Länderfokus Holland: Mehr als Tulpen und Tomaten

Das Klischee vom Agrarstaat Niederlande hält sich hartnäckig. Dabei ist das Land auch ein exzellenter Hightech-Standort und Zulieferer der deutschen Automobilindustrie. Dennoch kennen nur die wenigsten in Deutschland Oranjes Unternehmen oder Marken genauer.

Typisch niederländische Traditionen, Veränderungen und Hightech müssen nicht in Widerspruch stehen.

Statussymbol Kinderwagen

Heidi Klum besitzt einen, aber auch Schauspieler wie Matt Damon, Naomi Watts und Gwyneth Paltrow kutschieren ihren Nachwuchs mit dem edlen Gefährt durch die Straßen Hollywoods. Die Rede ist vom Bugaboo, der „S-Klasse“ unter den Kinderwagen. Binnen weniger Jahre mutierte der Design-Flitzer aus den Niederlanden zum hippen Statussymbol stolzer Eltern weltweit. Rund 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr erzielt das gleichnamige Unternehmen mittlerweile damit. Im Auto werden die lieben Kleinen ebenfalls gerne in einem Produkt aus unserem Nachbarland transportiert, dem Baby- und Kindersitz Maxi-Cosi, der als Maßstab in Sachen Sicherheit gilt. Die Liste von kleinen, aber feinen Unternehmen aus den Niederlanden ließe sich noch beliebig fortsetzen.

Handel und Dienstleistungen bestimmen das Bild

„Die Niederlande werden als eine Volkswirtschaft wahrgenommen, die wesentlich von Handel und Dienstleistungen geprägt ist“, lautet dazu auch die Meinung von Günter Gülker. „Dieses Bild stimmt jedoch nicht ganz mit der Realität überein, denn es gibt eine überaus starke industrielle Basis, die sich nur unwesentlich von der in Deutschland unterscheidet und weitaus mehr zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt als beispielsweise in Großbritannien oder Frankreich“, so der Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK) in Den Haag. Und diese soll weiter ausgebaut werden, denn längst haben die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft erkannt, dass Staaten mit einer gesunden und diversifizierten Industrie wie Deutschland deutlich besser die konjunkturellen Turbulenzen in der Weltwirtschaft überstehen als andere.

Holland vor der Reindustrialisierung

Daher befinden sich die Niederlande in einer Art wirtschaftlichem Restrukturierungsprozess. „Die Industrie erlebt in der öffentlichen Wahrnehmung gerade ein Comeback - und das nicht nur wegen des großen Auftritts als Partnerland auf der diesjährigen HannoverMesse“, glaubt auch Marte-Marie Diewitz. „Die Bedeutung des produzierenden Gewerbes und die Wichtigkeit von Innovationen nehmen eindeutig zu“, so die Den Haager Repräsentantin von Germany Trade & Invest (GTAI), der Gesellschaft der Bundesrepublik für Außenwirtschaft und Standortmarketing. „Deutschland als wichtigster Handels- und Industriepartner nimmt in diesem Kontext eine Schlüsselstellung ein. Hier ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft.“

Weltmarktführer in der Nische

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Mittelstand. „Die niederländische Fertigungsindustrie beherbergt viele innovative sowie hochspezialisierte kleine und mittlere Unternehmen, die zu den Weltmarktführern in ihren ganz speziellen Nischen gehören“, beschreibt Diewitz die Szene. Exemplarisch für diese „Hidden Champions“ ist der in Maassluis bei Rotterdam ansässige Landmaschinenhersteller Lely, der auch drei Werke in Deutschland betreibt. Mit einem Jahresumsatz von rund einer halben Milliarde Euro ist er weltweit die Nummer eins in Sachen Melkrobotern. „Insbesondere in Bereichen oder Nischen, in denen die Niederländer über Jahrhunderte hinweg einzigartiges Know-how sammeln konnten, finden sich solche Weltmarktführer, beispielsweise in der Agrartechnik oder im Wasserbau“, weiß auch DNHK-Mann Gülker zu berichten. Weitere prominente Beispiele dafür sind der Pumpenhersteller Verder in Vleuten, das Software zur Klimaregulierung in Gewächshäusern entwickelnde Unternehmen Priva in De Lier oder der Offshore-Anlagenbauer Huisman aus Schiedam.

