BRIC: Die Party ist vorbei

Vor mehr als zehn Jahren wurde den Ländern Brasilien, Russland, Indien und China ein nicht endender wirtschaftlicher Boom vorhergesagt – „BRIC“ lautete das Zauberwort, das ein für alle Mal die europäische Vorherrschaft in der Wirtschaft verändern sollte. Doch heute sieht die Realität ganz anders aus: Der Boom ist vorbei, die Wirtschaft der erfolgsverwöhnten BRIC-Staaten schwächelt. Noch schlimmer für die Wunderkinder von gestern: Es werden bereits andere Schwellenländer als die neuen Stars der Weltwirtschaft gehandelt.

Trotz aller positiven Kennzahlen plagt die Schwellenländer ein grundlegendes Problem: Bad Governance.

Über zehn Jahre lang waren die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China die Lieblinge von Anlegern und Investoren. Erfunden hatte das Akronym der Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill, als er im November 2001 in einem Paper für seine Bank diese vier Schwellenländer zu den kommenden Schwergewichten der Weltwirtschaft erklärte. Bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts würden sie die Industrienationen überholt haben, so seine kesse These. Heute würde O'Neill das vielleicht etwas vorsichtiger formulieren. Denn seit geraumer Zeit wächst die Konjunktur in allen vier Staaten längst nicht mehr rasant. So registrierte der Internationale Währungsfonds (IWF) 2013 für Brasilien ein Plus von lediglich 2,3 Prozent, für Russland 1,5 Prozent und für Indien 4,4 Prozent.

China bleibt die Ausnahme

Zwar fiel China dabei mit 7,7 Prozent aus dem Rahmen, aber offensichtlich ist auch das Reich der Mitte nach vielen Jahren zweistelliger Zuwachsraten an seinen Grenzen angelangt. Das Reservoir billiger Arbeitskräfte scheint erschöpft, der Staat muss mehr in die soziale Sicherheit investieren und die Binnenkonjunktur ankurbeln, wodurch sich das Wachstum auf ein Normalmaß abschwächt. Zudem haben die zahlreichen strukturellen Probleme in den BRIC-Staaten dafür gesorgt, dass die Euphorie einer gewissen Ernüchterung gewichen ist.  Ruchir Sharma, Chef von Morgan Stanley Emerging Market, verkündete in einem Beitrag im renommierten Fachblatt Foreign Affairs daher schon einmal vorsorglich das Ende der BRIC-Dekade. Seiner Meinung nach wird sich an der wirtschaftlichen Weltordnung auch in den kommenden Jahrzehnten wenig ändern.

Wenig Gemeinsamkeiten

„Das Kürzel BRIC suggeriert eine Homogenität und Blockbildung dieser vier Länder, die in Wirklichkeit nie existiert hat“, erklärt Professor Dr. Rolf J. Langhammer. „Außer ihrer geographischen Größe sowie einer relativ hohen Bevölkerungszahl haben sie rein gar nichts gemeinsam“, so der ehemalige Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Auch wäre es nicht das erste Mal, dass eine Gruppe von Schwellenländern einen Boom erlebt und dann der Absturz erfolgt. In den achtziger Jahren sprach man voller Bewunderung von den Tigerstaaten – bis 1997 die Asienkrise ausbrach. „Aber diese Länder wiesen immerhin zahlreiche Parallelen auf.“

