kilometern. Bei Ländern mit einer höheren Architekturexportquote, wie etwa Großbritannien oder den USA, läuft der Wohnungsbau größtenteils ohne Architekten ab. Im angelsächsischen Raum ist der Architekturmarkt deshalb weniger kleinteilig und konzentriert sich viel stärker auf den öffentlichen und gewerblichen Bau. Daher auch der höhere Anteil an Architekten, die im Ausland arbeiten.

Wie hat sich das Auslandsgeschäft deutscher Architekturbüros in den letzten zehn Jahren entwickelt? Ist hier eine Steigerung zu sehen?

Dr. WelterAn dieser Stelle muss man zwischen dem Gesamtmarkt und den einzelnen Büros unterscheiden. Die Bestrebungen der EU, den Dienstleistungsverkehr zu liberalisieren, haben dazu geführt, dass immer mehr deutsche Büros im europäischen Ausland arbeiten. Außerhalb der EU ist es dagegen nach wie vor schwierig, Zulassungen zu bekommen. Deshalb arbeiten deutsche Büros in der Regel mit ausländischen Kooperationspartnern zusammen. Architekturexport ist daher ein eher unpassender Begriff. Vielmehr handelt es sich um grenzüberschreitende Kooperationen. Die Märkte für Architekten schwanken dabei sehr stark, da das Bauen – und dementsprechend auch das Planen – ein sehr volatiler Markt ist. Das Gleiche gilt für das Auslandsengagement einzelner Büros. Nur die Großen wie GMP, Albert Speer & Partner oder Henn internationalisieren sich systematisch und sind gleichzeitig in verschiedenen Ländern aktiv. Der Großteil hat dagegen ein bis zwei Länder im Portfolio und je nach Konjunktur mal mehr, mal weniger Auslandsprojekte.

Deutschland hat keine Stararchitekten, sondern eine sehr leistungsfähige breite Mittelschicht mit einem deutlich leiseren Auftreten.
Dr. Thomas Welter

Hat die deutsche Architekturbranche die Internationalisierung verpasst?

Dr. WelterDiese Frage würde ich ganz klar verneinen. Wenn man sich die Branche anschaut, stellt man fest, dass gerade die Mobilität des Architektennachwuchses zusehends größer wird – und das nicht nur in Deutschland, sondern in Gesamteuropa. Sehr viele Architekturstudenten legen Auslandssemester ein oder gehen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn ins europäische Ausland. Deutsche Architekten haben das sehr intensiv betrieben, da unser Markt lange stark unter Druck stand. Mittlerweile ist die Auftragslage in Deutschland wieder stabil, im Gegensatz zu Südeuropa, so dass momentan viele Spanier, Griechen oder Italiener auf den deutschen Markt drängen. In den letzten 10 bis 15 Jahren hat diese Mobilität stark zugenommen – die Bewegungsrichtung hat dabei wieder viel mit Konjunkturzyklen zu tun. Von daher kann man nicht sagen, dass etwas verpasst wurde – die Internationalisierung findet vielmehr in Wellenbewegungen statt.

Was hält in Deutschland Planer von grenzüberschreitenden Tätigkeiten ab? Was sind die Herausforderungen und Schwierigkeiten in Bezug darauf, Projekte im Ausland zu gewinnen?

Dr. Welter Es sind mehrere Aspekte wichtig für eine erfolgreiche Tätigkeit im Ausland. Das fängt schon bei der Sprache an: Englisch und Französisch sind ja noch relativ geläufig, bei Chinesisch oder Arabisch wird es dann schon deutlich schwieriger. Zudem erstellen Architekten im engen Dialog mit dem Bauherrn eine hochkomplexe Dienstleistung. Dazu ist ein Verständnis von Land und Leuten unabdingbar. Eine weitere Hürde besteht darin, sich ausreichend mit den baurechtlichen Gepflogenheiten vor Ort auszukennen. Im Prinzip muss die gesamte Büroorganisation auslandsorientiert ausgerichtet sein. Zusammengenommen sind das große Hürden, besonders für kleine Büros.

