Abschied vom Wachstumswahn

Die Zeiten des zweistelligen Wachstums in China scheinen vorbei. Doch das Reich der Mitte befindet sich nicht einfach nur in einem Formtief, sondern steht vor tiefgreifenden Veränderungen.

Mehr Qualität statt Quantität lautet nun die Devise.

Dreispurige Autobahnen ohne nennenswerten Verkehr, und das mitten in der City. Was für den von Dauerstau geplagten chinesischen Autofahrer in Beijing oder Shanghai wie ein Märchen klingt, ist für die Erbauer von Chenggong ein Alptraum. Denn die gigantische Trabantensiedlung südlich der 6,5-Millionen-Metropole Kunming im Südwesten Chinas ist eine Geisterstadt. Über 100.000 nagelneue Wohnungen stehen ungenutzt in der Landschaft. Und Chenggong ist kein Einzelfall. Auch das jüngst in der zentralchinesischen Stadt Chengdu eröffnete New Century Global Center, mit 1,7 Millionen Quadratmetern immerhin flächenmäßig das größte Gebäude der Welt, steht so gut wie leer. Überall in China hat der Bauboom der vergangenen Jahre Hochhaustürme, Shoppingcenter oder Messegelände sprießen lassen, die kein Mensch haben will oder bezahlen kann. Doch obwohl gigantische Überkapazitäten am Markt vorhanden sind, geht es munter weiter wie bisher. So zogen die Bauinvestitionen 2013 um fast ein Fünftel an. Gleichzeitig klettern die Preise für Wohnungen, Häuser und Büros immer noch nach oben. Eine Immobilienblase scheint sich anzukündigen und niemand weiß, ob sie platzen wird oder die Regierung rechtzeitig in die Bresche springt oder nicht. Schließlich ist die Bauindustrie eine der Säulen der chinesischen Wirtschaft. Und die steht vor tiefgreifenden Veränderungen.

Das Ende der verlängerten Werkbank

„Die Machthaber in Beijing haben sich ein Upgrading der chinesischen Ökonomie auf die Fahnen geschrieben“, bringt es Dr. Georg Erber auf den Punkt. „Man will nicht weiter nur die verlängerte Werkbank der Welt bleiben“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter und China-Kenner des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) in Berlin. „Deshalb befindet sich das Geschäftsmodell des Landes im Umbruch. Der Schwerpunkt verlagert sich langsam, aber sicher hin zur Entwicklung und Fertigung eigener Hochtechnologieprodukte.“ Ob das wirklich gelingt, wird erst die Zukunft zeigen. „Derzeit durchleben wir eine kritische Phase der Entwicklung und Transformation“, verkündete Anfang 2014 ungewohnt freimütig selbst das chinesische Statistikamt bei der Veröffentlichung seiner jüngsten makroökonomischen Daten. 2013 legte das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 7,7 Prozent zu – ein Wert, bei dem in Europa, Amerika oder Japan garantiert die Sektkorken knallen würden, der in China aber im Vergleich zu den zweistelligen Wachstumsraten früherer Jahre eher durchwachsen aussieht.

Exportquote soll sinken

Und der Trend hält an. Laut den Prognosen des IWF sollen es 2014 und 2015 voraussichtlich lediglich 7,5 Prozent und 7,3 Prozent werden. Die Regierung plant die Durchsetzung zahlreicher struktureller Reformen, um den Binnenkonsum anzukurbeln und unabhängiger von den Exporten ins Ausland zu werden. „Ein Plus von ungefähr 7,5 Prozent entspricht den politischen Vorgaben aus Beijing. Dahinter steckt die Vorstellung, dass ein Zuwachs in dieser Größenordnung das Minimum sein muss, um das Beschäftigungsniveau halbwegs aufrechtzuerhalten“, erklärt Erber. „Dennoch ist diese Zahl nicht in Erz gegossen und sehr davon abhängig, als wie stabil sich in den kommenden Jahren der Finanzsektor erweist und wie hoch die Produktivitätszuwächse sein werden.“ Und natürlich auch davon, wie sich die Immobilienbranche entwickelt. Denn wenn im Rahmen dieser Transformation der Bedarf an weniger qualifizierten Arbeitskräften in der Produktion sinkt, stellt sich die Frage, wohin mit dem Heer der knapp 200 Millionen Wanderarbeiter.

