3D-Druck: Immobilien auf Knopfdruck

Die Grundfesten des Bauens haben sich seit alters her nur wenig geändert: Gebaut wird auch heute noch ganz traditionell mit Holz, Stein, Stahlbeton oder Glas. Doch die Baugeschichte könnte vor einer Zeitenwende stehen: Architekten und Ingenieure planen die digitale Revolution auf der Baustelle. 3D-Druck oder additive Fertigung heißt das Zauberwort. In der Automobilindustrie wird dieses Verfahren in der Prototypenentwicklung eingesetzt. Schmuck, medizinische Geräte, Designstücke oder Hüllen für Smartphones werden heute so hergestellt. Aber Architektur aus dem Plotter? Das ist neu.

Die 3D-Technologie wird bisher vorwiegend im Modellbau eingesetzt.

Auf der Baustelle ist es ungewöhnlich ruhig. Keine Kräne, keine Bagger, keine Planierraupen, nur das beständige Surren eines überdimensionierten 3D-Druckers. Schicht für Schicht, Millimeter für Millimeter dreht die gigantische Nadel des Druckers ihre Runden und schichtet dabei dünne Plastikfäden aufeinander. Das Ergebnis nach acht Stunden: eine 1,60 Meter hohe Säule. Im Amsterdamer Stadtteil Noord entsteht auf diese Weise ein Grachtenhaus. Vier Stockwerke, 13 Zimmer, im traditionellen Stil mit verzierten Giebeln. Doch statt Stein, Mörtel und Zement kommt Kunststoff zum Einsatz. Und es wird nicht gemauert, sondern eben gedruckt. Der Drucker – mit drei Metern Höhe und zwei mal zwei Metern Grundfläche der weltweit größte seiner Art – produziert Einzelteile wie Wände, Treppen oder Teile der Fassade, die dann am Ende einfach zusammengesetzt werden. „Lego für Erwachsene“ quasi. Das großangelegte Forschungsprojekt, an dem sich Unternehmen, Universitäten und Städteplaner beteiligen, hat zum Ziel, das erste komplett gedruckte Haus zu realisieren.

Zeitenwende in der Architektur?

Die Digitalisierung hat das Architektur- und Bauwesen in den letzten 20 Jahren bis in die letzten Winkel durchdrungen. Heute gehören Softwareprogramme wie CAD und BIM zum Standard bei der Entwicklung und Darstellung räumlicher Konzepte. Entwurfs- und Planungsprozesse wurden damit von Grund auf umgekrempelt, dynamisiert und vereinfacht. Das Bauen an sich hingegen hat sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert – es bleibt zeitaufwändig, kostspielig und arbeitsintensiv. Der 3D-Drucker soll hier nun Abhilfe schaffen. Forscher und Visionäre weisen der Technologie eine ähnlich große Sprengkraft zu wie der Erfindung des Betons durch die Römer in der Antike. Alles am Bau soll sich dadurch verändern: Konstruktion, Materialität, Statik-Formeln, Ästhetik. „Der eigentliche Vorteil dieser Technologie liegt darin, dass man ohne Zwischenschritt direkt aus dem Computer bzw. dem Entwurfsprogramm heraus "bauen" kann“, beschreibt es Joachim Simon vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie in Berlin etwas nüchterner. „Dies führt unter anderem zur Eliminierung von Ausführungsfehlern und nicht nur dadurch zu Kostenreduzierung.“

Bauprojekte sind bislang noch Experimente

Bis der 3D-Drucker tatsächlich digitale Zeichnungen auf Tastendruck in Gebäude zum Anfassen verwandeln kann, dürfte es jedoch noch ein weiter Weg sein. Denn bisher ist die additive Fertigung in der Architektur nicht mehr als ein spannendes Forschungsfeld: „Die 3D-Technologie wird bisher vorwiegend im Modellbau eingesetzt“, erklärt Jochen Zäh, wissenschaftlicher Mitarbeiter für 3D-Scan und Rapid Prototyping an der Fachhochschule Düsseldorf. „Umsetzungen in der realen Anwendung sind dagegen noch Experimente, die verschiedene Verfahren miteinander kombinieren.“ So werden auch beim Grachtenhausprojekt in Amsterdam größtenteils nur die Verschalungen gedruckt und dann mit Beton aufgegossen.

