Maschinenbau: Weiter auf der Überholspur

Der Maschinenbau ist eine der Wachstumslokomotiven der deutschen Industrie. Damit das auch in Zukunft so bleibt, treibt die Branche ihre Internationalisierung und Spezialisierung weiter voran.

Auf dem Siegertreppchen herrscht reichlich Gedränge. Zwar dominierte auch 2014 China in Sachen Maschinenbau mit einem Umsatz von zuletzt 826 Milliarden Euro und einem Anteil von 35 Prozent den Weltmarkt, doch befinden sich deutsche Firmen mit Erlösen in Höhe von 249 Milliarden Euro hinter den Vereinigten Staaten mit 324 Milliarden Euro bereits auf Platz 3. Zudem konnten die hiesigen Hersteller bei den Auftragseingängen ein ordentliches Plus von 3 Prozent verzeichnen und standen damit in Europa wohl ziemlich allein. Denn in Italien, Frankreich oder Großbritannien stagnierte die Branche weitestgehend. Und trotz eines nicht immer ganz einfachen Umfelds vermochte der überwiegend mittelständisch geprägte Maschinenbau sogar beim Export überraschend zuzulegen. Schließlich verhagelte der Konflikt Russlands mit der Ukraine und die daraufhin einsetzenden Sanktionen vielen Anbietern das Geschäft und nach wie vor geben einige schwächelnde europäische Märkte Anlass zur Sorge. „Russland ist nach einem Rückgang der Maschineneinfuhr aus Deutschland um 28 Prozent inzwischen auf Platz 10 unserer Exportmarkt-Rangliste abgerutscht“, weiß Dr. Ralph Wiechers aktuell zu berichten und warnt: „Weitere Gefahren sehen wir in der Eurozone. Ich nenne nicht nur Griechenland. Italien und Frankreich spielen sicher in einer anderen Liga, aber auch sie müssen sich mit Reformen ins Zeug legen.“

Lange Exporttradition

Traditionell ist der Blick des deutschen Maschinenbaus auf die Weltmärkte ausgerichtet. Seit Jahren bereits liegt die Exportquote der Branche bei durchschnittlich 75 Prozent. Dabei gewinnt Asien als Absatzmarkt immer mehr an Bedeutung, zuletzt gingen über die Hälfte aller produzierten Anlagen dorthin. In Europa dagegen war nur ein mageres Plus von gerade einmal 1 Prozent zu verzeichnen. Für Rückenwind sorgen aber nicht nur die boomenden Volkswirtschaften Südostasiens mit einem Anstieg des Exportvolumens von 8,1 Prozent, sondern nach mehreren Jahren des Rückgangs des Geschäfts nun endlich auch wieder die Vereinigten Staaten mit 7,2 Prozent. Denn in Nordamerika hat man erkannt, dass eine solide industrielle Basis in Krisenzeiten keine schlechte Versicherung sein kann, weshalb die Reindustrialisierung dort ganz weit oben auf der Agenda steht. „Es gibt sicher mehr als diesen einen Grund, der sich positiv auf die Auftragsbücher auswirkt“, ist VDMA-Mann Wiechers überzeugt. „So hat sich beispielweise auch Indien auf die Fahnen geschrieben, dass das Land mehr Investitionen braucht, sei es für die Infrastruktur oder aber für die Industrie. Unsere Exporte in diesen Subkontinent konnten im ersten Quartal um 28 Prozent zulegen.“ Diese Zahlen überraschen umso mehr, weil lange Zeit die in das Schwellenland gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt wurden. Aber auch anderswo scheint es einen gewissen Investitionsrückstau zu geben, so dass verstärkte Orderzahlen registriert werden. „Dazu zählen auch einige unserer Partnerländer im Euroraum.“ Zudem gibt es zahlreiche Impulse aus der Weltkonjunktur wie den derzeit günstigen Ölpreis sowie den niedrigen Eurokurs, die optimistisch stimmen. Deshalb lautet die Wachstumsprognose für 2015 auch mindestens 2 Prozent.

Die Unternehmen agieren hochgradig flexibel und gehen zuverlässig auf die spezifischen Kundenwünsche ein.