Aufstieg zum Global Player

„Bei den aktuellen Zahlen handelt es sich in der Tat um eindeutige Signale dafür, dass gerade ein Richtungswechsel vollzogen wird“, lautet auch die Ansicht von Professor Dr. Markus Taube. „Die Politik verabschiedet sich langsam, aber sicher vom Wachstumsfetischismus früherer Jahre“, so der Lehrstuhlinhaber für Ostasienwirtschaft an der Mercator School of Management der Universität Duisburg-Essen. Mehr Qualität statt Quantität lautet nun die Devise. Markenprodukte mit höheren Margen müssen her, allen voran in der Elektronikindustrie. Bis 2015 sollen zwischen fünf und acht Unternehmen zu den globalen Top Ten der Branche gehören. Der Maschinenbau nimmt ebenfalls eine Schlüsselrolle in diesem Konzept ein. Mit einem Jahresumsatz von über 563 Milliarden Euro ist die Volksrepublik vom Volumen her schon heute weltweit die Nummer eins.

Drastischer Anstieg der Lohnkosten

Nicht wenige Faktoren machen diese Neuausrichtung offenbar notwendig: „Bereits jetzt schrumpft aufgrund demographischer Effekte der zur Verfügung stehende Arbeitskräftepool. Zugleich ziehen insbesondere in den entwickelten Provinzen die Lohnkosten seit Jahren kontinuierlich an.“ Allein 2011 beschlossen 24 von 31 Provinzen eine Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns um durchschnittlich 20 Prozent. Laut einer aktuellen Umfrage der Deutschen Außenhandelskammer in China registrierten Unternehmen aus Deutschland im Jahr 2012 einen Anstieg von 8,2 Prozent. Besonders dramatisch sieht es in der Textilindustrie aus. So berichtete die Bielefelder Seidensticker-Gruppe gar von 80 Prozent Lohn- und Nebenkostensteigerungen in nur zwei Jahren. „Ausländische Unternehmen gehen nicht mehr wie früher nach China, weil man dort billig produzieren kann, sondern um den chinesischen Markt vor Ort zu bedienen“, erklärt Taube.

Automatisierung schreitet voran

Ein weiteres Problem, das vielen auf den Nägeln brennt, ist die mit jährlich über 14 Prozent extrem hohe Mitarbeiterfluktuation. All diese Entwicklungen beschleunigen wiederum die Automatisierung der Produktion in China. Immer häufiger werden Roboter oder Maschinen verwendet, um manuelle Tätigkeiten zu übernehmen. Wie der zwölfte Fünfjahresplan zeigt, ist das von der Regierung ganz klar intendiert. Genau deshalb nimmt die Zahl der Industrieroboter derzeit auch geradezu explosionsartig zu. Laut dem Internationalen Verband für Robotik (IFR) kamen im Reich der Mitte 2011 insgesamt 22.500 davon neu zum Einsatz, 55 Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Einfache und arbeitsintensive Produktionsprozesse werden angesichts dieser Entwicklungen zunehmend aus China weg in das deutlich günstigere Bangladesch, Kambodscha oder Vietnam verlagert“, so Taube.

Produktion in der Provinz wird interessant

„Generelle Aussagen sind angesichts der Größe des Landes schwer zu machen“, lautet dagegen die Position von Dr. Margot Schüller. „Schließlich ist das Land größer als ganz Europa. Die Standortbedingungen in den verschiedenen Regionen sind deshalb sehr unterschiedlich“, so die Stellvertreterin des Direktors des GIGA Instituts für Asien-Studien in Hamburg. „Während sich angesichts der rasant gestiegenen Lohnkosten in Provinzen wie Guangdong oder Shanghai die Produktion einfacher und billiger Güter kaum noch lohnt, macht sie in den weniger entwickelten Regionen durchaus noch Sinn.“ Zwar sieht auch sie einen tiefgreifenden strukturellen Wandel, der das Ergebnis eines Richtungswechsels in der Politik ist, glaubt aber, dass die Zeit des Cheap-Labor-Modells keineswegs ganz vorbei ist. „Langfristig aber werden wir ein stärkeres Nebeneinander der beiden Formen sehen“, meint Schüller. „Zudem hat sich die Infrastruktur in den vergangenen Jahren gewaltig verbessert, so dass die bis dato weniger erschlossenen Regionen mit ihren deutlich günstigeren Personalkosten durchaus interessant werden.“