Abhängigkeit von internationalen Kapitalströmen

Darüber hinaus zeigten sich Brasilien, Russland, Indien und China ebenfalls wenig immun gegen konjunkturelle Turbulenzen. „Im Jahr 2008 vertraten viele Analysten noch die Ansicht, dass die BRIC-Staaten einen eigenen Motor in der Weltwirtschaft darstellen“, so Langhammer. Das Schlagwort vom „Decoupling“ machte die Runde und manch einer glaubte, dass diese Schwellenländer den Vereinigten Staaten und Europa deshalb nicht in die Rezession folgen würden. „Heute wissen wir, dass diese These falsch war.“ Sowohl im Herbst 2008 als auch in jüngster Zeit erlitten einige ihrer Börsen herbe Verluste. „Als aufholende Entwicklungsländer mögen diese Staaten vielleicht einem anderen Wachstumsrhythmus und -tempo folgen als die etablierten Industrienationen“, ist der Experte vom IfW überzeugt. „Aber als exportorientierte Volkswirtschaften sind sie mittlerweile genauso abhängig von der Weltkonjunktur und den internationalen Kapitalströmen wie andere auch.“ Große Schwellenländer wie Brasilien und Indien geraten ins Schwimmen, weil Investoren seit einigen Monaten massiv Kapital abziehen. Konkret bedeutet dies, dass sich die BRIC-Staaten umstellen müssen und nun ihre Ressourcen zum Aufbau des Binnenmarktes und eines tertiären Sektors verwenden sollten.

BRIC-Staaten betrachten sich als Block

Trotzdem gelang es den BRIC-Staaten sehr erfolgreich, über Jahre hinweg Milliarden an Investitionen anzulocken. „Alle vier Staaten haben eine junge Bevölkerung, wiesen damals außerordentliche Wachstumsraten auf und versprachen daher eine hohe Rendite“, erklärt Dr. Claudia Schmucker. „Das mögen wohl die Gründe für die Auswahl durch O'Neill gewesen sein“, so die Programmleiterin Globalisierung und Weltwirtschaft bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V. (DGAP) in Berlin. „Bemerkenswert aber ist die Tatsache, dass die BRIC-Staaten diese von außen geschaffene Klammer akzeptieren und seit 2009 regelmäßig Treffen ihrer Regierungschefs stattfinden.“ Und zwar gemeinsam mit Südafrika, das dieser Ländergruppe als wirtschaftlich stärkste Nation des afrikanischen Kontinents mitunter zugerechnet wird, was dann aus BRIC die BRICS-Staaten macht.

Unterschiedliche Probleme dominieren

Doch trotz dieser Zusammenkünfte sind die Unterschiede gewaltig. „Russlands Wirtschaft ist überdurchschnittlich stark von den Rohstoffexporten abhängig“, so Schmucker. „Und in Indien bleiben alle Reformen derzeit bereits im Ansatz stecken.“ Auch ist der BRICS-interne Handel sehr schwach ausgeprägt und wird mit weit über 80 Prozent von China völlig dominiert, was zu Unmut führt. „Brasilien fühlt sich mitunter überschwemmt von chinesischen Billigprodukten und reagiert deshalb mit protektionistischen Maßnahmen.“ Aber der auffälligste Unterschied ist das riesige Gefälle in der wirtschaftlichen Entwicklung. So wuchs China in den Jahren zwischen 2008 und 2013 mehr als doppelt so stark wie die drei anderen BRIC-Länder. Bereits 2001 konnte das Reich der Mitte ein ebenso hohes Bruttosozialprodukt wie Russland, Brasilien, Indien plus Südafrika zusammen vorweisen. Zudem hat sich China zu einem absoluten Schwergewicht im Welthandel gemausert. Mittlerweile gehen über elf Prozent der globalen Exporte auf sein Konto, das ist mehr als doppelt so viel wie die Ausfuhren der übrigen BRIC-Staaten plus Südafrika kombiniert. „Da stellt sich einem schon die Frage, warum China überhaupt noch mitgezählt wird“, so Schmucker.

Willkürliche Auswahl: Jetzt kommen die MIST-Staaten

Der Kreis der jungen Märkte, denen ein überdurchschnittlich hohes Wachstumspotenzial attestiert wird, weitet sich kontinuierlich aus. Nach BRIC kamen die „Next Eleven“, elf vielversprechende Volkswirtschaften der zweiten Reihe, aus denen sich wiederum die MIST-Staaten rekrutieren. Gemeint sind damit Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei. „Im Gefolge der BRIC-Euphorie gab es immer wieder neue Gruppen von Schwellenländern, denen nachgesagt wird, dass sie die Zukunft auf ihrer Seite haben“, sagt Jürgen Matthes. „Wieder erscheint die Auswahl eher willkürlich und manchmal hat man den Eindruck, dass es sich dabei eher um eine geschickte Marketing-Aktion handelt“, so der Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Auch zählt Südkorea längst zum Kreis der entwickelten Volkswirtschaften.“ Erneut wurde ein prägnanter Begriff eingeführt und populär. „Anders als die BRIC-Staaten befinden sich viele dieser Länder noch eindeutig in einer Phase der von Investitionswachstum geprägten Entwicklungsphase“, ergänzt Langhammer. „Das verläuft nach dem in Ostasien geprägten so genannten Wildgänsemodell“, erklärt der Experte aus Kiel. „Ein Land hebt quasi ab, die anderen, ärmeren Länder folgen zeitversetzt seinem Beispiel und fliegen ihm gestaffelt hinterher.“

