Mangelware Mittelstand

Frankreichs kleine und mittlere Unternehmen standen lange im Schatten der großen Konzerne. Ein ambitioniertes Programm der Regierung soll das nun ändern.

Frankreichs Mittelstand leidet unter einem Imagedefizit im eigenen Land.

Fremdwörter haben es ziemlich schwer westlich des Rheins. Vor wenigen Jahren wurde sogar ein Gesetz zum Schutz des Französischen erlassen und auf Ministererlass hin wurden ausländische Wörter durch französische ersetzt. Trotzdem setzen sich im Land des staatlich verordneten Sprachpurismus immer wieder neue Wörter durch. „Le Mittelstand“ ist so eines. Darin schwingen Sehnsucht und zugleich ein wenig Neid mit, denn kleine und mittlere Unternehmen nach deutschem Vorbild gelten als Jobmaschine par excellence, setzen Maßstäbe in Sachen Forschung und Entwicklung und scheinen schlichtweg das beste Rezept für wirtschaftlichen Erfolg sogar in turbulenten Zeiten zu sein. Diesem Modell will man nun verstärkt nacheifern.

Phänomen „Le Mittelstand“

Zwar gibt es zwischen Ärmelkanal und Côte d'Azur ebenfalls eine vielfältige und äußerst lebendige KMU-Szene, doch trennen die französischen Mittelständler und ihre deutschen Pendants oftmals Welten. „In Deutschland sind kleine und mittlere Unternehmen deutlich stärker im Hochtechnologiebereich aktiv und in ihren Nischen nicht selten sogar die Weltmarktführer“, weiß Dr. Stefan Seidendorf zu berichten. „Dieses Phänomen der Hidden Champions ist in Frankreich weitaus seltener zu beobachten“, so der Leiter der Europaabteilung am Deutsch-Französischen Institut (dfi) in Ludwigsburg. Dienstleistungen, Baugewerbe, Handel, Transport und Gastronomie bestimmen das Bild statt Maschinenbau oder Chemie. Die Zahlen geben Seidendorf Recht: Der Buchautor und Mittelstandsexperte Hermann Simon hat einmal ausgerechnet, dass in Deutschland auf je eine Million Einwohner sechzehn dieser Hidden Champions kommen, in Frankreich aber lediglich 1,1. „Traditionell stark sind kleine und mittlere Unternehmen in Frankreich jedoch bei höherwertigen Textilien, die im Unterschied zu Deutschland sogar noch vor Ort hergestellt werden. Auch gibt es eine große Zulieferindustrie, die mittelständisch geprägt ist und im Verbund mit den großen französischen Autokonzernen zusammenarbeitet“, ergänzt der Experte aus Ludwigsburg.

Schwierigkeiten beim Zugang zu Krediten

Zugleich unterscheidet sich der französische Mittelstand strukturell ganz klar vom deutschen. Während hierzulande laut Eurostat nur 82 Prozent aller Unternehmen weniger als zehn Mitarbeiter haben, sind es dort 94 Prozent. Oftmals sind es nur Ein-Mann-Betriebe. „In Frankreich ist der Mittelbau wesentlich schwächer ausgeprägt“, kommentiert Michael Holz diese Zahlen. „Anders dagegen in Deutschland, wo wesentlich mehr Unternehmen in einer Größenordnung bis 250 Mitarbeitern zur Wirtschaftskraft beitragen“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. In Deutschland fallen 2,5 Prozent aller Firmen in diese Kategorie, in Frankreich aber nur 0,8 Prozent. Das verweist auf die grundlegenden Probleme der französischen KMU. Sehr kleine Unternehmen bleiben in der Regel auch klein. Aufgrund ihrer geringen Betriebsgröße und ihrer vergleichsweise geringen Rentabilität verfügen sie über geringere finanzielle Mittel für Innovationsaktivitäten, Forschung und Entwicklung und zur Erschließung ausländischer Märkte. Darüber hinaus haben französische KMU auch deutlich größere Schwierigkeiten beim Zugang zu Krediten. „Während die deutschen Mittelständler Innovationsspitzenreiter in Europa sind, rangieren die französischen KMU nur im europäischen Mittelfeld. Auch ist die französische Exportquote nur ca. halb so groß wie die deutsche“, merkt Holz an.