Beschäftigungsrekord im Inland

Der Trend zu einer stärkeren Internationalisierung führt keinesfalls wie von manchen befürchtet zu einer Verlagerung der Produktion auf Kosten des Standorts Deutschland. Eher das Gegenteil scheint der Fall. Erstmals verzeichnete die Branche 2014 hierzulande sogar mehr als eine Million Beschäftigte. „Zum einen zieht eine stärkere Stellung auf den Auslandsmärkten oft zusätzliche Exporte aus Deutschland nach sich, zum anderen wollen ja auch ausländische Unternehmen verstärkt bei uns produzieren“, erläutert Wiechers dieses Phänomen. Trotz der aggressiven Konkurrenz vor allem aus dem Reich der Mitte verfügt der hiesige Maschinen- und Anlagenbau über Kompetenzen, die ihm in 16 von 31 international vergleichbaren Fachzweigen die Pole Position bescheren. Wenn eine deutsche Firma irgendwo auf der Welt beispielweise eine Werkzeugmaschine verkauft, dann übernimmt sie nicht selten dabei die Ausbildung der Fachkräfte, die sie bedienen sollen, sowie die Wartung – kurzum die Gesamtprojektverantwortung. „Die Unternehmen agieren hochgradig flexibel und gehen zuverlässig auf die spezifischen Kundenwünsche ein“, ergänzt Wiechers.

Hartnäckige Konkurrenz aus Fernost

Das muss auch so sein, weil der deutsche Maschinenbau zwar an der Spitze der Technologiepyramide steht, aber keinesfalls mit niedrigen Kosten punkten kann. Die Wettbewerber aus den Schwellenländern dagegen, allen voran China, drängen mit aller Macht nach vorne und verfolgen dabei eine Bottom-up-Strategie. Das heißt, sie rollen die Märkte von unten auf und können nun selbst im mittleren Preissegment mit konkurrenzfähigen Produkten aufwarten. Gerade deshalb wird es im Maschinenbau immer wichtiger, individualisierte Serviceleistungen entlang der Wertschöpfungskette anzubieten. Darüber hinaus empfehlen Experten den deutschen Anbietern als Ergänzung zu ihren Hightech-Produkten die Entwicklung einer eigenen Top-down-Strategie, um mit einfacheren oder auch Good-enough-Maschinen genannten Erzeugnissen der Gefahr durch die neuen Player begegnen zu können.

Interdisziplinäre Produktentwicklung liegt im Trend

Um auch in Zukunft die Nase vorn zu behalten, investiert die Branche kräftig in die Zukunft. Gaben die deutschen Maschinenbauer 1999 gerade einmal 3,6 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus, so dürfte diese Zahl bis 2014 auf rund 6 Milliarden Euro angestiegen sein, wobei der Trend zu beobachten ist, verstärkt Forschungsaufträge an Dritte außerhalb des Unternehmens zu vergeben und so zusätzliches Know-how einzukaufen. Vor diesem Hintergrund sowie der steigenden Brisanz des Themas Industrie 4.0 gewinnen interdisziplinäre Ansätze in der Produktentwicklung zunehmend an Bedeutung, denn die Zahl der Erzeugnisse, die auf einem engen Zusammenwirken von Mechanik, Elektronik und Softwaretechnik beruhen, wird in Zukunft eher zunehmen und entsprechend neue Anforderungen an die Geschäftsmodelle des Maschinenbaus stellen.

„Erfolgreiche Differenzierung durch Premiumqualität“

Ein Interview mit Dr. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA) in Frankfurt/Main.

Was sind Ihrer Einschätzung zufolge aktuell die ganz konkreten Stärken des deutschen Maschinenbaus?

WiechersDie besondere Stärke des deutschen Maschinenbaus ist seine technologische Spitzenleistung. Das gilt sowohl für die Maschinen und Anlagen selbst als auch für seine gesamte Dienstleistungspalette. Die Unternehmen agieren hochgradig flexibel und gehen zuverlässig auf die spezifischen Kundenwünsche ein.

Gibt es Segmente, die besonders nachgefragt werden? Wie steht es aktuell um den Bereich Antriebstechnik?