Größtes Konjunkturpaket der Geschichte

Auf den Ausbruch der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hatte der Staatsrat unter Premier Wen Jiabao mit einem Investitionsprogramm in der astronomischen Höhe von 500 Milliarden Euro reagiert, um einem Absturz der Konjunktur im eigenen Land vorzubeugen. Ein Großteil davon wurde in die Verbesserung der Verkehrssysteme gesteckt. Aus dem Nichts entstand ein Netz von Bahntrassen für Hochgeschwindigkeitszüge, dessen Bau sechs Millionen Chinesen Arbeit gab. Davon profitiert das Land heute sehr. „Dennoch gibt es klare Defizite in der Infrastruktur“, ergänzt DIW-Experte Erber. „So ist die Energieversorgung nicht immer und überall gewährleistet und kann sich langfristig als eine Achillesferse erweisen.“

Anderer Ausbildungsstandard

Auch stößt das Niveau der Ausbildung immer wieder auf Kritik. „Wenn Volkswagen in einem seiner Werke in China beispielsweise die Produktion auf ein neues Modell umstellen will, müssen mehrere hundert Techniker aus Deutschland eingeflogen werden“, weiß Erber zu berichten. „Das sagt eine Menge über den Ausbildungsstand.“ Doch andere Experten warnen vor pauschalen Urteilen. „Die Qualität eines Abschlusses, beispielsweise in Ingenieurwissenschaften, hängt immer von der einzelnen Hochschule ab“, sagt Jürgen Henze. „Angesichts ihrer kaum überschaubaren Zahl ist es nahezu unmöglich, allgemein gültige Aussagen zu treffen“, so der Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin. Zudem attestiert er dem chinesischen Bildungssystem eine enorm hohe Wandlungsfähigkeit. Für ihn manifestiert sich der Richtungswechsel Chinas zudem in einem ganz anderen Punkt: „Die Rückkehrquote unter den chinesischen Universitätsabsolventen, die im Ausland studiert haben, steigt von Jahr zu Jahr kontinuierlich an.“ Ein Indiz für die deutlich gestiegene Attraktivität ihres Heimatlandes.

Verstärkte Einkaufstour im Ausland

Vielleicht gehen von ihnen die dringend benötigten Impulse aus, damit sich China auch in Sachen Forschung und Entwicklung zu einer Supermacht entwickeln kann. „Denn noch fehlt es einfach an einer Initialzündung“, glaubt Professor Taube. „Derzeit wird Know-how überwiegend durch Akquisitionen im Ausland käuflich erworben.“ Prominente Beispiele dafür sind die Übernahmen des schwäbischen Pumpenherstellers Putzmeister durch den Baumaschinenkonzern Sany, von Schwedens Volvo durch den Autobauer Geely oder jüngst des Smartphone-Produzenten Motorola durch den Elektronikgiganten Lenovo. „Das ist eindeutig eine Ausweichstrategie.“

Fehlende kreative Stimmung

Dabei unterstellt Taube den Mitarbeitern in den Entwicklungsabteilungen von Chinas Hightech-Schmieden keinesfalls Unfähigkeit, eigene Ideen zu haben. „Systembedingt herrscht aber ein Mangel an kreativer Atmosphäre. Autoritäre Regierungen erlauben nur bedingt Freiräume. Das ist ein großes Defizit und hindert China daran, eigene Innovationen hervorzubringen.“ Zwar haben sich einzelne Hightech-Konzerne wie die Netzwerkausrüster Huawei und ZTE in Rekordzeit zu gefürchteten Global Playern entwickelt und die Märkte aufgerollt. „Doch das sind Einzelfälle, deren Erfolg oftmals darauf basiert, ein hervorragendes Re-Engineering zu betreiben“, so Taube. „Die Tatsache, dass Huawei eines seiner wichtigsten F&E-Zentren in Indien betreibt, ist symptomatisch für die Vorgehensweise, eher auf kreative Potenziale im Ausland zu setzen und diese anzuzapfen.“ Der aktuelle wirtschaftliche Transformationsprozess krempelt also nicht nur das alte Geschäftsmodell der Volksrepublik um, sondern konfrontiert die Verantwortlichen in Beijing zugleich mit den Grenzen ihres Herrschaftsmodells. Wenn sie bei der Lösung des Widerspruchs zwischen ökonomischen Zielen und politischen Grenzen nicht ausreichend Flexibilität zeigen, dann droht dem Reich der Mitte weitaus mehr Ungemach als nur ein paar Geisterstädte.

