Unter Spannung: Deutschland und die Energiewende

Die Mehrheit will sie, doch wenn es um ganz konkrete Maßnahmen geht, dann hagelt es oft Proteste und jeder Zeitplan wird rasch zur Makulatur. Das Projekt Energiewende und der damit verbundene Umbau der Energiewirtschaft trifft laut einer aktuellen Umfrage von TNS Emnid zwar auf die volle Zustimmung von 61 Prozent aller Deutschen, aber Eingriffe in die Natur zum Bau der dringend benötigten Stromtrassen und Windkraftwerke wollen die wenigsten. Nicht selten stoppt sogar die Politik vor Ort aus opportunistischen Gründen den notwendigen Leitungsbau. Die Folge: Von den 1.876 Kilometern Hochspannungsnetzen, die bis 2016 fertig sein sollen, sind bis dato keine 400 Kilometer errichtet worden.

Gemessen an der Zahl mittelständischer Betriebe in Deutschland ist ihr Anteil an den Ausnahmegenehmigungen der EEG-Umlage verschwindend gering.

Kernproblem Verteilung

Und damit offenbart sich auch schon eine der Achillesfersen, an der die Energiewende nach Meinung vieler Experten von Anfang an krankte. Denn die Bundesregierung setzt überwiegend auf erneuerbare Energien aus dem Norden und Osten Deutschlands, aber gebraucht werden sie vor allem im industriestarken Westen und Süden. „Natürlich macht es ökonomisch wenig Sinn, an der Küste in Norddeutschland Windkraftwerke zu errichten, deren Strom wir aber nicht nutzen können, weil die Netze noch nicht existieren“, lautet dazu die Position von Henry Borrmann. „Zuerst die Netze und dann die Anlagen zur Energieerzeugung - das wäre der bessere Weg gewesen“, so der Leiter Energiepolitik beim Verband DIE FAMILIENUNTERNEHMER - ASU e.V. in Berlin.

Ende der Fahnenstange bei Speicherkapazität

Dabei geht es laut einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI sowie der HSH Nordbank nicht nur um die großen Stromtrassen. Zur Sicherung der Netzstabilität müssen bis zum Jahr 2030 insgesamt 135.000 Kilometer zusätzliche Leitungen für die Verteilernetze geschaffen werden. Allein die Kosten dafür betragen 27,5 Milliarden Euro. Auch ihr Ausbau hinkt hinterher. Des Weiteren mangelt es an Kapazitäten, den mit Wind oder Sonne erzeugten Strom überhaupt speichern und genau dann zur Verfügung stellen zu können, wenn er auch gebraucht wird. „In der Tat können wir deshalb aktuell von einer kritischen Phase der Energiewende sprechen.“

Bevorzugung von Vielverbrauchern explodiert

Ein weiteres Dauerstreitthema ist die Befreiung von der EEG-Umlage. Manchen gehen die Ausnahmeregelungen deutlich zu weit, anderen dagegen nicht weit genug. Nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erhalten im laufenden Jahr 2.098 Unternehmen dieses Privileg. Zum Vergleich: 2011 waren es gerade einmal 603. Das entspricht einer begünstigten Strommenge von schätzungsweise 107 Terawattstunden und damit 18 Prozent des jährlichen Stromkonsums hierzulande. Rund 5,1 Milliarden Euro sparen diese Unternehmen voraussichtlich so ein. Für Branchen, die durch höhere Strompreise handfeste Nachteile im internationalen Wettbewerb hätten, machen diese Ausnahmeregelungen durchaus Sinn. Wer Aluminium produziert oder Stahl kocht, für den sind die Energiekosten einfach der größte Posten auf der Ausgabenseite. Warum aber Süßwarenhersteller oder Schlachtbetriebe unter diese Ausnahmeregelung fallen und mitunter ebenfalls energieintensive Handwerksbetriebe wie Bäckereien nicht, stößt bei vielen auf Unverständnis.

