Logistikregion Leipzig-Halle: Wachgeküsst und abgehoben

Wer weiß das noch: Leipzig, Stadt der Wiedervereinigung, zählte einmal zu den größten Metropolen des Landes. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs fand diese Entwicklung ein jähes Ende. Obschon kaum zerstört, konnte die traditionsreiche Messe- und Industriestadt im Herzen Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr an die Wachstums- und Entwicklungsraten der Vorkriegszeit anschließen. Dies sollte sich erst mit dem Fall der Mauer ändern. Denn auf einmal lag die Sachsenmetropole – auch geographisch – im Zentrum der Republik.

Sollten die Verhältnisse in Leipzig so bleiben wie bisher, könnte die Stadt als Logistikdrehkreuz noch weiter an Bedeutung gewinnen.

Plötzlich wachgeküsst

Die Landesregierungen von Sachsen und Sachsen-Anhalt erkannten frühzeitig den großen Nutzen, den man daraus ziehen konnte, und schickten sich an, die Stadt als Logistikzentrum aus ihrem Dornröschenschlaf wach zu küssen. Gemeinsam schmiedeten sie den Plan zum Ausbau des Flughafens Leipzig-Halle als Logistikdrehkreuz in Mitteldeutschland. Die Lage am Schkeuditzer Kreuz mit hervorragenden Anbindungen nach Westen wie nach Osten war ein weiterer klarer Trumpf, den man auszuspielen plante. Hinzugesellten sich Pläne für eine Schienenanbindung – langfristig sollte Leipzig-Halle zu einem der modernsten Logistikdrehkreuze Deutschlands und Europas werden. Auch Bewohner der Region erkannten frühzeitig die Bedeutung der Logistikbranche für die wirtschaftliche Entwicklung und zogen mit – so gab es keine Proteste gegen einen Erweiterung oder gegen Starts und Landungen in der Nacht.

Leipzig-Halle hat den Anschluss geschafft

Inzwischen hat die Region bestens zum Rest Deutschlands aufgeschlossen. So berichtet der Sachsen-AnhaltReport der NORD/LB, dass die Logistik inzwischen mit einem Anteil von 3,3 Prozent an allen Umsätzen aus Lieferungen und Leistungen fast den Bundesdurchschnitt von 3,7 Prozent erreicht hat. Dies half der Region auch, besser durch die Finanzkrise zu kommen. So war der Einbruch geringer und die Krise auch deshalb schneller überwunden als anderswo, weil die Branche in der Region nach wie vor überproportional wuchs und damit die Wirtschaft in der Region mitzog.

Flugbetrieb rund um die Uhr

Auch die Vernetzung in alle Himmelsrichtungen kann sich sehen lassen. Die wichtigsten Handelspartner der Region im Inland sind Niedersachsen, Sachsen, Brandenburg sowie – auf kleinerem Niveau – Bayern und Nordrhein-Westfalen. Rund drei Viertel der Güter werden auf dem Straßenweg versandt – viele davon kommen direkt aus der Fracht des Flughafens. Einen weiteren Schub gab die Verlegung des DHL-Luftfrachtkreuzes nach Leipzig im Jahr 2008. Während das Luftfrachtaufkommen im Bundesdurchschnitt zwischen 2008 und 2012 um lediglich 3,9 Prozent stieg, schnellte es in Leipzig-Halle im selben Zeitraum um jährlich im Schnitt 18,4 Prozent nach oben – Tendenz ungebrochen. Dadurch konnte sich der Flughafen inzwischen auf einen der vordersten Ränge in Deutschland schieben. Möglich war dies nur, weil in Leipzig von Anfang an klar war, dass es einen der wesentlichen Hemmschuhe anderer Luftfrachthäfen nicht geben würde: das Nachtflugverbot. Dies gilt bis heute – nicht zuletzt, weil die Bevölkerung komplett hinter dem Flughafen steht.

