Coworking: Teile und arbeite

Der Trend zum Teilen macht auch vor der Arbeitswelt nicht Halt. Seit einigen Jahren bieten Coworking Spaces in verschiedensten Städten Europas Kreativschaffenden und Wissensarbeitern offene Arbeitsräume und damit eine Plattform für Vernetzung und Interaktion. Doch auch eine wachsende Zahl an Unternehmen erkennt die Potenziale für sich und nutzt Coworking zur Innovationsförderung.

Die Coworking-Bewegung hat einen Nerv getroffen und sich längst von ihrem Nischendasein verabschiedet.

Als Freiberufler, Selbstständiger oder Kreativer ist man nur bedingt auf einen festen Arbeitsplatz angewiesen, denn Ideen sprudeln an vielen Orten – Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Entstanden ist diese wachsende Gruppe „digitaler Nomaden“ durch den Trend zu Outsourcing und Offshoring von Geschäftsprozessen wie IT-Dienstleistungen oder Marketing. Immerhin erwirtschaftet diese Gruppe mittlerweile rund 10 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts – Tendenz steigend. Sie war es dann auch, die einer neuen Idee den Boden bereitete – dem sogenannten „Coworking“. Die Idee dahinter: Man mietet einen Arbeitsplatz in einem Großraumbüro an, statt zu Hause alleine im eigenen Saft zu schmoren. Die neue Form des Arbeitens bietet neben guter Infrastruktur auch Platz für Kommunikation, Ideenaustausch und Akquise. Kein Wunder, dass eine wachsende Zahl an Freiberuflern Coworking Spaces nutzt – rund 200.000 sind es laut des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) mittlerweile weltweit, 11.000 alleine in Deutschland.

Neue Ideen durch soziale Kontakte

Coworking ist also mehr als nur geteilte Infrastruktur. Weitaus wichtiger ist der soziale und vor allem kreative Austausch, der innovative Ideen fördert und nicht selten in neuen Geschäftsmodellen und Startup-Gründungen mündet: „Kreativität spielt in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft eine immer wichtigere Rolle, was sich auch zusehends in der Gestaltung des Arbeitsumfelds abbildet“, sagt Kai-Uwe Lompa, Geschäftsführer bei aib Architekten in Duisburg. „Coworking Spaces schaffen diesen kreativen Freiraum.“ Um möglichst vielen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen den Zugang zu einem Coworking Space zu ermöglichen, sind sie zum einen billiger als herkömmliche Büromietservices wie Regus, zum anderen können sie besonders flexibel angemietet werden: Buchungen sind monats-, wochen-, tage- und vereinzelt sogar stundenweise möglich.

Kommunikationszonen als Herzstück

Damit der gegenseitige Austausch nicht dem Zufall überlassen bleibt, setzen die meisten dieser Spaces architektonisch wie organisatorisch auf Vernetzung. Kommunikationsräume wie Teeküchen oder Lounges gehören zu den Herzstücken der Büros und werden möglichst in die Verkehrszonen eingebaut – beispielsweise in die Nähe des Treppenhauses – um eine ständige Fluktuation zu erreichen. Zusätzlich wird die Bildung einer „Community“ durch regelmäßige Veranstaltungen, Workshops oder andere Aktivitäten unterstützt. Auch Düsseldorfs erster Coworking Space, die GarageBilk, fördert den Austausch zwischen seinen Mietern: „Für uns stand von Anfang an das Prinzip der hohen „Durchmischung“ im Vordergrund, die für Innovation unabdingbar ist“, beschreibt Yvonne Firdaus, Geschäftsführerin der GarageBilk, ihr Konzept. „Deshalb bieten wir nicht nur Freiberuflern oder Selbstständigen einen Raum, sondern auch Angestellten sowie mittelständischen und großen Unternehmen.“ Monatliche Coworker-Frühstücke oder offene Veranstaltungen stärken das Gemeinschaftsgefühl, in Workshops geben Coworker ihr Wissen weiter, stellen ihre Projekte im Forum vor oder schildern ihre Probleme bei der Unternehmensgründung. In der GarageBilk wird großzügig geteilt – Datenschutzbedenken Fehlanzeige.