Mittelständler benachteiligt

Gerade im Mittelstand regt sich deshalb Unmut. Denn laut einer Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn gibt es in Deutschland knapp 3,7 Millionen kleine und mittelständische Betriebe in Deutschland. Doch gemessen an dieser Zahl ist ihr Anteil an den Ausnahmegenehmigungen verschwindend gering. Laut Gesetz gelten nur die Unternehmen als stromintensiv und damit befreiungsberechtigt, die einen jährlichen Stromverbrauch von über 1 Gigawattstunde vorweisen können und deren Stromkosten 14 Prozent der Bruttowertschöpfung des Unternehmens ausmacht. „Tatsächlich werden nach den geltenden Regeln größere Unternehmen gegenüber kleineren bevorteilt“, bringt Borrmann die Kritik auf den Punkt. „Weil die Verbrauchsmengen als Kriterium gelten, fallen sie eher in das gesetzlich festgelegte Befreiungsraster als kleinere. Wir befürworten dagegen eine Regelung, die sich am prozentualen Anteil der Stromkosten an den Gesamtkosten orientiert – ohne Unterschiede zwischen Groß und Klein.“

Versorgungssicherheit wird zum Problem

Ziel der Energiewende ist die Erhöhung des Kapazitätsanteils von Sonne und Wind an der Stromerzeugung auf voraussichtlich 64 Prozent im Jahr 2050. Doch bereits jetzt schon sorgt der stetig steigende Anteil aus erneuerbaren Energiequellen dafür, dass aufgrund der üblicherweise auftretenden Schwankungen bei der Einspeisung dieses Stroms die Versorgungssicherheit nicht immer auf gleichbleibend hohem Niveau gewährleistet werden kann. Insbesondere für die Aufrechterhaltung des Betriebs hochtechnologischer Anlagen kann das ein Problem sein. Kein Wunder, dass sich die Beschwerden über entsprechende Ausfälle sowie Schadensfallmeldungen mittlerweile häufen.

Eigenerzeugung im Aufwind

Deshalb sind viele Unternehmen dazu übergegangen, die Stromerzeugung selbst in die Hand zu nehmen, wie eine Befragung unter knapp 2.400 Betrieben durch den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im Sommer 2013 zeigt. Zwei von fünf machen dies bereits oder planen in naher Zukunft Investitionen in Solartechnik, Windkraft oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Dies ist dezentral und funktioniert ohne zusätzliche Netze. Zum einen hilft diese Eigeninitiative, den Fixkostenblock Energieausgaben halbwegs im Griff zu halten, zum anderen spart man sich damit die EEG-Umlage. Doch wohl nicht mehr lange. Denn nun soll dieses Privileg fallen, was gerade auf Seiten des Mittelstands für reichlich Verunsicherung sorgt. Geplante Maßnahmen kommen erneut auf den Prüfstand oder werden erst gar nicht getätigt, weil sie sich nicht länger rechnen. „All diese ökonomisch und ökologisch sinnvollen Instrumente sollen nun geopfert werden und das ist grober Unfug“, ärgert sich wohl nicht nur Verbandsexperte Borrmann.

„Energiemärkte sind aus dem Ruder gelaufen“

Ein Interview mit Ivo Grünhagen, Sprecher des Vorstands der ENERVIE AG.

Im April wurden die ersten Änderungen in der Energiewende herbeigeführt. Wie beurteilen Sie diese Entscheidungen?

GrünhagenGenerell haben wir – und nicht nur wir – uns die Umsetzung der Energiewende anders vorgestellt. Wir erleben derzeit im Markt die Auswirkungen deutlicher Fehlsteuerungen. Und auch die Reform des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) wird Probleme wie die einbrechenden Preise an den Stromhandelsbörsen oder die Systemprobleme weitestgehend nicht lösen.

Was sind die wesentlichen Fehler aus Ihrer Sicht?

