Marokko: Evolution statt Revolution

Marokko ist Nordafrikas Musterschüler. Politische Stabilität geht einher mit soliden wirtschaftlichen Wachstumsraten. Nicht zuletzt deshalb hat sich das Königreich zu einem interessanten Produktionsstandort unmittelbar vor den Toren Europas gemausert.

„Im Unterschied zu den anderen Staaten in der Region überstand Marokko den sogenannten „Arabischen Frühling“ völlig unbeschadet“

Marokko zieht an. Auf vielen Bekleidungsstücken steht nicht selten „Made in Morocco“. Bislang vor allem von französischen und spanischen Textilfirmen geschätzt, haben nun auch deutsche Hersteller die Vorteile des nordafrikanischen Landes entdeckt und lassen dort fertigen. Marken und Konzerne wie Zara, Diesel oder Miss Sixty sind mittlerweile vor Ort präsent. Der Grund: Gerade einmal 14 Kilometer trennen Marokko vom europäischen Festland. Innerhalb weniger Tage erreichen die Erzeugnisse ihren Zielort und müssen nicht erst zwei Monate lang um die halbe Welt reisen. „Selbstverständlich lohnt es sich schon längst nicht mehr, Standard- oder Massenware wie weiße T-Shirts in Marokko nähen zu lassen“, relativiert Angela Ben Aissa. „Diese wird in Zukunft weiterhin vor allem aus Südostasien zu uns kommen. Das hat auch die hiesige Textilindustrie schmerzhaft zu spüren bekommen“, so die Referentin für Nordafrika des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft e. V. „Aber für die so genannte Fast Fashion ist das Land ein durchaus interessanter Standort.“ Denn marokkanische Hersteller von Textilien können recht kurzfristig auf das sich immer schneller drehende Kollektionskarussell reagieren und entsprechend liefern. „Diese Fähigkeit in Kombination mit der geografischen Nähe zu Europa zählt eindeutig zu den großen Stärken Marokkos.“ Zudem sind die Lohnkosten vergleichsweise niedrig. „Jedoch deutlich höher als in Bangladesch oder Vietnam.“ Selbst im benachbarten Tunesien sind sie im Durchschnitt um rund zehn Prozent niedriger.

Stabilität ist Trumpf

Es ist aber nicht nur sein Platz auf der Landkarte, der das Königreich im äußersten Nordwesten Afrikas zu einem bedeutsamen Produktionsstandort machte. „Im Unterschied zu den anderen Staaten in der Region überstand Marokko den sogenannten „Arabischen Frühling“ völlig unbeschadet“, erläutert Marco Wiedemann. „Es kam nur zu wenigen Demonstrationen, auf denen eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse und mehr politische Partizipationsmöglichkeiten eingefordert wurden“, so der Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Marokko mit Sitz in Casablanca. „Das Königshaus selbst wurde nie in Frage gestellt und erfreut sich weiterhin großer Popularität in allen Schichten.“ Diese politische Stabilität ist Marokkos großer Trumpf und bescherte dem Land einen ordentlichen Wachstumsschub. Daran änderten auch die konjunkturellen Turbulenzen auf den Weltmärkten relativ wenig. In den Jahren zwischen 2009 und 2013 legte die Wirtschaft durchschnittlich um 4,1 Prozent zu. Zwar fiel das Plus 2014 laut IWF mit schätzungsweise 3,5 Prozent etwas magerer aus als sonst, für das laufende Jahr aber rechnen die Experten wieder mit einem Zuwachs von 4,7 Prozent. Wie eng das Land mit Spanien, Frankreich oder Deutschland verzahnt ist, beweist der Außenhandel. Weit über 50 Prozent aller Exporte gehen in die EU. „Doch Marokko ist nicht nur nach Europa ausgerichtet, sondern ebenfalls nach Afrika und Amerika“, erklärt Fausi Najjar. „Denn Rabat hat mittlerweile über 50Freihandelsabkommen mit anderen Staaten oder Wirtschaftsräumen ratifiziert“, so der Repräsentant von Germany Trade & Invest (GTAI) im Maghreb.