Automatisierung hält Einzug in die Baubranche

Dass das Thema in der Architektur- und Baubranche solche Wellen schlägt, hängt mit der zunehmenden Automatisierung in allen Branchen zusammen – von der Produktion bis hin zur Logistik. „Die Bauplanung und -ausführung bildet da keine Ausnahme“, bestätigt Stefan Kaufmann, Gründer und ehemaliger Leiter des Digital Design Lab an der Technischen Universität München. „Mit zunehmender Rechnerperformance werden wir noch viele überraschende Anwendungen und Produkte sehen: Industrie 4.0, Rapid Manufacturing, Smart Home. Hinter all diesen Themen steht letztlich der Rechner mit seinen Möglichkeiten.“

Raue Oberflächen aus dem Drucker

In den letzten Jahren hat sich die Zahl der 3D-Druckverfahren vervielfacht, mittlerweile liegen die Anschaffungskosten für einen Modellbau-Drucker bei unter 2.000 Euro: „Der Einsatz lohnt sich mit zunehmender Komplexität und abnehmender Stückzahl“, so Kaufmann. „Die Baubranche ist also prädestiniert für die Anwendung von 3D-Druckern in der Planung. Viele Planungsbüros haben deshalb bereits in 3D-Drucker investiert.“ In den letzten Jahren wurde zudem eifrig an den Druckstoffen gefeilt. Im kleinen 3D-Druckbereich nimmt die Materialvielfalt daher kontinuierlich zu. Mittlerweile können sogar Beton, Holz oder Keramik gedruckt werden. Allerdings steht auch hier die Entwicklung noch am Anfang. „Modelle aus dem 3D-Drucker sind mitnichten so sauber und oberflächenfertig, wie man sie gerne hätte und müssen in der Regel nachbearbeitet werden“, räumt Jochen Simon ein.

Sandstein aus dem Drucker?

Legt man den Maßstab eines ganzen Gebäudes an, sieht die Sache noch einmal anders aus: „Das gedruckte Haus kann den vielfältigen Anforderungen an Bauwerke noch nicht gerecht werden“, bringt es Kaufmann auf den Punkt. Denn viele der üblichen Druckverfahren arbeiten mit Kunststoff. Auch in Amsterdam wird ein spezieller Biokunststoff der Firma Henkel verwendet. Eine weitere Möglichkeit ist die Herstellung künstlichen Sandsteins. In jedem Fall muss der Stoff aber thermoplastisch sein, um gedruckt werden zu können, was wiederum brandschutzrechtliche Fragen aufwirft. Außerdem mindert der schichtweise Aufbau des Druckverfahrens die Oberflächenqualität, macht sie porös und damit sehr anfällig für Feuchtigkeit. Um 3D-Druck flächendeckend einsetzen zu können, müsste man das Material obendrein in seinen bauphysikalischen Eigenschaften programmieren können, damit es zum Beispiel eine Wärmespeicher- oder Wärmedämmfähigkeit annimmt, je nachdem, an welcher Stelle es verbaut wird. Bisher können das nur klassische Baustoffe bzw. Materialkombinationen wie etwa Stahlbeton leisten.

Serienfertigung unwahrscheinlich

Ist der 3D-Druck also DIE Technologie der Zukunft? In der Architektur eher unwahrscheinlich – darin sind sich die Experten einig: „Der 3D-Drucker ist ein zusätzliches Werkzeug für weitere Realisierungsmöglichkeiten“, sagt Jochen Zäh. „Ein Alleinstellungsmerkmal wird es nur bedingt geben.“ Welche Technologie zum Einsatz kommt, hänge schließlich immer von den baulichen Anforderungen ab. Der wirkliche Mehrwert der additiven Fertigung liegt demnach nicht darin, künftig Häuser in Serie drucken zu können – wie beispielsweise beim chinesischen Unternehmen WinSun, das angeblich zehn Häuser innerhalb nur eines Tages gedruckt hat.