GrünhagenDie Vorschläge für ein neues Strommarktdesign – in dem die konventionellen Kraftwerke aufgrund des kontinuierlich ansteigenden Anteils der Erneuerbaren Energien eine neue Rolle spielen – bleiben entweder relativ unkonkret oder greifen eher mittel- und langfristig. Insbesondere fehlt es aus unserer Sicht als Betreiber konventioneller Kraftwerke an der Einführung eines Kapazitätsmarktes, der einen wirtschaftlichen Betrieb unserer Kraftwerke sicherstellt. Mit dem Koalitionsvertrag bleibt somit in vielen Bereichen die Investitionsunsicherheit bei den wirtschaftlichen Akteuren bestehen.

Der Markt muss wieder wettbewerbsorientierter gestaltet werden.
Ivo Grünhagen

Welche Fehler wurden in Deutschland aus Ihrer Sicht bei der Energiewende begangen und was ist der zentrale Knackpunkt dabei?

GrünhagenDie „doppelte Rolle rückwärts“ der Bundesregierung – zunächst der Beschluss zur Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke im Herbst 2010, dann nach Fukushima im Frühjahr 2011 der vollständige und zeitlich noch forcierte Komplettausstieg – hat die Energiemärkte vollkommen aus dem Ruder laufen lassen. Wir haben nun die absurde Situation, dass der rasante Ausbau der Erneuerbaren Energien und deren vorrangige Einspeisung ins Stromnetz vor allem klimafreundliche Gaskraftwerke aus dem Markt drängen, während abgeschriebene Atomkraftwerke und klimafeindliche Braunkohlekraftwerke praktisch rund um die Uhr laufen. Die geringen CO2-Zertifikatspreise können keine Steuerungswirkung entfalten. Zudem wurde die Netzproblematik unterschätzt.

Sehen Sie die Gefahr, dass die deutsche Wirtschaft langfristig durch die Belastung der Energiewende hinter andere Länder in Europa zurückfällt?

GrünhagenWir haben schon jetzt die Situation, dass einige Branchen im internationalen Wettbewerb zurückgefallen sind bzw. ihren Wettbewerbsvorteil durch zu hohe Strompreise zu verlieren drohen. Die Energiewirtschaft kann hier kaum noch Einfluss auf wettbewerbsfähige Strompreise nehmen, da mittlerweile fast 50 Prozent des Strompreises für Industriekunden aus Steuern und Abgaben bestehen. Auch hier ist die Politik gefordert, zeitnah Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen.

In welchen Ländern sehen Sie eine bessere Entwicklung als hierzulande?

GrünhagenIn Deutschland gibt es einen weitgehenden gesellschaftlichen Konsens für die Energiewende – nur die Umsetzung führt zu einer massiven Fehlsteuerung des Energiemarktes. Andere Länder wie Frankreich, Italien oder Großbritannien sind hier einen Schritt weiter, denn sie schaffen mittlerweile Fakten, indem sie Kapazitätsmärkte einführen werden. Auch wir benötigen dringend die gesetzlichen Grundlagen, damit konventionelle Kraftwerke künftig auch ihre Kapazitäten als eigenes Angebot vermarkten können.

ENERVIE setzt sich für neue Marktmodelle ein, die nicht nur einen Wert für erzeugte Energie, sondern auch bereitgehaltene, gesicherte Kraftwerkskapazitäten anerkennen. Sie engagieren sich für eine langfristige Planungssicherheit bei Investitionen in neue Erzeugungs- und Verteilungsanlagen und auch für neue Dienstleistungen, die das Zusammenspiel von Energieerzeugung und -verbrauch im Sinne der Energiewende optimieren. Wenn Sie dies so dezidiert ausführen: Wieso wird dieser Aspekt der Energiewende aus Ihrer Sicht in der öffentlichen Debatte unterschlagen?