Erste Hochgeschwindigkeitsstrecke Afrikas

1999 übernahm König Mohammed VI. die Regierungsgeschäfte von seinem Vater Hassan II. Dieser Generationswechsel läutete zugleich einen neuen Kurs in der Wirtschaftspolitik ein. „Marokko ist ein vergleichsweise ressourcenarmes Land mit hohem Bevölkerungswachstum“, skizziert Ben Aissa die Ausgangslage. „Deshalb wollten es die Verantwortlichen möglichst attraktiv für ausländische Investoren machen und die verarbeitende Industrie ausbauen.“ Seither ist sehr viel geschehen: Der Ausbau des Transportwesens und eine Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur wurden in Angriff genommen, beides ist aber noch nicht ganz abgeschlossen. So war Marokko das erste Land in Nordafrika, das die 3G-Technologie im Mobilfunk einsetzte, nun bereitet man die Aufrüstung auf den LTE-Standard vor. Ein Meilenstein war 2007 die Eröffnung des Tiefseehafens Tanger Med, der innerhalb weniger Jahre zu einer wichtigen Drehscheibe im internationalen Handel aufstieg und schon heute an die Grenzen seiner Kapazitäten gelangt ist. „Für eine Erweiterung sind allein in diesem Jahr 1,1 Milliarden Euro vorgesehen“, so Wiedemann. „Das Autobahnnetz wird ständig ergänzt und mit dem sich im Bau befindlichen TGV zwischen Tanger und Marrakesch entsteht die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke auf dem afrikanischen Kontinent.“ In diese wichtigen Maßnahmen wurde auch der jahrzehntelang vernachlässigte Norden des Landes miteinbezogen.

Günstiger als Osteuropa

Recht bald erntete Marokko die ersten Früchte für seine Anstrengungen. 2012 nahm Renault-Nissan in der Freihandelszone von Tanger die Produktion unter anderem von Fahrzeugen seiner Billigmarke Dacia auf, die größtenteils für den Export vorgesehen sind. Wenn alles nach Plan läuft, werden dort in den kommenden Jahren rund 400.000 Autos die Werkshallen verlassen. Das Engagement der Franzosen lockte zudem zahlreiche Autozulieferer ins Land oder motivierte andere, die schon vor Ort aktiv waren, ihre Produktion auszuweiten. „Beispielhaft dafür ist Leoni, einer der bedeutendsten Hersteller von Bordnetz-Systemen weltweit“, weiß Wiedemann zu berichten. „Im Oktober vergangenen Jahres hat das Unternehmen sein fünftes Werk in Marokko eröffnet.“ Knapp 110 exportorientierte Unternehmen der Kfz-Branche haben sich mittlerweile angesiedelt und es dürften bald noch mehr werden. Auch die Lear Corp., ein renommierter Zulieferer von Bordnetz-Systemen, nahm Ende 2014 die Produktion von Kabelbäumen in der Freihandelszone der Industriestadt Kenitra auf; an anderen Standorten in Marokko lassen die Amerikaner bereits seit Jahren elektrische Komponenten sowie Fahrzeugsitze herstellen. Renault-Nissan, Leoni und Co entschieden sich auch deshalb ganz bewusst für das nordafrikanische Land, weil die Lohnkosten deutlich unter denen in Osteuropa liegen und zentrale Absatzmärkte so nah sind. „Gerade für relativ arbeitsintensive Produktionsprozesse, die keine übermäßig qualifizierten Fachkräfte benötigen, eignet sich Marokko hervorragend als Standort für Investitionen“, ist GTAI-Experte Najjar überzeugt.