Automobilzulieferer deutscher Hersteller

Aber auch in Hightech-Bereichen, in denen man das eher nicht vermuten würde, spielen die Niederländer die erste Geige. So ist ASML aus Veldhoven der weltweit größte Chipindustrieausrüster, 80 Prozent aller Halbleiterhersteller sind Kunden der Niederländer. Und mancher Liebhaber deutscher Fahrzeuge wäre wohl überrascht zu hören, dass rund ein Fünftel der in seinem Audi, BMW oder Volkswagen verbauten Komponenten aus den Niederlanden stammt. „Natürlich kann das kaum jemand wissen, schließlich ist auf einem in den Niederlanden produzierten Glasschiebedach nicht „Made in the Netherlands“ zu lesen“, merkt Gülker an. „Aber in den vergangenen Jahrzehnten ist hier eine Zulieferindustrie entstanden, die wohl ihresgleichen sucht.“

Kreativ, strukturiert und global

Auf allen Weltmärkten zeigt die niederländische Industrie Flagge. Mit 84 Prozent schlagen die Ausfuhren beim Zustandekommen des Bruttoinlandsprodukts zu Buche – kaum ein anderes Land ist internationaler aufgestellt. Zum Vergleich: Selbst beim Exportweltmeister Deutschland sind es nur 40 Prozent. Doch diese hohe Abhängigkeit vom Außenhandel ist zugleich auch eine der Achillesfersen der Niederlande. Läuft die Weltwirtschaft mal nicht ganz so rund, bekommen sie es sofort stärker als andere zu spüren. Denn der niederländische Binnenmarkt mit seinen knapp 17 Millionen Menschen ist verhältnismäßig klein.

Hausgemachte Probleme

Zudem schwächelte die Konsumlaune der Niederländer aufgrund sprichwörtlich hausgemachter Schwierigkeiten ganz gewaltig. Schuld daran ist eine Immobilienblase. Zwischen Amsterdam, Groningen und Maastricht sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Häuserpreise geradezu explodiert, weil viele Niederländer aufgrund billiger Kredite Wohnungen und Häuser auf Pump kauften, um sie wenige Jahre später wieder mit Gewinn zu veräußern. Mit der Krise funktionierte dieses System nicht mehr und viele Niederländer mussten befürchten, ihre Hypotheken nicht mehr bedienen zu können. Denn über ein Zehntel aller Immobilienbesitzer musste nun einen Kredit abzahlen, der den Wert ihres Eigenheims bei weitem überstieg.

Export als Konjunkturstütze

Nicht nur Privatleute hielten sich beim Shoppen zurück, auch viele Unternehmer, die ebenfalls Immobilien auf Kredit erworben hatten, drosselten ihre Ausgaben für die Anschaffung neuer Maschinen oder zur Erweiterung ihres Betriebs. Während die meisten EU-Staaten 2012 und 2013 positive Zahlen melden konnten, gab das Bruttoinlandsprodukt der Niederlande um 1,2 Prozent und 0,8 Prozent nach. Der DNHK-Experte: „Es ist vor allem dem Export zu verdanken, dass diese Minuswerte nicht noch drastischer ausgefallen waren.“ GTAI-Vertreterin Diewitz bestätigt dies. „Der Außenhandel war in dieser Zeit die zuverlässige Konjunkturstütze. Gebremst wurde die Wirtschaft vor allem durch die schwache Inlandsnachfrage. Diese kommt langsam wieder in Schwung.“

Bleibender Reformbedarf

Dennoch gibt es viel zu tun. So fallen die Sozialleistungen in den Niederlanden im europäischen Vergleich äußerst üppig aus. Das Arbeitslosengeld wird bis zu 38 Monate gezahlt und beträgt rund 70 Prozent des letzten Gehalts. Damit wird auch die Kehrseite des viel gerühmten Poldermodells, des Konsenses zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und anderen relevanten gesellschaftlichen Gruppen, deutlich, das noch aus besseren Zeiten stammt und zahlreiche Wohltaten quasi einzementiert. Gleichzeitig blockiert der niederländische Hang zum Ausgleich und Kompromiss tiefgreifende wirtschaftliche Reformen, die das Land nach Meinung der Industrie dringend benötigt. Es sei „eine Minute vor Mitternacht“, schrieben bereits Ende Dezember 2011 die Chefs von Philips, Unilever, Shell, Akzo Nobel und DSM in einem Brandbrief an die Regierung und forderten sie zum Handeln auf.

