Architektur extrem: Zwischen Sinn und Ego

Spannungsfeld Architektur: Rund um den Globus entstehen in aufstrebenden Wirtschaftsregionen Megabauten, die sämtliche bislang bekannte Dimensionen hinter sich lassen. Noch fragt niemand, wie nachhaltig und sinnvoll die neue Gigantomanie ist. Ein Überblick.

Wollen Megaprojekte nachhaltig sein, müssen die Bauherren das Pendel deutlich mehr in Richtung Sinnhaftigkeit schwingen lassen.

Die CO2-Bilanz weist eine Null aus: Abfälle werden recycelt, Häuser energiesparend gebaut, der Strom kommt aus eigenen Solar- und Windkraftwerken. Und das mitten in der Wüste des ölreichen Emirats Abu Dhabi am Persischen Golf, wo mit Masdar City die erste Öko-Stadt der Welt entsteht. In dem Wohn- und Arbeitsort für fast 50.000 Menschen auf einer Fläche von sechs Quadratkilometern haben Autos mit Verbrennungsmotor Fahrverbot, erlaubt sind nur Fußgänger und Fahrräder. Ein Energiesparprojekt der Superlative, mit dem Abu Dhabi zum Vorreiter in der Entwicklung von Technologien für erneuerbare Energien werden will. 22 Milliarden Dollar lassen sich die Scheichs ihre Vision der grünen Polis kosten.

Architektonische Selbstdarstellung der Spitzenklasse

Szenenwechsel: 150 km weiter nordöstlich setzt das verschwenderische Dubai auf Tourismusmagneten statt Ökobilanz. Der Burj Khalifa, mit 828 Metern das höchste Gebäude der Welt, ruft neben Faszination vor allem eins hervor: Kritik. Schon die Baukosten von 1,5 Milliarden Dollar sprengten den Rahmen des damals hochverschuldeten Emirats. Von den Betriebskosten ganz zu schweigen. Der vertikale Superlativ gilt als unwirtschaftlich und stellt als rundum verglastes Gebäude energetisch für diese Klimazone eine Absurdität dar. Von einem nachhaltigen Beitrag zur Baukultur ist die „Betonstahl und Glas gewordene Wüste“ meilenweit entfernt.

Unhinterfragter Größenwahn?

Weltweit läuft derzeit eine Art Wettstreit um die ambitioniertesten und aufsehenerregendsten Bauvorhaben. Ganz vorn dabei: Die aufstrebenden Metropolen der Schwellenländer. Eine geografische Verlagerung, die den Wandel in der Weltwirtschaft widerspiegelt. Im 20. Jahrhundert wurde die Wolkenkratzerlandschaft noch ganz klar von den USA dominiert. Heute konzentriert sich die überwiegende Mehrheit der Hochhausprojekte auf China, Südostasien und den Mittleren Osten. Doch wo endet sinnvolles Bauen und wo fängt Größenwahn an?

Verstädterung und Bevölkerungswachstum

„In diesen Regionen ist eine Wirtschaftsentwicklung im Gange, die in Europa vor hundert Jahren stattgefunden hat, und Menschen strömen vom Land in die Stadt“, erklärt Martin Haas von der Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB). „Entsprechend hoch ist der Bevölkerungs- und Investitionsdruck auf die Ressource Stadt.“ Christoph Ingenhoven vom Architekturbüro ingenhoven architects spricht sogar von „der größten Völkerwanderung unserer Tage“. Die Verstädterung in Kombination mit dem rasanten Bevölkerungswachstum in diesen Regionen und der Tatsache, dass viele der Boomstädte am Meer oder in Deltas liegen und daher nur beschränktes Bauland vorweisen, befeuern das großmaßstäbliche Bauen noch zusätzlich. Neben den enormen Wachstumsraten der Städte – in Asien liegt diese zwischen 15 und 20 Prozent – ist aber auch ein grundlegend anderes baukulturelles Verständnis Grund für die steigende Anzahl an Megaprojekten in Richtung Osten. Während in diesen Regionen wirtschaftlicher Wohlstand noch über eine quantitative Bauweise markiert wird, vollzieht sich in Europa bereits der Wandel zu einem qualitativen städtischen Wachstum, das inhaltliche Maßstäbe und Aspekte der Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt.