GrünhagenMittlerweile werden ja genau diese Aspekte auch öffentlich diskutiert – nur es passiert bislang nichts oder zu wenig. Fakt ist: Die energiepolitischen Rahmenbedingungen müssen dringend angepasst und der Markt wieder wettbewerbsorientierter gestaltet werden. Die Vorschläge hierzu liegen auf dem Tisch und sind zu einem Teil auch durch uns mitinitiiert und erarbeitet worden. Leider ist der politische Gestaltungsprozess sehr langwierig.

Vor welche Herausforderungen hat die Energiewende ein Unternehmen wie ENERVIE konkret gestellt?

GrünhagenWir befinden uns im Spannungsfeld zwischen negativen Entwicklungen im Kraftwerksmarkt und unserem Ziel, unsere Kunden zuverlässig, umweltfreundlich und zu fairen Preisen zu versorgen. Das machte es notwendig, ENERVIE neu zu erfinden. Wir haben uns – unter anderem mit unserem Strategieprogramm „Fokus 4“ – neu ausgerichtet und konzentrieren uns auf vier zentrale Wirkungsfelder: Lösung der durch die Energiewende bedingten Schwierigkeiten in der Erzeugung, Kosteneffizienz, Sicherung des Kerngeschäfts und partielles Wachstum, wo es wirtschaftlich und sinnvoll ist. Insbesondere über den Ausbau des Contracting-Geschäfts sehen wir aufgrund unserer bereits erarbeiteten Kompetenz in der Zukunft erhebliche Chancen.

Wieso lassen sich Pump- und Turbinenkraftwerke derzeit nicht oder kaum wirtschaftlich betreiben und ist absehbar, dass sich dies ändern wird?

GrünhagenDiese Kraftwerke sind fast vollkommen aus dem Markt gedrängt worden, da die erhöhte Einspeisung Erneuerbarer Energien die Strommarktpreise massiv nach unten drückt. Pumpspeicherkraftwerke deckten früher insbesondere die Spitzenlastzeiten am Mittag ab, nun ist dies meist die Solarenergie. Die ehemals am Strommarkt zu verzeichnende Differenz zwischen base- und peak-Preisen über den Tag ist entfallen, und damit das bisherige Geschäftsmodell. Die Einnahmen aus dem Stromverkauf sind die einzige Einnahme für Kraftwerksbetreiber – und nur die Betreiber, die mit ihren variablen Kosten unterhalb des aktuellen Marktpreises liegen, erwirtschaften einen Deckungsbeitrag, um Strukturkosten zu decken. Solange die Erneuerbaren Energien nicht in dieses Modell marktwirtschaftlich integriert werden oder eine andere Lösung wie ein Kapazitätsmarkt oder ein Auktionsmodell eingeführt wird, ändert sich sicher nichts an dieser Situation.

Vor welchen Herausforderungen stehen wir in Deutschland in puncto Netze? Welche Schritte gilt es nun einzuleiten, um die Netze zukunftsfähig zu machen und welche Probleme sehen Sie dabei?

GrünhagenSchon jetzt entwickelt sich zunehmend eine Situation, die ich gerne mit „Sozialisierung der Netze“ umschreibe: Alle – insbesondere auch ausländische Energieversorger – nutzen unsere Netze, dafür bezahlen müssen aber ausschließlich die deutschen Stromkunden. Der Ausbau der Netz-Infrastruktur ist einerseits zwingend erforderlich und muss von allen in Form einer Umlage auf den Strompreis getragen werden. Andererseits stellt sich die Frage, ob es nicht alternative intelligente Lösungen gibt. Vielleicht ist es ja wirtschaftlich sinnvoller, nicht den Strom mit hohem Aufwand zum Verbraucher zu bringen, sondern umgekehrt – Stichwort dezentrale Energieerzeugung vor Ort.

Sie bewegen sich mit Angeboten für E-Mobility oder Smart-Contracting in völlig neue Geschäftsfelder hinein. Wie umschiffen Sie die Risiken, die es beim Betreten neuer Geschäftsfelder grundsätzlich gibt, und wie gehen Sie vor?