„Restrukturierung hinterlässt Bremsspuren im Wachstum“

Ein Interview mit Dr. Margot Schüller, Stellvertreterin des Direktors des GIGA Instituts für Asien-Studien, Hamburg.

Chinas Wirtschaftsentwicklung verläuft nicht mehr ganz so rasant wie noch vor einigen Jahren. 2013 lag das Plus des BIP nur noch bei 7,7 Prozent. Kann man da von einem Abschwung sprechen oder ist das eine ganz normale Entwicklung?

Dr. SchüllerIch gehe davon aus, dass wir nicht mehr zweistellige Zuwachsraten erleben werden. Was wir derzeit beobachten, ist das Ergebnis eines Richtungswechsels in der chinesischen Wirtschaftspolitik. Der Trend geht weg von einem rein quantitativen hin zu einem qualitativ orientierten Wachstum. Dazu gehört auch, dass der Beitrag der privaten Nachfrage der Haushalte gestärkt wird.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem leicht abgeschwächten BIP-Wachstum und dem Bestreben Chinas, nicht mehr die verlängerte Werkbank der Welt zu sein, sondern auch hochwertige Produkte herzustellen und zu vermarkten?

Dr. SchüllerErste Anzeichen dafür gibt es, die sich aber noch verstärken werden. Der Anteil der Produktion einfacher Exportprodukte nimmt kontinuierlich ab. Das heißt aber keinesfalls, dass sie vollständig verschwinden wird. Die Restrukturierung der Industrie auf ein höheres Wertschöpfungspotenzial wird Bremsspuren im Wachstum hinterlassen.

Nicht nur der Anteil chinesischer Produkte auf den Märkten ist in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, auch ihre Qualität hat sich deutlich verbessert.
Dr. Margot Schüller

Chinas altes Geschäftsmodell ist also nicht länger gültig?

Dr. SchüllerGenerelle Aussagen zur Umsetzung der neuen Politik sind angesichts der Größe des Landes schwer zu machen. Die Standortbedingungen in den verschiedenen Regionen sind sehr unterschiedlich. Während sich angesichts der rasant gestiegenen Lohnkosten in Provinzen wie Guangdong oder Shanghai die Produktion einfacher und billiger Güter kaum noch lohnt, macht sie in den weniger entwickelten Regionen durchaus noch Sinn. Langfristig aber werden wir ein stärkeres Nebeneinander der beiden Formen sehen.

Bis dato verkauften sich chinesische Produkte vor allem über ihren Preis. Wird sich das in Zukunft ändern?

Dr. SchüllerNicht nur der Anteil chinesischer Produkte auf den Märkten ist in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, auch ihre Qualität hat sich deutlich verbessert. Sie verkaufen sich schon längst nicht mehr nur deshalb, weil sie billig sind, sondern das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Das Image chinesischer Unternehmen ist jedoch relativ gering. In Relation zur Größe der chinesischen Volkswirtschaft gibt es immer noch wenig international bekannte Marken. Höherwertige Waren werden deshalb oftmals nicht unter dem eigenen Firmennamen vertrieben.

Was sind Ihrer Einschätzung zufolge die größten Hindernisse bei der Verwirklichung der qualitativen Wachstumsziele?

Dr. SchüllerDie Verfügbarkeit von geeignetem Personal ist gewiss eines der dringendsten Probleme. Zwar ist die Zahl gut ausgebildeter Ingenieure, die jedes Jahr frisch von den Universitäten auf den Arbeitsmarkt strömen, recht eindrucksvoll, aber für die Entwicklung neuer Hightech-Industrien sind es eindeutig noch zu wenig. Zudem herrscht ein Mangel an qualifizierten Facharbeitern. Viele ausländische, insbesondere deutsche Unternehmen sind deshalb dazu übergegangen, die Ausbildung ihres Personals selbst in die Hand zu nehmen. Allerdings gibt es eine enorm hohe Fluktuation unter den Mitarbeitern. Hierauf müssen die ausländischen Unternehmen gut vorbereitet sein.