Poldermodell in der Diskussion

Doch geschehen ist bis dato wenig. „Häufige Regierungsneubildungen und langwierige innenpolitische Abstimmungsprozesse gehören eindeutig zu den Schwächen des niederländischen Modells“, ist sich Diewitz sicher. Es gibt gewiss zahlreiche Gründe, das Poldermodell als Ursache vieler Probleme zu identifizieren und für den Reformstau vor allem auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich zu machen; andererseits erleichtert es die Umsetzung einmal getroffener Entscheidungen gewaltig. „Jüngstes Beispiel dafür ist die im vergangenen Jahr beschlossene Energiewende, die aufgrund dieser typisch niederländischen Vorgehensweise in Kooperation zwischen Industrie und Politik, aber auch mit den Gewerkschaften und NGOs zustande kam, und deshalb auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens basiert“, betont Gülker. Typisch niederländische Traditionen, Veränderungen und Hightech müssen also nicht in Widerspruch stehen. Kaum etwas symbolisiert das so deutlich wie das Projekt, das der Baukonzern Heijmans in Kooperation mit dem deutschen Chemie- und Konsumgüterhersteller Henkel gerade realisiert: Ein klassisches niederländisches Kanalhaus, zusammengesetzt aus Bauteilen, die ein revolutionärer 3D-Drucker „made in the Netherlands“ herstellt.

„Die Niederlande besitzen eine starke industrielle Basis“

Ein Interview mit Günter Gülker, Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK) in Den Haag.

Was sind Ihrer Einschätzung zufolge die ganz spezifischen Stärken und Schwächen der niederländischen Volkswirtschaft?

GülkerZu den Stärken der Niederlande gehören zweifelsohne ihre traditionelle Offenheit sowie ihre internationale Ausrichtung. Als einer der Knotenpunkte des Welthandels ist man quasi das Tor zu Europa. Doch aufgrund eines relativ kleinen Binnenmarkts sind die Niederlande überdurchschnittlich stark von den Auslandsmärkten abhängig und spüren daher konjunkturelle Turbulenzen in der Weltwirtschaft eher als viele andere. Das ist ihre ganz spezifische Schwäche.

Gibt es ähnlich wie in Deutschland das Phänomen der „Hidden Champions“?

GülkerDie Wirtschaft der Niederlande ist etwas anders strukturiert als in Deutschland. Der Mittelstand ist hierzulande nicht ganz so dominant, dennoch gibt es zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen, die international sehr erfolgreich aufgestellt sind. Insbesondere in Bereichen oder Nischen, in denen die Niederländer über Jahrhunderte hinweg einzigartiges Know-how sammeln konnten, finden sich solche Weltmarktführer, beispielsweise in der Agrartechnik oder im Wasserbau.

Typisch für die niederländische Industrie ist ihr hohes Maß an Flexibilität und das hervorragende Niveau der Ausbildung ihrer Mitarbeiter.
Günter Gülker

Wie eng sind Deutschland und die Niederlande wirtschaftlich miteinander verflochten?

GülkerDie wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind sehr intensiv. Beide Seiten profitieren davon. Was die wenigsten wissen, ist, dass zahlreiche in einem Audi, BMW oder Volkswagen verbaute Komponenten von niederländischen Zulieferern stammen. Die Niederländer bringen dabei ihre Fähigkeit ins Spiel, in großen Zusammenhängen denken zu können und gleichzeitig sehr kreativ zu sein. Davon profitieren die deutschen Partner sehr.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der vergangenen Jahre werden oftmals im Zusammenhang mit der überdurchschnittlich hohen Abhängigkeit der Niederlande von den Märkten der EU genannt. Teilen Sie diese Ansicht?

GülkerSowohl Deutschland als auch die Niederlande sind überdurchschnittlich stark von den europäischen Märkten abhängig. Die Schwierigkeiten der vergangenen Jahre stehen aber eher im Zusammenhang mit der schwachen Konsumlaune der Niederländer. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatte sich in den Niederlanden eine Immobilienblase gebildet, die zu platzen drohte. Die Preise für Häuser und Wohnungen begannen zu fallen und nicht wenige Niederländer hatten Angst, ihre Kredite nicht mehr bedienen zu können. Das bremste Binnenkonsum und Investitionsbereitschaft gewaltig aus.

Die Niederländer gelten als Volk des Konsenses, über Partei- und Verbandsgrenzen hinweg werden Lösungen und Kompromisse erarbeitet. Funktioniert dieses als Poldermodell in die Geschichte eingegangene System heute eigentlich noch?

GülkerJe nach Perspektive kann dieses Poldermodell von Vor- oder von Nachteil sein. Fakt ist aber, dass wichtige Vorhaben gemeinsam und ohne große Konflikte auf den Weg gebracht werden können. Jüngstes Beispiel dafür ist die im vergangenen Jahr beschlossene Energiewende, die aufgrund dieser typisch niederländischen Vorgehensweise in Kooperation zwischen Industrie und Politik, aber auch mit den Gewerkschaften und NGOs zustande kam und deshalb auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens basiert.