Wie ist Deutschland in Sachen Architekturexport international aufgestellt, beispielsweise im Vergleich zu den USA, Großbritannien oder Frankreich? Exportieren die dortigen Architekten ihre Dienstleistungen stärker? Oder funktioniert das System insgesamt eher über den „Starfaktor“ einzelner Architekten wie Zaha Hadid oder Norman Foster, losgelöst vom Land, in dem diese arbeiten?

Dr. WelterDeutschland hat eine zufriedenstellende Internationalisierungsquote seiner Büros. Ein viel wichtigerer Unterschied zu den genannten Ländern liegt tatsächlich darin, dass wir zwar sehr viele gute Architekten haben, uns dieser „Starfaktor“ aber fehlt. Wir exportieren selten „Signaturarchitektur“ im Stile einer Zaha Hadid. Es gibt vereinzelt Büros, die in bestimmten Regionen ein gewisses Renommee aufbauen konnten: GMP gilt in China beispielsweise als Marke im Wohnungsbau. Gemeinhin haben wir aber keine Stars, sondern eine sehr leistungsfähige breite Mittelschicht mit einem deutlich leiseren Auftreten.

Welche Chancen bietet das Auslandsgeschäft für deutsche Architekten?

Dr. WelterIn erster Linie neue Aufträge. Daneben spielt die Realisierung ungewöhnlicher Projekte eine wichtige Rolle. Denn in Deutschland ist der Markt sehr gesättigt und noch dazu stark reguliert. Im Ausland bieten sich noch ganz andere Möglichkeiten zu bauen. Eine sehr große Motivation liefert auch der kulturelle Austausch, der die Art zu planen nachhaltig beeinflusst – vor allem bei Architekten, die regelmäßig im Ausland arbeiten.

Welche Gebäude sind die gelungensten Beispiele deutschen Architekturexports?

Dr. WelterIn der Außenwahrnehmung stehen natürlich die großen Projekte im Vordergrund: Jürgen Engel baut die Nationalbibliothek in Peking oder Gerber Architekten die Nationalbibliothek in Riad. Den Großteil der Auslandsaktivitäten machen aber kleinere Projekte aus. Deutsche Architekten sind sehr angesehen im Bereich hochkomplexer technischer Infrastrukturprojekte wie Flughäfen oder Krankenhäuser. Singuläre Signaturarchitektur findet man auf deutscher Seite aber nicht.

Gibt es Länder, in denen deutsche Architekten besonders gefragt sind? Wie sind wir in der Boom-Region Naher Osten vertreten?

Dr. WelterGanz allgemein finden grenzüberschreitende Projekte vor allem in Ländern mit einer hohen wirtschaftlichen Dynamik statt. Deutsche Architekten arbeiten überproportional stark in Europa, das ist schließlich generell beim Export der wichtigste Markt, zudem in bestimmten Hotspots der arabischen Welt wie Saudi-Arabien und in Teilen von China oder Indien. Stark unterrepräsentiert ist Südamerika und in Afrika verschlafen wir derzeit höchstwahrscheinlich einen Markt. Der Architekturexport verläuft dabei mehr oder weniger analog zur Struktur der allgemeinen deutschen Exportwirtschaft.

An welchen Stellschrauben müsste man drehen, um den Anteil deutscher Architekturleistungen im Ausland künftig zu steigern? Welche Fördermöglichkeiten und Hilfestellungen gibt es gerade auch für kleinere Büros?

Dr. WelterIn Deutschland haben wir eine Vielzahl an Fördermöglichkeiten für KMUs. Allerdings fallen dabei einige Branchen durchs Raster, darunter auch die Architekten. Denn diese Institutionen unterstützen die deutsche Wirtschaft insgesamt, haben aber von den einzelnen Teilmärkten – das gilt auch für andere kreative Berufe – weniger Ahnung. Insofern gibt es zwei wesentliche Stellschrauben: Zum einen nehmen deutsche Unternehmen relativ selten deutsche Planer mit, wenn sie ins Ausland gehen. In Großbritannien und anderen Ländern ist das gang und gäbe. Dieses sogenannte „Huckepackverfahren“ auch in Deutschland zu etablieren wäre sehr hilfreich, um den Auslandsanteil zu steigern. Zum anderen wäre eine bessere und effektivere Koordination der Außenwirtschaftsförderung und -information wünschenswert, mit Perspektiven für spezifische Teilbranchen.