High-Tech „Made in Morocco“

Zudem gehört die Kfz-Zulieferindustrie zu den Wirtschaftszweigen, die gezielt von der Regierung gefördert werden. Ein weiterer ist die Luft- und Raumfahrtbranche und auch diese entwickelt sich zunehmend zu einer Erfolgsgeschichte. „Marokko hat sich ebenfalls als verlängerte Werkbank von Airbus einen Namen gemacht“, so Fausi Najjar. „Zahlreiche Flugzeugzulieferer haben hier Produktionskapazitäten aufgebaut und sich beispielsweise in einer der Freihandelszonen angesiedelt.“ 2013 exportierte Marokko bereits für knapp eine Milliarde US-Dollar Flugzeugteile und Ausrüstungen, bis 2020 soll sich dieses Volumen verdoppeln. Dabei geht es längst nicht mehr nur um einfache Komponenten wie Sitzgurte oder Kabelbäume, geplant ist ebenfalls die Fertigung von Rumpfteilen für den Airbus 321 sowie von Leichtflugzeugen. „Marokko will sich auf diese Weise langfristig als Standort für die Produktion von höherwertigen Gütern positionieren“, so Ben Aissa. Schließlich befindet sich das Land schon heute in einer Übergangsphase, in der der Wohlstand nicht einfach durch den zusätzlichen Einsatz von Arbeit und Kapital gesteigert werden kann, sondern die Verbesserung der Effizienz in der Wirtschaft zunehmend wichtiger wird. Denn nur billig arbeiten lassen geht in anderen Ländern oftmals besser. „Deshalb gibt es bereits ein breit gefächertes Angebot an IT- oder Ingenieurdienstleistungen, die aber traditionell eher auf den französischen Markt zugeschnitten sind“, ergänzt Najjar.

Große Pläne für erneuerbare Energien

Marokko verfügt weder über Öl- noch über Gasvorkommen und muss Energie weitestgehend importieren. „Für ein Entwicklungsland ist das ein teurer Spaß“, erklärt der GTAI-Mann und verweist auf die sich daraus ergebenden Geschäftschancen für deutsche Unternehmen. „Das Königreich setzt schon seit geraumer Zeit auf die Förderung von erneuerbaren Energien.“ Schließlich gibt es Sonne satt und die langen Küsten am Meer laden zum Bau von Windkraftanlagen geradezu ein. Aktuell sind Projekte zur Erzeugung von Windenergie im Wert von rund 2,5 Milliarden US-Dollar im Bau. Und jüngst erhielt der saudische Konzern ACWA Power den Zuschlag für die Errichtung zweier großer Solarkraftwerke, die Teil der ehrgeizigen energiepolitischen Pläne Marokkos sind, bis zum Jahr 2020 rund zwei Gigawatt allein mit Hilfe der Sonne zu erzeugen. 42 Prozent seines Strombedarfs will das Land bis dahin aus alternativen Quellen beziehen. „Im Rahmen dieser Vorhaben kommen aufgrund ihrer Kompetenzen in diesem Bereich auch mittelständische Zulieferer aus Deutschland ins Spiel“, berichtet Wiedemann.

Herausforderungen bleiben

Natürlich ist Marokko noch lange kein Industrieland und weit entfernt davon, ein „Tigerstaat“ zu sein. Der Agrarsektor ist zwar mit 16 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt längst nicht mehr so bedeutend wie früher, aber 39 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft. Auch wenn marokkanisches Obst und Gemüse längst den Weg nach Europa gefunden haben, ist dieser Bereich häufig von Subsistenz geprägt und sind die Erträge oftmals aufgrund ausbleibender Regenfälle und technologischer Rückständigkeit stark schwankend. Das Land steht zudem unter starkem sozialen Druck, weil jedes Jahr aufgrund der demografischen Entwicklung 180.000 Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt strömen. „Dabei ist das Bildungsniveau relativ gut“, lautet dazu die Einschätzung von Wiedemann. „Aber die ausreichende Verfügbarkeit von Facharbeitern stellt in der Tat eine große Herausforderung dar.“