GrünhagenContracting ist generell für uns kein Neuland, sondern ein Geschäftsfeld, in dem wir schon seit einigen Jahren unterwegs sind. Dies hilft uns, die sich im Energiemanagement bietenden Chancen zu nutzen. Wir optimieren unsere Produkte in den Sparten Wärme-, Kälte-, Licht- und Druckluft-Contracting und entwickeln sie weiter. Hierzu haben wir eigens eine bereits bestehende Gesellschaft in die Mark-E Energieeffizienz GmbH umfirmiert. E-Mobility sehen wir nicht primär als Renditebringer, sondern wir wollen das Thema als regionaler Energieversorger den Kunden vor allem in unserem Versorgungsgebiet näher bringen.

Die ENERVIE ist aktiv in der Erzeugung, in der Verteilung in der Region über ein eigenes Netz sowie im Handel an der EEX in Leipzig. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Strombörse in Leipzig?

GrünhagenGrundsätzlich kann man festhalten, dass sich die EEX bewährt hat. Unsere Handelsumsätze mit der EEX sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Die EEX bietet uns eine transparente Handelsplattform für Commodities. Zudem ist sie ein Instrument, um notwendige Weiterentwicklungen des Energiemarktes, wie z.B. einen Kapazitätsmarkt, zu implementieren. Dies könnte eine Antwort auf die aktuellen Probleme der Energiewende sein.

Zur Person

...ist Sprecher des Vorstands der Enervie AG in Hagen. Die ENERVIE Gruppe versorgt mit ihren Vertriebsmarken Mark-E und den Stadtwerken Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen rund 400.000 Kunden mit Strom, Gas, Trinkwasser und energienahen Dienstleistungen.

„Der Fokus liegt zu stark auf erneuerbaren Energien“

Ein Interview mit Henry Borrmann, Leiter Energiepolitik beim Verband DIE FAMILIENUNTERNEHMER - ASU e.V. in Berlin,  über die Folgen der Energiewende für mittelständische Unternehmen.

Die Energiewende ist ins Stocken geraten: Der Ukraine-Konflikt könnte zu einer Verknappung von Gas führen, der Leitungsausbau kommt nur schleppend voran und Kraftwerksneubauten werden nicht wie geplant realisiert. Befindet sich die deutsche Energiewirtschaft derzeit in einer kritischen Phase?

BorrmannIn der Tat können wir aktuell von einer kritischen Phase sprechen. Aber die Gründe dafür sind primär hausgemacht und weniger in internationalen Konflikten zu suchen. Vor allem das Thema Stromtransport ist und bleibt eine große Baustelle. Viel früher hätte man in die Modernisierung der bestehenden Netze und Trassen investieren müssen und die Energiewende hat den Druck noch verschärft. Jede weitere Verzögerung kann zu einer schweren Hypothek werden. Das derzeitige System sorgt zudem dafür, dass Gaskraftwerke sich kaum noch rechnen. Stattdessen wird mehr Strom aus Kohle produziert, was auch mehr CO2-Emissionen nach sich zieht.

Die EEG-Umlage ist ein Dauerstreitthema. Vielen geht die Befreiung ganzer Industriezweige zu weit, anderen dagegen nicht weit genug. Oftmals heißt es, dass kleinere und mittlere Unternehmen gegenüber der Großindustrie benachteiligt werden. Wie sehen Sie das?

BorrmannTatsächlich werden nach den geltenden Regeln größere Unternehmen gegenüber kleineren bevorteilt. Weil die Verbrauchsmengen als Kriterium gelten, fallen sie eher in das gesetzlich festgelegte Befreiungsraster als kleinere. Wir befürworten dagegen eine Regelung, die sich am prozentualen Anteil der Stromkosten an den Gesamtkosten orientiert – ohne Unterschiede zwischen Groß und Klein.

