„Abhängigkeit zwischen China und Deutschland ist gegenseitig“

Ein Interview mit Cora Jungbluth, Projekt Managerin und China-Expertin bei der Bertelsmann Stiftung, über die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen.

Frau Jungbluth, die Bertelsmann Stiftung hat sich im Rahmen einer Studie mit den Beziehungen zwischen der deutschen und der chinesischen Wirtschaft beschäftigt. Was waren die zentralen Fragestellungen?

JungbluthDie Studie wird von der Bertelsmann Stiftung und der Prognos AG durchgeführt. Wir haben die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen in den letzten 20 Jahren analysiert, insbesondere die gegenseitigen Abhängigkeiten sowie den Wettbewerb zwischen Deutschland und China auf Drittmärkten.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

JungbluthIn der Studie kommt das globale Prognose- und Simulationsmodell VIEW der Prognos AG zum Einsatz. Das Modell verbindet insgesamt 42 beteiligte Länder systematisch über Exporte, Importe, Wechselkurse etc. miteinander. Die Ländermodelle tauschen über außenwirtschaftliche Variablen wie Importnachfrage oder relative Preise Informationen untereinander aus und beeinflussen sich so wechselseitig. So lässt sich zum Beispiel betrachten, wie sich der Handel zwischen China und Deutschland seit 1992 entwickelt hat. Zudem erlaubt es einen Blick in die Zukunft inklusive der entsprechenden Prognosen und der Frage, was passiert, wenn sich bestimmte „Stellschrauben“ verändern – zum Beispiel im Falle einer kräftigen Aufwertung des Renminbi die Folgen für Deutschland oder die Weltwirtschaft.

Deutsche Produkte sind für die Märkte der Schwellenländer häufig zu teuer und zu komplex.
Cora Jungbluth

Sie haben dabei auch die Abhängigkeiten der Wirtschaften der beiden Länder miteinander verglichen?

JungbluthDas haben wir. Wir haben im ersten Teil eine Ex-post-Analyse durchgeführt. Diese beinhaltete die Analyse der gegenseitigen Abhängigkeiten auf historischer Basis. Dies war insofern interessant, als in der Presse vor allem zu lesen ist, Deutschland sei sehr abhängig von China als Absatzmarkt. Im Verlauf unserer Untersuchung haben wir aber auch gesehen, dass China in einigen Branchen gleichzeitig sehr stark von Deutschland abhängt – zum Beispiel im Maschinenbau, denn viele der Exportgüter, die China auf den Weltmarkt bringt, werden mit deutschen Maschinen produziert.

Welche Lehre ziehen Sie daraus?

JungbluthDie Analyse hat gezeigt, dass die deutsche Wirtschaft gegenüber China eine starke Position hat und die Abhängigkeit nicht einseitig verläuft, sondern auf Gegenseitigkeit beruht. Ein weiterer Teil der Untersuchung bezog sich auf den Wettbewerb zwischen Deutschland und China auf wichtigen Drittmärkten. In der Gruppe der Schwellenländer haben wir uns Brasilien und Indien angesehen, innerhalb Europas Großbritannien, Frankreich und Italien, außerdem die außereuropäischen Industrieländer USA und Japan. Kern der Analyse waren die Importanteile der deutschen Vorzeigebranchen in diesen Ländern im Vergleich zu China sowie die Entwicklung der Wachstumsdynamik von Importen aus China bzw. Deutschland in den letzten 20 Jahren.

Gibt es Märkte, auf denen China in bestimmten Branchen schon einen gewissen Exportvorsprung hat?