WiechersIn den letzten drei statistisch verfügbaren Monaten Februar bis April konnten fünf der 28 statistisch erfassten Fachzweige des Maschinenbaus Plusraten von 10 Prozent und mehr verbuchen. Dazu zählen die Verfahrenstechnik, Mess- und Prüftechnik, Aufzüge und Fahrtreppen, Kunststoff- und Gummimaschinen sowie Motoren und Systeme. Für die Antriebstechnik errechnet sich eine kleinere Wachstumsrate.

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau differenziert sich im internationalen Wettbewerb erfolgreich durch Premiumqualität und Spitzentechnologien.

Die Branche zählt mit rund einer Million Beschäftigten zum größten Arbeitgeber Deutschlands. Wird dies so bleiben oder muss man aufgrund des Drucks zur Internationalisierung mit einer Verlagerung ins Ausland rechnen?

WiechersEs liegt auf der Hand, dass unser Auslandsengagement auf Märkten mit auf lange Sicht guten Wachstumsperspektiven weiter zunehmen wird. Dazu kann auch eine Produktion vor Ort gehören. Allerdings muss das nicht zu Lasten des deutschen Standorts gehen. Zum einen zieht eine stärkere Stellung auf den Auslandsmärkten sogar oft zusätzliche Exporte aus Deutschland nach, zum anderen wollen ja auch ausländische Unternehmen verstärkt in Deutschland produzieren.

Das Inlandsgeschäft verzeichnet nur magere Zuwächse und Russland als fünftwichtigster Auslandsmarkt könnte sich aufgrund von Sanktionen zum Risiko entwickeln. Welche Gefahren lauern noch auf den deutschen Maschinenbau?

WiechersRussland ist nach einem Rückgang der Maschineneinfuhr aus Deutschland um 28 Prozent inzwischen auf Platz 10 unserer Exportmarkt-Rangliste abgerutscht. Weitere Gefahren sehen wir in der Eurozone. Ich nenne nicht nur Griechenland. Italien und Frankreich spielen sicher in einer anderen Liga, aber auch sie müssen sich mit Reformen ins Zeug legen. Die Chinesen sollten alles daransetzen, dass der Übergang zu niedrigeren Wachstumsraten möglichst reibungslos gelingt. Aber es gibt auch Chancen. Dazu zählen auf kurze Sicht der niedrige Außenwert des Euro und für viele Maschinenbauer auch die gesunkenen Rohstoffpreise. Für diejenigen, die in rohstoffnahe Bereiche liefern, ist das allerdings eine Belastung.

Der Anteil Chinas am Weltmaschinenumsatz beträgt mittlerweile 35 Prozent. Hält dieser Trend weiter an oder ist bald die Decke erreicht?

WiechersDas lässt sich gegenwärtig nicht eindeutig beantworten. Auch den Japanern und Südkoreanern hatte man vor vielen Jahren mehr zugetraut, bis ihre Wirtschaft dann ins Stottern geriet.

Inwieweit besteht die Gefahr, dass chinesische Unternehmen durch Akquisitionen hierzulande Zugriff auf wichtiges Know-how erhalten?

WiechersIm Zuge der weiteren Globalisierung der Maschinenbauindustrie sind Zusammenschlüsse von weltweit agierenden Unternehmen nicht ungewöhnlich. Insofern war vorhersehbar, dass auch im Maschinenbau Beteiligungen respektive Übernahmen durch chinesische Unternehmen stattfinden könnten. Die zunehmende Internationalisierung chinesischer Unternehmen aus der Maschinenbauindustrie ist vom Land gewollt und eine Tatsache, mit der sich der Wettbewerb auseinandersetzen muss. Der VDMA unterstützt von jeher das Prinzip des freien Wettbewerbs. Marktkräfte sollen sich entfalten und letztendlich zur Stabilisierung und Weiterentwicklung von Unternehmen beitragen. Der VDMA wird sich aber immer dafür einsetzen, dass der Wettbewerb fair und nach geltendem Recht stattfindet. Chinesische Investoren aus der Maschinenbauindustrie wollen international erfolgreicher werden und auf der Innovationsleiter weiter nach oben klettern. Produktqualität und -performance sollen verbessert werden. Dass dieses Ziel auch über den Austausch mit einer Beteiligung in Deutschland vorangetrieben werden soll, ist aus Sicht des chinesischen Unternehmens nachvollziehbar.