Im Würgegriff der Arbeitsgesetze

„Frankreich fehlen 10.000 Firmen mit je 300 Mitarbeitern“, beklagte schon vor Jahren der Wirtschaftsrat Conseil d'analyse économique den Zustand der französischen Unternehmenslandschaft und fordert seither immer wieder Verbesserungen der Rahmenbedingungen für KMU. Denn viele Gründe, warum es mit einem wirtschaftlich starken Mittelstand nicht so recht klappen will, sind eindeutig hausgemacht. „Die französischen KMU werden durch die bestehenden Arbeitsgesetze geradezu paralysiert“, lautet dazu die Einschätzung von Professor Günther Strunk, Leiter des Themenfelds „Familienunternehmen“ am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) sowie des Hamburger Instituts für Familienunternehmen (HIF). „Der hohe Kündigungsschutz und sehr unflexible Arbeitszeitregelungen sind nur zwei der vielen staatlichen Regelwerke, die in Frankreich viele davon abschrecken, ihr Unternehmen zu erweitern oder überhaupt eines zu gründen.“

Bürokratische Hemmschuhe

Bereits 2007 wies der Conseil d'analyse économique in einer Studie darauf hin, dass eine Firma im Durchschnitt vier Jahre nach ihrer Gründung in Deutschland ihr Personal um 20 Prozent aufgestockt hat. In den Vereinigten Staaten liegt die Quote bei 125 Prozent, in Frankreich lediglich bei 15 Prozent. Bürokratische Hürden gibt es zuhauf: Kommen überraschend Aufträge rein und ein Unternehmen will diese durch Überstunden und Mehrarbeit bewältigen, dann muss das 30 Tage zuvor angemeldet werden, schließlich gilt die 35-Stunden-Woche. Ab elf Mitarbeitern ist ein Arbeitnehmervertreter zu wählen, ab 50 ein Betriebsrat; Zeitverträge dürfen nur einmal verlängert werden. „Wer neues Personal einstellen will, überlegt sich das angesichts solcher Rahmenbedingungen wohl zweimal“, sagt Strunk.

Mangel an regionalen Clustern

Aber es gibt auch zahlreiche historische Gründe, warum die petites et moyennes entreprises, wie sie auf Französisch heißen, eine eher untergeordnete Rolle spielen. „Es existiert in Frankreich kein föderales System, das zur Bildung regionaler Cluster mit unterschiedlichen Branchenschwerpunkten hätte führen können wie in Deutschland“, erläutert Strunk die Ursachen. „Zudem ist man bei der Forschung bei weitem nicht so gut mit der Hochschullandschaft vernetzt.“ Das Land wurde schon immer zentralistisch regiert, weshalb den einzelnen Departements deutlich weniger Spielraum zur regionalen Förderung und eigenen Gestaltung zur Verfügung stand als den deutschen Bundesländern. Darüber hinaus pflegte Paris traditionell eine sehr dirigistische und interventionistische Wirtschaftspolitik. Bürgerliche und sozialistische Regierungen gleichermaßen protegierten gezielt Großkonzerne wie Renault, Alstom, Total oder Sanofi-Aventis, während der Mittelstand in den ökonomischen Überlegungen ein eher stiefmütterliches Dasein fristete.