JungbluthDie längerfristige Betrachtung hat gezeigt, dass Deutschland innerhalb Europas noch sehr gut aufgestellt ist und sehr hohe Importanteile in den Vorzeigebranchen Fahrzeugbau, Maschinenbau und Chemie hat – allerdings ist die Wachstumsdynamik gering bis stagnierend. Hinzu gesellt sich die Tatsache, dass ein großer Anteil der deutschen Exporte immer noch in europäische Länder geht. Die chinesischen Exporte in diese Länder sind vom Volumen her zwar noch klein, wachsen dafür aber sehr dynamisch und dürften bald mit deutschen Exporten konkurrieren. In Japan und den USA hingegen gerät Deutschland wirklich allmählich ins Hintertreffen. Zwar sind die Anteile zum Teil noch hoch, doch die Wachstumsdynamik Chinas ist erheblich – auch hier wird es also eine Verschiebung geben. Der interessanteste Punkt sind allerdings Schwellenländer wie Indien und Brasilien. Hier kann Deutschland zum Teil überhaupt nicht mehr mit der chinesischen Dynamik mithalten und gerät bei den Exporten ins Hintertreffen.

Wie kommt es, dass Deutschland in den Schwellenländern abgehängt wird?

JungbluthIn unserer Untersuchung haben wir eine makroökonomische Analyse durchgeführt und uns die Entwicklung aus der Vogelperspektive angesehen. Dabei betrachten wir die Exporte aufgeteilt nach Herkunftsländern und Empfängerländern, aber nicht die Herkunft der einzelnen Unternehmen, die zum Beispiel aus China in diese Länder exportieren. Da viele deutsche Unternehmen von China aus eine Emerging-Market-Strategie verfolgen, exportieren sie von dort und fallen dann unter die chinesischen Exporte. Für die Unternehmen, die eine globale Strategie verfolgen, kann das eine sinnvolle Vorgehensweise sein. Die spannende Frage ist jedoch auch volkswirtschaftlicher Natur, nämlich die Bedeutung für Deutschland als Wirtschaftsstandort.

Welche Schlüsse ziehen Sie denn?

JungbluthAus unserer Sicht stellt sich die Frage, wie Deutschland als Exportnation mit einer zunehmenden Internationalisierung der Produktion, auch in technologieintensiven Bereichen, umgeht. Exporte sind wichtig für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland. Wenn die Exporte aus Deutschland stagnieren und Unternehmen dafür von anderen Ländern aus exportieren, muss man die Frage stellen, wie es dazu kommt und welche Alternativen in Zukunft für Deutschland bleiben.

Kann es daran liegen, dass die in Deutschland gefertigten Produkte manchmal zu perfekt und dafür auch zu teuer sind?

JungbluthEs ist in der Tat so, dass deutsche Produkte für diese Märkte häufig zu teuer und zu komplex sind. Was oft noch zu kurz kommt, ist der Aspekt des Frugal Engineering, also Produkte gezielt einfacher zu gestalten und stärker an die Bedürfnisse vor Ort anzupassen oder gleich vor Ort zu entwickeln. Das deckt sich natürlich nicht ganz mit dem Ideal der deutschen Wertarbeit und der Suche nach der 120-prozentigen Lösung. Ein Ansatz, der in China verbreitet ist, lässt sich in dieser Hinsicht sehr viel pragmatischer an.

Wie sieht dieser genau aus?

JungbluthEs gibt im Chinesischen den Begriff „cha bu duo“, was wörtlich bedeutet: „Es fehlt nicht viel“ – zur perfekten Lösung. Auf vielen Märkten sind die chinesischen Anbieter mit diesem Ansatz sehr erfolgreich, denn die Qualität ist ausreichend für den jeweiligen Markt. Insbesondere deutsche Ingenieure tun sich schwer mit solch einem Ansatz, sie suchen in der Regel die 100-prozentige Lösung. Im Premiumbereich hat dies definitiv seine Berechtigung. Dennoch halte ich die Frage für wichtig, wie ein Unternehmen am besten vorgehen kann, wenn es in die Märkte der Schwellenländer vorstoßen will. Hierbei kann es für deutsche Hersteller sinnvoll sein, außerhalb des Premiumsegments über eine „cha bu duo“-Strategie nachzudenken. Vielleicht können wir hier in mancher Hinsicht sogar von China lernen.