Der Trend zur Reindustrialisierung in den Vereinigten Staaten erfreut viele Maschinenbauer. Gibt es weitere Kandidaten auf der Landkarte, die ebenfalls für volle Auftragsbücher sorgen, weil sie erkannt haben, dass eine starke industrielle Basis eine gute Versicherung in Krisenzeiten sein kann?

WiechersEs gibt sicher mehr als diesen einen Grund, der sich positiv auf die Auftragsbücher auswirkt. So hat sich beispielweise auch Indien auf die Fahnen geschrieben, dass das Land mehr Investitionen braucht, sei es für die Infrastruktur oder aber für die Industrie. Unsere Exporte in diesen Subkontinent konnten im ersten Quartal um 28 Prozent zulegen. In vielen Ländern ist gerade Nachholbedarf ein Thema. Dazu zählen auch unsere Partnerländer im Euroraum.

Der deutsche Maschinenbau reklamiert beim Thema Industrie 4.0 einen internationalen Spitzenplatz. Wie lange wird es dauern, bis China auch in diesem Hightech-Bereich den hiesigen Anbietern Paroli bieten kann?

WiechersDer deutsche Maschinen- und Anlagenbau differenziert sich im internationalen Wettbewerb erfolgreich durch Premiumqualität und Spitzentechnologien. Das gilt auch beim Thema Industrie 4.0 und diese Position wird nachhaltig stark sein. Denn Industrie 4.0 ist eine schrittweise Entwicklung und beinhaltet eine Vielzahl von Dimensionen, darunter Forschung und Innovation, Normierung und Standards, Mensch und Arbeit sowie Produktionsorganisation und Geschäftsmodelle, für deren erfolgreiche Umsetzung die Vernetzung unterschiedlicher Akteure entscheidend ist. Vor diesem Hintergrund ist Industrie 4.0 „Made in Germany“ hervorragend aufgestellt – im Miteinander von Industrie, Wissenschaft, Politik und gesellschaftlichen Akteuren. Das lässt sich so schnell nicht einholen.

Im internationalen Vergleich gilt der deutsche Maschinenbau als äußerst innovativ. Doch reichen die aktuellen Anstrengungen aus, um auch weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben?

WiechersDer deutsche Maschinen- und Anlagenbau steht im internationalen Wettbewerb, kann dort aber mit niedrigen Kosten nicht punkten. Ohne Höchstleistungen auf dem Gebiet der Forschung und Innovation könnten die Unternehmen mittel- und langfristig also gar nicht überleben. Sie setzen daher alles daran, hier weiterhin führend am Ball zu sein. Wichtig ist aber auch, dass die Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation in Deutschland stimmen. So müssen auch künftig genügend qualifizierte Fachkräfte verfügbar sein, ohne die Innovationen nicht möglich wären. Überfällig ist außerdem die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung in Deutschland. In 27 von 34 OECD-Staaten setzt die Politik auf diese Weise bereits Anreize für Forschung und Innovation, ohne damit Einfluss auf die Inhalte zu nehmen.

...ist Leiter des Büros der Hauptgeschäftsführung sowie der Abteilung Wirtschafts- und Gesellschaftspolitk beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau in Frankfurt (VDMA). Seit 1998 ist Dr. Wiechers Abteilungsleiter der VDMA Steuerabteilung, seit 2000 führt er als Chefvolkswirt ebenfalls die Abteilung Volkswirtschaft und Statistik. Er ist Mitglied in verschiedenen nationalen und europäischen Gremien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die nationale und internationale Konjunktur und Struktur des Maschinen- und Anlagenbaus. Nach der Ausbildung zum Industriekaufmann und einem Studium der Volkswirtschaftslehre in Karlsruhe und Mainz arbeitete Dr. Ralph Wiechers von 1987 bis 1991 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Finanzwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Im November 1991 trat er als wirtschaftspolitischer Referent in den VDMA ein.

„Deutschland ist der Systemintegrator der Welt."

Ein Interview mit Christian Wendler, Marketing- und Vertriebsvorstand der Lenze SE bei Hameln.

In welchem Marktumfeld sind Sie aktiv und wer sind Ihre Hauptkonkurrenten?