Regierung reagiert allmählich

Das hat über Jahrzehnte hinweg gut funktioniert, aber dann sind selbst einige dieser Aushängeschilder der französischen Wirtschaft ins Straucheln geraten und begannen, in Frankreich in großem Umfang Arbeitsplätze abzubauen oder Produktionsstätten ins billigere Ausland zu verlagern. 10,8 Prozent betrug deshalb 2013 die Arbeitslosenquote, die sich 2014 und 2015 aller Voraussicht nach mit 11 Prozent auf hohem Niveau einpendeln wird. Sogar die Firmenzentralen wandern mittlerweile über die Grenzen. Beispiele dafür gab es in jüngster Zeit einige. Nach seiner Fusion mit Holcim aus der Schweiz wird auch der Zementgigant Lafarge seinen Sitz dort haben und die Werbegruppe Publicis zieht es anlässlich ihres Zusammengehens mit der amerikanischen Omnicon nach Amsterdam. Langsam scheint sich deshalb bei den Verantwortlichen in der Regierung die Erkenntnis durchzusetzen, dass Konzerne in der globalisierten Welt kein Vaterland mehr kennen, dem sie sich verpflichtet fühlen.

Weniger Industrie als Spanien oder Italien

Des Weiteren hat Paris immer wesentlich stärker auf die Förderung der Kaufkraft und damit des  Binnenkonsums gesetzt als andere entwickelte Volkswirtschaften. „Lange war man sich selbst genug“, bringt Professor Strunk diese Haltung auf den Punkt. Ursachen dafür waren ein diffuser Wirtschaftspatriotismus sowie der Hang zum Protektionismus. „Nun zahlt Frankreich für seine Versäumnisse in der Vergangenheit einen hohen Preis.“ Die industrielle Basis schrumpft schneller als anderswo. Laut Eurostat beträgt der Anteil seiner Industrie an der Wirtschaftsleistung keine 13 Prozent mehr. Das ist nur noch halb so viel wie in Deutschland und sogar weniger als in Italien und Spanien. Auch sind seit Mitte der 1990er Jahre über 20 Prozent der Arbeitsplätze in der industriellen Produktion verloren gegangen. Zum Vergleich: In Deutschland waren es rund 10 Prozent. Und während östlich des Rheins die Löhne seit der Jahrtausendwende lediglich um 10 Prozent stiegen, waren es in Frankreich mehr als 30 Prozent. Das trieb die Kosten nach oben, macht französische Produkte im Vergleich zu anderen relativ teuer und damit weniger wettbewerbsfähig.

Geringer Internationalisierungsgrad

Doch während die französischen Großkonzerne weltweit aufgestellt und deshalb auch von eventuellen Schwächen auf dem Heimatmarkt weniger stark betroffen sind, sieht es bei den französischen KMU deutlich anders aus. Ihr Internationalisierungsgrad ist bei weitem geringer als bei der deutschen Konkurrenz. Lediglich 90.000 mittelständische Firmen in der Größenordnung bis 250 Mitarbeiter können überhaupt ein Auslandsgeschäft vorweisen, in Deutschland sind es viermal so viele. In der Gruppe der großen Mittelständler mit mehr als 250 Mitarbeitern fällt der Vergleich sogar noch ungünstiger aus. „Im Gegensatz zum deutschen Mittelstand sind die französischen KMU in deutlich geringerem Maße auf Auslandsmärkten aktiv. Dies gilt besonders für die neuen Wachstumsmärkte außerhalb Europas“, bemerkt der IfM-Experte Holz. „Sie haben den Anschluss an die Globalisierung teilweise verpasst.“