Bürokratie bleibt eine Hürde für Investoren

Um als Produktionsstandort auch weiterhin attraktiv zu bleiben, muss Rabat jedoch noch einiges in Angriff nehmen, um die Rahmenbedingungen zu verbessern. Denn in allen Korruptions- und Businessklima-Indices belegt Marokko eher das Mittelfeld. „Das Land hat in der Vergangenheit aber deutlich aufgeholt und einige Plätze gut gemacht“, merkt Ben Aissa an. Doch nach wie vor gilt die Bürokratie als wenig flexibel und daher als eines der Haupthindernisse. Dabei versuchte man von offizieller Seite durch die Schaffung eines One-Stop-Shops im Jahr 2002, ausländischen Investoren den Einstieg so leicht wie möglich zu machen und entsprechende Prozesse zu beschleunigen. Aber wenn es um Fragen des Grundstückserwerbs oder längerer Aufenthaltsgenehmigungen geht, müssen sich Interessenten weiterhin an andere Behörden wenden, was durchaus zeitraubend sein kann und sich oftmals mühsam gestaltet. „Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die marokkanische Wirtschaft von Akteuren mit hoher Marktdominanz und guten politischen Verbindungen geprägt ist. Dies ist allerdings weniger beim Export relevant als vielmehr wenn es darum geht, auf dem marokkanischen Binnenmarkt Fuß zu fassen“, gibt Najjar zu bedenken. Wer sich trotzdem auf Marokko einlässt, gewinnt nicht nur einen attraktiven Produktionsstandort quasi vor Europas Haustür, sondern findet darüber hinaus ein Sprungbrett zu zahlreichen anderen internationalen Märkten.

„Sprungbrett in die Märkte“

Ein Gespräch mit Fausi Najjar, Germany Trade & Invest (GTAI) Repräsentant im Maghreb.

Was sind Ihrer Einschätzung zufolge die großen Stärken Marokkos?

NajjarMarokko gehört auf jeden Fall zu den ganz wenigen arabischen Ländern, die seit Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich ein hohes Maß an Stabilität und Kontinuität aufweisen. Der marokkanische Staat ist nicht wie andere in der Region am Reißbrett der europäischen Kolonialmächte entstanden, sondern historisch gewachsen. Zudem regiert das Königshaus bereits seit dem 16. Jahrhundert. Selbstverständlich ist auch die geografische Nähe zu Europa und seinen Märkten ein gewichtiger Pluspunkt. Die Rahmenbedingungen sind gut und die Regierung ist sehr um eine wirtschaftliche Öffnung bemüht, weshalb die Förderung exportorientierter Industrien auch ganz oben auf der Prioritätenliste steht.

Ist Marokkos Ökonomie primär nach Europa ausgerichtet oder definiert sich das Land darüber hinaus auch als Sprungbrett zur Erschließung der anderen Märkte?

NajjarTraditionell ist man vor allem nach Frankreich und Spanien ausgerichtet. Doch mittlerweile hat Marokko über 50 Freihandelsabkommen mit anderen Staaten oder Wirtschaftsräumen abgeschlossen. Genau deshalb eignet sich das Land hervorragend als Drehscheibe für den Handel mit Afrika, aber auch mit dem amerikanischen Kontinent. Marokko ist zudem ein wichtiges Sprungbrett für die Erschließung des afrikanischen Markts und hier insbesondere des französischsprachigen Afrika. Die Gründe hierfür liegen unter anderem in den guten Flugverbindungen und einer starken Repräsentanz marokkanischer Banken in der Region. Viele Unternehmen, die auf dem afrikanischen Markt aktiv sind, haben das mittlerweile erkannt und hier ihre Repräsentanzen errichtet.

Marokko ist [...] ein wichtiges Sprungbrett für die Erschließung des afrikanischen Markts und hier insbesondere des französischsprachigen Afrika.

Bis dato haben zahlreiche Konzerne wie Renault in größerem Stil Produktionsstätten in Marokko aufgebaut. Inwieweit kann das Königreich aber auch für mittelständische Unternehmen als Standort interessant sein?

NajjarDas Projekt von Renault hat natürlich ebenfalls zahlreiche Kfz-Zulieferer in das Land gelockt. Diese sind überwiegend mittelständisch strukturiert. Gerade für relativ arbeitsintensive Produktionsprozesse, die keine übermäßig qualifizierten Fachkräfte benötigen, eignet sich Marokko hervorragend als Standort für Auslagerungen. Auch hier ist die geografische Nähe zu Europa von Vorteil.

In Marokko haben sich vor allem Unternehmen der Textil- und der Kfz-Zulieferindustrie niedergelassen. Gibt es auch andere Branchen, die das Potenzial des Landes erkannt haben?