Produktion mit „Just in sequence“

Mit dem Luftfrachtdrehkreuz in Verbindung mit einer starken industriellen Basis bedient Leipzig eines der Grundprinzipien modernster Produktionsweisen: „Just in sequence“ und „Build to order“ heißen die Zauberworte, die modernen Produktionsspezialisten ein Lächeln ins Gesicht zaubern. In der Produktion bei Porsche oder BMW, die sich direkt am Flughafen angesiedelt haben, geht es nicht nur darum, effizient zu bauen, sondern extrem viele und unterschiedliche Kundenwünsche zu berücksichtigen. Da jedes Fahrzeug individuell mit einer anderen Ausstattung bestellt wird, müssen die Teile in der richtigen Sequenz so ans Band kommen, dass das jeweilige Wunschfahrzeug entsteht. D.h., die Lieferungen müssen so koordiniert werden, dass ein permanenter Fluss besteht. Dazu bedarf es des so genannten „Track and Tracking“, mit dessen Hilfe der Produktionsleiter jederzeit weiß, wann und wo die Teile, die an einem bestimmten Termin verbaut werden sollen, sich derzeit befinden. Dies zeigt auch, dass die IT-Branche und die Logistikbranche heute eng miteinander verschmolzen sind, wenn es um hochkomplexe Prozesse geht.

Optimistischer Blick in die Kristallkugel

Auch für die Zukunft sind die Experten der NORD/LB positiv gestimmt. So dürften die Investitionen, wie die Einbindung Sachsen-Anhalts in gesamteuropäische Verkehrsprojekte wie ChemLog oder des Netzwerks Logistik Leipzig-Halle, in Verbindung mit der verstärkten Zusammenarbeit in der Metropolregion Mitteldeutschland die Bedeutung der Logistikbranche in der Region noch weiter verstärken.

Horrorszenario Frankfurt

Wie weitsichtig die Politiker seinerzeit in Leipzig waren, zeigt die Entwicklung am Frankfurter Flughafen. Dort herrscht – trotz vier Start- und Landebahnen – striktes Nachtflugverbot. Gegenüber 2010, dem letzten Jahr mit Nachtflügen in Frankfurt, hat der Rhein-Main-Airport bereits 8 Prozent an Tonnage verloren. Der Großteil der Fracht geht inzwischen nach Amsterdam, ist also für die deutsche Logistikbranche verloren. Weitere Mühlsteine am Hals der deutschen Luftfracht sind die nationale Flugverkehrsabgabe und der europäische Alleingang beim C02-Emissionshandel – beides Belastungen, die der europäischen Konkurrenz erspart bleiben.

Bundesweit massiver Ausbau notwendig

Sollten die Verhältnisse in Leipzig so bleiben wie bisher, könnte die Stadt als Logistikdrehkreuz noch weiter an Bedeutung gewinnen. So kritisiert der Deutsche Speditions- und Logistikverband e.V. (DSLV) den mangelnden Ausbau der Infrastruktur in Deutschland insgesamt. Angesichts der Tatsache, dass auch in den kommenden Jahren mit einem weiteren Wachstum des Güterverkehrs zu rechnen ist, müssten die Wege eigentlich dringend ausgebaut werden – doch neue Projekte oder Erweiterungen scheinen nicht durchsetzbar. Die Verkehrsverflechtungsprognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur erwartet bis 2030 eine Zunahme des Verkehrsaufkommens von 18 Prozent und 39 Prozent Steigerung bei der Verkehrsleistung – doch das ist mit dem vorhandenen Netz kaum zu schaffen. Zudem hat der DSLV mehrfach kritisiert, dass die dringend erforderliche Sanierung der deutschen Verkehrswege auch mit den nun geplanten Mehrinvestitionen nicht annähernd sichergestellt sei. Es gibt also viel zu tun – zumindest in Leipzig stehen die Signale auf „anpacken“.

„Positiv veränderte Erwartungshaltung der Bewohner“

Ein Interview mit Uwe Albrecht, Bürgermeister für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Leipzig.