Welchen Einfluss hat die Auslandstätigkeit auf das deutsche Bauwesen? Verändert sich dadurch auch das Bauen im Inland?

Dr. WelterDas grenzüberschreitende Planen und Bauen hat vor allem einen starken kulturellen Effekt. Deutschland ist sehr offen und gibt ausländischen Planern über internationale Wettbewerbe die Möglichkeit, große Projekte zu realisieren. Im Gegenzug beeinflusst der Auslandseinsatz vieler Architekten natürlich auch deren Tätigkeit in Deutschland. Das Bauen an sich ist dagegen noch sehr zwischen den Ländern abgeschottet. Sowohl Handwerk als auch Bauwirtschaft sind wenig mobil. Das Planen bewegt sich strukturell bedingt auf einem eher niedrigen Niveau. Aber anders als in der Literatur oft propagiert bin ich nicht der Meinung, dass die Internationalisierungsquote in der deutschen Architektur zu niedrig ist. Sie ist marktadäquat und nimmt durch den Abbau innereuropäischer Hürden kontinuierlich zu.

Zur Person

…ist seit 2011 Bundesgeschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Nach der Promotion im Fach Wirtschaftswissenschaft zum Dr. rer. pol. im Jahr 2000 wurde er Referent für Wirtschaft in der Bundesarchitektenkammer e. V. und 2002 Geschäftsführer der verbandseigenen D.A.V.I.D. Deutsche Architekten Verlags- und Informationsdienste GmbH. Von 1996 bis 2000 war er als freier Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin sowie als Lehrbeauftragter an verschiedenen Lehreinrichtungen tätig. Welter studierte Volkswirtschaftslehre und Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin.

„Wir suchen weniger das Spektakel“

Ein Interview mit Jürgen Engel, KSP Jürgen Engel Architekten, über den Erfolg deutscher Architekten im Ausland.

Deutschland hat eine sehr hohe Architektendichte, gleichzeitig ist die Auftragslage eher schwach. Da wäre es doch naheliegend, den Schritt ins Ausland zu wagen, um neue Märkte zu erschließen. Die niedrige Architekturexportquote zeichnet aber ein anderes Bild. Was hindert viele deutsche Architekten am Auslandsgeschäft?

EngelDie Architekten in Deutschland sind viel zu kleinteilig strukturiert, um im Ausland erfolgreich tätig zu sein. Rund 80 Prozent der Büros in Deutschland haben zwei bis vier oder weniger Mitarbeiter. Wir haben bei KSP Jürgen Engel Architekten und der internationalen Tochtergesellschaft insgesamt über 200 Mitarbeiter. Erst mit einer gewissen Größe hat man die erforderliche Schlagkraft und das wirtschaftliche Potenzial, um auf den Auslandsmärkten erfolgreich zu sein. Außerdem haben wir international und hier in Europa schwer zugängliche Märkte. Man macht es uns als Architekten nicht gerade leicht, auf einem Auslandsmarkt Fuß zu fassen. In Deutschland hingegen haben wir ein sehr liberales, offenes Wettbewerbswesen. Aus meiner Sicht liegt hier ein gewisses Ungleichgewicht vor. Das sind aber Rahmenbedingungen, die nur auf der politischen Ebene geändert werden können.

Welche Chancen bietet Ihnen das Auslandsgeschäft? Wann lohnt sich ein grenzüberschreitendes Projekt für Sie?