Aushängeschilder in XXL

Quer durch China brüsten sich Lokalpolitiker gefühlt täglich mit immer neuen Megabauten. Neben dem bekannten Shanghai Tower sollen bis 2018 in Städten wie Suzhou, Wuhan, Shenzhen oder Tianjin zig weitere Rekordbauten entstehen, alle mit einer Höhe von über 550 Metern. Vorzeigeobjekte, die im Ergebnis ein ungenutztes, weil nicht nachgefragtes Dasein fristen und an vielen Stellen fröhlich vor sich hin rotten. „Megaprojekte sind immer eine Kombination aus Sinnhaftigkeit und Ego, aus objektiver Notwendigkeit und Prestigewettlauf“, bringt es Architekt Ingenhoven auf den Punkt. Mit Sinnhaftigkeit hat Chinas ungestillte Sucht nach Megabauten reichlich wenig am Hut. Vielmehr versuchen Politiker, mit den XXL-Aushängeschildern die Wirtschaft in ihren Provinzen anzukurbeln und ihren eigenen Bekanntheitsgrad mit dazu. Das gleiche gilt für freistehende Riesentürme im Stil des Burj Khalifa in Dubai oder des im Bau befindlichen Kingdom Towers in Jeddah in Saudi-Arabien. Die Gebäude halten als reine Prestige- oder Spekulationsprojekte her, anstatt sich am tatsächlichen Bedarf zu orientieren. Denn weder Dubai noch Jeddah brauchen eine so starke Verdichtung des Stadtraums, dass derart extrem in die Höhe gebaut werden müsste. Von Nachhaltigkeit kann hier keine Rede mehr sein, meint Martin Haas, denn per definitionem ist ein Projekt dann nachhaltig, wenn es gebraucht wird und über einen möglichst langen Zeitraum möglichst vielen Menschen Nutzen bringt. Ob das Austesten von Grenzen in diesem Maßstab innovationstreibend ist, hängt nach Ingenhoven dabei ebenfalls vom Nutzwert des Gebäudes ab: „Bauten, die sich am Bedarf orientieren, bringen erfahrungsgemäß mehr Innovation und Diversifizierung hervor als nice-to-have-Projekte.“

Ab 400 Metern Höhe unrentabel

Andererseits sind Großprojekte im Kontext der zunehmenden Urbanisierung und der damit verbundenen Notwendigkeit nach Verdichtung fast unabdingbar. Und das nicht nur in den Schwellenländern, sondern auch hierzulande, wie Haas weiß: „Der Wunsch nach einem verdichteten Stadtbild ist auch in Europa ein extrem bautreibendes Moment.“ Dabei geht es aber nicht zwangsläufig darum, das Ganze möglichst auf 400, 500 oder gar 1007 Metern wie beim Kingdom Tower stattfinden zu lassen. Das Bauen in die Vertikale stellt dann einen relevanten Lösungsansatz dar, wenn wenig Baufläche zur Verfügung steht, wie beispielsweise im Fall New Yorks, wo  viele Menschen auf einen sehr knapp bemessenen Raum drängten. Und selbst da ist bei einer Höhe von 300 bis 400 Metern eigentlich Schluss, sonst wird es unwirtschaftlich, so die Meinung von Experten.

Neue Verdichtungsformen gesucht

Wollen Megaprojekte nachhaltig sein, müssen die Bauherren das Pendel deutlich mehr in Richtung Sinnhaftigkeit schwingen lassen. Statt einen Protzbau nach dem anderen hochzuziehen, um zu demonstrieren, wieviel Kapital im Land zirkuliert, kommt es darauf an,  adäquate bauliche Antworten auf veränderte Rahmenbedingungen zu finden und Wohn-, Arbeits- und Lebensraum so zu verdichten, dass Lebensqualität und Lebensumfeld trotz Enge nicht auf der Strecke bleiben. „Die gemischte Stadt, in der all diese Funktionen sinnvoll zusammenrücken, ist eine nachhaltige Stadt und das Rollenmodell für das Bauen der Zukunft“, so Ingenhoven. Eine Herangehensweise, die durchaus schon praktiziert wird, wie das Beispiel Masdar City zeigt. Auch Megaprojekte wie der Kingdom Tower haben eine gewisse Vorzeigefunktion: Superlative faszinieren und generieren gerade in unserer sehr bildmächtigen Zeit viel Aufmerksamkeit. So können sie die Baukultur befeuern und  Innovationen hervorbringen, die einen Mehrwert schaffen – für die Bauindustrie und in weiterer Konsequenz für die Gesellschaft. Einfach nur den Maßstab zu kopieren ist dabei aber deutlich zu kurz gegriffen.