Zur Person

...ist Projekt Managerin und China-Expertin im Programm „Deutschland und Asien“ der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Ihr Fachgebiet sind die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Deutschland und China. Zuvor forschte sie am Institut für Sinologie der Universität Freiburg und am Heidelberger Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ u.a. zu chinesischen Auslandsinvestitionen und zur Verbreitung von Umwelttechnologie in China. Cora Jungbluth studierte Sinologie und Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, Shanghai und Beijing und promovierte in Heidelberg mit einer Arbeit zur Internationalisierung chinesischer Unternehmen.

„Asien befindet sich langfristig auf robustem Wachstumspfad“

Ein Interview mit Frederik Kunze, Analyst Economics & Strategy bei der NORD/LB, über den Wachstumsmarkt Asien-Pazifik.

Die NORD/LB hat in der Studie „Wachstumsregion Asien-Pazifik“ die Potenziale der Volkswirtschaften Asiens untersucht. Was sind die zentralen Ergebnisse?

KunzeIm Rahmen der Potenzialanalyse ging es uns vor allem darum, auf die volkswirtschaftliche Relevanz der Region Asien-Pazifik für Deutschland zu fokussieren. Denn obwohl Europa und die USA nach wie vor die größten Handelspartner sind, gewinnt die Region immer mehr an Bedeutung. Als eines der zentralen Ergebnisse ist festzuhalten, dass sich für deutsche Unternehmen erhebliche Chancen bieten und der asiatisch-pazifische Raum ebenfalls von neuen Investoren und Handelspartnern profitieren kann. Gleichwohl gilt es immer, die spezifischen Herausforderungen und Risiken im Blick zu behalten.

Die ASEAN-Region ist mit insgesamt 615 Millionen Einwohnern ein attraktiver, jedoch in Sachen Entwicklungsstand auch stark heterogener Wirtschaftsraum. Welche Absatzpotenziale ergeben sich für deutsche Unternehmen? Welche Länder bzw. Branchen stechen dabei besonders hervor?

KunzeEs ist genau diese Heterogenität, die eine Herausforderung dargestellt. Dennoch gibt es einige Faktoren, die beinahe alle 15 betrachteten Länder charakterisieren. Hervorzuheben ist sicherlich der Nachholbedarf beim Infrastrukturaufbau. Dabei geht es nicht nur um die Modernisierung der Verkehrswege, sondern zunehmend auch um Sektoren wie Energiegewinnung, Umweltschutz oder die ausreichende Versorgung mit Trinkwasser. Hier offenbaren sich Ansatzpunkte für deutsche Unternehmen, die in den genannten Branchen sicherlich als marktführend bezeichnet werden können. Die Entwicklungen beispielsweise in Malaysia und Indonesien, aber zunehmend auch in Myanmar lassen Chancen auf diesen Gebieten erkennen.

Expansionsvorhaben in Asien können auf gute Bedingungen stoßen. Es kommt allerdings darauf an, für jedes Vorhaben auch das richtige Land zu finden.
Frederik Kunze

Mit welchen Maßnahmen versuchen die Regierungen, das langfristige Wachstum zu stützen?

KunzeEinige Regierungen verstehen sich darauf, Anreize für die Ansiedlung von Direktinvestitionen in wichtigen Schlüsselindustrien zu schaffen und diese langfristig auszurichten. In Indonesien wurde ein umfangreicher Masterplan von 2011 bis 2025 formuliert, der unter anderem auf den Sektor der erneuerbaren Energien fokussiert. Auch in Malaysia wird mit dem so genannten Economic Transformation Programme (ETP) ein ambitioniertes Projekt beschrieben, welches Malaysia bis 2020 in ein Industrieland transformieren soll.

Die Lohnstückkosten liegen in der ASEAN-Region oft deutlich unter dem Niveau von China. Einige Länder haben so die Chance, Chinas Erbe als verlängerte Werkbank der Welt anzutreten. Bei welchen Ländern ist eine solche Entwicklung absehbar?