Chinas Wirtschaftsmodell hat sich in der Vergangenheit als sehr erfolgreich und krisenfest bewährt. Besitzt es deshalb für andere Länder eine Vorbildfunktion?

Dr. SchüllerViele Regierungen in den Entwicklungsländern sehen Chinas Entwicklung als Modell an. Dies betrifft vor allem Länder, in denen eine autoritäre Regierungsform vorherrscht. Für sie ist China ein Beispiel, dass ein Demokratisierungsprozess nach westlichem Vorbild nicht unbedingt notwendig ist, wenn man wirtschaftlich erfolgreich sein will. Dabei werden allerdings wichtige Erfolgsfaktoren übersehen. Schließlich war es vor allem die Kombination aus einem von der Zentralregierung initiierten und geförderten Wettbewerb zwischen den Provinzen und Regionen und gezielten Anreizen für ausländische Investoren, die den Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht erst ermöglichte.

Zur Person

...ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (Senior Research Fellow) am GIGA Institut für Asien-Studien mit dem Schwerpunkt chinesische Wirtschaft. Zu ihren aktuellen Forschungsthemen zählt der Vergleich von Innovationssystemen und -strategien in Asien und Europa, insbesondere die chinesische Innovationspolitik und die deutsch-chinesische Technologiekooperation. Weiterhin forscht sie zu den Internationalisierungsstrategien chinesischer Unternehmen.
 

„Internationalisierung entlang der südlichen Seidenstraße“

Ein Interview mit Dr. Stephan Popp, General Manager Shanghai Branch der NORD/LB, und China-Volkswirt Frederik Kunze, NORD/LB Economics & Strategy, über die Herausforderungen der chinesischen Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Wachstumsphantasien in Bezug auf die BRIC-Staaten sind verflogen, derzeit verschieben sich wieder die Gewichte. Welche Länder in Asien sehen Sie mit besonders guten Zukunftschancen und welche Rolle wird China künftig in der Region einnehmen? Wie steht es um die industrielle Produktion in China?

PoppChina steht seit längerem vor dem Problem, dass die Produktion zusehends teurer wird und auch die Produktionskosten eine immer wichtigere Rolle spielen. Daher hat ein Umdenken eingesetzt und viele chinesische Hersteller lagern ihre Produktion bereits heute gezielt in Länder wie Thailand oder Vietnam aus; dieser Entwicklung folgen auch westliche Hersteller. So entsteht derzeit im ASEAN-Raum eine völlig neue Verzahnung zwischen den verschiedenen Volkswirtschaften. Hinzu gesellt sich die Tatsache, dass China das südchinesische Meer historisch als seine eigene Einflusssphäre betrachtet und eine gewisse Vorherrschaft im Raum anstrebt. Zudem hat sich das Machtverhältnis zu Japan komplett verschoben. Im asiatischen Raum ist heute China der primus inter pares und diese Entwicklung wird sicher anhalten.

China entwächst zusehends der Rolle als verlängerte Werkbank. Was ist das langfristige Ziel der chinesischen Regierung und welche internationale Rolle strebt sie für das Land an?

PoppChina sieht sich definitiv nicht mehr als verlängerte Werkbank des Westens und entwickelt sich gemäß den Vorgaben der Regierung ganz gezielt zu einer Hightech-Schmiede. In den letzten 20 Jahren hat China die Bedeutung der eigenen Volkswirtschaft für die Weltwirtschaft erfahren und diese tragende Rolle will die Regierung nun auch als Wirtschaftsmacht spielen – ohne dabei in eine Verantwortung nach amerikanischem Vorbild zu kommen.

China entwickelt sich gemäß den Vorgaben der Regierung ganz gezielt zu einer Hightech-Schmiede.
Chinaexperten der NORD/LB: Frederik Kunze und Dr. Stephan Popp (v.l.)

Wie wirkt sich diese Form der staatlichen Steuerung konkret aus?

KunzeEin gutes Beispiel dafür ist der Umgang mit den seltenen Erden: Die werden zwar durchaus noch exportiert, allerdings gibt es strenge Quoten. Dies führt zu einer nennenswerten Verknappung auf den Weltmärkten. Zugleich fördert die Regierung jedoch über den Foreign Direct Investment Catalogue gezielt Projekte ausländischer Unternehmen vor Ort. Auf diese Weise holt man sich gezielt wichtiges Know-how ins Land, das man anschließend für den Aufbau eines eigenen industriellen Sektors nutzen kann. Dies zeigt, dass die Regierung sehr genau weiß, wohin sie langfristig will.