Strukturelle Probleme hemmen die Entwicklung

Aber trotz aller positiven Kennzahlen plagt die Schwellenländer ein grundlegendes Problem: Bad Governance. Mangelnde Rechtssicherheit, eine überbordende Bürokratie und grassierende Korruption sind omnipräsent. Bei Transparency International belegt Russland im Korruptionsranking einen erschreckenden 127. Rang, Indien den 94., China den 80. und Brasilien teilt sich mit Südafrika Rang 72. Zum Vergleich: Deutschland befindet sich auf Rang 12. Auch der „Doing Business Indicator“ der Weltbank, der die Indikatoren dafür vergleicht, wie einfach es in einem Land ist, Geschäfte zu tätigen, nennt Indien ganz weit hinten auf Platz 134, und selbst China, das vermeintlich gelobte Land aller Auslandsinvestitionen, rangiert nur auf Platz 96. „Darüber hinaus existieren überall starke Interessengruppen, die sehr bestandsbewahrend agieren und sich gegen nötige Reformen stellen“, betont Matthes.

Große Zahl an Unternehmensgründungen

Aber es gibt auch einige positive Signale. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise haben die Volkswirtschaften der BRICS-Staaten im Vergleich zu den westlichen Industrienationen eine ganz besondere Vitalität an den Tag gelegt. In den vergangenen sechs Jahren wurden in Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika siebenmal mehr Unternehmen gegründet als in den G-7-Staaten zusammen. Das zeigt eine internationale Langzeituntersuchung von RSM, einem weltweiten Netzwerk unabhängiger Prüfungs- und Beratungsgesellschaften, das die Daten über Firmenneugründungen und  schließungen aus 35 Ländern erfasst und verglichen hat. Während in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und den USA rund 846.000 Unternehmen neu dazugekommen sind, was einer jährlichen Wachstumsrate von 0,8 Prozent entspricht, waren es im selben Zeitraum in den BRICS-Staaten mehr als 4,8 Millionen. Das entspricht einem jährlichen Plus von 5,8 Prozent.

Neuausrichtung der deutschen Exportwirtschaft

Weil viele europäische Märkte und die Vereinigten Staaten in Zeiten der Krise schwächelten, gewannen die Schwellenländer für die deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren stetig an Bedeutung – mit wachsender Tendenz. Das belegt eine Umfrage der Unternehmensberatung EAC International Consulting unter rund tausend Führungskräften. Knapp 70 Prozent gehen fest davon aus, dass die BRIC- und MIST-Staaten als Wirtschaftspartner für Deutschland genauso wichtig werden, wie Europa es derzeit noch ist. Entsprechend hoch ist das Nachholpotenzial bei großen und kleinen Unternehmen. Selbst die weitestgehend global aufgestellten DAX-30-Konzerne erwirtschaften erst zwischen 15 und 20 Prozent ihrer Umsätze in diesen Schwellenländern, aber noch 55 Prozent in Europa. Doch bei der geographischen Neuausrichtung der deutschen Exportwirtschaft lassen sich gerade einige Verschiebungen beobachten: Während in den ersten sieben Monaten des Jahres 2013 die Ausfuhren in die BRIC-Staaten um vier Prozent zurückgingen, legten sie in Richtung MIST-Länder um satte zwölf Prozent zu.