Bauen in Superlativen: vier der spektakuläresten Bauprojekte

Burj Khalifa – Zwischen Weltwunder und Größenwahn

Noch trägt er die Krone – der Burj Khalifa in Dubai, mit seinen 828 Metern amtierender Weltmeister in Sachen Höhe und architektonisches Aushängeschild des Emirats. Nach der Grundsteinlegung im Jahr 2004 erreichte der Burj Khalifa in Windeseile seine Rekordhöhe, konnte in Folge der weltweiten Finanzkrise aber erst mit erheblicher Verspätung und Hilfe des Nachbaremirats Abu Dhabi 2010 vollendet werden. Daher auch die kurzfristige Namensänderung vom ursprünglich geplanten Burj Dubai in Burj Khalifa – zu Ehren des Geldgebers Scheich Chalifa Bin Sajid al-Nahajan von Abu Dhabi. 1,5 Milliarden US-Dollar verschlang das Megaprojekt nach Angaben des Entwicklers Emaar Properties. 330.000 Kubikmeter Beton, Stahl und andere Materialien wurden für den Bau aufgewendet. Und ein bisschen deutsche Geschichte ist auch dabei: Einige tausend Tonnen Stahl in den oberen Geschossen sind Recycling-Stahl aus dem abgerissenen Palast der Republik in Berlin. Der Turmbau zu Dubai kann noch mit anderen Rekorden aufwarten: Er hat die meisten Stockwerke und bietet zwei weitere Rekorde: Sowohl die oberste bewohnte Etage als auch das Restaurant sind die jeweils höchstgelegenen weltweit. Kritik wird immer wieder bezüglich der Wirtschaftlichkeit des vertikalen Superlativs laut, dessen Bau- und Betriebskosten genauso maßlos in die Höhe wuchsen wie das Gebäude selbst.

Status:aktuell höchstes Gebäude der Welt
Höhe:828 Meter
Kosten:1,5 Milliarden Dollar
Stockwerke:ungefähr 200, davon 165 bewohnbar
Stufen:ca. 11.300
Gebaut von:über 12.000 Arbeitern

Kingdom Tower – Kilometerturm als Symbol der modernen Welt

In der saudi-arabischen Hafenstadt Jeddah wird sich 2019 der große Bruder des Burj Khalifa in Richtung Wolken recken. Wie ein Pfeil soll der ein Kilometer hohe, spiralförmige und nadelähnliche Kingdom Tower in den Himmel ragen. Die (architektonische) Verwandtschaft zum Burj Khalifa lässt sich dabei nicht nur an der Höhe ablesen. In beiden Fällen stammt der Entwurf aus der Feder des amerikanischen Architekten Adrian Smith, der Tiefbauspezialist Bauer sorgt für ein sicheres Fundament und die Finanzkraft zur Umsetzung des Megaprojekts steuert auch hier eine Königsfamilie bei. Prinz Walid Bin Talal setzt mit seinem architektonischen Höhenflug ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass in seinem Land enorme Geldmengen zirkulieren. Der Kingdom Tower steht für Prosperität, ökonomischen Aufschwung und das Ankommen in der Moderne des noch vor wenigen Jahrzehnten rückständigen Saudi-Arabien. 4,6 Milliarden Rial (umgerechnet rund 1,2 Milliarden Dollar) wird das Projekt kosten – auf diese Summe zumindest beläuft sich der Vertrag, den die Kingdom Holding des Prinzen mit der Bin-Laden-Gruppe, der größten Baufirma des Landes, geschlossen hat. Das Projekt stellt das Herzstück des 20 Milliarden US-Dollar teuren Bauvorhabens Kingdom City dar, eines künstlichen, rund 5,3 Quadratkilometer großen Stadtteils, der entlang des Roten Meeres, an der nördlichen Seite Jeddahs, errichtet werden soll. Mehr Modernität geht nicht.