Von Wien in die weite Welt

Und die neue Idee kommt nicht – wie heute oft  üblich – aus den USA, wie Klaus-Peter Stiefel vom Fraunhofer IAO in Stuttgart berichtet: „Gemeinhin wird angenommen, dass das Coworking-Prinzip aus den USA stammt. Tatsächlich haben wir in unserer Studie „Faszination Coworking“ aber herausgefunden, dass die Idee dazu an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden ist.“ So wurde mit der Schraubenfabrik in Wien bereits 2002 ein Vorläufer der heutigen Spaces gegründet. 2006 schwappte der Trend dann nach Deutschland. Ungefähr zeitgleich formulierte der Citizen Space, ein Coworking Space in San Francisco, fünf Grundwerte des Coworking, die dann relativ schnell von den meisten anderen Spaces übernommen wurden. Zusammenarbeit und Kooperation, Gemeinschaft, Offenheit, Nachhaltigkeit und ein leichter Zugang zählen seither zu den Grundprämissen des Coworking: „Trotz dieses verbindenden Elements ist die Vielfalt enorm, beispielsweise hinsichtlich der Organisationsform, und reicht von vernetzten Ketten bis hin zu alleinstehenden, kleinen Einzelbetrieben“, so Stiefel.

Geschäftlich noch kein Selbstläufer

Die Coworking-Bewegung hat einen Nerv getroffen und sich längst von ihrem Nischendasein verabschiedet. Die durchgängig hohen Wachstumsraten von rund 80 Prozent bis 2013 sprechen eine deutliche Sprache. Spitzenreiter sind mit ca. 800 Spaces die USA, aber auch in den europäischen Metropolen schießen Coworking Spaces wie Pilze aus dem Boden. In Deutschland ist die Startup-Metropole Berlin ein wichtiger Motor für die Entwicklung und beherbergt fast ein Drittel der über 246 deutschen Spaces. Dennoch kann das Thema noch nicht als Selbstläufer betrachtet werden, denn nicht jeder Coworking Space ist dauerhaft ein wirtschaftlicher Erfolg. Im Gegenteil: Etwa jeder dritte Space arbeitet heute nicht profitabel. „Coworking ist kein besonders valides Geschäftsmodell und auf die Unterstützung und Mitarbeit vieler angewiesen“, beschreibt Yvonne Firdaus die Herausforderungen. „Unsere niedrigschwelligen Angebote bedeuten für uns eine gewisse finanzielle Einschränkung. Deshalb ist es wichtig, Querfinanzierungen zu schaffen, indem wir beispielsweise unsere Event- und Kreativräume entsprechend vermarkten. Nur so können wir uns Coworking überhaupt leisten.“ Aufgrund der Finanzierungsproblematik findet man Coworking Spaces auch selten in Neubauten, sie werden vielmehr in Bestandsgebäuden realisiert. Vielen Banken ist das Risiko schlichtweg zu hoch.

Wirtschaftsförderung „von unten“

Handfeste wirtschaftliche Vorteile bringen die Spaces somit eher den Mietern als den Betreibern, davon aber dann auch nicht zu knapp. Laut einer Umfrage des Online-Fachmagazins Deskmag unter Coworkern konnten 88 Prozent der Nutzer auf diese Weise ihr geschäftliches Netzwerk vergrößern, 32 Prozent steigerten sogar ihr Einkommen – durch mehr Kommunikation, mehr Kontakte und mehr Kunden. Dass „Wirtschaftsförderung von unten“ in Coworking Spaces an der Tagesordnung ist, bestätigt auch Stiefel: „Idealtypisch treffen Freiberufler aufeinander, schließen sich zuerst im Rahmen von Projekten zusammen, entwickeln daraus dann gemeinsame Ideen, mit denen sie nicht selten in eine Firmengründung übergehen.“