NajjarMarokko hat sich auch als verlängerte Werkbank von Airbus einen Namen gemacht. Zahlreiche Flugzeugzulieferer haben hier Produktionskapazitäten aufgebaut und sich beispielsweise in einer der Freihandelszonen angesiedelt. Darüber hinaus gibt es ein breit gefächertes Angebot an IT- oder Ingenieurdienstleistungen, die aber traditionell eher auf den französischen Markt zugeschnitten sind.

Sich vor allem als Produktionsstandort zu positionieren ist nicht ohne Risiko. Sobald andere Länder bessere Bedingungen oder günstigere Lohnkosten aufweisen, ziehen viele Unternehmen gerne weiter. Was unternimmt die Regierung in Rabat, um die marokkanische Volkswirtschaft auch langfristig auf solide Füße zu stellen?

NajjarMarokko ist trotz niedriger Arbeitskosten weder ein Billiglohnland noch ein Tigerstaat. Doch mit der Errichtung von Freihandelszonen, massiven Investitionen in die Infrastruktur und dem weiteren Abbau bürokratischer Hemmnisse will man die Dynamik aufrechterhalten. Dauerhafte Pluspunkte sind die politische Stabilität, seine geografische Lage sowie der außergewöhnlich hohe Öffnungsgrad seiner Wirtschaft.

Wie ist es um das Ausbildungsniveau marokkanischer Arbeitnehmer bestellt?

NajjarQualifizierte Fachkräfte sind eher noch Mangelware. Doch die Regierung ist sehr um eine Anhebung des Ausbildungsniveaus bemüht und greift deshalb Unternehmen bei der Förderung entsprechender Maßnahmen steuerlich unter die Arme.

In allen Korruptions- und Businessklima-Indices belegt Marokko eher Plätze im Mittelfeld. Was muss noch geschehen, um die Rechtssicherheit im Land zu verbessern und damit die Attraktivität zu steigern?

NajjarBereits seit dem Jahr 2002 existiert nach dem One-Stop-Shop-Prinzip eine einzige staatliche Behörde, um ausländischen Investoren den Einstieg zu erleichtern und bürokratische Prozesse zu beschleunigen. Investoren sind jedoch immer wieder genötigt, sich dann doch an andere Behörden zu wenden und da kann es, wie zum Beispiel beim Grundstückserwerb, Probleme geben. Das wäre ein Beispiel, wo man etwas machen könnte. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die marokkanische Wirtschaft von Akteuren mit hoher Marktdominanz und guten politischen Verbindungen geprägt ist.

... leitet das Büro des Germany Trade & Invest (GTAI), der deutschen Außenwirtschaftsagentur, in Maghreb. Von 2007 bis 2011 war er für die GTAI zunächst im Iran tätig. Zwischen 2005 und 2007 arbeitete er als Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Arabisch-Deutschen Vereinigung für Handel und Industrie in Berlin. Nach dem Studium der Politikwissenschaft und Islamkunde in Tübingen führte ihn sein Weg von 2001-2002 nach Karlsruhe, wo er seiner Tätigkeit als freier Journalist nachging.

„Gezielte Förderung einzelner Sektoren“

Ein Gespräch mit Marco Wiedemann, Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Marokko.

Was genau unterscheidet Marokko eigentlich von den anderen Staaten in der Region?

WiedemannIm Unterschied zu anderen Staaten in der Region überstand Marokko den sogenannten „Arabischen Frühling“ völlig unbeschadet. Es kam nur zu wenigen Demonstrationen, auf denen eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse und mehr demokratische Partizipationsmöglichkeiten eingefordert wurden. Das Königshaus selbst wurde nie in Frage gestellt und erfreut sich weiterhin großer Popularität in allen Schichten. Diese politische Stabilität verlieh dem Land einen ordentlichen Wachstumsschub und festigte das Vertrauen der Investoren sehr nachhaltig.

Seit Jahren weist Marokko solide Zuwachsraten auf. Doch reichen diese Zahlen angesichts eines hohen Bevölkerungswachstums überhaupt aus?