Kein Ende der Automatisierung in Sicht

Gehört das traditionell gebaute Haus also bald der Vergangenheit an? Keineswegs, denn der Charme des „Handgemachten“ darf nicht unterschätzt werden, ist sich Jochen Zäh sicher: „In anderen Branchen ist es durchaus möglich, dass sich die Technologie als Hauptverfahren durchsetzen wird. In der Architektur hingegen wird die Zeit zeigen, ob sich dieses Verfahren durchsetzen kann oder wird.“ Wann und ob Kunden in Zukunft bereit sind, Häuser aus dem 3D-Drucker als realistische Alternative zum klassisch gebauten Haus zu akzeptieren, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, dass die Automatisierung in der Gebäudekonstruktion zunehmen und die Grenzen des Bauens weiter verschieben wird. Technoide Großbauten wie das Mercedes Benz Museum, Kilometertürme wie der Kingdom Tower in Saudi Arabien oder Grachtenhäuser aus dem Drucker sind dabei nur der Anfang.

Beim Fused Deposition Modeling werden die Bauschichten hergestellt, indem ein drahtförmiger Kunststoff (Thermoplast) geschmolzen und fadenförmig nebeneinander gespritzt wird, ähnlich wie beim Aufspritzen von Sahne auf eine Kuchenplatte. Viele Sahneschichten ergeben dann ein 3D-Modell.

Contour Crafting ist ein computergestütztes Bauverfahren zur Errichtung von Gebäuden. Das Verfahren ähnelt kinematisch der FDM-Technologie. Allerdings haben wir kein abkühlendes Thermoplast, sondern ein Zementgemisch, das chemisch aushärtet. Beim Auftrag wird das Material nicht nur gespritzt, sondern auch seitlich mit Kellen tangential verstrichen. Sie können sich auch vorstellen, dass das gesamte Materialhandling ungleich komplexer ist. Eine FDM-Maschine können Sie einfach abschalten und Monate später wieder einschalten. Das funktioniert bei Zement natürlich nicht ...

Rapid Manufacturing bezeichnet Methoden und Produktionsverfahren zur schnellen und flexiblen Herstellung von Bauteilen und Serien mittels werkzeugloser Fertigung direkt aus CAD-Daten, also Designdaten aus dem Computer.

Rapid Tooling steht für Verfahren, mit denen Werkzeuge automatisiert im schichtweisen Aufbau hergestellt werden. Die Firma Voxeljet, ein Spin-off der Technischen Universität München, stellt Maschinen für die automatisierte Fertigung von Sandgussformen her. Die geometrische Freiheit des Verfahrens spielt hier eine zentrale Rolle.

„Die Digitalisierung verändert Architektur und deren Wahrnehmung“

Ein Interview mit Stefan Kaufmann, Begründer und ehemaliger Leiter des Digital Design Lab an der Technischen Universität München.

2009 kam das Thema 3D-Druck auf, erste Dienstleister boten ihre Dienste für Auftragsdrucke an. Seit wann und in welcher Form ist diese Technologie in der Architektur- und Baubranche ein Thema?

KaufmannWir haben an der Architekturfakultät der TU München unsere erste Rapid Manufacturing-Maschine im Jahr 2007 gekauft, da war die Technologie in anderen Branchen – auch in der Dienstleistung – bereits seit mindestens zehn Jahren in der täglichen Anwendung. 2009 liefen einige Patente auf sogenannte Fused Deposition-Technologien aus – das hat wirtschaftlich natürlich viel verändert.

Welchem Bereich entstammt der 3D-Druck ursprünglich?

KaufmannDie Technologie kommt aus der Stereolithographie. Das ist ein Verfahren zur schnellen Prototypen-Herstellung von 3D-Modellen, auch Rapid Prototyping genannt. In der Industrieanwendung geht die Tendenz vom Rapid Prototyping seit vielen Jahren zum Rapid Manufacturing. So können Produkte aus Titanium oder Edelstahl direkt additiv gefertigt, also gedruckt werden.

Das gedruckte Haus kann den vielfältigen Anforderungen, die an Bauwerke gestellt werden, noch nicht gerecht werden.

Wie schätzen Sie das Potenzial des 3D-Drucks in der Bau- und Architekturbranche ein?

KaufmannZunehmende Automatisierung findet in allen Branchen und in allen Bereichen des Produktlebenszyklus statt, auch in der Gestaltung, Planung und Fertigung. Die Bauplanung und -ausführung bildet da keine Ausnahme. Eine Triebkraft ist die Digitalisierung. Mit zunehmender Rechnerperformance werden wir noch viele überraschende Anwendungen und neue Produkte sehen: Industrie 4.0, die individuelle Großserienfertigung, Rapid Manufacturing, Smart Home. Hinter all diesen Themen stehen letztlich Rechner und ihre Möglichkeiten.