Wachsende Mittelschicht im Fokus

Auch der deutsche Mittelstand setzt voll auf das Wachstum in diesen Märkten und will von den Entwicklungen dort profitieren. Insbesondere, weil der Boom in den Schwellenländern viele Millionen Menschen aus der Armut in die Mittelschicht katapultiert und damit zu potenziellen Konsumenten gemacht hat – allein in Brasilien schafften 40 Millionen Menschen diesen sozialen Aufstieg. Doch das ist nicht immer ganz einfach. Denn Kunden in den sich entwickelnden Märkten wollen in der Regel andere Produkte als Kunden in Europa oder Amerika. Für sie zählen weniger das Design oder technische Spitzenleistungen, sondern eher der Preis, einfache Handhabung oder die Robustheit. „Frugal Products“ lautet das Stichwort. Zahlreiche Konzerne haben das bereits begriffen und deshalb vor Ort eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aufgebaut, um genau auf die Märkte der Schwellenländer ausgerichtete Produkte zu konzipieren. Aber gerade hier gibt es auf Seiten des Mittelstands noch großen Handlungsbedarf.

„Frugal Products“ im Fokus

In einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Roland Berger unter rund 200 Führungskräften gab nur einer von vier an, die Kundenbedürfnisse in den Emerging Markets im Detail zu kennen, und das, obwohl fast drei Viertel der Befragten genau diese Länder als wichtig für ihre Wachstumsstrategien betrachten. Zwar erklärten 71 Prozent, in naher Zukunft ihr Produktportfolio entsprechend überarbeiten zu wollen, aber nur 23 Prozent waren auch entschlossen, genau diese Frugal Products gezielt zu entwickeln und anzubieten. Deutschen Mittelständlern wird deshalb immer wieder der Rat erteilt, sich intensiv mit den Märkten der Schwellenländer, in denen sie expandieren wollen, auseinanderzusetzen. Denn nicht alle westlichen Strategien und Produkte lassen sich dort eins zu eins umsetzen. Wer beispielsweise in China Bräunungscreme verkaufen möchte, wird eine Bauchlandung erfahren, weil er feststellt, dass dort Bräune als Schönheitsideal nicht existiert.

„Es droht die Middle-Income Falle“

Ein Gespräch mit Jürgen Matthes, Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), über die sehr unterschiedliche Entwicklung der ehemaligen „BRIC“-Staaten.

Im November 2001 prägte Jim O’Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, den Begriff „BRIC-Staaten“ und erklärte Brasilien, Russland, Indien und China zu den neuen Stars der Weltwirtschaft. Diese Euphorie ist mittlerweile der Ernüchterung gewichen. Waren die Erwartungen zu hoch gesteckt?

MatthesIn der Tat waren einige der Erwartungen wohl deutlich überzogen. Zudem haben die vier Länder außer ihrer schieren geographischen Größe sowie den überdurchschnittlich hohen Wachstumsraten damals nicht viel gemeinsam. Allein China ist der Aufstieg unter die Top Ten der führenden Wirtschaftsnationen gelungen.

Was unterscheidet China von den anderen BRIC-Staaten?

MatthesChina ist eindeutig das Schwergewicht dieser Staaten und weist durchgängig ein sehr hohes Wachstum auf. Wenn man seine Wirtschafts- oder Exportleistung aus dieser Gruppe von Ländern herausnimmt, bleibt nicht mehr viel übrig. So ist Russland stark von Rohstoffexporten abhängig und verfügt über eine vergleichsweise gering diversifizierte wirtschaftliche Basis. Brasiliens und Indiens Industrien sind nicht immer wettbewerbsfähig, weshalb beide Länder gerade in jüngerer Zeit wieder zum Protektionismus neigen. Nur in China hat bis jetzt vieles erstaunlich gut geklappt, wobei die riesigen Umweltprobleme des Landes sowie der undurchsichtige Finanzsektor durchaus Risiken für die Zukunft darstellen.

Die Gründe für das aktuelle Schwächeln der Schwellenländer sind auch hausgemacht.
Jürgen Matthes

Ist die aktuell nachlassende Wachstumsdynamik der BRIC-Staaten eine zyklische Schwäche oder gibt es dafür auch andere Gründe?