Kunstzentrum, Frachtzentrum und ein Bevölkerungszuwachs, der die bisherigen Leerstände dahinschmelzen lässt. Wie hat sich Leipzig diesen Erfolg in den letzten Jahren erarbeitet?

AlbrechtErfreulicherweise hat die Clusterstrategie der Stadt Leipzig in den Clustern Automobil, Logistik, Gesundheit, Kreativwirtschaft und Energie zu überdurchschnittlichen Wachstumsraten und mehr als 30.000 neuen Arbeitsplätzen in den letzten zehn Jahren geführt. Nach dem Motto „Stärken stärken“ konnten sich mehrere Branchenzentren entwickeln.

Die Region Leipzig gilt heute als dynamischste Logistikregion Deutschlands und ist bereits die Nummer drei in Europa. Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?

AlbrechtSie sprechen spezifisch die Luft- und Expressfracht an. Dort hat sich Leipzig durch die zentrale Lage in Europa und die optimale Infrastruktur mit einem 24h-Frachtflughafen ein Alleinstellungsmerkmal in puncto Kapazität und Service erarbeitet. Doch auch beim Onlinehandel (Amazon, momox, Lensspirit) und der Automobillogistik haben wir durch günstige Flächenangebote und gutes Fachkräfteangebot punkten können.

Insbesondere die attraktiven Flächenangebote und das gute Fachkräfteangebot werden wir weiterentwickeln, um zukünftiges Wachstum zu ermöglichen.
Uwe Albrecht

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Logistikbranche – in Leipzig, aber auch überregional?

AlbrechtInsbesondere die attraktiven Flächenangebote und das gute Fachkräfteangebot werden wir weiterentwickeln, um zukünftiges Wachstum zu ermöglichen. Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Netzwerkarbeit regional und überregional weiter zu stärken, um uns so im internationalen Wettbewerb auch in Zukunft erfolgreich behaupten zu können.

Sie konnten mit DHL, BMW, Porsche oder Amazon äußerst namhafte Unternehmen ansiedeln. Welche Sekundäreffekte ergeben sich daraus?

AlbrechtDie erwähnten neuen 30.000 Arbeitsplätze in den letzten zehn Jahren sind zur Hälfte auf diese Leuchtturmansiedlungen zurückzuführen. Doch die andere Hälfte ist im Umfeld dieser Unternehmensansiedlungen entstanden. Durch diese Entwicklung wächst auch das Vertrauen in den Arbeits- und Lebensort Leipzig. Seit 2014 werden in Leipzig wieder mehr Kinder geboren. Dies bestätigt die positiv veränderte Erwartungshaltung der Bewohner.

Welche weiteren Ansiedlungen erwarten Sie noch – insbesondere oder möglicherweise von Mittelständlern?

AlbrechtDie Zeiten der großen Ansiedlungen sind vorüber. Nun gilt es, den Bestand weiterzuentwickeln und neue Unternehmen zu gründen. Mit dem Mittelstandsförderprogramm können wir hierbei ganz spezielle Angebote unterbreiten.

Generell steht der Flughafen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Doch auch im Bereich des Schienenverkehrs hat sich viel getan. So ist das chinesische BMW Werk per Zug von Leipzig aus schneller erreichbar als per Schiff. Welche Rolle spielt die Stadt als Verkehrsknotenpunkt in Sachen Schiene?

AlbrechtDie Stadt Leipzig hat bereits die erste deutsche Ferneisenbahn nach Dresden ermöglicht. Mit einem der größten ostdeutschen KV-Terminals und innovativen Entwicklungen wie dem CargoBeamer werden wir weiterhin trimodal bestmöglich vernetzt sein – per schneller Schiene, Straßen mit Kapazitäten und 24h-Flughafen.

Welche Rolle spielt das gegründete Netzwerk Logistik Leipzig-Halle e.V. dabei?

AlbrechtDas Netzwerk Logistik verknüpft die Aktivitäten in der Region Mitteldeutschland und verbindet mit den Arbeitsgruppen die Schwerpunkte Personalentwicklung, Innovation & IT und Logistik.