Status:ab 2019 höchstes Gebäude der Welt
Höhe:1007 Meter
Stockwerke:167
Besucherplattform:höchste der Welt auf 630 Metern Höhe
Fläche:530.000 qm

Aufzüge:

legen 10 Meter pro Sekunde zurück


Shanghai Tower – höchstes Ökohaus der Welt

Der Wettlauf um die ambitioniertesten und aufregendsten Neubauprojekte ist ungebrochen. Dabei ist eine deutliche geografische Verlagerung nach Osten zu beobachten, die den Wandel in der Weltwirtschaft widerspiegelt. Ganz vorne mit dabei ist China. 30 der höhentechnischen Spitzenreiter verteilen sich auf 15 chinesische Städte. Unter ihnen der Shanghai Tower. Im August 2013 feierte das Gebäude Richtfest und ist mit einer Höhe von 632 Metern seither nicht nur das höchste Gebäude Chinas, sondern auch das zweithöchste der Erde nach dem Burj Khalifa. Die größte Besonderheit des Shanghaier Turms besteht darin, dass er das erste ökologisch ausgerichtete Hochhaus der Welt werden soll. Und das ausgerechnet in einem Land, dem man nicht gerade eine führende Rolle beim Thema Umweltschutz nachsagt. Den Titel als "Ökologischstes Bauvorhaben der Welt" soll das Gebäude aufgrund seiner einzigartigen Konstruktion einheimsen: Ein in sich verdrehter Turm mit doppelter Fassade, die ähnlich wie das Doppelwandsystem einer Thermoskanne funktioniert, soll viel Energie einsparen. Durch die Verdrehung soll zudem die immense Windbelastung, der so hohe Gebäude ausgesetzt sind, um 24 Prozent reduziert und Regenwasser für die Klimaanlage und die Heizung aufgefangen werden. Inwiefern sich das ökologische Prinzip auch bei den  anderen Prestigebauten durchsetzt, die bis 2018 in chinesischen Städten wie Suzhou, Wuhan oder Tianjin entstehen sollen, bleibt fraglich. Denn Chinas ungebremste und wenig nachhaltige Gigantomanie bei Bauprojekten führte in den letzten Jahren dazu, dass die lokalen Aushängeschilder aufgrund mangelnder Nachfrage und enormer Leerstandsquoten an vielen Stellen ungenutzt vor sich hin rotten.

Status:zweithöchstes Gebäude der Welt
Höhe:632 Meter
Stockwerke:128
Aufzüge:106 (legen 18 m pro Sekunde zurück)
Entwurf:US-Architekturbüro Gensler



One World Trade Center – Auferstanden aus Ruinen

Die Skyline von New York ist um eine Attraktion reicher. Das One World Trade Center, künftig der höchste Wolkenkratzer der westlichen Hemisphäre, steht kurz vor der Vollendung. Entworfen wurde das Supergebäude von David Childs vom amerikanischen Architekturbüro Skidmore, Owings and Merrill (SOM). Die Eröffnung ist für Anfang 2015 geplant. Höhentechnisch kann das Gebäude zwar nur bedingt mit seinen asiatischen Konkurrenten mithalten, im Wettlauf um die höchsten Gebäude der Welt nimmt es lediglich Rang 4 ein. In puncto Symbolgehalt steht es allerdings an vorderster Front. Errichtet auf dem Grundstück, auf dem die Doppeltürme des World Trade Center nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in Schutt und Asche lagen und das amerikanische Selbstbewusstsein in seinen Grundfesten erschüttert wurde, zeigt das wieder auferstandene One World Trade Center, dass sich Amerika nicht so leicht unterkriegen lässt. Deshalb gelten die 104 Stockwerke, verteilt auf symbolträchtige 541 Meter (umgerechnet 1776 Fuß – das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung), auch als die sichersten der Welt: 60 Meter tiefe Fundamente, Fenster aus Panzerglas und eine Lobby, die einem Luftschutzbunker gleicht. Einzig bei der Namenswahl wurde der Patriotismus etwas zurückgefahren. Denn um den Kreis der Interessenten möglichst groß zu halten, entschied man sich,  plakativen Patriotismus gering zu halten. Aus diesem Grund benannte der Eigentümer, die New Yorker Hafengesellschaft Port Authority, das Gebäude 2009 kurzerhand vom ursprünglich geplanten Freedom Tower in One World Trade Center um.

Höhe:541 m, davon 124 m Spitze
Stockwerke:104
Aufzüge:54
Bauzeit:8 Jahre
Am Bau beteiligte Arbeiter:26000
Kosten:ca. 4 Milliarden Dollar

„Viele Megaprojekte sind reine Spekulationsobjekte“

Ein Interview mit Martin Haas, Architekt und Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), über den Bauboom in den Schwellenländern.

Die Zahl spektakulärer Bauprojekte hat sich vor allem in Asien in den letzten Jahren deutlich erhöht. Woran liegt das?