Neue Mentalität gesucht

Darüber hinaus gibt es aber auch Defizite im gezielten Umgang mit den Kundenwünschen im Ausland. „Aufgrund ihrer ungünstigen Kostenstrukturen haben sie in jüngster Zeit Schwierigkeiten, sich gegen die asiatische Konkurrenz zu behaupten“, glaubt auch Seidendorf. Weil der exportorientierte Teil des französischen Mittelstands eher die Massenmärkte bedient, aber im Vergleich zu China oder Indien weniger Produkte im Angebot hat, die genau auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten beispielsweise der Schwellenländer ausgerichtet sind, tut er sich selbst auf seinen angestammten Märkten in Nord- und Westafrika mittlerweile schwerer als einst. Ein Mentalitätswandel scheint daher dringend angebracht, das zeigt allein ein kurzer Blick auf den Internetauftritt des Mittelstandsverbands Confédération Générale des Petites et Moyennes Entreprises (CGPME). Außer einer knappen Selbstdarstellung in englischer Sprache sind alle Inhalte und Informationen ausschließlich auf Französisch verfügbar, die Seite seines deutschen Pendants, des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), informiert dagegen in neun Sprachen. Internationalität sieht eindeutig anders aus.

Erste Zeichen des Wandels

Frankreichs Mittelstand leidet zudem unter einem Imagedefizit im eigenen Land. Wer Absolvent einer der renommierten „grandes écoles“, also Eliteinstituten wie Ena, École Polytechnique, Centrale oder Essec ist, den zieht es im Regelfall in den Staatsdienst oder zu den Großkonzernen, der Karriereeinstieg bei einem kleinen oder mittleren Unternehmen scheint den wenigsten eine interessante Option zu sein. Doch ungeachtet aller Probleme sind sich alle drei Experten einig in ihrer Einschätzung, dass Frankreich etwas in Bewegung geraten ist. „So wurden in jüngster Zeit steuerliche Vergünstigungen für kleinere und mittlere Unternehmen eingeführt und regionale Cluster gefördert“, erklärt Seidendorf und verweist auf das Beispiel Bordeaux, wo in jüngster Zeit aufgrund gezielter Förderungen sowie Kooperationen mit der Hochschule eine ganze Reihe neuer mittelständischer Medizintechnik-Startups entstanden sind. Zusätzlich gibt es seit 2004 den Status eines jeune entreprise innovante (JEI). Firmen, die nicht älter als acht Jahre sind und mindestens 15 Prozent ihres Umsatzes in die Forschung stecken, zahlen die ersten drei Jahre keine Steuern auf ihre Gewinne und die darauf folgenden Jahre nur die Hälfte. Außerdem erhalten sie leichter Zugang zu Krediten, für deren Vergabe eigens eine Investitionsbank gegründet wurde. Und wer sich internationalisieren will, dem steht seit 2007 Ubifrance, die französische Agentur für internationale Unternehmensentwicklung, mit Rat und Tat zur Seite. Auch Professor Strunk glaubt deshalb an eine Zukunft des Mittelstands in Frankreich. „Viele KMU dort zeichnen sich durch ein erstaunlich hohes Maß an Pragmatismus aus und arbeiten sehr lösungsorientiert.“ Doch die Schaffung eines Umfelds, das mittelständischen Unternehmergeist richtig zu schätzen und zu fördern weiß, geschieht nicht von heute auf morgen. „Das ist eindeutig ein Generationenprojekt.“

„Französische Wirtschaftspolitik fokussiert auf Konzerne “

Ein Gespräch mit Dr. Stefan Seidendorf, Verantwortlicher für die Europaabteilung am Deutsch-Französischen Institut (dfi) in Ludwigsburg, über Zukunft und Entwicklung der französischen Wirtschaft.

Was sind Ihrer Einschätzung nach die größten Unterschiede zwischen kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland und in Frankreich?

Dr. SeidendorfIn Deutschland sind kleine und mittelständische Unternehmen stärker im Hochtechnologiebereich aktiv und in ihren Nischen nicht selten sogar die Weltmarktführer. Dieses Phänomen der Hidden Champions ist in Frankreich seltener zu beobachten. Dort sind die Firmen weniger in den Spitzensegmenten einer Branche zu Hause, sondern eher auf den Massenmärkten, wo sie aber aufgrund ihrer ungünstigen Kostenstrukturen gerade in jüngster Zeit Schwierigkeiten haben, sich gegen die asiatische Konkurrenz zu behaupten.