WiedemannAufgrund der demografischen Entwicklung kommen jedes Jahr 180.000 Menschen neu auf den Arbeitsmarkt. Das ist eine große Herausforderung, der der Staat durch Förderprogramme und eine Verbesserung des Investitionsumfeldes zu begegnen versucht. Dabei setzt der Staat seit einigen Jahren auf eine verstärkte Öffnung seiner Wirtschaft.

Nicht nur die geografische Nähe zu Europa ist ein Argument für Marokko, sondern auch der gesamte Mix aus niedrigen Lohnkosten, einer guten Infrastruktur und der Verfügbarkeit von Arbeitskräften.

Rabat hat deshalb bereits zahlreiche Handels- und Investitionsschutzabkommen mit anderen Staaten und Wirtschaftsräumen geschlossen. Was haben diese bisher bewirkt?

WiedemannWelche Impulse davon ausgehen können, das belegt exemplarisch das 2006 zwischen Marokko und den Vereinigten Staaten geschlossene Freihandelsabkommen sehr eindrucksvoll. Seither hat sich der bilaterale Warenhandel zwischen beiden Ländern mehr als vervierfacht.

Wie geht Rabat konkret vor, um die Rahmenbedingungen für ausländische Investoren zu verbessern?

WiedemannDer Staat richtet den Fokus auf einige wenige Sektoren, die er dann begleitet und ganz gezielt fördert. Dabei handelt es sich vor allem um die Kfz-Zulieferindustrie, die Luft- und Raumfahrtindustrie sowie die Bereiche Chemie und Erneuerbare Energien.

Wo konkret sehen Sie für deutsche Unternehmen Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten in Marokko?

WiedemannDie Kfz-Zulieferindustrie ist das klassische Feld für deutsche Unternehmen, insbesondere aus dem Mittelstand. Beispielhaft dafür ist Leoni, einer der bedeutendsten Hersteller von Bordnetz-Systemen weltweit und mit nunmehr fünf Werken zugleich auch der größte deutsche Investor in Marokko. Darüber hinaus ergeben sich aus dem ehrgeizigen Ziel der Regierung, das Land von teuren Energieimporten unabhängiger zu machen, zahlreiche interessante Perspektiven in den Bereichen Solar- und Windenergieanlagen.

Die geografische Nähe zu Europa zählt zu den großen Pluspunkten, die für Marokko sprechen. Doch wie ist es um die Infrastruktur des Landes bestellt?

WiedemannDie Infrastruktur ist in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut worden, wobei auch der lange Zeit vernachlässigte Norden des Landes endlich Anschluss fand. Der 2007 eröffnete Tiefseehafen Tanger-Med arbeitet bereits heute bis an die Grenzen seiner Kapazitäten und hat als Umschlagplatz selbst traditionellen Häfen wie Marseille viel Umsatz abwerben können. Für seine Erweiterung sind allein dieses Jahr 1,1 Milliarden Euro vorgesehen. Das Autobahnnetz wird ständig ergänzt und mit dem sich im Bau befindlichen TGV zwischen Tanger und Marrakesch entsteht die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke auf dem afrikanischen Kontinent.

Inwieweit stellt Marokko als Produktionsstandort eine Alternative zu China oder Rumänien dar? Sind es wirklich nur die Lohnkosten, die für das Land sprechen?

WiedemannNicht nur die geografische Nähe zu Europa ist ein Argument, das für Marokko spricht, sondern ebenfalls der gesamte Mix aus niedrigen Lohnkosten, einer gut ausgebauten Infrastruktur sowie der Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Wenn man die Lohnsteigerungen der jüngsten Zeit in China, aber auch in Rumänien in Betracht zieht, dann steht Marokko im Vergleich recht gut da. Selbstverständlich kann man beispielsweise bei der Produktion von Massentextilien nicht mit Bangladesch oder Vietnam konkurrieren, aber im Bereich Fast Fashion, in dem die großen Textilanbieter auf schnelle Trends rasch reagieren müssen, ist Marokko aufgrund seiner kurzen Wege zum Konsumenten durchaus eine interessante Alternative.

... ist seit 2006 Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer Marokko. Zuvor arbeitete der gelernte Jurist unter anderem für die AHK in Montreal, Kanada.

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