HaasIn Asien erleben die Städte einen extremen Boom. Dort ist eine Wirtschaftsentwicklung im Gange, die bei uns in Europa vor hundert Jahren stattgefunden hat, und die Menschen strömen vom Land in die Stadt. Entsprechend hoch ist der Investitionsdruck auf die Ressource Stadt, der sich in zahlreichen Nachverdichtungsprojekten niederschlägt. Zudem ist das Hochhaus nach wie vor ein Sinnbild für wirtschaftlichen Wohlstand und hat in den aufsteigenden Schwellenländern eine enorme Ausdruckskraft.

Die Devise scheint zu lauten: höher, schneller, weiter. Nur Deutschland erlaubt sich nach wie vor Bebauungspläne, Traufhöhen und verzögerte Großprojekte wie den Berliner Flughafen. Verändert sich die Baukultur in Deutschland durch die Entwicklungen von außen?

HaasUnser baukulturelles Verständnis war schon immer ein anderes, unabhängig von den derzeitigen Entwicklungen im asiatischen bzw. außereuropäischen Raum. Das liegt mitunter an unserer föderalen Gesellschaftsstruktur, die durchweg mittelgroße Städte hervorgebracht hat. Das Phänomen „Mittelstand“ ist also nicht nur eine Besonderheit der deutschen Unternehmenslandschaft, sondern auch der deutschen Gesellschaft. Selbst in Städten wie Berlin gab es nie die Notwendigkeit, extrem in die Höhe zu bauen. Ganz anders in Asien: hier konzentriert sich diese Entwicklung auf die ganz großen Metropolen, Megaprojekte entstehen hier also auf einem völlig anderen baukulturellen Nährboden.

Die Frage nach Lebensqualität und Lebensumfeld in den Städten ist viel wichtiger als der Aspekt, auf wieviel Quadratmetern das Ganze letztlich stattfindet.

Auffällig viele Megaprojekte werden in China, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien realisiert.Ist diese Art des Bauens ein primär außereuropäisches Phänomen? Warum?

HaasDas ist erneut ein Aspekt der unterschiedlichen Gesellschaftsentwicklung. In Europa haben wir wesentlich geringere Zuwachszahlen in den Städten als in Asien – dort liegen die Wachstumsraten bei 15 bis 20 Prozent. Im Vergleich: In Deutschland wachsen Städte wie Berlin, München oder Stuttgart um 1000 bis 5000 Einwohner pro Jahr. Das sind völlig andere Maßstäbe. Bei uns kann bereits sehr viel über Nachverdichtung und einen sensibleren Umgang mit dem Bestand erreicht werden. Außerdem befinden wir uns im Gegensatz zu den asiatischen Ländern in einem postindustriellen Zeitalter, was sich auch in anderen bautechnischen Schwerpunkten zeigt: Die Gebäudeform orientiert sich hier eher an inhaltlichen Maßstäben und ist Aspekten der Nachhaltigkeit untergeordnet.

Inwieweit sind Megaprojekte im Maßstab eines Shanghai Towers oder eines One World Trade Centers auch in Deutschland vorstellbar?

HaasHier muss man unterscheiden. Allein der Ausdruck „Megaprojekt“ ist in Deutschland so nicht denkbar, das entspricht einfach nicht der deutschen Mentalität. Hochinnovative Großprojekte, die technisch auf dem neusten Stand sind, entstehen hier trotzdem jeden Tag. In Frankfurt werden Hochhausprojekte verwirklicht, wie beispielsweise die EZB, die innovativ und architektonisch einen Fingerzeig geben. Was hier allerdings aufgrund der gesellschaftlichen und demografischen Entwicklung nicht passiert, sind Neubauprojekte im großen urbanen Maßstab. Dafür gibt es hierzulande einfach keinen Bedarf. Allerdings rückt eine sinnvolle Nachverdichtung von Städten immer mehr in den Vordergrund.

Wo endet sinnvolles Bauen und wo fängt Größenwahn an?