MatthesEine begrenzte Zyklik ist schon da. Aber die ist stark getrieben von internationalen Kapitalströmen. In Zeiten starker globaler Liquidität floss sehr viel Kapital in die BRIC-Länder. Nach dem Kurswechsel der amerikanischen Notenbank im vergangenen Jahr kam die Trendwende und viel Geld wurde per Saldo wieder aus den Schwellenländern abgezogen. Aber die Gründe für das aktuelle Schwächeln sind auch hausgemacht. Angesichts von vormals guter Konjunktur und Kapital im Überfluss wurden notwendige Reformen oder dringende Investitionen in die Infrastruktur verschleppt, dafür zahlen einige Staaten jetzt den Preis.

Sind nicht auch andere strukturelle Probleme dafür verantwortlich?

MatthesAlle vier Länder weisen grundlegende Governance-Defizite wie unzureichende Rechtssicherheit, grassierende Korruption oder überbordende Bürokratie auf. Das betrifft sowohl die Demokratien Brasilien und Indien als auch die autoritär regierten Länder Russland oder China. Man handelt ökonomisch nicht immer sachorientiert. Darüber hinaus existieren starke Interessengruppen, die sehr bestandsbewahrend agieren und sich gegen nötige Reformen stellen. In Russland sind das beispielsweise die Oligarchen. Diese einflussreichen Interessengruppen verhindern oft, dass die Märkte in ihren Ländern das Maß an Flexibilität erreichen, das nötig ist, damit die Wirtschaft sich kontinuierlich weiterentwickelt und das Wachstum dabei anhält. Viele Schwellenländer drohen daher in ihrer Entwicklung nach anfänglichen Erfolgen in einer so genannten Falle stecken zu bleiben – der so genannten Middle-Income Trap.

Im Rahmen der BRIC-Euphorie war viel vom Entstehen einer riesigen kaufkräftigen Mittelschicht in diesen Ländern die Rede. Gibt es diese Hunderte Millionen neuer Konsumenten wirklich?

MatthesDas Wachstum in allen BRIC-Staaten hat zweifellos neue Mittelschichten entstehen lassen. Womöglich geht das nicht ganz so dynamisch weiter wie vor einigen Jahren prognostiziert. Doch darf nicht vergessen werden: Fast überall ist eine äußerst kaufkräftige Oberschicht entstanden, die besonders stark vom Wachstum der Vergangenheit profitiert hat. Diese Oberschicht weiß westliche Produkte als Statussymbole meist sehr zu schätzen.

Nach den BRIC-Staaten ist mit den MIST-Staaten Mexiko, Indonesien, Südkorea und der Türkei ein weiteres Akronym für eine Gruppe aufstrebender Schwellenländer populär geworden. Was hat es damit auf sich?

MatthesIm Gefolge der BRIC-Euphorie gab es immer wieder neue Gruppen von Schwellenländern, denen nachgesagt wird, dass sie die Zukunft auf ihrer Seite haben. Wieder erscheint die Auswahl eher willkürlich und manchmal hat man den Eindruck, dass es sich dabei eher um eine geschickte Marketing-Aktion handelt. Auch zählt Südkorea längst zum Kreis der entwickelten Volkswirtschaften.

Die deutsche Exportwirtschaft verbindet mit den Schwellenländern starke Hoffnungen. Haben sich diese erfüllt?

MatthesAuf jeden Fall! Deutschland war in der glücklichen Lage, dass es aufgrund des Booms in den Schwellenländern, aber auch dank der höheren Nachfrage in den Vereinigten Staaten weniger vom Abschwung in den europäischen Krisenländern betroffen war.

Zur Person

...ist Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), wo er seit 1995 als Wirtschaftsforscher arbeitet. Matthes verfasste zahlreiche Publikationen und ist ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der internationalen Wirtschaftspolitik. Dazu gehören insbesondere Themen wie Globalisierung/Entwicklungsländer, Exportmodell Deutschland und Euro-Schuldenkrise.

„Globalisierung half beim Ausgleich der Konjunkturdelle“

Ein Interview mit Uwe Kastner, kaufmännischer Leiter von IWIS.