Wie ist die wirtschaftliche Entwicklung der einzelnen Regionen in China?

PoppChina ist ein riesiges Land. Im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung hierzulande findet das Wirtschaftswachstum lediglich im Korridor zwischen Shanghai und Peking statt. Dabei wird allerdings unterschlagen, dass nicht alles zentralistisch geführt ist, sondern zwischen den einzelnen Städten ein großer Wettbewerb herrscht. Es sind die einzelnen Städte, die auf der Suche nach einer Strategie für morgen die wirtschaftliche Entwicklung einzelner Branchen vorantreiben. Dabei findet ein starker Wettbewerb zwischen den Städten und Regionen statt.

Auch das Umweltbewusstsein scheint in China zu wachsen?

KunzeDas ist in der Tat so. Bislang herrschte die Ansicht vor, man verschmutze die eigene Umwelt für den Rest der Welt, erhalte auf der Habenseite dafür aber Wirtschaftswachstum. Doch diese Zeiten gehen dem Ende entgegen. Heute haben beispielsweise Unternehmer, die mit galvanischen Produkten arbeiten, definitiv ein Thema mit dem Umweltschutz.

Welche Branchen haben in China langfristig das Potenzial, zu Wachstumsbranchen zu werden?

PoppGrundsätzlich haben aufgrund des zunächst riesigen Binnenmarktes eigentlich alle Branchen eine Chance, sich so weit zu entwickeln, dass sie sich anschließend auf den Weltmärkten gut behaupten können. Eine Branche, die sicherlich eine Zukunft hat, ist die Autobranche – sie existiert seit Jahren und wird auch weiterhin wachsen. Auf dem Telekommunikationsmarkt ist mit Huawei bereits ein Gigant entstanden, der derzeit die Märkte in Osteuropa aufrollt und auch in Deutschland schon präsent ist. Auch Flugzeugindustrie oder Raumfahrt – also Segmente, die wir als klassisches Hightech-Territorium betrachten – könnten langfristig in China entstehen.

In der Vergangenheit war in Zusammenhang mit neuen technischen Entwicklungen häufig die Rede von Urheberrechtsverletzungen. Ist dies noch ein Thema?

PoppInsgesamt hat sich die Situation wesentlich verbessert. Allerdings gibt es immer noch Fälle, bei denen in China forschende Konzerne manchmal Probleme haben mit Patenten, die sie dort entwickelt haben. Häufig sind die Forschungsinnovationen nur auf China beschränkt und Formeln oder Baupläne dürfen nicht ohne weiteres exportiert werden. Es ist also nach wie vor ein Thema bzw. auf der Agenda vieler westlicher Firmen, die hier vor Ort sind. Auf der anderen Seite wissen sie um das Thema und wissen daher auch, dass zum einen schnellere Innovationszyklen notwendig sind und man zum anderen die wirkliche Hightech-Forschung am besten zu Hause durchführt.

Wie gehen chinesische Firmen bei der Internationalisierung vor?

KunzeChinesische Firmen gehen häufig nicht direkt auf die entwickelten Märkte, sondern gehen Umwege, zum Beispiel über Osteuropa, Afrika oder Asien – Länder, die wir in Deutschland häufig nicht so sehr im Fokus haben. Komplementiert werden diese Aktivitäten in der Regel durch Mittel chinesischer Banken, die in diesen Ländern Finanzierungen ermöglichen. Fachleute sprechen derzeit davon, dass sie sich bei der Internationalisierung im sprichwörtlichen Sinn entlang einer südlichen Seidenstraße von China über den Mittleren Osten nach Südamerika hangeln.

Gibt es eine Tendenz zu „buy chinese“?

PoppBei manchen Konsumgütern, die ein gewisses Prestige mit sich bringen, ist es natürlich wichtig, dass das entsprechende Produkt auch im Ausland gefertigt wurde. Auf der anderen Seite ist man natürlich unglaublich stolz auf die großen wirtschaftlichen Leistungen, die das Land in so kurzer Zeit erzielt hat. Dabei hat sich auch die Mentalität des Landes seit 1990 unglaublich gewandelt: Chinesische Firmen wollen heute nicht nur westliche Firmen kopieren, sondern wirklich dazulernen und die Technologie vollständig verstehen und auch beherrschen.