Wo werden 3D-Drucker in der Praxis eingesetzt?

KaufmannIn der Bauplanung sind 3D-Drucker bereits in vielen Bereichen im Einsatz. Der Einsatz lohnt sich mit zunehmender Komplexität und abnehmenden Stückzahlen. Die Baubranche ist also prädestiniert für die Anwendung von 3D-Druckern in der Planung. Viele Planungsbüros haben bereits in 3D-Drucker „investiert“ – die Anschaffungskosten liegen heute bei unter 2.000 Euro netto. Allerdings hinken die Modelle in puncto Oberflächenqualität und Materialität noch hinter gefrästen Modellen her. Und das Drucken eines Gebäudemodells dauert je nach Größe auch mal 20 Stunden. Außerdem darf der Aufwand des Gesamtprozesses nicht unterschätzt werden: Dem 3D-Drucker kann man keine schlampige Entwurfsskizze vorlegen, dem Modellbauer schon.

Und wie sieht es in der Gebäudefertigung aus?

KaufmannDas gedruckte Haus kann den vielfältigen Anforderungen, die an Bauwerke gestellt werden, noch nicht gerecht werden. Zum einen mindert der schichtweise Aufbau des Druckverfahrens die Oberflächenqualität. Zum anderen werden an die einzelnen Bauelemente besondere Anforderungen gestellt, die von automatisierten, schichtweisen Bauverfahren wie dem Contour Crafting-Verfahren noch nicht erfüllt werden. Dazu gehört zum Beispiel die vielfältige Integration der Gebäudetechnik. Hinzu kommen Fragen zur Logistik und die großen Herausforderungen bei der automatisierten Fertigung direkt auf der Baustelle.

Was kann die Technologie für Architektur, Bau, aber auch Städteplanung bedeuten? Wie verändert sie die Branche?

KaufmannIn den nächsten 20 Jahren wird sich viel verändern. Wenn wir beispielsweise den Kommunikations- und Planungsprozess einer Bauaufgabe in den 1990er Jahren mit heute vergleichen und davon ausgehen, dass sich die Rechnerkapazität und damit die Möglichkeiten in der Planung exponentiell erweitern, kann man sich ein Bild von der Zukunft machen. Digitalisierte Planungs- und Fertigungsprozesse verschieben die Grenzen des technisch und ökonomisch Realisierbaren und haben damit auch eine Zunahme geometrischer Komplexität zur Folge. Die Digitalisierung verändert damit nicht nur die Architektur, sondern auch die Menschen in ihrer Wahrnehmung. Gebäude, die noch vor 20 Jahren von der Mehrheit der Bevölkerung als hässlich beschimpft wurden, werden heute von vielen Menschen als schön empfunden. Diese Entwicklung verändert das Bild unserer Städte.

Welchen Mehrwert kann Architektur aus dem 3D-Drucker liefern, was sind die prägnantesten Vorteile? Auf welche Herausforderungen liefert sie Antworten?

KaufmannIn der Forschung diskutieren wir sogar schon über 5D-Architektur und aufwärts, das Spiel mit den Dimensionen kann man beliebig treiben. Fakt ist, dass die systembasierte und semantische Modellbildung von Gebäuden in Zukunft riesiges Potenzial bezüglich der automatisierten Optimierung und Entwurfsunterstützung bietet. Wann das allerdings Planungsrealität wird ist noch nicht absehbar.

Haben Holz, Stahl und Beton ausgedient? Was sind die Baustoffe der Zukunft?

KaufmannDas ist schwer zu sagen. Im kleinen 3D-Druckbereich nimmt die Materialvielfalt zu, mittlerweile können sogar Carbonfäden mit eingedruckt werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Veränderung der Fertigungstechnologie auch immer zu Marktverschiebungen bei der Materialwahl geführt hat. Bisher ist aber kein Baustoff global verschwunden, nicht einmal Lehm. Über lange Zeiträume betrachtet nimmt die Vielfalt der Baustoffe zu. Die Digitalisierung kann langfristig vielmehr zu einer Effizienzsteigerung beim Ressourcenverbrauch in der Gebäudeherstellung führen.

Die Daten eines ganzen Hauses passen auf einen USB-Stick. Wie sieht es mit dem Schutz von geistigem Eigentum aus? Wie lässt sich die illegale Reproduktion von Design-Dateien verhindern?