Zuerst die Netze und dann die Anlagen zur Energieerzeugung – das wäre der bessere Weg gewesen.
Henry Borrmann

Immer wieder gibt es Klagen über Ausfälle in der Stromversorgung. Gerade Unternehmen aus dem Hightech-Bereich berichten davon. Wie sieht es derzeit wirklich mit der Versorgungssicherheit aus?

BorrmannEs häufen sich die Meldungen über Ausfälle in der Stromversorgung. Zwar handelt es sich dabei oftmals nur um sehr kurze Unterbrechungen von wenigen Millisekunden, doch für bestimmte hochtechnologische Anlagen können selbst diese ein massives Problem darstellen. Außerdem beobachten wir Stromschwankungen, die bei der Einspeisung von Strom aus Quellen wie Wind oder Sonne leider normal sind. Nicht wenige Unternehmen versuchen deshalb, durch den Aufbau einer Eigenversorgung gegenzusteuern. Aber das erfordert nicht selten sehr hohe Investitionen.

Der Trassenbau kommt ebenfalls nur schleppend voran. Von den bis 2016 geplanten 1876 Kilometern Hochspannungsnetzen sind bis dato keine 400 Kilometer fertig gestellt. Werden die Pläne der Bundesregierung für die Energiewende so nicht schnell zur Makulatur?

BorrmannNatürlich macht es ökonomisch wenig Sinn, an der Küste in Norddeutschland Windkraftwerke zu errichten, deren Strom wir aber nicht nutzen können, weil die Netze noch nicht existieren. Zuerst die Netze und dann die Anlagen zur Energieerzeugung ? das wäre der bessere Weg gewesen. Zudem erschweren zahlreiche Proteste die Planungen. Mehrheitlich unterstützt die Bevölkerung die Energiewende zwar, wenn aber unvermeidliche Eingriffe vor Ort anstehen, um die Trassen für die Netze zu bauen, dann sieht das leider anders aus.

Was sind Ihrer Einschätzung zufolge bei dem aktuellen Stand der Energiewende die dringendsten Probleme für kleine und mittelständische Unternehmen?

BorrmannEine solche Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Für energieintensive Branchen sind es die hohen Energiekosten, für Firmen aus der Hightech-Branche ist es die Versorgungssicherheit und für die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen aus dem Bereich der Energietechnologien stellt die unklare und sich immer wieder ändernde Rechtslage ein massives und mitunter Existenz bedrohendes Problem dar.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ganz konkret an dem Projekt Energiewende ändern?

BorrmannGrundsätzlich sollte man sich wieder auf das eigentliche Ziel der Energiewende zurückbesinnen ? Klimaschutz. Im Moment liegt der Fokus zu stark auf den erneuerbaren Energien, die nicht unbedingt mehr Klimaschutz bedeuten. Absurd ist ebenfalls der Plan, Unternehmen, die ihre Stromerzeugung selbst in die Hand nehmen, in die Ökostromumlage zu integrieren. Dabei handelt es sich doch meistens um modernste Solartechnik oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen mit einem hohen Wirkungsgrad. All diese ökonomisch und ökologisch sinnvollen Instrumente sollen nun geopfert werden und das ist grober Unfug. Zudem sind Wettbewerb und Marktwirtschaft im Energiesektor kaum noch vorhanden, dabei hat uns doch gerade die soziale Marktwirtschaft einen enormen Wohlstand beschert. Im Energiesektor werden jedoch Preise und Erzeugermengen vom Staat festgelegt. Die DDR lässt grüßen.

Zur Person

...ist seit 2011 zuständig für den Bereich der Energiepolitik beim Verband DIE FAMILIENUNTERNEHMER - ASU e.V.. Er begann seine Tätigkeit für den Verband im Bereich Steuern und internationale Wettbewerbsfähigkeit von Familienunternehmen. Borrmann studierte Volkswirtschaft an der Universität Potsdam und schloss sein Studium 2010 mit dem Diplom ab. 

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