Woraus resultiert diese Verschiedenartigkeit?

Dr. SeidendorfEinerseits ist sie historisch bedingt und lässt sich darauf zurückführen, dass ein föderales System eher starke kleine und mittelständische Unternehmen hervorbringt als ein zentralistisches. Andererseits ist ihre Dominanz wie in Deutschland ganz klar die Ausnahme, während Frankreich den europäischen Durchschnitt repräsentiert und daher besser mit Spanien oder Großbritannien zu vergleichen ist.

Im Vergleich zu Deutschland sind die französischen Firmen deutlich weniger exportorientiert.
Dr. Stefan Seidendorf

Gibt es Branchen, in denen KMU aus Frankreich ganz besonders erfolgreich sind?

Dr. SeidendorfTraditionell stark sind sie bei höherwertigen Textilien, die im Unterschied zu Deutschland sogar noch vor Ort in Frankreich hergestellt werden. Auch gibt es eine starke Zulieferindustrie, die mittelständisch geprägt ist und im Verbund mit den großen französischen Autokonzernen zusammenarbeitet. Neu dazugekommen sind Firmen aus dem Bereich Medizintechnik, die sich jüngst um Bordeaux herum im Südwesten des Landes etablieren konnten.

Oftmals wird beklagt, dass die Politik in Frankreich die kleinen und mittelständischen Unternehmen vernachlässigen würde. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

Dr. SeidendorfJahrzehntelang war die französische Wirtschaftspolitik sehr stark auf die großen Konzerne fokussiert. Aber ich glaube, dass mittlerweile ein Umdenken erfolgt ist. So wurden in jüngster Zeit steuerliche Vergünstigungen für kleinere und mittlere Unternehmen eingeführt und regionale Cluster gefördert. Natürlich dauert es seine Zeit, bis diese Maßnahmen Wirkung zeigen.

Wie ist es um die Internationalisierung der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Frankreich bestellt?

Dr. SeidendorfIm Vergleich zu Deutschland sind die französischen Firmen deutlich weniger exportorientiert. Das lässt sich zum einen auf ihre geringe Größe zurückführen, denn über 90 Prozent haben nicht einmal zehn Mitarbeiter. Zum anderen gibt es aber auch dafür historische Gründe. Frankreich setzte in der Vergangenheit wirtschaftspolitisch immer auf den Binnenkonsum als treibende Kraft. Früher hat das gut funktioniert, heute aber ist dies einer der Gründe für das Schwächeln der Volkswirtschaft.

Leidet der französische Mittelstand nicht auch unter einem gewissen Imagedefizit?

Dr. SeidendorfIn Frankreich würde kaum ein Absolvent der Elitehochschulen bei einem Mittelständler seinen Karriereeinstieg wagen. Wer an einer der renommierten Business-Schools studiert hat, will zu den großen und bekannten Unternehmen oder in den Staatsdienst. Deutschland kennt dieses Problem nicht.

Wie ist es in Frankreich um den Zugang zu Krediten bestellt?

Dr. SeidendorfDer gute Zugang zu Krediten ist eine der Stärken des Mittelstands in Deutschland. In Frankreich dagegen haben die großen Banken das Geschäft mit der Kreditvergabe an kleine und mittelständische Unternehmen lange vernachlässigt. Doch auch hier ändert sich derzeit einiges. So wurde vor kurzem eine Investitionsbank ins Leben gerufen, die genau das erleichtern soll. Das ist für viele Firmen manchmal überlebenswichtig. Denn auch die großen Konzerne bekamen die jüngsten Krisen deutlich zu spüren und zögerten daher nicht selten das Begleichen von Rechnungen ihrer Zulieferer heraus.