Leipzig gilt derzeit insbesondere als Alternative zu Berlin für viele Künstler als interessant. Inwieweit unterstützt die Stadt diese Entwicklung einer großen Kreativwirtschaft?

AlbrechtDie Stadt Leipzig hat in ihre Clusterstrategie auch die Medien- und Kreativwirtschaft aufgenommen. Somit wirken alle Elemente der Wirtschaftsförderung ebenfalls in diesem Bereich. In den letzten Jahren wurde zum Beispiel auch mit Hilfe des EU Projektes „Creative Cities“ viel im Bereich Kultur- und Kreativwirtschaft umgesetzt. Beispiele dafür sind geförderte Unternehmerreisen, unterstütze Ausstellungen oder Workshops. Das Amt für Wirtschaftsförderung selbst organisiert seit Jahren Seminare mit Spezialthemen für die Leipziger Akteure der Kreativwirtschaft. Seit April wird die Arbeit für den Bereich Kreativwirtschaft durch eine neue Website (kreativwirtschaft-leipzig.de) kommuniziert. Im Mittelpunkt der Arbeit steht auch die neue Kontaktstelle Kreativwirtschaft, die seit April im Amt für Wirtschaftsförderung eingerichtet wurde. Besonderer Schwerpunkt wird hier ein neues Beratungsangebot für die Leipziger Kreativwirtschaft sein, welches im Oktober startet. Auch im genannten Mittelstandsförderprogramm sind Maßnahmen verankert, die speziell auf Unternehmen der Kreativwirtschaft ausgerichtet sind.

Zur Person

...ist seit September 2006 Bürgermeister und Beigeordneter für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Leipzig. Er begann seine politische Laufbahn 1990 als Mitglied im Sächsischen Landtag. Albrecht ist Mitglied in verschiedenen Aufsichtsräten (u. a. Leipziger Gewerbehofgesellschaft, Flughafen Leipzig/Halle GmbH, Stadtwerke Leipzig GmbH). Er studierte Kraftfahrzeugtechnik an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden.

„Tor zu den bevölkerungsreichen Märkten in Westeuropa“

Ein Interview mit Markus Kopp, Vorstand und CEO der Mitteldeutschen Airport Holding in Leipzig.

Leipzig/Halle ist eines der großen europäischen Frachtzentren, die Passagierzahlen erleben einen Aufschwung und auch die Zahl der Ansiedlungserfolge hat sich seit 1990 prächtig entwickelt. Wie war die Situation vor der Wende?

KoppVor der Wende war Leipzig/Halle zwar einer der wenigen Flughäfen der DDR mit internationalen Verbindungen, dennoch waren die Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt und im Vergleich zu heute war Leipzig/Halle ein beschaulicher Flugplatz. Nur während der Messezeiten spielte der Flughafen eine große internationale Rolle. Dabei hat Leipzig/Halle als Flughafen in Deutschland seit jeher eine große Historie: 1927 gegründet, war er bereits Mitte der 30er Jahre einer der größten in Deutschland und bot alle 20 Minuten eine Verbindung nach Berlin. 1937 war er die Nummer vier in Deutschland.

Welche Entwicklung nahm der Flughafen nach 1990?

KoppNeben neuen Terminalanlagen entstanden auch zwei neue 3.600 Meter lange Start- und Landebahnen sowie Straßen- und Schienenanschlüsse. Das Lob dafür gebührt aus heutiger Sicht insbesondere den beiden ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt, die gemeinsam mit ihren Amtskollegen aus Sachsen-Anhalt länderübergreifend die Weichen für den Ausbau stellten. Es war eine mutige Entscheidung, die aus heutiger Sicht goldrichtig gewesen ist. Die gesamte Region Leipzig/Halle stünde 25 Jahre nach der Wende nicht so gut da ohne den Flughafen. Die Politik verstand es sehr gut, dass Infrastruktur die Voraussetzung für Wirtschaftswachstum ist. Dabei hat man auch an die Zukunft gedacht und sich direkt im Umfeld des Flughafens die Flächen gesichert, mit denen wir künftig weiter wachsen können. Eines der Hauptdifferenzierungsmerkmale dabei ist sicherlich der große Rückhalt, den wir bis heute in der Bevölkerung haben.