Coworking als langfristiger Trend

Eine Eigendynamik, die auch immer mehr Unternehmen für sich entdecken. Denn Coworking wird zusehends als kostengünstige und effiziente Möglichkeit betrachtet, Kreativität und damit Innovationsfähigkeit zu fördern. So sind Schnittstellen zwischen Unternehmenswelt und Coworking heute keine Seltenheit mehr. Viele Firmen nutzen die kreative Arbeitsumgebung der Spaces unter anderem für Offsite-Meetings oder Workshops. E.ON führt in der GarageBilk beispielsweise schon zum zweiten Mal ein internes Innovationsprogramm namens E.ON:agile durch: „Der Workshop läuft nach dem sogenannten Hackathon-Prinzip ab – einem Format, das sich in der Startup-Szene bewährt hat“, erklärt Firdaus. „Auf diese Weise sollen aktive Zusammenarbeit mit existierenden Startups gefördert und gemeinsame Ideen generiert werden.“ Andere mieten bewusst Arbeitsplätze für die eigenen Mitarbeiter in Coworking Spaces an oder eröffnen selbst Coworking-ähnliche Spaces wie beispielsweise die TUI Deutschland GmbH mit ihrem Modul57 – einem Open Work Space in Hannover, der sich an all jene richtet, die Projekte durchführen.

Von Sättigung weit entfernt

Der Arbeitsmarkt verändert die Nachfrage nach neuen Büros nachhaltig. Vor diesem Hintergrund ist der Coworking-Markt allen Unkenrufen über eine vermeintliche „Coworking-Blase“ zum Trotz von einer Sättigung weit entfernt. „Coworking ist auf jeden Fall ein langfristiger Trend. Es wird sich sicherlich weiter verändern, vor allem wird es sich professionalisieren“, ist sich Stiefel sicher. Die Spaces entwickeln sich dabei ähnlich flexibel weiter wie ihre Klientel selbst: „Coworking funktioniert nach dem Konzept der learning organization“, so Firdaus. „Wir sind extrem agil und passen uns permanent an veränderte Nutzeranforderungen an.“ Die Potenziale an Ideen, Kunden und Kooperationen von Coworking Spaces sind daher noch lange nicht ausgereizt.

„Ein Coworking Space ist auf Kommunikation und Austausch angelegt“

Ein Interview mit Klaus-Peter Stiefel vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart über die Faszination Coworking.

Herr Stiefel – was versteht man genau unter Coworking? Wie funktioniert das Coworking Prinzip?

StiefelAus Sicht des Coworkers – in der Regel sind das Wissensarbeiter aus den verschiedensten Branchen – ist es grundlegend, dass ein Gefühl der Zusammengehörigkeit existiert, obwohl alle unabhängig voneinander arbeiten. Ein Coworking Space schafft eine Umgebung, in der eine solche Gemeinschaft entstehen kann.

Wo ist die Idee für Coworking Spaces entstanden?

StiefelGemeinhin wird angenommen, dass das Coworking Prinzip aus den USA stammt. Tatsächlich haben wir in unserer Studie „Faszination Coworking“ aber herausgefunden, dass die Idee dazu an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden ist. Einer der ersten Coworking Spaces war die so genannte Schraubenfabrik in Wien, die 2002 eröffnete und nach einem ähnlichen Prinzip funktionierte wie die heutigen Spaces, aber noch nicht offiziell so genannt wurde. Ab 2006 hat sich die Idee dann in Deutschland konkretisiert – so wurden zu dieser Zeit auch spezifische Grundwerte des Coworking formuliert.

In der Coworking Szene wird nicht nur quantitativ, sondern vor allem auch qualitativ noch viel passieren.

Viele Coworking Spaces eröffneten in Krisenzeiten. Sind Coworking Spaces ein Produkt der Krise?

StiefelDas würde ich so nicht unterschreiben. Zwar hat die Krise das Wachstum zusätzlich angekurbelt, dennoch sind bereits vorher und auch danach zahlreiche Coworking Spaces entstanden – bis 2013 lag die jährliche Wachstumsrate bei rund 80 Prozent. Diese Entwicklung hängt vielmehr mit dem Trend zum Outsourcing und Offshoring von zum Beispiel IT-Dienstleistungen zusammen. Die zahlreichen, oftmals hochqualifizierten Freiberufler, die sich seither auf dem Markt tummeln, haben letztlich die Nachfrage für diese neue Idee geschaffen.

Geht es beim Coworking darum, Kosten einzusparen, oder steht der soziale Aspekt im Vordergrund?