Zur Person

...ist seit April 2010 am Deutsch-Französischen Institut (dfi) in Ludwigsburg und verantwortet dort die Europaabteilung. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Lehrstühlen Internationale Beziehungen und Europäische Integration sowie Politikwissenschaft und Zeitgeschichte der Universität Mannheim tätig. Seidendorf studierte Geschichte und Romanistik als integrierten deutsch-französischen Studiengang an den Universitäten Tübingen und Aix-en-Provence.

„Bedürfnis nach Reformen liegt in der Luft“

Ein Interview mit Stéphane Kandler über die Reformen in Frankreich und die Bemühungen der Regierung, mehr mittelständische Betriebe zu etablieren.

Totgesagte leben länger: Über die Wirtschaft Frankreichs wird derzeit in Deutschland viel Negatives berichtet. Für wie faktenreich halten Sie diese Berichterstattung?

KandlerDie Fakten sind meistens richtig, Frankreich hat wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seit 40 Jahren hat sich der Staat sehr stark in die Wirtschaft eingemischt und auch sehr viel von den Unternehmen und Arbeitern verlangt für die Bezahlung von Sozialleistungen. Sehr viele neue Gesetze und Regeln sind angenommen worden, die die Arbeitskosten regelmäßig erhöht und die Einstellung von Arbeitern immer schwieriger gemacht haben. Man hat das «Soziale» der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit vorgezogen – genau das Gegenteil davon, wie Deutschland verfährt. Die 35-Stunden-Woche ist das beste Beispiel. Das hat sehr viel gekostet und die Unternehmen haben darunter sehr stark gelitten.

Hohe Staatsverschuldung und Arbeitslosenquote bei angeblichem Reformstau gelten den Rating-Agenturen als Anzeichen eines Niedergangs. Ist dem wirklich so?

KandlerStaatsverschuldung und Arbeitslosigkeit sind die Ergebnisse dieser Politik. Derzeit wird den Franzosen dieser Zustand bewusst und das Land hat jetzt die Möglichkeit, dies zu ändern. Die Ratings, die vor der Krise sehr selten ernst genommen wurden, werden derzeit von einigen Politikern genutzt, um Druck auf die Regierung zu machen. Das Bedürfnis nach Reformen und Staatskostenreduzierung liegt in der Luft. Aber Frankreich steht an einem Wendepunkt und es ist eine sehr schwierige Zeit für die französischen Bürger, besonders in einem Land, wo Konsens nicht die Regel wie in Deutschland ist. Das schafft man nicht an einem Tag, schließlich hat es auch in Deutschland lange gedauert. Man muss nicht leugnen, dass Frankreich noch viel zu tun hat. Aber wie gesagt, die Mentalitäten haben sich geändert und die Leute sind bereit, Reformen zu akzeptieren.

Der größte Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland, aber auch zu anderen Wirtschaften, ist die Präsenz des Staates.
Stéphane Kandler

Welche Zeichen des positiven Wandels in Sachen Wirtschaft sehen Sie bereits in Frankreich?

KandlerDie Mentalitätswende! Jahrelang haben die Leute gedacht, der Staat könne alles und vor allem ewig zahlen – bis klar wurde, dass letztlich Alle bezahlen. Die Regierung und die politischen Parteien sprechen von Reformen und Defizitreduzierung. Das war vor wenigen Jahren undenkbar! Jetzt brauchen wir Aktionen. Das fängt langsam mit dem „Pacte de Compétitivité“ zur Reduzierung von Arbeitskosten sowie mit Kosteneinschränkungen von Ministerien an. Das Problem ist, dass die neue Regierung in den ersten zwei Jahren sehr wenig getan hat und stattdessen Steuern und soziale Unzufriedenheit gestiegen sind. Der Spielraum ist nun gering und es wird wahrscheinlich langsam geschehen. Die Wende ist also unterwegs, aber sie wird Jahre brauchen.

Die französische Regierung bemüht sich insbesondere um den Aufbau eines Mittelstands nach deutschem Vorbild. Welche Maßnahmen greifen bereits?