KunzeAufgrund des Lohnniveaus kann Vietnam ein entsprechendes Potenzial zugesprochen werden. Interessant sind aber auch Volkswirtschaften wie Laos und Kambodscha, die eine verhältnismäßig junge Bevölkerungsstruktur vorweisen, was durchaus ein Standortvorteil gegenüber altersmäßig reiferen Ländern wie China ist. Aus Pekings Perspektive ist diese Entwicklung sicherlich zu begrüßen. Die Zentralregierung möchte Chinas Industriesektor aufwerten und billigt dafür auch den Abfluss von Arbeitsplätzen.

Welche Potenziale und Entwicklungen zeigen sich für Deutschland abseits der Handelsströme und der größten asiatischen Volkswirtschaften?

KunzeWas wir in China seit einigen Jahren beobachten, dürfte sich nach unserer Einschätzung auch in den (heute noch) relativ armen Ländern einstellen: eine aufstrebende Mittelschicht, die zunehmend Bedarf an höherwertigen Gütern haben wird. Die Bedürfnisstruktur wird sich zudem in Richtung besserer allgemeiner Lebensbedingungen verändern. Hier kommen dann auch wieder Sektoren ins Spiel, in denen deutsche Unternehmen marktführend sind, wie der Sektor der erneuerbaren Energien.

Die kleineren Länder sind wirtschaftlich stark mit den großen asiatischen Volkswirtschaften wie China, Japan oder Südkorea verzahnt. Welche Chancen und Risiken sind damit verbunden?

KunzeDer augenscheinlichste Vorteil ist hier nach wie vor das Argument der komparativen Kostenvorteile in den kleineren und vergleichsweise wenig wohlhabenden Volkswirtschaften. Kritisch könnte es für die Länder werden, die noch zu sehr von Rohstoffexporten – vor allem in Richtung China – abhängen. Zudem stellen Investoren aus den großen asiatischen Volkswirtschaften durchaus eine ernst zu nehmende Konkurrenz für deutsche Unternehmen dar. Auf der anderen Seite wird aber auch von erfolgreichen Kooperationen berichtet, zum Beispiel zwischen deutschen und koreanischen Unternehmen.

Der ostasiatische Raum schien zu Beginn der 1990er Jahre ein gesunder Wirtschaftsraum zu sein. Dann kam die Asienkrise, die die Länder in einen Abwärtsstrudel trieb. Wie haben sich die Volkswirtschaften gegen einen zweiten Absturz abgesichert?

KunzeEine hundertprozentige Absicherung gegen eine mögliche Krise gibt es auch heute nicht. Allerdings gibt es klare Anzeichen für eine robustere Verfassung als noch zu Zeiten des Ausbruchs der Asienkrise. So weisen einige Volkswirtschaften nennenswerte Leistungsbilanzüberschüsse und Devisenreserven auf. Zudem hat sich ein Großteil der Länder von dem System verabschiedet, ihren Wechselkurs zu sehr an den US-Dollar zu koppeln, was die Anpassungsfähigkeit der Länder verbessert hat. Dennoch sind einige Volkswirtschaften nach wie vor anfällig für Marktbewegungen, beispielsweise durch eine Anpassung der US-Geldpolitik, was sich unlängst am Beispiel der indonesischen Rupiah zeigte. Das gilt in besonderem Maße für die Rohstoffexporteure.

Die angesprochene Heterogenität im Entwicklungsstand macht gemäß Ihrer Studie einen One-size-fits-all-Ansatz in der Region kaum möglich. Bietet diese Vielfalt dennoch Möglichkeiten?

KunzeExpansionsvorhaben in Asien – sei es nun auf der Suche nach neuen Absatzmärkten oder mit Blick auf neue Produktionsstandorte – können auf gute Bedingungen stoßen. Es kommt allerdings darauf an, für jedes Vorhaben auch das richtige Land zu finden. So unterscheiden sich die Volkswirtschaften nicht nur in Bezug auf die Kostenstruktur. Auch der jeweilige Binnenmarkt ist länderspezifisch. Das zeigt allein schon der Vergleich eines Stadtstaates wie Singapur, in dem 5 Millionen Menschen leben, mit einem Land wie Indonesien mit fast 250 Millionen Einwohnern. Auf der anderen Seite sind in den aufstrebenden Volkswirtschaften noch sehr starke Defizite bei der Wettbewerbsfähigkeit zu bemängeln, so zum Beispiel bei den Institutionen oder der Effizienz auf Güter- und Finanzmärkten, was einen Markteinstieg erheblich erschweren kann.