KaufmannDas Kopieren von Design und generell von Ideen ist gängige Praxis, auch ohne USB-Stick. Nur sehr wenige Architekten erfinden tatsächlich Neues, dazu gehört zum Beispiel Frei Otto. 99 Prozent der Gebäude entstehen aus der Inspiration durch bestehende Gebäudekonstruktionen. Man kann es auch anders sehen: Die systembasierte, digitale Abbildung einer Architekturtypologie bietet riesiges Potenzial. Dann bekommt man nicht nur ein Haus, sondern eine Milliarde Variationen einer Gebäudetypologie auf einen USB-Stick.

Architekturforscher Petr Novikov aus Barcelona prophezeit, dass die Zukunft der Baustelle allein den Maschinen gehört. Wie sehen Sie das?

KaufmannDas ist, wenn man den Betrachtungszeitraum genügend erweitert, ein durchaus realistisches Szenario. Anzunehmen, dass die Automatisierung in der Gebäudekonstruktion in Zukunft zurückgehen wird, ist naiv. Die spannende Frage ist nicht ob, sondern wie diese Form der Automatisierung aussehen wird. Die Interaktion von Mensch und Maschine hat sehr viele Spielarten.

Ist das gedruckte Haus in Serie die Vision einer fernen Zukunft oder ein ernstzunehmender Trend in der Branche?

KaufmannDie serielle Herstellung gehört aus Sicht der Forschung der Vergangenheit an. Die Zukunft gehört – so das allgemeine Credo – aufgrund der Digitalisierung der individuellen Produktion. Es gab in den letzten 60 Jahren bereits einige Ansätze zur Industrialisierung im Bauwesen. Ob sich ein Verfahren durchsetzt, hängt letztlich nicht nur von einer einzigen Technologie ab. Auch Rahmenbedingungen wie etwa Marktumfeld oder Zulieferwege spielen hier eine Rolle. Wann und unter welchen Umständen Kunden bereit sind, ein Haus aus dem 3D-Drucker zu akzeptieren, ist dabei eine spannende Frage. Gewiss ist nur, dass die Digitalisierung im Bauwesen weiter zunehmen wird und unsere Möglichkeiten im Bauen in Zukunft erweitern kann.

... berät mit seiner Firma NODECONSULT Unternehmen bei der Umsetzung neuer Industrie 4.0-Produkte. Von 2004 bis 2014 war er Begründer und Leiter des Digital Design Lab an der Technischen Universität München. Er hat die digitale Wende in der Architekturpraxis aktiv erlebt und für die Studenten der Technischen Universität München durch exzellente Studienbedingungen nutzbar gemacht. Stefan Kaufmann studierte an der TU München und an der ETSAM Madrid Architektur und hat nach der Tätigkeit in einem Planungsbüro in London über zehn Jahre an der Technischen Universität München im Bereich der digitalen Planung und Fertigung gelehrt und geforscht.

„3D-Druck liefert auf aktuelle Fragestellungen keine Antworten“

Ein Interview mit Joachim Simon vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V. in Berlin.

3D-Druck wird medial als das Trendthema in der Architektur bezeichnet. Welche Relevanz hat das Thema in der Praxis?

Simon3D-Druck spielt in der Praxis noch gar keine Rolle. Es gibt zwar einige werbewirksame Projekte, die aber in Deutschland allein schon aus bauordnungsrechtlichen Gründen nicht möglich wären.

Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?

SimonDas fängt schon beim Stoff an, der thermoplastisch sein muss, um druckfähig zu sein – und damit nicht den Brandschutzanforderungen entspricht. Darüber hinaus ist die Oberfläche des Materials aus dem 3D-Drucker aufgrund der Spritzdrucktechnik porös. Dies wirft wiederum die Frage auf, welche bauphysikalischen Konsequenzen dies hat, z. B. hinsichtlich des Feuchteschutzes. Bevor diese Technik in Deutschland Fuß fassen kann, müssen solche Fragestellungen zunächst geklärt sein.

3D-Druck ist aus bauphysikalischer und ingenieurtechnischer Sicht nicht geeignet, eine nachhaltige Bauweise zu begründen.

Wo kommt diese Technologie in der Architektur dann de facto zum Einsatz?