Inwieweit gewinnen die Niederlande als Produktionsstandort wieder an Gewicht?

GülkerDie Niederlande werden als eine Volkswirtschaft wahrgenommen, die wesentlich von Handel und Dienstleistungen geprägt ist. Dieses Bild stimmt jedoch nicht ganz mit der Realität überein, denn es gibt eine überaus starke industrielle Basis, die sich nur unwesentlich von Deutschland unterscheidet und weitaus mehr zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt als beispielsweise in Großbritannien oder Frankreich. Typisch für die niederländische Industrie ist ihr hohes Maß an Flexibilität und das hervorragende Niveau der Ausbildung ihrer Mitarbeiter, so dass es durchaus Sinn macht, in einem Hochlohnland wie den Niederlanden zu produzieren. Jüngstes Beispiel dafür ist die Entscheidung von BMW, in Born einen Standort für die Produktion des Minis aufzubauen.

Zur Person

Günter Gülker

...ist seit Juli 2013 Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK) mit Sitz in Den Haag. Zuvor war er neun Jahre lang stellvertretender Geschäftsführer der DNHK. In den vergangenen Jahren leitete er die Absatzberatung der Handelskammer und gilt als Experte für die Begleitung von Unternehmen beim Geschäftsaufbau im Nachbarland.

„Die niederländische Wirtschaft hat viel Innovationskraft“

Ein Interview mit Frank van Beuningen, stellvertretender Generalkonsul und Leiter der Wirtschaftsabteilung des Generalkonsulats der Niederlande in Düsseldorf.

Beim Thema „niederländische Wirtschaft“ denken die meisten an Landwirtschaft und Häfen. Doch die Wirtschaftskraft der Niederlande ist wesentlich vielseitiger. Wie kommt es, dass dies so wenig im Bewusstsein der Deutschen verankert ist?

Van BeuningenLandwirtschaft und auch Häfen sind in den Niederlanden in der Tat große Wirtschaftsfaktoren. So pflegen wir insbesondere mit Niedersachsen sehr enge Handelsbeziehungen im Bereich Agrarprodukte. Aber die niederländische Wirtschaft ist vielseitiger als viele denken. Daneben haben wir nämlich auch technologisch sehr hoch entwickelte Industriebetriebe. Ein Grund, weswegen die Niederlande im letzten Jahr auf der Hannover Messe als Partnerland auftraten. Die Messe war nicht nur von den Teilnehmerzahlen her ein voller Erfolg, sondern auch aufgrund der Produkte und Technologien, die die niederländischen Unternehmen dort vorgestellt haben. Es ist immer schwer, ein stereotypes Bild zu durchbrechen. Durch die HMI und andere Veranstaltungen versuchen wir, deutschen Unternehmen ein differenzierteres Bild der niederländischen Wirtschaft aufzuzeigen.

In welchen Branchen ist die niederländische Wirtschaft besonders stark?

Van BeuningenIn den Niederlanden gibt es viele Unternehmen, die als Zulieferer für deutsche Industriebetriebe fungieren – dabei handelt es sich in der Regel um hochtechnologische Teilprodukte wie beispielsweise für die Automobilindustrie. Wichtige Sektoren für die niederländische Wirtschaft sind darüber hinaus Hightech, Elektromobilität, Maschinenbau, Logistik und Energie.

Die mittleren und kleinen Unternehmen spielen in den Niederlanden wirtschaftlich eine wichtige Rolle und sind substantielle Arbeitgeber.
Frank van Beuningen

Welche Branchen werden besonders gefördert bzw. in welche Richtung plant die Regierung die Weiterentwicklung der niederländischen Wirtschaft?

Van BeunigenDie niederländische Wirtschaft steht 2014 besser da als noch vor einem Jahr. Dazu beigetragen haben sicherlich auch Förderprogramme von Regierung und Wirtschaftsministerium, die gezielt auf die innovativen Industrien ausgerichtet waren. Mit der Arbeitsgruppe „Task Force Innovation“ wird beispielsweise die Zusammenarbeit mit Nordrhein-Westfalen, das zudem das wichtigste Bundesland für den Export ist, im Bereich Innovation vorangetrieben. Dabei geht es um Wissenschaft und Forschung, aber auch um die wirtschaftliche Dimension, die für Unternehmer wichtig ist. Zudem gibt es in den Niederlanden klar definierte Spitzensektoren, in denen die Mittel für Forschung und Innovation kanalisiert werden. Diese Sektoren sind eng mit den wirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland verflochten, weil das Potenzial für eine deutsch-niederländische Zusammenarbeit im Hochtechnologiebereich einfach enorm hoch ist.