StiefelWir haben dazu im Rahmen unserer Studie viele Interviews geführt. Ein Großteil der befragten Freiberufler oder Startup-Gründer hat angegeben, dass es ihnen sicherlich auch darum geht, die Kosten niedrig zu halten – gerade in der Anfangszeit. Gleichzeitig wollen sie aber die Vorzüge einer Gemeinschaft, den fachlichen Austausch. Sie erkennen sehr schnell nicht nur das soziale, sondern auch das ökonomische Potenzial, das in einem Coworking Space steckt und sich in gemeinsamen Projekten, neuen Auftraggebern und ähnlichem niederschlägt.

In welchen Städten haben sich in den letzten Jahren besonders viele dieser Spaces entwickelt? Ist dies mit dem Ausland vergleichbar?

StiefelIm internationalen Vergleich liegt Deutschland im guten Mittelfeld. Allerdings konzentriert sich die Entwicklung bei uns auf bestimmte Städte – allen voran Berlin, Köln, Hamburg, aber auch München, wo Coworking Spaces zum Teil gefördert werden. Das liegt zum einen an der Anzahl der Freiberufler in den jeweiligen Städten, zum anderen sind aber auch Aspekte wie die Immobilienpreise ausschlaggebend. So hat sich beispielsweise im teuren Stuttgart bisher nur ein Coworking Space angesiedelt.

Coworking Spaces werden oft als „Wirtschaftsförderung von unten“ bezeichnet, weil sie als Plattform für Startups dienen sollen. Wie sehen Sie das?

StiefelIn der Form, dass sich in Coworking Spaces Innovationen und Startup-Gründungen herausbilden, findet „Wirtschaftsförderung von unten“ sogar fast alltäglich in Coworking Spaces statt. Idealtypisch treffen Freiberufler aufeinander, schließen sich zuerst im Rahmen von Projekten zusammen, entwickeln daraus gemeinsame Ideen, mit denen sie nicht selten in eine Firmengründung übergehen.

Sind Coworking Spaces auch für Unternehmen eine Option oder nur für Einzelarbeiter? Von wem werden sie in der Regel genutzt?

StiefelCoworking Spaces sind im Allgemeinen die Domäne von Freiberuflern, Selbstständigen und kleineren Startups, die früher von zu Hause gearbeitet haben und sich jetzt in den Spaces mit Gleichgesinnten fachlich, aber auch hinsichtlich neuer Projekte und Auftraggeber austauschen. Je größer die Startups werden, umso weniger brauchen sie die Kontakte und die Expertise der anderen Coworker und suchen sich irgendwann eigene Büroräume. Das liegt im gegenseitigen Interesse, denn ein Coworking Space ist auf Kommunikation und Austausch angelegt. Aktuell testen aber auch die ersten Unternehmen, wie sie die Potenziale von Coworking Spaces für sich nutzen können. Denn Kreativität und damit Innovationsfähigkeit zu fördern, ist für Unternehmen heute zentraler denn je, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Gleichzeitig müssen sie immer die Kosten im Blick behalten. Coworking ist sozusagen eine kostengünstige Möglichkeit, Kreativität zu fördern. Deshalb bieten mittlerweile einige Unternehmen ihren Mitarbeitern an, neben klassischem Homeoffice in Coworking Spaces zu arbeiten.

Was versprechen sich Unternehmen davon? Welche Vorteile bringt es?

StiefelEs gibt unterschiedliche Formen, von einem Coworking Space zu profitieren. Wenn Unternehmen Mitarbeitern die Möglichkeit geben, in einem Coworking Space zu arbeiten, geht es zunächst einmal darum, neuen Input in das Unternehmen zu tragen durch den Austausch mit anderen Leuten, die vielleicht sogar ein ähnliches Know-how haben. Unternehmen bewegen sich dadurch näher am Puls der Zeit, denn sie erhalten Informationen darüber, was in der Welt außerhalb des eigenen Unternehmens passiert. Gleichzeitig erhöhen sie auch ihre Attraktivität als Arbeitgeber, wenn sie flexible Arbeitsmodelle anbieten, die über die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, hinausgehen.

Funktionieren alle Coworking Spaces nach dem gleichen Prinzip? Welche verschiedenen Angebote oder Formen gibt es?