WendlerAls international agierender Spezialist für industrielle Antriebs- und Automatisierungstechnik ist Lenzes Kernkompetenz die intelligente Umsetzung von Bewegung in Maschinen. Überall dort, wo bewegt, kontrolliert, gesteuert und angetrieben wird, sind -Technologien und Leistungen von Lenze zu finden. Wir verstehen uns als Lösungspartner unserer Kunden und bieten ihnen über die reine Technik hinaus eine fundierte Beratungsleistung. Gemeinsam entwickeln wir so die beste Lösung für die Maschinenaufgabe. Wir begleiten unsere Kunden über den gesamten Lebenszyklus einer Maschine, von der ersten Idee bis zum sicheren Betrieb. Das können in dieser Form nur sehr wenige unserer Wettbewerber.

Wie steht der deutsche Maschinen- bzw. Anlagenbau derzeit im internationalen Vergleich da?

WendlerDeutschland ist hinter China und den USA das weltweit drittgrößte Land im globalen Maschinen- und Anlagenbau. Der Anteil am Weltmaschinenbau beträgt fast 11 Prozent. Bemerkenswert ist, dass Deutschland das einzige der großen europäischen Herstellerländer ist, das seinen Umsatz im Vergleich zum Rekordjahr 2008 nennenswert steigern konnte. Ins Jahr 2015 startete der deutsche Maschinen- und Anlagenbau jedoch eher verhalten, da zu einer schwächelnden Inlandsnachfrage nur moderat wachsende Auslandsordern hinzukommen. Grundsätzlich wird dem deutschen Maschinenbau aber nach wie vor eine erstklassige Wettbewerbsfähigkeit bescheinigt.

Unsere Aufgabe ist es nicht nur, die passende Technik zu liefern, sondern auch die zunehmende Komplexität beherrschbar zu machen.

Von welchen äußeren Einflussfaktoren ist Ihr Markt derzeit geprägt?

WendlerDas Marktumfeld, in dem wir uns derzeit nicht nur in Europa, sondern weltweit befinden, ist sehr volatil und damit so anspruchsvoll wie herausfordernd. Die Rahmenbedingungen unserer Branche erfordern eine besondere Agilität und Flexibilität von den Unternehmen. Geopolitische Krisen, wie der Russland-Ukraine-Konflikt oder die Debatten um die Eurozone, führen zu einer Verunsicherung, die sich in einer zurückhaltenden Investitionsbereitschaft niederschlägt. Auf der anderen Seite profitiert gerade der exportorientierte deutsche Maschinen- und Anlagenbau derzeit vom schwachen Euro. Die positiven Effekte dürften allerdings nur mittelfristig anhalten. Der schwache Euro birgt zudem grundsätzlich eine große Gefahr: Denn immer wenn eine Währung an Wert verliert, lassen sich Defizite der Leistungen der Unternehmen über einen günstigeren Preis im Ausland kaschieren – bis zu dem Punkt, an dem die Innovationskraft und die Kraft für eigenständige Unternehmensentwicklungen deutlich zurückfallen. Daher ist es wichtig, dass wir und die deutsche Industrie nicht nachlassen, die Wettbewerbsfähigkeit kontinuierlich durch Innovationen zu stärken.

Wohin geht die Entwicklung in der Antriebstechnik?

WendlerDa wäre zum einen das Thema Energieeffizienz, also die Reduzierung des Energieverbrauchs der Maschinen, zu nennen und zum anderen die Vernetzung von Produkten als Grundvoraussetzung für Industrie 4.0. Intelligente mechatronische Systeme, die passend auf die Anforderungen der jeweiligen Anwendung zugeschnitten sind, sind hier das Mittel der Wahl. Ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl der passenden Technik wird künftig zudem sein, wie einfach die Handhabung in der Praxis ist.

Lenze SE setzt sehr stark auf die Entwicklung zum Lösungsanbieter. Inwiefern ist dies ein Reflex auf die sich wandelnden Märkte Ihrer Kunden?