Mit Blick in die Zukunft: Wie schätzen Sie die langfristige Entwicklung Asiens ein?

KunzeInsgesamt bleibt Asien-Pazifik eine Wachstumsregion, davon sind Herr Rudschuck, Herr Dr. Große und ich als Autoren dieser Studie überzeugt. Der übergeordnete Wachstumstreiber wird hier auf mittlere bis lange Sicht die wachsende Mittelschicht bleiben bzw. werden. Bei aller Vorsicht, die bei einer Verallgemeinerung an den Tag gelegt werden muss, sehen wir Asien damit langfristig auf einem robusten Wachstumspfad und auch als wichtigen Markt für deutsche Unternehmen und Investoren.

Zur Person

...ist Analyst in der Gruppe Economics & Strategy bei der NORD/LB. Als Volkswirt verantwortet er in der NORD/LB die Analysen und Prognosen zur Wachstumsentwicklung Chinas, den Entwicklungen auf dem chinesischen Finanzmarkt sowie zur zunehmenden Öffnung der Volksrepublik. Daneben gehört die Einschätzung der Rohstoffmärkte zu seinen Aufgaben. Frederik Kunze studierte Volkswirtschaftslehre an der Georg-August-Universität in Göttingen und an der School of Economics in Nottingham.

„China ist nicht mehr die verlängerte Werkbank“

Im Gespräch diskutieren Cora Jungbluth, China-Expertin und Projekt Managerin der Bertelsmann Stiftung, und Frederik Kunze, Chinaspezialist der NORD/LB über die Perspektiven eines Landes, das sich anschickt, in die Weltspitze der Wirtschaftsmächte aufzusteigen.

China kopiert nicht einfach den Westen, sondern sieht sich sehr genau an, was über die Jahrzehnte gut funktioniert hat und was man kopieren oder in adaptierter Form übernehmen kann.

Wie kommt es aus Ihrer Sicht, dass China sich im Gegensatz zu vielen anderen Schwellenländern letztlich so erfolgreich industrialisieren konnte?

JungbluthDie chinesische Regierung hat seit Ende der siebziger Jahre, also seit dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik, eine Strategie verfolgt, in der sich das Land graduell gegenüber dem Westen und ausländischen Direktinvestitionen geöffnet hat. Dabei lag ein starker Fokus auf der kostengünstigen Herstellung von Konsumgütern. Erst durch den Zufluss ausländischen Kapitals und die Produktionsaktivitäten ausländischer Unternehmen wurde China zur verlängerten Werkbank der Welt. Derzeit stehen viele chinesische Unternehmen vor der Situation, dass sie als Hersteller von Originalteilen für westliche Markenfirmen sehr erfolgreich waren, aber in der Wertschöpfungskette dadurch nicht weiterkommen, denn große Teile der Wertschöpfung spielen sich im Premium- und Markensegment ab.

Inwiefern geht China hier anders vor als andere Schwellenländer?

KunzeWir haben im Rahmen einer Potenzialanalyse die Wachstumsregion Asien-Pazifik untersucht. Dabei haben wir unter anderem auch ableiten können, inwiefern sich China von den anderen Emerging Markets in der Region unterscheidet. Eine der zentralen Besonderheiten des Landes ist definitiv, dass die Regierung hinter sehr vielen wirtschaftlichen Themen steht und es so eine gewisse Stabilität bzw. Planungssicherheit gibt. Bei der langfristigen Betrachtung haben wir gesehen, dass in China sehr stark in die Infrastruktur investiert wurde, wohingegen dies in Ländern wie Vietnam, Malaysia oder den Philippinen nicht so konsequent der Fall war – und das beklagen auch die dortigen Unternehmen bzw. Investoren. Andere Punkte, die Unternehmen bemängeln, sind mangelhafte Energieversorgung wie etwa in Indien oder extrem viele Streiks. Diese Themen sind in China weitestgehend gelöst, was langfristige Investments ermöglicht bzw. vergleichsweise attraktiv macht. China hat an dieser Stelle bereits einen immensen Startvorteil, der sich so schnell nicht mehr einholen lässt.