StiefelIm Grunde schreiben sich alle Coworking Spaces fünf Grundwerte auf die Fahnen: Zusammenarbeit & Kooperation, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und leichter Zugang. Das ist sicherlich ein verbindendes Element. Die Vielfalt ist dennoch enorm, beispielsweise hinsichtlich der Organisationsform, und reicht von vernetzten Ketten bis hin zu alleinstehenden kleinen Einzelbetrieben.

Sind Coworking Spaces eine Modeerscheinung oder ein langfristiger Trend? Wie schätzen Sie die Zukunft des Coworking ein?

StiefelCoworking ist auf jeden Fall ein langfristiger Trend. Es wird sich sicherlich weiter verändern, vor allem wird es sich professionalisieren. So hat sich bereits auf der Europäischen Coworking Konferenz 2013 gezeigt, dass in der Coworking Szene nicht nur quantitativ, sondern vor allem auch qualitativ viel passiert. Indes interessieren sich zusehends Unternehmen für das Phänomen Coworking. Das gibt zusätzlichen Auftrieb.

Zur Person

Klaus-Peter Stiefel

...ist technisch orientierter Diplomkaufmann und arbeitet seit 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IAO in Stuttgart. Im Rahmen des Verbundforschungsprojektes Office 21® beschäftigt er sich seit 2012 intensiv mit Coworking, Coworking Spaces und den Potenzialen, die sich daraus für Unternehmen und deren Mitarbeiter ergeben. In der kommenden Forschungsphase werden die bisherigen Erkenntnisse empirisch überprüft und weitere Potenziale des Coworking für Unternehmen ermittelt.

„Innovation braucht Durchmischung“

Ein Interview mit Yvonne Firdaus, Geschäftsführerin des Coworking Space GarageBilk in Düsseldorf.

Frau Firdaus, Sie haben mit der GarageBilk den ersten Coworking Space in Düsseldorf gegründet. Wann ist die Idee dazu entstanden und vor welchem Hintergrund?

FirdausWir haben die GarageBilk im November 2010 gegründet. Ursprünglich waren wir ein achtköpfiges Gründerteam mit der Intention, einen Ort zu schaffen, an dem Gründer, Mittelständler und Freiberufler gemeinsam arbeiten und sich austauschen können. Ein solches Konzept gab es in Düsseldorf damals noch gar nicht. Für uns stand dabei von Anfang an das Prinzip der hohen „Durchmischung“ im Vordergrund – das heißt, wir wollten nicht nur Freiberuflern oder Selbstständigen einen Raum bieten, sondern auch Angestellten, mittelständischen oder großen Unternehmen.

Welches Konzept steckt hinter der GarageBilk? Welche Angebote haben Sie?

FirdausNeben der hohen Durchmischung gehören Zugang und Nachhaltigkeit, im Sinne eines klaren „Nein“ zu Exklusivität, zu unseren wichtigsten Kernwerten. Vor diesem Hintergrund führen wir regelmäßig Veranstaltungen durch wie beispielsweise ein monatliches Coworking Frühstück, um Leute gezielt miteinander zu vernetzen. Wir bewerben aber auch externe Veranstaltungen, die gut zum Coworking passen. Typisch für Coworking ist, Dinge etwas anders anzugehen. So veranstalten wir beispielsweise im November zum vierten Mal eine Nacht, in der wir junge Unternehmer zusammenbringen, die darüber berichten, wie bzw. warum ihr Geschäftsmodell gescheitert ist und was sie für die Zukunft daraus lernen können.

Wer sich für einen Coworking Space entscheidet, sucht Kontakte, Austausch, Möglichkeiten für neue Projekte oder einfach nur die Trennung von Privatem und Beruflichem.

Wer nutzt einen Coworking Space? Ist das nur etwas für Kreative und Freiberufler?

FirdausDie meisten Freiberufler kommen tatsächlich aus der Kreativwirtschaft. Aber es gibt auch Anwälte, Architekten oder Sozialwissenschaftler – eine ganz bunte Mischung. Wir haben auch einige Angestellte, die beispielsweise den Kontakt zur Gründerszene suchen, um sich über eigene Pläne zur Selbstständigkeit auszutauschen. Zudem werden unsere Event- und Kreativräume regelmäßig von Firmen gemietet. E.ON führt beispielsweise nun zum zweiten Mal ein internes Innovationsprogramm namens E.ON:agile nach dem sogenannten Hackathon-Prinzip durch – einem Format, das sich in der Startup-Szene bewährt hat. Auf diese Weise soll die aktive Zusammenarbeit mit existierenden Startups gefördert und sollen gemeinsame Ideen generiert werden.