KandlerDer Mittelstand ist jahrelang in Frankreich ignoriert worden. Ich glaube nicht, dass Frankreich mit Deutschland verglichen werden kann. Es wäre ein Fehler, nur eine Kopie zu entwickeln. Natürlich braucht Frankreich einen Mittelstand, weil diese Unternehmen die meisten Arbeitsplätze schaffen, aber Frankreich kann nicht dieselbe Industrie aufbauen und hat andere Vorteile, die meiner Meinung nach unterschätzt werden. Der Wille ist da, aber die Maßnahmen lassen noch zu wünschen übrig.

Vor welchen Problemen stehen kleinere Unternehmen in Frankreich?

KandlerStarrheit, schwache Finanzierung und gesetzgebende Instabilität sind die Plagen der französischen Wirtschaft – das ist leider kein Mythos. Um in Frankreich zu überleben, brauchen Unternehmen viel Mut, Anpassungsfähigkeit und Organisation. Unternehmen, die es schaffen, sind dann aber sehr erfolgreich. Auch der Export ist eine Schwäche der kleinen Unternehmen.

In welchen Bereichen ist die französische Industrie nach wie vor führend und konnte ihre Führung in den letzten Jahren sogar ausbauen?

KandlerLuxusgüter, Luftfahrt, das Baugewerbe sowie die pharmazeutische und die Nahrungsmittelindustrie sind wahrscheinlich die stärksten in Frankreich. Doch es sind leider nur riesige Konzerne und sehr wenig mittelständische Unternehmen. Frankreich muss jetzt den Mittelstand in diesen Bereichen entwickeln, denn qualifizierte Arbeitskräfte sind durchaus verfügbar.

Sehen Sie die Entwicklung neuer Branchen?

KandlerDer Staat hat in die „Pôles de Compétitivité“ und den „Fonds Stratégique d’Investissement“ investiert. Die „Pôles de Compétitivité“ bestehen aus Unternehmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Investoren in Branchen wie Biotech, Energie, Wasser, Umwelt usw. Der „Fonds Stratégique d’Investissement“ beteiligt sich am Startkapital von Startups oder bereits existierenden Unternehmen mit Potenzial. Die Wirkung solcher Investitionen scheint zu funktionieren und zeitigte bereits erste Erfolge. Das Problem ist, dass diese Einrichtungen wieder vom Staat abhängig sind und mit jeder neuen Wahl oder Regierung unter Druck bleiben. Man fördert zu wenig private Investitionen und gerade kleinen Unternehmen mangelt es an Kapital.

Welche großen Unterschiede im Geschäftsleben und in der Struktur der Wirtschaft sehen Sie zwischen Frankreich und Deutschland?

KandlerDer größte Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland, aber auch zu anderen Wirtschaften, ist die Präsenz des Staates. Die Bevölkerung wurde seit dem zweiten Weltkrieg allmählich davon überzeugt, dass der Staat für Alle und Alles sorgen würde. Man hat mit staatlicher Verschuldung die soziale Ruhe erkauft, aber die individuelle Verantwortlichkeit langsam ausgedünnt sowie den sozialen Beziehungen immer weniger Bedeutung gegeben. Auch die Ausbildung ist ein kritisches Thema, weil man wenig auf die Lehre gibt und hauptsächlich Wert auf die akademische Bildung legt – 84 Prozent der Jungen machen Abitur! Dadurch wird viel Geld ohne besondere Ergebnisse ausgegeben. Insgesamt muss man sagen, dass die Reformen auf dem Weg sind, es aber noch Zeit brauchen wird, bis sie wirken.

Zur Person

...leitet seit 2011 das Familienweingut "Château Tourril", das auf 13 Hektar im südfranzösischen Minervois erstklassige Weine produziert. Der findige Unternehmer war Gründer der K-Yachting, entwickelte Software für Handheld-Geräte und gründete die französische America's Cup Challenge. Kandler wurde 1970 in München geboren und lebt seit 1974 in Frankreich.

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