WendlerLenze ist nicht erst seit Kurzem, sondern bereits seit über 15 Jahren Lösungsanbieter für seine Kunden. Es ist also kein Reflex, sondern vielmehr logische Konsequenz. Maschinenbauer stehen vor der Herausforderung, immer umfangreichere Aufgaben in immer kürzerer Zeit zu meistern – und das in Zeiten des Fachkräftemangels. Genau hier setzt Lenze mit seinem Leistungsangebot an. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unseren Kunden das Arbeitsleben zu erleichtern. Mit unseren Lösungen für die Automatisierung von Maschinen verschaffen wir unseren Kunden Freiraum, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren, und so die Möglichkeit, die Besonderheiten ihrer Maschinen herauszuarbeiten und sich einen Vorsprung vor den Wettbewerbern zu sichern. Wir können viele Jahre Erfahrung als Lösungsanbieter und eine stabile Mannschaft an Experten aufweisen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu unseren Marktbegleitern und wird von unseren Kunden hoch geschätzt.

Welche gesamtgesellschaftlichen Trends stecken hinter diesem Phänomen?

WendlerDa ist ganz klar das Thema Industrie 4.0 zu nennen. Die stetig wachsende Individualisierung von Produkten führt dazu, dass Maschinen immer intelligenter werden. Das wiederum erfordert anspruchsvollere Technik und bringt eine Steigerung der Komplexität mit sich. Hinzu kommen erhöhte Anforderungen an die Sicherheit von Maschinen sowie deren Energieeffizienz, um nur einige Beispiele zu nennen. Gleichzeitig steigt der Druck, Maschinen möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Das alles stellt die Maschinenbauer vor große Herausforderungen.

Deutschland konnte in den vergangenen Jahren sehr von seinem industriellen Sektor profitieren. Insgesamt ist der Industrieanteil in den europäischen Ländern jedoch stark gesunken. Wie sehen Sie die Reindustrialisierungsbemühungen in den USA oder in Großbritannien und anderen Ländern? Stellen diese eine ernsthafte Bedrohung für die deutsche Industrie dar oder sehen Sie ihre Konkurrenz in ganz anderen Ländern?

WendlerNein, die Reindustrialisierung ist für unsere Branche keine Gefahr. Ganz im Gegenteil: Wir begrüßen die Reindustrialisierung, denn durch das Wiederaufblühen der Produktion in den USA und in Großbritannien werden wieder mehr Maschinen benötigt und davon profitieren wir maßgeblich. Wir beliefern Maschinenbaukunden in Europa wie auch in den USA. Der „Kuchen“ wächst also. Für Lenze sehen wir keine neue Wettbewerbssituation, sondern eine Veränderung der Kundengruppen. Daraus ergeben sich neue Anforderungen, die wir aber als Chance begreifen. Deshalb haben wir in den letzten Jahren auch kräftig in den USA investiert.

Stichworte der Unternehmensentwicklung der Lenze SE lauten Innovation, Fokussierung und Internationalisierung. Was bedeutet dies konkret und wie füllen Sie diese Stichworte mit Leben?

WendlerMarkt- und kundenorientierte Innovationen sind elementare Bausteine unseres Erfolgs. Jährlich bringen wir etwa 20 Innovationen auf den Markt. Wir investieren stetig in Forschung und Entwicklung und verfügen inzwischen über acht eigene Entwicklungsstandorte weltweit. Zudem haben wir einen Bereich Innovation, der sich mit zukunftsfähigen neuen Konzepten befasst. Wir arbeiten mit einem großen Innovationsnetzwerk aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen und engagieren uns beispielsweise im Spitzencluster „Intelligente technische Systeme“ (it‘s OWL). Ein weiterer wesentlicher Punkt, den wir mitgestalten, ist die Globalisierung, denn die Nachfrage unserer Kunden bewegt sich auf einer globalen Ebene. Wir beantworten das mit einer intensiven internationalen Aufstellung unserer Teams, aber natürlich auch mit der Ausweitung unseres Service- und After-Sales-Netzwerks. Lenze ist heute mit Vertriebsgesellschaften, Entwicklungs- und Produktionswerken sowie Logistikzentren und Servicestationen in 60 Ländern und auf allen Kontinenten vertreten. Die Internationalisierung unserer Unternehmensgruppe treiben wir weiter voran, um globalisiert noch näher am Kunden sein zu können.