EngelDurch das Auslandsgeschäft sind wir breiter aufgestellt und nicht so sehr von den konjunkturellen Schwankungen im Inland abhängig. Es sind aber nicht allein wirtschaftliche Gründe, die für eine Tätigkeit im Ausland sprechen. Dort bieten sich auch sehr spannende Bauaufgaben wie Kulturbauten oder Aufgaben mit einer ungewöhnlichen Größe wie Hochhäuser oder große Büro- und Verwaltungsbauten. Diese Bandbreite haben wir in Deutschland nicht. Uns reizt am Auslandsgeschäft auch die Möglichkeit, gestalterisch experimentieren zu können, denn internationale Auftraggeber sind oft mutiger als deutsche Bauherren. Das hat sicher auch etwas mit der jeweiligen Kultur und der Dynamik der Auslandsmärkte zu tun. Aus diesem Grund bringen wir auch viel Wissen und neue Erfahrung mit zurück nach Deutschland.

Für die meisten Architekten in Deutschland wird das Auslandsgeschäft auch weiterhin eine untergeordnete Rolle spielen.
Jürgen Engel

In welchen Ländern haben Sie Ihr Auslandsgeschäft etabliert und wie haben Sie das getan?

EngelWir sind in verschiedenen Ländern aktiv und realisieren dort Projekte: Augenblicklich sind es China, Vietnam, Algerien und Luxemburg. Der Schlüssel für den Zugang in einen Auslandsmarkt ist häufig die erfolgreiche Teilnahme an einem internationalen Architektenwettbewerb. Das funktioniert aber nicht ohne internationalen Ruf. Diesen Ruf haben wir uns über Jahre erarbeitet. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir sind bereits Anfang der 1990er Jahre nach China gegangen. Heute sind wir als deutsches Architekturbüro auch im Ausland anerkannt. Man sollte aber nicht denken, dass dieser Erfolg leicht zu haben wäre. Das Auslandsgeschäft ist anstrengend.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Arbeit im Ausland? Welche Hürden sind zu nehmen?

EngelUm im Ausland erfolgreich zu sein, muss man sich zunächst ein Netzwerk aufbauen und die Kultur des jeweiligen Landes kennenlernen und verstehen. Persönliche Kontakte zu Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft sind wichtige Voraussetzungen dafür, in einem neuen Markt erfolgreich zu sein. Es geht also darum, die handelnden Personen zu kennen und zu wissen, wie man eine Bauaufgabe durchsetzt. Außerdem treten wir immer als örtliche Architekten auf, deshalb sind wir dezentral organisiert und haben ein Büro in Peking und in Vietnam. Sie verwirklichen gerade die drittgrößte Moschee der Welt in Algier.

Wie sieht Ihr Tätigkeitsbereich im Zusammenhang mit einem solchen Großprojekt im Ausland aus?

EngelBei diesem Projekt ging der Weg ebenfalls über einen Wettbewerb. Die algerische Regierung hat rund 20 Büros ausgewählt, die an dem internationalen Architektenwettbewerb teilnehmen durften. Und wir haben ihn dann gewonnen. Im Falle der Großen Moschee in Algier haben wir die besondere Situation, dass wir nicht nur Architekten sind, sondern in der Arbeitsgemeinschaft KSP Jürgen Engel Architekten mit Krebs und Kiefer International als Generalplaner für den gesamten Prozess vom Entwurf bis zur Fertigstellung verantwortlich sind. Bei diesem Kulturprojekt mit einer Bausumme von rund einer Milliarde Euro ist das sicher eher eine ungewöhnliche Lösung. Häufiger ist die Variante, dass wir mit einem Partnerbüro vor Ort eng zusammenarbeiten, das während der Planungs- und Realisierungsphase die Abstimmung mit den Behörden und die Koordination der Baustelle übernimmt. Aber auch hier versuchen wir, bis zur Fertigstellung des jeweiligen Bauwerks dabei zu sein, um unsere hohen Qualitätsansprüche durchzusetzen. Denn schließlich bleibt das Projekt mit unserem Namen verbunden.

Was kann Deutschland in Sachen Architekturexport von anderen, „exportfreudigeren“ Ländern wie etwa Frankreich oder auch den USA lernen?