Leider wird die Bedeutung von Infrastruktur in Deutschland, als eine der führenden Exportnationen, heute häufig verkannt, was für künftige Generationen ein Problem werden könnte.
Markus Kopp

Wie ging es dann weiter?

KoppDer wirkliche Durchbruch in der Entwicklung war die Entscheidung von DHL, Leipzig/Halle zum zentralen Logistikhub auszubauen. Grundlage dieser Entscheidung war die bereits vorhandene Infrastruktur, die auch viel Platz für künftiges Wachstum vorhält. Zudem ist DHL unabdingbar auf Nachtflüge angewiesen, die wir hier im Gegensatz zu vielen anderen Flughäfen in Deutschland anbieten können. Die Nachtflüge waren von Anfang an kein Problem, weil die Bevölkerung vor Ort hinter dem Flughafen als Jobmotor steht.

Vor welchen Herausforderungen steht die Region dennoch?

KoppDie Kaufkraft ist insgesamt nach wie vor immer noch niedriger als im Westen. Außerdem gibt es kein einziges DAX-Unternehmen mit Hauptsitz in Ostdeutschland. Stattdessen haben wir eine größtenteils kleinteilige Unternehmenslandschaft sowie Produktionsstätten westdeutscher Konzerne im Osten. Oftmals werden diese „verlängerte Werkbänke“ genannt. Ich denke, dieser Prozess wird noch länger dauern, bevor die ersten großen rein ostdeutsch geprägten Konzerne oder Firmen am Horizont sichtbar werden. Man muss geduldig sein, auch wenn man rückblickend feststellen kann, dass die Region sich in vielen Bereichen in den letzten 25 Jahren hervorragend entwickelt hat.

Welche Potenziale sehen Sie für den Flughafen?

KoppWir setzen auf die klassische Clusterbildung und die daraus entstehenden Chancen einer integrierten Vermarktung. Unser einzigartiges Potenzial ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass uns alle Ansiedlungsflächen um den Flughafen herum selbst gehören. Das heißt, wir haben keinerlei Beschränkungen, was mögliches künftiges Wachstum betrifft und können jedem Investor die passende Fläche anbieten. Darüber hinaus können wir über unser Dienstleistungsportfolio Mehrwert für den Investor bieten. Außerdem sind wir über die direkte Anbindung an das Schkeuditzer Kreuz, übrigens dem ersten Autobahnkreuz in Deutschland, ideal gelegen. Die Ansiedlung der Produktionsstätten von Porsche und BMW im Umfeld des Flughafens war ein wichtiges Signal dafür, dass wir die richtigen Weichen gestellt haben.

Wie ist ihr Verhältnis zur innerdeutschen Konkurrenz?

KoppDer Flughafen Leipzig/Halle ist nach Frankfurt die Nummer zwei unter den deutschen Frachtflughäfen. Die Reihenfolge wird wohl so bleiben, einfach weil der Wirtschaftsraum stärker und Frankfurt/Main eines der größten Drehkreuze Europas im Luftverkehr ist. Dies ist deswegen von Bedeutung, da in Frankfurt rund 60 Prozent der Luftfracht an Bord von Passagiermaschinen transportiert wird. Dennoch wachsen wir weiter und erschließen weitere Potenziale. Gerade verdoppelt DHL seine Kapazitäten hier vor Ort und baut ein neues Sorting Center, weil das Unternehmen mit den bestehenden Flächen des Logistikzentrums nicht weiter wachsen kann. Insofern sind und bleiben wir das größte Expresshub Europas. Zudem nutzen Fracht-Airlines wie AirBridgeCargo, Volga-Dnepr und Antonov Airlines sowie asiatische Carrier regelmäßig Leipzig/Halle für Linien- und Frachtcharterflüge. Von daher sind wir sehr optimistisch, dass wir weiterhin in der Champions League spielen und unsere Position weiter ausbauen können.