Ist die angeblich wachsende Überschuldung Chinas wirklich ein Problem? Welche Höhe hat der Verschuldungsgrad im Verhältnis zum BIP?

KunzeEs gibt ein Schuldenthema, aber es ist nicht so, dass das Land hoffnungslos überschuldet ist. Die Verschuldung der Zentralregierung in Prozent des BIP notiert im Bereich von annähernd 30 Prozent. Für sich genommen ist das ein Schuldenstand, welcher nach westlichen Standards sehr niedrig erscheint. In Industrieländern wie Japan, aber auch in Deutschland liegt dieser Wert signifikant höher. Als zweiten Block gibt es dann noch die Verschuldung auf regionaler Ebene. Es waren die regionalen Regierungen, die 2009 das größte Konjunkturpaket in der Geschichte der Menschheit auf den Weg brachten und so vielen Volkswirtschaften rund um den Erdball aus der Krise halfen.

Was geschah mit dem Geld?

KunzeDer Großteil des Geldes wurde in Infrastrukturmaßnahmen investiert und war daher auch notwendig für den wirtschaftlichen Aufbau und die Entwicklung des Landes. Die Schuldenaufnahme der Lokalregierungen hielt aber auch in der jüngeren Vergangenheit an. Nach Angaben des National Audit Office in Peking summierte sich das Bruttoexposure zur Jahresmitte 2013 auf 17,9 Billionen RMB (bzw. 2,9 Billionen USD). Hier sprechen wir von einem Verschuldungsgrad von immerhin rund einem Drittel des BIP. Hinzu kommen noch die ausstehenden Verbindlichkeiten von Unternehmen, die zumindest bei den Staatsunternehmen auch dem öffentlichen Sektor zuzuordnen sind. Die Verschuldung der Privathaushalte wiederum ist sehr überschaubar. In Summe hat sich durchaus ein beachtlicher Schuldenberg aufgebaut, was zunehmend auch für Peking zu einer Herausforderung wird. Als dramatisch ist die Situation am aktuellen Rand aber noch nicht zu bezeichnen – ähnlich wie in Japan sind die Schulden in China hauptsächlich in inländischer Währung denominiert.

China ist nach wie vor geprägt von großen gesellschaftlichen Unterschieden zwischen arm und reich sowie dem wirtschaftlichen Gefälle zwischen Stadt und Land. Mit welcher Strategie will die Partei dies langfristig ändern?

PoppIn der Außenwahrnehmung denken viele, es gäbe nur Peking und Shanghai – und der Rest des Landes läge noch in tiefster Armut. Dem ist nicht so! Im Norden des Landes erstreckt sich ein Gürtel von 2000 Kilometer Länge, in dem fast alle Städte mehr oder weniger gleich weit industrialisiert und entwickelt sind. Rund 700 Millionen der 1,3 Milliarden Einwohner leben im Landesinneren und partizipieren nur bedingt vom großen Wirtschaftswunder, das in den Boom-Regionen stattfindet. Aber auch hier muss man sagen, dass wir von Einkommensverhältnissen reden, die von wirklicher Armut weit entfernt sind. Hinzu kommt noch, dass man in China nicht einfach umziehen kann, sondern durch das Hukou-System daran gebunden ist, in dem Regierungsbezirk zu bleiben, aus dem man kommt.

Was tut die chinesische Regierung an dieser Stelle?

PoppSie lockert gerade diese Regelungen und lässt mehr Freizügigkeit zu. Dabei haben sich die Bevölkerungsgewichte schon im Sinne der Regierung verschoben. So leben seit Ende 2011 zum ersten Mal in der mehr als tausendjährigen Geschichte des Landes mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Dennoch liegt der Urbanisierungsgrad mit knapp über 50 Prozent vergleichsweise niedrig und es ist davon auszugehen, dass von den rund 640 Millionen Menschen auf dem Land immer mehr den Weg in die Städte finden werden. Für den chinesischen Premier Li Keqiang ist dies der bedeutendste Wachstumstreiber für die kommenden zehn Jahre. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Regierung dieses Problem erkannt hat und sich daranmacht, es zu lösen.

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