SimonBisher ist 3D-Druck „nur“ ein spannendes Forschungsfeld, das hilft, ausgereiftere Techniken zu entwickeln, die vielleicht in Zukunft Lösungen für entsprechende Fragestellungen bereithalten. Praktikabel ist diese Technologie wie gesagt noch nicht. Selbst im Modellbau stößt sie an ihre Grenzen. Modelle aus dem 3D-Drucker sind mitnichten so sauber und oberflächenfertig, wie man sie gerne hätte, und müssen in der Regel nachbearbeitet werden.

Also haben Holz, Stahl und Beton noch nicht ausgedient?

SimonIm Gegenteil. Die Verwendung monolithischer Baustoffe ist nicht der Königsweg. So ist Stahlbeton nur deshalb so hervorragend zum Bauen geeignet, weil hier zwei Baustoffe mit einander sich ergänzenden Eigenschaften kombiniert werden.Die aktuelle Bautechnologie wurde im Lauf der letzten Jahrhunderte auf Basis bauphysikalischer Gegebenheiten entwickelt – am Äquator baut man anders als in den gemäßigten Klimazonen, besondere Witterungseinflüsse, z. B. Monsun, erfordern besondere bauliche Lösungen. Diese unterschiedlichen Bedingungen erfordern jeweils auch andere Materialkombinationen. Ein einziges (monolithisches) Baumaterial zu wählen, ist daher nach dem jetzigen Stand kontraproduktiv. Um 3D-Druck flächendeckend einsetzen zu können, müsste man das Material deshalb obendrein in seinen bauphysikalischen Eigenschaften programmieren können, damit es z. B. eine entsprechende Wärmespeicher- oder Wärmedämmfähigkeit annimmt, je nachdem, an welcher Stelle es verbaut wird.

3D-Druck wird eine hohe Umweltfreundlichkeit nachgesagt, denn das verwendete Material kann eingeschmolzen und recycelt werden. Wie nachhaltig schätzen Sie die Technologie ein?

Simon3D-Druck ist aus bauphysikalischer und ingenieurtechnischer Sicht nicht geeignet, eine nachhaltige Bauweise zu begründen. Ein Haus aus dem 3D-Drucker muss schließlich auch mit Wand- oder Bodenbelägen ausgestattet werden – genau hier setzt das Problem an. Denn der Druckstoff an sich ist vielleicht noch recycelbar, bei verschiedenen Stoffkombinationen treten hingegen Folgeprobleme bei der Entsorgung auf, für die wir bisher noch keine adäquaten Lösungen haben. Das gilt im Übrigen auch für klassische Bauweisen – beispielsweise produzieren wir mit den heutigen Wärmedämmverbundsystemen, die bei Fassaden zum Einsatz kommen, eine enorme Menge an Sondermüll.

Welche Vorteile hat die 3D-Technologie?

SimonDer eigentliche Vorteil dieser Technologie liegt darin, dass man ohne Zwischenschritt direkt aus dem Computer bzw. dem Entwurfsprogramm heraus "bauen" kann. Dies führt unter anderem zur Eliminierung von Ausführungsfehlern und nicht nur dadurch zu Kostenreduzierung.

Auf welche aktuellen Herausforderungen liefert 3D-Druck Antworten in der Bau- und Architekturbranche?

SimonAlle bauphysikalischen und ingenieurtechnischen Probleme, die man in den etablierten Bauweisen in den letzten Jahrhunderten gelöst hat, sind bei der 3D-Technologie noch offen bzw. werden noch nicht einmal thematisiert. Die Bauindustrie ist derzeit eine überwiegend dezentrale, nichtstationäre Industrie mit individuellen und temporären Projekten - im Gegensatz z. B. zur Automobilindustrie. Die daraus resultierenden wirtschaftlichen und technischen Implikationen erhöhen zusammen mit der demografischen Entwicklung den Druck, andere Wege beschreiten zu müssen. Und ganz sicher wird hier Technologietransfer einen wesentlichen Beitrag zur Lösung anstehender Probleme leisten.Wenn wir uns diese Probleme genauer ansehen, dann wird allerdings deutlich, dass hier keine Fragen aufgeworfen werden, auf die 3D-Druck eine Antwort wäre.

... ist Architekt und seit 2010 Leiter des Geschäftsbereich Hochbau & Nachhaltigkeit des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie. Er studierte Architektur an der TU Berlin.

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