IWIS zählt zur kleinen, aber feinen Gruppe der Hidden Champions, ist also ein Unternehmen, das in Deutschland der breiteren Öffentlichkeit nicht unbedingt bekannt ist und dennoch international ganz vorn mitspielt. Welche Rolle spielt das Thema Innovation heute für einen Marktführer in der Nische?

KastnerInnovation spielt immer eine Rolle. Wir versuchen permanent, unsere Ketten noch weiter zu verbessern – sei es in puncto Verschleiß, Geräusche, Preis/Leistung oder beim Einsatz neuer Werkstoffe. Eines der größten Felder sehen wir derzeit in der Reibungsreduktion zur Minderung des CO2-Ausstoßes bei Fahrzeugen oder der Senkung des Stromverbrauchs beim industriellen Einsatz – gerade hier gibt es noch sehr viel Luft. Darüber hinaus sind wir immer auf der Suche nach Ideen für neue Geschäftsfelder, in denen unsere Ketten zum Einsatz kommen könnten. Wir sehen in Innovation ganz klar ein wesentliches differenzierendes Merkmal gegenüber unseren Wettbewerbern.

Viele Unternehmen streben heute danach, innovativ zu sein. Doch wie haben Sie Innovationsprozesse bei sich im Unternehmen implementiert?

KastnerWir verfügen hier in München über insgesamt 100 Entwickler, die permanent an der Verbesserung einzelner Produkte arbeiten und sich Gedanken über neue Geschäftsfelder machen. Darüber hinaus kooperieren wir mit verschiedenen Forschungseinrichtungen hier im Großraum München sowie mit großen Herstellern wie BMW oder Mercedes.

Für mittelständische Unternehmen ist die Globalisierung der eigenen betrieblichen Organisation eine große Herausforderung.
Uwe Kastner

Going global ist ein teures und auch risikoreiches Unterfangen. Was bedeutet Internationalisierung für ein Unternehmen wie IWIS?

KastnerFür mittelständische Unternehmen ist die Globalisierung der eigenen betrieblichen Organisation eine große Herausforderung. Zum einen benötigt man dokumentierte Prozesse und Abläufe, die sich auf ausländische Standorte übertragen lassen, um die Firmenkultur im Ausland weiterzuführen. Auf diese Weise geht man ins Risiko, und das muss sehr gut gemanagt werden – im günstigen Fall wird dieser Einsatz aber auch belohnt und bietet viele Chancen. In unserem Falle beispielsweise half uns die Globalisierung beim Ausgleich der Konjunkturdelle 2012 durch Wachstum in China. Dies sicherte auch Arbeitsplätze im Inland.

Wie verlief die Internationalisierung konkret bei IWIS?

KastnerWir haben 1950 die ersten Auslandsgesellschaften in der Schweiz eröffnet. 1991 wurde dann die Produktion in Tschechien gestartet und danach Stück für Stück in Europa expandiert. Erst 2006 sind wir dann mit den USA erstmals auf einen Markt in Übersee gegangen.

War dieser Zeitpunkt nicht etwas spät?

KastnerWir waren vielleicht nicht die Ersten, aber in unserer Branche folgt man als Unternehmen seinen Kunden. Und 2006 war dann der Zeitpunkt gekommen, an dem wir unsere Produkte für einige unserer wichtigsten Abnehmer vor Ort in den USA vorhalten mussten. Beim Eintritt in Märkte wie die USA oder China hat uns beim Vertrieb vor Ort sehr geholfen, dass viele unserer Produkte in deutschen Premiumfahrzeugen verbaut sind. Wir erhielten dadurch einen großen Vertrauensvorschuss.

Wie hat sich der chinesische Markt für Sie entwickelt?