Wie geht es weiter mit der Entwicklung am Flughafen Leipzig/Halle?

KoppHier wollen wir unsere Rolle als Einfallstor für die chinesischen und asiatischen Carrier in Europa weiter ausbauen. Aus chinesischer Sicht sind wir geographisch an einer sehr interessanten Schnittstelle, denn Leipzig/Halle bietet sich geradezu an, dass polnische, tschechische und andere osteuropäische Unternehmen ihre Produkte und Waren hier konsolidieren. Zugleich sind wir aus asiatischer Sicht das Tor zu den bevölkerungsreichen Märkten in Westeuropa. Einer der großen Treiber von Luftfracht ist zum Beispiel immer die Markteinführung neuer Smartphone-Modelle, wenn die Kapazität aus China nach Westeuropa auf Monate im Voraus ausgebucht ist. In solchen Momenten können wir unsere gesamte Stärke ausspielen! Seit mehreren Jahren beobachten wir zudem in der Modeindustrie einen Wandel: Während früher per Schiff transportiert wurde, wechseln mehr und mehr Unternehmen aufgrund der immer kürzeren Zyklen in der Bekleidungsbranche auf die Luftfracht, um näher und schneller am Kunden zu sein.

Was ist das langfristige Ziel für Leipzig/Halle?

KoppLeipzig/Halle verfügt neben der Anbindung an das transeuropäische Autobahnnetz auch über einen Luftfrachtumschlagbahnhof, der Luftverkehr, Schiene und Straße kombinieren kann, um über möglichst reibungslose Anbindung Zeit zu sparen, was sowohl aus ökonomischer wie auch ökologischer Sicht zielführend und innovativ ist. Für uns geht es jetzt darum, unseren derzeitigen Wettbewerbsvorteil zu halten und auszubauen. Es gibt wohl kein moderneres Luftfrachtzentrum in Europa, das bestehenden und potentiellen Kunden langfristig eine vergleichbare Planungs- und Investitionssicherheit bietet wie Leipzig/Halle.

Welche Rolle spielt Infrastruktur heutzutage und welche Probleme sehen Sie hier in Deutschland?

KoppLeider wird die Bedeutung von Infrastruktur in Deutschland, als eine der führenden Exportnationen, heute häufig verkannt, was für künftige Generationen ein Problem werden könnte. In vielen Bereichen sind in Deutschland derzeit keine Großprojekte mehr durchsetzbar. Ein Blick in Richtung Asien zeigt jedoch, was möglich ist. So investiert die chinesische Regierung im eigenen Land in einem beeindruckenden Maß in Infrastruktur, um an der weltweiten Verteilung der Wertschöpfungsketten teilzunehmen und sich für die Zukunft zu rüsten – und dies, wie wir alle wissen, mit großem Erfolg. Aber man muss gar nicht so weit nach Osten blicken. Schauen Sie nach Südosteuropa, an die Grenze zu Vorderasien. In der Türkei spielt die Infrastruktur gepaart mit dem Luftverkehr eine strategische Rolle bei der Entwicklung des Landes zu einem globalen Player. Ich bin sicher, dass wir von der dortigen Entwicklung in den kommenden Jahren noch viel hören werden. Wenn wir nicht aufpassen, geschieht das zu Lasten unserer wirtschaftlichen Stärke.

Zur Person

...ist seit Januar 2007 Alleinvorstand der Mitteldeutschen Flughafen AG, Aufsichtsratvorsitzender des Flughafens Dresden, Gesellschaftervertreter der PortGround und seit September 2013 zudem Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Leipzig/Halle GmbH. Kopp war bereits seit Mai 2006 als Mitglied des Vorstands der Unternehmensgruppe tätig. Vor seinem Eintritt in die Flughafen-Holding leitete Kopp seit 2000 das Zentralbüro des Lufthansa Vorstands Aviation Services & Human Ressources. Kopp studierte Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt.

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