EngelIm Vergleich zu diesen Ländern werden wir Architekten von der deutschen Politik eher stiefmütterlich behandelt. In Frankreich ist die Förderung der Architektur wesentliche Aufgabe des Kulturministeriums und genießt somit eine viel größere Wertschätzung als bei uns. Dort haben sie auch die Architektenvereinigung AFEX (Architectes Français à l’Export), die vom Kulturministerium direkt unterstützt wird. Frankreich löst diese Aufgabe hervorragend, weil das Land erkannt hat, dass Architektur nicht nur einen kulturellen Transfer ermöglicht, sondern auch den heimischen Produkten, Herstellern und Firmen den Weg in ausländische Märkte ebnet. Bei uns in Deutschland gibt es inzwischen das Netzwerk Architekturexport (NAX) bei der Bundesarchitektenkammer, das wir aktiv unterstützen.

Warum hat Deutschland aktuell keine Stararchitekten wie Gehry, Libeskind oder Hadid vorzuweisen?

EngelEin Starsystem, wie wir es im Ausland beobachten, gibt es bei uns in Deutschland nicht. Das hat vielfältige Gründe. Länder, die Architekten von internationaler Strahlkraft haben, profitieren jedenfalls sehr davon – nicht nur wirtschaftlich. Das kann man insbesondere bei unseren „kleineren“ Nachbarländern wie den Niederlanden oder Dänemark gut beobachten. In Deutschland gibt es eine Reihe von Architekten, die auch international erfolgreich tätig sind, aber keine „Stars“. Ein Grund mag die eher praxisorientierte Architektenausbildung in Deutschland sein. Es liegt aber auch an unserem Temperament und an unseren deutschen Tugenden: Wir Deutschen sind eher rational, sachlich, entwickeln Gebäude eher funktional. Wir suchen weniger das Spektakel.

Was ist typisch für die heutige deutsche Baukultur? Was ist daran besonders herausragend? Wo sehen Sie Schwächen?

EngelWir haben in Deutschland ein hohes Niveau in der Baukultur. Und damit meine ich nicht nur die planungsrechtlichen Vorgaben, sondern auch unsere Wettbewerbskultur. Außerdem haben wir hohe Anforderungen an die technische Ausstattung und Energieeffizienz von Neubauten. Dadurch sind wir in Deutschland seit Jahren Vorreiter in Sachen technologische Innovation, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Kritisch sehe ich die in Deutschland verbreitete Haltung, zu stark in die Vergangenheit zu schauen nach dem Motto „das war immer so und deswegen muss es immer so bleiben“. Dies zeigt sich dann in Debatten wie der um die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses. Wir hingegen sind keine Traditionalisten, unser Architekturverständnis wurzelt in der Gegenwart. Wir versuchen, jede architektonische Fragestellung mit heutigen Mitteln zu beantworten. Nach der Vergangenheit zu greifen, anstatt moderne Institutionen zu schaffen, halte ich für falsch.

Wie schätzen Sie den Internationalisierungsgrad der deutschen Architekturbranche in Zukunft ein?

EngelDas Auslandsgeschäft wird insgesamt betrachtet eher nicht zunehmen. Damit meine ich weniger die großen Architekturbüros, die bereits heute international tätig sind wie wir, sondern die gesamte Architektenschaft. Sie ist viel zu kleinteilig strukturiert, um in Auslandsmärkten erfolgreich zu sein. Ich gehe davon aus, dass sich daran in absehbarer Zeit nicht viel ändern wird. Für die meisten Architekten in Deutschland wird das Auslandsgeschäft weiterhin eine untergeordnete Rolle spielen.

Zur Person

...leitet das Architekturbüro KSP Jürgen Engel Architekten mit 250 Mitarbeitern und betreut ein durchschnittliches jährliches Bauvolumen von ca. 500 Millionen Euro weltweit. Das Aufgabenspektrum des Büros reicht vom Städtebau über alle Aufgaben- und Themenbereiche des Hochbaus bis zum Produktdesign. Immobilienspezifische Dienstleistungen, Consulting, Generalplanungen, Studien und Gutachten ergänzen das Dienstleistungsangebot. Jürgen Engel engagiert sich über seine berufliche Tätigkeit hinaus in diversen Aufsichtsgremien und Verbänden sowie als Gutachter und Preisrichter.

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