Gründer machen dies oft aus Kostengründen – wie steht es um die sozialen Aspekte?

FirdausIn der Regel steht der soziale Austausch im Vordergrund. Kostenfaktoren sind eher nebensächlich, denn im Grunde ist Homeoffice immer noch die günstigste Variante. Wer sich für einen Coworking Space entscheidet, sucht Kontakte, Austausch, Möglichkeiten für neue Projekte oder einfach nur die Trennung von Privatem und Beruflichem.

Wie ist das Verhältnis zwischen Dauernutzern und „Flexnutzern“ in der GarageBilk? Wie bringen Sie deren unterschiedliche Bedürfnisse zusammen?

FirdausWir haben flexible Nutzer und Dauernutzer gleichermaßen. Da lässt sich für mich eigentlich kein großer Unterschied erkennen. Seit einem Jahr vergeben wir auch Stundentickets. Das sind dann natürlich eher Springer, bei denen sich Kontakte nicht so schnell verwurzeln. Ein paar der Dauernutzer haben einen festen Platz, die meisten arbeiten aber sehr mobil und lassen sich darauf ein, ihren Platz immer zu wechseln. Es gibt bei uns keine fest zugeteilten Arbeitsplätze. Wir haben zwei offene Arbeitsbereiche: einen etwas ruhigeren für konzentriertes Arbeiten und einen, in dem viel geredet und telefoniert wird.

Wie reagieren Sie auf veränderte Anforderungen?

FirdausUnser ganzes Coworking Konzept funktioniert nach dem Prinzip der learning organization. Wir sind extrem agil und passen uns permanent an veränderte Nutzeranforderungen an. Wir haben von vornherein wenig feste Regeln aufgestellt. Angesichts der vielen unterschiedlichen Bedürfnisse ist das auch gar nicht möglich. So haben wir unser Geschäftsmodell dreimal umgestrickt und auch unser Preismodell mehrfach überarbeitet.

Wo sehen Sie als Betreiber die größten Herausforderungen?

FirdausCoworking ist kein besonders valides Geschäftsmodell. Ein Coworking Space ist auf die Unterstützung und Mitarbeit vieler angewiesen. Wir wollen Zugang für alle schaffen, deshalb sind die Preise für einen Arbeitsplatz sehr niedrig angesetzt. Das gilt für Freiberufler, Selbstständige und Unternehmen gleichermaßen – wir machen da keine Unterschiede. Im Umkehrschluss bedeutet das für uns eine gewisse finanzielle Einschränkung. Deshalb ist es wichtig, Querfinanzierungen zu schaffen, indem wir beispielsweise unsere Event- und Kreativräume entsprechend vermarkten. Nur so können wir uns Coworking überhaupt leisten.

Was sind die primären Vorteile geteilter Arbeitsplätze? Welche Nachteile sehen Sie?

FirdausEs gibt zahlreiche Vorteile wie bessere Zusammenarbeit, Input, Weiterentwicklung, Unterstützung durch andere Coworker – aber auch die Möglichkeit, neue Aufträge zu akquirieren. Wir bieten zudem regelmäßig offene Veranstaltungen an, um Coworker gezielt mit Nicht-Coworkern zu vernetzen. Ein Nachteil ist vielleicht, dass Coworking sicherlich nicht für jeden geeignet ist und klassische Berufe wie Verkäufer oder ähnliches ausschließt.

Zur Person

Yvonne Firdaus

...gründete 2010 den ersten Coworking Space in Düsseldorf und 2012 das erste Düsseldorfer FabLab.  Ab 1993 arbeitet sie in Indonesien als Entrepreneur und Change Agent. Firdaus arbeitete u.a. als Projektmanagerin in einem britischen Modeunternehmen sowie einem EU-Asia Projekt. 2005 studierte sie Nachhaltige Entwicklung am Imperial College in London. Firdaus machte eine Ausbildung zur Industriekauffrau und studierte Diplom Sozialpädagogik.

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