Was sehen Sie darüber hinaus in China?

JungbluthEin weiterer wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass Chinas Bankensektor noch immer staatlich dominiert ist, die wichtigen Banken also in Staatsbesitz sind. Der Einfluss von staatlichen Akteuren auf die Kreditvergabe ist erheblich. Theoretisch wäre das eine Stellschraube zur Förderung von Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung sehr stark sind. Tatsächlich haben aber vor allem Staatsunternehmen Vorteile hieraus, während es im Privatsektor häufig schwierig ist, Kredite zu erhalten. Vor allem für kleinere und innovativere Firmen, die an technologischen Entwicklungen arbeiten, ist das ein Problem. Die neue Regierung hat es sich jedoch auf die Agenda gesetzt, den Kreditzugang für kleine und mittelständische Unternehmen zu verbessern.

Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie in China?

KunzeEines der Kernprobleme, auf das deutsche Unternehmen in China immer wieder stoßen, ist die Suche nach Mitarbeitern bzw. die Frage, wie man sie finden, einstellen, halten und angemessen bezahlen kann. Die großen deutschen Konzerne haben in diesem Punkt sicher weniger Probleme, aber die kleineren Unternehmen, die nicht unbedingt eine sehr bekannte Arbeitgebermarke haben, haben es hier häufig merklich schwerer. So ist es nach wie vor ein Problem, dass viele chinesische Mitarbeiter, die teilweise auf der Arbeit angelernt wurden, noch am Werkstor für ein paar hundert Renminbi mehr im Monat von anderen Arbeitgebern abgeworben werden. Dabei geht natürlich Know-how und in Einzelfällen womöglich auch geistiges Eigentum verloren. Natürlich gibt es eine wachsende Zahl an Universitätsabsolventen, schließlich ist dies eines der Ziele des aktuellen Fünfjahresplans. Doch dieser Prozess ist langfristig. Zudem werden in vielen Industrien doch eher noch gelernte Facharbeiter gesucht, welche nach wie vor Mangelware sind.

Wie reagieren Mittelständler auf diese Veränderungen in China?

KunzeEin definitives Merkmal des deutschen Mittelstandes ist seine Fähigkeit der Anpassung an die verschiedensten Situationen und Herausforderungen. China ist eben nicht mehr die verlängerte Werkbank, wo lediglich Waren zu niedrigen Kosten produziert und nach Deutschland importiert werden. Schließlich gibt es inzwischen eine ganze Reihe deutscher Unternehmen, die in China für China oder für Länder in der Region produzieren lassen. Hintergrund ist häufig die Entscheidung, das absolut höchste Premiumprodukt weiterhin in Deutschland herzustellen und gewisse Produkte in China oder anderen asiatischen Ländern zu produzieren. Einige Unternehmen sind übrigens hier bereits an dem Punkt, dass sie sich aus dem Markt zurückziehen, weil das Modell der erweiterten Werkbank für sie doch nicht funktioniert. Andere Firmen wiederum passen sich der Situation an. Sie produzieren und vermarkten vor Ort für den lokalen Markt.

Dass es in Deutschland so viele erfolgreiche Mittelständler gibt, scheint doch auch etwas mit einer gewissen Geisteshaltung zu tun zu haben, die die Ent-wicklung solcher Firmen begünstigt. Muss man sich wirklich so viele Sorgen um die Zukunft des deutschen Mittelstandes machen?

JungbluthZum gegenwärtigen Zeitpunkt sind diese hoch spezialisierten Nischen für chinesische Unternehmen noch nicht aktuell. Doch es zeichnet sich bereits ab, dass sich hier in den nächsten Jahren einiges verändern wird. Noch sind viele der Hightech-Maschinen aus deutscher Produktion zu weit weg von den Fähigkeiten chinesischer Hersteller, doch diese haben in den letzten Jahren sehr schnell aufgeholt und auch technologisch anspruchsvollere Produkte auf den Markt gebracht. Die dortige Industrie lernt ständig und vor allem relativ schnell dazu – diese Entwicklung müssen Mittelständler auf jeden Fall im Auge behalten.