Welche Rolle spielt der Mittelstand in den Niederlanden? Ist er eine wichtige Kraft wie in Deutschland oder spielt er eher eine untergeordnete Rolle wie in Frankreich?

Van BeuningenIn dieser Hinsicht sind die Niederlande eher mit Deutschland vergleichbar, denn die mittleren und kleinen Unternehmen spielen wirtschaftlich eine wichtige Rolle und sind substantielle Arbeitgeber. Es gibt bei uns viele kleine Betriebe mit zwischen zehn und 20 Mitarbeitern. Diese Unternehmen haben ihre Startup-Phase bereits hinter sich und sind meist sehr innovativ. Darüber hinaus gibt es auch zahlreiche Kleinstbetriebe, also rein inhabergeführte Unternehmen, die aber aufgrund ihrer hohen Expertise wirtschaftlich sehr interessant sind. Für diese letzte Gruppe gibt es noch viel Exportpotential, auch nach Deutschland.

Der wirtschaftliche Erfolg des Landes fußt auch auf dem Poldermodell, Konsens ist schon seit dem Mittelalter ein wichtiges Thema. Woher kommt dies?

Van BeuningenDas hat tatsächlich etwas mit unserer Geschichte zu tun. Ein Großteil des Landes liegt unterhalb des Meeresspiegels. Im Kampf gegen das Wasser waren die Niederländer stets auf Zusammenarbeit angewiesen - daher auch die historische Tradition zum Konsens.

Welche Vorteile sehen Sie im Poldermodell mit seiner organisierten Form der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und unabhängigen, von der Regierung ernannten, Mitgliedern im Wirtschaftsrat?

Van BeuningenKonsens heißt in erster Linie Konfliktprävention. In den Niederlanden setzen sich Arbeitgeber und Gewerkschaften frühzeitig an einen Tisch und suchen nach einer gemeinsamen Lösung. Zudem werden neutrale Mediatoren zwischen den Konfliktparteien eingesetzt, die helfen, einen Kompromiss zu finden. Das hat sich in den letzten Jahren bewährt, auch wenn es sicherlich nicht immer gelingt.

Wo sehen Sie bzw. die Regierung derzeit Anpassungs- bzw. Veränderungsbedarf?

Van BeuningenGrundsätzlich steht die niederländische Wirtschaft sehr gut da und soll laut Prognosen 2015 weiter wachsen, während die Arbeitslosigkeit sinkt. Zudem hoffen wir, dass wir das Haushaltsdefizit innerhalb der EU-Kriterien halten können. Aber natürlich gibt es Möglichkeiten, sich zu verbessern. Wir versuchen daher, Startups stärker zu fördern, indem wir sie im Rahmen einer Art „Brutkastenmodell“ ein bis zwei Jahre unterstützen, damit sie ihre Expertise entwickeln können. Zudem fördern wir Zusammenschlüsse und Kooperationen von Unternehmen in den Spitzensektoren – „Bottom-up“, sozusagen – damit die bereits vorhandene Expertise weiter wachsen kann. Denn die Unternehmen sind im Verbund wesentlich schlagkräftiger. So versuchen wir beispielsweise auch, den Kreativsektor, der aus vielen Kleinstbetrieben besteht, in einem Spitzensektor zu organisieren.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zu Deutschland und wie bewerten Sie diese?

Van BeuningenIm Gegensatz zu den Deutschen sind die Niederländer eher Handelsleute. Zwar stellen wir auch Produkte her, aber im Hinterkopf bleibt immer die Frage, wo sich diese Produkte am besten verkaufen lassen. In vielen Bereichen sind niederländische und deutsche Unternehmer komplementär und ergänzen sich gut. Aber es gibt auch Unterschiede, zum Beispiel in der Arbeitskultur. Wo Deutsche eher planerisch vorgehen, improvisieren Niederländer und probieren mehr aus. Man muss sich dieser Unterschiede bewusst sein, dann wird die Zusammenarbeit in den meisten Fällen ein Erfolg.

Zur Person

Frank van Beuningen

...ist stellvertretender Generalkonsul und Leiter der Wirtschaftsabteilung des Generalkonsulats der Niederlande in Düsseldorf. Zuvor war in Afghanistan tätig als Director Governance, Regional Command North NATO in Mazar-e-Sharif. Im niederländischen Außenministerium war er unter anderem Abteilungsleiter Terrorismusbekämpfung und Nationale Sicherheit.

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