Ihre Fokusbranchen sind Consumer Goods, Intralogistik und Automotive – was treibt diese Branchen jeweils und wie verändert dieser Wandel Ihr eigenes Geschäft?

WendlerUnser Produktspektrum ist für breite Anwendungen im Bereich der industriellen Automation konzipiert. Seit etwa zehn Jahren beschäftigen wir uns zudem sehr intensiv mit einigen Fokusbranchen-Industrien. Schwerpunktmäßig sind das Produktionswerke in der Automobilindustrie, die Intralogistik für Warenlager, Flughäfen und Postverteilzentren sowie Prozess-, Verpackungs- und Palettierungssysteme in der Pharma-, der Getränke- und der Lebensmittelindustrie. Zunächst, weil wir hier eine bestimmte Kundenstruktur gefunden haben, deren Maschinen mit unserem Produktbereich optimal appliziert werden können. Selbstverständlich auch, weil wir gerade in diesen Bereichen hohe Wachstumspotenziale für unser Haus sehen. Die Fokussierung dient ja auch dazu, dem Kunden spezifische Leistungen, das heißt auch passende Engineering-Leistungen, zu bieten, seinen Prozess zu verstehen und daraufhin eine optimale Lösung gestalten zu können.

Was betrachten Sie als elementaren Vorteil des Standorts Deutschland? In welchem Punkt sind andere Länder uns überlegen?

WendlerGut ausgebildete und kreative Mitarbeiter, Innovationskraft sowie effiziente Prozesse, die zu hoher Produktivität, hervorragender Qualität und Liefertreue führen: Das sind die wesentlichen Aspekte, die häufig in diesem Kontext genannt werden. Andere Länder schaffen das aber inzwischen auch. Was wir hier in Deutschland jedoch besser machen, ist die Integration dieser einzelnen Aspekte, die Vernetzung. Deutschland ist also sozusagen der Systemintegrator der Welt. Diese Stärke müssen wir unbedingt weiter aufrechterhalten. Ich möchte aber auch darauf verweisen, dass die Politik gefragt ist, dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Wesentliche Ansatzpunkte sind die Förderung von Ausbildung und die Unterstützung von Innovationszentren, der einfachere Zugang zu finanziellen Mitteln für die Entwicklung innovativer Technologien sowie flexiblere Arbeitsrahmenbedingungen und eine stabile wie planbare Abgaben- und Steuerpolitik.

Stichwort Industrie 4.0 – in welche Richtung entwickelt sich das Thema für Lenze?

WendlerBei Industrie 4.0 geht es darum, individualisierte Produkte in kleinster Fertigungsgröße, also zu Konditionen der industriellen Großserienfertigung zu produzieren – bei höchster Produktivität und Ressourcenschonung. Die Maschinen müssen dafür intelligenter und hochflexibel sein, wodurch deren Komplexität steigt. Das stellt den Maschinenbau vor große Herausforderungen, denn er trägt den Löwenanteil bei der Umsetzung. Insbesondere die kleinen bis mittelständischen Unternehmen werden diese Mammutaufgabe nicht allein meistern können. Hier kommt uns als Technologiepartner eine wichtige Rolle zu. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, die passende Technik zu liefern, sondern auch die zunehmende Komplexität beherrschbar zu machen. Wir wollen den Menschen Assistenzsysteme zur Verfügung stellen – durch intelligente technische Systeme, standardisierte modulare Software und moderne Konzepte, die die Kooperation zwischen Mensch und Maschine, also die Maschinenbedienung, vereinfachen.

... ist seit Januar 2014 Vorstandsvorsitzender der Lenze SE und zeichnet seither für die Bereiche Marketing, Vertrieb, Unternehmensentwicklung und -Strategie verantwortlich. Bereits vor seiner Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden war Christian Wendler in der weltweiten Vertriebskoordination der Lenze-Gruppe im Lenze-Vorstand aktiv. Vor seiner Tätigkeit bei Lenze war Christian Wendler Senior Vice President Sales und Marketing der weltweiten Division Industrieautomation und Antriebe bei ABB. Der gebürtige Münchener begann seine Karriere bei Baumüller, wo er in verschiedenen Funktionen tätig war, zuletzt als Geschäftsführer der Baumueller America, Inc. in Bloomfield, Connecticut, US. 

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