Stimmt es, dass „made in China“ als Label zusehends positiv besetzt ist?

JungbluthJa, zumindest wird es von der Regierung sehr stark gepusht, wenn auch nicht im Hightech-Bereich, sondern eher im mittleren Segment. In dieser Nische sind chinesische Produkte häufig kostengünstiger, robuster und eher auf die lokalen Gepflogenheiten abgestimmt.

Darüber hinaus gibt es scheinbar sowieso einen Trend zur Lokalisierung von Produkten in den Schwellenländern?

KunzeDas ist richtig – man kann dies bereits bei kleinen Dingen wie ausländischen Fastfoodketten sehen, die in China eine andere Speisekarte anbieten. Dies ist natürlich eine sehr offensichtliche Form der Adaption an andere Essensgewohnheiten. Der Trend, in China zu produzieren und auch zu konsumieren, wird mit Sicherheit zunehmen – auch in anderen Branchen wie dem Automobilbau.

Man kann also letzten Endes auf diesen Märkten nur überleben, wenn man sich anpasst?

JungbluthAuf dem chinesischen Markt reicht es als kaufentscheidendes Kriterium definitiv nicht mehr, dass ein Produkt von einem westlichen Hersteller stammt und damit als besser betrachtet wird. Die Zeit, in der die chinesischen Konsumenten westlichen Produkten aus diesem Grund den Vorzug gaben, ist vorbei. Das mag eine Zeit lang funktioniert haben, weil der Nachholbedarf groß war und der Lebensstandard in den letzten 20 Jahren stetig gestiegen ist. Inzwischen ist der Markt jedoch gerade im Konsumgüterbereich extrem differenziert und es bedarf neuer Erkenntnisse, um Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen. Die chinesischen Konsumgüterhersteller hinken längst nicht mehr hinterher, sondern haben sehr schnell aufgeholt. Zudem wird diese Art des Konsum-Nationalismus teilweise auch von der Regierung gefördert. So gibt es immer wieder Boykotte gegen Produkte aus Japan oder anderen Ländern. Auch die chinesischen Konsumenten selbst verlangen in vielen Fällen nach Produkten made in China. Vereinzelt, z. B. in der Lebensmittelbranche, lässt sich zeitweilig aber auch ein gegenläufiger Trend beobachten. Insofern ist die Frage der Anpassung auch wieder stark von der Branche abhängig.

Das heißt, China ist inzwischen durchaus in der Lage, auch eigene Strategien zu entwickeln, die zum Erfolg führen?

JungbluthAuf jeden Fall. Ein spannendes historisches Beispiel ist die Asien-krise Ende der Neunzigerjahre. Hier ist China – von vornherein im Vorteil durch eine Währung, die nicht konvertierbar ist – seiner eigenen Strategie gefolgt und nicht den damaligen Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds, ebenso wie Malaysia. Und genau diese beiden Länder sind besser aus der Krise herausgekommen als die Länder, die den Empfehlungen gefolgt sind. Die zentrale Lehre für mich an dieser Stelle ist, dass sich westliche Empfehlungen oder Modelle eben nicht einfach kopieren lassen, sondern es manchmal besser ist, einzelne Aspekte herauszugreifen und sich genau zu überlegen, was für das jeweilige Land in einer bestimmten Situation wirklich passend ist. Dazu gehören ein Verständnis dessen, wie ein Land in der Region aufgestellt ist, und eine kritische Haltung, die Vorschläge von außen hinterfragt. China kopiert nicht einfach den Westen, sondern sieht sich sehr genau an, was über die Jahrzehnte gut funktioniert hat und was man kopieren oder in adaptierter Form übernehmen kann. Das ist eine sehr kluge Strategie.

v.l. Cora Jungbluth, Moderatorin Sonja Michaelis, Frederik Kunze