KastnerWir bewegen uns seit 2006 in China. Dabei machen wir uns die Vorteile des Marktes zunutze: Wir kaufen dort ein, verkaufen eigene Produkte und produzieren seit fünf Jahren in einer eigenen Produktionsgesellschaft. Wir stellen Industrieketten für den Landwirtschaftsmarkt her, die in Maschinen wie Mähdreschern oder Maispflückmaschinen zum Einsatz kommen. Dort verwenden wir einen Grundsatz, den wir „manage the competition“ nennen. Das heißt, dass wir die Stärken verschiedener Lieferanten gezielt nutzen, wenn es sich anbietet, und auch selbst vor Ort produzieren.

Viele Mittelständler entwickeln derzeit für die Märkte der Schwellenländer Produkte, die zwar solide Qualität, aber nicht unbedingt Topqualität bieten. Ist dies ein Thema für Sie?

KastnerWir produzieren Ketten für Automotoren, die, einmal eingebaut, nicht mehr ausgebaut werden können. Hier ist die Qualität das entscheidende Kriterium. Außerdem würden manche unserer Kunden wie Porsche oder BMW sich niemals mit geringerer Qualität zufriedengeben. Dies ist eigentlich im gesamten Automobilbereich so. Es gibt aber auch Bereiche, in denen vom Kunden nur eine bestimmte Qualität verlangt wird, dies gilt für Teile des Industriebereichs. Dennoch verfolgen wir keine gezielte „Billigstrategie“. Die Kunden, die wir bedienen, haben im Schnitt hohe Qualitätsanforderungen, von denen sie nicht abweichen.

Werden Sie Ihren Standort in China auch um Innovationskapazitäten erweitern?

KastnerAls Mittelständler haben wir nicht die Ressourcen, alles selbst zu machen. Daher sind die genannten Kooperationen im Münchener Umfeld für uns sehr vorteilhaft. Unsere wesentlichen Entwicklungen entstehen daher nach wie vor in Deutschland. Wir können uns aber vorstellen, irgendwann auch in China mit dem Aufbau einer F&E-Einheit zu beginnen. Schließlich bietet der dortige Markt viele Chancen, die man am besten nutzen kann, wenn man sich komplett einbringt – auch mit F&E. Aktuell ist es allerdings noch kein Thema.

Wie verlief der Aufbau Ihrer Produktionsstätte in China?

KastnerWir haben eine Produktionsstätte in Suzhou. Der Aufbau einer solchen Fabrik ist für Mittelständler wie uns eine echte Herausforderung, insbesondere in Sachen Bau und Finanzierung. Einem Großunternehmen fällt dies viel leichter. Ein wirklicher Mehrwert für uns war in diesem Punkt die sorgsame Begleitung durch die Filiale der NORD/LB in Shanghai. Das Team rund um Dr. Popp hat uns beim Aufbau sehr unterstützt. Besonders gefallen hat mir dabei, dass die Bank wirklich sehen und verstehen will, was finanziert werden soll.

Wie sehen Sie die anderen Märkte in den Schwellenländern?

KastnerRussland ist als Agrarmarkt sehr interessant, Indien für Landwirtschaft und Fahrzeuge. Doch die Märkte haben sich sehr unterschiedlich entwickelt. Vor fünf Jahren haben wir in Sachen Wachstum und Binnennachfrage noch große Hoffnungen auf Indien gesetzt. Doch die haben sich nicht erfüllt, denn Probleme wie Korruption, schwierige Ausbildungsbedingungen im Bereich der Metallbearbeitung und unterschiedliche Qualitätsvorstellungen machen vieles zunichte. Im Fahrzeugbau ist heute Mexiko sehr interessant geworden. Hier jedoch haben viele Unternehmen mit der hohen Fluktuation zu kämpfen. Es zeigt sich einfach, dass es viel leichter ist, unsere Vorstellungen in Ländern wie Korea oder Japan, die eine gewisse handwerkliche Tradition haben, zu verwirklichen.

Über das Unternehmen

...ist der weltweite Technologieführer im Bereich hochwertiger Kettenlösungen und beschäftigt insgesamt mehr als 1.000 Mitarbeiter an insgesamt 20 Standorten und erzielt rund 300 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. In der Holding sind IWIS Motorsysteme und IWIS Antriebssysteme zusammengefasst. Die drei bekanntesten Marken für Kettensysteme aller Art sind JWIS, Elite und Flexon.

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