HaasVon Megaprojekten geht eine grundsätzliche Faszination aus. Ich halte es auch für menschlich, auszuprobieren, was möglich ist und wo die Grenzen des eigenen Schaffens liegen. Wie beim Eifelturm, der damals als Innovationsträger geplant wurde und heute als Wahrzeichen fungiert und Ausdruck menschlichen Willens ist. Zumeist entwickelt sich daraus aber keine Baukultur. Daher sind in diesem Zusammenhang Projekte wichtig, bei denen nicht nur das Spektakel und der Eindruck im Vordergrund stehen, sondern auch Forschung betrieben wird und neue Konzepte auf ihre weitere Umsetzungsfähigkeit hin getestet werden. Ein Beispiel ist Masdar City in Saudi-Arabien, ein Bauprojekt mitten in der Wüste mit dem Ziel, eine fast energieneutrale Stadt mit rein solaren Gewinnen zu schaffen. Die Sinnhaftigkeit des Projekts mag fragwürdig sein, der Antrieb, eine energieautarke Stadt zu entwickeln, ist es aber nicht. Man versucht, an dem Projekt zu lernen. Zumeist ist großmaßstäbliches Bauen im Stil eines Burj Khalifa in Dubai oder eines Shanghai Towers in China aber eine reine Machtdemonstration und verhilft einer kleinen Oberschicht dazu, sich zu profilieren. Zudem sind viele Megaprojekte reine Spekulationsobjekte, in denen ein Kapitalmarkt baulichen Ausdruck sucht. Darüber hinaus bringen solche Projekte dann keinen Mehrwert und dienen schon gar nicht als Vorbild dafür, wie in Zukunft Städte geplant werden sollen. Dann handelt es sich um Verschwendung von Ressourcen.

Können solche Projekte gemessen am Ressourcen- und Kostenaufwand und den enormen Instandhaltungskosten überhaupt nachhaltig sein?

HaasDie Zertifikate, die wir als Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen vergeben, sind dazu da, Transparenz bei solchen Fragen zu schaffen. Es kann hier leider kein einfaches ja oder nein geben. Die grundsätzlichen Fragen im Hinblick auf die Definition von Nachhaltigkeit sind: Macht ein Projekt Sinn, wie lange macht es Sinn und wie viele Menschen ziehen einen Nutzen daraus. So kann auch ein Megaprojekt, das in der Errichtung einen höheren Energieaufwand hat, nachhaltig sein, sofern es Strukturen schafft, die gebraucht werden und von vielen Menschen über einen langen Zeitraum intensiv genutzt werden können.

Verdichtung wird aufgrund der zunehmenden Urbanisierung als wichtigste städtebauliche Aufgabe unserer Zeit gewertet. Stellt das Bauen in die Vertikale hierfür einen adäquaten Lösungsansatz dar?

Haas Es kann ein Ansatz sein, wenn nicht mehr genügend Fläche zur Verfügung steht. Bestes Beispiel hierfür ist New York. Die Stadt ist deshalb so dicht bebaut, weil die Notwendigkeit bestand, sehr viele Menschen auf einem sehr knapp bemessenen Raum unterzubringen. Das Hochhaus ist hier also Ausdruck des großen Investitions- und Bevölkerungsdrucks. Unter diesem Gesichtspunkt ist New York eine extrem nachhaltige Stadt. In Europa besteht keine Notwendigkeit eines zweiten New York. Dennoch ist der Wunsch nach einem verdichteten Stadtbild auch in Europa ein extrem bautreibendes Moment. Allerdings nach einem grundlegend anderen Verständnis. In Asien herrscht oftmals eine quantitative Herangehensweise vor. In Europa erleben wir dagegen den Wandel zum qualitativen Wachstum. So rückt beispielsweise die Suche nach adäquaten baulichen Antworten auf die veränderte gesellschaftliche Situation mit immer mehr älteren Menschen in den Fokus. Die Frage nach Lebensqualität und Lebensumfeld in den Städten ist viel wichtiger als der Aspekt, auf wieviel Quadratmetern das Ganze letztlich stattfindet.

Zur Person

...ist Mitinitiator und Präsidiumsmitglied der Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Er ist zudem wissenschaftlicher Beirat der Bauhaus SOLAR Weimar.  Als Projektleiter und Partner in Behnisch Architekten war Martin Haas von 1997-2012 unter anderem für die NORD/LB in Hannover, die Unilever Zentrale und den Marco Polo Tower in Hamburg verantwortlich. Den Schwerpunkt seiner Arbeit legt Haas auf die Entwicklung innovativer und nachhaltiger Architektur. Nach 6 Jahren der Partnerschaft gründet Haas, zusammen mit David Cook und Stephan Zemmrich im April 2012 sein eigenes Büro „haascookzemmrich STUDIO2050“ mit Projekten im In- und Ausland. Seit 2008 hat Haas eine Gastprofessur an der University of Pennsylvania in Philadelphia USA sowie an der Universita di Sassari in Italien inne.

Linkliste